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Full text of "Chamberlain, Houston Stewart - Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts - I und II (1912, 1258 S.)"

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IE GRUNDLAGEN 

DES XIX JAHRHUNDERTS 

VON HOUSTON STEWART CHAHBERLAK 




Unglaublichkeiten 

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„Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" 

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England, im Januar 2004 



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Houston Stewart Chamberlain 



Anglo-German publicist, playwright, cultural critic and race theorist 



Sept. 9th, 1855 — Jan. 9th, 1927 




Ich bin kein "Schriftsteller". Ich hin ein Mensch, der durch seine Lehensschicksale 

dahin geführt worden ist, nur mit der Feder wirken zu können, — und der nun die 

Feder gehraucht, so gut und so schlecht er kann, um hei bestimmten Menschen 

bestimmte Wirkungen hervorzubringen. 



DIE GRUNDLAGEN 

DES XIX. JAHRHUNDERTS 

VON HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN 



II 



III 



DIE GRUNDLAGEN 

DES 

NEUNZEHNTEN 
JAHRHUNDERTS 

I. HÄLFTE 



IV 



Im gleichen Verlage ist erschienen: 

Kritische Urteile über Chamberlain's Grundlagen 
des XIX. Jahrhunderts und Immanuel Kant von Dr. R. 
Batka, Dr. O. Bulle, Prof. Dr. A. Ehrhard, Prof. Dr. W. Golther, Prof. Dr. B. 
Hatschek, Prof. Dr. H. Hueppe, Prof. Dr. K. Joel, Dr. Hermann Graf Keyserling, 
Prof. Dr. M. Koch, Prof. Dr. G. Krüger, Dr. Ferd. J. Schmidt, Gust Schönaich, 
Dr. Karl H. Strobl, Ernst Freiherr von Wolzogen u. A. Mit einer 
biographischen Notiz über Houston Stewart Chamberlain. Dritte 
Auflage. 8°. 160 Seiten. Preis 50 Pf. 



DRUCK VON C. G. RÖDER G. M. B. H., LEIPZIG 



HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN 

DIE GRUNDLAGEN 

DES 

NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS 

I. HÄLFTE 



Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, 
das aus dem Dunkeln ins Helle strebt. 

GOETHE 



(X. AUFLAGE) 
VOLKSAUSGABE 

MÜNCHEN 1912 

VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G. 



VI 



VII 



Dem Physiologen 
Hofrat Professor Doktor 

JULIUS WIESNER 

derzeit Rektor der Universität zu Wien 

in Verehrung und Dankbarkeit 

zugleich als Bekenntnis bestimmter wissenschaftlicher 

und philosophischer Überzeugungen 

zugeeignet 



VIII 



IX 



VORWORT ZUR ERSTEN AUFLAGE 

Der Weisheitslieb ende steht mitten 
inne zwischen dem Gelehrten und dem Ignoranten. 

Plato 

Den Charakter dieses Buches bedingt der Umstand, dass sein 
Verfasser ein ungelehrter Mann ist. Gerade in seiner Ungelehrtheit 
schöpfte er den Mut zu einem Unternehmen, vor welchem 
mancher bessere Mann erschrocken hätte zurückweichen 
müssen. Nur musste natürlich der Verfasser selber hierüber 
Klarheit besitzen: sein Wollen musste er nach seinem Können 
richten. Das tat er, ein gedenk des Goethe'schen Wortes: „der 
geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der 
Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt." Nicht einen 
Augenblick bildete er sich ein, seinem Buche komme 
wissenschaftlicher Wert zu. Hat er z. B. ziemlich viele Citate und 
Litteraturnachweise gegeben, so ist das teils zur Ergänzung allzu 
kurzer Ausführungen, teils als Anregung für ebenso ungelehrte 
Leser geschehen, manchmal auch als Stütze für Meinungen, die 
nicht Mode sind; noch eine Erwägung kam hinzu: ein Gelehrter, 
der über sein Specialfach schreibt — ein Treitschke, ein F. A. 
Lange, ein Huxley — kann auch ohne sich zu rechtfertigen 
Behauptungen aufstellen; hier durfte das nicht geschehen; erhält 
also an einigen Stellen das Buch durch die vielen Anmerkungen 
ein gelehrtes Aussehen, so wolle man darin nicht Anmassung, 
sondern ihr Gegenteil erblicken. Ein Prunken mit Wissen und 
Belesenheit würde lächerlich 



X Vorwort zur ersten Auflage. 



bei einem Manne gewesen sein, dessen Wissen nicht auf die 
Quellen zurückgeht und dem stets als Ideal vorschwebte, nicht 
möglichst viel zu lesen, sondern so wenig wie nur irgend thunlich 
und bloss das Allerbeste. 

Wer weiss, ob dem heute so verrufenen Dilettantismus nicht 
eine wichtige Aufgabe bevorsteht? Die Specialisation macht täglich 
Fortschritte; das muss auch so sein. Wer diplomatische 
Geschichte schreibt, darf über wirtschaftliche Geschichte nicht 
mitreden, wer byzantinische Litteratur studiert, hat sich eine so 
anspruchsvolle Lebensaufgabe erwählt, dass er Schnitzer macht 
und von den betreffenden Fachmännern zurechtgewiesen wird, 
sobald er auf frühere oder spätere Zeiten überzugreifen wagt, der 
Histolog ist heute nur in einem beschränkten, mehr oder weniger 
dilettantenhaften Sinne des Wortes Zoolog (und umgekehrt), der 
Systematiker vermag es nicht, wie früher, in der Physiologie etwas 
von Bedeutung zu leisten: mit einem Wort, die strengste 
Beschränkung ist jetzt das eiserne Gesetz aller exakten 
Wissenschaft. Wer sieht aber nicht ein, dass Wissen immer erst 
an den Grenzscheiden lebendiges Interesse gewinnt? Jedes 
Fachwissen ist an und für sich vollkommen gleichgültig; erst 
durch die Beziehung auf Anderes erhält es Bedeutung. Was 
sollten uns die zehntausend Thatsachen der Histologie, wenn sie 
nicht zu einer gedankenvollem Auffassung der Anatomie und der 
Physiologie, zu einer sicheren Erkenntnis mancher 
Krankheitserscheinungen, zu psychologischen Beobachtungen 
und, im letzten Grunde, zu einer philosophischen Betrachtung 
allgemeiner Naturphänomene führten? Das trifft überall zu. Nie z. 
B. erwächst die Philologie zu hoher Bedeutung für unser ganzes 
Denken und Thun, als wenn sie auf Probleme der Anthropologie 
und Ethno- 



XI Vorwort zur ersten Auflage. 



graphie Anwendung findet und in unmittelbare Beziehung zur 
Prähistorie des Menschengeschlechts, zur Rassenfrage, zur 
Psychologie der Sprache u. s. w. tritt; nirgends kann reine 
Naturwissenschaft gestaltend in das Leben der Gesellschaft 
eingreifen, ausser wo sie zu philosophischer Würde heranwächst, 
und da muss doch offenbar entweder der Philosoph nebenbei ein 
Naturforscher sein oder der Naturforscher philosophieren. Und so 
sehen wir denn die Fachmänner, obwohl sie es nach ihrer eigenen 
Lehre nicht dürften, obwohl sie nicht müde werden, das, was sie 
Dilettantismus heissen, mit dem höchsten Bann zu belegen, wir 
sehen sie überall ihre Grenzen überschreiten; wer recht 
aufmerksam nach allen Seiten hin beobachtet, wird die 
Überzeugung gewinnen, dass die gefährlichsten Dilettanten die 
Gelehrten selber sind. Zwar an eine mikrokosmische 
Zusammenfassung wagt sich heute Keiner von ihnen, auch die 
ihnen zunächst liegenden Fächer vermeiden sie ängstlich, in 
entfernte springen sie dagegen beherzt hinüber: Juristen sehen 
wir in der Philologie sich herumtummelen, Metaphysiker den 
Indologen Sanskrit lehren, Philologen über Botanik und Zoologie 
mit beneidenswerter Nonchalance reden, Ärzte, deren 
Ordinationsstunden in urwäldlicher Ungestörtheit verlaufen, sich 
die Metaphysik zur Leichenschau vornehmen, Theologen über das 
Alter von Handschriften urteilen, wo man glauben sollte, nur ein 
historische geübter Grapholog im Bunde mit einem 
Mikrochemiker besässe hierzu die Kompetenz, Psychologen, die in 
ihrem Leben keinen Seciersaal betraten, an die genaue 
Lokalisation der Gehirnfunktionen die interessantesten 

Hypothesen knüpfen Ja, was sehen wir bei den Berühmtesten 

unserer Zeit? Ein Darwin musste nolens volens Philosoph werden, 
sogar ein wenig 



XII Vorwort zur ersten Auflage. 



Theolog, ein Schopenhauer hielt seine „Vergleichende Anatomie" 
für seine beste Schrift, Hegel schrieb eine Weltgeschichte, Grimm 
widmete seine besten Jahre juristischen Aufgaben, Jhering, der 
grosse Rechtslehrer, fühlte sich nirgends so wohl wie beim Aufbau 
etymologischer und archäologischer Luftschlösser! Kurz, die 
Reaktion gegen die enge Knechtschaft der Wissenschaft bricht 
sich gerade bei den Gelehrten Bahn; nur die Mittelmässigen unter 
ihnen halten es dauernd in der Kerkerluft aus; die Begabten 
sehnen sich nach dem Leben und fühlen, dass jegliches Wissen 
nur durch die Berührung mit einem anderen Wissen Gestalt und 
Sinn gewinnt. 

Sollte nun ein aufrichtiger, offen eingestandener Dilettantismus 
nicht gewisse Vorzüge vor dem versteckten haben? Wird nicht die 
Lage eine deutlichere sein, wenn der Verfasser gleich erklärt: ich 
bin auf keinem Felde ein Fachgelehrter? Ist es nicht möglich, dass 
eine umfassende Ungelehrtheit einem grossen Komplex von 
Erscheinungen eher gerecht werden, dass sie bei der 
künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen wird als eine 
Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und lebenslänglich 
betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen 
eingegraben hat? Wenn nur nicht alle methodischen Grundlagen 
fehlen, wenn die Absicht eine edle, nützliche ist, das Ziel ein 
klares, die Hand am Steuerruder eine feste, welche das Schiff 
zwischen der steilen Scylla der reinen Wissenschaft (einzig den ihr 
Geweihten erreichbar) und der Charybdis der Verflachung sicher 
hindurchzusteuern vermag, wenn aufopferungsvoller Fleiss dem 
Ganzen den Stempel ehrlicher Arbeit aufdrückt, dann darf der 
ungelehrte Mann ohne Scheu eingestehen, was ihn beschränkt, 
und dennoch auf Anerkennung hoffen. 



XIII Vorwort zur ersten Auflage. 



Ganz ohne wissenschaftliche Schulung ist der Verfasser dieses 
Buches nicht, und, hat ihn auch eine Fügung des Schicksals aus 
der erwählten Laufbahn entfernt, so hat er sich doch, neben dem 
unvergänglichen Eindruck der Methodik und der unbedingten 
Achtung vor den Thatsachen, welche die Naturforschung ihren 
Jüngern einprägt, für alle Wissenschaft Verehrung und 
leidenschaftliche Liebe bewahrt. Jedoch er durfte und er musste 
sich sagen, dass es etwas giebt, höher und heiliger als alles 
Wissen: das ist das Leben selbst. Was hier geschrieben steht, ist 
erlebt. Manche thatsächliche Angabe mag ein überkommener 
Irrtum, manches Urteil ein Vorurteil, manche Schlussfolgerung 
ein Denkfehler sein, ganz unwahr ist nichts; denn die verwaiste 
Vernunft lügt häufig, das volle Leben nie: ein bloss Gedachtes 
kann ein luftiges Nichts, die Irrfahrt eines losgerissenen 
Individuums sein, dagegen wurzelt ein tief Gefühltes in Ausser- 
und Überpersönlichem, und mag auch Vorurteil und Ignoranz die 
Deutung manchmal fehlgestalten, ein Kern lebendiger Wahrheit 
m u s s darin liegen. 

Als Wappeninschrift hat der Verfasser den Spruch geerbt: 

Spes et Fides. 

Er deutet ihn auf das Menschengeschlecht. So lange es noch echte 
Germanen auf der Welt giebt, so lange können und wollen wir 
hoffen und glauben. 1 ) Dies die Grundüberzeugung, aus der das 
vorliegende Werk hervorgegangen ist. 



*) Über die genaue Bedeutung, welche in diesem Buche dem Worte 
„Germane" beigelegt wird, siehe das sechste Kapitel. 



XIV Vorwort zur ersten Auflage. 



Was hier vorliegt, ist als erster Teil eines umfassender 
gedachten Werkes entstanden, wie das die allgemeine Einleitung 
meldet. Dieser Teil bildet aber ein durchaus selbständiges Ganzes, 
welches die „Grundlagen" der Strömungen, Ideen, Gestaltungen 
unseres Jahrhunderts behandelt. Der zweite Teil wird erst dann 
erscheinen, wenn die vielen fachmännischen Sammelwerke über 
das neunzehnte Jahrhundert vollendet vorliegen, so dass ein 
zusammenfassender Überblick möglich wird, ohne die Gefahr, 
Wesentliches übersehen zu haben. Inzwischen bildet dieser Teil 
eine Ergänzung zu jenen Specialerörterungen, sowie zu jedem 
Überblick über die Geschichte des Jahrhunderts, eine Ergänzung, 
welche hoffentlich Manchem ebenso sehr Bedürfnis sein wird, wie 
es dem Verfasser Bedürfnis war, sich gerade über diese 
Grundlagen Klarheit zu verschaffen. 

Es erübrigt noch festzustellen, dass dieses Buch sein Entstehen 
der Initiative des Verlegers, Herrn Hugo Bruckmann, verdankt. 
Kann er insofern von einer gewissen Verantwortlichkeit nicht 
freigesprochen werden — denn er hat dem Verfasser ein Ziel 
gesteckt, an das er sonst kaum zu denken gewagt hätte — so ist 
es Diesem zugleich ein Bedürfnis, seinem Freunde Bruckmann 
öffentlich für das Interesse und die Unterstützung zu danken, die 
er dem Werke in allen Stadien seiner Entstehung gewidmet hat. 
Warmen Dank schuldet der Verfasser ebenfalls seinem innig 
verehrten Freunde, Herrn Gymnasialoberleher, Professor Otto 
Kuntze in Stettin, für die gewissenhafte Durchsicht des ganzen 
Manuskriptes, sowie für manchen wertvollen Wink. 

Wien, im Herbst 1898. 

Houston Stewart Chamberlain 



XV 



VORWORT ZUR VOLKSAUSGABE 

Möchten sie Vergangenes mehr beherz'gen, 

Gegenwärt 'ges, formend, mehr sich eignen, 

War' es gut für alle; solches wünscht' ich. 

Goethe 

Im Jahre 1899 erschien das vorliegende Werk in erster Auflage; 
seitdem hat es ein so andauerndes und lebhaftes Interesse 
erweckt, dass Verleger und Verfasser sich ermutigt finden, es 
durch Veranstaltung einer billigeren Ausgabe weiteren Kreisen 
zugänglich zu machen. 

Diese Volksausgabe ist ein ungekürzter Abdruck der grossen 
Originalausgabe, und zwar ein sorgfältig durchgesehener und 
vielfach ergänzter Abdruck. Die „Nachträge" der dritten und 
folgenden Auflagen sind in den Text aufgenommen worden; 
zahlreiche neue Litteraturangaben sollen dem Leser bei weiteren 
Studien behilflich sein. Gestrichen sind lediglich die Vorworte zu 
allen Auflagen ausser der ersten; diejegenen zu der zweiten und 
fünften sind ohne Bedeutung, die ziemlich umfangreichen zu der 
dritten und vierten Auflage sind auch einzeln im Buchhandel zu 
haben; wer sich für Polemik interessiert, kann sie also leicht 
beschaffen, wogegen das Buch nur gewinnen kann, wenn es in 
seiner ursprünglichen Gestalt dasteht, gereinigt von diesen von 
aussen aufgedrungenen Zuthaten. 

Einige stilistische Änderungen — hier und da auch tiefer 
eingreifende — dienen hoffentlich dem Buche als wirkliche 
„Verbesserungen". Im Übrigen aber hat sich 



XVI Vorwort zur Volksausgabe. 



der Verfasser nach reiflichster Überlegung nicht entschliessen 
können, Umgestaltungen vorzunehmen, auch dort nicht, wo er 
selber an der Darstellung manches auszusetzen weiss oder wo 
seine Überzeugungen seither bestimmtere Gestalt gewonnen 
haben. In dem Vorwort zu der ersten Auflage hatte er gesagt: was 
hier geschrieben steht, ist erlebt; in dieser Thatsache wurzelt die 
Wirkung des Buches; an dem lebendig Erzeugten kann man aber 
nicht nachträglich, wie an einem künstlichen Gedankengespinst, 
nach Belieben herumbessern; als ein Individuum steht es da und 
muss es weiter bestehen, mit allen Unzulänglichkeiten behaftet, 
die ihm von Anfang an eignen, zugleich aber mit unzerstörbaren 
Kräften begabt, wie solche nur aus wahrem Leben entspriessen. 

Im Interesse des Lesers sind die Seitenzahlen der 
Hauptausgabe (bei allen Auflagen übereinstimmend) am Rande 
angegeben und beziehen sich die Angaben der Inhaltsübersicht 
und des Registers sowie die Verweisungen im Text des Buches auf 
diese. 

Die Korrektur dieser Volksausgabe hat des Verfassers 
verehrter, lieber Freund und treuer Ratgeber, Professor Otto 
Kuntze in Stralsund, an seine Stelle übernommen, für welche 
Mühewaltung er ihm hiermit den gebührenden Dank öffentlich 
ausspricht. 

Wien, im Jahre 1906 

Houston Stewart Chamberlain 



XVII 



INHALTSÜBERSICHT, i) 



Vorworte. 



Allgemeine Einleitung 

Plan des Werkes S. 3 — Die Grundlagen S. 6 — Der Angelpunkt S. 7 — Das 
Jahr 1200 S. 11 — Zweiteilung der Grundlagen S. 16 — Die Fortsetzung S. 
20 — Anonyme Kräfte S. 22 — Das Genie S. 26 — Verallgemeinerungen S. 
27 — Das 19. Jahrhundert S. 30 



Erster Teil: Die Ursprünge. 

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT. 

Einleitendes. 

Historische Grundsätze S. 41 — Hellas, Rom, Judäa S. 45 

Geschichtsphilosophie S. 48 



Erstes Kapitel: Hellenische Kunst und Philosophie. 
Das Menschwerden S. 53 — Tier und Mensch S. 56 — Homer S. 63 — 
Künstlerische Kultur S. 69 — Das Gestalten S. 75 — Plato S. 78 — 
Aristoteles S. 82 — Naturwissenschaft S. 83 — Öffentliches Leben S. 89 — 
Geschichtslügen S. 90 — Verfall der Religion S. 98 — Metaphysik S. 106 — 
Theologie S. 112 — Scholastik S. 113 — Schlusswort S. 117 



*) Alle Ziffern, auch bei den Verweisungen im Text des Buches, beziehen 
sich auf die Seitenzahlen der Hauptausgabe, die hier in 
dieser Volksausgabe als Marginalien wiederholt sind. 



XVIII Inhaltsübersicht. 



Zweites Kapitel: Römisches Recht. 

Disposition S. 121 — Römische Geschichte S. 123 — Römische Ideale S. 130 
— Der Kampf gegen die Semiten S. 137 — Das kaiserliche Rom S. 146 — 
Staatsrechtliches Erbe S. 149 — Juristische Technik S. 156 — Naturrecht S. 
159 — Römisches Recht S. 163 — Die Familie S. 172 — Die Ehe S. 176 — 
Das Weib S. 178 — Poesie und Sprache S. 181 — Zusammenfassung S. 185 



Drittes Kapitel: Die Erscheinung Christi. 

Einleitendes S. 189 — Die Religion der Erfahrung S. 191 — Buddha und 
Christus S. 195 — Buddha S. 197 — Christus S. 199 — Die Galiläer S. 209 
— Religion S. 220 — Christus kein Jude S. 227 — Geschichtliche Religion S. 
233 — Der Wille bei den Semiten S. 241 — Prophetismus S. 247 — Christus 
ein Jude S. 247 — Das 19. Jahrhundert S. 249 



ABSCHNITT II: DIE ERBEN. 

Einleitendes. 

Rechtfertigung S. 255 — Das Völkerchaos S. 255 — Die Juden S. 257 — Die 

Germanen S. 259 



Viertes Kapitel: Das Völkerchaos. 

Wissenschaftliche Wirrnis S. 263 — Bedeutung von Rasse S. 271 — Die fünf 
Grundgesetze S. 277 — Andere Einflüsse S. 288 — Die Nation S. 290 — Der 
Held S. 294 — Das rassenlose Chaos S. 296 — Lucian S. 298 — Augustinus 
S. 304 — Asketischer Wahn S. 308 — Heiligkeit reiner Rasse S. 310 — Die 
Germanen S. 313 



Fünftes Kapitel: Der Eintritt der Juden in die abendländische 

Geschichte. 

Die Judenfrage S. 323 — Das „fremde Volk" S. 329 — Historische Vogelschau 

S. 332 — Consensus ingeniorum S. 335 — Fürsten und Adel S. 338 — 

Innere Berührung S. 341 — Wer ist der Jude? S. 342 — Gliederung der 

Untersuchung S. 345 — Entstehung des Israeliten S. 348 — Der echte Semit 

S. 355 — Der Syrier S. 357 — 



XIX Inhaltsübersicht. 



Der Amoriter S. 366 — Vergleichende Zahlen S. 370 — 
Rassenschuldbewusstsein S. 372 — Homo syriacus S. 375 — Homo 
europaeus S. 378 — Homo arabicus S. 379 — Homo judaeus S. 388 — 
Exkurs über semitische Religion S. 391 — Israel und Juda S. 415 — Das 
Werden des Juden S. 421 — Der neue Bund S. 435 — Die Propheten S. 436 
— Die Rabbiner S. 441 — Der Messianismus S. 445 — Das Gesetz S. 451 — 
Die Thora S. 453 — Das Judentum S. 455 



Sechstes Kapitel: Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte. 
Der Begriff „Germane" S. 463 — Erweiterung des Begriffes S. 466 — Der 
Keltogermane S. 467 — Der Slavogermane S. 471 — Die Reformation S. 477 

— Beschränkung des Begriffes S. 482 — Das blonde Haar S. 486 — Die 
Gestalt des Schädels S. 489 — Rationelle Anthropologie S. 495 — 
Physiognomik S. 499 — Freiheit und Treue S. 502 — Ideal und Praxis S. 509 

— Germane und Antigermane S. 511 — Ignatius von Loyola S. 521 — 
Rückblick S. 528 — Ausblick S. 529 



ABSCHNITT III: DER KAMPF. 

Einleitendes. 

Leitende Grundsätze S. 535 — Die Anarchie S. 536 — Religion und Staat S. 

539 



Siebentes Kapitel: Religion. 

Christus und Christentum S. 545 — Das religiöse Delirium S. 547 — Die 
zwei Grundpfeiler S. 548 — Arische Mythologie S. 553 — Äussere Mythologie 
S. 553 — Entstellung der Mythen S. 556 — Innere Mythologie S. 559 — Der 
Kampf um die Mythologie S. 563 — Jüdische Weltchronik S. 568 — Der 
unlösbare Zwist S. 575 — Paulus und Augustinus S. 578 — Paulus S. 580 
— Augustinus S. 593 — Die drei Hauptrichtungen S. 600 — Der „Osten" S. 
601 — Der „Norden" S. 608 — Karl der Grosse S. 617 — Dante S. 619 — 
Religiöse Rasseninstinkte S. 623 — Rom S. 626 — Der Sieg des Völkerchaos 
S. 635 — Heutige Lage S. 644 — Oratio pro domo S. 647 



XX Inhaltsübersicht. 



Achtes Kapitel: Staat. 

Kaiser und Papst S. 651 — Die duplex potestas S. 654 — Universalismus 
gegen Nationalismus S. 659 — Das Gesetz der Begrenzung S. 662 — Der 
Kampf um den Staat. 668 — Der Wahn des Unbegrenzten S. 678 — Die 
grundsätzliche Begrenzung S. 684 



Zweiter Teil: Die Entstehung einer neuen Welt. 

Neuntes Kapitel: Vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800. 
A) Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur. 

Das germanische Italien S. 693 — Der germanische Baumeister S. 700 — Die 
angebliche „Menschheit" S. 703 — Die angebliche „Renaissance" S. 712 — 
Fortschritt und Entartung S. 714 — Historisches Kriterium S. 720 — Innere 
Gegensätze S. 723 — Die germanische Welt S. 725 — Die Notbrücke S. 728 



B) Geschichtlicher Überblick. 

Die Elemente des socialen Lebens S. 729 — Vergleichende Analysen S. 739 — 
Der Germane S. 747 



1 . Entdeckung (von Marco Polo bis Galvani). 

Die angeborene Befähigung S. 752 — Die treibenden Kräfte S. 755 — Die 
Natur als Lehrmeisterin S. 759 — Die hemmende Umgebung S. 762 — Die 
Einheit des Entdeckungswerkes S. 769 — Der Idealismus S. 775 



2. Wissenschaft (von Roger Bacon bis Lavoisier). 

Unsere wissenschaftliche Methoden S. 778 — Hellene und Germane S. 787 — 
Das Wesen unserer Systematik S. 789 — Idee und Theorie S. 794 — Das Ziel 
unserer Wissenschaft S. 806 



3. Industrie (von der Einführung des Papiers bis zu Watt's 

Dampfmaschine). 

Vergänglichkeit aller Civilisation S. 808 — Autonomie unserer neuen 

Industrie S. 812 — Das Papier S. 815 



XXI Inhaltsübersicht. 



4. Wirtschaft (von Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, 
dem Begründer der Kooperation). 

Kooperation und Monopol S. 821 — Innungen und Kapitalisten S. 824 — 
Bauer und Grossgrundbesitzer S. 829 — Syndikatswesen und Sozialismus S. 
833 — Die Maschine S. 837 



5. Politik und Kirche (von der Einftlhrung des Beichtzwanges, 1215, 
bis zur französischen Revolution). 

Die Kirche S. 838 — Martin Luther S. 840 — Die französische Revolution S. 
848 — Die Angelsachsen S. 854 



6. Weltanschauung und Religion (von Franz von Assisi bis zu 
Immanuel Kant). 

Die zwei Wege S. 858 — Der Weg der Wahrhaftigkeit S. 861 — Der Weg der 
Unwahrhaftigkeit S. 862 — Die Scholastik S. 864 — Rom und Anti-Rom S. 
867 — Die vier Gruppen S. 870 — Die Theologen S. 870 — Die Mystiker S. 
876 — Die Humanisten S. 891 — Die naturforschenden Philosophen S. 897 

— Die Beobachtung der Natur S. 900 — Das exakte Nichtwissen S. 905 — 
Idealismus und Materialismus S. 913 — Das erste Dilemma S. 914 — Das 
metaphysische Problem S. 917 — Die Natur und das Ich S. 925 — Das zweite 
Dilemma S. 929 — Wissenschaft und Religion S. 932 — Die Religion S. 937 

— Christus und Kant S. 942 



7. Kunst (von Giotto bis Goethe). 

Der Begriff „Kunst" S. 946 — Kunst und Religion S. 950 — Der tonvermählte 
Dichter S. 955 — Kunst und Wissenschaft S. 961 — Die Kunst als ein 
Ganzes S. 971 — Das Primat der Poesie S. 974 — Die germanische Tonkunst 
S. 976 — Das Musikalische S. 987 — Der Naturalismus S. 989 — Der Kampf 
um die Eigenart S. 994 — Der innere Kampf S. 997 — Shakespeare und 
Beethoven S. 998 — Zusammenfassung S. 1001 — Schlusswort S. 1002 



Register 



XXII 



ALLGEMEINE EINLEITUNG 



Alles beruht auf Inhalt, Gehalt und 

Tüchtigkeit eines zuerst aufgestellten 

Grundsatzes und auf der Reinheit des 

Vorsatzes. 
Goethe 



Plan des Werkes 

Da das Werk, dessen erstes Buch hier vorliegt, nicht aus 
aneinandergereihten Bruchstücken bestehen soll, sondern gleich 
anfangs als eine organische Einheit concipiert und in allen seinen 
Teilen ausführlich entworfen wurde, muss es die vorzüglichste 
Aufgabe dieser allgemeinen Einleitung sein, Aufschluss über den 
Plan des vollständigen Werkes zu geben. Zwar bildet dieses erste 
Buch ein abgeschlossenes Ganzes, doch wäre dieses Ganze nicht 
das, was es ist, wenn es nicht als Teil eines besonderen grösseren 
Gedankens entstanden wäre. Dieser Gedanke muss also „dem 
Teil, der anfangs alles ist", vorausgeschickt werden. 

Welche Beschränkungen dem Einzelnen auferlegt werden, wenn 
er einer unübersehbaren Welt von Thatsachen allein entgegentritt, 
das bedarf nicht erst ausführlicher Erörterung. Wissenschaftlich 
lässt sich die Bewältigung einer derartigen Aufgabe gar nicht 
versuchen; einzig künstlerische Gestaltung vermag hier (im 
glücklichen Falle), getragen von jenen geheimen Parallelismen 
zwischen dem Geschauten und dem Gedachten, von jenem 
Gewebe, welches — äthergleich — die Welt nach jeder Richtung 
allverbindend durchzieht, ein Ganzes hervorzubringen, und zwar, 
trotzdem nur einiges Wenige, nur Bruchstücke verwendet werden. 
Gelingt dies dem Künstler, so war sein Werk nicht überflüssig; 
denn ein Unübersehbares ist nunmehr übersichtlich geworden, 
ein Ungestaltetes hat Gestalt gewonnen. Für diesen Zweck ist nun 
der Vereinzelte gegenüber einer Vereinigung selbsttüchtiger 
Männer insofern im Vorteil, als nur der Einzelne einheitlich 
formen kann. Diesen seinen einzigen Vorteil muss er 



2 Allgemeine Einleitung. 



zu benutzen wissen. — Kunst kann nur als Ganzes, 
Abgeschlossenes in die Erscheinung treten; Wissenschaft dagegen 
ist notwendigerweise Bruchstück. Kunst vereint, Wissenschaft 
trennt. Kunst gestaltet, Wissenschaft zergliedert Gestalten. Der 
Mann der Wissenschaft steht gewissermassen auf einem 
archimedischen Punkte ausserhalb der Welt: das ist seine Grösse, 
seine sogenannte „Objektivität"; das bildet aber auch seine 
offenbare Schwäche; denn sobald er das Gebiet des thatsächlich 
Beobachteten verlässt, um die Mannigfaltigkeit der Erfahrung zur 
Einheit der Vorstellung und des Begriffes zu reduzieren, hängt er 
in Wahrheit an Fäden der Abstraktion im leeren Räume. Dagegen 
steht der Künstler im Mittelpunkt der Welt (das heisst also seiner 
Welt), und so weit seine Sinne reichen, so weit reicht auch seine 
Gestaltungskraft; denn diese ist ja die Bethätigung seines 
individuellen Daseins in lebendiger Wechselwirkung mit der 
Umgebung. Deswegen darf man ihm aber auch aus seiner 
„Subjektivität" keinen Vorwurf machen, denn sie ist die 
Grundbedingung seines Schaffens. — Nun handelt es sich aber im 
vorliegenden Falle um einen historisch genau umschriebenen und 
ewig festgebannten Gegenstand. Unwahrheit wäre lächerlich, 
Willkür unerträglich; der Verfasser darf also nicht mit 
Michelangelo sprechen: in dieses Blatt, in diesen Stein kommt 
kein Inhalt, den ich nicht hineinlege: 

in petra od in candido foglio 

Che nulla ha dentro, et evvi ci ch'io voglio! 

Im Gegenteil, unbedingte Achtung vor den Thatsachen muss sein 
Leitstern sein. Er darf nicht Künstler im Sinne des 
freischöpferischen Genies sein, sondern nur in dem beschränkten 
Verstände eines an die Methoden der Kunst sich Anlehnenden. 
Gestalten soll er, doch nur das, was da ist, nicht das, was seine 
Phantasie ihm etwa vorspiegelt. Geschichtsphilosophie ist eine 
Wüste, Geschichtsphantasie ein Narrenhaus. Darum müssen wir 
von jenem künstlerischen Gestalter eine durchaus positive 
Geistesrichtung und ein streng wissenschaftliches Gewissen 
fordern. Ehe er meint, muss er wissen; ehe er gestaltet, muss er 
prüfen. 



3 Allgemeine Einleitung. 



Er darf sich nicht Herr wähnen, er ist Diener: Diener der 
Wahrheit. 

Obige Bemerkungen reichen wohl hin, um über die allgemeinen 
Grundsätze zu orientieren, welche bei dem Entwurf des 
vorliegenden Werkes massgebend waren. Jetzt wollen wir aus den 
luftigen Höhen der philosophischen Betrachtungen zur Erde 
nieder steigen. Ist die Gestaltung des vorhandenen Materials in 
allen derartigen Fällen die einzige Aufgabe, die der Einzelne sich 
zutrauen darf, wie hat er hier, in diesem besonderen Falle, die 
Gestaltung zu versuchen? 

Das neunzehnte Jahrhundert! Das Thema 
dünkt unerschöpflich; ist es auch. Nur dadurch konnte es 
„gebändigt" werden, dass es weiter gefasst wurde. Das scheint 
paradox, ist aber wahr. Sobald der Blick lange und liebend auf der 
Vergangenheit geruht hat, aus der unter so vielen Schmerzen die 
Gegenwart hervorgegangen ist, sobald das lebhafte Empfinden der 
grossen geschichtlichen Grundthatsachen heftig widerstreitende 
Gefühle im Herzen in Bezug auf den heutigen Tag erregt hat: 
Furcht und Hoffnung, Empörung und Begeisterung, alle in eine 
Zukunft hinausweisend, deren Gestaltung unser Werk sein 
muss und der wir nunmehr mit sehnsuchtsvoller Ungeduld 
entgegensehen, entgegenarbeiten — da schrumpft das grosse 
unübersehbare neunzehnte Jahrhundert auf ein verhältnismässig 
Geringes zusammen; wir haben gar nicht mehr die Zeit, uns bei 
Einzelheiten aufzuhalten, nur die grossen Züge wollen wir fest 
und klar vor Augen haben, damit wir wissen, wer wir sind und 
wohin unser Weg geht. Nunmehr ist die Perspektive für das 
gesteckte Ziel günstig; nunmehr kann der Einzelne sich 
heranwagen. Der Grundriss seines Werkes ist ihm so deutlich 
vorgezeichnet, dass er ihn nur getreulich nachzuzeichnen 
braucht. 

Der Grundriss meines Werkes ist nun folgender. In dem hier 
vorliegenden Buch behandle ich die vorangegangenen achtzehn 
Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, wobei mancher Blick auch 
auf ferner zurückliegende Zeiten fällt; doch handelt es sich hierbei 
keineswegs um eine Geschichte der Vergangenheit, sondern 
einfach um jene Vergangenheit, welche heute noch lebendig 



4 Allgemeine Einleitung. 



ist; und zwar ist das so viel und die genaue, kritische Kenntnis 
davon ist für jedes Urteil über die Gegenwart so unentbehrlich, 
dass ich das Studium dieser „Grundlagen" des 11. Säculums fast 
für das wichtigste Geschäft des ganzen Unternehmens halten 
möchte. Ein zweites Buch wäre diesem Jahrhundert selbst 
gewidmet; natürlich könnte es sich in einem derartigen Werk nur 
um die grossen leitenden Ideen handeln, und zwar wäre diese 
Aufgabe durch das vorangegangene erste Buch, in welchem das 
Auge immer wieder auf das 19. Jahrhundert gerichtet worden war, 
unendlich vereinfacht und erleichtert. Ein Anhang würde dem 
Versuch gelten, die Bedeutung des Jahrhunderts annähernd zu 
bestimmen; dies kann nur durch den Vergleich geschehen, wozu 
wieder das erste Buch den Boden bereitet hätte; hierdurch 
entsteht aber ausserdem eine Art Ahnung der Zukunft, kein 
willkürliches Phantasiebild, sondern gleichsam ein Schatten, den 
die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit wirft. Jetzt erst stünde 
das Jahrhundert ganz plastisch vor unseren Augen — nicht in 
Gestalt einer Chronik oder eines Lexikons, sondern als ein 
lebendiges „körperhaftes" Gebilde. 

Soviel über den allgemeinen Grundriss. Damit er aber selber 
nicht so schattenhaft bleibe wie die Zukunft, muss ich jetzt 
einiges Nähere über die Ausführung mitteilen. Was allerdings die 
besonderen Ergebnisse meiner Methode anbelangt, so glaube ich 
sie nicht schon hier vorweg nehmen zu sollen, da sie nur im 
Zusammenhang der ungekürzten Darlegung überzeugend wirken 
können. 

Die Grundlagen 

In diesem ersten Buch musste ich also die Grundlagen 
aufzufinden suchen, aufweichen das 19. Jahrhundert ruht; dies 
dünkte mich, wie gesagt, die schwerste und wichtigste Pflicht des 
ganzen Vorhabens; darum widmete ich diesem Teil einen 
Doppelband. Denn in der Geschichte heisst Verstehen: die 
Gegenwart aus der Vergangenheit sich entwickeln sehen; selbst 
wo wir vor einem weiter nicht zu Erklärenden stehen, was bei 
jeder hervorragenden Persönlichkeit, bei jeder neu eintretenden 
Volksindividualität der Fall ist, sehen wir diese an 
Vorangegangenes an- 



5 Allgemeine Einleitung. 



knüpfen und finden dann selber auch nur dort den 
unentbehrlichen Anknüpfungspunkt für unser Urteil. Ziehen wir 
eine imaginäre Grenze zwischen dem 19. Jahrhundert und den 
vorangegangenen, so schwindet mit einem Schlage jede 
Möglichkeit eines kritischen Verständnisses. Das neunzehnte 
Jahrhundert ist nämlich nicht das Kind der früheren — denn ein 
Kind fängt das Leben von Neuem an — vielmehr ist es ihr 
unmittelbares Erzeugnis: mathematisch betrachtet eine Summe, 
physiologisch eine Alterstufe. Wir erbten eine Summe von 
Kenntnissen, Fertigkeiten, Gedanken u. s. w., wir erbten eine 
bestimmte Verteilung der wirtschaftlichen Kräfte, wir erbten 
Irrtümmer und Wahrheiten, Vorstellungen, Ideale, Aberglauben: 
manches so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir 
wähnen, es könne nicht anders sein, manches verkümmert, was 
früher viel verhiess, manches so urplötzlich in die Höhe 
geschossen, dass es den Zusammenhang mit dem Gesamtleben 
fast eingebüsst hat, und, während die Wurzeln dieser neuen 
Blumen in vergessene Jahrhunderte hinunterreichen, die 
phantastischen Blütenrispen für unerhört Neues gehalten werden. 
Vor Allem erbten wir das Blut und den Leib, durch die und in 
denen wir leben. Wer die Mahnung „Erkenne dich selb 
s t" ernst nimmt, wird bald zur Erkenntnis gelangen, dass sein 
Sein mindestens zu neun Zehnteln ihm nicht selber angehört. 
Und das gilt ebenso von dem Geist eines ganzen Jahrhunderts. 
Ja, der hervorragende Einzelne, der vermag es, indem er über 
seine physische Stellung in der Menschheit sich klar wird und 
sein geistiges Erbe analytisch zergliedert, zu einer relativen 
Freiheit durchzudringen; so wird er sich seiner Bedingtheit 
wenigstens bewusst, und, kann er sich auch selber nicht 
umwandeln, er kann wenigstens auf die Richtung der 
Weiterentwickelung Einfluss gewinnen; ein ganzes Jahrhundert 
dagegen eilt unbewusst wie es das Schicksal treibt: sein 
Menschenmaterial ist die Frucht dahingeschwundener 
Generationen, sein geistiger Schatz — Korn und Spreu, Gold, 
Silber, Erz und Thon — ist ein ererbter, seine Richtungen und 
Schwankungen ergeben sich mit mathematischer Notwendigkeit 
aus den vorhergegangenen Bewegungen. Nicht allein also der 
Vergleich, nicht allein die Feststellung der 



6 Allgemeine Einleitung. 



charakteristischen Merkmale, der besonderen Eigenschaften und 
Leistungen unseres Jahrhunderts ist ohne Kenntnis der 
vorangegangenen unmöglich, sondern wir vermögen es auch 
nicht, irgend etwas über dieses Jahrhundert an und für sich 
auszusagen, wenn wir nicht zunächst Klarheit erlangt haben über 
das Material, aus welchem wir leiblich und geistig 
aufgebaut sind. Dies ist, ich wiederhole es, das allerwichtigste 
Geschäft. 

Der Angelpunkt 

Da ich nun in diesem Buche an die Vergangenheit anknüpfe, 
war ich gezwungen, ein historisches Zeitschema zu entwerfen. 
Doch, insofern meine Geschichte einem unmessbaren Augenblick 
— der Gegenwart — gilt, der keinen bestimmten zeitlichen 
Abschluss gestattet, bedarf sie ebensowenig eines zeitlich 
bestimmten Anfangs. Das 19. Jahrhundert weist hinaus in die 
Zukunft, es weist auch zurück in die Vergangenheit: in beiden 
Fällen ist eine Begrenzung nur der Bequemlichkeit halber 
zulässig, doch nicht in den Thatsachen gegeben. Im Allgemeinen 
habe ich das Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung als den Anfang 
unserer Geschichte betrachtet und habe diese Auffassung in den 
einleitenden Worten zum ersten Abschnitt näher begründet; doch 
wird man sehen, dass ich mich nicht sklavisch an dieses Schema 
gehalten habe. Sollten wir jemals wirkliche Christen werden, dann 
allerdings wäre dasjenige, was hier nur angedeutet, nicht 
ausgeführt werden konnte, eine historische Wirklichkeit, denn das 
würde die Geburt eines neuen Geslechtes bedeuten: vielleicht wird 
das vierundzwanzigste Jahrhundert, bis zu welchem etwa die 
Schatten des neunzehnten in schmalen Streifen sich erstrecken, 
klarere Umrisse zeichnen können? Musste ich nun Anfang und 
Ende in eine unbegrenzte penombra sich verlaufen lassen, umso 
unumgänglicher bedurfte ich eines scharfgezogenen 
Mittelstriches, und zwar konnte ein beliebiges Datum hier nicht 
genügen, sondern es kam darauf an, den Angelpunkt der 
Geschichte Europas zu bestimmen. Das Erwachen der Germanen 
zu ihrer welthistorischen Bestimmung als Begründer einer 
durchaus neuen Civilisation und einer durchaus neuen Kultur 
bildet diesen Angelpunkt; das Jahr 1200 kann als der mittlere 
Augenblick dieses Erwachens bezeichnet werden. 



7 Allgemeine Einleitung. 



Dass die nördlichen Europäer die Träger der Weltgeschichte 
geworden sind, wird wohl kaum jemand zu leugnen sich 
vermessen. Zwar standen sie zu keiner Zeit allein, weder früher 
noch heute; im Gegenteil, von Anfang an entwickelte sich ihre 
Eigenart im Kampfe gegen fremde Art, zunächst gegen das 
Völkerchaos des verfallenen römischen Imperiums, nach und 
nach gegen alle Rassen der Welt; es haben also auch Andere 
Einfluss — sogar grossen Einfluss — auf die Geschicke der 
Menschheit gewonnen, doch dann immer nur als Widersacher der 
Männer aus dem Norden. Was mit dem Schwert in der Hand 
ausgefochten wurde, war das Wenigste; der wahre Kampf war der 
Kampf um die Ideen, wie ich das in den Kapiteln 7 
und 8 dieses Werkes zu zeigen versucht habe; dieser Kampf 
dauert noch heute fort. Waren aber die Germanen bei der 
Gestaltung der Geschichte nicht die Einzigen, so waren sie doch 
die Unvergleichlichen: alle Männer, die vom 6. Jahrhundert ab als 
wahre Gestalter der Geschicke der Menschheit auftreten, 
sei es als Staatenbildner, sei es als Erfinder neuer Gedanken und 
origineller Kunst, gehören ihnen an. Was die Araber gründen, ist 
von kurzer Dauer; die Mongolen zerstören, aber schaffen nichts; 
die grossen Italiener des rinascimento stammen alle aus dem mit 
lombardischem, gotischem und fränkischem Blute durchsetzten 
Norden oder aus dem germano-hellenischen äussersten Süden; in 
Spanien bilden die Westgoten das Lebenselement; die Juden 
erleben ihre heutige „Wiedergeburt", indem sie sich auf jedem 
Gebiete möglichst genau an germanische Muster anschmiegen. 
Von dem Augenblick ab, wo der Germane erwacht, ist also eine 
neue Welt im Entstehen, eine Welt, die allerdings nicht rein 
germanisch wird genannt werden können, eine Welt, in welcher 
gerade im 19. Jahrhundert neue Elemente aufgetreten sind, oder 
wenigstens Elemente, die früher bei dem Entwickelungsprozess 
weniger beteiligt waren, so z. B. die früher reingermanischen, 
nunmehr durch Blutmischungen fast durchwegs 

„entgermanisierten" Slaven und die Juden, eine Welt, die vielleicht 
noch grosse Rassenkomplexe sich assimilieren und mithin 
entsprechende, abweichende Einflüsse in sich aufnehmen 



8 Allgemeine Einleitung. 



wird, jedenfalls aber eine neue Welt und eine neue 
Civilisation, grundverschieden von der he Ueno -römischen, der 
turanischen, der ägyptischen, der chinesischen und allen anderen 
früheren oder zeitgenössischen. — Als den Anfang dieser neuen 
Civilisation, d. h. als den Augenblick, wo sie begann, der Welt 
ihren besonderen Stempel aufzudrücken, können wir, glaube ich, 
das 13. Jahrhundert bestimmen. Zwar hatten Einzelne schon weit 
früher germanische Eigenart in kultureller Thätigkeit bewährt — 
wie König Alfred, Karl der Grosse, Scotus Erigena u. s. w. — doch 
nicht Einzelne, sondern Gesamtheiten machen Geschichte; diese 
Einzelnen waren nur Vorbereiter gewesen; um eine civilisatorische 
Gewalt zu werden, musste der Germane in breiten Schichten zur 
Bethätigung seines Eigenwillens im Gegensatz zu dem ihm 
aufgedrungenen fremden Willen erwachen und erstarken. Das 
geschah nicht auf einmal, es geschah auch nicht auf allen 
Lebensgebieten zugleich; insofern ist die Wahl des Jahres 1200 als 
Grenze eine willkürliche, doch glaube ich sie in folgendem 
rechtfertigen zu können und habe alles gewonnen, wenn es mir 
hierdurch gelingt, jene beiden Undinge — die Begriffe eines 
Mittelalters und einer Renaissance — zu 
beseitigen, durch welche mehr als durch irgend etwas anderes das 
Verständnis unserer Gegenwart nicht allein verdunkelt, sondern 
geradezu unmöglich gemacht wird. An die Stelle dieser Schemen, 
welche Irrtümer ohne Ende erzeugen, wird dann die einfache und 
klare Erkenntnis treten, dass unsere gesamte heutige Civilisation 
und Kultur das Werk einer bestimmten Menschenart ist: des G e 
r m a n e n. 1 ) Es ist unwahr, dass der germanische Barbar die 
sogenannte „Nacht des Mittelalters" heraufbeschwor; vielmehr 
folgte diese Nacht auf den intellektuellen und moralischen 
Bankrott des durch das untergehende römische Imperium 
grossgezogenen rassenlosen Menschenchaos; ohne den Germanen 



*) Unter diesem Namen fasse ich die verschiedenen Glieder der einen 
grossen nordeuropäischen Rasse zusammen, gleichviel ob Germanen im 
engeren, taciteischen Sinne des Wortes oder Kelten oder echte Slaven — 
worüber alles Nähere im sechsten Kapitel nachzusehen ist. 



9 Allgemeine Einleitung. 



hätte sich ewige Nacht über die Welt gesenkt; ohne den 
unaufhörlichen Widerstand der Nichtgermanen, ohne den 
unablässigen Krieg, der heute noch aus dem Herzen des nie 
ausgetilgten Völkerchaos gegen alles Germanische geführt wird, 
hätten wir eine ganz andere Kulturstufe erreicht, als diejenige, 
deren Zeuge das 19. Jahrhundert war. Ebenso unwahr ist es, dass 
unsere Kultur eine Wiedergeburt der hellenischen und der 
römischen ist: erst durch die Geburt der Germanen wurde die 
Wiedergeburt vergangener Grossthaten möglich, nicht umgekehrt; 
und dieser rinascimento, dem wir ohne Frage für die Bereicherung 
unseres Lebens ewigen Dank schuldig sind, wirkte dennoch 
mindestens ebenso hemmend wie fördernd und warf uns auf lange 
Zeit aus unserer gesunden Bahn heraus. Die mächtigsten 
Schöpfer jener Epoche — ein Shakespeare, ein Michelangelo — 
können kein Wort griechisch oder lateinisch. Die wirtschaftliche 
Entwickelung — die Grundlage unserer Civilisation — findet im 
Gegensatz zu klassischen Traditionen und im blutigen Kampfe 
gegen imperiale Irrlehren statt. Der grösste aller Irrtümer ist aber 
die Annahme, dass unsere Civilisation und Kultur der Ausdruck 
eines allgemeinen Fortschrittes der 
Menschheit sei; es zeugt keine einzige Thatsache der 
Geschichte für diese so beliebte Deutung (wie ich das im neunten 
Kapitel dieses Buches unwiderleglich dargethan zu haben glaube); 
inzwischen schlägt uns diese hohle Phrase mit Blindheit und wir 
sehen nicht ein — was doch klar vor Aller Augen liegt — dass 
unsere Civilisation und Kultur, wie jede frühere und jede andere 
zeitgenössische, das Werk einer bestimmten, individuellen 
Menschenart ist, einer Menschenart, die hohe Gaben, doch auch 
enge, unübersteigbare Schranken, wie alles Individuelle, besitzt. 
Und so schwärmen unsere Gedanken in einem Grenzenlosen, in 
einer hypothetischen „Menschheit" herum, achten aber dabei des 
konkret Gegebenen und des in der Geschichte einzig Wirksamen, 
nämlich des bestimmten Individuums, gar nicht. Daher die 
Unklarheit unserer geschichtlichen Gliederungen. Denn, zieht 
man einen Strich durch das Jahr 500, einen zweiten durch das 
Jahr 1500, und nennt diese tausend Jahre das Mittelalter, so hat 
man den organischen Körper der Ge- 



10 Allgemeine Einleitung. 



schichte nicht zerlegt wie ein kundiger Anatom, sondern zerhackt 
wie ein Fleischer. Die Einnahme Roms durch Odoaker und durch 
Dietrich von Bern sind nur Episoden in jenem Eintritt der 
Germanen in die Weltgeschichte, der ein Jahrtausend gewährt 
hat; das Entscheidende, nämlich die Idee des unnationalen 
Weltimperiums, hörte hiermit so wenig auf zu sein, dass sie im 
Gegenteil aus der Dazwischenkunft der Germanen auf lange 
hinaus neues Leben schöpfte. Während also das Jahr 1, als 
(ungefähres) Geburtsjahr Christi, ein für die Geschichte des 
Menschengeschlechts und auch für die blosse Historie ewig 
denkwürdiges Datum festhält, besagt das Jahr 500 gar nichts. 
Noch schlimmer steht es um das Jahr 1500; denn ziehen wir hier 
einen Strich, so ziehen wir ihn mitten durch alle bewussten und 
unbewussten Bestrebungen und Entwickelungen — 
wirtschaftliche, politische, künstlerische, wissenschaftliche — die 
auch heute unser Leben ausfüllen und einem noch fernen Ziele 
zueilen. Will man durchaus den Begriff „Mittelalter" festhalten, so 
lässt sich leicht Rat schaffen: dazu genügt die Einsicht, dass wir 
Germanen selber, mitsamt unserem stolzen 19. Jahrhundert, in 
einer „mittleren Zeit" (wie die alten Historiker zu schreiben 
pflegten), ja, in einem echten Mittelalter mittendrin stecken. Denn 
das Vorwalten des Provisorischen, des Übergangsstadiums, der 
fast gänzliche Mangel an Definitivem, Vollendetem, 
Ausgeglichenem ist ein Kennzeichen unserer Zeit; wir sind in der 
„Mitte" einer Entwickelung, fern schon vom Anfangspunkte, 
vermutlich noch fern vom Endpunkte. 

Einstweilen möge das Gesagt zur Abweisung anderer 
Einteilungen, genügen; die Überzeugung, dass hier nicht 
willkürliches Gutdünken, sondern die Anerkennung der einen, 
grossen, grundlegenden Thatsache aller neueren Geschichte 
vorliegt, wird sich aus dem Studium des ganzen Werkes ergeben. 
Doch kann ich nicht umhin, meine Wahl des Jahres 1200 als 
eines mittleren bequemen Datums noch kurz zu motivieren. 

Das Jahr 1200 

Fragen wir uns nämlich, wo die ersten sicheren Anzeichen sich 
merkbar machen, dass etwas Neues im Entstehen begriffen ist, 
eine neue Gestalt der Welt an Stelle der alten, zer- 



1 1 Allgemeine Einleitung. 



trümmerten und an Stelle des herrschenden Chaos, so werden wir 
sagen müssen, diese charakteristischen Anzeichen sind schon 
vielerorten im 12. Jahrhundert (in Norditalien bereits im 11.) 
anzutreffen, sie mehren sich schnell im 13. — dem „glorreichen 
Jahrhundert", wie es Fiske nennt — erreichen im 14. und 15. eine 
herrliche Frühblüte auf dem sozialen und industriellen Gebiete, in 
der Kunst im 15. und 16., in der Wissenschaft im 16. und 17., in 
der Philosophie im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Bewegung geht 
nicht gradlinig; in Staat und Kirche bekämpfen sich die 
grundlegenden Prinzipien, und auf den anderen Gebieten des 
Lebens herrscht viel zu viel Unbewusstsein, als dass nicht die 
Menschen oft in die Irre laufen sollten; doch der grundsätzliche 
Unterschied besteht darin, ob nur Interessen aufeinander stossen, 
oder ob ideale, durch bestimmte Eigenart eingegebene Ziele der 
Menschheit vorschweben: diese Ziele besitzen wir nun seit dem 
13. Jahrhundert (etwa); wir haben sie aber immer noch nicht 
erreicht, sie schweben in weiter Ferne vor uns, und darauf beruht 
die Empfindung, dass wir des moralischen Gleichgewichts und der 
ästhetischen Harmonie der Alten noch so sehr ermangeln, 
zugleich aber auch die Hoffnung auf Besseres. Der Blick zurück 
berechtigt in der That zu grossen Hoffnungen. Und, ich wiederhole 
es, forscht dieser Blick, wo der erste Schimmer jener 
Hoffnungsstrahlen deutlich bemerkbar wird, so findet er die Zeit 
um das Jahr 1200 herum. In Italien hatte schon im 11. 
Jahrhundert die städtische Bewegung begonnen, jene Bewegung, 
welche zugleich die Hebung von Handel und Industrie und die 
Gewährung weitgehender Freiheitsrechte an ganze Klassen der 
Bevölkerung, die bisher unter der zwiefachen Knechtschaft von 
Kirche und Staat geschmachtet hatten, erstrebte; im 12. 
Jahrhundert war dieses Erstarken des Kernes der europäischen 
Bevölkerung an Ausdehnung und Kraft dermassen gewachsen, 
dass zu Beginn des 13. die mächtige Hansa und der rheinische 
Städtebund gegründet werden konnten. Über diese Bewegung 
schreibt Ranke (Weltgeschichte IV, 238): „Es ist eine prächtige, 

lebensvolle Entwickelung, die sich damit anbahnt die 

Städte konstituieren eine Weltmacht, an welche die bürgerliche 
Freiheit 



12 Allgemeine Einleitung. 



und die grossen Staatsbildungen anknüpfen." Noch vor der 
endgültigen Gründung der Hansa war aber in England, im Jahre 
1215, die Magna Charta erlassen worden, eine feierliche 
Verkündigung der Unantastbarkeit des grossen Grundsatzes der 
persönlichen Freiheit und der persönlichen Sicherheit. „Keiner 
darf verurteilt werden anders als den Gesetzen des Landes 
gemäss. Recht und Gerechtigkeit dürfen nicht verkauft und nicht 
verweigert werden." In einigen Ländern Europas ist diese erste 
Bürgschaft für die Würde des Menschen noch heute nicht Gesetz; 
seit jenem 15. Juni 1215 ist aber nach und nach daraus ein 
allgemeines Gewissensgesetz geworden, und wer dagegen 
verstösst, ist ein Verbrecher, trüge er auch eine Krone. Und noch 
ein Wichtiges, wodurch die germanische Civilisation sich als von 
allen anderen dem Wesen nach verschieden erwies: im Verlauf des 
13. Jahrhunderts schwand die Sklaverei und der 
Sklavenhandel aus Europa (mit Ausnahme von Spanien). Im 13. 
Jahrhundert beginnt der Übergang von der Naturalienwirtschaft 
zur Geld Wirtschaft; fast genau im Jahre 1200 beginnt in Europa 
die Fabrikation des Papiers — ohne Frage die folgenschwerste 
Errungenschaft der Industrie bis zur Erfindung der Lokomotive. 
Man würde aber weit fehl gehen, wollte man allein in dem 
Aufschwung des Handels und in der Regung freiheitlicher Triebe 
die Dämmerung eines neuen Tages erblicken. 

Vielleicht ist die grosse Bewegung des religiösen Gemütes, welche 
in Franz von Assisi (geb. 1181) ihren mächtigsten 
Ausdruck gewinnt, ein Faktor von noch tiefer eingreifender 
Wirksamkeit; hierin tritt eine unverfälscht demokratische Regung 
zu Tage; der Glaube und das Leben solcher Menschen verleugnen 
sowohl die Despotie der Kirche wie die Despotie des Staates, und 
sie vernichten die Despotie des Geldes. „Diese Bewegung", 
schreibt einer der genauesten Kenner des Franz von Assisi, 1 ) 
„schenkt der Menschheit die erste Vorahnung allgemeiner 
Denkfreiheit." Im selben Augenblick erwuchs zum erstenmal im 
westlichen Europa eine ausgesprochen antirömische Bewegung, 
die der Albigenser, 



*) Thode: Franz von Assisi, S. 4. 



13 Allgemeine Einleitung. 



zu drohender Bedeutung. Auch wurden zu gleicher Zeit auf einem 
anderen Gebiete des religiösen Lebens einige ebenso 
folgenschwere Schritte gethan: nachdem Peter Abälard 
(f 1142), namentlich durch seine Betonung der 
Bildlichkeit aller religiösen Vorstellungen, die 
indoeuropäische Auffassung der Religion gegen die semitische 
unbewusst verfochten hatte, machten im 13. Jahrhundert zwei 
orthodoxe Scholastiker, Thomas von Aquin und 
Duns Scotus ein für das Kirchendogma ebenso 
gefährliches Geständnis, indem sie, sonst Gegner, beide 
übereinstimmend einer von der Theologie unterschiedenen 
Philosophie das Recht des Daseins einräumten. Und 
während hier das theoretische Denken sich zu regen begann, 
legten andere Gelehrte, unter denen vor allem Albertus 
Magnus (geb. 1193) und Roger Bacon (geb. 1214) 
hervorragen, die Fundamente der modernen Naturwissenschaft, 
indem sie die Aufmerksamkeit der Menschen von den 
Vernunftstreitigkeiten hinweg auf Mathematik, Physik, 
Astronomie und Chemie lenkten. Cantor (Vorlesungen über 
Geschichte der Mathematik, 2. Aufl., II, 3) sagt, im 13. 
Jahrhundert habe „ein neuer Zeitabschnitt in der Geschichte der 
mathematischen Wissenschaft" begonnen; dies war namentlich 
das Werk des Leonardo von Pisa, der als Erster die indischen 
(fälschlich arabisch genannten) Zahlenzeichen bei uns einführte, 
und des Jordanus Saxo, aus dem Geschlecht der Grafen von 
Eberstein, der uns mit der (ebenfalls ursprünglich von den Indern 
erfundenen) Buchstabenrechnung bekannt machte. Die erste 
Sezierung einer menschlichen Leiche — und damit zugleich der 
erste Schritt zu einer wissenschaftlichen Medizin — fand gegen 
Schluss des 13. Jahrhunderts statt, nach einer Unterbrechung 
von eintausendsechshundert Jahren, und zwar wurde sie von dem 
Norditaliener Mondino de' Luzzi ausgeführt. Auch Dante, 
ebenfalls ein Kind des 13. Jahrhunderts, ist hier zu nennen, und 
zwar in hervorragender Weise. „Nel mezzo del cammin di nostra 
vita", heisst der erste Vers seiner grossen Dichtung, und er selber, 
das erste künstlerische Weltgenie der neuen, germanischen 
Kulturepoche, ist die typische Gestalt für diesen Wendepunkt 



14 Allgemeine Einleitung. 



der Geschichte, für den Punkt, wo sie „die Hälfte ihres Weges" 
zurückgelegt und nunmehr, nachdem sie jahrhundertelang in 
rasender Eile bergab geführt hatte, sich anschickte, den steilen 
schwierigen Weg auf der gegenüberliegenden Bergwand zu 
betreten. Manche Anschauungen Dante's in seiner Divina 
Com.rn.edia und in seinem Tractatus de monarchia muten uns an 
wie der sehnsuchtsvolle Blick eines vielerfahrenen Mannes aus 
dem gesellschaftlichen und politischen Chaos, das ihn umgab, 
hinaus in eine harmonische gestaltete Welt; dass dieser Blick 
gethan werden konnte, ist ein deutliches Zeichen der schon 
begonnenen Bewegung; das Auge des Genies leuchtet den 
Anderen voran. 1 ) Doch, lange vor Dante — das übersehe man 
nicht — hatte im Herzen des echtesten Germanentums, im 
Norden, eine poetische Schöpferkraft sich kundgethan, welche 
allein schon beweist, wie wenig wir einer klassischen Renaissance 
bedurften, um künstlerisch Unvergleichliches zu leisten: in dem 
Jahre 1200 dichteten Chrestien de Troyes, 
Hartmann von Aue, Wolfram von 
Eschenbach, Walther von der Vogelweide, 
Gottfried von Strassburg! und ich nenne nur 
einige der bekanntesten Namen, denn, wie Gottfried sagt: „der 
Nachtigallen sind noch viel". Und noch hatte die bedenkliche 
Scheidung zwischen Dichtkunst und Tonkunst (hervorgegangen 
aus dem Kultus der toten Buchstaben) nicht stattgefunden: der 
Dichter war zugleich Sänger; erfand er das „Wort", so erfand er 
dazu den eigenen „Ton" und die eigene 



*) Ich habe hier nicht das Einzelne seiner scholastisch gefärbten 
Beweisführungen im Sinne, sondern solche Dinge wie seine Betrachtungen 
über das Verhältnis der Menschen zueinander (Monarchia, Buch I, Kap. 3 u. 4) 
oder über die Föderation der Staaten, von denen ein jeder seine eigene 
Individualität, seine eigene Gesetzgebung beibehalten, der Kaiser aber als 
„Friedensstifter" und als Richter über das „allen Gemeinsame, allen 
Gebührende" das einigende Band herstellen soll (Buch I, Kap. 14). Im Übrigen 
ist gerade Dante, als echte „Mittelgestallt", sehr befangen in den Vorstellungen 
seiner Zeit und in dichterischen Utopien, worüber im siebenten und 
namentlich in der Einleitung zum achten Kapitel dieses Buches manches 
Nähere zu finden ist. 



15 Allgemeine Einleitung. 



„Weise". Und so sehen wir denn auch die Musik, die 
ureigenste Kunst der neuen Kultur, zugleich mit den ersten 
Anzeichen des besonderen Wesens dieser Kultur in durchaus 
neuer Gestalt, als vielstimmige, harmonische Kunst entstehen. 
Der erste Meister von Bedeutung in der Behandlung des 
Kontrapunktes ist der Dichter und Dramatiker Adam de la 
Halle, geboren 1240. Mit ihm — also mit einem echt 
germanischen Wort- und Tondichter — beginnt die Entwickelung 
der eigentlichen Tonkunst, so dass der Musikgelehrte G e v a e r 
t schreiben kann: „Desormais Von peut considerer ce XHIe siede, 
si decrie jadis, comme le siede initiateur de tout l'art moderne". 
Ebenfalls im dreizehnten Jahrhundert entfalteten jene begnadeten 
Künstler — Niccolo Pisano, Cimabue, 
G i o t t o — ihre Talente, denen wir in erster Reihe nicht allein 
die „Wiedergeburt" der bildenden Künste, sondern vor allem die 
Geburt einer durchaus neuen Kunst, der modernen Malerei, 
verdanken. Gerade im 13. Jahrhundert kam auch die gotische 
Architektur auf (der „germanische Stil", wie ihn Rumohr mit Recht 
benennen wollte): fast alle Meisterwerke der Kirchenbaukunst, 
deren unvergleichliche Schönheit wir heute nur anstaunen, nicht 
nachahmen können, stammen aus jenem einem Säculum. 
Inzwischen war (kurz vor dem Jahre 1200) in Bologna die erste 
rein weltliche Universität entstanden, an der nur Jurisprudenz, 

Philosophie und Medizin gelehrt wurden. 1 ) Man sieht, 

in wie mannigfaltiger Weise sich ein neues Leben um das Jahr 
1200 herum kundzuthun begann. Ein paar Namen würden nichts 
beweisen; dass aber eine Bewegung alle Länder und alle Kreise 
erfasst, dass die widersprechendsten Erscheinungen alle auf eine 
ähnliche Ursache zurück-, und auf ein gemeinsames Ziel 
hinweisen, das gerade zeigt, dass es sich hier nicht um Zufälliges 
und Individuelles, sondern um einen grossen, allgemeinen, mit 
unbewusster Notwendigkeit sich vollziehenden Vorgang im 
innersten Herzen der Gesellschaft handelt. Auch jener 
eigentümliche „Verfall des historischen 



*) Die theologische Fakultät wurde erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts 
errichtet (S a v i g n y) . 



16 Allgemeine Einleitung. 



Sinnes und geschichtlichen Verständnisses um die Mitte des 13. 
Jahrhunderts", auf den verschiedene Gelehrte mit Verwunderung 
aufmerksam machen, 1 ) scheint mir hierher zu gehören: die 
Menschheit hat eben unter Führung der Germanen ein neues 
Leben begonnen, sie ist gewissermassen auf ihrem Wege um eine 
Ecke gebogen und verliert plötzlich selbst die letzte Vergangenheit 
aus den Augen; nunmehr gehört sie der Zukunft an. 

Höchst überraschend ist es festzustellen, dass gerade in diesem 
Augenblick, wo die neue europäische Welt aus dem Chaos zu 
entstehen begann, auch jene Entdeckung der übrigen Erde ihren 
Anfang nahm, ohne welche unsere aufblühende germanische 
Kultur die einzig ihr eigentümliche Expansionskraft niemals hätte 
entwickeln können: in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
führte Marco Polo seine Entdeckungsreisen aus und legte 
dadurch den Grund zu der noch nicht ganz vollendeten Kenntnis 
der Oberfläche unseres Planeten. Was hiermit gewonnen wird, ist 
zunächst, und abgesehen von der Erweiterung des 
Gesichtskreises, die Fähigkeit der Ausdehnung; jedoch diese 
bedeutet nur etwas Relatives; das Entscheidende ist, dass 
europäische Kraft die gesamte Erde in absehbarer Zeit zu 
umspannen hoffen darf und somit den alles dahinraffenden 
Einfällen ungeahnter und ungebändigter Barbarenkräfte nicht, 
wie frühere Civilisationen, unterworfen sein wird. 

Soviel zur Begründung meiner Wahl des 13. Jahrhunderts als 
Grenzscheide. 

Dass einer derartigen Wahl dennoch etwas Künstliches 
anhaftet, habe ich gleich anfangs eingestanden und wiederhole es 
jetzt; namentlich darf man nicht glauben, dass ich dem Jahre 
1200 irgend eine besondere fatidistische Bedeutung zuerkenne: 
die Gährung der ersten zwölf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung 
hat ja noch heute nicht aufgehört, sie trübt noch tausende und 
abertausende von Gehirnen, und andrerseits darf man getrost 
behaupten, dass die neue harmonische Welt in einzelnen Köpfen 



*) Siehe z. B. Döllinger: Das Kaisertum Karls des Grossen (Akad. Vorträge 
III, 156). 



17 Allgemeine Einleitung. 



schon lange vor 1200 zu dämmern begann. Die Richtigkeit oder 
Unrichtigkeit eines derartigen Schemas zeigt sich erst beim 
Gebrauche. Wie Goethe sagt: „Alles kommt auf das Grundwahre 
an, dessen Entwickelung sich nicht so leicht in der Spekulation 
als in der Praxis zeigt: denn diese ist der Prüfstein des vom Geist 
Empfangenen. " 

Zweiteilung der Grundlagen 

Infolge dieser Bestimmung des Angelpunktes unserer 
Geschichte zerfällt dieses die Zeit bis zum Jahre 1800 
behandelnde Buch naturgemäss in zwei Teile: der eine behandelt 
die Zeit vor dem Jahre 1200, der andere die Zeit nach 
diesem Jahre. 

In dem ersten Teil — Die Ursprünge — habe ich 
zuerst das Erbe der alten Welt, sodann die Erben, zuletzt den 
Kampf der Erben um das Erbe besprochen. Da jedes Neue an ein 
schon Vorhandenes, Älteres anknüpft, ist die erste der 
grundlegenden Fragen: welche Bestandteile unseres geistigen 
Kapitals sind ererbt? Die zweite, nicht minder wichtige Grundfrage 
lautet: wer sind „wir"? Führt uns auch die Beantwortung dieser 
Fragen in ferne Vergangenheit zurück, das Interesse bleibt stets 
ein gegenwärtiges, da sowohl bei der Gesamtanlage jedes Kapitels 
wie auch bei jeder Einzelheit der Besprechung die eine einzige 
Rücksicht auf das 19. Jahrhundert bestimmend bleibt. Das Erbe 
der alten Welt bildet noch immer einen bedeutenden — oft recht 
unverdauten — Bestandteil der allerneuesten Welt; die 
verschieden gearteten Erben stehen einander noch immer 
gegenüber wie vor tausend Jahren; der Kampf ist heute ebenso 
erbittert, dabei ebenso konfus wie je: diese Untersuchung der 
Vergangenheit bedeutet also zugleich eine Sichtung des 
überreichen Stoffes der Gegenwart. Nur darf Niemand in meinen 
Betrachtungen über hellenische Kunst und Philosophie, über 
römische Geschichte und römisches Recht, über die Lehre Christi, 
oder wiederum über Germanen und Juden u. s. w. selbständige 
akademische Abhandlungen erblicken und den entsprechenden 
Massstab an sie anlegen wollen. Nicht als Gelehrter bin ich an 
diese Gegenstände herangetreten, sondern als ein Kind der 
Gegenwart, das seine lebendige Gegenwart verstehen lernen will; 
und nicht aus dem Wolkenkuckucksheim einer übermenschlichen 
Objektivität habe ich 



18 Allgemeine Einleitung. 



meine Urteile gefasst, sondern von dem Standpunkt eines 
bewussten Germanen, den Goethe nicht umsonst gewarnt hat: 

Was euch nicht angehört, 
Müsset ihr meiden; 
Was euch das Inn're stört, 
Dürft ihr nicht leiden! 

Vor Gott mögen alle Menschen, ja alle Wesen gleich sein: doch das 
göttliche Gesetz des Einzelnen ist, seine Eigenart zu wahren und 
zu wehren. Den Begriff des Germanentums habe ich so weit, und 
das heisst in diesem Falle so weitherzig wie nur möglich gefasst 
und keinem irgendwie gearteten Partikularismus das Wort 
geredet; dagegen bin ich überall dem Ungermanischen scharf zu 
Leibe gerückt, doch — wie ich hoffe — nirgends in unritterlicher 
Weise. 

Eine Erläuterung erfordert vielleicht der Umstand, dass das 
Kapitel über den Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte so stark geworden ist. Für den Gegenstand dieses 
Buches wäre eine so breite Behandlung nicht nötig gewesen; die 
hervorragende Stellung der Juden im neunzehnten Jahrhundert 
aber, sowie die grosse Bedeutung der philo- und der 
antisemitischen Strömungen und Kontroversen für die Geschichte 
unserer Zeit erforderten unbedingt eine Beantwortung der Frage: 
wer ist der Jude? Ich fand nirgends eine klare, erschöpfende 
Beantwortung dieser Frage und war deshalb gezwungen, sie selber 
zu suchen und zu geben. Der Kernpunkt ist hier die Frage nach 
der Religion; darum habe ich gerade diesen Punkt nicht 
allein hier im fünften, sondern auch im dritten und im siebenten 
Kapitel eingehend behandelt. Denn ich bin zu der Überzeugung 
gelangt, dass die übliche Behandlung der „Judenfrage" sich 
durchwegs an der Oberfläche bewegt; der Jude ist kein Feind 
germanischer Civilisation und Kultur; Herder mag wohl mit seiner 
Behauptung Recht haben, der Jude sei uns ewig fremd, und 
folglich wir ihm ebenfalls, und Niemand wird leugnen, dass 
hieraus grosse Schädigung unseres Kulturwerkes stattfinden 
kann; doch glaube ich, dass wir geneigt sind, unsere eigenen 
Kräfte in dieser 



19 Allgemeine Einleitung. 



Beziehung sehr zu unterschätzen und den jüdischen Einfluss sehr 
zu überschätzen. Hand in Hand damit geht die geradezu 
lächerliche und empörende Neigung, den Juden zum allgemeinen 
Sündenbock für alle Laster unserer Zeit zu machen. In Wahrheit 
liegt die „jüdische Gefahr" viel tiefer; der Jude trägt keine 
Verantwortung für sie; wir haben sie selbst erzeugt und müssen 
sie selbst überwinden. Keine Seelen dürsten mehr nach Religion 
als die der Slaven, der Kelten und der Teutonen: ihre Geschichte 
beweist es; an dem Mangel einer wahren Religion krankt unsere 
ganze germanische Kultur (wie ich das im neunten Kapitel zeige), 
daran wird sie noch, wenn nicht beizeiten Hilfe kommt, zu Grunde 
gehen. Den in unserem eigenen Herzen sprudelnden Quell haben 
wir verstopft und uns abhängig gemacht von dem spärlichen, 
brackigen Wasser, das die Wüstenbeduinen aus ihren Brunnen 
ziehen. Keine Menschen der Welt sind so bettelarm an echter 
Religion, wie die Semiten und ihre Halbbrüder, die Juden; und 
wir, die wir auserkoren waren, die tiefste und erhabenste religiöse 
Weltanschauung als Licht und Leben und atemgebende Luft 
unserer gesamten Kultur zu entwickeln, wir haben uns mit 
eigenen Händen die Lebensader unterbunden und hinken als 
verkrüppelte Judenknechte hinter Jahve's Bundeslade her! Daher 
die Ausführlichkeit meines Kapitels über die Juden; es handelte 
sich darum, eine breite und sichere Grundlage für diese 
folgenschwere Erkenntnis zu gewinnen. 

Der zweite Teil — Die allmähliche Entstehung 
einer neuen Welt — hat in diesen „Grundlagen" nur ein 
einziges Kapitel: „Vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800". Hier 
befand ich mich auf einem selbst dem ungelehrten Leser ziemlich 
geläufigen Gebiete, und es wäre durchaus überflüssig gewesen, 
aus politischen Geschichten und Kulturgeschichten, die Jedem 
zugänglich sind, abzuschreiben. Meine Aufgabe beschränkte sich 
also darauf, den so überreichlich vorhandenen Stoff, den ich — 
eben als „Stoff — als bekannt voraussetzen durfte, 
übersichtlicher zu gestalten, als dies gewöhnlich geschieht, und 
zwar natürlich wiederum mit einziger Berücksichtigung des 
Gegenstandes dieses Werkes, nämlich des 19. Jahrhunderts. 
Dieses 



20 Allgemeine Einleitung. 



Kapitel steht auf der Grenze zwischen den beiden geplanten 
Werken: Manches, was in den vorangehenden Kapiteln nur 
angedeutet, nicht systematisch ausgeführt werden konnte, so z. B. 
die prinzipielle Bedeutung des Germanentums für unsere neue 
Welt und der Wert der Vorstellungen des Fortschritts und der 
Entartung für das Verständnis der Geschichte findet hier eine 
abschliessende Besprechung; dagegen eilt die kurze Skizze der 
Entwickelung auf den verschiedenen Gebieten des Lebens dem 19. 
Jahrhundert zu, und die Übersichtstafel über Wissen, Civilisation 
und Kultur und ihre verschiedenen Elemente deutet bereits auf 
das Vergleichungswerk des geplanten Anhangs hin und giebt auch 
jetzt schon zu mancher belehrenden Parallele Anlass: im selben 
Augenblick, wo wir den Germanen in seiner vollen Kraft aufblühen 
sehen, als sei ihm nichts verwehrt, als eile er einem Grenzenlosen 
entgegen, erblicken wir hierdurch zugleich seine Beschränkungen; 
und das ist sehr wichtig, denn erst durch diese letzten Züge erhält 
unsere Vorstellung von ihm volle Individualität. 

Gewissen Voreingenommenheiten gegenüber werde ich mich 
wohl dafür rechtfertigen müssen, dass ich in diesem Kapitel Staat 
und Kirche nur als Nebensache behandelt habe — richtiger 
gesagt, nur als eine Erscheinung unter anderen, und nicht als die 
wichtigste. Staat und Kirche bilden nunmehr gewissermassen nur 
den Knochenbau: die Kirche ist ein inneres Knochengerüst, in 
welchem, wie üblich, mit zunehmendem Alter eine immer stärkere 
Disposition zu chronischer Ankylosis sich zeigt; der Staat 
entwickelt sich mehr und mehr zu jenem in der Zoologie wohl 
bekannten peripherischen Knochenpanzer, dem sogenannten 
Dermoskelett, seine Struktur wird immer massiger, er dehnt sich 
immer mehr über die „Weichteile" aus, bis er zuletzt, im 19. 
Jahrhundert, zu wahrhaft megalotherischen Dimensionen 
angewachsen, einen bisher unerhört grossen Prozentsatz der 
wirksamen Kräfte der Menschheit als Militär- und Civilbeambte 
aus dem eigentlichen Lebensprozess ausscheidet und, wenn ich so 
sagen darf, „verknöchert". Das soll nicht eine Kritik sein; die 
knochen- und wirbellosen Tiere haben es bekanntlich in der Welt 



21 Allgemeine Einleitung. 



nicht weit gebracht; es liegt mir überhaupt fern, in diesem Buche 
moralisieren zu wollen, ich musste nur erklären, warum ich mich 
in der zweiten Abteilung nicht bemüssigt fand, ein besonderes 
Gewicht auf die fernere Entwickelung von Staat und Kirche zu 
legen. Der Impuls zu ihrer seitherigen Entwickelung war ja schon 
im 13. Jahrhundert vollständig ausgebildet; der Nationalismus 
hatte über den Imperialismus gesiegt, dieser brütete auf 
Wiedergewinnung des Verlorenen; grundsätzlich Neues kam nicht 
mehr hinzu; auch die Bewegungen gegen die überhandnehmende 
Vergewaltigung der individuellen Freiheit durch Kirche und Staat 
hatten damals bereits begonnen, sich sehr häufig und energisch 
fühlbar zu machen. Kirche und Staat geben, wie gesagt, von nun 
ab das — hin und wieder an Bein- und Armbrüchen leidende, 
jedoch feste — Skelett ab, haben aber an der allmählichen 
Entstehung einer neuen Welt verhältnismässig wenig Anteil; 
fortan folgen sie mehr als dass sie führen. Dagegen entsteht in 
allen Ländern Europas auf den verschiedensten Gebieten freier 
menschlicher Thätigkeit von etwa dem Jahre 1200 an eine 
wirklich neuschöpferische Bewegung. Das kirchliche Schisma und 
die Auflehnung gegen staatliche Verordnungen sind eigentlich 
mehr nur die mechanische Seite dieser Bewegung; sie entspringen 
aus dem Lebensbedürfnis der neu sich regenden Kräfte, sich 
Raum zu schaffen; das eigentlich Schöpferische ist an anderen 
Orten zu suchen. Wo, habe ich schon oben angedeutet, als ich 
meine Wahl des Jahres 1200 als Grenzpfahl zu rechtfertigen 
suchte: das Aufblühen von Technik und Industrie, die 
Begründung des Grosshandels auf der echt germanischen 
Grundlage makelloser Ehrenhaftigkeit, das Emporkommen 
emsiger Städte, die Entdeckung der Erde (wie wir kühn sagen 
dürfen), die schüchtern beginnende, bald aber ihren Horizont über 
den gesamten Kosmos ausdehnende Naturforschung, der Gang in 
die tiefsten Tiefen des menschlichen Denkens, von Roger Bacon 
bis Kant, das Himmelwärtsstreben des Geistes, von Dante bis 
Beethoven: das alles ist es, worin wir eine neue Welt im Entstehen 
erkennen dürfen. 

Die Fortsetzung 

Mit dieser Betrachtung des allmählichen Entstehens einer 
neuen Welt, etwa vom Jahre 1200 bis zum Jahre 1800, schliessen 



22 Allgemeine Einleitung. 



diese „Grundlagen". Der ausführliche Entwurf zum „19. 
Jahrhundert" liegt vor mir. In ihm weiche ich jeder künstlichen 
Schematisierung, auch jedem Versuch, in tendenziöser Weise an 
den vorangehenden Teil anzuknüpfen, sorgfältig aus. Es genügt 
nämlich fürs erste vollkommen, dass die erläuternde 
Untersuchung der ersten achtzehnhundert Jahre vorausgeschickt 
wurde; ohne dass ich häufig ausdrücklich darauf 
zurückzukommen brauche, wird sie sich als unerlässliche 
Einführung bewähren; die vergleichende Wertschätzung und 
Parallelisierung folgt dann im Anhang. Hier begnüge ich mich also 
damit, die verschiedenen wichtigsten Erscheinungen des 
Jahrhunderts nacheinander zu betrachten: die Hauptzüge der 
politischen, religiösen und sozialen Gestaltung, den 
Entwickelungsgang der Technik, der Industrie und des Handels, 
die Fortschritte der Naturwissenschaft und der Humanitäten, 
zuletzt die Geschichte des menschlichen Geistes in seinem 
Denken und Schaffen, indem überall natürlich nur die 
Hauptströmungen hervorgehoben und einzig die Gipfelpunkte 
berührt werden. 

Ein Kapitel schickte ich jedoch diesen Betrachtungen voraus, 
ein Kapitel über die „neuen Kräfte", welche sich in diesem 
Jahrhundert geltend gemacht und ihm seine charakteristische 
Physiognomie verliehen haben, die aber in dem Rahmen eines der 
allgemeinen Kapitel nicht zur rechten Geltung kommen können. 
Die Presse zum Beispiel ist zugleich eine politische und 
eine soziale Macht allerersten Ranges; ihre riesige Entwickelung 
im neunzehnten Jahrhundert hängt jedoch auf das allerengste mit 
Industrie und Technik zusammen, nicht so sehr, meine ich, in 
Bezug auf die Herstellung der Zeitungen durch schnell arbeitende 
Maschinen u. s. w., als vielmehr durch die elektrische Telegraphie, 
welche den Blättern die Nachrichten bringt, und die Eisenbahnen, 
welche die gedruckte Nachricht überallhin verbreiten; die Presse 
ist der mächtigste Bundesgenosse des Kapitalismus; auf Kunst, 
Philosophie und Wissenschaft kann sie zwar nicht im letzten 
Grund bestimmenden Einfluss ausüben, sie vermag es aber auch 
hier, beschleunigend oder verzögernd und somit auf die Zeit in 
hohem Masse gestaltend zu wirken. Es ist dies eine Kraft, welche 
die früheren Jahrhunderte nicht gekannt haben. Gleicherweise 



23 Allgemeine Einleitung. 



hat eine neue Technik, die Erfindung und Vervollkommnung der 
Eisenbahn und des Dampfschiffes, sowie der 
elektrischen Telegraphie einen schwer abzuschätzenden 
Einfluss auf alle Gebiete menschlicher Thätigkeit ausgeübt und 
die Physiognomie und Lebensbedingungen unserer Erde tief 
umgestaltet: ganz direkt ist hier die Wirkung auf die Strategik und 
dadurch auf die gesamte Politik, sowie auch auf den Handel und 
auf die Industrie, indirekt werden aber sogar Wissenschaft und 
Kunst davon betroffen: mit leichter Mühe begeben sich die 
Astronomen aller Länder an das Nordkap oder nach den 
Fidschiinseln, um eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten, 
und die deutschen Bühnenfestspiele in Bayreuth sind gegen 
Schluss des Jahrhunderts, Dank der Eisenbahn und dem 
Dampfschiff, zu einem lebendigen Mittelpunkt der dramatischen 
Kunst für die ganze Welt geworden. Ebenfalls hierzu rechne ich 
die Emanzipation der Juden. Wie jede neu 
entfesselte Kraft, wie die Presse und der Schnellverkehr, hat wohl 
dieser plötzliche Einbruch der Juden in das Leben der die 
Weltgeschichte tragenden europäischen Völker nicht bloss Gutes 
im Gefolge gehabt; die sogenannte klassische Renaissance war 
doch bloss eine Wiedergeburt von Ideen, die jüdische Renaissance 
ist dagegen die Wiederauferstehung eines längst totgeglaubten 
Lazarus, welcher Sitten und Denkarten der orientalischen Welt in 
die germanische hineinträgt und dabei einen ähnlichen 
Aufschwung nimmt wie einst die Reblaus, die in Amerika das 
wenig beachtete Dasein eines unschuldigen Käferchens geführt 
hatte, nach Europa übergeführt jedoch plötzlich zu einem nicht 
ganz unbedenklichen Weltruhme gelangte. Wir dürfen aber wohl 
hoffen und glauben, dass die Juden, wie die Amerikaner, uns 
nicht bloss ein neue Laus, sondern auch eine neue Rebe 
mitgebracht haben. Gewiss ist, dass sie unserer Zeit ein 
besonderes Gepräge aufgedrückt haben, und dass die im 
Entstehen begriffene „neue Welt" für das Werk der Assimilation 
dieses Stückes „alter Welt" einen bedeutenden Kraftaufwand 
benötigen wird. Es giebt noch andere „neue Kräfte", die an Ort 
und Stelle zu behandeln sein werden, so z. B. ward die 
Begründung der modernen Chemie der 



24 Allgemeine Einleitung. 



Ausgangspunkt für eine neue Naturwissenschaft, und die 
Vollendung einer neuen künstlerischen Sprache durch 
Beethoven ist ohne Frage eine der folgenreichsten Thaten 
auf dem Gebiete der Kunst seit den Tagen Homer's: sie schenkte 
dem Menschen ein neues Sprachorgan, d. h. eine neue Kraft. 

Der Anhang soll, wie gesagt, dem 

Vergleichungswerk zwischen dem ersten und dem 
zweiten Buche dienen. Diese Parallelisierung führe ich Punkt für 
Punkt, mit Benützung des Schemas des ersten Teils, in mehreren 
Kapiteln durch; man wird, glaube ich, finden, dass diese 
Betrachtungsweise zu vielen und interessanten Anregungen und 
Einsichten führt. Ausserdem bereitet sie ganz vorzüglich auf den 
etwas gewagten, aber unentbehrlichen Blick in die 
Zukunft vor, ohne welchen die Volle Plastizität der 
Vorstellung nicht zu erwirken wäre; erst dann kann man auch 
hoffen, das 19. Jahrhundert mit der nötigen, vollkommenen 
Objektivität beurteilen, und, sozusagen, aus der Vogelperspektive 
erschauen zu können, womit zugleich meine Aufgabe zu Ende 
geführt sein wird. 

Dies also die höchst einfache, ungekünstelte Anlage der 
Fortsetzung. Es handelt sich da um ein Vorhaben, dessen 
Ausführung ich vielleicht nicht erleben werde, doch musste ich es 
hier erwähnen, da es die Gestaltung des vorliegenden Buches 
wesentlich beeinflusst hat. 

Anonyme Kräfte 

Über einige prinzipiell wichtige Punkte muss ich mich noch hier 
in der allgemeinen Einleitung kurz aussprechen, damit wir nicht 
später, an unpassendem Orte, durch theoretische Erörterungen 
aufgehalten werden. 

Fast alle Menschen sind von Natur „Heldenverehrer"; gegen 
diesen gesunden Instinkt lässt sich nichts Stichhaltiges 
einwenden. Einmal ist die Vereinfachung ein unab weisliches 
Bedürfnis des Menschengeistes, so dass wir unwillkürlich dazu 
gedrängt werden, an die Stelle der vielen Namen, welche Träger 
irgend einer Bewegung waren, einen einzigen Namen zu setzen; 
weiterhin ist die Person etwas Gegebenes, Individuelles, 
Abgegrenztes, während alles, was weiter liegt, bereits eine 
Abstraktion und 



25 Allgemeine Einleitung. 



einen Begriffskreis von schwankendem Umfang bedeutet. Man 
könnte darum die Geschichte eines Jahrhunderts aus lauter 
Namen zusammensetzen: ich weiss aber nicht, ob ein anderes 
Verfahren nicht geeigneter ist, das wahrhaft Wesentliche zum 
Ausdruck zu bringen. Es ist nämlich auffallend, wie unendlich 
wenig die einzelnen Individualitäten sich im Allgemeinen 
voneinander abheben. Die Menschen bilden innerhalb ihrer 
verschiedenen Rassenindividualitäten eine atomistische, 
nichtsdestoweniger aber sehr homogene Masse. Neigte sich ein 
grosser Geist von den Sternen aus beschaulich über unsere Erde, 
und wäre er im Stande, nicht nur unsere Körper, sondern auch 
unsere Seelen zu erblicken, so würde ihm sicherlich die 
Menschheit irgend eines Weltteiles so einförmig dünken, wie uns 
ein Ameisenhaufen: er würde wohl Krieger, Arbeiter, Faulenzer 
und Monarchen unterscheiden, er würde bemerken, dass die 
einen hierin, die anderen dorthin rennen, im Grossen und Ganzen 
aber würde er doch den Eindruck erhalten, dass sämtliche 
Individuen einem gemeinsamen, unpersönlichen Impuls 
gehorchen und gehorchen müssen. Nicht nur der Willkür, sondern 
ebenfalls dem Einfluss der grossen Persönlichkeit sind äusserst 
enge Schranken gesetzt. Alle grossen und dauernden 
Umwälzungen im Leben der Gesellschaft haben „blind" 
stattgefunden. Eine ausserordentliche Persönlichkeit, wie z. B. die 
Napoleon' s, kann hierüber irreführen, und doch erscheint gerade 
sie, bei näherer Betrachtung, als ein blind waltendes Fatum. Ihre 
Möglichkeit entsteht aus früheren Vorgängen: ohne Richelieu, 
ohne Ludwig XIV., ohne Ludwig XV., ohne Voltaire und Rousseau, 
ohne französische Revolution kein Napoleon! Wie eng verwachsen 
ist ausserdem die Lebensthat eines solchen Mannes mit dem 
Nationalcharakter des gesamten Volkes, mit seinen Eigenschaften 
und seinen Fehlern: ohne ein französisches Volk kein Napoleon! 
Die Thätigkeit dieses Feldherrn ist aber vor allem eine Thätigkeit 
nach aussen, und da müssen wir wieder sagen: ohne die 
Unschlüssigkeit Friedrich Wilhelm's III., ohne die 
Gesinnungslosigkeit des Hauses Habsburg, ohne die Wirren in 
Spanien, ohne das vorangegangene Verbrechen gegen Polen 



26 Allgemeine Einleitung. 



kein Napoleon! Und suchen wir nun, um vollends über diesen 
Punkt klar zu werden, in den Lebensschilderungen und in der 
Korrespondenz Napoleon' s, was er gewollt und erträumt hat, so 
sehen wir, dass er nichts davon erreichte, und dass er in die 
ununterschiedliche, homogene Masse zurücksank, wie Wolken 
nach einem Gewitter sich auflösen, sobald die Gesamtheit sich 
gegen das Vorherrschen individuellen Wollens erhob. Dagegen hat 
die gründliche, durch keine Gewalt der Erde rückgängig zu 
machende Verwandlung unserer gesamten wirtschaftlichen 
Lebensverhältnisse, der Übergang eines bedeutenden Teiles des 
Vermögens der Nationen in neue Hände, und ausserdem die 
durchgreifendste Umbildung des Verhältnisses aller Erdteile und 
somit auch aller Menschen zueinander, von der die Weltgeschichte 
zu erzählen weiss, im Laufe des 19. Jahrhunderts durch eine 
Reihe von technischen Erfindungen auf dem Gebiete des 
Schnellverkehrs und der Industrie stattgefunden, ohne dass 
irgend jemand die Bedeutung dieser Neuerungen auch nur geahnt 
hätte. Man lese nur in Bezug hierauf die meisterliche Darlegung 
im fünften Band von Treitschke's Deutscher Geschichte. Die 
Entwertung des Grundbesitzes, die progressive Verarmung des 
Bauern, der Aufschwung der Industrie, die Entstehung eines 
unabsehbaren Heeres von gewerblichen Proletariern und somit 
auch einer neuen Gestaltung des Sozialismus, eine tiefgreifende 
Umwälzung aller politischen Verhältnisse: alles das ist eine Folge 
der veränderten Verkehrsbedingungen und alles das ist, wenn ich 
so sagen darf, anonym geschehen, wie der Bau eines 
Ameisennestes, bei welchem jede Ameise nur die einzelnen 
Körnchen sieht, die sie mühsam herbeischleppt. — Ähnliches gilt 
aber auch von Ideen: sie ergreifen die Menschheit mit 
gebieterischer Macht, sie umspannen das Denken wie ein 
Raubvogel seine Beute, Keiner kann sich ihrer erwehren; solange 
eine solche besondere Vorstellung herrscht, kann nichts 
Erfolgreiches ausserhalb ihres Bannkreises geleistet werden; wer 
nicht in dieser Weise zu empfinden vermag, ist zur Sterilität 
verdammt, und sei er noch so begabt. So ging es in der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Entwickelungstheorie 
Darwin's. Schon im 18. Jahrhundert dämmerte diese Idee auf, 



27 Allgemeine Einleitung. 



als natürliche Reaktion gegen die alte, durch Linnäus zur 
formellen Vollendung gelangte Anschauung von der 
Unveränderlichkeit der Arten. Bei Herder, bei Kant und bei Goethe 
treffen wir den Evolutionsgedanken in charakteristischer Färbung 
an; es ist ein Abschütteln des Dogmas seitens hervorragender 
Geister: seitens des einen, weil er, dem Zuge germanischer 
Weltanschau- ung folgend, die Entwickelung des Begriffes „Natur" 
zu einem den Menschen umfassenden Ganzen erstrebte, seitens 
des anderen, weil er als Metaphysiker und Moralist sich die 
Vorstellung der Perfektibilität nicht konnte rauben lassen, währen 
der Dritte mit dem Auge des Poeten auf allen Seiten Züge 
entdeckte, die ihm auf Wesensverwandtschaft aller lebenden 
Organismen zu weisen schienen, und er fürchten musste, seine 
Einsicht in ein abstraktes Nichts sich verflüchtigen zu sehen, 
sobald diese Verwandtschaft nicht als eine auf unmittelbarer 
Abstammung beruhende aufgefasst würde. Das sind die Anfänge 
solcher Gedanken. In Geistern so phänomenalen Umfanges wie 
Goethe, Herder und Kant ist für sehr verschiedene Anschauungen 
nebeneinander Platz; sie sind dem Gotte Spinozas zu vergleichen, 
dessen eine Substanz sich zu gleicher Zeit in verschiedenen 
Formen äussert; in ihren Ideen über Metamorphose, Homologien 
und Entwickelung kann ich keinen Widerspruch mit anderen 
Einsichten finden und ich glaube, sie hätten unser heutiges 
Evolutionsdogma ebenso verworfen, wie dasjenige der 
Unabänderlichkeit. 1 ) Ich komme an anderem Orte hierauf zurück. 
Die 



*) Man vergleiche hierzu die klassisch vollendete Ausführung Kant's, welche 
den Schlussabsatz des Abschnittes „Von dem regulativen Gebrauche der Ideen 
der reinen Vernunft" in der Kritik der reinen Vernunft bildet. Der grosse Denker 
weist hier darauf hin, wie die Annahme einer „kontinuierlichen Stufenleiter 
der Geschöpfe" aus einem Interesse der Vernunft, doch nie 
und nimmer aus der Beobachtung hervorgehe. „Die Sprossen einer solchen 
Leiter, so wie sie uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit 
auseinander, und unsere vermeintlich kleinen 
Unterschiede sind gemeiniglich in der Natur 
selbst so weite Klüfte, dass auf solche Beobachtungen 
(vornehmlich bei einer grossen Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer 
leicht sein 



28 Allgemeine Einleitung. 



überwiegende Mehrzahl der ameisenartig emsigen Menschen ist 
nun gänzlich unfähig, sich zu solcher genialen Anschauungsweise 
zu erheben; produktive Kraft kann in weiten Schichten nur durch 
die Einfachheit gesunder Einseitigkeit erzeugt werden. Ein 
handgreiflich unhaltbares System wie dasjenige Darwin' s übt eine 
weit kräftigere Wirkung aus als die tiefsten Spekulationen, und 
zwar gerade seiner „Handgreiflichkeit" wegen. Und so haben wir 
den Entwickelungsgedanken sich selbst „entwickeln" sehen, bis er 
sich von der Biologie und Geologie aus auf alle Gebiete des 
Denkens und des Forschens erstreckt hat und, von seinen 
Erfolgen berauscht, eine derartige Tyrannei ausübte, dass, wer 
nicht bedingungslos zu ihm schwor, als totgeboren zu erachten 
war. — Die Philosophie aller dieser Erscheinungen geht mich hier 
nichts an; ich zweifle nicht, dass der Geist der Gesamtheit sich in 
zweckmässiger Weise äussert. Ich darf aber Goethe' s Wort mir zu 
eigen machen: „Was sich mir vor Allem aufdringt, ist das Volk, 
eine grosse Masse, ein notwendiges, unwillkürliches Dasein", und 
hierdurch meine Überzeugung begründen und erklären, dass 
grosse Männer wohl die Blüten der Geschichte sind, jedoch 
nicht ihre Wurzeln. Darum halte ich es für geboten, ein 
Jahrhundert weniger durch die Aufzählung seiner bedeutendsten 
Männer, als durch Hervorhebung der anonymen Strömungen zu 
schildern, welche ihm auf den verschiedensten Gebieten des 
sozialen, des industriellen und des wissenschaftlichen Lebens ein 
besonderes, eigenartiges Gepräge verliehen haben. 

Das Genie 

Jedoch es giebt eine Ausnahme. Sobald nicht mehr die bloss 
beobachtende, vergleichende, berechnende, oder die bloss 
erfindende, industrielle, den Kampf ums Leben führende 
Geistesthätigkeit, sondern die rein schöpferische in Betracht 
kommt, da 



muss, gewisse Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden), als Absichten 
der Natur gar nichts zu rechnen ist" u. s. w. In seinen Recensionen 
über Herder wirft er der Evolutionshypothese vor, sie sei eine jener Ideen, „bei 
denen sich gar nichts denken lässt". Kant, den selbst ein Haeckel „den 
bedeutendsten Vorläufer" Darwin's nennt, hatte also zugleich das Antidot 
gegen den dogmatischen Missbrauch einer derartigen Hypothese gereicht. 



29 Allgemeine Einleitung. 



gilt die Persönlichkeit allein. Die Geschichte der Kunst und der 
Philosophie ist die Geschichte einzelner Männer, nämlich der 
wirklich schöpferischen Genies. Alles übrige zählt hier nicht. 
Was innerhalb des Rahmens der Philosophie sonst geleistet wird, 
und es wird da Vieles und Bedeutendes geleistet, gehört zur 
„Wissenschaft"; in der Kunst gehört es zum Kunstgewerbe, also 
zur Industrie. 

Ich lege umsomehr Gewicht hierauf, als eine bedauerliche 
Konfusion heute gerade in dieser Beziehung herrscht. Der Begriff 
und damit auch das Wort Genie kamen im achtzehnten 
Jahrhundert auf; sie entsprangen aus dem Bedürfnis, für die 
spezifisch schöpferischen Geister einen besonderen, 
kennzeichnenden Ausdruck zu besitzen. Nun macht aber kein 
geringerer als Kant darauf aufmerksam, dass „der grösste Erfinder 
im Wissenschaftlichen sich nur dem Grade nach vom 
gewöhnlichen Menschen unterscheidet, das Genie dagegen 
spezifisch". Diese Bemerkung Kant's ist zweifellos richtig, unter 
dem einen Vorbehalt, dass wir — was auch unerlässlich ist — den 
Begriff des Genialen auf jede Schöpfung ausdehnen, in welcher die 
Phantasie eine gestaltende, vorwiegende Rolle spielt, und in dieser 
Beziehung verdient das philosophische Genie denselben Platz wie 
das dichterische oder plastische; wobei ich das Wort Philosophie 
in seiner alten, weiten Bedeutung verstanden wissen will, welche 
nicht allein die abstrakte Vernunftphilosophie, sondern die 
Naturphilosophie, die Religionsphilosophie und jedes andere zu 
der Höhe einer Weltanschauung sich erhebende Denken begriff. 
Soll das Wort Genie einen Sinn behalten, so dürfen wir es nur auf 
Männer anwenden, die unser geistiges Besitztum durch 
schöpferische Erfindungen ihrer Phantasie dauernd bereichert 
haben; dafür aber alle solche. Nicht allein die Rias und der 
gefesselte Prometheus, nicht allein die Andacht zum Kreuze und 
Hamlet, auch Plato's Ideenwelt und Demokrit's Welt der Atome, 
das tat-twam-asi der Upanishaden und das System des Himmels 
des Kopernikus sind Werke des unvergänglichen Genies; denn 
eben so unzerstörbar wie Stoff und wie Kraft sind die 
Blitzstrahlen, welche aus dem Gehirn der mit Schöpferkraft 



30 Allgemeine Einleitung. 



begabten Männer hervorleuchten; die Generationen und die 
Völker spiegeln sie sich fortwährend gegenseitig zu, und, 
verblassen sie auch manchmal vorübergehend, von Neuem 
leuchten sie hell auf, sobald sie wieder auf ein schöpferisches 
Auge fallen. In den letzten Jahren hat man entdeckt, dass es in 
jenen Meerestiefen, zu denen das Sonnenlicht nicht dringt, Fische 
giebt, welche diese nächtige Welt auf elektrischem Wege 
erleuchten; ebenso wird die dunkle Nacht unserer menschlichen 
Erkenntnis durch die Fackel des Genies erhellt. Goethe zündete 
uns mit seinem Faust eine Fackel an, Kant eine andere durch 
seine Vorstellung von der transscendentalen Idealität von Zeit und 
Raum: beide waren phantasiemächtige Schöpfer, beide Genies. 
Der Schulstreit über den Königsberger Denker, die Schlachten 
zwischen Kantianern und Antikantianern dünken mich ebenso 
belangreich wie der Eifer der Faustkritiker: was sollen hier die 
logischen Tüfteleien? was bedeutet hier „Recht haben"? Selig 
diejenigen, welche Augen zum Sehen und Ohren zum Hören 
haben! Erfüllt uns das Studium des Gesteines, des Mooses, des 
mikroskopischen Infusoriums mit staunender Bewunderung, mit 
welcher Ehrfurcht müssen wir da nicht zu jenem höchsten 
Phänomen hinaufblicken, welches die Natur uns darbietet, zum 
Genie! 

Verallgemeinerungen 

Noch eine prinzipiell nicht unwichtige Bemerkung muss ich 
hier anknüpfen. Sollen uns auch die allgemeinen Tendenzen, 
nicht die Ereignisse und die Personen vorzüglich beschäftigen, so 
darf dabei die Gefahr zu weit gehender Verallgemeinerungen nicht 
aus dem Auge verloren werden. Zu einem voreiligen Summieren 
sind wir nur allzu geneigt. Das zeigt sich in der Art und Weise, wie 
man dem 19. Jahrhundert eine Etikette um den Hals zu hängen 
pflegt, während es doch gewiss unmöglich ist, durch ein einziges 
Wort uns selber und der Vergangenheit gerecht zu werden. Eine 
derartige fixe Idee genügt, um das Verständnis des 
geschichtlichen Werdens unmöglich zu machen. 

Ganz allgemein wird z. B. das 19. Jahrhundert das 
„Jahrhundert der Naturwissenschaft" 
genannt. Wer sich nun vergegenwärtigt, was das 16., 17 und 18. 
Jahrhundert gerade auf diesem Gebiete geleistet haben, wird sich 
wohl be- 



31 Allgemeine Einleitung. 



denken, ehe er so ohne Weiteres dem 19. den Titel: „das 
naturwissenschaftliche Jahrhundert" verleiht. Wir haben nur 
weiter ausgebaut und durch Fleiss gar vieles entdeckt; ob wir aber 
auf einen Kopernikus und einen Galilei, auf einen Kepler und 
einen Newton, auf einen Lavoisier und einen Bichat 1 ) hinweisen 
können, erscheint mir mindestens zweifelhaft. Cuvier's Thätigkeit 
erreicht freilich die Würde philosophischer Bedeutung, und die 
Beobachtungs- und Erfindungsgabe von Männern wie Bunsen 
(der Chemiker) und Pasteur streift an das Geniale; von 
unvergänglicher Bedeutung sind Louis Agassiz, Michael Faraday, 
Julius Robert Mayer, Heinrich Hertz und vielleicht noch einige 
andere; man wird aber mindestens zugeben müssen, dass ihre 
Leistungen die ihrer Vorgänger nicht übertreffen. Vor etlichen 
Jahren sagte mir ein sowohl durch theoretische wie durch 
praktische Arbeiten rümlichst bekannter Hochschullehrer der 
medizinischen Fakultät: „Bei uns Gelehrten kommt es nunmehr 
viel weniger auf die Gehirnwindungen an als auf das 
Sitzfleisch." Es hiesse nun wirklich zu bescheiden sein 
und den Nachdruck auf das Nebensächliche legen, wenn wir das 
19. Jahrhundert als das Jahrhundert des 
Sitzfleisches bezeichnen wollten! Um so mehr, als die 
Benennung als Jahrhundert des rollenden 
Rades jedenfalls mindestens ebenso berechtigt wäre für ein 
Zeit, welche die Eisenbahn und das Zweirad hervorgebracht hat. 
Besser wäre jedenfalls der allgemein gehaltene Name: 
Jahrhundert der Wissenschaft, worunter man 
zu verstehen hätte, dass der Geist exakter Forschung, von Roger 
Bacon zuerst kategorisch gefordert, nunmehr alle Disziplinen 
unterjocht hat. Dieser Geist hat aber, wohl betrachtet, zu weniger 
überraschenden Resultaten auf dem Gebiete der 
Naturwissenschaft geführt, wo ja seit uralten Zeiten die exakte 
Beobachtung der Gestirne die Grundlage alles Wissens bildete, als 
auf anderen Gebieten, wo bisher die Willkür ziemlich 
unumschränkt geherrscht hatte. Vielleicht hiesse es etwas 
Wahres, für das 19. Jahrhundert besonders Kennzeichnendes 



x ) Er starb 1802. 



32 Allgemeine Einleitung. 



sagen, zugleich etwas den meisten Gebildeten wenig Bekanntes, 
wenn man von einem Jahrhundert der Philologie 
spräche. Gegen schluss des 18. Jahrhunderts, von solchen 
Männern wie Jones, Anquetil du Perron, den Gebrüdern Schlegel 
und Grimm, Karadzi? und anderen zuerst ins Leben gerufen, hat 
die vergleichenden Philologie im Laufe eines einzigen 
Jahrhunderts eine unvergleichliche Bahn durchschritten. Den 
Organismus und die Geschichte der Sprache ergründen heisst 
nicht allein Licht auf Anthropologie, Ethnologie und Geschichte 
werfen, sondern geradezu das menschliche Denken zu neuen 
Thaten stärken. Und während so die Philologie des 19. 
Jahrhunderts für die Zukunft arbeitete, hob sie verschüttete 
Schätze der Vergangenheit, die fortan zu den kostbarsten Gütern 
der Menschheit gehören. Man braucht nicht Sympathie für den 
pseudobuddhistischen Sport halbgebildeter Müssiggänger zu 
empfinden, um klar zu erkennen, dass die Entdeckung der 
altindischen Erkenntnis-Theologie eine der grössten Thaten des 
19. Jahrhunderts ist, bestimmt, eine nachhaltige Wirkung auf 
ferne Zeiten auszuüben. Dazu kam die Kenntnis altgermanischer 
Dichtung und Mythologie. Jede Kräftigung der echten Eigenart ist 
ein wahrer Rettungsanker. Die glänzende Reihe der Germanisten 
und ebenso die der Indologen hat, halb unbewusst, eine grosse 
That im rechten Augenblick vollbracht; jetzt besitzen auch wir 
unsere „heiligen Bücher", und was sie lehren, ist 
schöner und edler als was das alte Testament berichtet. Der 
Glaube an unsere Kraft, den wir aus der Geschichte von 19. 
Jahrhunderten schöpfen, hat eine unermesslich wertvolle 
Bereicherung durch diese Entdeckung unserer selbständigen 
Fähigkeit zu vielem Höchsten erfahren, in Bezug auf welches wir 
bisher in einer Art Lehnverhältnis standen: namentlich ist die 
Fabel von der besonderen Befähigung der Juden für die 
Religion endgültig vernichtet; hierfür werden spätere 
Geschlechter jenem Jahrhundert dankbar sein. Diese Thatsache 
ist eine der grossen, weitestreichenden Erfolge unserer Zeit, daher 
hätte die Benennung Jahrhundert der Philologie eine gewisse 
Berechtigung. Hiermit haben wir nun auch eine andere der 
charakteristischen Erscheinungen 



33 Allgemeine Einleitung. 



des 19. Jahrhunderts erwähnt. Ranke hatte vorausgesagt, unser 
Jahrhundert werde ein Jahrhundert der 
Nationalität sein; das war ein zutreffendes politisches 
Prognistikon, denn niemals zuvor haben sich die Nationen so sehr 
als fest abgeschlossene, feindliche Einheiten einander gegenüber 
gestanden. Es ist aber auch ein Jahrhundert der 
Rassen geworden, und zwar ist das zunächst eine notwendige 
und unmittelbare Folge der Wissenschaft und des 
wissenschaftlichen Denkens. Ich habe schon zu Beginn dieser 
Einleitung behauptet, die Wissenschaft eine nicht, sondern 
zergliedere; das hat sich auch hier bewährt. Die wissenschaftliche 
Anatomie hat die Existenz von physischen unterscheidenden 
Merkmalen zwischen den Rassen erwiesen, sodass sie nicht mehr 
geleugnet werden können, die wissenschaftliche Philologie hat 
zwischen den verschiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen 
aufgedeckt, die nicht zu überbrücken sind, die wissenschaftliche 
Geschichtsforschung hat in ihren verschiedenen Zweigen zu 
ähnlichen Resultaten geführt, namentlich durch die genaue 
Feststellung der Religionsgeschichte einer jeden Rasse, wo nur die 
allerallgemeinsten Ideen den täuschenden Schein der 
Gleichmässigkeit erwecken, die Weiterentwickelung aber stets 
nach bestimmten, scharf voneinander abweichenden Richtungen 
stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Die sogenannte 
„Einheit der menschlichen Rasse" bleibt zwar als Hypothese noch 
in Ehren, jedoch nur als eine jeder materiellen Grundlage 
entbehrende, persönliche, subjektive Überzeugung. Im Gegensatz 
zu den gewiss sehr edlen, aus reinster Sentimentalität 
hervorgequollenen Weltverbrüderungsideen des 18. Jahrhunderts, 
in welchen die Sozialisten als Hintertreffen noch heute 
nachhinken, hat sich allmählich die starre Wirklichkeit als 
notwendiges Ergebnis der Ereignisse und der Forschungen 
unserer Zeit erhoben. Manche andere Benennung könnte vieles zu 
ihrer Rechtfertigung anführen: Rousseau hatte schon prophetisch 
von einem „Siecle des Revolutions" gesprochen, Andere reden wohl 
von einem Jahrhundert der Judenemanzipation, Jahrhundert der 
Elektrizität, Jahrhundert der Volksarmeen, Jahrhundert der 
Kolonien, Jahrhundert der Musik, Jahr- 



34 Allgemeine Einleitung. 



hundert der Reklame, Jahrhundert der Unfehlbarkeitserklärung. 
— — — Kürzlich fand ich in einem englischen Buche das 19. 
Jahrhundert als the religious Century bezeichnet und konnte dem 
Manne nicht ganz unrecht geben; für Beer, den Verfasser der 
Geschichte des Welthandels, ist das 19. Jahrhundert „das 
ökonomische", wogegen Prof. Paulsen es in seiner Geschichte des 
gelehrten Unterrichts (2. Aufl. II, 206), das saeculum historicum im 
Gegensatz zu dem vorausgegangenen saeculum philosophicum 
nennt, und Goethe's Ausdruck „ein aberweises Jahrhundert" sich 
auf das 19. ebenso gut wie auf das 18. anwenden Hesse. Einen 
ernstlichen Wert besitzt gar keine solche Verallgemeinerung. 

Das 19. Jahrhundert 

Hiermit gelange ich zum Schlüsse dieser allgemeinen 
Einleitung. Ehe ich aber den Schlussstrich ziehe, möchte ich mich 
noch, einer alten Gewohnheit gemäss, unter den Schutz hoch- 
verehrter Männer stellen. 

Lessing schreibt in seinen Briefen, die neueste Litteratur 
betreffend, die Geschichte solle sich „nicht bei unwichtigen 
Thatsachen aufhalten, nicht das Gedächtnis beschweren, sondern 
den Verstand erleuchte n". In dieser Allgemeinheit 
besagt wohl der Satz zu viel. Für ein Buch aber, welches sich 
nicht an Historiker, sondern an die gebildete Laienwelt wendet, 
gilt er uneingeschränkt. Den Verstand erleuchten, nicht eigentlich 
belehren, sondern anregend wirken, Gedanken und Entschlüsse 
wecken, das wäre es, wie ich gern leisten möchte. 

Goethe fasst die Aufgabe der Geschichtsschreibung etwas 
abweichend von Lessing auf, er sagt: „Das Beste, was wir von der 
Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie 
erregt." Auch dieser Worte bin ich bei meiner Arbeit eingedenk 
geblieben, denn ich bin der Überzeugung, dass Verstand, und sei 
er noch so hell erleuchtet, wenig ausrichtet, ist er nicht mit 
Enthusiasmus gepaart. Der Verstand ist die Maschine; je 
vollkommener jede Einzelheit an ihr, je zielbewusster alle Teile 
ineinander greifen, um so leistungsfähiger wird sie sein, — aber 
doch nur virtualiter, denn, um getrieben zu werden, bedarf sie 



35 Allgemeine Einleitung. 



noch der treibenden Kraft, und diese ist die Begeisterung. Es 
dürfte nun zunächst schwer fallen, dem Winke Goethe's folgend, 
sich für das 19. Jahrhundert besonderes zu erwärmen, schon 
deswegen, weil die Eigenliebe etwas so Verächtliches ist; wir 
wollen uns streng prüfen und uns lieber unter- als überschätzen; 
mag die Zukunft milder urteilen. Ich finde es auch deswegen 
schwer, mich dafür zu begeistern, weil das Stoffliche in diesem 
Jahrhundert so sehr vorwiegt. Genau so wie unsere Schlachten 
zumeist nicht mehr durch die persönliche Vortrefflichkeit 
Einzelner, sondern durch die Zahl der Soldaten, oder noch 
einfacher gesagt, durch die Menge des Kanonenfutters gewonnen 
worden sind, genau ebenso hat man Schätze an Gold und Wissen 
und Erfindungen zusammengetragen. Alles ist immer zahlreicher, 
massiger, vollständiger, unübersichtlicher geworden, man hat 
gesammelt, aber nicht gesichtet; d. h. es ist dies die allgemeine 
Tendenz gewesen. Das 19. Jahrhundert ist wesentlich ein 
Jahrhundert des Anhäufens von Material, des 

Durchgangsstadiums, des Provisorischen; in anderen 
Beziehungen ist es weder Fisch noch Fleisch; es pendelt zwischen 
Empirismus und Spiritismus, zwischen dem Liberalismus vulgaris, 
wie man ihn witzig genannt hat, und den impotenten Versuchen 
seniler Reaktionsgelüste, zwischen Autokratie und Anarchismus, 
zwischen Unfehlbarkeitserklärungen und stupidestem 

Materialismus, zwischen Judenanbetung und Antisemitismus, 
zwischen Millionärwirtschaft und Proletarierpolitik. Nicht die 
Ideen sind im 19. Jahrhundert das Charakteristische, sondern die 
materiellen Errungenschaften. Die grossen Gedanken, die hier 
und da sich geregt haben, die gewaltigen Kunstschöpfungen, die 
von Faust' s zweitem Teil bis Parsifal dem deutschen Volk zu 
ewigem Ruhme entstanden sind, strebten hinaus in künftige 
Zeiten. Nach grossen, sozialen Umwälzungen und nach 
bedeutenden geistigen Errungenschaften (am Abend des 18. und 
am frühen Morgen des 19. Jahrhunderts) musste wieder Stoff 
gesammelt werden zu weiterer Entwickelung. Hierbei — bei dieser 
vorwiegenden Befangenheit im Stofflichen — schwand das 
Schöne aus unserem Leben fast ganz; es existiert vielleicht in 
diesem Augenblick kein wildes, jedenfalls kein halbcivilisiertes 



36 Allgemeine Einleitung. 



Volk, welches nicht mehr Schönes in seiner Umgebung und mehr 
Harmonie in seinem Gesamtdasein besässe, als die grosse Masse 
der sogenannten kultivierten Europäer. In der enthusiastischen 
Bewunderung des 19. Jahrhunderts ist es darum, glaube ich, 
geboten, Mass zu halten. Leicht ist es dagegen, den von Goethe 
empfohlenen Enthusiasmus zu empfinden, sobald der Blick nicht 
auf dem einen Jahrhundert allein ruhen bleibt, sondern die 
gesamte Entwickelung der seit einigen Jahrhunderten im 
Entstehen begriffenen „neuen Welt" umfasst. Gewiss ist der 
landläufige Begriff des „Fortschrittes" kein philosophisch wohl 
begründeter; unter dieser Flagge segelt fast die ganze Bafelware 
unserer Zeit; Goethe, der nicht müde wird, auf die Begeisterung 
als das treibende Element in unserer Natur hinzuweisen, spricht 
es nichtsdestoweniger als seine Überzeugung aus: „Klüger und 
einsichtiger werden die Menschen, aber besser, glücklicher und 
thatkräftiger nicht, oder nur auf Epochen." 1 ) Was für ein 
erhebenderes Gefühl kann es aber geben, als das, mit 
Bewusstsein einer solchen Epoche entgegenzuarbeiten, in welcher, 
wenn auch nur vorübergehend, die Menschen besser, glücklicher 
und thatkräftiger sein werden? Und wenn man das 19. 
Jahrhundert nicht isoliert betrachtet, sondern als einen 
Bestandteil eines weit grösseren Zeitlaufs, so entdeckt man bald, 
dass aus der Barbarei, welche auf den Zusammensturz der alten 
Welt folgte, und aus der wilden Gährung, die der Zusammenstoss 
einander widerstrebender Kräfte hervorrief, sich vor etlichen 
Jahrhunderten eine vollkommen neue Gestaltung der 
menschlichen Gesellschaft zu entwickeln begann, und dass 
unsere heutige Welt — weit entfernt den Gipfel dieser Evolution zu 
bedeuten — einfach ein Durchgangsstadium, eine „mittlere Zeit", 
auf dem weiten und mühsamen Wege darstellt. Wäre das 19. 
Jahrhundert wirklich ein Gipfelpunkt, dann wäre die 
pessimistische Ansicht die einzige berechtigte: nach allen grossen 
Errungenschaften auf geistigem und materiellem Gebiete die 
bestialische Bosheit noch so verbreitet und das Elend 
vertausendfacht zu sehen, das könnte uns nur ver- 



x ) Eckermann: 23. Oktober 1828. 



37 Allgemeine Einleitung. 



anlassen, Jean Jacques Rousseau's Gebet nachzusprechen: 
„Allmächtiger Gott, erlöse uns von den Wissenschaften und 
verderbenbringenden Künsten unserer Väter! gieb uns die 
Unwissenheit, die Unschuld und die Armut wieder als die einzigen 
Güter, aus welchen uns Glück entstehen kann, und welche vor 
deinem Angesichte Wert besitzen!" Erblicken wir dagegen, wie 
gesagt, im 19. Jahrhundert nur eine Etappe, lassen wir uns 
ausserdem von keinen Wahnbildern „goldener Zeitalter", 
ebensowenig von Zukunfts- wie von Vergangenheitswahnbildern, 
blenden, noch von utopischen Vorstellungen einer 
fortschreitenden Besserung der gesamten Menschheit und ideal 
funktionierender Staatsmaschinen in unserem gesunden Urteile 
irreführen, dann dürfen wir wohl hoffen und zu erkennen 
glauben, dass wir Germanen und die Völker, die unter unserem 
Einfluss stehen, einer neuen harmonischen Kultur entgegenreifen, 
unvergleichlich schöner als irgend eine der früheren, von denen 
die Geschichte zu erzählen weiss, einer Kultur, in der die 
Menschen wirklich „besser und glücklicher" sein werden, als sie 
es jetzt sind. Vielleicht ist die Tendenz der modernen 
Schulbildung, den Blick so beständig auf die Vergangenheit zu 
richten, eine bedauerliche: sie hat aber insofern ihr Gutes, als 
man kein Schiller zu sein braucht, um mit diesem zu empfinden, 
dass „kein einzelner Neuerer mit dem einzelnen Athenienser um 
den Preis der Menschheit streiten" könne; 1 ) darum richten wir 
nun unseren Blick auf die Zukunft, auf jene Zukunft, deren 
Gestaltung wir aus dem Bewusstsein dessen, was die Gegenwart 
der letzten siebenhundert Jahre zu bedeuten hat, allmählich zu 
ahnen beginnen. Wir wollen es mit dem Athenienser 
aufnehmen! Wir wollen eine Welt gestalten, in welcher die 
Schönheit und die Harmonie des Daseins nicht wie bei Jenen auf 
Sklaven-, Eunuchen- und Kemenaten- Wirtschaft ruht! Wir dürfen 
es zuversichtlich wollen, denn wir sehen diese Welt langsam und 
mühevoll um unsere kurze Spanne Lebens 



*) Dieser berühmte Satz ist nur sehr bedingt wahr; ich habe ihn im 
Schlusskapitel einer gründlichen Kritik unterzogen, worauf ich zur 
Vermeidung von Missverständnissen hier verweise. 



38 Allgemeine Einleitung. 



entstehen. Und dass sie unbewusst entsteht, thut nichts zur 
Sache; schon der halb fabelhafte phönizische Geschichtsschreiber 
Sanchuniathon meldet im ersten Absatz seines ersten Buches, wo 
er von der Weltschöpfung spricht: „Die Dinge selbst aber wussten 
nichts von ihrem eigenen Entstehen"; auch in dieser Beziehung ist 
Alles beim Alten geblieben; die Geschichte bildet ein 
unerschöpfliches Illustrationsmaterial zu Mephisto's: „Du glaubst 
zu schieben und du wirst geschoben." Darum empfinden wir, 
wenn wir auf das 19. Jahrhundert zurückblicken, welches 
sicherlich mehr geschoben wurde, als es selbst schob, welches 
bezüglich der allermeisten Dinge in fast lächerlicher Weise auf 
ganz andere Wege geriet, als es einzuschlagen gedacht hatte, doch 
einen Schauer der aufrichtigen Bewunderung, fast der 
Begeisterung. In diesem Jahrhundert ist enorm gearbeitet 
worden, und das ist die Grundlage alles „Besser- und 
Glücklicherwerdens"; es war das die „Moralität" unserer Zeit, 
wenn ich mich so ausdrücken darf. Und während die Werkstätte 
der grossen, gestaltenden Ideen ruhte, wurden die Methoden 
der Arbeit in bisher ungeahnter Weise vervollkommnet. 

Das 19. Jahrhundert ist der Triumph der Methodik. Hierin 
mehr als in irgend einer politischen Gestaltung ist ein Sieg des 
demokratischen Prinzips zu erblicken. Die Gesamtheit rückte 
hierdurch höher hinauf, sie wurde leistungsfähiger. In früheren 
Jahrhunderten konnten nur geniale Menschen, später nur 
zumindest hochbegabte Wertvolles leisten; jetzt kann es ein Jeder, 
dank der Methode! Durch den obligatorischen Schulunterricht, 
gefolgt vom obligatorischen Kampf ums Dasein, besitzen heute 
Tausende die „Methode", um ohne jede besondere Begabung oder 
Veranlagung als Techniker, Industrielle, Naturforscher, 
Philologen, Historiker, Mathematiker, Psychologen u. s. w. an der 
gemeinsamen Arbeit des Menschengeschlechts teilzunehmen. 
Sonst wäre die Bewältigung eines so kolossalen Materials in einem 
so kurzen Zeitraum gar nicht denkbar. Man vergegenwärtige sich 
nur, was vor hundert Jahren unter „Philologie" verstanden wurde! 
Man fragte sich, ob es wahre „Geschichtsforschung" gab! Genau 
diesem selben Geist begegnen wir aber auf Gebieten, 



39 Allgemeine Einleitung. 



die von der Wissenschaft weit abliegen: die Volksarmeen sind die 
universellste, einfachste Anwendung der Methodik und die 
Hohenzollern insofern die tonangebenden Demokraten des 19. 
Jahrhunderts: Methodik der Arm- und Beinbewegungen, zugleich 
aber Methodik der Willenserziehung, des Gehorsams, der Pflicht, 
der Verantwortlichkeit. Die Geschicklichkeit und die 
Gewissenhaftigkeit haben infolgedessen — leider nicht überall, 
aber doch auf weiten Gebieten des Lebens — entschieden sehr 
zugenommen: man fordert mehr von sich und von Anderen als 
zuvor; es hat gewissermassen eine allgemeine technische 
Vervollkommnung stattgefunden, die bis in die Denkgewohnheiten 
der Menschen sich erstreckt. Diese Vervollkommnung kann aber 
schwer ohne Rückwirkung auf das Reinmoralische bleiben: die 
Abschaffung des menschlichen Sklaventums auch ausserhalb 
Europas, wenigstens in seiner offiziell anerkannten Gültigkeit, 
und der Beginn einer Bewegung zum Schutze der tierischen 
Sklaven sind vielbedeutende Anzeichen. 

Und so glaube ich, dass trotz aller Bedenken eine gerechte und 
liebevolle Betrachtung des 19. Jahrhunderts sowohl zur 
„Erleuchtung des Verstandes", wie auch zur „Erweckung des 
Enthusiasmus" führen muss. Vorderhand ziehen wir nur seine 
„Grundlagen" in Betracht, d. h. also die Summe des 
Vorangegangenen, aus der das 19. Jahrhundert sich mehr oder 
weniger mühsam und mehr oder weniger glücklich 
herauszu winden wusste. 



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41 



ERSTER TEIL 

DIE URSPRÜNGE 



Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt 
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. 

Goethe 



42 



43 



ABSCHNITT I 

DAS ERBE DER ALTEN WELT 

Das Edelste, was wir besitzen, haben 

wir nicht von uns selbst; unser Verstand 

mit seinen Kräften, die Form, in welcher 

wir denken, handeln und sind, ist auf 

uns gleichsam heräbgeerbet. 

Herder 



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45 



EINLEITENDES 

Historische Grundsätze 

„Die Welt", sagt Dr. Martin Luther, „wird von Gott durch etliche 
wenige Helden und fürtreffliche Leute regieret." Die mächtigsten 
dieser regierenden Helden sind die Geistesfürsten, die Männer, 
welche ohne Waffengewalt und diplomatische Sanktionen, ohne 
Gesetzeszwang und Polizei, bestimmend und umbildend auf das 
Denken und Fühlen zahlreicher Geschlechter wirken; diese 
Männer, von denen man sagen kann, dass sie um so gewaltiger 
sind, je weniger Gewalt sie haben, besteigen aber selten, 
vielleicht nie, ihren Thron während ihres Lebens; ihre Herrschaft 
währt lange, beginnt aber spät, oft sehr spät, namentlich wenn wir 
von dem Einfluss, den sie auf Einzelne ausüben, absehen und 
jenen Augenblick in Betracht ziehen, wo das, was ihr Leben 
ausmachte, auf das Leben ganzer Völker gestaltend sich zu 
bethätigen beginnt. Mehr als zwei Jahrhunderte vergingen, bis die 
neue Anschauung des Kosmos, welche wir Kopernikus verdanken, 
und welche tief umgestaltend auf alles menschliche Denken 
wirken musste, Gemeingut geworden war. So bedeutende Männer 
unter seinen Zeitgenossen wie Luther, urteilten über Kopernikus, 
er sei „ein Narr, der die ganze Kunst Astronomiä umkehre". 
Trotzdem sein Weltsystem im Altertum schon gelehrt, trotzdem 
durch die Arbeiten seiner unmittelbaren Vorgänger, 
Regiomontanus und Anderer, alles vorbereitet worden war, was 
die neuerliche Entdeckung bedingte, so dass man wohl sagen 
darf, bis auf den Funken der Inspiration im 



46 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



Gehirn des „Fürtrefflichsten", lag das Kopernikanische System 
genau bedingt vor, — trotzdem es sich hier nicht um schwer 
fassliche metaphysische und moralische Dinge handelte, sondern 
um eine einfache und dazu beweisbare Anschauung, — trotzdem 
gar kein materielles Interesse durch die neue Lehre bedroht 
wurde, erforderte es geraume Zeit, bis diese in so mannigfacher 
und wesentlicher Beziehung umbildende Vorstellung aus dem 
einen Gehirn in das einzelner anderer bevorzugter Männer 
hinüberzog und, immer weiter um sich greifend, zuletzt die 
gesamte Menschheit beherrschte. Wie Voltaire in der ersten Hälfte 
des 18. Jahrhunderts für die Anerkennung der grossen Trias — 
Kopernikus, Kepler, Newton — kämpfte, ist allbekannt, aber noch 
im Jahre 1779 sah sich der vortreffliche Georg Christoph 
Lichtenberg genötigt, im Göttingischen Taschenbuche gegen die 
„Tychonianer" zu Felde zu ziehen, und erst im Jahre des Heiles 
eintausendachthundertundzweiundzwanzig gestattete die 

Kongregation des Index den Druck von Büchern, welche die 
Bewegung der Erde lehren! 

Diese Bemerkung schicke ich voraus, um begreiflich zu 
machen, in welchem Sinne das Jahr 1 zum Ausgangspunkt 
unserer Zeit hier gewählt wird. Es geschieht nicht zufällig, etwa 
aus Bequemlichkeitsrücksichten, ebensowenig aber, weil der 
äussere Gang der politischen Geschehnisse dieses Jahr zu einem 
besonders auffälligen gestempelt hätte, sondern weil die einfachste 
Logik uns nötigt, eine neue Kraft bis auf ihren Ursprung 
zurückzuverfolgen. Wie schnell oder wie langsam sie zur 
wirkenden Kraft heranwächst, gehört schon zur „Geschichte"; die 
lebendige Quelle jeder späteren Wirkung ist und bleibt das 
thatsächliche Leben des Helden. 

Die Geburt Jesu Christ ist nun das wichtigste Datum der 
gesamten Geschichte der Menschheit. 1 ) Keine Schlacht, kein 
Regierungsantritt, kein Naturphänomen, keine Entdeckung besitzt 
eine Bedeutung, welche mit dem kurzen Erdenleben des 



*) Dass diese Geburt nicht im Jahre 1 stattfand, sondern aller 
Wahrscheinlichkeit nach einige Jahre früher, ist für uns hier belanglos. 



47 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



Galiläers verglichen werden könnte; eine fast zweitausendjährige 
Geschichte beweist es, und noch immer haben wir kaum die 
Schwelle des Christentums betreten. Es ist tief innerlich 
berechtigt, wenn wir jenes Jahr das erste nennen, und wenn 
wir von ihm aus unsere Zeit rechnen. Ja, in einem gewissen Sinne 
dürfte man wohl sagen, eigentliche „Geschichte" beginne erst mit 
Christi Geburt. Die Völker, die heute noch nicht zum 
Christentume gehören — die Chinesen, die Inder, die Türken u. s. 
w. — haben alle noch immer keine wahre Geschichte, sondern 
kennen auf der einen Seite nur eine Chronik von 
Herrscherhäusern, Metzeleien und dergleichen, auf der anderen 
nur das stille, ergebene, fast tiermässig glückliche Hinleben 
ungezählter Millionen, die spurlos in der nacht der Zeiten 
untergehen. Ob das Reich der Pharaonen im Jahre 3285 vor 
Christo oder im Jahre 32850 gegründet wurde, ist an und für sich 
belanglos; Ägypten unter einem Ramses zu kennen, ist das selbe, 
als kennte man es unter allen 15 Ramessiden. Ebenso verhält es 
sich mit den anderen vorchristlichen Völkern (mit Ausnahme jener 
drei, die zu unserer christlichen Epoche in organischer Beziehung 
stehen, und von denen ich gleich reden werde): ihre Kultur, ihre 
Kunst, ihre Religion, kurz ihr Zustand mögen uns 
interessieren, ja, Errungenschaften ihres Geistes oder ihrer 
Industrie können zu wertvollen Bestandteilen unseres eigenen 
Lebens geworden sein, wie das z. B. für indisches Denken, 
babylonische Wissenschaft, und chinesische Methoden der Fall 
ist; ihrer Geschichte jedoch, rein als solcher, fehlt das Moment der 
moralischen Grösse, jenes Moment, heisst das, durch 
welches der einzelne Mensch veranlasst wird, sich seiner 
Individualität im Gegensatz zur umgebenden Welt bewusst zu 
werden, um dann wieder — wie Ebbe und Flut — die Welt, die er 
in der eigenen Brust entdeckt hat, zur Gestaltung jener äusseren 
zu verwenden. Der arische Inder z. B., in metaphysischer 
Beziehung unstreitig der begabteste Mensch, den es je gegeben 
hat, und allen heutigen Völkern in dieser Beziehung weit 
überlegen, bleibt bei der inneren Erleuchtung stehen: er gestaltet 
nicht, er ist nicht Künstler, er ist nicht Reformator, es genügt ihm, 
ruhig zu leben und erlöst zu sterben 



48 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



— er hat keine Geschichte. Ebensowenig hat sein Antipode, der 
Chinese, dieses unübertroffene Muster des Positivisten und des 
Kollektivisten, eine Geschichte; was unsere historischen Werke 
unter diesem Titel geben, ist weiter nichts als eine Aufzählung der 
verschiedenen Räuberbanden, von denen das geduldige, kluge 
und seelenlose Volk, ohne ein Jota von seiner Eigenart 
preiszugeben, sich hat regieren lassen: das alles ist 
kriminalistische Statistik, nicht Geschichte, wenigstens für uns 
nicht: Handlungen, die in unserer Brust kein Echo finden, können 
wir nicht wirklich beurteilen. 

Ein Beispiel. Während diese Zeilen geschrieben werden, tobt die 
gesamte gesittete Welt gegen die Türkei; die europäischen Mächte 
werden durch die Stimme der öffentlichen Meinung gezwungen, 
zum Schutze der Armenier und Kretenser einzuschreiten; die 
endgültige Ausrottung der türkischen Macht scheint nur noch 
eine Frage der Zeit. Das hat gewiss seine Berechtigung; es musste 
so kommen; nichtsdestoweniger ist es eine Thatsache, dass die 
Türkei das letzte Stückchen von Europa ist, wo eine ganze 
Bevölkerung in ungestörtem Glück und Wohlbehagen lebt, eine 
Bevölkerung, die von sozialen Fragen, vom bittern Kampf ums 
Dasein und dergleichen nichts weiss, wo es keine grossen 
Vermögen giebt und buchstäblich gar keinen Pauperismus, wo 
Alle eine einzige brüderliche Familie bilden und Keiner auf Kosten 
des Anderen nach Reichtum strebt. Ich rede nicht das nach, was 
Zeitungen und Bücher berichten, sondern ich bezeuge, was ich 
aus eigener Anschauung weiss. Hätte der Mohammedaner nicht 
Toleranz zu einer Zeit geübt, wo dieser Begriff im übrigen Europa 
unbekannt war, es würde jetzt in den Balkanländern und in 
Kleinasien idyllischer Frieden herrschen. Der Christ ist es, der 
hier die Hefe des Zwistes hineinwirft; und mit der Grausamkeit 
einer gedankenlos rückwirkenden Naturmacht erhebt sich der 
sonst humane Moslemite und vertilgt den Störenfried. Dem 
Christen behagt eben weder der weise Fatalismus des 
Mohammedaners, noch der kluge Indifferentismus des Chinesen. 
„Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert zu 
senden", sagte Christus selber. Die christliche Idee kann, in 



49 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



einem gewissen Sinne, geradezu als eine antisoziale bezeichnet 
werden. Zum Bewusstsein einer sonst nie geahnten persönlichen 
Würde erwacht, genügt dem Christen der einfache tierische 
Instinkt des Zusammenlebens nicht mehr; er will nicht mehr des 
Glückes der Bienen und der Ameisen teilhaftig sein. Bezeichnet 
man das Christentum kurzweg als die Religion der Liebe, so hat 
man seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit nur 
oberflächlich gestreift. Das Wesentliche ist hier vielmehr dieses: 
durch das Christentum erhielt jeder Einzelne einer bisher nie 
geahnten unmessbaren Wert (sogar die „Haare auf seinem Haupte 
sind von Gott alle gezählet", Matth. X., 30); diesem inneren Wert 
entspricht das äussere Schicksal nicht, hierdurch ist das Leben 
tragisch geworden, und erst durch die Tragik erhält Geschichte 
einen rein menschlichen Inhalt. Denn kein Vorgang ist an und für 
sich historisch-tragisch; er wird es erst durch den Sinn derer, die 
ihn erleben; sonst bleibt das, was die Menschheit betrifft ebenso 
erhaben gleichgültig, wie alle anderen Naturphänomene. Auf die 
christliche Idee komme ich bald zurück. Hier sollte nur 
angedeutet werden, erstens, wie tief und wie sichtbar das 
Christentum umgestaltend auf das menschliche Fühlen und Thun 
wirkt — wofür wir noch die lebendigen Beweise dicht vor unseren 
Augen haben, 1 ) zweitens, in welchem Sinne die nichtchristlichen 
Völker keine wahre Geschichte, sondern lediglich Annalen haben. 

Hellas, Rom, Judäa 

Geschichte, im höheren Sinne des Wortes, ist einzig jene 
Vergangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des 
Menschen gestaltend weiterlebt. Aus der vorchristlichen Zeit 
gewinnt darum Geschichte nur dort ein nicht allein 
wissenschaftliches, sondern ein allgemein menschliches Interesse, 
wo sie Völker betrifft, die jener sittlichen Neugeburt, welche wir als 



*) Es ist durchaus falsch, wenn man solche Wirkungen nicht dem 
erwachten Seelenleben, sondern lediglich der Rasse zuschreiben zu müssen 
glaubt; der Bosniak rein serbischer Abstammung und der Makedonier aus der 
hellenischen Verwandtschaft sind, als Mohammedaner, ebenso fatalistisch 
und antiindividualistisch in ihrer Gesinnung wie nur irgend eine Osmane. 



50 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



Christentum bezeichnen, entgegeneilen. Hellas, Rom und Judäa: 
sie allein von den Völkern des Altertums sind für das lebendige 
Bewusstsein der Menschen des 19. Jahrhunderts geschichtlich 
wichtig. 

Vom hellenischen Boden ist uns jeder Zoll heilig, und mit 
Recht. Drüben, im asiatischen Osten, hatten und haben nicht 
einmal die Menschen Persönlichkeit, hier, in Hellas, ist jeder 
Fluss, jeder Stein belebt, individualisiert, die stumme Natur 
erwacht zum Bewusstsein ihrer selbst. Und die Männer, durch 
welche dieses Wunder geschah, stehen vor uns, von den halb 
fabelhaften Zeiten des trojanischen Krieges an bis zu der 
Herrschaft Roms, ein Jeder mit seiner eigenen, unvergleichlichen 
Physiognomie: Helden, Herrscher, Krieger, Denker, Dichter, 
Bildner. Hier wurde der Mensch geboren: 
jener Mensch, fähig ein Christ zu werden. — Rom bildet in 
mancher Beziehung den grellsten Gegensatz zu Griechenland; es 
ist nicht allein geographisch, sondern auch seelisch von Asien, d. 
h. von semitischen, babylonischen und ägyptischen Einflüssen 
entfernter; es ist nicht so heiter und genügsam, nicht so 
flatterhaft; besitzen will das Volk, besitzen will der Einzelne. Vom 
Erhaben-Anschaulichen der Kunst und der Philosophie wendet 
sich hier der Geist zur Verstandesarbeit der Organisation. Hatte 
dort ein einzelner Solon, ein einzelner Lykurg, gewissermassen als 
Dilettant, nämlich aus rein individueller Überzeugung vom 
Richtigen, Staatsgrundgesetze geschaffen, hatte später ein ganzes 
Volk von schwatzenden Dilettanten die Herrschaft an sich 
gerissen, so entstand in Rom ein langlebiges Gemeinwesen von 
nüchternen, ernsten Gesetzgebern, und während der äussere 
Horizont — das römische Reich und seine Interessen — sich 
beständig erweiterte, verengerte sich in bedenklichster Weise der 
Horizont der inneren Interessen. Sittlich jedoch steht Rom in 
vielen Beziehungen höher als Hellas: der Grieche war von jeher, 
was er noch heute ist, untreu, unpatriotisch, eigensüchtig; 
Selbstbeherrschung war ihm fremd, darum hat er es nie 
verstanden, andere zu beherrschen, noch sich selber mit 
würdigem Stolze beherrschen zu lassen. Dagegen weist das 
Wachstum und die zähe Lebensdauer des 



51 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



römischen Staates auf den klugen, kraftvollen, bewussten 
politischen Geist der Bürger hin. Die Familie und das sie 
schützende Gesetz sind die Schöpfungen Roms. Und zwar 
gilt das ebensowohl von der Familie im engeren, jede höhere 
Sittlichkeit begründenden Sinne, wie auch in der erweiterten 
Bedeutung einer die Gesamtheit der Bürger zu einem festen, 
widerstandsfähigen Staate verbindenden Gewalt; nur aus der 
Familie konnte ein dauerhafter Staat entstehen, nur durch den 
Staat konnte das, was wir heute Civilisation nennen, ein 
entwickelungsfähiges Prinzip der Gesellschaft werden. Sämtliche 
Staaten Europas sind Pfropfreiser auf dem römischen Stamme. 
Und mochte noch so häufig, damals wie heute, Gewalt über Recht 
siegen, die Idee des Rechtes ward uns fortan zu eigen. — Indes, 
ebenso wie der Tag die Nacht erfordert (die heilige Nacht, die 
unserem Auge das Geheimnis anderer Welten enthüllt, Welten 
über uns am Himmelsgewölbe und Welten in uns selber, in den 
Tiefen des schweigenden Innern), ebenso erforderte das herrliche 
positive Werk der Griechen und Römer eine negative Ergänzung; 
durch Israel wurde sie gegeben. Um die Sterne zu erblicken, muss 
das Tageslicht gelöscht werden; um ganz gross zu werden, 
um jene tragische Grösse zu gewinnen, von welcher ich vorhin 
sagte, dass sie allein der Geschichte einen lebensvollen Inhalt 
verleihe, musste der Mensch sich nicht allein seiner Kraft, 
sondern auch seiner Schwäche bewusst werden. Erst durch die 
klare Erkenntnis und die schonungslose Betonung der 
Geringfügigkeit alles menschlichen Thuns, der Erbärmlichkeit der 
himmelanstrebenden Vernunft, der allgemeinen Niederträchtigkeit 
menschlicher Gesinnungen und staatlicher Motive, fasste das 
Denken Fuss auf einem durchaus neuen Boden, von wo aus es im 
Menschenherzen Anlagen und Fähigkeiten entdecken sollte, die es 
zu der Erkenntnis eines Erhabensten führten; niemals hätten 
Griechen und Römer auf ihrem Wege dieses Erhabenste erreicht, 
niemals wäre es ihnen beigekommen, dem Leben des einzelnen 
Individuums eine so hohe Bedeutung beizulegen, mit anderen 
Worten, sie ihm zu verleihen. Betrachten wir die äussere 
Geschichte des Volkes Israel, so bietet sie uns beim 



52 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



ersten Anblick gewiss wenig Anziehendes; ausser einigen wenigen 
sympathischen Zügen scheint alle Niederträchtigkeit, deren 
Menschen fähig sind, in diesem einen Völkchen verdichtet; nicht 
als wären die Juden im Grunde genommen noch schändlicher als 
die anderen Menschen gewesen, die Fratze des Lasters aber glotzt 
einen aus ihrer Geschichte in unverhüllter Nacktheit an: kein 
grosser politischer Sinn entschuldigt hier das Ungerechte, keine 
Kunst, keine Philosophie versöhnt mit den Greueln des Kampfes 
ums dasein. Hier nun entstand die Verneinung der Dinge dieser 
Welt und damit die Ahnung einer höheren ausserweltlichen 
Bestimmung des Menschen. Hier wagten es Männer mitten aus 
dem Volke, die Fürsten dieser Erde als „Diebsgesellen" zu 
brandmarken und wehe zu rufen über die Reichen, „die ein Haus 
an das andere ziehen und einen Acker zum anderen bringen, bis 
dass sie allein das Land besitzen!" Das war eine andere 
Auffassung des Rechtes als die der Römer, denen nichts heiliger 
dünkte als der Besitz. Der Fluch galt jedoch nicht bloss den 
Mächtigen, sondern auch „denen, die bei sich selbst weise sind 
und halten sich selbst für klug", und ebenfalls den frohen Helden, 
die „Wein saufen" und die Welt sich zum Tummelplatz auserkoren 
haben. So redet bereits im 8. Jahrhundert vor Christi Geburt ein 
Jesaia. 1 ) Diese erste Auflehnung gegen das radikal Böse im 
Menschen und in der menschlichen Gesellschaft erklingt aber 
immer mächtiger im Laufe der folgenden Jahrhunderte aus der 
Seele dieses merkwürdigen Volkes; sie wird immer innerlicher, bis 
Jeremia ausruft: „Wehe mir, o Mutter, dass du mich geboren 
hast!" und bis zuletzt die Verneinung zu einem positiven 
Lebensgrundsatz wird und ein erhabenster Prophet sich aus Liebe 
ans Kreuz schlagen lässt. Mag man sich nun auf den Standpunkt 
eines gläubigen Christen stellen oder einfach auf den des 
objektiven Historikers, gleichviel, sicher ist, dass man, um die 
Gestalt Christi deutlich zu erkennen, das Volk kennen muss, das 
ihn kreuzigte. Freilich muss eines wohl beachtet werden: bei den 
Griechen und Römern waren die Thaten dieser Völker die positive 



*) Siehe Jesaia, Kap. 1 und 5. 



53 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



Errungenschaft, dasjenige was weiterlebte; bei den Juden dagegen 
war die Verneinung der Thaten dieses Volkes die einzige positive 
Errungenschaft für die Menschheit. Diese Verneinung ist aber 
ebenfalls eine historische, und zwar eine historische gewachsene 
Thatsache. Selbst wenn Jesus Christus, wie mit grösster 
Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dem jüdischen Volke nicht 
entstammt sein sollte, nur der oberflächlichste Parteigeist kann 
die Thatsache leugnen, dass diese grosse und göttliche Gestalt auf 
das Unzertrennlichste mit dem historischen Entwickelungsgang 
jenes Volkes verwoben ist. *) 

Wer könnte es bezweifeln? Die Geschichte von Hellas, die von 
Rom und die von Judäa, sie haben gestaltend auf alle 
Jahrhunderte unserer Zeitrechnung weitergewirkt, sie wirkten 
lebendig weiter in unserem 19. Jahrhundert. Ja, sie wirkten nicht 
allein lebendig, sondern auch lebenhemmend, indem sie die freie 
Aussicht in das rein menschliche Gebiet nach vielen Richtungen 
hin mit einem mannshohen Zaun umgaben. Das ist des Menschen 
unentrinnbares Schicksal: was ihn fördert, fesselt ihn zugleich. 
Darum muss die Geschichte dieser Völker von Demjenigen wohl 
beachtet werden, der von unserem 19. Jahrhundert zu reden 
unternimmt. 

In dem vorliegenden Werk nun sind die rein historischen 
Kenntnisse, die Chronologie der Weltgeschichte, als bekannt 
vorausgesetzt. Nur eines darf hier versucht werden, nämlich in 
möglichst gedrängter Kürze zu bestimmen, welches die 
wesentlichsten, unterscheidenden Merkmale dieses „Erbes der 
alten Welt" sind. Das soll in drei Kapiteln geschehen, von denen 
das erste hellenische Kunst und Philosophie, das zweite römisches 
Recht und das dritte die Erscheinung Jesu Christi behandelt. 

Geschichtsphilosophie 

Ehe ich diese einleitenden Worte beschliesse, noch eine 
Verwahrung. Der Ausdruck: dieses oder jenes „musste" 
geschehen, 



*) Für den Nachweis, dass Christus kein Jude war (im Sinne der 
Rassenangehörigkeit), sowie für die Darlegung seines innigen Verhältnisses zu 
dem moralischen Leben des echten jüdischen Volkes, siehe Kap. 3; Näheres 
über das jüdische Volk bringt dann Kap. 5 



54 Das Erbe der alten Welt. Einleitendes. 



entfuhr oben meiner Feder; vielleicht kehrt er im folgenden wieder. 
Damit soll keineswegs einem geschichtsphilosophischen 
Dogmatisieren das Existenzrecht eingeräumt werden. Der 
Rückblick von der Gegenwart aus auf die Vergangenheit zurück 
gestattet den logischen Schluss, dass gewisse Vorgänge damals 
geschehen m u s s t e n, damit das heute so würde, wie es 
geworden ist. Ob der Lauf der Geschichte ein andrer hätte sein 
können, als er war, diese subtile Frage gehört nicht hierher. Von 
dem wüsten Lärm einer angeblichen „Wissenschaftlichkeit" 
eingeschüchtert, sind manche heutige Historiker in dieser 
Beziehung sehr ängstlich geworden. Und dennoch ist es klar, dass 
die Gegenwart nur dann einen leuchtenden Sinn erhält, wenn sie 
sub specie necessitatis betrachtet wird. Vere scire est per causas 
scire, sagt Bacon; diese Anschauungsweise allein ist eine 
wissenschaftliche; wie soll sie aber durchgeführt werden, wenn 
nicht überall die Notwendigkeit anerkannt wird? Das Wort „muss" 
bringt die notwendige Verkettung von Ursache und Wirkung zum 
Ausdruck, weiter nichts; mit derlei Einsichten vergolden wir 
Menschen die Riegelbalken unseres engumzirkten geistigen 
Spielraums, ohne uns deswegen einzubilden, wir wären ins Freie 
hinausgeflogen. Nun beachte man aber noch folgendes: gestaltet 
die Notwendigkeit, so bilden sich um diesen Mittelpunkt immer 
weitere Kreise, und Keiner darf uns verwehren — wo unser Ziel es 
erheischt — den weiten, umständlichen Weg auf einem äussersten 
Kreis zu vermeiden, um unsern Standpunkt so nahe wie möglich 
an der bewegenden, selber kaum bewegten Achse einzunehmen, 
dort wo die scheinbare Willkür mit der nicht abzuleugnenden 
Notwendigkeit fast verschmilzt. 



55 



ERSTES KAPITEL 

HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 

Nur durch den Menschen tritt der 

Mensch in das Tageslicht des Lebens ein. 

Jean Paul Friedrich Richter 



56 



57 



Das Menschwerden 

Viel Geistvolles ist gesagt worden, um den Unterschied 
zwischen Mensch und Tier drastisch zu kennzeichnen; wichtiger, 
weil eine bedeutungsvollere Erkenntnis anbahnend, dünkt mich 
die Unterscheidung zwischen Mensch und Mensch. In dem 
Augenblick, wo der Mensch zum Bewusstsein freischöpferischer 
Kraft erwacht, überschreitet er einen bestimmten Grenzkreis und 
zerstört den Bann, der ihn, trotz aller seiner Begabung und trotz 
allen seinen Leistungen, in engster — auch geistiger — 
Zugehörigkeit zu den übrigen Lebewesen erscheinen liess. Durch 
die Kunst tritt ein neues Element, eine neue Daseinsform in 
den Kosmos ein. 

Mit diesem Ausspruch stelle ich mich auf den selben Boden wie 
etliche der grössten unter Deutschlands Söhnen. Diese 
Anschauung von der Bedeutung der Kunst entspricht auch, 
wenn ich nicht irre, einer spezifischen Anlage des deutschen 
Geistes, wenigstens dürfte eine so klare, scharfe Formulierung 
jenes Gedankens, wie wir sie bei Lessing und Winckelmann, bei 
Schiller und Goethe, bei Hölderlin, Jean Paul und Novalis, bei 
Beethoven und Richard Wagner finden, bei den anderen 
Mitgliedern der verwandten indogermanischen Völkergruppe 
kaum anzutreffen sein. Um dem Gedanken gerecht zu werden, 
muss man zunächst genau wissen, was hier unter „Kunst" zu 
verstehen ist. Wenn Schiller schreibt: „Die Natur hat nur 
Geschöpfe, die Kunst hat Menschen gemacht", wird 
man doch nicht glauben, er habe hier das Flötenspielen oder das 
Verseschreiben im Sinne? Wer Schiller' s Schriften (vor allen 
natürlich seine Briefe über die ästhetische Erziehung des 
Menschen) sorgfältig und wiederholt 



58 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



liest, wird immer mehr einsehen, dass der Begriff „Kunst" für den 
Dichter- Philosophen ein sehr lebendiger, ihn gewissermassen 
durchglühender, dennoch aber ein recht subtiler ist, der sich 
schwer in eine kurze Definition einzwängen lässt. Nun wer ihn 
nicht verstanden hat, kann eine derartige Einsicht überwunden 
zu haben wähnen. Man höre, was Schiller sagt, denn für den 
Zweck des vorliegenden Kapitels, sowie des ganzen Buches ist ein 
Verständnis dieses Grundbegriffes unentbehrlich. Er schreibt: 
„Die Natur fängt mit dem Menschen nicht besser an als mit ihren 
übrigen Werken: sie handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz 
noch nicht selbst handeln kann. Aber eben das macht ihn zum 
Menschen, dass er bei dem nicht stille steht, was die blosse Natur 
aus ihm machte, sondern die Fähigkeit besitzt, die Schritte, 
welche jene mit ihm anticipierte, durch Vernunft wieder rückwärts 
zu tun, das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl 
umzuschaffen, und die physische Notwendigkeit zu einer 
moralischen zu erheben." Zunächst bezeichnet also das 
Drängen nach Freiheit den künstlerischen Zustand 
für Schiller: der Not kann der Mensch nicht entrinnen, er „schafft 
sie aber um"; indem er das thut, bewährt er sich als Künstler. Als 
solcher benutzt er die Elemente, die ihm die Natur bietet, um sich 
eine neue Welt des Scheins zu errichten; jedoch hieraus ergiebt 
sich ein Zweites, und gerade dieses Zweite darf unter keiner 
Bedingung übersehen werden: indem der Mensch „in seinem 
ästhetischen Stande" sich gewissermassen „ausser der Welt stellt 
und sie betrachtet", findet es sich, dass er diese Welt, die Welt 
ausser ihm, zum erstenmal deutlich erblickt! Freilich war es ein 
Wahn gewesen, sich aus dem Schosse der Natur losringen zu 
wollen, gerade dieser Wahn aber leitet ihn nunmehr dazu, sich der 
Natur völlig und richtig bewusst zu werden: „denn der Mensch 
kann den Schein nicht von der Wirklichkeit reinigen, ohne 
zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine frei zu machen." Erst 
wenn er zu dichten begonnen hat, beginnt der Mensch auch 
bewusst zu denken; erst wenn er selber baut, wird er auf die 
Architektonik des Weltgebäudes aufmerksam. Wirklichkeit und 
Schein sind anfangs in seinem Bewusstsein vermengt; die 
bewusste, 



59 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



freischöpferische Beschäftigung mit dem Schein ist der erste 
Schritt, um zu einer möglichst freien, reinen Erkenntnis der 
Wirklichkeit zu gelangen. Wahre Wissenschaft, d. h. 
eine nicht bloss messende, registrierende, sondern eine 
anschauende, erkennende, entsteht also, nach Schiller, unter dem 
unmittelbaren Einfluss des künstlerischen Strebens der 
Menschen. Und jetzt erst kann im Menschengeist auch 
Philosophie auftreten; denn sie schwebt zwischen beiden Welten. 
Philosophie fusst zugleich auf Kunst und auf Wissenschaft; sie ist, 
wenn ich mich so ausdrücken darf, die neuerliche, künstlerische 
Bearbeitung jener gesonderten, gereinigten Wirklichkeit. Damit ist 
aber die Bedeutung der Vorstellung „Kunst" für Schiller noch 
immer nicht erschöpft. Denn die „Schönheit" (jene frei 
umgeschaffene, neue Welt) ist nicht allein ein Gegenstand; in ihr 
spiegelt sich vielmehr auch „ein Zustand unseres Subjekts" 
wieder: „Die Schönheit ist zwar Form, weil wir sie betrachten; 
zugleich aber ist sie Leben, weil wir sie fühlen. Mit einem Wort: sie 
ist zugleich unser Zustand und unsere That." 1 ) Künstlerisch zu 
empfinden, künstlerisch zu denken bezeichnet also einen 
besonderen Zustand des Menschen überhaupt; es ist eine 
Stimmung, oder vielmehr eine Gesinnung.... noch besser vielleicht 
ein latenter Kraftvorrat, der sich im Leben des einzelnen 
Menschen wie auch im Leben eines ganzen Volkes überall, auch 
dort, wo Kunst und Wissenschaft und Philosophie nicht 
unmittelbar beteiligt sind, „befreiend", „umschaffend", „reinigend" 
bethätigen muss. Oder auch, um uns dieses Verhältnis von einer 
anderen Seite aus vorzuführen, können wir — und zwar wiederum 
mit Schiller 2 ) — sagen: „Aus einem glücklichen Instrumente wurde 
der Mensch ein unglücklicher Künstler." Das ist jene Tragik, von 
der ich in den einleitenden Worten sprach. 

Man wird, glaube ich, zugeben müssen, dass diese deutsche 
Auffassung des „Menschwerdens" tiefer geht, dass sie mehr um- 



*) Vergl. Ästhetische Erziehung, Bf. 3, 25, 26. Näheres hier, Kap. 9, Abschn. 
7. 

2 ) Vergl. Etwas über die erste Menschengesellschaft, Abschnitt 1. 



60 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



fasst und ein helleres Licht auf die zu erstrebende Zukunft der 
Menschheit wirft, als jede engwissenschaftliche oder rein 
utilitaristische. Wie dem auch sei, Eines ist sicher: ob einer 
solchen Auffassung unbedingte Gültigkeit zukomme, oder nur 
bedingte, für eine Betrachtung der hellenischen Welt und die 
sichere Aufdeckung ihres Lebensprinzips thut sie unvergleichliche 
Dienste; denn, mag sie auch in dieser bewussten Formulierung 
eine charakteristisch deutsche Auffassung sein, im letzten Grunde 
führt sie auf hellenische Kunst und auf hellenische Philosophie 
(welche die Naturwissenschaft umschloss) zurück, sie bezeugt, 
dass das Hellenentum nicht allein äusserlich und geschichtlich, 
sondern auch innerlich und Zukunft gestaltend im 19. 
Jahrhundert noch weiter lebte. 1 ) 

Tier und Mensch 

Nicht jede künstliche Bethätigung ist Kunst. Zahlreiche Tiere 
führen äusserst kunstvolle Bauten auf; der Gesang der Nachtigall 
wetteifert erfolgreich mit dem Naturgesang wilder Menschen; 
willkürliche Nachahmung treffen wir hochentwickelt im Tierreich 
an, und zwar auf den verschiedensten Gebieten — Nachahmung 
der Thätigkeit, des Lautes, der Form — wobei noch zu bedenken 
ist, dass wir bis jetzt so gut wie gar nichts von dem Leben der 
höheren Affen wissen; 2 ) die Sprache, d. h. also die Mitteilung 



*) Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich erwähnen, dass ich hier am 
Anfang meines Buches mich des einfacheren Verständnisses halber ohne 
weitere Kritik an Schiller angeschlossen habe; erst im Schlusskapitel kann ich 
meine Anschauung begründen, dass bei uns Germanen, im Unterschied von 
den Hellenen, der Angelpunkt des „Menschwerdens" nicht in der Kunst, 
sondern in der Religion zu suchen ist — was aber nicht eine 
Abweichung von Schiller's Auffassung von „Kunst" bedeutet, sondern lediglich 
eine besondere Schattierung. 

2 ) Siehe jedoch die Beobachtungen des J. G. Romanes an einem weiblichen 
Schimpansen, am ausführlichsten in der Zeitschrift Nature, Band XL, S. 160 
ff., zusammengezogen in den Büchern des selben Verfassers. In kurzer Zeit 
lernte dieser Affe mit unfehlbarer Sicherheit bis sieben zählen. Dagegen 
vermögen die Bakairi (südamerikanischen Indianer) nur bis sechs, und zwar 
sehr mühsam, zu zählen! (Siehe Karl von Steinen: Unter den Naturvölkeren 
Brasiliens.) 



61 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



von Empfindungen und Urteilen durch ein Individuum an ein 
anderes, ist durch das ganze Reich der Animalität weit verbreitet 
und verfügt oftmals über so unbegreiflich sichere Mittel, dass 
nicht allein Anthropologen, sondern auch Philologen 1 ) die 
Warnung nicht für überflüssig halten, man dürfte nicht einzig das 
Erzittern menschlicher Stimmbänder, überhaupt nicht bloss den 
Laut für Sprache halten; 2 ) u. s. w. Durch die instinktmässige 
Zusammenfügung zu staatlichen Organisationen, und seien sie 
noch so vielästig verwickelt, erzielt das menschliche Geschlecht 
ebenfalls keinen prinzipiellen Fortschritt über die unendlich 
komplizierten Tierstaaten; neuere Soziologen bringen sogar die 
Entstehung der menschlichen Gesellschaft in engorganische 
Beziehung zu der Entwickelung der sozialen Instinkte im 
umgeben- den Tierreich. 3 ) Betrachtet man das staatliche Leben 
der Ameisen und sieht man, durch welche kühne Raffinements die 
praktische Bewährung des gesellschaftlichen Getriebes und das 
fehlerlose Ineinandergreifen aller Teile bei ihnen bewirkt wird — 
als Beispiel will ich einzig die Abschaffung des unheilschwangeren 
Geschlechtstriebes bei einem grossen Prozentsatz der Bevölkerung 
nennen, und zwar nicht durch Verstümmelung, wie bei unserem 
elenden Notbehelf der Kastrierung, sondern 



*) Siehe z. B. Whitney: Das Leben der Sprache (französische Ausgabe, S. 238 
f.). 

2 ) Vergl. namentlich die lichtvollen Ausführungen von Topinard in seiner 
Anthropologie S. 159-162. Interessant ist es, festzustellen, dass ein so 
bedeutender und zugleich so ausserordentlich vorsichter, jeder Phantasterei 
besonders abholder Naturforscher wie Adolf Bastian den Gliedertieren (mit 
ihren sich gegenseitig berührenden Fühlhörnern) eine ihrem Wesen nach der 
unsrigen analoge Sprache vindiziert; siehe: Das Beständige in den 
Menschenrassen, S. VIII des Vorwortes. In Darwin: Descent of Man, Kap. III, 
findet man eine besonders interessante Zusammenstellung der hierher 
gehörigen Thatsachen und eine energische Zurückweisung der Paradoxen Max 
Müller's und Anderer. 

3 ) Siehe z. B. des amerikanischen Professors Franklin H. Giddings: 
Prinzipien der Soziologie (französische Ausgabe 1897, S. 189): les bases de 
l'empire de l'homme furent posees sur les associations zoogeniques des plus 
humblesform.es de la vie consciente. 



62 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



durch kluge Manipulation der befruchteten Keime — so muss 
man gestehen, der staatliche Instinkt steht bei uns auf keiner 
hohen Stufe; im Verhältnis zu manchen Tiergattungen sind wir 
politische Pfuscher. 1 ) Selbst in der besonderen Bethätigung der 
Vernunft kann man wohl ein eigenartiges spezifisches Merkmal 
des Menschen, kaum aber ein grundsätzlich neues 
Naturphänomen erkennen. Der Mensch im Naturzustand benützt 
seine überlegene Vernunft genau so wie der Hirsch seine 
Schnellfüssigkeit, der Tiger seine Kraft, der Elefant seine Schwere: 
sie ist ihm die vorzüglichste Waffe im Kampf ums Dasein, sie 
ersetzt ihm Behendigkeit, Körpergrösse und so manches andere, 
was ihm fehlt. Die Zeiten sind vorbei, wo man den Tieren Vernunft 
abzusprechen sich erdreistete; nicht allein zeigen Affe, Hund und 
alle höheren Tiere bewusste Überlegung und treffsicheres Urteil, 
sondern dasselbe ist bei Insekten experimental nachgewiesen 
worden: eine Bienenkolonie z. B. in ungewohnte, noch nie 
dagewesene Verhältnisse versetzt, trifft neue Vorkehrungen, 
versucht dieses und jenes, bis sie das Richtige gefunden hat. 2 ) 
Kein Zweifel, dass, 



*) Siehe Carl Vogt's amüsante: Untersuchungen über die Tierstaaten (1851). 
— In Brehm: Vom Nordpol zum Äquator (1890) findet man sehr 
bemerkenswerte Mitteilungen über die Kriegsführung der Paviane; ihre Taktik 
wechselt je nach der Bodenbeschaffenheit, sie verteilen sich in bestimmte 
Gruppen: Vordertreffen, Hintertreffen u. s. w., mehrere arbeiten zusammen, 
um einen grossen Felsblock auf den Feind hinabzurollen, und vieles 
dergleichen mehr. — Vielleicht das staunenswerteste Gesellschaftsleben ist 
das der Gärtnerameisen aus Südamerika, über die zuerst Belt: 
Naturalist in Nicaragua berichtete, dann der Deutsche Alfred Möller; jetzt kann 
man diese Tiere im zoologischen Garten in London beobachten, wobei 
namentlich die Thätigkeit der grossköpfigen „Aufseher" leicht zu verfolgen ist, 
wie sie, sobald ein „Arbeiter" faulenzen will, herzulaufen, und ihn aufrütteln! 

2 ) Vergl. Huber: Nouvelles observations sur les Abeilles, II. 198, und das 
schöne Buch von Maurice Maeterlinck: La vie des Abeilles, 1901. Die beste 
kürzeste neuere Zusammenfassung der entscheidendsten, hierher gehörigen 
Thatsachen ist wohl die von J. G. Romanes: Essays on Instinct 1897; auch 
dieser hervorragende Schüler Darwin's ist freilich immer wieder genötigt, auf 
die Beobachtungsreihen der beiden Huber als auf die sinnreichsten und 
zuverlässigsten zurück- 



63 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



wenn wir das bis jetzt uns fast gänzlich unbekannte psychische 



zugreifen: allzuwenig bekannt ist jedoch das Werk von J. Traherne Moggridge: 
Beobachtungen über die Speicherameisen und die Fallthür spinnen (in 
englischer Sprache, 1873, bei Reeve in London); überhaupt sollten die 
Psychologen des Tierreichs ihre Aufmerksamkeit den Spinnen mehr widmen, 
welche unzweifelhaft eigenartig begabt sind. (Siehe jedoch H. C. Mac-Cook: 
American Spiders, Philadelphia, 1889, und die verschiedenen Bände der 
köstlichen Souvenirs entomologiques von Fabre). Unter älteren Schriften ist 
von unvergänglichem Wert Kirby: History, Habits and Instincts of Animals. Von 
den mehr philosophischen Schriften will ich hier besonders auf Wundt's: 
Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele und auf Fritz Schultze's: 
Vergleichende Seelenkunde (zweiter Teil, Die Psychologie der Tiere und 
Pflanzen, 1897) aufmerksam machen. — In dieser Anmerkung möchte ich 
zugleich eine ausdrückliche Verwahrung einlegen, nämlich, dass ich hier und 
im Folgenden die tiefe Kluft zwischen dem Geiste des denkenden Menschen 
und dem des Tieres durchaus nicht verkenne; es war hohe Zeit, dass ein 
Wundt mit seiner ganzen Geistesschärfe gegen unsere fast unausrottbare 
Neigung zu anthropomorphistischen Deutungen auftrat; mich dünkt aber, 
Wundt selber, und mit ihm Schultze, Lubbock und andere verfallen in den 
umgekehrten Fehler: gegen die kritiklose Überschätzung des Gedankenlebens 
der Tiere legen sie gerechte Verwahrung ein, dagegen scheinen diese 
hochgelehrten, in unaufhörlichem Denken und Spekulieren aufgewachsenen 
Männer nicht zu ahnen, mit wie unendlich wenig Bewusstsein und Reflexion 
die Menschheit in ihrer Gesamtheit lebt und recht gut auskommt; sie 
sind überhaupt geneigt, dem „Bewusstsein" und der „Reflexion" ein 
übermässiges Gewicht beizulegen; das zeigt sich bei ihren Abhandlungen über 

die elementaren Zustände der menschlichen *»X* [Psyche] und - vielleicht 
noch deutlicher — bei ihrer geringen Fähigkeit, die Natur des eigentlichen 
Aktes schöpferischer Genialität (Kunst und Philosophie) zu deuten. Nachdem 
der eine Wundt die Schätzung der tierischen Intelligenz auf ihr richtiges 
Niveau herabgeführt hat, brauchten wir jetzt einen zweiten, der unsere 
Neigung, uns selber ungeheuer zu überschätzen, aufdeckte. — Auch scheint 
mir folgender Punkt niemals gehörig betont worden zu sein: dass wir nämlich 
bei unseren Beobachtungen an Tieren auch beim besten Willen 
Anthropomorphen bleiben; denn wir können uns ja nicht einmal einen Sin 
n (ich meine ein physisches Werkzeug zur Erkenntnis der umgebenden Welt) 
vorstellen, wenn wir ihn nicht selber besitzen, und wir müssen 
notwendigerweise ewig blind und taub für alle Gemüts- und 
Verstandeäusserungen bleiben, welche in unserem 



64 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Leben der Tiere aus entfernten Klassen näher und einsichtsvoller 



eigenen geistigen Leben kein unmittelbares Echo antreffen. Wundt hat gut 
warnen vor „schlechten Analogien": auf diesem ganzen Gebiete sind gar keine 
Schlüsse ausser Analogieschlüssen möglich. Wie Clifford ausführlich 
dargethan hat (vergl. Seeing and Thinking), können wir hier weder rein objektiv 
noch rein subjektiv vorgehen; diese gemischte Art der Erkenntnis hat er 
deswegen eine „ejektive" genannt. Wir schätzen diejenigen Tiere als die 
intelligentesten, deren Intelligenz der unsrigen am ähnlichsten ist und die w i 
r deswegen am besten verstehen; ist das aber einem kosmischen Problem wie 
demjenigen des Geistes gegenüber nicht unendlich naiv und unüberlegt? Ist 
das nicht verkappter Anthropomorphismus? Sicherlich. Wenn also Wundt 
behauptet: „auf diesem Gebiete ist das Experiment in hohem Masse der 
blossen Beobachtung überlegen", so kann man ihm nur sehr bedingt 
beipflichten; denn das Experiment ist von Hans aus ein Reflex unserer rein 
menschlichen Vorstellungen, wogegen die liebevolle Beobachtung eines 
gänzlich anders gearteten Wesens in seinen eigenen, möglichst normalen 
Verhältnissen und zwar mit dem Wunsche, nicht seine Leistungen zu 
kritisieren, sondern sie — soweit unser menschlicher, engumschränkter 
geistiger Horizont es erlaubt — zu begreifen, wohl zu manchen 
überraschenden Einsichten führen müsste. Darum hat uns auch der alte, 
blinde Huber über die Bienen weit mehr gelehrt als Lubbock in seinem — 
trotzdem bewundernswerten — Buche Ants, Bees and Wasps (1883); darum 
erzielen die rohen „Dresseurs" solche unglaubliche Erfolge, denn sie verlangen 
von jedem Tier nur solche Leistungen, welche sie auf Grundlage täglicher 
Beobachtung seiner Anlagen von ihm erwarten dürfen. Hier, wie anderwärts, 
steckt unsere heutige Wissenschaft noch tief in helleno-jüdischem 
Anthropomorphismus, und nicht am wenigsten gerade dort, wo sie davor 
warnt. — Seitdem obige Bemerkung geschrieben, ist das Aufsehen erregende 
Buch von Bethe: Dürfen wir Ameisen und Bienen psychische Qualitäten 
zuschreiben? erschienen, welches in seiner ganzen Argumentation ein 
geradezu klassisches Beispiel des verkappten Anthropomorphismus ist. Durch 
sinnreiche (obwohl meiner Ansicht nach durchaus nicht abschliessende) 
Versuche, hat Bethe die Überzeugung gewonnen, die Ameisen erkennten sich 
als zum Nest gehörig durch den Geruchsinn, auch ihr Wegefinden beruhe auf 
der Ausscheidung eines chemischen Stoffes u. s. w. Das ganze sei 
„Chemoreflex", das gesamte Leben dieser Tiere „rein mechanisch". Man staunt 
über einen solchen Abgrund philosophischer Roheit. Ja, ist denn das gesamt 
Sinnenleben als solches nicht notwendigerweise mechanisch? Kann ich 
meinen eigenen Vater ohne Zuhilfe- 



65 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



untersuchen, wir überall Ähnliches finden. Die im Verhältnis 
enorme Entwickelung des menschlichen Gehirns 1 ) bildet also für 
uns doch nur eine relative Überlegenheit. Nicht als ein Gott 
wandelt der Mensch auf Erden, sondern als ein Geschöpf unter 
anderen Geschöpfen, vielleicht wäre es kaum Übertreibung, zu 



nähme eines Mechanismus erkennen? Erkennt der Hund seinen Herrn nicht 
fast lediglich durch den Geruchsinn? Sollen denn Descartes' Automaten 
immer von neuen aufleben, als hätten Wissenschaft und Philosophie seit 300 
Jahren stillgestanden? Hier steckt der wirkliche und unausrottbare 
Anthropomorphismus. Bei Vertebraten lässt die strenge Analogie mit unserer 
eigenen Struktur Schlüsse auch auf die psychischen Vorgänge zu; im Insekt 
dagegen steht ein total fremdes Wesen vor uns, aufgebaut nach einem Plane, 
der so tief von dem unseres Körpers abweicht, dass wir nicht einmal im 
Stande sind, die rein mechanische Funktionierung der Sinneswerkzeuge mit 
Sicherheit zu deuten (siehe Gegenbaur: Vergl. Anatomie) und folglich gar nicht 
wissen, welche uns Menschen gänzlich verschlossene Welt von 
Sinneseindrücken, von Mittteilungsmöglichkeiten u. s. w. diese Wesen 
umgeben mag. Das nicht einzusehen, ist „ameisenmässig" naiv. — Nachtrag 
der 3. Aufl. In der Eröffnungsrede des vierten internationalen 
Zoologenkongresses, am 23. August 1898, griff Sir John Lubbock die 
Automaten theorie heftig an und sagte u. a.: „Viele Tiere besitzen 
Sinnesorgane, deren Bedeutung uns Menschen unerforschlich ist. Sie 
vernehmen Geräusche, die uns unhörbar, sie sehen Dinge, die uns unsichtbar 
bleiben, sie empfangen Sinneseindrücke, die ausserhalb des Bereiches 
unserer Vorstellungskraft liegen. Die uns so wohlbekannte umgebende Welt 
muss für sie eine durchaus andere Physiognomie besitzen." Schon Montaigne 
hatte gemeint: Les betes ont plusieurs conditions qui se rapportent aux nötres; 
de celles-lä, par comparaison, nous pouvons tirer quelque conjecture: mais ce 
qu'elles ont en particulier, que savons-nous que c'est? Der Psychiater Forel 
gelangt nach dreissig Jahren fleissiger Beobachtung zu der Überzeugung, die 
Ameisen besässen Gedächtnis, besässen die Fähigkeit, verschiedene 
Sinneseindrücke im Hirn zur Einheit zu verknüpfen, und handelten mit 
bewusster Überlegung. (Rede, gehalten am 13. August 1901 im 
Zoologenkongress zu Berlin.) 

!) Bekanntlich hat Aristoteles sich hier, wie so oft, gründlich geirrt: der 
Mensch besitzt weder absolut noch relativ (d. h. im Verhältnis zum 
Körpergewicht) das grösste Gehirn: die Überlegenheit dieses Apparates bei ihm 
ist in anderen Dingen begründet (siehe Ranke: Der Mensch, zweite Ausgabe I., 
S. 551 und S. 542 f.). 



66 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



sagen, als ein primus inter pares; denn es ist schwer einzusehen, 
warum höhere Differenzierung, mit ihren zahllosen Nachteilen, 
ohne weiteres als höhere „Vollkommenheit" betrachtet werden 
sollte; die relative Vollkommenheit eines Organismus wäre, dünkt 
mich, durch seine Angemessenheit für gegebene Verhältnisse zu 
bestimmen. Durch alle Fasern seines Wesens hängt der Mensch 
organisch mit seiner Umgebung eng zusammen; das alles ist Blut 
von seinem Blut; denkt man ihn hinweg aus der Natur, so ist er 
ein Bruchstück, ein entwurzelter Stamm. 

Was zeichnet nun den Menschen vor den anderen Wesen aus? 
Mancher wird antworten: seine Erfindungskraft, das 
Werkzeug ist es, wodurch er sich als Fürst unter den Tieren 
dokumentiert. Er bleibt jedoch damit noch immer ein Tier unter 
Tieren: nicht bloss der Anthropoid, auch der gewöhnliche Affe 
erfindet einfachere Werkzeuge (worüber Jeder sich in Brehm's 
Tierleben informieren kann), und der Elefant ist, wenn vielleicht 
nicht in der Erfindung, so doch im Gebrauch der Werkzeuge ein 
wahrer Meister (siehe Romanes: Die geistige Entwickelung im 
Tierreich, S. 389 u. s. w.). Die sinnreichste Dynamomaschine 
erhebt den Menschen nicht um einen Zoll über die allen Wesen 
gemeinsame Erdoberfläche; alles derartige bedeutet lediglich eine 
neue Ansammlung von Kraft in dem Kampf ums Dasein; der 
Mensch wird dadurch gewissermassen ein höher potenziertes Tier. 
Er beleuchtet sich mit Talgkerzen oder mit Öl, oder mit Gas, oder 
elektrisch, anstatt schlafen zu gehen; damit gewinnt er Zeit und 
das heisst Leistungsfähigkeit; es giebt aber ebenfalls zahllose 
Tiere, die sich beleuchten, manche durch Phosphorescenz, andere 
(namentlich die Tiefseefische) elektrisch; l ) 



1 ) Emin Pascha und Stanley berichten über Schimpansen, welche nachts 
mit Facklen auf ihre Raubzüge ausziehen! Mit Romanes wird man gut thun, 
bis auf weiteres diese Thatsache zu bezweifeln: Stanley hat es nicht selbst 
gesehen und Emin Pascha war überaus kurzsichtig. Sollten die Affen wirklich 
die Kunst, das Feuer zu erzeugen, erfunden haben, uns Menschen bliebe doch 
die Erfindung der Gestalt des Prometheus, und dass dieses, nicht jenes es ist, 
was den Menschen zum Menschen macht, bildet gerade den Inhalt meiner 
Ausführungen. 



67 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



wir reisen auf dem Zweirad, mit der Eisenbahn, bald vielleicht im 
Luftschiff, — der Zugvogel und der Meeresbewohner hatten das 
Reisen schon längst in Mode gebracht, und, genau wie sie, reist 
der Mensch, um sich Subsistenzmittel zu verschaffen. Die 
unermessliche Überlegenheit des Menschen zeigt sich freilich 
darin, dass er das alles vernünftig zu erfinden und in 
fortschreitender „Kumulation" anzuwenden versteht. Der 
Nachahmungstrieb und die Assimilationsfähigkeit, die man wohl 
bei allen Säugetieren antrifft, erreichen bei ihm einen so hohen 
Grad, dass die selbe Sache gewissermassen doch eine andere 
wird; in analoger Weise sehen wir bei chemischen Stoffen, dass 
häufig der Hinzutritt eines einzigen wesensgleichen Atoms, also 
ein einfaches numerisches Hinzuthun, die Qualitäten des 
betreffenden Stoffes gründlich umwandelt; wenn man zu 
Sauerstoff Sauerstoff hinzuthut, entsteht Ozon, ein neuer Körper 
(0 2 +Oi=0 3 ). Man übersehe jedoch nicht, dass alle menschlichen 
Erfindungen dennoch auf Assimilation und Nachahmung 
beruhen; der Mensch e r-f i n d e t das, was da vorliegt und 
einzig seines Kommens harrte, genau so wie er dasjenige 
e n t-d eckt, was ihm bisher verschleiert war; die Natur spielt 
„Versteckens" und „blinde Kuh" mit ihm. Quod inventitur, fuit: sagt 
Tertullian. Dass er das versteht, dass er nach dem Verborgenen 
sucht und nach und nach so vieles aufdeckt und findet, das 
bezeugt freilich den Besitz von Gaben ohnegleichen; besässe er sie 
aber nicht, so wäre er ja das elendeste aller Wesen — den ohne 
Waffen, ohne Kraft, ohne Flügel, ohne alles steht er da: die 
bitterste Not ist seine Triebfeder, das Erfindungsvermögen sein 
Heil. 

Was den Menschen nun zum wahren Menschen macht, 
zu einem von allen, auch den menschlichen Tieren verschiedenen 
Wesen, das ist, wenn er dazu gelangt, ohne Not zu 
erfinden, seine unvergleichliche Befähigung nicht im Dienste 
eines Naturzwanges, sondern frei zu bethätigen, oder — um für 
das selbe einen tieferen, entsprechenderen Ausdruck zu 
gebrauchen — wenn die Not, welche ihn zum Erfinden treibt, 
nicht mehr von aussen, sondern von innen in sein Bewusstsein 
tritt; wenn das, was sein Heil war, nunmehr sein Heiligtum wird. 



68 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Entscheidend ist der Augenblick, wo die freie Erfindung bewusst 
auftritt, das heisst also der Augenblick, wo der Mensch zum 
Künstler wird. Beobachtungen in Betreff der umgebenden Natur 
(z. B. des gestirnten Himmels) können schon weit gediehen und 
ein mannigfaltiger Götter- und Dämonenkultus entstanden sein, 
ohne dass damit ein grundsätzlich Neues in die Welt getreten 
wäre. Das alles bezeugt eine schlummernde Fähigkeit, ist aber 
seinem Wesen nach nichts weiter als die halbunbewusste 
Bethätigung eines Instinktes. Erst wenn ein einzelner Mensch, wie 
Homer, frei nach seinem eigenen Willen, die Götter erdichtet, wie 
er sie haben will, wenn ein Naturbeobachter, wie Demokrit, aus 
freier Schöpferkraft die Vorstellung des Atoms erfindet, wenn ein 
sinnender Seher, wie Plato, mit der Mutwilligkeit des 
weltüberlegenen Genies die ganze sichtbare Natur über Bord wirft 
und das menschenerschaffene Reich der Ideen an ihre Stelle setzt, 
wenn ein erhabenster Lehrer ausruft: „Sehet, das Himmelreich ist 
inwendig in euch!": dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf 
geboren, jenes Wesen, von dem Plato sagt: „Er hat Zeugungskraft 
in der Seele viel mehr als im Leibe", dann erst enthält der 
Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was Kultur zu heissen einzig 
verdient, ist die Tochter solcher schöpferischen Freiheit, sagen wir 
kurz der Kunst, mit welch letzterer Philosophie — echte, 
schöpferische Philosophie und Wissenschaft — so eng verwandt 
ist, dass beide als zwei Seiten des selben Wesens erkannt werden 
müssen; jeder grosse Dichter war Philosoph, jeder geniale 
Philosoph ist Dichter. Was ausserhalb dieses mikrokosmischen 
Kulturlebens steht, ist lediglich „Civilisation", das heisst, ein 
beständig höher potenziertes, zunehmend emsigeres, bequemeres 
und unfreieres Ameisenstaatendasein, gewiss reich an Segen und 
insofern wünschenswert, eine Gabe der Zeiten jedoch, bei welcher 
es häufig überaus fraglich bleibt, ob das Menschengeschlecht 
nicht mehr dafür bezahlt als erhält. Civilisation ist an und für sich 
nichts, denn sie bezeichnet nur ein Relatives; ein höhere 
Civilisation dürfte nur dann als ein positiver Gewinn (als ein 
„Fortschritt") betrachtet werden, wenn sie zu einer zunehmend 
intensiven geistigen und künstlerischen 



69 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Gestaltung des Lebens und zu einer innerlichen moralischen 
Klärung führte. Weil ihm das bei uns nicht der Fall zu sein schien, 
darum durfte Goethe als berufenster Zeuge das melancholische 
Geständnis machen: „Diese Zeiten sind schlechter als man 
denkt." Dagegen beruht die unvergängliche Bedeutung des 
Hellenentums darauf, dass es verstanden hat, sich eine Zeit zu 
schaffen, besser als wir sie uns irgend vorzustellen vermögen, eine 
unvergleichlich bessere Zeit, als seine eigene, so sehr 
rückständige Civilisation sie verdiente, wenn ich mich so 
ausdrücken darf. Heutzutage unterscheiden alle Ethnographen 
und Anthropologen scharf zwischen Moral und Religion und 
erkennen an, dass beide in einem gewissen Sinne von einander 
unabhängig sind; es wäre ebenso nützlich, wenn man zwischen 
Kultur und Civilisation scharf zu unterscheiden lernte. Eine 
hochentwickelte Civilistation ist mit einer rudimentären Kultur 
vereinbar: Rom zum Beispiel zeigt eine bewundernswerte 
Civilisation bei sehr geringer, durchaus unorigineller Kultur. 
Athen dagegen weist (bei seinen freien Bürgern) eine Kulturstufe 
auf, gegen welche wir Europäer des 19. Jahrhunderts in mancher 
Beziehung noch immer Barbaren sind, verbunden mit einer 
Civilisation, welche wir vollauf berechtigt sind, als eine im 
Verhältnis zu der unsrigen wirklich barbarische zu bezeichnen. 1 ) 
Verglichen mit allen anderen Erscheinungen der Geschichte, stellt 
das Griechentum eine überschwänglich reiche Blüte des 
Menschengeistes dar, und die Ursache davon ist, dass seine 
gesamte Kultur auf einer künstlerischen 
Grundlage ruht. Das freischöpferische Werk 

menschlicher Phantasie war bei den 



1 ) Ein treffliches Beispiel liefern die Indoarier in ihrer Urheimat, wo die 
Ausbildung einer „alle anderen übertreffenden, vollendet einheitlichen, 
wunderbar durchgebildeten Sprache", abgesehen von anderen geistigen 
Thaten, eine hohe Kultur bedeutete, diese Menschen aber nichtsdestoweniger 
ein fast nackend einhergehendes Hirtenvolk waren, das weder Städte noch 
Metall kannte. (Siehe namentlich Jhering: Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 
2.) Für eine genaue Unterscheidung zwischen Wissen, Civilisation und Kultur 
verweise ich auf das neunte Kapitel des vorliegenden Werkes und auf die darin 
enthaltene Übersichtstafel. 



70 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Hellenen der Ausgangspunkt ihres so unendlich reichen Lebens: 
Sprache, Religion, Politik, Philosophie, Wissenschaft (selbst 
Mathematik!) Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen 
der Dichtung in Worten und in Tönen, das ganze öffentliche Leben 
und das ganze innere Leben des Einzelnen — Alles strahlt von 
diesem Werk aus, und Alles findet sich in ihm wie in einem 
zugleich figürlichen und organischen Mittelpunkt wieder, einem 
Mittelpunkt, der das Fremdartigste an Charakteren, Interessen, 
Bestrebungen zu einer lebendigen, bewussten Einheit verknüpft. 
In diesem Mittelpunkt steht Homer. 

Homer 

Dass man an dem Dasein des Dichters Homer hat zweifeln 
können, wird späteren Geschlechtern keine sehr günstige 
Vorstellung von der geistigen Schärfe unserer Epoche geben. Es 
sind gerade 100 Jahre her, dass F. A. Wolf seine Hypothese in die 
Welt setzte; seitdem haben unsere Neoalexandriner wacker weiter 
geschnüffelt und geschaufelt, bis sie herausbekamen, Homer sei 
lediglich eine pseudomytische Kollektivbezeichnung und Ilias und 
Odyssee nichts weiter als eine geschickte Zusammenkleisterung 
und Neuredigierung von allerhand Dichtern — — Von wem 
zusammengekleistert? und so überaus schön redigiert? Nun, 
natürlich von gelehrten Philologen, von den Vorfahren der jetzigen! 
Man wundert sich nur, dass, da wir wieder einmal im Besitze 
eines so geistvollen Kritikergeschlechts sind, diese Herren sich 
nicht die Mühe genommen haben, uns Armen eine neue Ilias 
zusammenzukleistern: an Liedern fehlt es doch wahrlich nicht, 
auch nicht an echten, schönen Volksliedern, sollte es vielleicht an 
Pappe, etwa gar an Gehirnpappe fehlen? — Die kompetentesten 
Richter in einer derartigen Frage sind offenbar die Dichter, die 
grossen Dichter; der Philologe klebt an der Schale, welche der 
Willkür von Jahrhunderten ausgesetzt war; dagegen dringt des 
Dichters kongenialer Blick bis zum Kern vor und erschaut den 
individuellen Schaffensprozess. Schiller nun, mit der unfehlbaren 
Sicherheit seines Instinkts, erklärte sofort die Ansicht, Ilias und 
Odyssee seien nicht in allen Hauptzügen ihrer Gestaltung das 
Werk eines einzigen gottbegnadeten Mannes, für „einfach 
barbarisch". Ja, in seiner Erregung schiesst er so weit über das 



71 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Ziel hinaus, dass er Wolf einen „dummen Teufel" nennt! Fast noch 
interessanter ist das Urteil Goethe's. Seine vielgerühmte 
Objektivität äusserte sich unter anderem auch darin, dass er sich 
gern widerstandslos einem Eindruck hingab; Wolfs grosse 
philologische Verdienste und die Menge des Richtigen, welche 
seine Ausführungen enthielten, bestrickten den grossen Mann; er 
fühlte sich überzeugt und erklärte es auch öffentlich. Später aber, 
als Goethe sich wieder eingehend mit den Homerischen 
Dichtungen zu beschäftigen die Gelegenheit hatte — und diese 
Werke nicht mehr vom philologisch-historischen, sondern vom 
rein dichterischen Standpunkt aus betrachtete — da widerrief er 
seine voreilige Zustimmung zu dem „subjektiven Krame" (wie er es 
nunmehr nannte), denn jetzt wusste er genau: hinter diesen 
Werken steht eine „herrliche Einheit, ein einziger, höherer 
Dichter sinn". 1 ) Aber auch die Philologen sind, auf ihren 
notwendigen Umwegen, zu der selben Einsicht gelangt, und 
Homer tritt grösser als je in das 20. Jahrhundert, in das vierte 
Jahrtausend seines Ruhmes ein. 2 ) 



*) Siehe z. B. die kleine Schrift: Homer noch einmal, aus dem Jahre 1826. 

2 ) Es muss mir daran liegen, auch den geringsten Schein einer 
Gelehrsamkeit, die ich nicht besitze, von mir abzuwehren; ein Mann in meiner 
Lage kann ja nur von den Ergebnissen gelehrter Forschungen 
Kenntnis nehmen; an diese Ergebnisse hat er aber das Recht und die Pflicht 
als freier Mann und im Besitze einer vollwertigen Urteilskraft heranzutreten, 
und zwar muss er vor allem, dünkt mich, seine Urteilskraft in der selben Art 
benützen, wie ein Monarch, dessen Weisheit sich namentlich in der Wahl 
seiner Ratgeber zu bewähren hat; über den Wert gelehrter Argumente kann 
der Laie nicht zu Gericht sitzen, dagegen vermag er es sehr gut, aus Stil, 
Sprache und Gedankenführung sich ein Urteil über den einzelnen 
Gelehrten zu bilden und zwischen Maurer und Architekten zu 
unterscheiden. Nicht also im Sinne einer materiellen Beweisführung, sondern 
lediglich damit der Leser über meine Urteilsfähigkeit im angedeuteten Sinne 
selber frei zu urteilen vermöge, weise ich hin und wieder in diesen 
Anmerkungen auf meine „Autoritäten" hin. Wie im Texte ausgeführt, halte ich 
es zunächst in dieser Frage mit Sokrates: über Flötenspiel haben Musiker das 
beste Urteil, über Dichtwerke Dichter. Die Meinung Goethe's ist mir in 



72 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Denn neben den vielen philologisierenden Insekten hat 
Deutschland ein unverwüstliches Geschlecht wahrhaft grosser 
Sprach- und Litteraturforscher hervorgebracht: F. A. Wolf gehörte 
selber dazu; niemals hat er sich bis zu der späteren wahn- 



Bezug auf Homer mehr wert als die sämtlicher Philologen, die seit Beginn der 
Welt gelebt haben. Über diese letztere habe ich mich jedoch, so weit das ein 
Laie kann, orientiert, was namentlich bei einer so ungemein verwickelten 
Frage sehr vonnöten. Die zusammenfassenden Darstellungen von Niese: Die 
Entwickelung der Homerischen Poesie, 1882 und von Jebb: Homer, 1888, 
lassen Einen den Gang der Diskussion bis in die Neuzeit verfolgen; mehr aber 
auch nicht. Dagegen wandert man mit Bergk: Griechische Litteraturgeschichte, 
1872-84, an der Hand eines sicheren Führers. Dass Bergk ein Hellenist 
allerersten Ranges war, geben alle Fachmänner zu, dem Nichtfachmann fällt 
ausserdem die umfassende und durchdringende Beschaffenheit seines 
Wissens auf, gepaart mit einer Massigkeit, die an Nüchternheit grenzt; Bergk 
ist nicht ein Feuergeist, er bildet bei der Beurteilung dieser Frage die 
Ergänzung zur blitzschnellen Intuition eines Schiller. Man lese nicht allein das 
Kapitel: „Homer eine historische Persönlichkeit", sondern namentlich auch in 
dem späteren Abschnitt „Homer bei den Neueren" die Ausführungen über die 
Liedertheorie, von der Bergk sagt: „Die allgemeinen Voraussetzungen, von 
denen die Vertreter der Liedertheorie ausgehen, erweisen sich bei näherer 
Prüfung, namentlich wenn man die Homerischen Gedichte im 
Zusammenhange mit der gesamten Entwickelung der epischen Poesie 
betrachtet, als durchaus unhaltbar. Diese Theorie konnte nur von denen 
aufgestellt werden, welche das Homerische Epos ganz gesondert von seiner 
Umgebung und ohne alle Rücksicht auf die Geschichte der griechischen 
Litteratur ihrer zersetzenden Kritik unterwarfen" (I, 525). Man lese auch 
seinen Nachweis, dass der Gebrauch der Schrift zu Homer's Zeiten 
üblich war, und dass sowohl innere wie äussere Gründe dafür zeugen, dass 
Homer seine Dichtungen auch thatsächlich schriftlich hinterlassen 
hat (I, 527 ff.). — 1905. Inzwischen haben die Entdeckungen auf Kreta gezeigt, 
dass der Gebrauch der Schrift bei den Hellenen üblich war, schon lange ehe 
die Achäer bis in den Peloponnes eingedrungen waren. In dem Palast des 
Minos, dessen jüngste Teile nachweislich nicht später als 1550 Jahre vor 
Christo entstanden, sind ganze Bibliotheken und Archive aufgefunden worden 
(vergl. die Veröffentlichungen von A. J. Evans in den letzten Jahrgängen des 
Annual of the British School at Athens) . 



73 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



witzigen Vorstellung verstiegen, ein grosses Kunstwerk könnte aus 
der Zusammenwirkung vieler kleiner Männer oder unmittelbar 
aus dem dunklen Bewusstsein der Masse hervorgehen, und er 
wäre der erste, der von dem endlichen Erfolg der langwierigen 
wissenschaftlichen Untersuchungen mit Befriedigung Kenntnis 
nehmen würde. Selbst in dem Falle, ein ebenso grosses Genie wie 
Homer hätte sich mit Reparatur- und Ausschmückungsarbeiten 
an dessen Werken abgegeben — was eine fast widersinnige 
Annahme wäre — so lehrt uns die Geschichte aller Kunst, dass 
echte Persönlichkeit jeder Nachahmung trotzt; je weiter aber die 
kritischen Untersuchungen des 19. Jahrhunderts gediehen, 
umsomehr musste jeder fähige Forscher einsehen, dass selbst die 
bedeutendsten Nachahmer, Ergänzer, Wiederhersteller der Epen 
des Homer sich alle von ihm dadurch unterschieden, dass kein 
einziger an sein überragendes Genie auch nur entfernt 
heranreichte. Verunstaltet durch zahllose Missverständnisse, 
Schreibfehler, noch mehr durch die vermeintlichen 
Verbesserungen des unausrottbaren Geschlechtes der 
Besserwisser und durch die Interpolationen gutmeinender 
Epigonen, zeugten diese Gedichte, gerade je deutlicher die 
Buntscheckigkeit ihrer heutigen Gestalt durch die Polierarbeit der 
Forschung hervortrat, immer mehr von der unvergleichlichen, 
göttlichen Gestaltungskraft des ursprünglichen Bildners. Welche 
unerhörte Macht der Schönheit musste nicht Werken zu eigen 
sein, welche Jahrhunderte hindurch wildbewegten sozialen 
Verhältnissen und während noch längerer Zeit dem entweihenden 
Ansturm von Beschränktheit, Mittelmässigkeit und 

Pseudogenialität so erfolgreich trotzen konnten, dass noch heute 
aus diesen Trümmern der ewig-jugendliche Zauber künstlerischer 
Vollendung als die gute Fee unserer eigenen Kultur uns 
entgegentritt! Zugleich führten auch andere Forschungen, die 
ihren eigenen, unabhängigen Weg gegangen waren — die 
geschichtlichen und mythologischen Studien — zu dem sichern 
Ergebnis, Homer müsse eine historische Persönlichkeit gewesen 
sein. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass sowohl Sage wie 
Mythe sehr frei und nach bestimmten Prinzipien bewusster 
künstlerischer Gestaltung in diesen Dichtungen behandelt worden 
sind. 



74 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Um das Wesentlichste nur zu nennen: Homer war ein 
Vereinfacher ohnegleichen, er entwirrte den Knäuel 
populärer Mythen, und aus dem planlosen Durcheinander 
volksmässiger Sagen, die von Gau zu Gau anders lauteten, wob er 
einige wenige bestimmte Gestalten, in denen alle Hellenen sich 
und ihre Götter erkannten, obwohl gerade diese Darstellung ihnen 
durchaus neu war. — Was wir jetzt so mühevoll entdeckt haben, 
wussten die Alten sehr gut; ich erinnere an die merkwürdige Stelle 
bei H e r o d o t: „Von den Pelasgern haben die Hellenen die 
Götter angenommen. Woher aber ein jeglicher der Götter stammt, 
und ob sie alle immer da waren und von welcher Gestalt sie sind, 
das wissen wir Hellenen so zu sagen erst seit gestern. Denn 
Hesiod und Homer sind es zunächst, welche den Griechen ihr 
Göttergeschlecht geschaffen, den Göttern ihre Namen gegeben, 
sowie Ehren und Künste unter sie verteilt und ihre Gestalten 
bezeichnet haben. Die Dichter aber, welche angeblich vor diesen 
beiden Männern gelebt haben, sind, nach meiner Meinung 
wenigstens, erst nach ihnen aufgetreten" (Buch II, Abschn. 53). 
Hesiod hat etwa ein Jahrhundert nach Homer gelebt und 
stand unter seinem unmittelbaren Einfluss; bis auf diesen 
geringen Irrtum enthält der einfache naive Satz Herodot's alles, 
was die kritische Riesenarbeit eines Jahrhunderts ans Licht 
gefördert hat. Dass die Dichter, welche nach der priesterlichen 
Tradition vor Homer gelebt haben sollten — wie z. B. Orpheus, 
Mussaeos, Eumolpos aus dem thrakischen, oder Ölen und andere 
aus dem delischen Kreise — in Wirklichkeit nach ihm 
lebten, ist erwiesen; 1 ) und ebenfalls erwiesen ist es, dass die 
religiösen Vorstellungen der Griechen aus sehr verschiedenen 
Quellen gespeist worden sind; den Grundstock bildet die 
indoeuropäische Erbschaft, dazu kommen aber allerhand bunte, 
orientalische Einflüsse (wie Herodot das ebenfalls in dem 
Abschnitt, der dem angeführten vorausgeht, schon dargelegt 
hatte): in dies Wirrnis greift nun der eine unvergleichliche Mann 
mit der 



*) Siehe namentlich Flach: Geschichte der griechischen Lyrik nach den 
Quellen dargestellt, I. S. 45 ff., 90 ff. 



75 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



souveränen Machtvollkommenheit des freischöpferischen, 
dichterischen Genies und gestaltet daraus auf künstlerischem 
Wege eine neue Welt; wie Herodot sagt: er schafft den 
Griechen ihr Göttergeschlecht. 

Man gestatte mir, hier die Worte eines der anerkannt 
gelehrtesten unter den lebenden Hellenisten, Erwin Rohde's 1 ) 
anzuführen: „Volksdichtung ist das Homerische Epos nur darum 
zu nennen, weil es so geartet ist, dass das Volk, das gesamte Volk 
griechischer Zunge es willig aufnahm und in sein Eigentum 
verwandeln konnte, nicht weil in irgend einer mystischen Weise 
das 'Volk' bei seiner Hervorbringung beteiligt gewesen wäre. Viele 
Hände sind an den beiden Gedichten thätig gewesen, alle aber in 
der Richtung und in dem Sinne, die ihnen nicht das 'Volk' oder die 
'Sage', wie man wohl versichern hört, sondern die Gewalt 
des grössten Dichtergenius der Griechen 

und wohl der Menschheit angab. In 

Homer' s Spiegel scheint Griechenland einig und einheitlich im 
Götterglauben, wie im Dialekt, in Verfassungszuständen, in Sitte 
und Sittlichkeit. In Wirklichkeit kann — das darf man kühn 
behaupten — diese Einheit nicht vorhanden gewesen sein; die 
Grundzüge des panhellenischen Wesens waren zweifellos 
vorhanden, aber gesammelt und verschmolzen zu einem nur 
vorgestellten Ganzen hat sie einzig der Genius des 
Dichters" (Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der 
Griechen, S. 35, 36). Bergk, dessen ganzes reiches Gelehrtenleben 
dem Studium der griechischen Poesie gewidmet war, urteilt: 
„Homer schöpft wesentlich aus sich selbst, aus dem eigenen 
Innern; er ist ein wahrhaft origineller Geist, nicht Nachahmer, und 
er übt seine Kunst mit vollem Bewusstsein" (a. a. O., S. 527). 
Auch Duncker, der Historiker, bemerkt, dass, was den 
Nachfolgern Homer's fehlte — was diesen Einzigen also 
auszeichnete — „der zusammenschauende Blick des 
Genius" war (Gesch. des Altertums, V, 566). Und um diese 
Citate 



1 ) Inzwischen hat die deutsche Wissenschaft den Tod des 
ausserordentlichen Mannes zu beklagen gehabt. 



76 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



würdig zu schliessen, berufe ich mich noch auf Aristoteles, dem 
man, was kritische Schärfe anbelangt, doch einige Kompetenz 
zuerkennen wird. Es ist auffallend und wohlthuend zu sehen, 
dass auch er in Homer' s Blick das unterscheidende 
Kennzeichen entdeckt; im 8. Kapitel seiner Poetik (er redet von den 
Eigenschaften einer dichterischen Handlung) meint er: „Homer 
aber, wie er sich auch in anderen Dingen unterscheidet, scheint 
auch hierin richtig gesehen zu haben, entweder 
durch Kunst, oder durch Natur". Ein tiefes Wort! welches uns auf 
der überraschenden Begeisterungsschrei im 23. Kapitel der Poetik 
vorbereitet: Homer ist vor allen anderen Dichtern göttlich. 

Künstlerische Kultur 

Dies musste zunächst, und selbst um den Preis einiger 
Ausführlichkeit, festgestellt werden: nicht etwa weil es für den 
Gegenstand dieses Buches von Belang ist zu wissen, ob gerade ein 
Mann Namens Homer die Ilias geschrieben hat, oder inwiefern die 
Dichtung, welche heute unter diesem Titel bekannt ist, dem 
ursprünglichen Gedicht entsprechen mag; nein, der spezielle 
Nachweis war Nebensache: wesentlich dagegen für mein ganzes 
Buch ist die Hervorhebung der unvergleichlichen Bedeutung der 
Persönlichkeit überhaupt; wesentlich ebenfalls die Erkenntnis, 
dass jedes Werk der Kunst immer und ausnahmslos eine 
stark individuelle Persönlichkeit voraussetzt, ein grosses 
Kunstwerk eine Persönlichkeit allerersten Ranges, ein Genie; 
wesentlich schliesslich die Einsicht, dass das Geheimnis der 
hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff „Persönlichkeit" 
eingeschlossen liegt. Denn in der That, will man verstehen, was 
hellenische Kunst und hellenisches Denken für das 19. 
Jahrhundert bedeutet haben, will man das Geheimnis einer so 
zähen Lebenskraft begreifen, so muss man vor allem sich klar 
machen, dass, was noch heute aus jener verschwundenen Welt 
mit Jugendfrische weiterwirkt, die Macht grosser Persönlichkeiten 
ist. 

Höchstes Glück der Erdenkinder 
ist nur die Persönlichkeit, 



77 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



sagt Goethe; dieses höchste Glück besassen die Griechen wie nie 
ein Volk, und das gerade macht das Sonnige, Strahlende an ihrer 
Erscheinung aus. Ihre grossen Dichtungen, ihre grossen 
Gedanken sind nicht das Werk anonymer Aktiengesellschaften, 
wie die sogenannte Kunst und die sogenannte Weisheit der 
Ägyptter, Assyrer, Chinesen e tutti quanti; das Heldentum ist das 
Lebensprinzip dieses Volkes; der einzelne Mann tritt einzeln 
hervor, kühn überschreitet er den Bannkreis des allen 
Gemeinsamen, der instinktiv, unbewusst, nutzlos sich 
accumulierenden Civilisation, furchtlos haut er sich eine Lichtung 
in den immer dunkler werdenden Urwald der gehäuften 
Superstitionen: — er wagt es, Genie zu haben! Und aus diesem 
Wagestück entsteht ein neuer Begriff des Menschlichen; jetzt erst 
ist der Mensch „in das Tageslicht des Lebens eingetreten". 

Der Vereinzelte vermöchte das jedoch nicht. Persönlichkeiten 
können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als 
solche bemerkbar machen; Aktion gewinnt erst durch Reaktion 
ein bewusstes Dasein; das Genie kann einzig in einer Atmosphäre 
der „Genialität" atmen. Haben wir uns also unzweifelhaft eine 
einzige, überragend grosse, unvergleichlich schöpferische 
Persönlichkeit als das bestimmende und durchaus unerlässliche 
primum mobile der gesamten griechischen Kultur zu denken, so 
müssen wir als das zweite charakteristische Moment dieser Kultur 
die Thatsache erkennen, dass die Umgebung sich einer so 
ausserordentlichen Persönlichkeit würdig erwies. Das Bleibende 
am Hellenentum, dasjenige, was es noch heute am Leben erhält 
und dazu befähigte, so vielen der Besten im 19. Jahrhundert ein 
leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, das kann 
man in einem einzigen Wort zusammenfassen: es ist seine G e n i 
a 1 i t ä t. Was hätte ein Homer in Ägypten oder in Phönizien 
gefrommt? Die einen hätten ihn unbeachtet gelassen, die anderen 

ihn gekreuzigt; ja selbst in Rom hier haben wir übrigens 

den Experimentalbeweis vor Augen. Ist es denn der gesamten 
griechischen Dichtkunst gelungen, auch nur einen einzigen 
Funken aus diesen nüchternen, unkünstlerischen Herzen zu 
schlagen? Giebt es unter den Römern ein einziges wahres 



78 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Dichtergenie? Ist es nicht ein Jammer, dass unsere Schulmeister 
dazu verurteilt sind, unsere frischen Kinderjahre durch die 
obligate Bewunderung dieser rhetorischen, gedrechselten, 
seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter Poesie zu vergällen? 
Und — denn auf ein paar Dichter mehr oder weniger kommt es 
wahrlich nicht an — merkt man nicht an diesem einen Beispiel, 
wie die gesamte Kultur mit der Kunst zusammenhängt? Was sagt 
man zu einer Geschichte, die mehr als 1200 Jahre umfasst und 
nicht einen einzigen Philosophen aufweist, ja, nicht einmal das 
kleinste Philosöphchen? zu einem Volk, das seine in dieser 
Beziehung wahrhaftig bescheidenen Ansprüche durch den Import 
der letzten, abgemarterten, blutärmsten Griechen decken muss, 
die aber nicht einmal Philosophen, sondern lediglich ziemlich 
platte Moralisten sind? Wie weit muss es mit der Ungenialität 
gekommen sein, wenn ein guter Kaiser, der in seinen 
Mussestunden Maximen aufgeschrieben hat, als „Denker" der 
Verehrung kommender Geschlechter anempfohlen wird! 1 ) Wo ist 



1 ) Lucretius könnte man allenfalls nennen, sowohl als Denker wie als 
Dichter gewiss ein bewundernswerter Mann; die Gedanken sind aber überall 
eingestandenermassen griechische, und auch der poetische Apparat ist ein 
vorwiegend griechischer. Und dabei liegt doch auf seiner grossen Dichtung der 
tödliche Schatten jenes Skepticismus, der über kurz oder lang zur 
Unproduktivität führt, und der sorgfältig zu unterscheiden ist von der tiefen 
Erkenntnis wahrhaft religiöser Gemüter, die das Bildliche an ihren 
Vorstellungen gewahr werden, ohne deswegen an der erhabenen Wahrheit des 
innerlich Geahnten, Unerforschlichen zu zweifeln; wie wenn z. B. der Vedische 
Weise plötzlich ausruft: 

„Von wannen sie entstanden, diese Schöpfung, 

Ob sie geschaffen oder nicht geschaffen — 

Wer über sie im höchsten Himmel wachet, 

Der weiss es wohl! Oder weiss auch er es nicht?" 

{RigvedaX, 129.) 
oder wie Herodot in der vor wenigen Seiten angeführten Stelle, wo er meint, 
der Dichter habe die Götter geschaffen. Und Epikur selber, der 
„Gottesleugner", der Mann, den Lucretius als den grössten aller Sterblichen 
bezeichnet, der Mann, von dem er seine ganze Lehre entnimmt — erfahren wir 
nicht gerade über Epikur, dass bei ihm „Religiosität gleichsam ein 
angeborenes Gefühl gewesen sein muss" 



79 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



ein grosser, schöpferischer Naturforscher unter den Römern? 
Doch nicht etwa der fleissige Konversationslexikonsredakteur 
Plinius? Wo ein Mathematiker von Bedeutung? Wo ein Meteorolog, 
ein Geograph, ein Astronom? Alles was unter Roms Herrschaft in 
diesen und anderen Wissenschaften geleistet wurde, alles ohne 
Ausnahme stammt von Griechen. Der poetische Urborn war aber 
versiegt, und so versiegte nach und nach auch bei den Griechen 
des Römertums das schöpferische Denken, die schöpferische 
Beobachtung. Der belebende Hauch des Genies war verweht; 
weder in Rom noch in Alexandrien war von dieser 
Himmelsnahrung des menschlichen Geistes für die noch immer 
aufwärts strebenden Hellenen etwas zu finden; in der einen Stadt 
erstickte der Nützlichkeitsaberglaube, in der anderen die 
wissenschaftliche Elephantiasis nach und nach jede 
Lebensregung. Zwar wurde die Gelehrsamkeit immer grösser, die 
Anzahl bekannter Thatsachen vermehrte sich unaufhörlich, die 
treibende Kraft nahm jedoch ab, anstatt zuzunehmen (welch 
letzteres nötig gewesen wäre), und so erlebte die europäische Welt, 
bei enormer Steigerung der Civilisation, einen progressiven 
Niedergang der Kultur — bis zur nackten Bestialität. Nichts dürfte 
für das Menschengeschlecht gefährlicher sein als Wissenschaft 
ohne Poesie, Civilisation ohne Kultur. *) 

Bei den Hellenen war der Verlauf ein ganz anderer. Solange die 
Kunst unter ihnen blühte, schlug die Leuchte des Geistes auf 
allen Gebieten hoch zum Himmel empor. Die Kraft, welche sich in 
Homer bis zu einer gewaltigsten Individualität durchgerungen 
hatte, lernte nun an ihm ihre Bestimmung erkennen, 



(siehe die von Goethe empfohlene Lebensskizze Epikur's von K. L. von 
Knebel)? „Nie" rief Diokles aus, als er Epikur einstmals im Tempel fand, „nie 
habe ich Zeus grösser gesehen, als da Epikur zu seinen Füssen lag!" Der 
Lateiner glaubte das letzte Wort der Weisheit mit seinem Primus in orbe deos 
fecit timor gesprochen zu haben; der Grieche dagegen kniete als aufgeklärter 
Mann noch inbrünstiger als ehedem vor dem herrlichen Gottesbilde nieder, 
welches Heldenmut sich frei erschaffen hatte, und bezeugte hiermit sein 
Genie. 

*) Vergl. in Kap. 9 die Ausführungen über China u. s. w. 



80 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



und zwar zunächst im engeren Sinne der rein künstlerischen 
Gestaltung einer Welt des Schönen Scheines. Um den strahlenden 
Mittelpunkt herum entstand ein unabsehbares Heer von Dichtern 
und ein reiche Skala von Dichtarten. Originalität bildete — gleich 
von Homer an — das Kennzeichen griechischen Schaffens. 
Natürlich richteten sich untergeordnete Kräfte nach den 
hervorragenderen; es gab aber so viele hervorragende, und diese 
hatten so unendlich mannigfaltige Gattungen erfunden, dass 
hierdurch auch die geringere Begabung in die Lage versetzt 
wurde, das ihr genau Angemessene zu erwählen und ihr Höchstes 
zu leisten. Ich rede nicht allein von der tonvermählten 
Wortdichtung, sondern ebenfalls von der unerreichten Blüte der 
Dichtung für das Auge, welche im engsten Anschluss an jene wie 
ein vielgeliebtes, jüngeres Geschwister aufwuchs. Architektur, 
Plastik, Malerei, ebenso wie Epik, Lyrik, Dramatik, wie 
Hymnendichtung, Dithyrambik, Ode, Roman und Epigramm, sie 
alle waren Strahlen von jenem selben Licht der Kunstsonne, nur 
je nach dem einzelnen Auge verschieden gebrochen. Gewiss ist es 
lächerlich, wenn Schulmänner zwischen Bildung und Ballast 
nicht zu unterscheiden wissen und uns mit endlosen 
Aufzählungen unbedeutender griechischer Dichter und Bildhauer 
belästigen; die Empörung hiergegen, welche am Schluss des 19. 
Jahrhunderts sich mit wachsender Ungeduld zu rühren begann, 
soll uns willkommen sein; ehe wir aber die vielen überflüssigen 
Namen der verdienten Vergessenheit übergeben, wollen wir doch 
das Phänomen in seiner Gesamtheit bewundern; es bezeugt eine 
ewig begehrenswerte Herrschaft des guten Geschmacks, eine 
Feinheit des Urteils, wie sie bisher nicht wiederkehrte, und einen 
weitverbreiteten, schöpferischen Drang. Die griechische Kunst war 
ein wahrhaft lebendiges Wesen, darum lebt sie noch heute: was 
lebt, ist unsterblich. Sie besass einen festen, organischen 
Mittelpunkt, und sie gehorchte einem unwillkürlichen und darum 
unfehlbaren Gestaltungstrieb, der die üppigste Mannigfaltigkeit, 
sogar die tollsten Auswüchse und die mindest bedeutenden 
Bruchteile zu einem Ganzen verknüpfte. Kurz — und wenn man 
mir die scheinbare Tautologie verzeiht — hellenische Kunst war 
eine künstlerische 



81 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Kunst, etwas was kein Einzelner, auch nicht ein Homer, bewirken 
kann, sondern was aus der Mitwirkung einer Gesamtheit entsteht. 
Seither hat sich derartiges nicht wieder ereignet, und deswegen 
lebt griechische Kunst nicht allein noch jetzt bildend und 
ermahnend in unserer Mitte, sondern die grössten, unserer 
Künstler (unserer Dichter in Handlungen, Tönen, Worten, 
Gestalten) haben, wie in den früheren Jahrhunderten unserer 
Zeitrechnung, so auch noch im 19. Jahrhundert sich zu 
Griechenland hingezogen gefühlt wie zu einer Heimat. Der Mann 
aus dem Volk weiss allerdings bei uns von griechischer Kunst nur 
indirekt; für ihn haben die Götter nicht, wie für Epikur, einen 
noch höheren Olymp bestiegen; von roher asiatischer Skepsis und 
rohem asiatischen Aberglauben wurden sie herabgestürzt, und sie 
zerschellten; er begegnet ihnen aber auf unseren Brunnen und 
Theatervorhängen, im Park, wo er Sonntags frische Luft schöpft, 
und in den Museen (wo die Plastik auf die Menge immer mehr 
Anziehung ausübt als die Malerei). Der „Gebildete" trägt Brocken 
von dieser Kunst als unverdauten Bildungsstoff im Kopfe: mehr 
Namen, als lebendige Vorstellungen; jedoch begegnet er ihr zu viel 
auf Schritt und Tritt, als dass er sie je ganz aus den Augen 
verlieren könnte; sie hat an dem Aufbau seines Geistesgerüstes oft 
mehr Anteil als er selber weiss. Der Künstler aber — und hiermit 
will ich jedes künstlerische Gemüt bezeichnen — kann nicht 
anders als voller Sehnsucht die Augen auf Griechenland richten, 
und zwar nicht allein wegen der einzelnen dort entstandenen 
Werke — seit dem Jahre 1200 ist auch bei uns manches Herrliche 
geboren: Dante steht allein, Shakespeare ist grösser und reicher 
als Sophokles, die Kunst eines Bach hat kein Grieche auch nur 
ahnen können — nein, was der Künstler dort findet und was ihm 
bei uns fehlt, das ist das künstlerische 
Element, die künstlerische Kultur. Die Grundlage des 
europäischen Lebens war seit den Römern eine politische: jetzt 
geht sie nach und nach in eine wirtschaftliche über. Bei den 
Griechen durfte kein freier Mann Handel treiben, bei uns ist jeder 
Künstler ein geborener Sklave: die Kunst ist für uns ein Luxus, 
ein Reich der Willkür, sie ist unserem Staate kein Bedürfnis und 
unserem 



82 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



öffentlichen Leben nicht der Gesetzgeber eines alles 
durchdringenden Schönheitsgefühls. Schon in Rom war es die 
Laune eines einzelnen Maecenas, welche die Blüte der Dichtkunst 
hervorrief; seither hingen die höchsten Thaten der herrlichsten 
Geister zumeist von der Baulust eines Papstes, der Eitelkeit eines 
klassisch gebildeten Fürsten, der Prachtliebe einer 
prunksüchtigen Kaufmannschaft ab, oder hin und wieder wehte 
ein belebender Hauch aus höheren Regionen, wie die von dem 
grossen und heiligen Franz von Assisi versuchte religiöse 
Wiedergeburt, welche zu unserer neuen Kunst der Malerei den 
ersten Anstoss gab, oder wie das allmähliche Erwachen des 
deutschen Gemütes, dem wir die herrliche neue Kunst, die 
deutsche Musik, verdanken. Was ist aber aus den Bildern 
geworden? Die Wandgemälde überkalkte man, weil man sie 
hässlich fand; die Tafelbilder entriss man den geheiligten Stätten 
der Andacht und hing sie alle nebeneinander an den Wänden der 
Museen auf; und dann — weil man sonst die „Entwickelung" bis 
zu diesen gepriesensten Meisterwerken nicht wissenschaftlich 
hätte auseinandersetzen können — kratzte man dort den Kalk ab, 
so gut und so schlecht es ging, warf die frommen Mönche hinaus 
und machte aus Klöstern und compi santi eine zweite Klasse von 
Museen. Mit der Musik ging es nicht viel anders; ich habe selber 
in einer — noch dazu wegen ihres geläuterten Musiksinnes 
besonders gerühmten — Hauptstadt Europas eine 
Konzertaufführung von J. S. Bach's Matthäuspassion erlebt, in 
welcher nach jeder „Nummer" geklatscht und der Choral „O Haupt 
voll Blut und Wunden!" sogar da capo verlangt wurde! Wir haben 
vieles, was die Griechen nicht hatten, solche Beispiele lassen aber 
deutlich und schmerzlich empfinden, was uns abgeht und was 
jene besassen. Man begreift, dass Hölderlin dem heutigen 
Künstler zurufen konnte: 

Stirb! du suchst auf diesem Erdenrunde, 
Edler Geist, umsonst dein Element! 

Es ist nicht Mangel an innerer Kraft, an Originalität, was des 
heutigen Künstlers Herz nach Griechenland zieht, wohl aber das 
Bewusstsein und die Erfahrung, dass der Einzelne, Vereinzelte 



83 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



gar nicht wirklich original sein kann. Originalität ist nämlich 
etwas ganz anderes als Willkür; Originalität ist im Gegenteil die 
freie Befolgung des von der besonderen Natur der betreffenden 
Persönlichkeit unwillkürlich ihr vorgezeichneten Weges; 
gerade die Freiheit hierzu besteht aber für den Künstler nur in 
dem Element einer durch und durch künstlerischen Kultur; eine 
solche findet er heute nicht. Zwar wäre es durchaus ungerecht, 
unserer heutigen europäischen Welt künstlerische Regungen 
abzusprechen: in dem Interesse für Musik macht sich eine ganz 
gewaltige Gährung der Geister bemerkbar, und das für moderne 
Malerei greift zwar nur in bestimmte, aber doch in weite Kreise 
und erregt eine fast unheimliche Leidenschaftlichkeit; das alles 
bleibt jedoch ausserhalb des Lebens der Völker, es bildet eine 
Zugabe, eine Zugabe für Mussestunden und müssige Menschen; 
daher herrschen Mode und Laune und mannigfaltige Lüge, und 
die Atmosphäre, die den echten Künstler umgiebt, entbehrt 
jeglicher Elastizität. Selbst das kräftigste Genie ist bei uns 
gebunden, gehemmt, von vielen Seiten zurückgestossen. Und so 
lebt denn hellenische Kunst als ein verlorenes, wieder zu 
erstrebendes Ideal in unserer Mitte fort. 

Das Gestalten 

Unter einem fröhlicheren Stern gemessen hellenische 
Philosophie und hellenische Naturforschung bei uns Kindern des 
19. und 20. Jahrhunderts ein gern und dankbar gewährtes 
Gastrecht. Auch hier handelt es sich nicht um blosse lares und 
feiern wir nicht lediglich einen Ahnenkultus; hellenische 
Philosophie ist im Gegenteil äusserst lebendig unter uns, und 
hellenische Wissenschaft, so unbeholfen auf der einen Seite und 
so unbegreiflich intuitionskräftig auf der anderen, nötigt uns nicht 
allein ein historisches, sondern auch ein gegenwärtiges Interesse 
ab. Die reine Freude, die wir bei der Betrachtung hellenischen 
Denkens empfinden, dürfte zum Teil von dem Bewusstsein 
herkommen, dass wir hier über unsere grossen Vorfahren weiter 
hinausgeschritten sind. Unsere Philosophie ist philosophischer, 
unsere Wissenschaft wissenschaftlicher geworden: eine 
Progression, wie sie auf dem Gebiete der Kunst leider nicht 
stattgefunden hat. In 



84 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Bezug auf Philosophie und Wissenschaft hat sich unsere neue 
Kultur ihres hellenischen Ursprunges würdig erwiesen; wir haben 
ein gutes Gewissen. 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier Beziehungen 
nachzuweisen, die jedem Gebildeten bekannt sein müssen: streng 
genetische, was die Philosophie anbelangt, da unser Denken erst 
bei der Berührung mit dem griechischen erwachte und sogar die 
zuletzt gereifte Kraft des Widerspruches und der Selbständigkeit 
aus ihm sog, — streng genetische ebenfalls, insofern die 
Grundlage aller exakten Wissenschaft in Betracht gezogen wird, 
die Mathematik, — minder genetische und in früheren Jahren 
eher hemmend als fördernd, was die beobachtenden 
Wissenschaften betrifft. 1 ) Mir liegt nur das eine ob, in wenigen 
Worten zu sagen, welche heimliche Kraft diesen alten Gedanken 
so zähen Lebensgeist schenkte. 

Wie vieles Seitherige ist inzwischen zu ewiger Vergessenheit 
untergegangen, während Plato und Aristoteles, Demokrit, Euklid 
und Archimedes in unserer Mitte anregend und belehrend 
weiterleben und die halbfabelhafte Gestalt des Pythagoras mit 
jedem Jahrhundert grösser wird! 2 ) Und ich meine: was dem 
Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines 
Aristarch 3 ) ewige Jugend verleiht, das ist genau der selbe Geist, 
die selbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung 
macht: es ist das Schöpferische und — in einem 
weitesten Sinne des Wortes — recht eigentlich 
Künstlerische. Es kommt nämlich darauf an, dass die 
Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ich's 
oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu 
assimilieren 



*) Zu diesem letzten Punkt muss jedoch bemerkt werden, dass manche 
glänzendste Leistung des hellenische Geistes auf diesem Gebiete uns bis vor 
kurzem unbekannt war. 

2 ) Was die Rückkehr zu einer früheren Einsicht bedeutet. Als ein Orakel den 
Römern befohlen hatte, dem Weisesten der Hellenen ein Standbild zu 
errichten, stellten sie die Statue des Pythagoras auf. (Plutarch: Numa, 
Kap. XI.) 

3 ) Aristarch von Samos, der Entdecker des sogenannten Kopernikanischen 
Weltsystems. 



85 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. 
Blicken wir auf eine etwa dreitausendjährige Geschichte zurück, 
so sehen wir, dass der menschliche Geist sich durch die Kenntnis 
neuer Thatsachen allerdings erweitert hat, bereichert dagegen 
einzig durch neue Ideen, d. h. durch neue Vorstellungen. Dies ist 
jene „schöpferische Kraft", von der Goethe in den Wanderjahren 
redet, welche „die Natur verherrlicht" und ohne welche, wie er 
meint, „das Äussere kalt und leblos bliebe". 1 ) Dauerhaftes aber 
schafft sie nur, wenn ihre Gebilde schön und durchsichtig sind, 
also künstlerisch. 

„As imagination bodies forth 

Theforms ofthings unknown, the poet's pen 

Turns them to shapes. " (Shakespeare.) 

Auf deutsch: während die Phantasie die Vorstellung 
unerforschlicher Dinge hinausprojiziert, bildet sie des Dichters 
Griffel zu Gestalten um. Jene Vorstellungen allein, welche zu 
Gestalten umgebildet werden, machen einen dauernden 
Besitz des menschlichen Bewusstseins aus. Der Vorrat an 
Thatsachen ist ein sehr wechselnder, wodurch auch der 
Schwerpunkt des Thatsächlichen (wenn ich mich so ausdrücken 
darf,) einer beständigen Verschiebung unterliegt; ausserdem ist 
etwa die Hälfte unseres Wissens, oder noch mehr, ein 
Provisorium: was gestern als wahr galt, ist heute falsch, und an 
diesem Verhältnis wird auch die Zukunft schwerlich etwas 
ändern, da die Erweiterung des Wissensmaterials mit der 
Erweiterung des Wissens Schritt hält. 2 ) Was dagegen der Mensch 
als Künstler geformt, die Ge- 



*) Man sieht, nach Goethe bedarf es eines schöpferischen Aktes des 
Menschengeistes, damit das Leben selber „belebt" werde! 

2 ) Ein allgemeines Lehrbuch der Botanik oder Zoologie aus dem Jahre 1875 
ist z. B. heute nicht mehr zu gebrauchen und zwar nicht allein und nicht 
hauptsächlich wegen des neu hinzugekommenen Materials, sondern weil 
thatsächliche Verhältnisse anders aufgefasst und exakte Beobachtungen 
durch noch exaktere umgestossen werden. Man verfolge als Beispiel das 
Imbibitionsdogma mit seinen endlosen Beobachtungsreihen, von seinem 
ersten Auftreten, im Jahre 1838, bis zu seiner höchsten Blüte, etwa 1868; 



86 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



stalt, der er Lebensatem eingehaucht hat, geht nicht unter. Ich 
muss wiederholen, was ich oben schon sagte: was lebt, stirbt 



dann beginnt bald die Contremine, und im Jahre 1898 erfährt der 
wissbegierige Schüler gar nichts mehr davon. — Besonders interessant ist es 
zu beobachten, wie in der Zoologie, in der man am Anfang des 19. 
Jahrhunderts sehr vereinfachen zu dürfen geglaubt hatte, und wo man unter 
dem Einfluss Darwin's bestrebt gewesen war, alle Tiergestalten wenn irgend 
möglich auf einen einzigen Stamm zurückzuführen, jetzt, bei fortschreitender 
Zunahme der Kenntnisse, eine immer grössere Komplikation des 
ursprünglichen Typenschemas entdeckt wird. Cuvier glaubte mit vier 
„allgemeinen Bauplänen" auszukommen. Bald aber war man gezwungen, 
sieben verschiedene, auf einander nicht zurückführbare Typen anzuerkennen, 
und vor etwa dreissig Jahren fand Carl Claus, dass neun Typen das Minimum 
sei. Dieses Minimum genügt aber nicht. Sobald man nicht einzig die 
menschliche Bequemlichkeit und die Bedürfnisse des Anfängers ins Auge fasst 
(wofür Richard Hertwig's bekanntes und sonst vortreffliches Lehrbuch ein 
klassisches Beispiel bietet), sobald man die strukturellen Unterschiede, ohne 
Bezug auf Formenreichtum und dergleichen gegen einander abwägt, kommt 
man bei den heutigen genaueren anatomischen Kenntnissen mit weniger als 
sechzehn verschiedenen, einander typisch gleichwertigen Gruppen nicht aus. 
(Siehe namentlich das meisterhafte Lehrbuch der Zoologie von Fleischmann, 
1898.) — Zugleich haben sich die Anschauungen in Bezug auf manche 
grundlegende zoologische Thatsachen durch genaueres Wissen völlig 
verändert. So galt es z. B. vor zwanzig Jahren, als ich bei Karl Vogt Zoologie 
hörte, für ausgemacht, dass die Würmer in unmittelbarer genetischer 
Beziehung zu den Wirbeltieren stünden; selbst so kritisch selbständige 
Darwinisten wie Vogt hielten diese Thatsache für ausgemacht und wussten 
gar viel Herrliches über den Wurm zu erzählen, der es bis zum Menschen 
gebracht habe. Inzwischen haben viel genauere und umfassendere 
Untersuchungen über die Entwickelung der Tiere im Ei zu der Erkenntnis 
geführt, dass es innerhalb der „Gewebetiere" (alle Tiere, heisst das, die nicht 
aus einfachen, trennbaren Zellen bestehen) zwei grosse Gruppen giebt, deren 
Entwickelung vom Augenblick der Eibefruchtung an nach einem 
grundverschiedenen Plane vor sich geht, so dass jede wahre — nicht bloss 
äusserlich scheinbare — Verwandtschaft zwischen ihnen ausgeschlossen ist, 
sowohl die von den Evolutionisten vorausgesetzte genetische, wie auch die rein 
architektonische. Und sieh da: die Würmer gehören zu der einen Gruppe (die 
ihren Höhepunkt in den Insekten findet), und die Wirbeltiere gehören zu der 
anderen und dürfen nur mehr von Tinten- 



87 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



nicht. Man weiss, dass heute die meisten Zoologen die 
Unsterblichkeit — die physische Unsterblichkeit — des 
Keimplasmas lehren; die Kluft zwischen organischer und 
unorganischer, das heisst zwischen belebter und unbelebter 
Natur, die man am Anfang des 19. Jahrhunderts überbrückt zu 
haben wähnte, wird täglich tiefer; 1 ) hier ist zu einer Diskussion 
darüber nicht der 



fischen und Seeigeln abstammen! (Vergl. namentlich Karl Camillo Schneider: 
Grundzüge der tierischen Organisation in den Preussischen Jahrbüchern 1900, 
Julinummer, S. 73 fg.) Solche Thatsachen dienen als Belege und als 
Bestätigungen des S. 85 Behaupteten, und es ist durchaus notwendig, dass 
der Laie, der stets gewohnt ist, in der Wissenschaft seines Tages einen Gipfel 
zu vermuten, sie als ein Übergangsstadium zwischen einer vergangenen und 
einer zukünftigen Theorie erkennen lerne. 

*) Siehe z. B. das massgebende Werk des amerikanischen Zoologen E. B. 
Wilson (Professor in Columbia): The cell in Development and Inheritance, 1896, 
wo wir lesen: „Die Erforschung der Zellenthätigkeit hat im ganzen die 
gewaltige Kluft, welche selbst die allerniedrigsten Formen, des Lebens von den 
Erscheinungen der unorganischen Welt trennt, eher weiter aufgerissen als 
verengert." Die unbedingte Richtigkeit dieser Aussage vom rein 
naturwissenschaftlichen Standpunkt aus bezeugte mir vor kurzem Herr Hofrat 
Wiesner. — Wilson's Buch ist inzwischen (1900) in zweiter, vermehrter 
Auflage erschienen. Der citierte Satz steht S. 434 unverändert. Das ganze 
letzte Kapitel, Theories of Inheritance and Development, ist allen Denen zu 
empfehlen, die statt Phrasen eine wirkliche Einsicht in den augenblicklichen 
Zustand wissenschaftlicher Erkenntnis in Bezug auf die Grundthatsachen der 
tierischen Gestalt besitzen wollen. Sie werden ein Chaos finden. Wie der 
Verfasser (S. 434) sagt: „Die ungeheure Grösse des Problems der 
Entwickelung, gleichviel ob ontogenetisch oder phylogenetisch, ist 
unterschätzt worden." Jetzt sieht man ein, dass jedes neuentdeckte Phänomen 
nicht Aufklärung und Vereinfachung, sondern neue Verwirrung und neue 
Probleme bringt, so dass ein bekannter Embryolog (siehe Vorwort) vor kurzem 
ausrief: „Jedes Tierei scheint sein eigenes Gesetz in sich zu tragen!" Rabl 
kommt in seinen Untersuchungen Über den Bau und die Entwickelung der 
Linse (1900) zu ähnlichen Ergebnissen; er findet, dass jede Tierart ihre 
spezifischen Sinnesorgane besitzt, deren Unterschiede schon in der Eizelle 
bedingt sind. So wird denn durch die Fortschritte der wahren Wissenschaft — 
und im Gegensatz zu dem Nonsens über Kraft und Stoff, mit dem 
Generationen von leichtgläubigen Laien verblödet 



88 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Platz; ich führe diese Thatschache nur analogisch an, um mich zu 
rechtfertigen, wenn ich auch geistigem Gebiete zwischen 
organisierten und unorganisierten Vorstellungen streng 
unterscheide, und wenn ich meine Überzeugung ausspreche, dass 
etwas, was des Dichters Griffel zu einer lebendigen Gestalt geformt 
hat, noch niemals gestorben ist. Kataklysmen können derartige 
Gebilde verschütten, sie entsteigen aber nach Jahrhunderten ewig 
jung dem vermeintlichen Grabe; gar häufig kommt es auch vor, 
dass die Kinder des Gedankens, wie ihre Geschwister, die 
marmornen Standbilder, verstümmelt, zerstückelt oder ganz und 
gar zertrümmert werden; das ist aber eine mechanische 
Vernichtung, nicht Tod. Und so war denn die mehr als tausend 
Jahre alte Ideenlehre Plato's ein lebendiger Bestandteil des 
Geisteslebens des 19. Jahrhunderts, ein „Ursprung" gar vieler 
Gedanken; fast jede philosophische Spekulation von Bedeutung 
hat wohl an einer oder der andern Seite bei ihr angeknüpft. 
Inzwischen beherrschte Demokrit's Geist die Naturwissenschaft: 
mag seine geniale Erdichtung der Atome, um dem heutigen 
Wissensmaterial angepasst zu werden, noch so tiefe 
Umgestaltungen haben erfahren müssen, er bleibt doch der 
Erfinder, der Künstler, er ist es, der (um mit Shakespeare zu 
reden) das Unerforschliche durch die Kraft seiner Phantasie 
hinausprojiziert und diese Vorstellung dann gestaltet hat. 

Plato 

Beispiele der Weise, in welcher hellenische Gestaltungskraft 
den Gedanken Leben und Wirksamkeit verliehen hat, sind leicht 
zu nennen. Man nehme Plato's Philosophie. Sein Material ist kein 
neues; er setzt sich nicht hin, wie etwa Spinoza, um aus den 
Tiefen des eigenen Bewusstseins ein logisches Weltsystem 
herauszukalkulieren; ebensowenig greift er mit der grossartigen 
Unbefangenheit (ingenuitas) des Descartes der Natur in die 
Eingeweide, in dem Wahn, dort als Welterklärung ein Räderwerk 



worden sind — unsere Auffassung des Lebens eine immer „lebendigere", und 
der Tag ist wohl nicht mehr fern, wo man einsehen wird, dass es vernünftiger 
wäre, das Unbelebte vom Standpunkt des Lebendigen aus, als umgekehrt, 
deuten zu wollen. (Ich verweise auf meinen Immanuel Kant, S. 482 fg.) 



89 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



zu entdecken; vielmehr nimmt er hier und dort, was ihm das beste 
dünkt — bei den Eleaten, bei Heraklit, bei den Pythagoräern, bei 
Sokrates — und gestaltet daraus kein eigentlich logisches, wohl 
aber ein künstlerisches Ganzes. Die Stellung Plato's zu den 
früheren Philosophen Griechenlands ist derjenigen Homer's zu 
den vorangegangenen und zeitgenössischen Sängern durchaus 
nicht unähnlich. Auch Homer „erfand" wahrscheinlich nichts 
(ebensowenig wie später Shakespeare); er griff aber aus 
verschiedenen Quellen dasjenige heraus, was zu seinem Zwecke 
passte, und fügte es zu einem neuen Ganzen zusammen, zu etwas 
durchaus Individuellem, begabt mit den unvergleichlichen 
Eigenschaften des lebendigen Individuums, behaftet mit den von 
dem Wesen des Individuums nicht zu trennenden engen Grenzen, 
Lücken, Eigenheiten, — denn jegliches Individuum spricht mit 
dem Gott der ägyptischen Mysterien: „Ich bin, der ich bin," und 
steht als ein neues Unerforschliches, nicht zu Ergründenes da. 1 ) 
Ähnlich Plato's Weltanschauung. Professor Zeller, der berühmte 
Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie meint: „Plato ist 
zu sehr Dichter, um ganz Philosoph zu sein." Es dürfte schwer 
fallen, dieser Kritik irgend einen bestimmten Sinn abzugewinnen. 
Gott weiss, was ein „Philosoph" in abstracto sein mag; 
Plato war er selber, kein andrer; und an ihm erkennen wir, wie ein 
Geist gestaltet sein musste, um griechisches Denken zu seiner 
höchsten Blüte zu führen. Er ist der Homer dieses Denkens. Wenn 
ein Mann, der die nötige Kompetenz besässe, die Lehre Plato's 
derartig zergliederte, dass man deutlich gewahr würde, welche 
Bestandteile nicht durch den Vorgang des genialen 
Wiedergebärens allein, sondern als ganz neue Erfindungen 
ureigenes Eigentum des grossen Denkers sind, so würde das 
Dichterische seines Verfahrens gewiss besonders klar 
werden. Montesquieu nennt Plato denn auch (in seinen Pensees) 
einen der vier grossen Dichter der Menschheit. Namentlich 



1 ) „Ein echtes Kunstwerk bleibt wie ein Naturwerk für unsern Verstand 
immer unendlich; es wird angeschaut, empfunden; es wirkt, es kann aber 
nicht eigentlich erkannt, viel weniger sein Wesen, sein Verdienst mit Worten 
ausgesprochen werden." (Goethe.) 



90 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



würde dasjenige, was man als widerspruchsvoll, als nicht 
Zusammenzureimendes tadelt, sich als künstlerische 
Notwendigkeit erweisen. Das Leben ist an und für sich 
ein Widerspruch: „la vie est l'ensemble des fonctions qui resistent ä 
la mort' sagte der grosse Bichat; jedes Lebendige hat darum 
zugleich etwas Fragmentarisches und etwas gewissermassen 
Willkürliches an sich; einzig durch die freie, poetische — doch nur 
bedingt gültige — Zuthat des Menschen gelingt es, die beiden 
Enden des magischen Gürtels aneinander zu knüpfen; 
Kunstwerke bilden keine Ausnahme: Homer's Ilias ist ein 
grossartiges Beispiel hiervon, Plato's Weltanschauung ein zweites, 
Demokrit's Welttheorie ein ebenso bedeutendes. Und während die 
prächtig „logisch" ausgemeisselten Philosophien und Theorien eine 
nach der anderen in dem Abgrund der Zeit verschwinden, reihen 
sich jene alten Ideen noch jugendfrisch an unsere neuesten an. 
Man sieht: nicht die „objektive Wahrheit" ist das 
Ausschlaggebende, sondern die Art der Gestaltung, „l'ensemble 
des fonctions" , würde Bichat sagen. 

Noch eine Bemerkung in Bezug auf Plato; wiederum nur eine 
Andeutung — denn zu jeder Ausführung fehlt mir der Raum — 
genug aber, hoffe ich, damit nichts unklar bleibt. Dass indisches 
Denken einen geradezu bestimmenden Einfluss auf die 
griechische Philosophie ausgeübt hat, steht nunmehr fest; unsere 
Hellenisten und Philosophen haben sich zwar lange mit dem 
wütenden Eigensinn vorurteilsvoller Gelehrten dagegen gesträubt: 
alles sollte in Hellas autochton entstanden sein, höchstens die 
Ägypter und die Semiten hätten bildend gewirkt — wobei 
allerdings für die Philosophie wenig zu profitieren gewesen wäre; 
die neueren Indologen haben jedoch das bestätigt gefunden, was 
die ältesten (namentlich der geniale Sir William Jones) 
sofort vermutet hatten. Insbesondere ist für Pythagoras der 
Nachweis einer eingehenden Bekanntschaft mit indischen Lehren 
ausführlich dargebracht worden, 1 ) und da Pythagoras immer 
deutlicher als der 



l ) Vergl. hierüber namentlich Schroeder: Pythagoras und die Inder (1884). 



91 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Stammvater des griechischen Denkens hervortritt, ist das schon 
viel. Ausserdem ist eine unmittelbare Beeinflussung der Eleaten, 
des Heraklit, des Anaxagoras, des Demokrit u. s. w., höchst 
wahrscheinlich gemacht worden. 1 ) Unter diesen Bedingungen 
kann es nicht wunder nehmen, wenn ein so hoher Geist wie Plato 
durch manche irreführende Zugabe hindurchdrang und — 
namentlich betreffs etlicher Kernpunkte aller echten Metaphysik 
— mit den erhabensten Anschauungen der indischen Denker 
genau übereinstimmt. 2 ) Man vergleiche aber Plato und die Inder, 
seine Werke, und ihre Werke! Da wird man nicht länger im Zweifel 
sein, warum Plato lebt und wirkt, die indischen Weisen dagegen 
zwar auch noch leben, ohne aber auf die weite Welt, auf die 
werdende Menschheit unmittelbar zu wirken. Das indische 
Denken ist, was Tiefe und umfassende Vielseitigkeit anbelangt, 
unerreicht; meinte aber Professor Zeller, Plato sei „zu sehr 
Dichter, um ganz Philosoph zu sein", so ersehen wir aus dem 
Beispiel der Inder, was aus einer Weltanschauung wird, wenn ein 
Denker zu „ganz" Philosoph ist, um noch zugleich ein bisschen 
Dichter zu sein. Dieses reine Denken der Inder entbehrt aller 
Mitteilbarkeit — was einen zugleich naiven und tiefen Ausdruck 
darin findet, dass nach den indischen Büchern die höchste, letzte 
Weisheit einzig durch Schweigen gelehrt werden 
kann. 3 ) 



!) Die beste mir bekannte Zusammenstellung aus letzterer Zeit ist die von 
Garbe in seiner Sämkhya-Philosophie (1894), S. 85 fg.; dort findet man auch 
die wichtigste Litteratur erwähnt. 

2 ) Für den Vergleich zwischen Plato und den Indern in Bezug auf die 
Erkenntnis der empirischen Realität und transscendentalen Idealität der 
Erfahrung siehe namentlich Max Müller: Three lectures ort the Vedänta 
Philosophy (1894), S. 128 fg. Plato's Stellung den Eleaten gegenüber wird 
hierdurch eigentlich erst ganz klar. Umfassenderes in Deussen's Werken, 
namentlich in seinem Vortrag: „Über die Philosophie des Vedänta in ihrem 
Verhältnis zu den metaphysischen Lehren des Westens", in englischer Sprache 
gehalten und in Bombay (1893) erschienen. (Eine deutsche Übersetzung aus 
meiner Feder brachten die Bayreuther Blätter, Jahrgang 1895, S. 125 fg.) 

3 ) „Als Bähva von dem Vähskäli befragt wurde, da erklärte ihm dieser das 
Brahman dadurch, dass er schwieg. Und Väshkäli 



92 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Ganz anders der Grieche! Koste, was es wollte, er muss „die 
Vorstellung unerfor schlicher Dinge hinausprojizieren und 
gestalten". Man lese in diesem Zusammenhang die mühsame 
Auseinandersetzung in Plato's Theaitetos, wo Sokrates zuletzt 
zugiebt, es könne einer im Besitz der Wahrheit sein, ohne dass er 
sie zu erklären vermöge, das sei aber noch keine Erkenntnis; was 
Erkenntnis sei, bleibt allerdings zum Schluss (ein Beweis von 
Plato's Tiefsinnigkeit) unentschieden; im kulminierenden Punkte 
des Dialogs jedoch wird sie als „richtige Vorstellung" bezeichnet, 
und gesagt, über richtige Vorstellung müsse man „Rede stehen 
und Erklärung geben können"; ebenfalls hierher gehört die 
berühmte Stelle Timäos, wo der Kosmos mit einem „lebendigen 
Tiere" verglichen wird. Es muss vorgestellt und gestaltet 
werden: das ist das Geheimnis des Griechen, von Homer bis 
Archimedes. Plato's Ideenlehre verhält sich zur Metaphysik genau 
ebenso wie Demokrit's Atomenlehre zur physischen Welt: es sind 
Werke einer freischöpferischen, gestaltenden Kraft und in ihnen 
quillt, wie in allen echten Kunstwerken, ein unerschöpflicher Born 
symbolischer Wahrheit. Derartige Schöpfungen verhalten sich zu 
materiellen Thatsachen wie die Sonne zu den Blumen. Nicht 
Segen allein empfingen wir von den Hellenen; im Gegenteil, 
einiges, was von ihnen sich herleitet, bedrückt noch wie ein 
banger Alp unsere aufstrebende Kultur; was wir aber Gutes von 
ihnen erbten, war vor allem solch blütentreibender Sonnenschein. 

Aristoteles 

Unter dem unmittelbaren Einfluss Plato's schiesst einer der 
kräftigsten Stämme in die Höhe, welche die Welt jemals erblickte: 
Aristoteles. Dass Aristoteles sich in gewissen Beziehungen 
als Gegensatz zu Plato entwickelte, ist in der Natur seines In- 



sprach: lehre mir, o Ehrwürdiger, das Brahman! Jener aber schwieg stille. Als 
nun der andere zum zweitenmale oder drittenmale fragte, da sprach er: ich 
lehre dich es ja, du aber verstehst es nicht; dieses Brahman ist Schweigen." 
(Qankara in den Sütra's des Vedänta, III, 2, 17). Und in der Taittiriya- 
Upanishad lesen wir (II. 4): „Vor der Wonne der Erkenntnis kehrt alle Sprache 
um, auch alles Denken, unfähig sie zu erreichen." 



93 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



tellektes begründet; ohne Plato wäre er überhaupt kein Philosoph, 
wenigstens kein Metaphysiker geworden. Eine kritische 
Würdigung dieses grossen Mannes, wenn auch nur in Bezug auf 
den bestimmten Gegenstand dieses Kapitels, ist mir unmöglich; 
sie würde zu weit führen. Ich konnte ihn aber nicht ungenannt 
lassen, und ich darf wohl voraussetzen, dass die Gestaltungskraft, 
welche in seinem logischen „Organon", in seiner „Tiergeschichte", 
in seiner „Poetik" u. s. w. sich verkündet und durch alle 
seitherigen Jahrhunderte bewährt hat, Keinem entgehen kann. 
Um mir ein Wort des Scotus Erigena anzueignen: die naturalium 
rerum discretio war das Gebiet, auf dem er Unerreichtes schuf, die 
fernsten Geschlechter zu Dank verpflichtend. Nicht dass er Recht 
hatte, war Aristoteles' Grösse — kein Mann ersten Ranges hat sich 
öfter und flagranter geirrt als er — sondern dass er keine Ruhe 
kannte, bis er auf allen Gebieten des menschlichen Lebens 
„gestaltet" und Ordnung im Chaos geschaffen hatte. 1 ) Insofern ist 
er ein echter Hellene. Freilich haben wir diese „Ordnung" teuer 
bezahlt. Aristoteles war weniger Dichter als vielleicht irgend ein 
anderer unter den bedeutenden Philosophen Griechenlands; 
Herder sagt von ihm, er sei „vielleicht der trockenste Geist, der je 
den Griffel geführt" 2 ); er muss, glaube ich, selbst Herrn Professor 
Zeller genug „ganz Philosoph" sein; jedenfalls war er es genug, um 
— dank seiner hellenischen Gestaltungskraft — mehr 
hartnäckigen Irrtum in die Welt zu säen, als jemals ein Mann vor 
ihm oder nach ihm. Die Naturwissenschaften waren bis vor 
kurzen an allen Ecken und Enden durch ihn gehemmt; die 
Philosophie, und namentlich die Metaphysik, hat ihn noch nicht 
abgeschüttelt; unsere Theologie ist — ja, wie soll ich sagen? — sie 
ist sein uneheliches Kind. Wahrlich, dieses grosse und bedeutende 
Erbe der alten Welt war ein zweischneidiges Schwert. Ich komme 



!) Eucken sagt in seinem Aufsatz: „Thomas von Aquin und Kant" 
(Kantstudien, 1901, VI, S. 12, oder S. 30 des S. A.), die geistige Arbeit 
Aristoteles' sei „ein künstlerisches, genauer noch ein plastisches Gestalten". 

2 ) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch XIII, Kap. 5. 



94 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



gleich in einem anderen Zusammenhang auf Aristoteles und die 
griechische Philosophie zurück; hier will ich nur noch hinzufügen, 
dass die Griechen allerdings eines Aristoteles sehr bedurften, der 
auf empirische Methoden den Nachdruck legte und in allen 
Dingen den goldenen Mittelweg empfahl; in ihrem genialen 
Übermute und Schaffensdrange waren sie geneigt, hinaus und 
hinauf zu stürmen mit einer leichtfertigen Missachtung des 
ernsten Bodens der Realität, die mit der Zeit Unheil schaffen 
musste; charakteristisch ist jedoch, dass Aristoteles, so ganz 
Hellene er auch war, auf die Entwickelung des griechischen 
Geisteslebens zunächst von verhältnismässig geringem Einfluss 
blieb; der gesunde Instinkt eines schaffensfreudigen Volkes 
empörte sich gegen eine so tödlich heftige Reaktion und empfand 
vielleicht dunkel, dass dieser angebliche Empiriker als Heilmittel 
das Gift des Dogmas mit sich führte. Aristoteles war nämlich von 
Beruf Arzt, — er gab das grosse Beispiel des Arztes, der seinen 
Patienten umbringt, um ihn zu heilen. Doch jener erste Patient 
war widerspenstig; er rettete sich lieber in die Arme des 
neoplatonischen Quacksalbers. Wir armen Spätgeborenen erbten 
nun Arzt und Quacksalber zugleich, die beide unseren gesunden 
Körper mit ihren Droguen tränken. Gott stehe uns bei! 

Naturwissenschaft 

Ein Wort noch über hellenische Wissenschaft. Es ist nur 
natürlich, dass die wissenschaftlichen Errungenschaften der 
Griechen für uns kaum mehr als ein historisches Interesse 
besitzen; sie sind längst überholt. Was uns jedoch nicht 
gleichgültig lassen kann, ist die Wahrnehmung des unglaublichen 
Aufschwunges, den die richtige Deutung der Natur unter dem 
Einflüsse der Entfaltung neuentdeckter künstlerischer 
Fähigkeiten nahm. Unwillkürlich wird man an Schiller' s 
Behauptung erinnert: man könne den Schein von der Wirklichkeit 
nicht sondern, ohne zugleich die Wirklichkeit von dem Scheine zu 
reinigen. 

Wenn es ein Gebiet giebt, auf welchem man weniger als nichts 
von den Hellenen erwarten würde, so ist es das der 
Erdkunde. Was wir in ihren Dichtungen gelesen zu haben 
uns erinnern — die Irrfahrten des Odysseus und der Io u. s. w. — 
schien gar verwirrt und wurde durch die sich widersprechen- 



95 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



den Kommentare nur noch verwirrter. Bis zu Alexander' s Zeiten 
sind die Griechen ausserdem nicht weit in der Welt 
herumgekommen. Man nehme aber Dr. Hugo Berger's: Geschichte 
der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen zur Hand, ein 
streng wissenschaftliches Werk, und man wird aus dem Staunen 
nicht herauskommen. Auf der Schule erfahren wir zumeist nur 
von Ptolemäus etwas, und seine geographische Karte mutet uns 
fast ebenso sonderbar an, wie seine ineinander geschachtelten 
Himmelsphären; das ist jedoch alles das Ergebnis einer Zeit des 
Verfalles einer zwar unendlich vervollkommneten, dabei aber 
intuitionsschwach geworden Wissenschaft, der Wissenschaft eines 
rassenlosen Völkerchaos; dagegen lasse man sich über die 
geographischen Vorstellungen der echten Griechen unterrichten, 
von Anaximander an bis zu Erathostenes, und dann wird man 
Berger's Behauptung verstehen: „Die Leistungen des wunderbar 
begabten Griechenvolkes auf dem Gebiete der wissenschaftlichen 
Erdkunde sind der Arbeit wahrlich wert. Noch heute begegnen wir 
ihren Spuren auf Schritt und Tritt und können die von ihnen 
geschaffenen Grundlagen nicht entbehren" (I, S. VI.). 
Besonders auffallend sind die verhältnismässig ausgebreiteten 
Kenntnisse und die gesunde Vorstellungskraft der alten Ionier. 
Später erfolgten bedenkliche Rückschritte und zwar vornehmlich 
durch den Einfluss „der Verächter der Physik, Meteorologie und 
Mathematik, durch die vorsichtigen Leute, die nur 
dem eigenen Auge, oder der von Augenzeugen eigens erworbenen, 
glaubhaften Kunde trauen wollten" (I, 139). Noch später gesellten 
sich dann so kräftige wissenschaftliche Vorurteile dazu, dass die 
Reisen des „ersten Nordpolfahrers", Pytheas (ein Zeitgenosse des 
Aristoteles) mit ihren genauen Beschreibungen der Küsten 
Galliens und Britanniens, ihren Erzählungen vom Eismeer, ihren 
so entscheidenden Beobachtungen über die Tag- und Nachtlänge 
in nördlichen Breiten von allen Gelehrten des Altertums für 
Lügen erklärt wurden (III, 7, dazu das heutige Urteil III, 36). 
Philipp Paulitschke macht ebenfalls in seinem Werke: Die 
geographische Erforschung des afrikanischen Kontinents (zweite 
Ausgabe S. 9) darauf aufmerksam, dass Herodot eine weit rieh- 



96 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



tigere Vorstellung der Umrisse von Afrika besessen habe als 
Ptolemäus. Dieser galt aber als „Autorität". Es hat ein eigenes 
Bewenden mit diesen all verehrten „Autoritäten"; und mit 
aufrichtigem Bedauern stelle ich fest, dass wir von den Hellenen 
nicht allein die Ergebnisse ihrer — nach Berger — „wunderbaren 
Begabung", sondern auch ihre Autoritätenzüchtung und ihren 
Autoritätenglauben geerbt haben. — Eigentümlich lehrreich ist in 
dieser Beziehung die Geschichte der Petrefaktenkunde. Mit der 
vollen Naivetät der unverdorbenen Anschauungskraft hatten die 
alten Griechen lange vor Plato und Aristoteles die Muscheln auf 
den Bergesspitzen und sogar die Abdrücke von Fischen für das 
erkannt, was sie sind; Männer wie Xenophanes und Empedokles 
hatten darauf entwickelungsgeschichtliche und geocyklische 
Lehren gegründet. Die Autoritäten erklärten jedoch diese 
Annahme für unsinnig; als die Thatsachen sich häuften, wurden 
sie durch die herrliche Theorie der vis plastica aus der Welt 
geschafft; 1 ) und erst im Jahre 1517 wagte es ein Mann, die alte 
Meinung wieder auszusprechen, die Bergesspitzen hätten einst 
auf dem Meeresboden gelegen: „Im Jahre der Reformation war 
man also, nach anderthalb Jahrtausenden, wieder auf dem 
Punkte des klassischen Altertums angekommen." 2 ) Fracastorius 
blieb aber mit seiner Anschauung ziemlich vereinzelt, und, will 
man ermessen — was heute nach den Fortschritten der 
Wissenschaften wirklich sehr schwer fällt — eine wie grosse, 
verehrungswürdige Kraft der Wahrheit in dem Auge dieser alten 
Poeten lag (Xenophanes und Empedokles waren beide in erster 
Reihe Dichter und Sänger), so empfehle ich, in den Schriften des 
Freigeistes Voltaire nachzulesen und zu sehen, mit welchem Spott 
die Paläontologen noch im Jahre 1768 von ihm überhäuft 
werden. 3 ) Ebenso belustigend sind die krampfhaften Versuche 



!) Nach Quenstedt stammt diese Hypothese von Avicenna; sie ist aber auf 
Aristoteles zurückzuführen und wurde von Theophrast ausdrücklich gelehrt 
(siehe Lyell: Principles of Geology, 12 Ausg., I, 20). 

2 ) Quenstedt: Handbuch der Petrefaktenkunde, 2. Aufl., S. 2. 

3 ) Siehe: Des singularites de la Nature, Kap. XII bis XVIII, 



97 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



seines Skepticismus, sich gegen die Evidenz zu wehren. Man hatte 
Austern auf dem Mont Cenis gefunden: Voltaire meint, sie seien 
von den Hüten der Rompilger abgefallen! Hippopotamusknochen 
waren unweit Paris aufgegraben worden: Voltaire meint, un 
curieux a eu autrefois dans son cabinet le squelette d'un 
hippopotame! Man sieht, die Skepsis genügt nicht, scharfsichtig zu 
machen. 1 ) Dagegen liefern uns die ältesten Dichtungen Beispiele 
eines eigentümlichen Scharfblickes. Schon in der Ilias z. B. heisst 
Poseidon der „Erder schütterer"; dieser Gott, d. h. also das Wasser 
und namentlich das Meer, wird immer als Ursache der Erdbeben 
genannt: das stimmt mit den Ergebnissen der modernsten 
Wissenschaft genau überein. Jedoch will ich auf solche Züge nur 
als Kontrast zu der Beschränktheit jener Helden einer angeblichen 
„Aufklärung" hingewiesen haben. — Weit auffallenderen 
Beispielen der Reinigung der Wirklichkeit von dem Scheine 
begegnen wir auf dem Gebiete der Astrophysik, namentlich in der 
Schule des Pythagoras. Die Lehre von Kugelgestalt der Erde findet 
sich schon bei den frühesten Adepten, und selbst das viele 
Phantastische, was den Vorstellungen dieser Älteren noch 
anhaftete, ist äusserst lehrreich, weil es das zukünftige Richtige 
gewissermassen in nuce enthält. 2 ) Und so gesellte sich denn bei 
den Pythagoreern mit der 



und L'homme aux quarante ecus, Kap. VI., beide Schriften aus dem Jahre 
1768. Ähnliches in seinen Briefen (siehe namentlich: Lettre sur un ecrit 
anonyme, 19. 4. 1772.) 

!) Dieser selbe Voltaire scheute sich nicht, die grossartigen astronomischen 
Spekulationen der Pythagoreer als „galimatias" zu bezeichnen, wozu der 
berühmte Astronom Schiaparelli mit Recht bemerkt: „Solche Männer sind 
nicht wert zu verstehen, welche gewaltige spekulative Kraft nötig war, um zu 
der Idee von der Kugelgestalt der Erde, ihres freien Schwebens im Räume und 
ihrer Beweglichkeit zu gelangen: Ideen, ohne welche wir weder einen 
Kopernikus, noch einen Kepler, einen Galilei, einen Newton gehabt hätten" (im 
unten citierten Werke, S. 16). 

2 ) Zeller: Die Philosophie der Griechen, 5. Aufl. T. 1., S. 414 fg. Mehr 
technisch, aber ungemein lichtvoll auseinandergesetzt in der Schrift von 
Schiaparelli: Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum (nach dem italienischen 
Original ins Deutsche übertragen 



98 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Zeit zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde und von der 
Neigung der Erdbahn auch die der Achsendrehung sowie der 
Bewegung um einen Mittelpunkt im Räume, — verbürgt von 
Philolaus an, einem Zeitgenossen des Demokrit; eine Generation 
nachher war auch das hypothetische „Centralfeuer" durch die 
Sonne ersetzt. Nicht als Philosoph freilich, sondern als Astronom 
hat dann später (etwa 250 v. Chr.) Aristarch das 
heliozentrische System klar begründet, die Entfernung von Sonne 
und Mond zu berechnen unternommen und in der Sonne (1900 
Jahre vor Giordano Bruno) einen der zahllosen Fixsterne 
erkannt. *) Welche Kraft der Phantasie, des Shakespeareschen 



vom Verfasser und M. Curtze, erschienen in der Altpreussischen Monatsschrift, 
Jahrgang 1876). „Wir sind in der Lage, konstatieren zu können, dass die 
Entwickelung der physischen Prinzipien dieser Schule durch logische 
Verkettung der Ideen zur Theorie der Bewegung der Erde führen m u s s t e" 
(S. 5 fg.). Weit Ausführlicheres über „die geradezu revolutionäre Anschauung, 
dass nicht die Erde den Mittelpunkt des Universums einnehme", in dem vor 
kurzem erschienenen Buch von Wilhelm Bauer: Der ältere Pythagoreismus 
(1897), S. 54 fg., 64 fg. u. s. w. (Lesenswert ist noch heute der Aufsatz von 
Ludwig Ideler: Über das Verhältnis des Kopernikus zum Altertum, in dem von 
Fr. Aug. Wolf herausg. Museum für Altertumswissenschaft, Jahrg. 1810, S. 391 
fg.) 

l ) „Aristarch stellt die Sonne unter die Zahl der Fixsterne und lässt die Erde 
sich durch den Sonnenkreis (d. h. die Ekliptik) bewegen und sagt, sie werde je 
nach ihrer Neigung beschattet", berichtet Plutarch. Für dieses und die 
anderen Zeugnisse in Bezug auf Aristarch vergl. die genannte Schrift des 
Schiaparelli (S. 121 fg. und 219). Übrigens ist dieser Astronom überzeugt, 
dass Aristarch nur lehrte, was schon zu Lebzeiten des Aristoteles entdeckt war 
(S. 117), und auch hier zeigt er, wie auf dem von den Pythagoreern 
eingeschlagenen Wege das Richtige herauskommen m u s s t e. Ohne 
Aristoteles und ohne den Neoplatonismus wäre das heliozentrische System 
schon bei der Geburt Christi allgemein als wahr anerkannt gewesen; wahrlich, 
der Stagyrit hat seine Stellung als offizieller Philosoph der orthodoxen Kirche 
redlich verdient! Dagegen hat sich die Märe, dass schon die Ägypter irgend 
etwas zu der Lösung des astrophysischen Problems beigetragen hätten, wie so 
manche andere ägyptische Märe, als gänzlich unhaltbar erwiesen (Schiaparelli, 
S. 105-6). Übrigens meldet Kopernikus selber in seiner Vorrede an Papst Paul 
III: „Ich fand zuerst bei Cicero, dass Nicetus 



99 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



„Hinausprojizierens", dies voraussetzt, hat die Folge gezeigt: 
Bruno büsste seine Vorstellungskraft mit dem Leben, Galilei mit 
der Freiheit; erst im Jahre 1822 (2000 Jahre nach Aristarch) hat 
die römische Kirche das Werk des Kopernikus aus dem Index 
gestrichen und den Druck von Büchern, welche die Bewegung der 
Erde lehren, gestattet, ohne aber die Bullen aufzuheben, in denen 
verboten wird, an die Bewegung der Erde zu glauben, noch ihre 
Geltung irgendwie einzuschränken. 1 ) Auch darf nie übersehen 
werden, dass diese geniale Reinigung der Wirklichkeit vom 
Scheine von den als Mystagogen verschrieenen Pythagoreern 
ausging und an dem Idealisten Plato, namentlich gegen Schlüss 
seines Lebens, eine Stütze fand, während der Verkünder der 
alleinseligmachenden Induktion, Aristoteles, mit der ganzen 
Wucht seiner Empirie gegen die Lehre von einer Bewegung der 
Erde herzog. „Die Pythagoreer", schreibt er mit Bezug auf die von 
ihm geleugnete Achsendrehung der Erde, „leiten Gründe und 
Ursachen nicht aus den beobachteten Erscheinungen ab, sondern 
sind bestrebt, die Erscheinungen mit etlichen eigenen Ansichten 
und Voraussetzungen zu vereinigen; auf diese Art versuchen sie in 
die Weltbildung einzugreifen" (De coelo, II, 13). Diese 
Gegenüberstellung sollte wohl manchem Sohne unserer Zeit zu 
denken geben; denn an aristotelisierenden Naturforschern fehlt es 
uns nicht, und in unseren neuesten wissenschaftlichen Lehren 
steckt nicht weniger halsstarriger Dogmatikus als in denen der 
aristotelico-semito-christlichen Kirche. 2 ) — Ein ganz anders 
geartetes Beispiel des leben- 



geglaubt habe, die Erde bewege sich. Nachher fand ich auch bei Plutarch, 
dass einige andere ebenfalls dieser Meinung gewesen seien. Hiervon also 
Veranlassung nehmend, fing auch ich an, über die Beweglichkeit der Erde 
nachzudenken. ..." 

!) Vergl. Franz Xaver Kraus in der Deutschen Litter aturzeitung, 1900, Nr. 1. 

2 ) Was der englische Physiker John Tyndall in seiner bekannten Rede in 
Belfast, 1874, sagte: „Aristoteles setzte Worte an die Stelle der Dinge; er 
predigte Induktion, ohne sie auszuüben", wird eine spätere Zeit von manchem 
Ernst Haeckel des 19. Jahrhunderts als ebenso zutreffend erachten. — 
Nebenbei verdient erwähnt zu werden, dass auch das System des Tycho de 
Brahe hellenischen Ur- 



100 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



spendenden Einflusses griechischer Gestaltungskraft geben uns 
die Fortschritte der Mathematik, speziell der Geometrie. 
Pythagoras ist der Begründer der wissenschaftlichen Mathematik 
in Europa; dass er seine Kenntnisse, namentlich den sogenannten 
„Pythagoreischen Lehrsatz", den Begriff der irrationalen Grössen, 
und — höchst wahrscheinlich — auch seine Arithmetik den 
Indern verdankt, ist allerdings erwiesen, *) und von der abstrakten 
Zahlenrechnung, deren angeblich „arabische Ziffern" wir den 
arischen Indern verdanken, sagt Cantor: „Die Algebra entwickelte 
sich bei den Indern zu einer Höhe, die sie in Griechenland niemals 
zu erreichen vermocht hat." 2 ) Man sehe aber, zu welcher 
durchsichtigen Vollkommenheit die Griechen die Mathematik der 
Anschauung, die Geometrie gebracht haben! In der Schule Plato's 
war jener Euklid gebildet, dessen „Elemente der Geometrie" ein so 
vollkommenes Kunstwerk sind, dass er wirklich sehr zu bedauern 
wäre, wenn die Einführung neuerer erleichterter Lehrmethoden 
einen solchen Edelstein aus dem Gesichtskreis der meisten 
Gebildeten entfernen sollte. Vielleicht gäbe ich meiner Vorliebe für 
Mathematik einen zu naiven Ausdruck, wenn ich gestünde, 
Euklid' s Elemente dünken mich fast eben so schön wie Homer' s 
Ilias? Jedenfalls darf ich es als keinen Zufall betrachten, wenn der 
unvergleichliche Geometer zugleich ein begeisterter Tonkünstler 
war, dessen „Elemente der Musik", wenn wir sie in der 
ursprünglichen Gestalt besässen, vielleicht ein würdiges 
Gegenstück zu seinen „Elementen der Geometrie" bilden würden. 
Und ich darf hierin den stammverwandten poetischen Geist 
erkennen, jene Kraft des Hinausprojizierens und des 
künstlerischen Gestaltens der Vorstellungen. Auch dieser 
Sonnenstrahl wird nicht bald erlöschen. — In Beziehung hierauf 
kann man noch eine für unseren Gegenstand höchst wichtige 
Bemerkung 



sprungs ist, worüber das Nähere bei Schiaparelli (a. a. O., S. 107 fg. und 
namentlich S. 115 2 ); dem Reichtum dieser Phantasie entging eben keine 
mögliche Kombination. 

!) Siehe Leopold von Schroeder: Pythagoras und die Inder, S. 39 fg. 

2 ) Cantor: Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, I, 511. (Citiert nach 
Schroeder S. 56.) 



101 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



machen: reine, ja fast rein poetische Zahlentheorie und 
Geometrie waren es, welche die Griechen später dahin führten, die 
Begründer der wissenschaftlichen 
Mechanik zu werden. Wie bei allem Hellenischen hat auch 
hier das Sinnen von Vielen in dem Lebenswerk eines einzelnen 
über mächtigen Genius Gestalt und Lebenskraft gewonnen: das 
„mechanische Jahrhundert" hätte allen Grund, in Archimedes 
seinen Vater zu verehren. 

Öffentliches Leben 

Da die Leistungen und die Eigenart der Griechen mich hier nur 
insofern angehen, als sie wichtige Faktoren unserer neuen Kultur 
und lebendige Bestandteile des 19. Jahrhunderts waren, muss 
manches übergangen werden, was sonst verlockend gewesen 
wäre, im Anschluss an das Gesagte näher auszuführen. Wie die 
schöpferische Kunst das einigende Moment für ganz Hellas wurde, 
sagte uns oben Rohde. Dann sahen wir die Kunst — allmählich zu 
Philosophie und Wissenschaft sich erweiternd — die Fundamente 
einer Harmonie des Denkens und des Empfindens und des 
Erkennens begründen. Das dehnte sich denn auch auf das Gebiet 
des öffentlichen Lebens aus. Die unendliche Sorgfalt, welche auf 
die Ausbildung schöner, kräftiger Körper verwendet wurde, 
gehorchte künstlerischen Normen; der Dichter hatte die Ideale 
geschaffen, nach deren Verwirklichung man nunmehr strebte. 
Welche Bedeutung der Tonkunst für die Erziehung beigelegt 
wurde, ist bekannt; selbst in dem rauhen Sparta wurde Musik 
hochgeehrt und gepflegt. Die grossen Staatsmänner stehen alle in 
unmittelbarer Beziehung zur Kunst oder zur Philosophie: Thaies, 
der Politiker, der Mann der Praxis, wird zugleich als der früheste 
Philosoph, als der erste Mathematiker und Astronom gerühmt; 
Empedokles, der kühne Revolutionär, welcher die Herrschaft der 
Aristokratie in seiner Vaterstadt bricht, der Erfinder der 
öffentlichen Redekunst (wie Aristoteles berichtet) ist Dichter, 
Mystiker, Philosoph, Naturforscher, Entwickelungstheoretiker; 
Solon ist von Hause aus Dichter und Sänger, Lykurg sammelte die 
homerischen Dichtungen als erster und zwar „im Interesse des 
Staates und der Sitten", 1 ) Pisistratus that ein Gleiches, der 



!) Nach Plutarch: Leben Lykurg's, Kap. 4. 



102 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Schöpfer der Ideenlehre ist Staatsmann und Reformator, Cimon 
verschafft dem Polygnot den entsprechenden Wirkungskreis, 
Perikles dem Phidias. In dem Worte Hesiod's: „Das Recht (Dike) ist 
die jungfräuliche Tochter des Zeus", 1 ) kommt eine bestimmte, alle 
staatlichen Verhältnisse umfassende Weltanschauung zum 
Ausdruck und zwar eine, wenn auch religiöse, so doch vor allem 
künstlerische Anschauung; hiervon zeugen auch alle Schriften, 
selbst die abstrusesten des Aristoteles, und auch solche 
Äusserungen wie die des Xenophanes (allerdings tadelnd gemeint) : 
die Griechen pflegten ihre ganze Bildung aus dem Homer zu 
schöpfen. 2 ) In Ägypten, in Judäa, später in Rom sehen wir den 
Gesetzgeber die Normen der Religion und des Kultus feststellen, 
bei den Germanen dekretiert der König, was sein Volk glauben 
soll; 3 ) in Hellas ist es umgekehrt: der Dichter, welcher „das 
Göttergeschlecht erschafft", der dichterische Philosoph 
(Anaxagoras, Plato u. s. w.), ist es, der zu gedankentiefen 
Auffassungen des Göttlichen und des Sittlichen hinzuleiten 
versteht. Und diejenigen Männer, welche dem Lande — zu seiner 
Blütezeit — Gesetze geben, sind in der Schule jener Dichter und 
Philosophen erzogen worden. Wenn Herodot jedes einzelne Buch 
seiner Historie mit dem Namen einer Muse belegt, wenn Plato den 
Sokrates seine schönsten Reden nur an dem schönsten, von 
Nymphen bewohnten Orte halten und dialektische 
Auseinandersetzungen mit einer Anrufung des Pan beschliessen 
lässt — „O! verleihet mir, schön zu sein im Innern, und dass, was 
ich Äusseres habe, dem Inneren befreundet sei!" — wenn das 
Orakel zu Thespiä Denjenigen „ein von Früchten strotzendes 
Ackerland" verheisst, die den landwirtschaftlichen „Lehren des 
Dichters Hesiod gehorchen" 4 ) so deuten solche Züge, 



!) Werke und Tage, 256. 

2 ) Fragment 4 (nach Flach: Geschichte der griechischen Lyrik, II, 419). 

3 ) Der zur Zeit der Reformation eingeführte Grundsatz „cujus est regio, illius 
est religio" bringt eigentlich nur einen von alters her bestehenden 
Rechtszustand zum Ausdruck. 

4 ) Französische Ausgrabung des Jahres 1890 (siehe Peppmüller: 



103 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, auf eine das ganze 
Leben durchdringende künstlerische Atmosphäre: die Erinnerung 
daran erbte sich auf uns herab und färbte manches Ideal unserer 
Zeit. 

Geschichtslügen 

Bisher habe ich fast nur von einer positiven, förderlichen 
Erbschaft geredet. Es wäre jedoch durchaus einseitig und 
wahrheitswidrig, wollte ich es dabei bewenden lassen. Unser 
Leben ist durchdrungen von hellenischen Anregungen und 
Ergebnissen, und ich fürchte, wir haben uns das Unheilvolle mehr 
angeeignet als das Heilbringende. Sind wir durch griechische 
Geistesthaten in das Tageslicht des menschlichen Lebens 
eingetreten, so haben wiederum gerade griechische Thaten — 
Dank vielleicht der künstlerischen Gestaltungskraft dieses 
merkwürdigen Volkes — viel dazu beigetragen, das Tageslicht 
wieder abzudämpfen und unseren Himmel dauernd mit 
sonnenfeindlichen Wolken zu überziehen. Auf Einiges, was wir 
von der hellenischen Erbschaft im 19. Jahrhundert noch 
mitschleppten und was wir gut und gern hätten entbehren 
können, wäre erst bei einer Betrachtung der Gegenwart 
einzugehen; einiges Andere muss gleich hier erörtert werden. 
Zunächst, was an der Oberfläche des griechischen Lebens liegt. 

Dass wir z. B. heute noch, wo so viel Grosses und Wichtiges 
unsere Aufmerksamkeit vollauf beanspruchen müsste, wo sich 
inzwischen endlose Schätze des Denkens, des Dichtens und vor 
allem des Wissens aufgestapelt haben, von welchen die weisesten 
Hellenen nicht das Geringste ahnten und an welchen 
teilzunehmen das angeborene Recht jedes Kindes sein müsste — 
dass wir da noch immer verpflichtet werden, kostbare Zeit auf die 
Erlernung aller Einzelheiten der erbärmlichen Geschichte der 
Griechen zu verwenden, unser armes Gehirn mit endlosen 
Namenregistern ruhmrediger Herren auf ades, atos, enes, eiton, u. 
s. w. vollzupfropfen und uns womöglich für die politischen 
Schicksale 



Hesiodos 1896, S. 152). Man beachte auch solche Stellen wie Aristophanes: 
Die Frösche, Vers 1037 fg. 



104 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



dieser grausamen, kurzsichtigen, von Selbstliebe geblendeten, auf 
Sklavenwirtschaft und Müssiggängerei beruhenden Demokratien 
zu begeistern — das ist ein hartes Schicksal, an dem jedoch, wohl 
überlegt, nicht die Griechen die Schuld tragen, sondern unsere 
eigene Borniertheit. *) Gewiss gaben die Hellenen 



1 ) Ich sagte „grausam", und in der That ist dieser Zug einer der am meisten 
charakteristischen für die Hellenen, ihnen mit den Semiten gemeinsam. 
Humanität, Milde, Vergebung war ihnen ebenso unbekannt wie 
Wahrheitsliebe. Als sie bei den Persen zum erstenmal diesen Tugenden 
begegnen, berichten die griechischen Historiker erstaunt und fast verlegen 
darüber: Gefangene schonen, einen besiegten Fürsten königlich aufnehmen, 
Gesandte des Feindes bewirten und beschenken, anstatt sie (wie die 
Lakedämonier und die Athener, siehe Herodot VII, 133) zu töten, Nachsicht 
gegen Verbrecher, Grossmut sogar gegen Spione, die Zumutung, die erste 
Pflicht eines jeden Menschen sei es, die Wahrheit zu reden, die Undankbarkeit 
ein vom Staat bestraftes Verbrechen, das alles dünkt einem Herodot, einem 
Xenophon u. s. w. fast eben so lächerlich wie die persische Sitte, nicht in 
Gegenwart anderer zu spucken, sowie sonstige auf den Anstand bezügliche 
Vorschriften (siehe z. B. Herodot I, 133 und 138). Wie ist es nun im Angesicht 
einer solchen Masse von unbezweifelbaren Thatsachen möglich, dass unsere 
Historiker unentwegt fortfahren dürfen, Geschichte grundsätzlich zu falschen? 
Leopold von Ranke zum Beispiel erzählt in seiner Weltgeschichte (Text- 
Ausgabe I, 129) die bekannte Anekdote von der schmachvollen Behandlung 
der Leiche des Leonidas, und wie Pausanias den Vorschlag abwies, sich durch 
eine ähnliche Versündigung an der Leiche des persischen Feldherrn 
Mardonius zu rächen, und fährt dann fort: „Eine Welt von Gedanken knüpft 
sich an diese Weigerung. Der Gegensatz zwischen Orient und Occident spricht 
sich darin auf eine Weise aus, wie er fortan geltend bleiben sollte". Und dabei 
erfüllt doch die Verstümmelung nicht allein von Leichen, sondern auch von 
Lebendigen, die Folterung, sowie jegliche Grausamkeit, jede Lüge, jeder Verrat 
die ganze griechische Geschichte. Also, um tönende, hohle Phrase 
anzubringen, um der alten abgeschmackten Redensart eines Gegensatzes 
zwischen Orient und Occident (wie lächerlich auf einer sphärischen Welt!) treu 
zu bleiben, um nur ja die erbgesessenen Vorurteile festzuhalten und noch 
fester einzubohren, werden von einem ersten Historiker des 19. Jahrhunderts 
sämtliche Thatsachen der Geschichte einfach beiseite geschoben — 
Thatsachen, über die selbst der Ungelehrteste sich bei Duncker: Geschichte 
des Altertums, Gobineau: Histoire des Perses, Maspero: Les premieres 



105 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



häufig — häufig allerdings auch nicht — das Beispiel des 
Heldenmutes; Mut ist aber die verbreitetste aller menschlichen 
Tugenden, und die Konstitution eines Staates wie des 
lakedämonischen Hesse eher darauf schliessen, dass die Hellenen 
zum Mute gezwungen werden mussten, als dass sie von 
Natur die stolze Todesverachtung besessen hätten, die jeden 
gallischen Zirkusfechter, jeden spanischen Toreador, jeden 
türkischen Baschi-Bosuk auszeichnet. 1 ) „Die griechische 
Geschichte", sagt Goethe, „bietet wenig Erfreuliches — — — 
zudem ist die unsere eigenen Tage durchaus gross und 
bedeutend; die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen so 
gewaltig hervor, dass jene von Marathon und ähnliche andere 
nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere eigenen Helden 
nicht zurückgeblieben: die französischen Marschälle und Blücher 
und Wellington sind denen des Altertums völlig an die Seite zu 
setzen." 2 ) Damit hat Goethe aber lange nicht genug gesagt. Die 
traditionelle griechische Geschichte ist, in manchen Stücken, eine 
ungeheure Mystifikation: das sieht man täglich deutlicher ein; 
und zwar haben unsere modernen Lehrer — unter dem Einflüsse 
einer ihre Ehrlichkeit vollkommen lahmlegenden Suggestion — sie 
ärger gefälscht als 



Melees des peuples u. s. w. unterrichten kann — und dem glaubensseligen 
Wissbegierigen wird, auf Grundlage einer zweifelhaften Anekdote, eine 
offenbares falsum betreffs des moralischen Charakters der verschiedenen 
Menschenstämme aufgenötigt. Eine so gewissenlose Perfidie kann bei einem 
solchen Manne einzig durch die Annahme einer das Urteil lahmlegenden 
„Suggestion" erklärt werden. Aus Indien und Persien stammt die eine Gattung 
der Menschlichkeit und der Milde und der Wahrheitsliebe, aus Judäa und 
Arabien die andere (aus Reaktion entstandene), — keine aber aus 
Griechenland, noch aus Rom, d. h. also, keine aus dem „Occident". Wie 
erhaben steht Herodot neben solcher tendenziös entstellenden 
Geschichtsmethode! denn, als er von der Verstümmelung des Leonidas erzählt 
hat, fährt er fort: „eine derartige Behandlung ist sonst bei den Persen nicht 
Sitte, bei ihnen, mehr als bei allen anderen 
Völkern, pflegt man tapfere Kriegsmänner zu ehren" (VII, 238). 

!) Feinsinnig bemerkt Helvetius {De l'Esprit, ed. 1772, II, 52): „La legislation 
de Lycurgue metamorphosa.it les hommes en heros". 

2 ) Gespräch mit Eckermann, 24. November 1824. 



106 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



die Griechen selber. Von der Schlacht bei Marathon z. B. giebt 
Herodot ganz redlich zu, dass die Griechen dort, wo Perser nicht 
Hellenen ihnen gegenüberstanden, in die Flucht geschlagen 
wurden (VI, 113); wie wird diese Thatsache bei uns immer 
wegerklärt! Und mit welcher kindlich frommen Glaubensseligkeit 
— obwohl wir sonst recht gut wissen, wie durchaus unzuverlässig 
griechische Zahlen sind — schreiben fast alle unsere 
Geschichtsschreiber noch heutigen Tages aus den alten Mären die 
6400 Perserleichen und 192 tapfer gefallenen Hopliten ab, 
verschweigen aber, dass Herodot im selben Kapitel (VI, 117) mit 
seiner unnachahmlichen Naivetät erzählt, wie ein Athener in jener 
Schlacht vor Furcht blind wurde. In Wahrheit war dieser 
„glorreiche Sieg" ein belangloses Scharmützel, bei welchem die 
Griechen eher im Nachteil als im Vorteil blieben. 1 ) Die Perser, die 
nicht aus eigenem Antriebe, sondern von Griechen gerufen, auf 
ionischen Schiffen hergekommen waren, kehrten, da diese stets 
wankelmütigen Bundesgenossen den Augenblick für ungünstig 
hielten, mit mehreren tausend Gefangenen und reicher Beute 
(siehe Herodot VI, 118) in aller Seelenruhe nach Ionien zurück. 2 ) 
In gleicher Weise ist auch die ganze Darstellung des späteren 
Kampfes zwischen Hellas und dem persischen Reiche gefälscht, 3 ) 
was man den Griechen eigentlich gar nicht so sehr 



!) Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, bekam ich des bekannten 
englischen Hellenisten Professor Mahaffy's: A survey of Greek Civilisation 
(1897) zu Gesicht, worin er die Schlacht bei Marathon „a very unimportant 
skirmish" nennt. 

2 ) Siehe Gobineau: Histoire des Persesll, 138-142. 

3 ) Namentlich die berühmte Schlacht bei Salamis, von der man eine 
erfrischende Darstellung in dem genannten Werk des Grafen Gobineau findet 
(II, 205-211). „C'est quand les derniers bataillons de l'arriere-garde de Xerxes 
eurent disparu dans la direction de la Beotie et que toute sa flotte fut partie, que 
les Grecs prirent d'eux-memes et de ce qu'ils venaient de faire et de ce qu'ils 
pouvaient en dire l'opinion que la poesie a si heureusement mise en oeuvre. 
Encore fallut-il que les allies apprisent que la flotte ennemie ne s'etait pas 
arretee ä Phälere pour qu'ils osassent se mettre en mouvement. Ne sachant oü 

eile allait ils restaient comme eperdus. Ils se hasarderent enfin ä sortir 

de la baie de Salamine, et se risquerent 



107 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



übel nehmen kann, da die selbe Neigung sich stets bei allen 
Nationen bethätigt hat und noch heute sich bethätigt. 1 ) Jedoch, 
soll hellenische Geschichte wirklich den Geist und das Urteil 
bilden, so möchte man glauben, dies müsste eine wahre, gerechte, 
die Begebenheiten aus ihren tiefsten Wurzeln erfassende, den 
organischen Zusammenhang aufdeckende Darstellung bewirken, 
nicht die Verewigung von halberdichteten Anekdoten und von 
Urteilen, welche einzig die Bitterkeit des Kampfes ums Dasein und 
die krasse Unwissenheit und Verblendung der Hellenen 
entschuldigen konnte. Herrlich ist die dichterische Kraft, mit 
welcher dort auserlesene Männer einem wankelmütigen, 
treulosen, käuflichen, zu panischem Schrecken geneigten Volke 
Vaterlandsliebe und Heldenhaftigkeit einzuflössen suchten und — 
wo die Zucht streng genug war, wie in Sparta — auch thatsächlich 
einflössten. Auch hier wieder sehen wir die Kunst als 
belebendes, treibendes 



jusqu'ä la hauteur d' Andros. C'est ce qu'ils appelerent plus tard avoir poursuivi 
les Perses! Ils se garderent cependant d'essayer de les joindre, et rebroussant 
chemin, ils retournerent chacun dans leurs patries respectives" (p. 208). An 
einer andern Stelle (II, 360) bezeichnet Gobineau die griechische Geschichte 
als: „la plus eläboree desfictions du plus artiste des peuples." 

!) Die Hauptsache ist offenbar nicht, was in gelehrten Büchern steht, 
sondern was in der Schule gelehrt wird, und da kann ich aus Erfahrung 
sprechen, denn ich war zuerst in einem französischen „Lycee", dann in einem 
englischen „College", später erhielt ich Unterricht von den Lehrkräften einer 
Schweizer Privatschule, zuletzt von einem gelehrten Preussen. Ich bezeuge, 
dass in diesen verschiedenen Ländern selbst die best verbürgte Geschichte, 
die der letzten drei Jahrhunderte (seit der Reformation) so gänzlich 
verschieden dargestellt wird, dass ich ohne Übertreibung behaupten darf, das 
Prinzip des geschichtlichen Unterrichtes ist noch heute überall bei uns in 
Europa die systematische Entstellung. Indem die eigenen Leistungen immer 
hervorgehoben, die Errungenschaften der Anderen verschwiegen oder 
vertuscht, gewisse Dinge immer ins hellste Licht gestellt, andere im tiefsten 
Schatten gelassen werden, entsteht ein Gesamtbild, welches in manchen 
Teilen nur für das subtilste Auge von der nackten Lüge sich unterscheidet. Die 
Grundlage aller echten Wahrheit: die gänzlich uninteressierte 
Gerechtigkeitsliebe fehlt fast überall; daraus kann man erkennen, dass wir 
noch Barbaren sind. 



108 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Element. Dass wir aber die patriotischen Lügen der Griechen 
unseren Kindern als Wahrheit einpfropfen, und nicht allein 
unseren Kindern, sondern — in Werken wie Grote's — dem Urteil 
gesunder Männer als Dogmen aufzwingen und sie sogar zu einem 
massgebenden Faktor in der Politik unseres neunzehnten 
Jahrhunderts werden Hessen, das ist doch ein arger Missbrauch 
der hellenischen Erbschaft, eintausendachthundert Jahre, 
nachdem schon Juvenal gespottet hatte: „creditur quidquid 
G r a e c i a m e n d a x audet in historia. " — Noch schlimmer 
dünkt mich jedoch die uns aufgenötigte Bewunderung für 
politische Verhältnisse, die eher als abschreckendes Beispiel zu 
dienen hätten. Ich habe hier nicht Partei zu nehmen, weder für 
Grossgriechenland noch für Kleingriechenland, weder für Sparta 
noch für Athen, weder (mit Mitford und Curtius) für den Adel, 
noch (mit Grote) für den Demos; wo die politischen 
Charaktere, sowohl einzeln wie in Klassen betrachtet, so 
jämmerlich sind, da kann gewiss keine grosse Politik geblüht 
haben. Dass wir gar den Begriff der Freiheit von den 
Hellenen geerbt haben sollen, das ist ein untergeschobenes 
Wahnbild; denn zur Freiheit gehört vor allem Vaterlandsliebe, 
Würde, Pflichtgefühl, Aufopferungsfähigkeit, — dagegen hören die 
hellenischen Staaten, vom Beginn ihrer Geschichte an bis zu ihrer 
Unterdrückung durch Rom, niemals auf, die Feinde ihres 
gemeinsamen Vaterlandes gegen die eigenen Brüder 
herbeizurufen, ja, innerhalb der einzelnen Stadtregierungen, 
sobald ein Staatsmann gestürzt ist, eilt er fort, sei es zu anderen 
Hellenen, sei es zu Persen oder Ägyptern, später zu den Römern, 
um mit ihrer Hilfe seine eigene Stadt zu Grunde zu richten. Man 
klagt vielfach, das Alte Testament sei unmoralisch; mich dünkt die 
Geschichte Griechenlands reichlich ebenso unmoralisch; denn bei 
den Israeliten finden wir, selbst im Verbrechen, Charakter und 
Beharrlichkeit, sowie Treue gegen das eigene Volk, hier nicht. 
Sogar ein Solon geht zuletzt zu Pisistratus über, dass Werk seines 
Lebens verleugnend, und ein Themistokles, der „Held von 
Salamis", verhandelt kurz vor der Schlacht über den Preis, für den 
er Athen verraten würde, und lebt später thatsächlich am Hofe 
des Artaxerxes als „erklärter Feind der Griechen", von den 



109 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Persern jedoch mit Recht als „listige griechische Slange" gering 
geschätzt; bei Alcibiades war Verrat so sehr Lebensprinzip 
geworden, dass Plutarch lächelnd von ihm behaupten kann, er 
habe die Farbe „schneller als ein Chamäleon" gewechselt. Das war 
alles bei den Hellenen so selbstverständlich, dass ihre Historiker 
sich gar nicht darüber empören, wie denn auch Herodot mit 
grösster Seelenruhe erzählt, Miltiades habe die Schlacht bei 
Marathon dadurch erzwungen, dass er den Oberbefehlshaber 
darauf aufmerksam machte, die athenischen Truppen seien 
gewillt, zu den Persern überzugehen, man müsse daher 
schleunigst angreifen, damit dieser „schlimme Gedanke" nicht Zeit 
habe, in die That umgesetzt zu werden: eine halbe Stunde später, 
und die „Helden von Marathon" wären mit den Persern zusammen 
gen Athen marschiert. Mir ist Ähnliches aus der jüdischen 
Geschichte nicht erinnerlich. Auf einem derartigen Boden konnte 
offenbar kein bewunderungswürdiges Staatensystem aufblühen. 
„Die Griechen", sagt wiederum Goethe, „waren Freunde der 
Freiheit, ja! aber ein jeder nur seiner eigenen; daher stak in jedem 
Griechen ein Tyrannos." Wer durch den Urwald der im Laufe von 
Jahrhunderten üppig aufgewucherten Vorurteile und Phrasen und 
Lügen sich ins Licht durcharbeiten will, dem empfehle ich 
dringend das Studium des monumentalen Werkes von Julius 
Schvarcz: Die Demokratie von Athen, wo ein sowohl theoretisch wie 
praktisch gebildeter Staatsmann, der zugleich Philologe ist, ein für 
allemal dargethan hat, was von dieser Legende zu halten ist. Die 
Schlussworte dieser ausführlichen, streng wissenschaftlichen 
Darlegung lauten: „Die induktive Staatswissenschaft muss schon 
heute erkennen, dass der Demokratie von Athen nicht die Stelle 
gebührt, welche der Wahn der Jahrhunderte derselben in der 
Geschichte der Menschheit einzuräumen beliebte" (S. 589 1 ). 

Ein einziger Zug genügt übrigens, um die gesamte staatliche 
Wirtschaft der Griechen zu charakterisieren: dass nämlich So- 



1 ) Es ist der (1877 erschienene) erste Teil eines grösseren Werkes: Die 
Demokratie, dessen zweiter Teil unter dem Titel Die Römische 
Massenherrschaft in zwei Bänden 1891 und 1898 erschien. 



110 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



krates sich veranlasst sah, des Weiten und des Breiten 
nachzuweisen, um ein Staatsmann zu sein, müsse man auch 
etwas von Staatsgeschäften verstehen. Weil er diese einfache 
Elementarwahrheit predigte, wurde er zum Tode verurteilt. „Der 
Giftbecher ward einzig und allein dem politischen Reformer 
gereicht", 1 ) nicht dem Götterleugner. Diese ewig schwatzenden 
Athener vereinigten eben in sich den schlimmsten Dünkel eines 
ahnenstolzen Junkertums mit der leidenschaftlichen Gehässigkeit 
eines unwissenden frechen Pöbels, Zugleich besassen sie die 
Flatterhaftigkeit eines orientalischen Despoten. Als kurz nach dem 
Tode des Sokrates, so erzählt man, das Trauerspiel „Palamedes" 
aufgeführt wurde, brachen die versammelten Zuschauer in 
Thränen aus wegen der Hinrichtung des edlen, weisen Helden; das 
tyrannische Volk beweinte seinen niedrigen Racheakt. 2 ) Es 
horchte aber deswegen nicht um ein Jota mehr auf Aristoteles 
und andere weise Männer, sondern verbannte sie. Und diese 
weisen Männer! Aristoteles ist erstaunlich scharfsinnig und als 
Staats philosoph gewiss ebenso bewundernswert, wie die 
grossen Hellenen es überall sind, sobald sie zu künstlerisch- 
philosophischer Anschauung sich erheben; als Staats mann 
trat er jedoch gar nicht erst auf, sondern erlebte gelassen und 
zufrieden die Philippinischen Thaten, die sein Vaterland zu 
Grunde richteten, ihm aber die Skelette und Häute seltener Tiere 
verschafften; Plato erntete als Staatsmann den Erfolg, den man 
nach seinen abenteuerlichen Konstruktionen erwarten musste. 
Und auch die wirklichen Staatsmänner — ein Drako, ein Solon, 
ein Lykurg, ja, selbst ein Perikles — dünken mich, wie ich schon 
in den einleitenden Worten zu diesem Kapitel sagte, eher geistvolle 
Dilettanten, als irgendwie grundlegende Politiker. Schiller 
bezeichnet irgendwo den Drako als einen „Anfänger" und die 
Verfassung Lykurg' s als „schülerhaft". Entscheidender ist das 
Urteil des 



!) Schvarcz: a. a. O., 394 fg. 

2 ) Nach Gomperz: Griechische Denker, II, 95, ist diese Anekdote „leere 
Fabelei"; doch liegt in allen solchen Erfindungen, wie in dem eppur si muove u. 
s. w., ein Kern höherer Wahrheit; sie sind das gerade Gegenteil von „leer". 



111 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



grossen Lehrers der vergleichenden Rechtsgeschichte, B. W. Leist: 
„Der Grieche glaubte, ohne Verständnis für die das Völkerleben 
beherrschenden historischen Mächte, völliger Herr der Gegenwart 
zu sein. Die Gegenwart des Staates hielt man im edelsten Streben 
für ein Objekt, an dem der Weise frei seine Theorie verwirklichen 
könne, in das er von dem historische Gegebenen nur das in diese 
Theorie Passende aufzunehmen brauche." 1 ) Es fehlt bei den 
Griechen auf diesem Gebiete alle Konsequenz, alle 
Selbstbeherrschung; kein Mensch ist massloser als dieser die 
Massigkeit (Sophrosyne) und den „goldenen Mittelweg" predigende 
Hellene; wir sehen seine verschiedenen Staaten hin- und 
herpendeln zwischen hyperphantastischen Vollkommenheits- 
Systemen und der blödsichtigen Befangenheit in den Interessen 
des unmittelbar gegenwärtigen Augenblickes. Schon Anacharsis 
klagte: „Bei den Beratungen der Griechen sind es die Narren, 
welche entscheiden." Und so ersehen wir, dass unsere 
Bewunderung und Nacheiferung in Wahrheit nicht der 
griechischen Geschichte, sondern den griechischen Geschichts s c 
hreibern, nicht den griechischen Heldenthaten — die überall 
ihresgleichen finden — sondern der künstlerischen 
Verherrlichung dieser Thaten gelten sollte. Es ist 
durchaus nicht nötig, von Orient und Occident zu faseln, als 
könnte der „Mensch" nur auf einem bestimmten Längengrade 
entstehen; die Griechen standen mit einem Fusse in Asien, mit 
dem andern in Europa; die meisten ihrer grossen Männer sind 
Ionier oder Sicilianer; es ist lächerlich, ihre Fiktionen mit den 
Waffen ernster Wissenschaftlichkeit verfechten und unsere Kinder 
mit Phrasen erziehen zu wollen; dagegen werden wir in Herodot 
ewig Grazie und Natürlichkeit, eine höhere Wahrhaftigkeit und 
den siegenden Blick des echten Künstlers bewundern und 
anstreben lernen. Die Griechen gingen unter, ihre erbärmlichen 
Eigenschaften richteten sie zu Grunde, das moralische Wesen an 
ihnen war schon zu alt, zu raffiniert und zu verdorben, um mit der 
Erleuchterung ihres Geistes Schritt zu halten; der hellenische 
Geist jedoch errang einen Sieg, 



!) Graeco-italische Rechtsgeschichte, S. 589, 595 u. s. w. 



112 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



wie nie ein anderer; durch ihn — und erst durch ihn — „trat der 
Mensch in das Tageslicht des Lebens ein"; die Freiheit, die der 
Grieche hierdurch dem Menschengeschlecht erfocht, war nicht die 
politische — er war und blieb ein Tyrann und ein Sklavenhändler 
— es war die Freiheit der nicht bloss instinktiven, sondern der 
schöpferischen Gestaltung, die Freiheit zu dichten. Das ist jene 
Freiheit, von der Schiller sprach, ein kostbares Geschenk, für 
welches den Hellenen ewige Dankbarkeit gebührt, würdig einer 
weit höheren Civilisation als der ihrigen und einer weit lautereren 
als der unsrigen. 

Dies Alles nur als nicht zu entbehrende Andeutung, welche uns 
zu einer letzten Betrachtung hinübergeleiten soll. 

Verfall der Religion 

Erkennen wir deutlich, dass der Schulmann die Macht besitzt, 
Leichen wieder zu beleben und einem rührigen, arbeitsamen 
Jahrhundert Mumien als Muster aufzudrängen, so müssen wir bei 
genauerem Untersuchen gewahr werden, dass Andere das in noch 
höherem Masse vermögen, da zu den lebendigsten Stücken der 
hellenischen Erbschaft ein recht bedeutender Teil unseres 
kirchlichen Glaubens gehört, nicht jedoch die Lichtseitige, 
sondern der tiefe Schatten krausen und krassen Aberglaubens, 
sowie der dürre, aller Blätter und Blüten der Poesie entkleidete 
Dornenstrauch scholastischer Vernünftelei. Die Engel und die 
Teufel, die grause Vorstellung der Hölle, die Gespenster der 
Abgeschiedenen (die gerade in dem angeblich aufgeklärten 19. 
Jahrhundert die Tische mit Klopfen und Drehen so viel in 
Bewegung setzten), den ekstatisch-religiösen Wahnsinn, die 
Hypostasen des Demiurgos und des Logos, die Definition des 
Göttlichen, die Vorstellung von der Trinität, überhaupt den 
ganzen Untergrund unserer Dogmatik verdanken wir zum grossen 
Teil den Hellenen oder wenigstens ihrer Vermittlung; zugleich 
verdanken wir ihnen die spitzfindige Behandlung dieser Dinge: 
Aristoteles mit seiner Seelen- und Gottlehre ist der erste und der 
grösste aller Scholastiker; sein Prophet, Thomas von Aquin, wurde 
gegen Schluss des neunzehnten Jahrhunderts (1879) vom 
unfehlbaren Papste zum offiziellen Philosophen der katholischen 
Kirche ernannt; zugleich griff auf Aristoteles ein grosser Teil der 
logisierenden Frei- 



113 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



geister zurück, der Feinde aller Metaphysik und Verkünder einer 
„Vernunftreligion", wie John Stuart Mill und David Strauss. Hier 
handelt es sich, wie man sieht, um eine recht lebendige Erbschaft, 
und sie mahnt uns, von den Fortschritten unserer Zeit nur Demut 
zu reden. 

Der Gegenstand ist ein ungemein verwickelter; habe ich mich in 
diesem ganzen Kapitel mit blossen Andeutungen begnügen 
müssen, so werde ich mich hier auf das Andeuten von 
Andeutungen zu beschränken haben. Und doch ist gerade hier auf 
Verhältnisse hinzuweisen, die meines Wissens noch niemals in 
ihrem richtigen Zusammenhange aufgedeckt worden sind. Das 
möge denn in aller Bescheidenheit, gleichwohl mit voller 
Bestimmtheit geschehen. 

Ganz allgemein wird die religiöse Entwickelung der Hellenen so 
dargestellt, als ob ein volksmässiger Götterwahnglaube sich nach 
und nach in dem Bewusstsein einzelner hervorragender Männer 
zu einem immer reineren, immer mehr vergeistigten Glauben an 
einen einzigen Gott verklärt habe: so sei der Menschengeist aus 
der Finsternis in immer helleres Licht geschritten. Unsere 
Vernunft liebt die Vereinfachungen: dieses langsame 
Emporsteigen des griechischen Geistes, bis er dann reif war für 
eine höhere Offenbarung, kommt der angeborenen 
Gedankenträgheit sehr zu statten. In Wahrheit ist diese 
Vorstellung eine durch und durch falsche und gefälschte: der 
Götterglaube, wie wir ihm bei Homer begegnen, ist die erhabenste 
und geläutertste Erscheinung griechischer Religion; vielseitig 
bedingt und beschränkt (wie alles Menschliche), dem Wissen, 
Denken und Empfinden einer bestimmten Civilisationsstufe 
angepasst, dürfte diese religiöse Weltanschauung doch so schön, 
so edel, so frei gewesen sein, wie nur irgend eine, von welcher wir 
Kunde besitzen. Das Kennzeichnende des homerischen Glaubens 
ist seine geistige und moralische Freiheit — ja, wie Rohde 
sagt, „fast Freigeistigkeit"; diese Religion ist der durch 
künstlerische Intuition und Analogie (also auf rein genialem Wege) 
gewonnen Glaube an einen Kosmos, d. h. an eine „Weltordnung", 
die überall wahrgenommen wird, ohne jemals ausgedacht, ohne 
jemals umfasst werden zu können, weil wir doch selber 
Bestandteile dieses Kosmos sind, — eine 



114 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Ordnung, die sich aber notwendigerweise in Allem wiederspiegelt, 
und die darum im Kunstwerk anschaulich und unmittelbar 
überzeugend wird. Die im Volke vorhandenen Vorstellungen, 
hervorgegangen aus der poetischen, symbolisierenden Anlage 
jedes einfachen, noch nicht bis zur Dialektik herangereiften 
Gemütes, sind hier zur unmittelbarsten Anschaulichkeit 
verdichtet, und zwar von hohen Geistern, die noch gläubig genug 
sind, um die wärmste Innigkeit zu besitzen, und zugleich frei 
genug, um nach eigenem souverän-künstlerischen Urteil zu 
gestalten. Diese Religion ist jeglichem Spuk- und 
Gespensterglauben, jeglichem pfäffischen Formelwesen abhold; 
alles, was in Ilias und Odyssee vom populären Seelenkult und 
dergleichen vorkommt, ist wunderbar geklärt, des Schreckhaften 
entkleidet, zur ewigen Wahrheit eines Symbolischen geadelt; 
ebenso feind ist diese Religion aller Vernünftelei, allen müssigen 
Fragen nach Ursache und Zweck, jener rationalistischen Richtung 
also, welche sich in der Folge als die blosse Kehrseite des 
Aberglaubens entpuppt hat. So lange jene Vorstellungen, welche 
in Homer und einigen anderen grossen Dichtern ihren 
vollendetsten Ausdruck gefunden hatten, im Volke noch wirklich 
lebten, und insofern sie noch lebten, hat die griechische Religion 
ein ideales Element besessen; später (namentlich in Alexandrien 
und Rom) war sie ein Amalgam von phyrrhonischer, spöttischer 
Universalskepsis, krassem Zauber-Aberglauben und spitzfindigem 
Scholasticismus. Untergraben wurde das schöne Gebäude von 
zwei verschiedenen Richtungen aus, von Männern, die wenig 
Gemeinsames zu besitzen schienen, die sich später aber doch 
brüderlich die Hand reichten, als der homerische Parthenon (d. h. 
„Tempel der Jungfrau") ein Trümmerhaufe geworden und 
darinnen eine philologische Stein Schleiferei errichtet worden war: 
diese zwei Parteien waren die, welche bei Homer keine Gnade 
gefunden hatten: der pfäffische Aberglaube und die vernünftelnde 
Kausalitätsjägerei. *) 



!) Dass es zu Homer's Zeiten keine „Philosophen" gegeben haben mag, ist 
ohne Belang; die Thatsache, dass bei ihm nichts „erklärt" wird, dass nicht der 
geringste Versuch einer Kosmogonie vorliegt, deutet die Richtung seines 
Geistes genügend an. Hesiod ist schon 



115 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Die Ergebnisse der Anthropologie und Ethnographie erlauben 
es, glaube ich, zwischen Aberglauben und Religion zu 
unterscheiden. Den Aberglauben finden wir überall, auf der 
ganzen Erde, und zwar in bestimmten, in allen Orten und bei den 
verschiedensten Menschenstämmen sehr ähnlichen, einem 
nachweisbaren Entwickelungsgesetze unterworfenen Formen; im 
Grunde genommen ist er unausrottbar. Die Religion dagegen, als 
ein der Phantasie vorschwebendes Gesamtbild der Weltordnung, 
wechselt unendlich mit den Zeiten und den Völkern; manche 
Stämme (z. B. die Chinesen) haben wenig oder gar kein religiöses 
Bedürfnis, andere ein sehr ausgesprochenes; die Religion kann 
metaphysisch, materialistisch, symbolistisch sein, immer — auch 
wo ihre Elemente alle erborgt sind — tritt sie, je nach Zeit und 
Land, in einer durchaus neuen, individuellen Erscheinung auf, 
und eine jede ihrer Erscheinungen ist, wie die Geschichte lehrt, 
durchaus vergänglich. Die Religion hat etwas Passives an sich, sie 
spiegelt (so lange sie lebendig ist) einen Kulturzustand wieder; 
zugleich enthält sie willkürliche Momente von unabsehbarer 
Tragweite; wie viel Freiheit bekundeten die hellenischen Poeten in 
ihrer Behandlung des Glaubensstoffes! Wie sehr hingen die 
Beschlüsse des Tridentinischen Konzils über das, was die 
Christenheit glauben oder nicht glauben sollte, von 
diplomatischen Schachzügen und von Waffenglück ab! Von dem 
Aberglauben kann das nicht behauptet werden; an seiner Gewalt 
bricht sich die Gewalt des Papstes und der Poeten; er schleicht auf 
tausend verborgenen Wegen, schlummert unbewusst in jeder 
Brust und ist alle Augenblicke bereit, aufzuflammen; er besitzt, 
wie Lippert sagt: „eine Lebenszähigkeit, die er vor jeder Religion 
voraus hat"; 1 ) er ist zugleich ein Kitt für jede neue Religion und 
ein stets lauernder Feind jeder alten. An seiner Religion zweifelt 



ein offenbarer Rückschritt, noch immer aber zu grossartig symbolisch, um bei 
irgend einem Rationalisten Gnade zu finden. 

!) Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, S. 379. In dem zweiten teil 
dieses Buches findet man eine lehrreiche Zusammenstellung der in Europa 
noch bestehenden Gebräuche und Aberglauben aus vorchristlicher Zeit. 



116 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



fast jeder Mensch, an seinem Aberglauben Keiner; herausgedrängt 
aus dem unmittelbaren Bewusstsein der sogenannten „gebildeten" 
Menschen, nistet er sich in den innersten Falten ihres Gehirns ein 
und treibt dort umso ausgelassener seinen Schabernack, als er in 
der Vermummung authentischer Gelehrsamkeit oder de 
spektakulösesten Freisinns hervortritt. Dies alles zu beobachten, 
haben wir in unserem Jahrhundert der Notre-Dame-de-Lourdes, 
der „Shakers", der Phrenologie, des Ods, der spiritistischen 
Photographien, des wissenschaftlichen Materialismus, des 
„medizinischen Pfaffe ntums" 1 ) u. s. w. reichlich Gelegenheit 
gehabt. 2 ) Um die hellenische Erbschaft recht zu begreifen, müssen 
wir auch dort unterscheiden lernen. Thun wir das, so werden wir 
gewahr werden, dass in Hellas auch zur Blütezeit der herrlichen 
kunstbeseelten Religion ein Unter ström ganz und gar anders 
gearteter Aberglauben und Kulte niemals zu fliessen aufgehört 
hatte, der dann später, als der griechische Geist zur Neige ging 
und der Götterglaube nur noch Formelwesen war, mächtig 
angeschwollen hervorbrach und sich mit dem inzwischen aus 
verschiedenen Quellen reichlich gespeisten rationalistischen 
Scholasticismus vereinte, um schliesslich im pseudosemitischen 
Neoplatonismus das grinsende Zerrbild hoher, freier Geistesthaten 
zu geben. Jener Strom des Volksglaubens, gebändigt in dem 
durch die Tragödie zur höchsten künstlerischen Vollkommenheit 
gelangten Dionysischen Kult, floss unterirdisch weiter über Delphi 
und Eleusis; seine erste, reichste Quelle bildete der uralte 
Seelenkult, das furchtsame und ehrfürchtige Gedenken an die 
Toten; daran knüpfte sich, durch eine unvermeidliche Progression 
nach und nach (und in verschiedenen Formen) der Glaube an die 
Unsterblichkeit der Seele. Zweifellos hatten die Hellenen den 
Grundstock zu ihren verschiedenen Aberglauben aus der früheren 
Heimat mitgebracht; neue Elemente kamen aber immer wieder 



1 ) F. A. Lange gebraucht den Ausdruck irgendwo in seiner Geschichte des 
Materialismus. 

2 ) „Selbst die civilisiertesten Nationen schütteln den Glauben an Zauberei 
nicht leicht ab", bezeugte Sir John Lubbock: Die vorgeschichtliche Zeit, 
deutsche Ausg., IL, 278. 



117 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



hinzu, teils als semitische Einfuhr von den kleinasiatischen 
Küsten und Inseln, 1 ) noch nachhaltiger und aufwühlender jedoch 
aus jenem Norden, den die Griechen zu verachten wähnten. Nicht 
Dichter waren die Verkünder dieser heiligen „erlösenden" 
Mysterien, sondern Sibyllen, Bakiden, pytische 

Orakelsprecherinnen; der ekstatische Wahnsinn ergriff oft einen 
Gau nach dem anderen, ganze Bevölkerungen wurden toll, die 
Söhne der Helden, die vor Troja gekämpft hatten, schwangen sich 
im Kreise herum, wie die heutigen Derwische, Mütter erwürgten 
mit eigenen Händen ihre Kinder. Diese Leute aber waren es, 
welche den eigentlichen Seelenglauben grosszogen, und auch der 
Glaube an die Unsterblichkeit der Seele drang sie aus Thrakien in 
Griechenland ein. 2 ) Im bacchantischen Wirbeltanz hatte sich 



!) Es scheint nicht, dass die semitischen Völker in alter Zeit an die 
Unsterblichkeit der individuellen Seele geglaubt hätten; ihre Kulte boten aber 
für den Hellenen, sobald er jenen Gedanken erfasste, wichtige Anregungen. 
Das phönizische Göttersystem der Kabirim (d. h. der sieben Gewaltigen) 
fanden z. B. die Griechen auf Lemnos, Rhodos und anderen Inseln vor, und 
Duncker schreibt darüber (Geschichte des Altertums, 14, 279): „Der Mythos von 
Melkart und der Astarte, die in den Kreis dieser Götter aufgenommen war, 
Melkart, der die verschwundene Mondgöttin im Lande der Dunkelheit 
wiederfindet und aus diesem mit ihr zu neuem Licht und Leben zurückkehrt 
— — — gewährte den Griechen Anlass, die Vorstellungen vom Leben nach 
dem Tode, welche sich seit dem Anfang des 6. Jahrhunderts bei ihnen 
ausbildeten, auch an den Geheimdienst der Kabiren zu knüpfen." 

2 ) Dass dieser Glaube (nach Herodot IV, 93) im indoeuropäischen Stamme 
der Geten lebendig war und von dort aus nach Griechenland eindrang, ist 
nicht zu verwundern; es war altes Stammgut; sehr auffallend ist dagegen, 
dass der Hellene in der Blütezeit seiner Kraft diesen Glauben verloren hatte, 
oder vielmehr sich vollkommen indifferent dagegen verhielt. „Ein endloses 
Weiterleben der Seele wird auf diesem (homerischen) Standpunkte weder 
behauptet noch geleugnet; dieser Gedanke fällt hier überhaupt gar nicht in 
den Kreis der Betrachtung" (Rohde, Psyche, S. 195); eine merkwürdige 
Bestätigung für Schiller's Behauptung, dass der ästhetische Mensch, d. h. 
Derjenige, in dem das Sinnliche und Moralische einander nicht feindlich 
entgegen streben, „keine Unsterblichkeit brauche, um sich zu stützen und zu 
halten" (Brief an Goethe vom 



118 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



also (für das Volk der Hellenen) zum erstenmale die Seele vom 
Körper losgetrennt, jene selbe Seele, über die dann Aristoteles aus 
der Stille seiner Studierstube so viel Erbauliches zu melden 
wusste; in der dionysischen Verzücktheit fühlte sich der Mensch 
eins mit den unsterblichen Göttern und folgerte daraus, dass 
auch seine individuelle, menschliche Seele unsterblich sein 
müsse, was dann wiederum später Aristoteles und andere 
scharfsinnig zu begründen suchten. 1 ) Mich dünkt, uns wirbelt's 
noch immer ein wenig im Kopf herum! Darum wollen wir 
versuchen, über diese uns so zäh anhaftende Erbschaft zur 
Besinnung zu kommen. 

Zu diesem Seelenglauben hat die hellenische 
Dichtkunst als solche nichts beigetragen; sie schickte sich 
ehrfurchtsvoll in das Übliche — die feierliche Bestattung des 
Patroklos, z. B., der sonst zur letzten Ruhe nicht eingehen konnte, 
die Vollführung der nötigen Weiheakte durch Antigone an der 
Leiche ihres Bruders — weiter nichts. Dem 

Unsterblichkeitsglauben hat sie allerdings unbewusst Vorschub 
geleistet, indem sie die Götter zwar nicht als unerschaffen, doch 
aber zu ihrer grösseren Verherrlichung als unsterblich auffassen 
zu müssen glaubte — was z. B. bei den arischen Indern nicht der 
Fall war. 2 ) Der Begriff 



9. 7. 1796). Ob die Geten Goten und folglich Germanen waren, wie Jakob 
Grimm behauptete, oder nicht, kann uns hier gleichgültig sein; eine 
erschöpfende Diskussion dieser übrigens sehr interessanten Frage findet man 
in Weitersheim -Dann: Geschichte der Völkerwanderung, I, 597 fg.; das 
Ergebnis fällt gegen Grimm's Ansicht aus. — Die Märe, dass der Getenkönig 
Zalmoxis die Unsterblichkeitslehre von Pythagoras gelernt habe, bezeichnet 
Rohde als „eine absurde pragmatisierende Fabel" (Psyche, S. 320). 

!) Über diesen äusserst wichtigen Punkt, die Genese des 
Unsterblichkeitsglaubens bei den Griechen betreffend, vergl. namentlich 
Rohde: Psyche, S. 296. 

2 ) In einem alten Vedalied, das ich schon oben (S. 71) citierte, lautet ein 
Vers: „die Götter sind diesseits der Schöpfung entstanden"; in ihrer 
Eigenschaft als Individuen können sie aber nach indischer Überzeugung die 
„Sempiternität" ebenfalls nicht besitzen, und Cankara sagt in den Vendänta 
Sütra's von den einzelnen Göttern redend: „Solche Worte wie Indra u. s. w. 
bedeuten, ähnlich wie z. B. das Wort 'General', nur das Innehaben eines 
bestimmten Postens. Wer also gerade der betreffenden Posten be- 



119 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



der Sempiternität, d. h. der Unsterblichkeit eines in der 
Zeit entstandenen Individuums, war in Folge dessen den Griechen 
als eine Eigenschaft ihrer Götter geläufig; die Dichtkunst hat ihn 
wahrscheinlich schon vorgefunden, jedenfalls aber durch die 
Macht der poetischen Vorstellungskraft zu einer bestimmten 
Wirklichkeit erst erhoben. Weiter reicht die Beteiligung der Kunst 
nicht. Vielmehr ist sie bestrebt, jenen „überall als ursprünglich 
vorauszusetzenden Dämonenglauben", 1 ) die Vorstellung einer 
„Unterwelt", die Erzählung von „Inseln der Seligen" — kurz, alle 
jene Elemente, welche aus dem Untergrund des Aberglaubens 
aufwachsend, sich der menschlichen Phantasie aufzwinge 
n, möglichst zu entfernen, zu mildern, auf ein Geringes 

zurückzuführen, um für die gegebenen Thatsachen der 
Welt und des Lebens und für ihre poetisch-religiöse, schöpferische 
Bearbeitung freies, offenes Feld zu gewinnen. Anders der 
Volksglaube, der, wie wir soeben sahen, an einer so hohen 
künstlerischen Religion nicht Genüge fand und sich lieber von 
rohen Thrakiern unterweisen liess. Anders auch die Philosophie, 
welche neben einer solchen Poesie ein Untergeordnetes blieb, bis 
der Tag kam, wo sie sich im Stande wähnte, der Fabel Geschichte, 
dem Symbol ausführliche Erkenntnis entgegenzustellen: die 
Anregung jedoch hierzu schöpfte die Philosophie nicht aus sich 
selbst, auch nicht aus den Ergebnissen der empirischen 
Wissenschaft, die nirgends auf Seelen, Entelechieen, 
Unsterblichkeit u. s. w. gestossen war, sondern sie erhielt sie aus 
dem Volke, teilweise aus Asien (durch Pythagoras), teilweise aus 
dem nördlichen Europa (als orphischen, resp. dionysischen Kult). 
Die Lehre von einer vom lebendigen Körper ablösbaren, mehr oder 
weniger unabhängigen Seele, die daraus leicht gefolgerte Lehre 
von körperlosen und doch lebendigen Seelen weiterlebend, sowie 
auch von einem „seelenhaften" göttlichen Prinzip (ganz analog 
dem Nus 



kleidet, der führt den Titel Indra" (I, 3, 28; 170 der Übersetzung Deussen's). 
!) Deussen: Allgemeine Geschichte der Philosophie, I, 39; siehe auch Tylor. 



120 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



des Anaxagoras, d. h. der vom Stoff unterschiedenen Kraft), ferner 
die Lehre von der Unsterblichkeit dieser Seele: das sind also 
zunächst nicht Ergebnisse eines gesteigerten philosophischen 
Denkens, ebensowenig bilden sie in irgend einem Sinne eine 
evolutive Fortentwickelung, eine Verklärung jener hellenischen 
Nationreligion, die in den Dichtern ihren höchsten Ausdruck 
gefunden hatte; vielmehr stellen sich hier Volk und Denker in 
Gegensatz zu Dichter und Religion. Und gehorchen sie auch 
verschiedenen Impulsen, so arbeiten Volk und Denker doch 
einander in die Hand; zusammen richteten sie denn auch 
Dichtkunst und Religion zu Grunde. Und als die hierdurch 
hervorgerufene Krise vorbei war, fand es sich, dass jetzt die 
Philosophen als Religionsverkünder an die Stelle der Künstler 
getreten waren. Im Grunde hatten ja beide, Dichter und 
Philosophen, ihr Material im Volke geschöpft; wer aber von beiden, 
frage ich, hat es besser verwaltet und weiser? Wer hat die Wege zu 
Freiheit und Schönheit, wer dagegen die zu Knechtschaft und 
Unschönheit gewiesen? Wer hat gesunde, empirische 
Wissenschaft angebahnt, und wer Wissenschaft fast zwei 
Jahrtausende gehemmt? Wenn nicht inzwischen aus einer ganz 
anderen Himmelsrichtung her, aus der Mitte eines Volkes, das 
weder Kunst noch Philosophie besass, eine religiöse Macht in die 
Welt getreten wäre, so stark, dass sie den zum Vernunftsystem 
erhobenen Wirbeltanzwahnsinn tragen konnte, ohne 
zusammenzubrechen, so lichtvoll, dass selbst die finstere Macht 
der anschauungsbaren Logik ihren Glanz niemals ganz zu löschen 
vermochte, eine religiöse Macht schon durch ihren Ursprung 
berufen, eher civilisatorisch als kulturell zu wirken, — wenn das 
nicht gewesen wäre, dann wäre dieses angebliche Emporsteigen 
zu höheren Idealen gar jämmerlich zu Schanden geworden, oder 
vielmehr, seine thatsächliche Jämmerlichkeit wäre niemals 
verdeckt geblieben. Wer dies bezweifelt, der sehe sich in der 
Litteratur der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung um, wo 
die vom Staate besoldeten, antichristlichen Philosophen ihre 
Wissenschaftslehre „Theologie" betitelten (Plotin, Proklos u. s. w.), 
er sehe, wie diese Herren in den Mussestunden, die ihnen nach 
den Zerpflücken des Homer, 



121 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



dem Kommentieren des Aristoteles, dem Aufbauen von Trinitäten, 
der Diskussion darüber, ob Gott ausser dem Sein auch das Leben 
zukomme, und über weitere dergleichen subtile Fragen übrig 
blieben, er sehe, wie sie in ihren Mussestunden von einem Ort 
zum andern wandern, um sich in Mysterien einweihen oder von 
orphischen Genossenschaften als Hierophanten aufnehmen zu 
lassen — die ersten Denker dem krassesten Zauberglauben 
ergeben. Oder, wen eine derartige Lektüre erschreckt, der nehme 
den witzigen Heinrich Heine des zweiten Jahrhunderts, 
L u c i a n, zur Hand, und ergänze seine Mitteilungen durch die 
ernsteren und ebenso unterhaltenden Schriften seines 
Zeitgenossen A p u 1 e j u s, 1 ) — und sage dann, wo mehr 
Religion und wo mehr Aberglaube, wo freie, gesunde, 
schöpferische Menschenkraft und wo unfruchtbare, unsaubere, 
im Kreise sich herumdrehende Tretmühlerei anzutreffen ist. Und 
doch dünken uns die Männer, die in jenem homerischen Kreise 
stehen, kindlich fromm und abergläubisch, diese dagegen 
aufgeklärte Denker! 2 ) 

Noch ein Beispiel. Wir pflegen nach alten Herkommen 
Aristoteles für nichts wärmer zu beloben als für seine teleologische 
Begründung des Weltalls, wogegen wir Homer seinen 
Anthropomorphismus vorwerfen. Litten wir nicht an künstlich 
anerzogener Gehirnstarre, wir müssten die Absurdität solcher 
Urteile einsehen. Die Teleologie, d. i. die Zweckmässigkeitslehre 
nach Massgabe der menschlichen Vernunft, ist 
Anthropomorphismus in seiner gesteigertsten Potenz. Wenn der 
Mensch den Plan des Kosmos fassen, wenn er sagen kann, woher 
die Welt kommt, wohin sie geht und die Zweckmässigkeit eines 
jeden 



!) Siehe namentlich im 11. Buch des Goldenen Esels die Einweihung in die 
Mysterien der Isis, des Osiris, des Serapis und die Aufnahme in das Kollegium 
der Pastophori. Man lese auch die Schrift Plutarch's: Über Isis und Osiris. 

2 ) Bussell: The School of Plato, 1896, S. 345, schreibt von dieser 
philosophischen Periode: „Die Dämonen monopolisieren eine Andacht, die 
einer blossen Idee nicht gewidmet werden kann, und die Philosophie haucht 
ihre Seele aus an den Stufen rauchender Opferaltäre und unter den 
Beschwörungsformeln und Wahngebilden der Wahrsagung und der Zauberei." 



122 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Dingen ist ihm offenbar, so ist er eigentlich selber Gott und die 
gesamte Welt ist „menschlich"; das sagen auch ausdrücklich die 
Orphiker und — Aristoteles. Ganz anders der Poet. Man citiert 
überall, schon zu den Zeiten Heraklit's und von da an bis auf 
Ranke, den Vorwurf des Xenophanes gegen Homer: er bilde die 
Götter wie Hellenen, die Neger würden aber einen schwarzen Zeus 
erdichten und die Pferde die Götter sich als Pferde denken. 
Verständnisloser und oberflächlicher kann man gar nicht sein. 1 ) 
Der Vorwurf ist nicht einmal faktisch richtig, da die Götter bei 
Homer in allen möglichen Gestalten vorkommen. Wie K. Lehrs in 
seinem schönen, leider fast vergessenen Buche Ethik und Religion 
der Griechen (S. 136/7) sagt: „Die griechischen Götter sind gar 
nicht Nachbilder der Menschen, sondern Gegenbilder. Sie sind 
keine kosmischen Potenzen (was sie erst für die Philosophen 
wurden), ebensowenig erhöhte Menschen! Häufig kommen sie in 
Tiergestalt vor und tragen nur die menschliche für gewöhnlich als 
die schönste und edelste und geeignetste, aber an und für sich ist 
ihnen jede andere Gestalt eben so natürlich." Unvergleichlich 
wichtiger ist jedoch die Thatsache, dass bei Homer und den 
anderen grossen Poeten jegliche Teleologie fehlt; denn erst mit 
diesem Begriff tritt unleugbarer Anthropomorphismus auf. Warum 
soll ich die Götter nicht in Menschengestalt darstellen? 
Soll ich sie etwa als Schafe oder Mistkäfer in mein Gedicht 
einführen? Haben Raffael und Michelangelo es nicht genau so 
gehalten wie Homer? Hat die christliche Religion nicht 
angenommen, Gott sei in Menschengestalt erschienen? Ist der 
Jahve der Israeliten nicht ein Prototyp des edlen und dabei doch 
zank- und rachsüchtigen Juden? Es wäre wohl doch nicht ratsam, 
die aristotelische „Wesenheit ohne Grösse, die das Gedachte 
denkt" der künstlerischen Anschauung zu empfehlen. Dagegen 
erkühnt sich die poetische Religion der 



!) Schon Giordano Bruno schreibt zornerfüllt über dieses grundverkehrte, 
philisterhaft beschränkte Urteil: nur insensate bestie et veri bruti seien 
imstande, derartiges vorzubringen (Italienische Schriften, ed. Lagarde, S. 534). 
Man vergl. auch M. W. Visser: Die nicht menschengestaltigen Götter der 
Griechen, Leiden, 1903. 



123 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Griechen nicht über „Unerschaffenes" Auskunft zu geben und 
Zukünftiges „vernunftgemäss zu erklären". Sie giebt ein Bild der 
Welt wie in einem Hohlspiegel und glaubt dadurch den 
Menschengeist zu erquicken und zu läutern; weiter nichts. Lehrs 
führt in dem genannten Buche aus, wie der Begriff der Teleologie 
durch die Philosophen, von Sokrates bis Cicero, eingeführt worden 
sei, dagegen in hellenischer Poesie keinen Eingang gefunden habe. 
„Der Begriff der schönen Ordnung", sagt er (S. 117), „der 
Harmonie, des Kosmos, der tief die griechische Religion 
durchzieht, ist ein viel höherer als jener der Teleologie, der in jeder 
Beziehung etwas Kümmerliches hat." — Um die Sache uns recht 
nahe zu bringen, frage ich: wer ist der Anthropomorphist, Homer 
oder Byron? Homer, an dessen persönlichem Dasein man hat 
zweifeln können, oder Byron, der so mächtig in die Saiten griff 
und die Poesie unseres Jahrhunderts auf die Tonart stimmte, in 
welcher Alpen und Ocean, Vergangenheit und Gegenwart des 
Menschengeschlechtes nur dazu dienen, das eigene Ich 
wiederzuspiegeln und einzurahmen? Es dürfte vielleicht für jeden 
modernen Menschen unmöglich sein, sich menschlichen 
Handlungen gegenüber, und von der Ahnung einer Weltordnung 
durchdrungen, so wenig anthropomorphistich, so sehr „objektiv" 
zu verhalten wie Homer. 

Metaphysik 

Nun muss man allerdings zwischen Philosophie und 
Philosophie unterscheiden, und ich glaube oben meiner 
Bewunderung für die hellenische Philosophie der grossen Epoche 
warmen Ausdruck verliehen zu haben, namentlich insofern sie als 
eine der Dichtkunst stammverwandte, schöpferische Bethätigung 
des Menschengeistes auftrat — in welchem Bezug Plato's 
Ideenlehre und Demokrit's atomistische Hypothese alles 
überstrahlt, während Aristoteles mir als Analytiker und 
Methodiker unvergleichlich gross, als Philosoph aber, im 
angegebenen Sinne, der eigentliche Urheber der decadence des 
hellenischen Geistes erscheint. Hier wie anderwärts muss man 
sich jedoch vor zu weit gehender Vereinfachung hüten; man darf 
nicht einem einzigen Manne zuschreiben, was seinem Volke 
eigentümlich war und in ihm nur den bestimmtesten Ausdruck 
fand. In Wahrheit steckt in der 



124 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



griechischen Philosophie von allem Anfang an der Keim zu ihrer 
späteren verhängnisvollen Entwickelung; die Erbschaft, die noch 
immer schwer auf uns lastest, reicht fasst bis auf die Zeit Homer' s 
zurück. Denn die alten Hylozoisten zeigen sich, wohl überlegt, den 
Neoplatonikern stammverwandt: wer mit Thaies die Welt so ohne 
Weiteres als aus dem Wasser entstanden „erklärt", der wird später 
auch Gott zu „erklären" wissen; sein nächster Nachfolger, 
Anaximander, stellt als Prinzip „das Unendliche" (das Apeiron), 
das „in allen Veränderungen Unveränderliche" auf: da stecken wir 
eigentlich schon im unverfälschten Scholasticismus mitten drin 
und können gelassen warten, bis das Rad der Zeit Ramon Lull 
und Thomas von Aquin auf der Erdoberfläche abgesetzt hat. Dass 
diese ältesten unter den bekannten griechischen Denkern an die 
Gegenwart zahlloser Dämonen glaubten, dabei aber von Anfang 
an 1 ) über die Götter der Volksreligion und über die Dichter 
herzogen — den Homer hätte Heraklit gern „mit Ruten 
gepeitscht" 2 ) — dient nur, das Bild zu vervollständigen. Noch eins 
muss aber gesagt werden: ein Mann wie Anaximander, so 
untergeordnet als Denker, war ein Naturforscher und Theoretiker 
allerersten Ranges, ein Begründer der wissenschaftlichen 
Geographie, ein Förderer der Astronomie; uns werden alle 
diese Leute als Philosophen vorgeführt, in Wahrheit war aber das 
Philosophieren für sie eine Nebensache; man würde doch wohl 
den Agnosticismus des Charles Darwin oder das 
Glaubensbekenntnis des Claude Bernard nicht zu den 
philosophischen Leistungen unseres Jahrhunderts 
rechnen? Das ist so eine von den vielen traditionellen, geheiligten 
Konfusionen; den Namen eines Cankara, (jedenfalls einer der 
grössten Metaphysiker, die je gelebt) finden wir in keiner 
Geschichte der Philosophie, dagegen muss der brave Olivenbauer 
Thaies als „erster Philosoph" unausgesetzt herhalten. Und, genau 
besehen, befinden sich alle, 



1 ) Verbürgt wenigstens von Xenophanes und Heraklit an. 

2 ) Ich citiere nach Gomperz: Griechische Denker I, 50; nach Zeller's 
Darstellung schiene eine so heftige Äusserung unwahrscheinlich. Wenn ich 
mich recht entsinne, ist es Xenophanes, der diese Worte dem Heraklit in den 
Mund legt. 



125 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



oder fast alle sogenannte Philosophen der hellenischen Blütezeit 
in einer ähnlichen Lage: Pythagoras gründet — so weit man aus 
widersprechenden Nachrichten schliessen kann — nicht eine 
philosophische Schule, sondern einen politischen, sozialen, 
diätetischen und religiösen Bund; Plato selber, der Metaphysiker, 
ist Staatsmann, Moralist, praktischer Reformator; Aristoteles ist 
Methodolog und Encyklopädist, und die Einheit seiner 
Weltanschauung liegt viel mehr in seinem Charakter als in seiner 
forcierten, halbüberkommenen, widerspruchsvollen Metaphysik 
begründet. Ohne also die Grossthaten der griechischen Denker 
irgendwie zu verkennen, werden wir wohl doch, um der Konfusion 
ein Ende zu machen, behaupten dürfen: diese Männer haben 
unserer Wissenschaft (einschliesslich der Logik und der Ethik) 
vorgearbeitet, sie haben unserer Theologie vorgearbeitet, ihr 
poetisch-schöpferisches Genie hat Ströme von Licht über die Wege 
ausgegossen, die spätere Spekulation und Geistesforschung 
wandeln sollte, als Metaphysiker im eigentlichen engeren Sinne 
des Wortes waren sie (wenn man einzig Plato ausnimmt) von 
verhältnismässig weit geringerer Bedeutung. 

Damit bei einer so wichtigen, in die Tiefen unseres heutigen 
Lebens eingreifenden Erkenntnis nichts unklar bleibe, möchte ich 
kurz darauf hindeuten, dass wir in der Person des grossen 
Leonardo da Vinci ein unserem heutigen Denken und Fühlen 
nahe verwandtes Beispiel der tiefen Kluft besitzen, welche 
poetische Erkenntnis von abstrakter Erkenntnis trennt, Religion 
von theologisierender Philosophie. Leonardo brandmarkt die 
Geisteswissenschaften als „lügnerische" (le bugiarde scientie 
mentali); „alles Wissen", sagt er, „ist eitel und voller Irrtümer, das 
nicht von der Sinneserfahrung, der Mutter aller Gewissheit, zur 
Welt gebracht wird"; besonders zuwider sind ihm die Dispute und 
Nachweise über die Wesenheit Gottes und der Seele; er meint, 
gegen diese Vorstellungen „lehnen sich unsere Sinne auf, 
deswegen sollen wir uns nicht bethören lassen: „wo 
Vernunftsgründe und klares Recht fehlen, vertritt Geschrei deren 
Stelle; bei sicheren Dingen kommt dies dagegen nicht vor"; und 
somit gelangt er zu dem Schluss: „dove si grida non e vera 
scientia", wo man 



126 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Geschrei macht, da ist kein wahrhaftiges Wissen (Libro di pittura, 
I. Teil, Abschnitt 33, Ausgabe von Heinrich Ludwig). Das ist 
Leonardo's Theologie! Dieser selbe Mann ist es jedoch, der — wohl 
einzig unter allen, die grössten nicht ausgenommen — einen 
Christus malt, der einer Offenbarung gleichkommt, „ganz Gott 
und zugleich ganz Mensch" (wie es im Athanasischen 
Glaubensbekenntnis heisst). Hier liegt tiefe Wesensverwandtschaft 
mit Homer vor: alles Wissen aus Sinneserfahrung geschöpft, und 
hieraus dann das Göttliche nicht durch Vernunftserwägungen 
nachgewiesen, sondern unter Zugrundelegung des Volksglaubens 
freischöpferisch gestaltet: ein ewig Wahres. Gerade diese Anlage 
war nun in Griechenland, dank besonderen Umständen und 
besonderen Begabungen, dank vor allem dem Auftreten der einzig 
Leben spendenden grossen Genies, zu einer so intensiven 
Ausbildung gelangt, dass die Erfahrungswissenschaften (wie 
später bei uns durch Leonardo) eine früher noch nicht 
dagewesene Anregung erhielten, wogegen die Reaktion der 
philosophierenden Abstraktion sich niemals frei und natürlich zu 
entwickeln vermochte, sondern entweder in Scholasticismus oder 
in Phantasterei verfiel. Der hellenische Künstler erwachte zum 
Leben in einem Element, welches ihm zugleich persönliche 
Freiheit und das erhebende Bewusstsein, von Allen verstanden zu 
werden, schenkte; der hellenische Philosoph (sobald er den Weg 
der logischen Abstraktion wandelte) nicht; dieser war im Gegenteil 
von allen Seiten gehemmt, äusserlich durch Sitte, Glauben und 
Staatseinrichtungen, innerlich durch seine ganze eigene, 
vorwiegend künstlerische Bildung, durch alles was ihn sein Leben 
lang umgab, durch alle Eindrücke, die Auge und Ohr ihm 
übermittelten; er war nicht frei; in Folge seiner grossen Begabung 
leistete er gewiss Grosses, nichts aber, was — wie seine Kunst — 
höchsten Anforderungen der Harmonie, der Wahrheit, der 
Allgemeingültigkeit entspräche. Bei der griechischen Kunst wirkt 
das Nationale wie Schwingen, welche den Geist zu Höhen 
emportragen, wo „alle Menschen Brüder werden", wo das 
Trennende der Zeiten und Völker den Reiz eher erhöht als 
abstumpft; hellenische Philosophie ist im Gegenteil im 
beengenden Sinne des Wortes 



127 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



an ein bestimmtes nationales Leben gekettet und dadurch allseitig 
beschränkt. l ) 

Ungemein schwer ist es, mit einer solchen Einsicht gegen das 
Vorurteil von Jahrhunderten aufzukommen. Selbst ein solcher 
Mann wie Rohde nennt die Griechen „das gedankenreichste der 
Völker" und behauptet, ihre Philosophen hätten „der ganzen 
Menschheit vorgedacht" (Psyche, S. 104); Leopold von Ranke, der 
für die homerische Religion kein anderes Epitheton kennt als 
„Götzendienst" (!), schreibt: „Was Aristoteles über den Unterschied 
der thätigen und leidenden Vernunft ausspricht, von denen jedoch 
nur die erste die wahre ist, autonom und gottverwandt, also auch 
unsterblich, möchte ich für das Beste erklären, was über den 
menschlichen Geist gesagt werden konnte, vorbehalten die 
Offenbarung. Dasselbe darf man, wenn ich nicht irre, von der 
Seelenlehre Plato's sagen." 2 ) Ranke belehrt uns weiter, die Aufgabe 
der griechischen Philosophie sei es gewesen: „den alten Glauben 
von dem götzendienerischen Element zu reinigen, rationelle und 
religiöse Wahrheit zu vereinbaren"; die Demokratie aber habe 
dieses edle Bestreben vereitelt, denn sie „hielt an dem 
Götzendienste fest" (I, 230) 3 ). Diese Beispiele mögen genügen: man 
könnte zahlreiche anführen. Nach meiner Überzeugung ist das 
Alles Illusion, und zwar verderbliche Illusion, und in wesentlichen 
Hauptstücken das genaue Gegenteil von der Wahrheit. Es ist nicht 
wahr, dass die Griechen der ganzen Welt vorgedacht 



1 ) Vergl. weiter unten, namentlich S. 760 und 996. 

2 ) Weltgeschichte (Text- Ausgabe) I, 230. Dieser Weisheitsspruch erinnert 
bedenklich an die bekannte Anekdote aus der Kinderstube: „Wen liebst du am 
meisten, Papa oder Mama? Beide!" Denn wenn auch Aristoteles von Plato 
ausgegangen ist, etwas von Grund aus Verschiedeneres als ihre Seelenlehre 
(sowie ihre ganze Metaphysik) lässt sich kaum denken. Wie können denn 
beide zugleich „das Beste" gesagt haben? Schopenhauer hat richtig und 
bündig geurteilt: „der radikale Gegensatz des Aristoteles ist Plato". 

3 ) O vierundzwanzigstes Jahrhundert! was sagst du dazu? Ich für mein Teil 
schweige — wenigstens über Persönlichkeiten — und folge dem Beispiele des 
weisen Sokrates, indem ich den Götzen meines Jahrhunderts einen Hahn 
opfere! 



128 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



haben; vor ihnen, neben ihnen, nach ihnen hat man tiefer, 
schärfer, richtiger gedacht. Es ist nicht wahr, dass die 
geheimrätliche Theologie des Aristoteles ad usum der Stützen der 
Gesellschaft das Beste ist, was gesagt werden konnte: diese 
jesuitische, scholastische Sophisterei ist die schwarze Pest der 
Philosophie geworden. Es ist nicht wahr, dass die griechischen 
Denker die alte Religion gereinigt haben: vielmehr haben sie 
gerade dasjenige an ihr angegriffen, was ewige Bewunderung 
verdiente, nämlich ihre freie, rein künstlerische Schönheit; und 
indem sie vorgaben, rationelle Wahrheit an die Stelle der 
symbolischen zu setzen, griffen sie in Wirklichkeit nur zum 
Volksaberglauben und setzten diesen, in logische Lumpen gehüllt, 
auf den Thron, von dem sie — im Verein mit dem Pöbel — die (ein 
ewig Wahres verkündende) Poesie herabgestürzt hatten. 

Was das angebliche „Vordenken" anbelangt, so genügt es, auf 
zwei Umstände aufmerksam zu machen, um die Irrtümlichkeit 
dieser Behauptung darzuthun: erstens haben die Inder früher als 
die Griechen zu denken begonnen, sie haben tiefer und 
konsequenter gedacht, und sie haben in ihren verschiedenen 
Systemen mehr Möglichkeiten erschöpft als die Griechen, zweitens 
hat unser eigenes westeuropäisches Denken erst an dem Tage 
begonnen, als ein grosser Mann gesagt hatte: „man muss zugeben, 
die Philosophie, die wir von den Griechen überkommen haben, ist 
kindisch, oder mindestens eher eine Beförderin des Schwatzens 
als schöpferisch anregend." 1 ) Behaupten zu wollen, dass Locke, 
Gassendi, Hume, Descartes, Kant u. s. w. Wiederkäuer 
griechischer Philosophie seien, ist eine arge Versündigung 
hellenistischen Grössenwahnsinns gegen unsere neue Kultur. Ein 
schlagendes Beispiel in Bezug auf das hellenische Denken bietet 
uns gleich Pythagoras, ihr erster grosser Weiser. Von seinem 
Orientreisen 



1 ) Bacon von Verulam: Instauratio Magna, Vorwort. „Et de utilitate aperte 
dicendum est: sapientiam istam, quam a Graecis potissimum hausimus, 
pueritam quandam scientiae videri, atque habere quod proprium est puerorum; 
ut ad garriendum prompta, ad generandum invalida et immatura sit. 
Controversiarum enimferax, operum effoeta est. " 



129 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



brachte er allerhand zurück, grosses und kleines, von dem 
Begriffe der Erlösung an bis zu der Vorstellung des Äthers und bis 
zu dem Verbot des Bohnenessens: es war alles indisches Erbgut. 
Eine Lehre insbesondere wurde nun der Mittelpunkt des 
Pythagoreismus, sein religiöser Hebel, wenn ich so sagen darf: es 
war dies die geheim gehaltene Lehre von der Seelenwande 
r u n g. Durch Plato wurde sie dann später des geheimnisvollen 
Nimbus entkleidet und in die öffentliche Philosophie 
hineingetragen. Nun bildete bei den Indern (schon lange vor 
Pythagoras) der Glaube an die Seelenwanderung die Grundlage 
der ganzen Ethik; politisch, religiös, philosophisch vielfach geteilt 
und in offener Gegnerschaft lebend, war dort das ganze Volk in 
dem Glauben an die endlose Reihe der Wiedergeburten einig. „Ob 
eine Wanderung der Seele stattfindet, wird (in Indien) nirgends 
gefragt; sie wird allgemein und unumstösslich geglaubt." 1 ) Aber es 
gab dort doch eine Klasse, eine kleine, welche an die 
Seelenwanderung insofern nicht glaubte, als sie diese Vorstellung 
für eine symbolische hielt, für eine Vorstellung, welche den im 
Weltenwahn Befangenen eine höhere, nur durch tiefes 
metaphysisches Denken richtiger zu erfassende Wahrheit 
allegorisch vermittelt: diese kleine Klasse war (und ist noch heute) 
die der Philosophen. „Das Wandrersein der Seele beruht auf dem 
Nichtwissen, während die Seele im Sinne der höchsten Realität 
keine wandernde ist", lehrt der indische Denker. 2 ) Eine eigentliche 
„Geheimlehre", wie sie die Griechen 



!) Schroeder: Indiens Litteratur und Kultur, S. 252. 

2 ) Cankara: Sütra's des Vedänta I, 2, 11. Zwar hat Cankara selber viel 
später als Pythagoras gelebt (etwa im 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung), 
seine Lehre ist aber streng orthodox, er wagt keine Behauptung, die sich nicht 
auf alte, kanonische Upanishaden stützt. Dass eine thatsächliche 
„Wanderung" schon nach den ältesten Upanishaden für den wahrhaft 
Erkennenden eine nur populären Zwecken dienende Vorstellung war, ist 
offenbar. Weitere hierauf bezügliche Nachweise findet man bei Cankara in der 
Einleitung zu den Sütra's und in I, 1, 4, vor allem aber in der herrlichen Stelle 
II, 1, 22, wo der Samsära, mitsamt der ganzen Schöpfung, als eine Täuschung 
bezeichnet wird, „welche ebenso wie der Wahn der Spaltungen und 
Trennungen durch Geburt und Tod im Sinne der höchsten Realität nicht 
existiert". 



130 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



nach ägyptischer Muster so liebten, haben die Inder nie gekannt, 
Männer aus allen Kasten, auch Weiber konnten zur höchsten 
Erkenntnis vordringen; nur wussten diese tiefsinnigen Weisen 
sehr gut, dass metaphysisches Denken besondere Anlagen und 
besondere Ausbildung dieser Anlagen erfordert; daher Hessen sie 
das Bildliche bestehen. Und dieses Bildliche, diese grossartige, für 
die Moral vielleicht unersetzliche, im Grunde genommen aber 
doch nur volksmässige Vorstellung der Seelenwanderung, welche 
in Indien für das gesamte Volk, von oben bis unten, mit 
einziger Ausnahme der Denker galt, das wurde 
in Griechenland die erhabenste „Geheimlehre" ihres 
ersten grossen Philosophen, verschwand auch niemals wieder 
ganz aus den höchsten Regionen ihrer philosophischen 
Anschauungen und gewann durch Plato den bestrickenden Reiz 
poetischer Gestaltung. Das sind die Leute, die uns Allen angeblich 
vorgedacht haben sollen, „das gedankenreichste der Völker"! Nein, 
die Griechen waren keine grossen Metaphysiker. 

Theologie 

Sie waren aber ebensowenig grosse Moralisten und Theologen. 
Auch hier nur ein Beispiel statt vieler. Der Dämonenglaube findet 
sich allerorten; die Vorstellung eines besonderen Zwischenreiches 
der Dämonen (zwischen den Göttern im Himmel und den 
Menschen auf Erden) haben die Griechen höchst wahrscheinlich 
ebenfalls aus Indien (über Persien) entnommen, 1 ) das bleibt sich 
jedoch gleich; in der Philosophie, oder wenn man will, in der 
„rationellen Religion", fanden diese Gebilde des Aberglaubens erst 
durch Plato Aufnahme. Rohde schreibt: 2 ) „Plato zuerst, als 
Vorgänger vieler Anderen, redet von einem ganzen Zwischenreich 
von Dämonen, denen alles zugetraut wird, was an Wirkungen 
unsichtbarer Mächte der hohen Götter unwürdig erscheint. So 
wird die Gottheit selbst alles Bösen und Niederziehenden 
entlastet." Also mit vollem Bewusstsein und aus dem „rationellen", 
flagrant anthropomorphischen Grunde, Gott dessen, 



1 ) Colebrooke; Miscellaneous Essays, p. 442. 

2 ) In einer kleinen zusammenfassenden Schrift Die Religion der Griechen, 
erschienen 1895 in den Bayreuther Blättern (1902 auch einzeln veröffentlicht). 



131 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



was uns Menschen böse dünkt, zu „entlasten", wird derjenige 
Aberglaube, der den Hellenen mit Buschmännern und 
Australnegern gemeinsam war, mit einer philosophischen und 
theologischen Aureole geschmückt, den edelsten Geistern von 
einem edelsten Geist empfohlen und allen künftigen 
Jahrhunderten als Erbschaft vermacht. Die glücklichen Inder 
hatten ihren Dämonenglauben schon längst abgeschüttelt; er galt 
nur für das gänzlich unkultivierte Volk; der Philosoph war bei 
ihnen sogar zu keinerlei religiöser Handlung mehr verpflichtet; 
denn ohne sie zu leugnen, wie der flache Xenophanes, hatte er die 
Götter als Symbole einer höheren, von den Sinnen nicht zu 
fassenden Wahrheit erkennen gelernt, — was sollten Dämonen 
noch solchen Leuten? Homer war aber auf dem selben Wege 
gewesen, das merke man wohl. Freilich hemmt die Hand der 
Athene den voreilig erhobenen Arm des Achilleus, und flösst Here 
dem schwankenden Diomedes Mut ein: so göttlich frei deutet der 
Dichter, alle Zeiten zu poetischen Gedanken anregend; der wahre 
Aberglaube spielt jedoch bei ihm eine sehr untergeordnete 
Rolle und wird durch „göttliche" Deutung dem Bereiche des 
eigentlichen Dämonentums enthoben; sein Weg war sonniger, 
schöner als der des Indoariers; anstatt wie dieser in grübelnder 
Metaphysik sich zu ergehen, heiligte er die empirische Welt und 
führte dadurch den Menschen einer herrlichen Bestimmung 
entgegen. 1 ) Da kam der alte abergläubische, von pythischen 
Orakeln beratene, von Priesterinnen 



!) Siehe z. B. im XXIV. Gesang der Ilias (Vers 300 fg.) die Erscheinung des 
Gutes vorbedeutenden Adlers „rechts einher". Äusserst bezeichnend sind im 
selben Gesang die Worte des Priamos über ein ihm zu Teil gewordenes Gesicht 
(Vers 220 fg.): 

„Hätf es ein Anderer mir der Erdenbewohner geboten, 

Etwa ein Zeichendeuter, ein Opferprophet und ein Priester, 

Lug wohl nennten wir solches, und wendeten uns mit Verachtung." 

Prächtig ist ebenfalls bei Hesiod, wiewohl er dem Volksaberglauben viel näher 
steht als Homer, die Auffassung der „Geister": (Werke und Tage, 124 fg.) 

„Und sie wahren das Recht und wehren frevelnden Werken: 
Überall über die Erde hinwandelnd, in Nebel gehüllet, 
Spenden sie Segen; dies ist das Königsamt, das sie erhielten." 



132 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



belehrte, von Dämonen besessene Sokrates, und nach ihm Plato 
und die anderen. O Hellenen! wäret ihr doch der Religion des 
Homer und durch sie begründeten künstlerischen Kultur treu 
geblieben! Hättet ihr auf eure Heraklit und Xenophanes und 
Sokrates und Plato, und wie sie alle noch heissen, nicht gehört, 
sondern euren göttlichen Dichtern vertraut! Wehe uns, die wir 
durch diesen zur geheiligten Orthodoxie erhobenen 
Dämonenglauben Jahrhunderte hindurch unsäglichen Jammer 
gelitten haben, die wir durch ihn in unserer gesamten geistigen 
Entwickelung gehindert wurden, und die wir noch heute wähnen 
müssen, von thrakischen Bauern umringt zu leben! l ) 

Scholastik 

Nicht eine Spur besser steht es um jenes hellenische Denken, 
welches nicht mystische Wege wandelt, noch poetischen 
Eingebungen folgt, sondern eingestandenermassen an 
Naturwissenschaft anknüpft und es mit Hilfe der Philosophie und 
der rationellen Psychologie unternimmt, den grossen Problemen 
des Daseins beizukommen. Da schlägt der griechische Geist sofort 
in Scholasticismus um, wie schon oben angedeutet. „Worte, 
Worte, nichts als Worte!" Hier würden nähere 
Auseinandersetzungen leider über den Rahmen dieses Buches 
hinausführen. Wer aber vor höherer Philosophie sich scheut, der 
nehme einen Katechismus zur Hand, es steckt viel Aristoteles 
darin. Wenn man mit einem solchen unphilosophischen Manne 
von der Gottheit spricht und ihm sagt, sie sei: „ungeworden, 
unerschaffen, von je bestehend, unvergänglich", so wird er 
glauben, man recitiere ein ökumenisches Glaubensbekenntnis, es 
ist aber ein Citat aus Aristoteles! Und wenn man ihm ferner sagt, 
Gott sei: „eine ewige, vollkommene, unbedingte Wesenheit, mit 
Dasein begabt, jedoch ohne Grösse, die in ewiger Aktualität sich 
selbst denkt, denn (dies dient zur Erklärung) das Denken wird 
sich gegenständlich durch Denken des Gedachten, so dass 
Denken und Gedachtes identisch werden", so wird der arme Mann 
glauben, man 



!) Döllinger nennt den „systematischen Dämonenglauben" eins der „Danaer- 
Geschenke griechischen Wahnes" (Akad. Vorträge, I, 182). 



133 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



lese ihm aus Thomas von Aquin oder allenfalls aus Georg Wilhelm 
Friedrich Hegel vor, wiederum ist es aber ein Citat aus 
Aristoteles. 1 ) Die vernunftgemässe Lehre von Gott, die 
vernunftgemässe Lehre von der Seele, vor allem dann noch die 
Lehre von einer der menschlichen Vernunft gemässen 
Zweckordnung der Welt, oder Teleologie (durch welche Aristoteles, 
nebenbei gesagt, so groteske Irrtümer in seine Naturwissenschaft 
einführte): das war auf diesem Gebiete die Erbschaft! Wie viele 
Jahrhunderte hat es gedauert, bis ein mutiger Mann kam, der 
diesen Ballast über Bord warf und darthat, man könne das Dasein 
Gottes nicht beweisen, wie Aristoteles es zwei Jahrtausenden 
vorgegaukelt hatte? bis ein Mann kam, der es wagte, die Worte zu 
schreiben: „Wir sind weder durch Erfahrung, noch durch Schlüsse 
der Vernunft hinreichend darüber belehrt, ob der Mensch eine 
Seele (als in ihm wohnende, vom Körper unterschiedene und 
von diesem unabhängig zu denken vermögende d. i. geistige 
Substanz) enthalte, oder ob nicht vielmehr das Leben eine 
Eigenschaft der Materie sein möge." 2 ) 

Doch genug. Ich glaube mit ausreichender Deutlichkeit 
dargethan zu haben, dass hellenische Philosophie nur dann 
wahrhaft gross ist, wenn man das Wort im weitesten Sinne 
nimmt, etwa dem englischen Sprachgebrauch gemäss, nach 
welchem ein Newton und ein Cuvier, oder wieder ein Jean Jacques 
Rousseau und ein Goethe „Philosophen" heissen. Sobald der 
Grieche das Gebiet der Anschaulichkeit verliess — und zwar gleich 
von Thaies an — wurde er verhängnisvoll; er wurde um so 
verhängnisvoller, als er dann seine unvergleichliche 
Gestaltungskraft (welche dem metaphysischen Inder so auffallend 
fehlt) zur verführerisch klaren Gestaltung schattenhafter 
Trugbilder und zur Verflachung und Verballhornung tiefer 
Einsichten und Ahnungen, welche jeder Analyse 

unzugänglich sind, benützte. Nicht dass er mystische Anlagen 
und ein ausgesprochenes metaphysi- 



!) Metaphysik, Buch XII. Kap. 7. 

2 ) Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre, T. 1., Ethische 
Elementarlehre, § 4. 



134 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



sches Bedürfnis besass, mache ich ihm zum Vorwurf, wohl aber, 
dass er Mystik anders als künstlerisch-mythisch zu gestalten 
suchte, und dass er an dem Kernpunkt aller Metaphysik stets 
(immer natürlich mit Ausnahme Plato's!) blind vorbeiging und die 
Lösung transscendenter Fragen auf platt-empirischem Wege 
versuchte. Hätte der Grieche auf der einen Seite rein poetisch, auf 
der anderen rein empirisch seine Anlagen weiter entwickelt, dann 
wäre er für die Menschheit ein ungeteilter, unsagbarer Segen 
geworden; so aber wurde jener selbe Grieche, der in Poesie und 
Wissenschaft das Beispiel der frei- schöpferischen Gestaltung und 
somit des eigentlichen Menschwerdens gegeben hatte, später 
vielfach ein erstarrendes, hemmendes Element in der 
Entwickelung des Menschengeistes. 

Schlusswort 

Vielleicht habe ich mit diesen letzten Ausführungen ein wenig 
in das Bereich eines späteren Teiles dieses Buches übergegriffen. 
Ich wusste mir nicht anders zu helfen; denn, spielte die 
hellenische Erbschaft eine grosse Rolle in unserem Jahrhundert, 
wie in allen vorangegangenen, so herrschte doch in Bezug auf sie 
eine heillose Konfusion und ein hochgradiges „Unbewusstsein", 
und diese Geistesverfassung der Erben musste im Interesse 
alles Folgenden ebenso klar hervorgehoben werden, wie die 
vielseitige, verwickelte Eigenart der Erbschaft selber. 

Vor einer Zusammenfassung scheue ich zurück. Was ich über 
unsere reiche, in unser geistiges Leben so tief eingreifende 
hellenische Erbschaft vorgebracht habe, ist ja schon an und für 
sich ein blosser Auszug, eine blosse Andeutung; wird ein 
derartiges Verfahren noch weiter getrieben, so wird zuletzt jeder 
konkrete Inhalt sublimiert, die geschwungenen Linien des Lebens 
schrumpfen zu Graden zusammen, es bleibt eine geometrische 
Figur zurück, eine Konstruktion des Geistes, nicht ein Abbild der 
mannigfaltigen, alle Widersprüche in sich vereinigenden Wahrheit. 
Die Geschichtsphilosophie selbst der bedeutendsten Männer — 
als Beispiel will ich einzig Herder nennen — regt immer eher zu 
Widerspruch als zu richtigen Erkenntnissen an. 



135 Das Erbe der alten Welt. Hellenische Kunst und Philosophie. 



Ausserdem ist diesem werke ein näheres Ziel gesteckt: nicht das 
Hellenentum sollte hier beurteilt oder geschichtlich erklärt 
werden, sondern es genügte, unserem Bewusstsein 
nahezubringen, wie unendlich viel von ihm auf uns übergegangen 
ist und noch heute gestaltend auf unser Dichten, Denken, 
Glauben, Forschen wirkt. In Ermangelung von Vollständigkeit 
suchte ich Lebendigkeit und Wahrheit. Ich kann dem Leser jedoch 
die Mühe nicht ersparen, meine Ausführungen von Anfang bis 
Ende durchzulesen. 



136 



137 



ZWEITES KAPITEL 

RÖMISCHES RECHT 



Von Jugend auf ist mir Anarchie ver- 
driesslicher gewesen als der Tod. 

Goethe 



138 



139 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Disposition 

Gewiss ist es unmöglich, begrifflich klar zu bestimmen, was wir 
von Rom geerbt haben, was aus dieser ungeheuren Werkstatt 
menschlicher Geschicke noch heute lebendig weiter wirkt, wenn 
wir nicht eine klare Vorstellung davon besitzen, was Rom war. 
Selbst das römische Recht im engern Sinne des Wortes (das 
Privatrecht), von dem ein Jeder weiss, dass es den Grundstoff 
bildet, an dem noch heute alles juristische Denken grossgezogen 
wird, und dass es noch immer die thatsächliche Grundlage 
abgiebt, selbst für die freiesten, am weitesten abweichenden, 
neueren Rechtssysteme, kann unmöglich in der Eigenart seines 
Wertes recht beurteilt werden, wenn es einfach als eine Art 
Laienbibel angesehen wird, als ein Kanon, der nun einmal da ist, 
geheiligt durch die Jahrtausende. Ist das blinde Festhalten an 
römischen Rechtssätzen die Folge einer oberflächlichen 
historischen Auffassung, so gilt das nicht minder von der weit 
über das Ziel hinausschiessenden Reaktion gegen das 
römische Recht. Wer dieses Recht und sein langsames, mühsames 
Entstehen, und sei es auch nur in den allgemeinen Umrissen, 
studiert, wird gewiss anders urteilen. Denn dann wird er sehen, 
wie die indoeuropäischen Stämme 1 ) schon in den ältesten Zeiten 
einige scharf aus- 



1 ) Auf die schwierige Frage der Rassen werde ich an anderer Stelle 
zurückzukommen haben (siehe Kap. 4). Hier will ich nur eine sehr wichtige 
Bemerkung einschalten: Während von verschiedenen Seiten die Existenz einer 
arischen Rasse in Frage gezogen wird, indem manche Philologen die 
Stichhaltigkeit des sprachlichen Kriteriums in Frage ziehen (siehe Salomon 
Reinach: L'origine des Aryens) und einzelne Anthropologen auf die chaotischen 



140 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



gesprochen rechtliche Grundüberzeugungen besassen, die in den 
verschiedenen Stämmen sich verschieden entwickelten, ohne es 
aber jemals zu einer wahren Blüte bringen zu können; er wird 
einsehen, dass sie es deswegen nicht konnten, weil es keinem 
Zweig gelingen wollte, einen freien und zugleich dauernden 
Staat zu gründen; dann wird er mit Staunen gewahr werden, 
wie dieses eine kleine Volk von charakterstarken Männern, die 
Römer, beides zustande bringt: Staat und Recht — den Staat 
dadurch, dass Jeder das Recht (sein persönliches Recht) sich 
dauernd sichern will, das Recht dadurch, dass Jeder die 
Selbstbeherrschung besitzt, dem Gemeinwesen die nötigen Opfer 
zu bringen und bedingungslose Treue zu widmen; und wer das 
erkannt hat, der wird gewiss nie anders als mit grösster 
Verehrung vom römischen Recht als einem der kostbarsten 
Besitztümer der Menschheit reden. Zugleich freilich wird er 
einsehen, dass die höchste und nachahmungswürdigste 
Eigenschaft dieses Rechtes seine genaue Anpassung an bestimmte 
Lebensumstände ist. Einem solchen kann es aber nicht 
verschlossen bleiben, dass Staat und Recht — beides Erzeugnisse 
des „geborenen Rechtsvolke s" 1 ) — bei den Römern 
unzertrennlich zu- 



Ergebnisse der Schädelmessungen hinweisen (z. B. Topinard und Ratzel), 
gebrauchen die Forscher auf dem Gebiete der Rechtsgeschichte einmütig den 
Ausdruck Arier, resp. Indoeuropäer, weil sie eine bestimmte rechtliche 
Auffassung in der Gruppe dieser sprachlich verwandten Völker finden, welche 
sich vom ersten Beginn an und durch alle Verzweigungen einer vielfältigen 
Entwickelung grundsätzlich von gewissen ebenso unausrottbaren rechtlichen 
Anschauungen bei Semiten, Hamiten u. s. w. unterscheiden. (Man sehe die 
Werke von Savigny, Mommsen, Jhering und Leist.) Keine Schädelmessungen 
und philologische Tüfteleien können diese einfache, grosse Thatsache — ein 
Ergebnis peinlich genauer, juristischer Forschung — aus der Welt schaffen, 
und durch sie wird das Dasein eines moralischen Ariertums (im 
Gegensatz zu einem moralischen Nicht-Ariertum) dargethan, und wären die 
Völker dieser Gruppe aus noch so bunten Bestandteilen zusammengesetzt. 

!) Jhering: Entwickelungsgeschichte des römischen Rechts, S. 81. Eine umso 
bemerkenswertere Äusserung, als gerade dieser grosse Rechtslehrer stets 
energisch zu verneinen pflegt, dass einem Volke irgend etwas angeboren sei; er 
versteigt sich sogar (Vor- 



141 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



sammengehören, und dass wir weder diesen Staat, noch dieses 
Recht wirklich verstehen können, wenn wir nicht eine klare 
Vorstellung von dem römischen Volke und seiner Geschichte 
besitzen. Das ist umso nötiger, als wir sowohl vom römischen 
Staatsgedanken als vom römischen Privatrecht gar Vieles geerbt 
haben, was heute noch lebt, — ganz abgesehen von den durch 
den römischen Staatsgedanken thatsächlich geschaffenen 
politischen Verhältnissen, denen wir Europäer die Möglichkeit 
unseres Daseins als gesittete Nationen überhaupt verdanken. 
Daher mag es zweckmässig sein, uns zuerst zu fragen: was für ein 
Volk war dieses römische? was hat es als Gesamterscheinung für 
die Geschichte zu bedeuten? Es kann sich hier nur um einen 
flüchtigsten Umriss handeln; er wird aber hoffentlich genügen, um 
uns eine klare Vorstellung von dem politischen Wirken dieses 
grossen Volkes in seinen Hauptlinien zu geben, zugleich um die 
etwas verwickelte Natur der auf unser Jahrhundert 
überkommenen, politischen und staatsrechtlichen Erbschaft 
deutlich zu kennzeichnen. Dann erst wird eine Betrachtung 
unserer privatrechtlichen Erbschaft durchführbar und nützlich 
sein. 

Römische Geschichte 

Man sollte meinen, da die lateinische Sprache und die 
Geschichte Roms eine so grosse Rolle in unseren Schulen spielen, 
müsse jeder gebildete Mann wenigstens eine deutliche 
Gesamtvorstellung von dem Werden und Schaffen des römischen 
Volkes 



geschickte der Indoeuropäer, S. 270) zu der ungeheuerlichen Behauptung, die 
angeerbte physische (und mit dieser zugleich die moralische) Struktur des 
Menschen — denn das ist es doch wohl, was der Begriff Rasse 
bezeichnen soll — habe gar keinen Einfluss auf seinen Charakter, sondern 
einzig die geographische Umgebung, so dass der Arier, nach Mesopotamien 
verpflanzt eo ipso Semit geworden wäre, und umgekehrt. Da ist Haeckel's 
pseudowissenschaftliches Phantasiebild der verschiedenen Affen, von denen je 
eine Menschenrasse abstammen soll, im Vergleich noch vernünftig. Freilich 
darf man nicht vergessen, dass Jhering gegen das mystische Dogma eines 
„angeborenen corpus juris" sein Leben lang hart hatte kämpfen müssen, und 
dass es sein grosses Verdienst ist, der echten Wissenschaft hier freie Bahn 
geschaffen zu haben; das erklärt seine Übertreibungen im umgekehrten Sinne. 



142 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



besitzen. Das ist aber nicht der Fall, ist auch nach den üblichen 
Unterrichtsmethoden gar nicht möglich. Zwar ist jeder Gebildete 
in der römischen Geschichte bis zu einem gewissen Grade zu 
Hause: der sagenhafte Romulus, Numa, Pompilius, Brutus, die 
Horatier und die Curatier, die Gracchen, Marius, Sulla, Caesar, 
Pompejus, Trajan, Diocletian und unzählige Andere, sie alle sind 
uns mindestens ebenso vertraut (d. h. dem Namen und den Daten 
nach), wie unsere eigenen grossen Männer; ein Jüngling, der über 
den zweiten punischen Krieg nicht Auskunft geben könnte, oder 
der die verschiedenen Scipione unter einander verwechselte, 
stünde ebenso beschämt da, als wenn er die Vorzüge der 
römischen Legiones und Manipuli vor der makedonischen Phalanx 
nicht auseinanderzusetzen vermöchte. Man muss auch zugeben, 
die römische Geschichte in der üblichen Darstellung ist ein 
ungemein reichhaltiges Magazin interessanter Anekdoten; aus 
ihrer Kenntnis ergiebt sich jedoch ein einseitiges und durchaus 
mangelhaftes Verständnis. Fast gewinnt die gesamte Geschichte 
Roms den Anschein eines grossen und grausamen Sports, 
gespielt von Politikern und Feldherrn, die zum Zeitvertreib die 
Welt erobern, wobei sie in der Kunst der systematischen 
Unterdrückung der fremden Völker und der Aufhetzung des 
eigenen Volkes, sowie in der ebenso edlen Kunst der Erfindung 
neuer Kriegsstratageme und ihrer taktischen Verwertung durch 
möglichst massenhaftes Menschenvieh viel Anerkennenswertes 
leisten. Etwas Wahres liegt auch unstreitig in dieser Auffassung. 
Es kam in Rom eine Zeit, wo die sich vornehm dünkenden Leute 
mit Kriegswesen und Politik sich nicht bloss, wo es not that, 
abgaben, sondern sie als Lebensbeschäftigung erwählten. Wie bei 
uns, bis vor Kurzem, ein „hochgeborener Mensch" nur Offizier, 
Diplomat oder Verwaltungsbeamter werden durfte, so gab es auch 
für die „oberen Zehntausend" im späteren Rom nur drei Berufe, 
durch die sie ihrer Stellung nichts vergaben: die res müitaris, die 
juris scientia und die eloquentia. J ) 



l ) Vergl. Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Kap. 1. 



143 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Und da die Welt noch jung und die Wissenschaft übersehbar 
waren, konnte ein tüchtiger Mann leicht alle drei beherrschen; 
hatte er dazu noch recht viel Geld, dann war er ein fertiger 
Politiker. Man lese nur immer wieder die Briefe Cicero's, wenn 
man durch die naiven Geständnisse eines in den Ideen seiner Zeit 
befangenen, nicht viel weiter als seine Nase hinausschauenden 
Mannes lernen will, wie das grosse Rom und seine Geschicke der 
Spielball eitler Müssiggänger wurden, und mit wie grossem Recht 
man behaupten kann, dass seine Politiker Rom nicht gemacht, 
sondern vielmehr es zu Grunde gerichtet haben. Es hat überhaupt 
mit der Politik — auch ausserhalb Roms — sein eigenes 
Bewenden. Von Alexander an bis Napoleon: schwer wäre es, die 
Macht der frevelhaften Willkür in den rein politischen Helden zu 
hoch zu schätzen. Eine kurze Verständigung hierüber ist 
umsomehr in diesem Kapitel am Platze, als gerade Rom mit Recht 
für einen spezifisch politischen Staat gilt, und wir folglich von ihm 
zu erfahren hoffen dürfen, wie und von wem grosse, erfolgreiche 
Politik gemacht wird. 

Was Gibbon von den Königen im Allgemeinen sagt: „Ihre Macht 
ist am wirksamsten in der Zerstörung", das gilt von fast allen 
Politikern — sobald sie hinreichende Macht besitzen. Ich glaube 
fast, es war der weise Solon, der eine gedeihliche Entwickelung 
des atheniensischen Staates für alle Zeiten unmöglich machte, 
indem er den historisch gegebenen Bestand der Bevölkerung aus 
verschiedenen Stämmen aufhob und eine künstliche Einteilung in 
Klassen nach dem Vermögensstand einführte. Diese sogenannte 
Timokratie (Ehre dem, der Geld hat) stellt sich zwar von selbst 
überall mehr oder weniger ein, und Solon hat wenigstens dafür 
gesorgt, dass die Pflichten mit dem Reichtum zunahmen; 
nichtsdestoweniger hat er mit seiner Verfassung die Axt an die 
Wurzel gelegt, aus der — und wenn auch noch so mühsam — der 
atheniensische Staat erwachsen war. *) Ein 



1 ) Manchem wird die Verfassung Lykurg's noch willkürlicher dünken, 
jedoch mit Unrecht. Denn Lykurg rüttelt gar nicht an den durch die 
historische Entwickelung gegebenen Grundlagen, im 



144 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



minder bedeutender Mann hätte es nicht gewagt, so tief 
umbildend in den natürlichen Gang der Entwickelung 
einzugreifen, und das wäre sehr wahrscheinlich ein Segen 
gewesen. — Und können wir anders über Julius Caesar 
urteilen? Von den berühmten Feldherren der Weltgeschichte war 
er vielleicht als Politiker der bedeutendste; auf den 
verschiedensten Gebieten (man denke nur an die Verbesserung 
des Kalenders, an die Inangriffnahme eines allgemeinen 
Gesetzbuches, an die Begründung der afrikanischen Kolonie) 
bekundete er einen durchgreifenden Verstand; als 
organisatorisches Genie wäre er wohl, bei gleich 



Gegenteil, er befestigt sie: die Völker, die nacheinander nach Lakedämon 
gezogen waren, schichteten sich übereinander, das zuletzt angekommene zu 
oberst — und so Hess es Lykurg bestehen. Dass die Pelasger (Heloten) das 

Land bebauten, die Achäer (TFffJWiKOt^ Periöken) Handel und Gewerbe 
trieben, die Dorier (Spartiaten) Krieg führten und folglich auch regierten, das 
war keine künstliche Rollenverteilung, sondern die Feststellung eines 
thatsächlich vorhandenen Verhältnisses. Ich bin auch überzeugt, dass das 
Leben in Lakedämon lange Zeit hindurch glücklicher war, als in irgend einem 
anderen Teile Griechenlands; der Sklavenhandel war verboten, die Heloten 
waren Erbpächter, und wenn auch nicht auf Rosen gebettet, so genossen sie 
doch eine weitgehende Unabhängigkeit; die Periöken bewegten sich frei, sogar 
ihr beschränkter Militärdienst wurde ihnen im Interesse ihrer in den einzelnen 
Familien erblichen Gewerbe häufig nachgesehen; für die Spartiaten endlich 
war das Prinzip des ganzen Lebens die Geselligkeit, und in den Sälen, wo sie 
zu ihren einfachen Mahlen zusammentraten, prangte als Schutzgeist ein 
einziges Standbild, der Gott des Lachens (Plutarch: Lykurg XXXVII). Was man 
Lykurg zum Vorwurf machen muss, ist erstens, dass er diese gegebenen und 
insofern gesunden Verhältnisse für die Ewigkeit festzusetzen trachtete, 
hierdurch aber dem lebendigen Organismus die nötige Elastizität raubte, 
zweitens, dass er auf dem widerstandsfähigen Untergrund ein in mancher 
Beziehung gar phantastisches Gebäude aufführte; da tritt eben wieder der 
theoretisierende Politiker hervor, der Mann, der auf rationellem Wege 
festzustellen unternimmt, wie die Dinge sein müssten, während in Wahrheit 
der logisierenden Vernunft einzig eine registrierende, nicht eine schöpferische 
Funktion zukommt. Dass Lykurg aber trotz alledem die historischen 
Thatsachen zum Ausgangspunkt nahm, das war es, was seiner Verfassung 
unter allen griechischen die weitaus grösste Kraft und Dauer sicherte. 



145 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



günstigen Umständen, nicht hinter Napoleon zurückgeblieben — 
dabei mit dem unermesslichen Vorzug, dass er nicht ein 
ausländischer Condottiere, wie dieser oder wie Diocletian, sondern 
ein echter, rechter Römer war, im angestammten Vaterlande fest 
eingewurzelt, somit seine individuelle Willkür (wie bei Lykurg) 
sicherlich von der Richtschnur des seiner Nation Angemessenen 
nie allzuweit abgeirrt wäre. Und doch ist es gerade dieser Mann, 
und kein anderer, der den zähen Lebensbaum der römischen 
Verfassung knickte und einem unausbleiblichen Siechtum und 
Niedergang weihte. Denn das Erstaunliche im vor caesarischen 
Rom ist nicht, dass die Stadt so viele heftige Stürme im Innern zu 
durchleben hatte — bei einem so unvergleichlich elastischen 
Gebilde ist das natürlich, der Zusammenstoss der Interessen und 
der nie und nirgends rastende Ehrgeiz der Politiker von Fach 
sorgte dort wie aller Orten dafür — nein, was uns mit 
Verwunderung und mit Bewunderung erfüllt, ist vielmehr die 
Lebenskraft dieser Verfassung. Patrizier und Plebejer konnten 
periodisch gegeneinander wüten: eine unsichtbare Macht hielt sie 
doch aneinandergekettet; sobald neuen Verhältnissen durch einen 
neuen Ausgleich Rechnung getragen worden war, stand der 
römische Staat wieder da, stärker als ehedem. 1 ) Caesar wurde 
inmitten 



!) Der Ausdruck „Aristokratie und Plebs", den Ranke für Patrizier und 
Plebejer beliebt, ist, Laien gegenüber, so irreführend wie nur möglich. Schon 
Niebuhr hat gegen die Verwechslung von Plebs und Pöbel Einspruch erhoben. 
Patrizier und Plebejer sind vielmehr wie zwei Mächte in dem einen Staate, die 
eine freilich vielfach politisch bevorzugt, die andere vielfach politisch 
zurückgesetzt (wenigstens in früherer Zeit), beide aber aus freien, 
unabhängigen, durchaus selbstständigen Landsassen zusammengesetzt. Und 
darum kann Sallust selbst von den alten Zeiten schreiben: „die höchste 
Autorität lag wohl bei den Patriziern, die Kraft jedoch ganz gewiss bei den 
Plebejern" (Bf. an Caesar I, 5); auch sehen wir von jeher die Plebejer eine 
grosse Rolle im Staate spielen und ihre Familien sich vielfach mit den 
patrizischen verbinden. Der ungelehrte Mann unter uns wird also durchaus 
irregeführt, wenn er die Vorstellung empfängt, es habe sich in Rom um eine 
Aristokratie und einen Pöbel gehandelt. Die Eigentümlichkeit, das merkwürdig 
Lebensvolle des römischen Staates hat seinen Grund darin, dass er von 
Anfang 



146 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



einer dieser schweren Krisen geboren; vielleicht erscheint sie uns 
aber nur darum schlimmer als alle früheren, weil sie uns — in der 
Zeit — näher steht, wir daher am ausführlichsten über sie 
benachrichtigt sind, auch weil wir den von Caesar herbeigeführten 
Ausgang kennen. Ich meinesteils halte aber die 
geschichtsphilosophische Auslegung dieser Vorfälle für ein pures 
Gedankending. Weder die rauhe Faust des ungestümen, von der 
Leidenschaft hingerissenen Plebejers Marius, noch die 
tigermässige Grausamkeit des kühl berechnenden Patriziers Sulla 
hätten der römischen Verfassung tödliche Wunden beigebracht. 
Selbst das Allerbedenklichste: die Befreiung vieler Tausende von 
Sklaven und die Verleihung der Bürgerwürde an viele Tausende 
von Freigesprochenen (und zwar aus politischen, unmoralischen 
Gründen) hätte Rom in kurzer Zeit überwunden. Rom besass die 
Lebenskraft, das Sklaventum zu adeln, das heisst, ihm den 
bestimmten römischen Charakter mitzuteilen. Einzig eine ganz 
gewaltige Persönlichkeit, einer jener abnormen Willenshelden, wie 
die Welt sie in einem Jahrtausend kaum einmal hervorbringt, 
vermochte es, einen solchen Staat zu Grunde zu richten. Man 
sagt, Caesar sei ein Retter Roms gewesen, nur zu früh 
hin weggerafft, ehe er sein Werk vollenden konnte: das ist falsch. 
Als der grosse Mann mit seinem Heere an den Ufern des Rubicon 
angelangt war, soll er unentschlossen Halt geboten und die 
Tragweite seines Thuns noch einmal sich überlegt haben: 



an zwei unterschiedliche Teile enthielt (die manche Analogie in der politischen 
Wirksamkeit mit Whigs und Tories zeigen, nur dass es sich um „geborene 
Parteien" handelt), die aber beide durch genau die selben Interessen des 
Besitzes, des Rechtes und der Freiheit mit dem Staate gleichmässig 
verwachsen waren: daher beständig frisches Leben im Innern, daher beständig 
eiserne Einmütigkeit nach aussen. Von den plebejischen Bestandteilen des 
Heeres berichtet Cato, sie seien: „ viri fortissimi et milites strenuissimi"; es 
waren eben freie Männer, die für eigenes Heim und eigenen Herd kämpften; im 
alten Rom durften überhaupt nur Grundbesitzer den Heerdienst leisten, und 
Plebejer bekleideten Offiziersstellen ebensogut wie Patrizier (siehe Mommsen: 
Abriss des römischen Staatsrechtes, 1893, S. 258 und Esmarch: Römische 
Rechtsgeschichte, 3. Aufl. S. 28 ff.). 



147 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



setze er nicht hinüber, so gerate er selber in Gefahr, überschreite 
er die ihm vom heiligen Gesetz gesteckte Grenze, so rufe er Gefahr 
herauf über die ganze Welt (d. h. über den römischen Staat); er 
entschied für seinen Ehrgeiz und gegen Rom. Die 
Anekdote mag erfunden sein, Caesar wenigstens lässt uns in 
seinem Bürgerkrieg keinen derartigen inneren Gewissenskampf 
schauen; die Situation aber wird dadurch genau bezeichnet. Ein 
Mann kann noch so gross sein, frei ist er nie, seine Vergangenheit 
schreibt seiner Gegenwart gebieterisch die Richtung vor; hat er 
einmal das Schlechtere erwählt, so muss er fortan schaden, er 
mag wollen oder nicht, und schwingt er sich auch zum 
Alleinherrscher auf, im Wahne nunmehr lauter Gutes wirken zu 
können, so wird er an sich selber erfahren, dass „die Macht der 
Könige am wirksamsten in der Zerstörung ist". An Pompejus hatte 
Caesar noch von Ariminum aus geschrieben: das Interesse der 
Republik liege ihm mehr am Herzen als das eigene Leben; 1 ) noch 
nicht lange jedoch war Caesar Gutes zu wirken allmächtig, als 
Sallust, sein treuer Freund, ihn schon fragen musste: ob er denn 
eigentlich die Republik gerettet oder geraubt habe? 2 ) Im besten 
Falle hatte er sie gerettet wie Virginius seine Tochter. Pompejus, 
erzählen mehrere zeitgenössische Schriftsteller, wollte keinen 
neben sich, Caesar keinen über sich dulden. — Man stelle sich 
vor, was aus Rom noch hätte werden können, wenn zwei solche 
Männer, anstatt Politiker zu sein, als Diener des Vaterlandes 
gehandelt hätten, wie das bisher römische Art gewesen war! 

Es kann nicht meine Aufgabe sein, das hier flüchtig 
Angedeutete näher auszuführen; mir lag einzig daran, fühlbar zu 
machen, wie wenig man das Wesentliche an einem Volk erkennt, 
wenn man sich einzig und allein mit der Geschichte seiner 
Politiker und Feldherren abgiebt. Ganz besonders ist das bei Rom 
der Fall. Wer Rom lediglich von diesem Standpunkt aus 
betrachtet, und hielte er dabei auch noch so fleissig historische 
und 



!) De hello civili, I, 9. Nebenbei gesagt, echt römisch, in einem solchen 
Augenblick einen so platten Ausdruck zu gebrauchen! 
2 ) Zweiter Brief an Caesar. 



148 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



pragmatisierende Umschau, kann gewiss zu keinem anderen 
Ergebnis als Herder gelangen, dessen Darstellung darum auch 
klassisch bleiben wird. Für diesen genialen Mann ist römische 
Geschichte „Dämonengeschichte", Rom eine „Räuberhöhle"; was 
die Römer der Welt schenken, ist „verwüstende Nacht", ihre 
„grossen, edlen Seelen, Scipionen und Caesar" bringen ihr Leben 
mit Morden zu, je mehr Menschen sie in ihren Kriegszügen 
hingeschlachtet haben, umso feuriger das Lob, das ihnen 

gespendet wird . l ) Das ist von einem gewissen Standpunkt 

aus vollkommen richtig; doch haben die Forschungen der 
Niebuhr, Duruy und Mommsen (besonders die des zuletzt 
genannten), sowie auch die der glänzenden „romanistischen" 
Rechtshistoriker unseres Jahrhunderts Savigny, Jhering und 
vieler anderer, ein anderes Rom aufgedeckt, auf dessen Dasein 
zuerst Montesquieu die Aufmerksamkeit gelenkt hatte. Hier galt 
es, dasjenige aufzufinden und ins rechte Licht zu stellen, was die 
alten römischen Geschichtsschreiber — beschäftigt, Schlachten zu 
feiern, Verschwörungen zu schildern, gut zahlenden Politikern zu 
schmeicheln, Feinde zu verleumden — gar nicht bemerkt oder 
wenigstens niemals nach Verdienst gewürdigt hatten. Eine Nation 
wird nicht, was Rom in der Geschichte der Menschheit geworden 
ist, durch Raub und Mord, sondern trotz Raub und 
Mord; kein Volk bringt Staatsmänner und Krieger von so 
bewunderungswürdig starkem Charakter hervor wie Rom, wenn 
es nicht selber eine breite, feste und gesunde Grundlage für 
Charakterstärke abgiebt. Was Herder, und mit ihm so viele, Rom 
nennen, kann also nur ein Teil von Rom sein, und zwar nicht der 
wichtigste. Viel treffender finde ich die Ausführungen des 
Augustinus in dem fünften Buche seines De civitate Dei; er macht 
hier besonders auf die Abwesenheit der Habgier und des 
Eigennutzes bei den Römern aufmerksam; ihr ganzes Wollen, sagt 
er, habe sich in dem einen Entschluss kundgegeben: „entweder 
frei zu leben oder tapfer zu Grunde zu gehen" (aut fortiter emori, 
aut 



l ) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch 14. 



149 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



liberos vivere); und die Grösse der römischen Macht, sowie ihre 
Dauer, schreibt er dieser moralischen Grösse zu. 

In der allgemeinen Einleitung zu diesem Buche sprach ich von 
anonymen Kräften, welche das Leben der Völker gestalten; 
davon haben wir in Rom ein leuchtendes Beispiel. Ich glaube, man 
könnte ohne zu übertreiben sagen, Roms ganze wahre Grösse war 
eine solche anonyme „Volksgrösse". Schlug bei den Athenern der 
Geist in die Krone, so schlug er hier in Stamm und Wurzeln; Rom 
war das wurzelhafteste aller Völker. Daher trotzte es auch so 
vielen Stürmen, und die Weltgeschichte bedurfte fast eines halben 
Jahrtausends, um den morschen Stamm auszurotten. Daher aber 
auch das eigentümliche Grau in Grau dieser Geschichte. Bei dem 
römischen Baum schoss alles ins Holz, wie die Gärtner sagen; er 
trug wenig Blätter, noch weniger Blüten, der Stamm war aber 
unvergleichlich stark; an ihm schlangen sich spätere Völker in die 
Höhe. Der Dichter und der Philosoph konnten in dieser 
Atmosphäre nicht gedeihen, dieses Volk liebte nur jene 
Persönlichkeiten, in denen es sich selbst erkannte, jedes 
Ungewöhnliche erregte sein Misstrauen; „wer anders sein wollte 
als die Genossen, hiess in Rom ein schlechter Bürger." 1 ) Das Volk 
hatte Recht; der beste Staatsmann für Rom war derjenige, der sich 
nicht eine Haaresbreite von dem entfernte, was die Allgemeinheit 
wollte, ein Mann, der es verstand, einmal hier, einmal dort das 
Sicherheitsventil zu öffnen, den wachsenden Kräften durch 
verlängerte Kolben, durch die Einrichtung entsprechender 
Centrifugalkugeln und Drosselklappen zu begegnen, bis die 
Staatsmaschine sich quasi automatisch erweitert und 
administrativ ergänzt hatte, kurz, ein zuverlässiger Maschinist: 
das war der Idealpolitiker für dieses starke, bewusste, durchaus 
nur den praktischen Lebensinteressen zugewandte Volk. Sobald 
Einer über dieses Mass hinaus wollte, wurde er, notgedrungen, 
Verbrecher am Gemeinwesen. 

Rom, ich wiederhole es, denn dies ist die Grunderkenntnis, aus 
der jede andere erst entfliesst, Rom ist nicht die Schöpfung 



l ) Mommsen: Römische Geschichte, 8. Aufl. I, 24. 



150 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



einzelner Männer, sondern eines ganzen Volkes; im Gegensatz zu 
Hellas ist hier alles wahrhaft Grosse „anonym"; keiner seiner 
grossen Männer ragt an die Grösse des gesamten römischen 
Volkes heran. Sehr richtig und beherzigenswert ist darum, was 
Cicero sagt (Republik, II, 1): „Aus folgendem Grunde ist die 
Verfassung unseres Staates anderen Staaten überlegen: 
anderwärts waren es einzelne Männer, welche durch Gesetze und 
Institute die Staatsordnung begründeten, wie z. B. auf Kreta 
Minos, in Lakedämonien Lykurg, in Athen (wo gar häufiger 
Wechsel stattfand) das eine Mal Theseus, das andere Mal Drako, 
dann wieder Solon, Kleisthenes und noch viele andere; dagegen 
gründet sich unser römisches Gemeinwesen auf das Genie nicht 
eines einzelnen Mannes, sondern vieler Männer, noch genügte zu 
seiner Errichtung die Spanne eines flüchtigen Menschenlebens, 
sondern es ist das Werk von Jahrhunderten und von aufeinander 
folgenden Generationen." Selbst der Feldherr brauchte in Rom nur 
die Tugenden, die seine ganze Armee besass, frei gewähren zu 
lassen — Geduld, Ausdauer, Selbstlosigkeit, Todesverachtung, 
den praktischen Sinn, vor allem das hohe Bewusstsein der 
staatlichen Verantwortlichkeit — und er war des Sieges sicher, 
wenn nicht heute, dann morgen. Ebenso wie die Truppen aus 
Bürgern bestanden, waren ihre Befehlshaber Magistrate, die nur 
vorübergehend das Amt eines Administrators oder eines 
Gesetzberaters und Rechtssprechers mit dem eines Feldherrn 
vertauschten; im allgemeinen machte es auch wenig Unterschied, 
wenn im regelmässigen Wechsel der Ämter der eine Beamte den 
anderen im Kommando ablöste; der Begriff „Soldat" kam erst in 
der Zeit des Verfalles auf. Nicht als Abenteurer, als die 
sesshaftesten aller Bürger und Bauern haben die Römer die Welt 
erobert. 

Römische Ideale 

Ja, hier drängt sich die Frage auf: ist es überhaupt zulässig, bei 
den Römern von „Eroberern" zu reden? Ich glaube kaum. Eroberer 
waren die Germanen, die Araber, die Türken; die Römer dagegen, 
von dem Tage an, wo sie in der Geschichte als individuell 
gesonderte Nation eintreten, zeichnen sich durch ihre fanatische, 
warmherzige und, wenn man will, engherzige Liebe für ihr 
Vaterland aus; sie sind an diesen Fleck Erde — kein her- 



151 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



vorragend gesunder, kein ungewöhnlich reicher — durch 
unzerreissbare Herzensbande gekettet, und was sie in den Krieg 
treibt, was ihnen die unbezwingbare Macht verleiht, das ist 
zunächst und vor allem die Liebe zur Heimat, der verzweifelte 
Entschluss, den unabhängigen Besitz dieser Scholle nur mit dem 
Leben aufzugeben. Dass dieses Prinzip zur allmählichen 
Erweiterung des Staates führen musste, bezeugt nicht 
Eroberungslust, sondern war das Ergebnis einer Zwangslage. 
Selbst heute ist die Macht der wichtigste Faktor im 
internationalen Völkerrecht, und wir sahen, dass in unserem 
Jahrhundert die friedfertigsten Nationen, wie Deutschland, ihren 
Waffenstand unaufhörlich vergrössern mussten, doch einzig im 
Interesse ihrer Unabhängigkeit. Wie viel schwieriger war die Lage 
Roms, umringt von einem konfusen Durcheinander von Völkern 
und Völkchen, — in nächster Nähe die Menge der verwandten, 
ewig sich bekämpfenden Stämme, im weiteren Kreise das 
unerforschte, gewitterschwangere Chaos der Barbaren, der 
Asiaten und der Afrikaner! Verteidigung genügte nicht; wollte Rom 
Ruhe gemessen, so musste es das Friedenswerk der Organisation 
und Verwaltung von einem Land zum andern ausdehnen. Wohin 
unter den Zeitgenossen Roms jene kleinen Völker es brachten, die 
keinen politischen Blick besassen, das sehen wir an der 
Geschichte aller hellenischen Staaten; Rom dagegen besass diesen 
Blick wie nie ein Volk vor ihm oder nach ihm. Seine Leiter 
handelten nicht nach theoretischen Einsichten, wie wir beim 
Anblick einer so streng logischen Entwickelung heute fast glauben 
möchten; vielmehr folgten sie einem fast unfehlbaren 
Instinkte; dies ist aber auch der sicherste aller Kompasse, 
— wohl dem, der ihn besitzt! Nun hören wir viel von römischer 
Härte, römischem Eigennutz, römischer Gier; ja! war es denn 
möglich, inmitten einer solchen Welt für Unabhängigkeit und 
Freiheit zu streiten, ohne hart zu sein? kann man im Kampf ums 
Leben seinen Platz behaupten, ohne in erster Linie an sich selbst 
zu denken? ist nicht Besitz Kraft? Was man aber wenig oder gar 
nicht beachtet, ist, dass der beispiellose Erfolg der Römer nicht 
als ein Erfolg der Härte, des Eigennutzes, der Gier aufgefasst 
werden kann — diese wüteten ringsherum In 



152 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



einem mindestens eben so hohen Grade wie unter den Römern, 
auch heute ist es nicht viel anders geworden, — nein, die Erfolge 
der Römer beruhen auf einer geistigen und sittlichen 
Überlegenheit. Freilich eine einseitige Überlegenheit; was ist aber 
auf dieser Welt nicht einseitig? Und es kann nicht geleugnet 
werden, dass in gewissen Beziehungen die Römer tiefer 
empfunden und schärfer gedacht haben, als jemals andere 
Menschen, wozu die Eigentümlichkeit kam, dass bei ihnen das 
Fühlen und das Denken ergänzend zusammenwirkten. 

Ich nannte schon ihre Liebe zur Heimat. Das war ein Grundzug 
des altrömischen Wesens. Es war nicht die rein intellektuelle 
Liebe der Hellenen, sangeslustig und überschäumend, doch leicht 
den verräterischen Eingebungen des Eigennutzes erliegend, auch 
nicht die wortreiche der Juden: man weiss, wie die Juden die 
„babylonische Gefangenschaft" so rührend besingen, aber, von 
dem grossherzigen Cyrus mit Schätzen in die Heimat 
zurückgeschickt, lieber Geldopfer bringen und bloss die Ärmsten 
zur Rückkehr zwingen, als dass sie das fremde Land, wo es ihnen 
so gut geht, verlassen; nein, bei den Römern war es eine treue, 
wortkarge, durchaus unsentimentale, dabei aber zu jedem Opfer 
bereite Liebe; kein Mann und kein Weib unter ihnen zögerte je, 
das Leben für das Vaterland zu opfern. Wie erklärt man nun eine 
so übermässige Liebe? Rom war (in alten Zeiten) keine reiche 
Stadt; ohne die Grenzen Italiens zu überschreiten, konnte man 
weit fruchtreichere Gegenden sehen. Was Rom aber gab und 
sicherte, das war ein in sittlicher Beziehung menschenwürdiges 
Dasein. Die Römer haben nicht die Ehe erfunden, sie haben nicht 
das Recht erfunden, sie haben nicht den geordneten, Freiheit 
gewährenden Staat erfunden: das alles erwächst aus der 
menschlichen Natur und findet sich überall in irgend einer Form 
und in irgend einem Grade; was aber die arischen Rassen unter 
diesen Begriffen als Grundlagen aller Sittlichkeit und Kultur sich 
vorstellten, hatte bis auf die Römer nirgends festen Fuss gefasst. *) 



!) Für die arischen Völker speziell vergl. Leist's vortreffliche: Gräco- 
italienische Rechtsgeschichte (1884) und sein Altarisches Jus civile (1896), 
auch Jhering's: Vorgeschichte der Indoeuropäer. Die 



153 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Waren die Hellenen zu nahe an Asien geraten, zu plötzlich 
civilisiert worden? Hatten die fast ebenso feurig begabten Kelten 
im 



ethnischen Forschungen der letzten Jahre haben aber mehr und mehr gezeigt, 
dass Ehe, Recht und Staat in irgend einer Form überall, auch bei den geistig 
am wenigsten entwickelten Wilden bestehen. Und das muss scharf betont 
werden, denn die Entwickelungsmanie und der pseudowissenschaftliche 
Dogmatismus unseres Jahrhunderts haben in die meisten populären Bücher 
durchaus erfundene Darstellungen hineingebracht, die, trotz der sicheren 
Resultate genauer Forschungen, gar nicht mehr hinauszubringen sind; diese 
Darstellungen dringen ausserdem von dort aus in wertvolle ernste Werke ein. 
In Lamprecht's vielgenannter Deutscher Geschichte, Band I, z. B. finden wir 
eine angebliche Schilderung der gesellschaftlichen Zustände der alten 
Germanen, entworfen „unter den Auspizien der vergleichenden Völkerkunde"; 
hier wird von einer Zeit berichtet, in der bei den Germanen „eine durch 
keinerlei Unterschiede begrenzte Geschlechtsgemeinschaft herrschte, alle 
Geschwister untereinander Gatten waren, alle ihre Kinder untereinander 
Brüder und Schwestern u. s. w."; daraus soll sich dann im weiteren Verlauf 
der Zeiten das sogenannte Matriarchat, das Mutterrecht, als erster Fortschritt 
herausgebildet haben — — — und so geht das Märchen seitenlang weiter; 
man glaubt dem ersten Stottern einer neuen Mythologie zu lauschen. Was das 
Mutterrecht anbelangt (d. h. Familiennamen und Erbrecht nach der Mutter, 
da die Vaterschaft stets eine gemeinschaftliche war), so hat Ihring 
überzeugend dargethan, dass es schon den ältesten Ariern, noch vor der 
Ablösung eines Germanenstammes, „gänzlich fremd" war (Vorgeschichte, S. 61 
ff.), und die urältesten Bestandteile der arischen Sprache deuten schon auf 
„die Herrenstellung des Gatten und Hausvaters" (Leist: Gräco-ital. 
Rechtsgeschichte, S. 58); jene Annahme entbehrt folglich jeder 
wissenschaftlichen Grundlage. [Dies wurde inzwischen bestätigt durch Otto 
Schrader: Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, 1901, S. XXXIII.] 
Wichtiger noch ist es, festzustellen, dass die von Lamprecht angerufene 
„vergleichende Völkerkunde" nirgends auf der ganzen Welt 
Geschlechtsgemeinschaft unter Menschen gefunden hat. Im Jahre 1896 ist ein 
kleines Werk erschienen, welches in streng objektiver Weise alle hierher 
gehörigen Forschungen zusammenfasst, Ernst Grosse's: Die Formen der 
Familie und die Formen der Wirtschaft, und da sieht man, wie die angeblichen 
empirischen Philosophen, Herbert Spencer an der Spitze, und die angeblich 
streng empirischen, als „Autoritäten" verehrten Anthropologen und 
Ethnologen (mit rühmlichen Ausnahmen, wie Lubbock) einfach von der a 
priori Voraussetzung ausgingen, es müsse bei einfacheren Völkern 
Geschlechtsgemeinschaft geben, da 



154 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



wilden Norden sich selber so verwildert, dass sie darum nichts 
mehr bilden, nichts mehr organisieren, keinen Staat mehr grün- 



die Entwickelungslehre es erfordere, und wie sie dann überall Bestätigungen 
fanden. Jetzt aber ergeben genauere und unvoreingenommene Studien für 
einen Stamm nach dem andern, dass die Geschlechtsgemeinschaft dort nicht 
existiert, und Grosse darf die apodiktische Behauptung aufstellen: „Es giebt 
schlechterdings kein einziges primitives Volk, dessen Geschlechtsverhältnisse 
sich einem Zustande von Promiskuität näherten oder auch nur auf ihn 
hindeuteten. Die festgefügte Einzelfamilie ist keineswegs erst eine späte 
Errungenschaft der Civilisation, sondern sie besteht schon auf 
der untersten Kulturstufe als Regel ohne 
Ausnahme" (S. 42). Die genauen Belege findet man bei Grosse; im 
übrigen bezeugen alle anthropologischen und ethnologischen Berichte der 
letzten Jahre, wie sehr wir die sogenannten Wilden unterschätzt, wie 
oberflächlich wir beobachtet, wie unbesonnen wir auf Urzustände geschlossen 
hatten, von denen wir nicht das Geringste sicher wissen. [Neuerdings hat 
Heinrich Schurtz in seinem Altersklassen und Männerbunde, eine Darstellung 
der Grundformen der Gesellschaft, 1902, bei Reimer, ausführlich dargethan, 
dass die Argumente für eine frühere Promiskuität, die man aus heutigen 
Erscheinungen der „freien Liebe" herzuleiten pflegt, ganz anders zu deuten 
sind, und dass im Gegenteil: „gerade bei den primitivsten Stämmen die E 
h e und im Zusammenhang damit die Gesellschaftsbildung auf rein 

geschlechtlicher Grundlage stärker entwickelt ist" (S. 200).] 
Da dieser Gegenstand prinzipiell ungemein wichtig ist und auch auf die 
wissenschaftliche Denkkraft und Denkmethode unseres Jahrhunderts ein 
eigentümliches, sehr bemerkenswertes Streiflicht wirft, so möchte ich noch ein 
lehrreiches Beispiel besonders anführen. Die Urbewohner von 
Zentralaustralien sollen bekanntlich zu den geistig am weitesten 
zurückgebliebenen aller Menschen gehören; Lubbock nennt sie: „elende Wilde, 
die nicht ihre eigenen Finger, selbst nicht einmal die an einer Hand zählen 
können" (Die vorgeschichtliche Zeit, deutsche Üb., II, 151). Man kann sich 
denken, mit welcher Geringschätzung der Reisende Eyre über die „höchst 
eigentümlichen Eheverbote" dieser elenden Rasse berichtete, wo „ein Mann 
kein Weib heiraten darf, die denselben Namen trägt wie er, und sei sie mit ihm 
auch gar nicht verwandt". Merkwürdig! Und wie konnten diese Menschen, 
deren Pflicht es nach der Evolutionstheorie gewesen wäre, in 
unbeschränktester Geschlechtsgemeinschaft zu leben, sich so unerklärliche 
Grillen gestatten? Nunmehr haben zwei englische Beamte, die jahrelang unter 
diesen wilden Völkern lebten und ihr Vertrauen sich erwarben, uns 



155 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



den konnten? 1 ) Oder wirkten nicht vielmehr in Rom 
Blutmischungen innerhalb des gemeinsamen Mutterstammes, 
zugleich 

ausführlich über sie berichtet (Royal Society of Victoria, April 1897, Auszug in 
„Nature" vom 10. Juni 1897) und es stellt sich heraus, dass ihr ganzes 
geistiges Leben, ihr „Vorstellungsleben" (wenn ich so sagen darf), von einer so 
fabelhaften Kompliziertheit ist, dass unsereiner ihm schwer folgen kann. So 
haben z. B. diese Menschen, die angeblich nicht bis 5 zählen können, einen 
verwickeiteren Seelenwanderungsglauben als Plato, und dieser Glaube giebt 
die Grundlage ihrer Religion ab. Nun aber ihre Ehegesetze. In der besonderen 
Gegend, von der hier die Rede ist, wohnt ein ethnisch einheitlicher Stamm, die 
A r u n t a s. Jede eheliche Verbindung mit fremden Stämmen ist verboten; 
dadurch wird also die Rasse rein erhalten. Den so äusserst schädlichen Folgen 
einer langanhaltenden Inzucht aber (Lamprecht's Germanen wären ja längst, 
ehe sie in die Geschichte eintraten, alle Cretins gewesen!) begegnen die 
Australneger durch folgende sinnreiche Kombination: den ganzen Stamm 
teilen sie (in Gedanken) in vier Gruppen ein; ich bezeichne sie zur 
Vereinfachung als a, b, c und d. Ein Jüngling aus der Gruppe a darf nur ein 
Mädchen aus der Gruppe d heiraten, der männliche b nur die weibliche c, der 
männliche c nur die weibliche b, der männliche d nur die weibliche a. Die 
Kinder von a und d bilden wiederum die Gruppe b, die von b und c die Gruppe 
a, die von c und b die Gruppe d, die von d und a die Gruppe c. Ich vereinfache 
sehr und gebe nur das Gerippe, denn ich fürchte, mein europäischer Leser 
käme sonst bald in die Lage, ebenfalls nicht bis 5 zählen zu können. Dass die 
Rechte des Herzens bedeutende Einschränkungen nach diesem System sich 
gefallen lassen müssen, das kann man nicht leugnen, aber ich frage, wie hätte 
ein wissenschaftlich gebildeter Züchter etwas Sinnreicheres erdenken können, 
um den beiden auf strenger Beobachtung fussenden Grundgesetzen der 
Züchtung zu entsprechen, die da sind: 1. die Rasse ist rein zu bewahren; 2. 
andauernde Inzucht ist zu vermeiden? (siehe Kap. 4). Eine derartige 
Erscheinung fordert Ehrfurcht und Schweigen. Bei ihrem Anblick schweigt 
man auch gern über solche Konstruktionen wie die vorhin genannten aus dem 
Ende des 19. Jahrhunderts. Wie jedoch, wenn man von den so unendlich 
mühsamen Versuchen dieser guten australischen Aruntas den Blick auf Rom 
wirft und hier aus dem Herzen des Volkes (erst viel später in eherne Tafeln 
gesetzlich eingegraben) die Heiligkeit der Ehe, die Rechtlichkeit der Familie, 
die Freiheit des Hausherrn inmitten einer entsetzlichen Welt entstehen sieht? 
!) Thierry, Mommsen etc. 



156 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



mit der durch geographische und historische Verhältnisse 
bedingten Zuchtwahl zur Hervorbringung abnormer Begabungen 
(natürlich mit begleitenden Rückbildungserscheinungen)? 1 ) Ich 
weiss es nicht. Sicher ist aber, dass es vor der römischen keine 
heilige, würdige und zugleich praktische Regelung der Ehe- und 



1 ) Bis vor Kurzem war es sehr beliebt, die Bevölkerung Roms als eine Art 
von Plaid nebeneinander lebender Völkerschaften darzustellen: von 
hellenischen Bestandteilen hätte sie ihre Traditionen, von etruskischen ihre 
Verwaltung, von sabinischen ihr Recht, von samnitischen ihren Geist u. s. w. 
Rom wäre gewissermassen also ein blosses Wort gewesen, ein Name, die 
gemeinsame Bezeichnung für ein internationales Stelldichein. Auch diese 
Seifenblase, aufgestiegen aus dem Gehirnschaum blasser Gelehrten, ist, wie 
so manche andere, in Mommsen's Händen zerplatzt. Thatsachen und 
Vernunft, beide beweisen die Widersinnigkeit einer derartigen Hypothese, „die 
sich bemüht, das Volk, das wie wenig andere seine Sprache, seinen Staat und 
seine Religion rein und volkstümlich entwickelt hat, in ein wüstes Gerolle 
etruskischer und sabinischer, hellenischer und leider sogar pelasgischer 
Trümmer zu verwandeln" (Rom. Gesch. I, 43). Dass aber dieses durchaus 
einheitliche, eigenartige Volk aus einer ursprünglichen Kreuzung 
verschiedener verwandter Stämme hervorging, ist sicher und wird von 
Mommsen selber klar entwickelt; er nimmt zwei latinische und einen 
sabellischen Stamm an; später trat noch allerhand dazu, aber erst, als der 
römische Nationalcharakter fest ausgebildet war, so dass er sich das Fremde 
assimilierte. Es wäre jedoch lächerlich, „Rom darum den Mischvölkern 
beizuzählen" (a. a. O., S. 44). — Etwas ganz anders Ist es, festzustellen, dass 
die ausserordentlichsten, individuellsten Begabungen und die stämmigste 
Kraft aus Kreuzungen hervorgehen: Athen war ein glänzendes Beispiel, Rom 
ein zweites, das Italien und Spanien des Mittelalters weitere, wie es heute 
Preussen und England sind. (Näheres bringt Kap. 4.) In dieser Beziehung ist 
wohl die hellenische Mythe, die Latiner entstammten einer Verbindung 
zwischen Hercules und einem hyperboräischen Mädchen, sehr 
bemerkenswert, als einer jener unbegreiflichen Züge angeborener Weisheit; 
wogegen die verzweifelten Versuche des Dionysius von Halikarnass (der zur 
Zeit von Christi Geburt lebte), die Abstammung der Römer von Hellenen 
nachzuweisen, „da sie doch unmöglich barbarischen Ursprungs sein 
könnten", in recht rührend naiver Art zeigen, wie gefährlich eine Verbindung 
von grosser Gelehrsamkeit mit vorgefassten Meinungen und 
Vernunftschlüssen werden kann! 



157 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Familienverhältnisse gab; ebensowenig ein rationelles Recht auf 
sicherer, ausbildungsfähiger Grundlage ruhend, und eine den 
Stürmen einer chaotischen Zeit gewachsene staatliche 
Organisation. Mochte das einfach gezimmerte Räderwerk des alten 
römischen Staates häufig noch unbeholfen arbeiten und 
gründliche Reparaturen erfordern, es war ein prächtiges, zeit- und 
zweckgemässes Gefüge. Das Recht war dort von Anfang an 
unendlich fein empfunden und gedacht, und seine Beschränkung 
entsprach den Verhältnissen. Und gar erst die Familie! Die gab es 
einzig und allein in Rom, und zwar so schön, wie sie die Welt nie 
wieder gesehen hat! Jeder römische Bürger, gleichviel ob Patrizier 
oder Plebejer, war Herr, ja König in seinem Hause: sein Wille 
reichte über den Tod hinaus durch die unbedingte Freiheit des 
Testierens und die Heiligkeit des Testaments; sein Heim war gegen 
behördliche Einmischung durch festere Rechte geschützt als das 
unsere; im Gegensatz zum semitischen Patriarchat hatte er das 
Prinzip der Agnation 1 ) eingeführt und dadurch die ganze 
Schwiegermutter- und überhaupt Weiberwirtschaft von vornherein 
abgeschafft; dagegen wurde die mater famüas wie eine Königin 
geehrt, geschätzt, geliebt. Wo sah man Ähnliches in der damaligen 
Welt? Jenseits der Civilisation vielleicht; innerhalb ihrer nirgends. 
Und darum liebte der Römer seine Heimat mit so zäher Liebe 
und vergoss er für sie sein Herzblut. Rom war für ihn die Familie 
und das Recht, ein ragender Fels der Menschenwürde inmitten 
wilder Brandung. 

Man glaube doch nicht, dass irgend etwas Grosses auf dieser 
Welt vollbracht werden könne, ohne dass eine rein ideale Kraft 
mitwirke. Die Idee allein wird es freilich nicht thun; ein 
handgreifliches Interesse muss ebenfalls dabei sein, und wäre es 
auch nur, wie bei den Glaubensmärtyrern, ein jenseitiges 
Interesse: 



1 ) Die Familie auf Vaterverwandtschaft allein beruhend, so dass nur die 
Abstammung von der Vaterseite durch Mannspersonen eine rechtliche 
Verwandtschaft begründet, dagegen nicht die von der Mutter seite. Nur eine in 
den richtigen Formen geschlossene Ehe erzeugt Kinder, die zur agnatischen 
Familie gehören. 



158 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



ohne ideale Beigabe besitzt jedoch der Kampf, bloss um Gewinn, 
wenig Widerstandskraft; höhere Leistungsfähigkeit giebt einzig ein 
Glaube, und das eben nenne ich, im Gegensatz zum 
unmittelbaren Interesse des Augenblickes — sei es Gelüste, Besitz 
oder was noch — einen idealen Trieb. Wie Dionysius von den alten 
Römern sagt: „Sie dachten gross von sich 
selbst und durften daher nichts ihrer Voreltern Unwürdiges 
thun" (I, 6); mit anderen Worten, sie hielten sich ein Ideal 
von sich selbst vor. Ich meine das Wort „Ideal" nicht in dem 
verkommenen, verschwommenen Sinne der romantischen „blauen 
Blume", sondern in dem Sinne jener Kraft, welche den 
hellenischen Bildner dazu antrieb, aus dem Steine heraus den 
Gott zu bilden, und welche den Römer lehrte, seine Freiheit, seine 
Rechte, seine Verbindung mit einem Weibe zur Ehe, seine 
Verbindung mit anderen Männern zu einem Gemeinwesen als 
etwas Heiliges zu betrachten, als das Kostbarste, was das 
Leben schenken kann. Ein Fels, sagte ich, nicht ein 
Wolkenkuckucksheim. Als Traum bestand das ja mehr oder 
weniger bei allen Indoeuropäern: die heilige Scheu, den heiligen 
Ernst treffen wir in verschiedenen Gestaltungen bei allen 
Mitgliedern dieser Familie an; die hartnäckige Kraft der 
Verwirklichung auf praktischem Gebiete war aber Keinem so 
gegeben, wie dem Römer. — Man lasse sich nicht einreden, dass 
„Räuber" die Thaten vollbringen können, welche der römische 
Staat, der Welt zum Heil, vollbrachte. Und wenn man die 
Absurdität einer solchen Auffassung erst eingesehen hat, dann 
suche man tiefer, und man wird finden, dass diese Römer eine 
civilisatorische Macht ohnegleichen waren, und dass sie das nur 
sein konnten, weil sie, neben grossen Fehlern und auffallenden 
intellektuellen Lücken, hohe geistige und sittliche Eigenschaften 
besassen. 

Der Kampf gegen die Semiten 

Mommsen erzählt (I, 321) von dem Bündnis zwischen den 
Babyloniern und den Phöniziern, um Griechenland und Italien zu 
unterwerfen, und meint: „mit einem Schlag wäre die Freiheit und 
die Civilisation vom Angesicht der Erde vertilgt gewesen". Man 
überlege sich recht, was diese Worte in dem Munde eines Mannes, 
der wie kein zweiter den gesamten Stoff übersieht, bedeuten; 



159 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



die Freiheit und die Civilisation (ich würde eher die Kultur gesagt 
haben, denn wie kann man den Babyloniern und den Phöniziern 
oder auch den Chinesen Civilisation absprechen?) wären vertilgt, 
also auf ewig vernichtet gewesen! Und dann nehme man die 
Bücher zur Hand, die eine ausführliche, wissenschaftliche 
Beschreibung der phönizischen und babylonischen Civilisation 
geben, damit man sich klar werde, worauf ein Urteil von dieser 
Tragweite sich gründet. Man wird bald einsehen, was eine 
hellenische „Kolonie" von einer phönizischen „Faktorei" 
unterscheidet; man wird auch bald an dem Unterschied zwischen 
Rom und Karthago erkennen lernen, was das ist, eine ideale Kraft, 
selbst auf dem Gebiete der trockensten, eigensüchtigsten 
Interessenpolitik. Wie viel giebt uns z. B. Jhering zu denken, wenn 
er (Vorgeschichte S. 176) uns lehrt, zwischen den 
„Handelsstrassen" der Semiten und den „Heeresstrassen" der 
Römer zu unterscheiden: jene dem Hang nach Ausdehnung und 
Besitz, diese dem Bedürfnis nach Konzentration und Verteidigung 
der Heimat entsprungen. Man wird auch unterscheiden lernen 
zwischen authentischen „Räubern", die nur insofern civilisieren, 
als sie mit beneidenswerter Intelligenz alle praktisch verwertbaren 
Erfindungen aufzugreifen und zu verarbeiten, und bei fremden 
Völkern im Interesse ihres Handels künstliche Bedürfnisse 
grosszuziehen verstehen, sonst aber selbst ihren nächsten 
Stammesangehörigen jedes menschliche Recht rauben, — die 
nirgends etwas organisieren, ausser Steuern und unbedingter 
Knechtschaft, die überhaupt, gleichviel wo sie auch Fuss fassen, 
niemals ein ganzes Land ordnend zu beherrschen trachten, 
sondern stets nur auf Handelsobjekte fahnden, sonst aber alles so 
barbarisch lassen, wie es ist: man wird, sage ich, von solchen 
echten Räubern die Römer zu unterscheiden lernen, die um den 
unverrückbaren heimatlichen Mittelpunkt herum langsam und 
notgedrungen, um sich die Segnungen ihrer eigenen Ordnung 
daheim zu bewahren, ihren ordnenden, klärenden Einfluss auch 
nach aussen ausbreiten müssen, niemals eigentlich erobernd 
(wenn sie es vermeiden können), jede Eigenart mit Verehrung 
schonend, dabei aber so vorzüglich organisierend, dass Völker mit 
der Bitte zu ihnen 



160 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



kommen, an dem Segen dieser Ordnung teilnehmen zu dürfen, 1 ) 
ihr eigenes vortreffliches „römisches Recht" in liberalster Weise 
vielen, nach und nach immer zahlreicheren zugänglich machend, 
zugleich die verschiedenen fremden Rechte mit Zugrundelegung 
des römischen zu einem allmählich sich klärenden „allgemeinen 
Weltrecht" 2 ) vereinigend: das alles ist doch wahrlich kein 
Räuberhandwerk. Vielmehr haben wir darin die Vorarbeiten zu 
erblicken für die dauernde Einführung indoeuropäischer 
Freiheits- und Civilisationsideale. Mit Recht sagt Livius: „Nicht 
unsere Waffen allein, auch die römische Gesetzgebung eroberte 
uns weithinreichenden Einfluss." 

Man sieht, die übliche Auffassung Roms als der erobernden 
Nation par excellence ist eine sehr einseitige. Sogar als es sich 
selber untreu geworden oder vielmehr, als das römische Volk 
eigentlich von der Erde ganz und gar verschwunden war und nur 
die Idee davon noch über seinem Grabe schwebte, sogar dann 
noch konnte es von diesem grossen Prinzip seines Lebens nicht 
weit abweichen: selbst die rohen Soldatenkaiser vermochten es 
nicht, diese Tradition zu brechen. Darum kommt auch der 



!) Eines der letzten Beispiele sind die Juden, welche mit der flehenden Bitte 
nach Rom kamen (um das Jahr 1), sie von ihrem semitischen Königtum zu 
erlösen und als römische Provinz aufzunehmen. Welche Dankbarkeit sie dem 
mild und nachsichtig regierenden Rom später bewiesen, ist bekannt. 

2 ) Über das häufig sehr unklar entwickelte und definierte „jus gentium" 
schreibt Esmarch in seiner Römischen Rechtsgeschichte, 3. Aufl., S. 185: 
„Dieses Recht ist im römischen Sinne weder als ein aus der Vergleichung der 
bei allen den Römern bekannten Völkern geltenden Rechte gewonnenes 
Aggregat zufällig gemeinsamer Rechtssätze, noch als ein objektiv bestehendes, 
vom römischen Staate anerkanntes und rezipiertes Handelsrecht, sondern 
seiner wesentlichen Substanz nach als eine dem Kerne des 
römischen Volksbewusstseins entsprungene 
Ordnung für die internationalen privatrechtlichen Beziehungen 
aufzufassen." — Innerhalb der einzelnen Länder blieben die 
Rechtsverhältnisse von den Römern möglichst unangetastet, einer der 
überraschendsten Beweise von dem grossen Respekt, den sie (in der Epoche 
ihrer wahren Blüte) jeder Eigenart zollten. 



161 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



wahre Schlachtenheld — als einzelne Erscheinung — unter den 
Römern gar nicht vor. Ich will nicht erst Alexander, Karl XII. oder 
Napoleon zum Vergleich heranziehen, ich frage aber, ob nicht der 
eine Hannibal als erfindungsreicher, verwegener, eigenmächtiger 
Kriegsfürst mehr eigentliche Genialität an den Tag gelegt hat, als 
alle römischen Imperatoren zusammen. 

Dass Rom nicht für ein zukünftiges Europa, dass es nicht im 
Interesse einer fernhinreichenden Kulturaufgabe, sondern für sich 
selbst gekämpft hat, das braucht kaum gesagt zu werden; gerade 
dadurch aber, dass es seine eigenen Interessen mit der 
rücksichtslosen Energie eines moralisch starken Volkes verfocht, 
hat es jene „geistige Entwickelung der Menschheit, die auf dem 
indogermanischen Stamm beruht", vor sicherem Untergang 
bewahrt. Das sieht man am besten in dem entscheidendsten aller 
seiner Kämpfe, dem mit Karthago. Wäre Roms politische 
Entwickelung nicht bis dahin so streng logisch gewesen, hätte es 
nicht bei Zeiten das übrige Italien sich unterordnet und 
diszipliniert, so wäre jener vorhin genannte tödliche Schlag auf 
Freiheit und Civilisation von den verbündeten Asiaten und 
Puniern noch ausgeführt worden. Und wie wenig ein einzelner 
Held solchen weltgeschichtlichen Lagen gegenüber vermag, 
trotzdem er allein sie vielleicht überblickt, zeigt uns das Schicksal 
Alexander' s, der Tyrus vernichtet hatte und gegen Karthago zu 
ziehen gedachte, bei seinem frühen Tode aber nichts hinterliess, 
als die Erinnerung an sein Genie. Das langlebige römische Volk 
dagegen war jener grossen Aufgabe gewachsen, welche es zuletzt 
in die lapidaren Worte zusammenfasste: delenda est Carthago. 

Wie viel hat man nicht über die Vertilgung Karthagos durch die 
Römer gewehklagt und moralisiert, von Polybius bis zu Mommsen! 
Erfrischend wirkt es, wenn man einmal einem Schriftsteller 
begegnet, der, wie Bossuet, einfach meldet: „Karthago wurde 
eingenommen und vertilgt von Scipio, der sich hierin würdig 
seines grossen Ahnen erwies", ohne jede moralische Entrüstung, 
ohne die übliche Phrase: aller Jammer, der später über Rom 
hereinbrach, sei eine Vergeltung für diese Missethat. Ich schreibe 
nicht eine Geschichte Roms und habe folglich auch nicht über die 



162 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Römer zu Gericht zu sitzen; Eines aber ist so klar wie die Sonne 
am Mittag: wäre das phönizische Volk nicht ausgerottet, wären 
seine Überreste nicht durch die spurlose Vertilgung seiner letzten 
Hauptstadt eines Vereinigungspunktes beraubt und zum 
Aufgehen in andere Nationen gezwungen worden, so hätte die 
Menschheit dieses 19. Jahrhundert, auf welches wir jetzt, bei aller 
demütigen Anerkennung unserer Schwächen und Narrheiten, 
doch mit Stolz und zu Hoffnungen berechtigt zurückblicken, 
niemals erlebt. Bei der unvergleichlichen Zähigkeit der Semiten 
hätte die geringste Schonung genügt, damit die phönizische 
Nation wieder entstehe; in einem nur halb verbrannten Karthago 
hätte ihre Lebensfackel unter der Asche weiter geglimmt, um, 
sobald das römische Kaiserreich seiner Auflösung entgegenging, 
von Neuem hell aufzulodern. Mit den Arabern, die unsere Existenz 
lange arg bedrohten, sind wir bis heute noch nicht fertig 
geworden, 1 ) und ihre Schöpfung, der Mohammedanismus, bildet 
ein 



1 ) Der Kampf, der in den letzten Jahren in Zentralafrika zwischen dem 
Kongo -Freistaat und den Arabern wütete (ohne dass er in Europa viel 
Beachtung gefunden hätte), ist ein neues Kapitel in dem alten Krieg zwischen 
Semiten und Indoeuropäern um die Weltherrschaft. Erst seit etwa 50 Jahren 
sind die Araber von der Ostküste Afrikas aus weit ins Innere und bis nahe an 
den Atlantischen Ozean vorgedrungen; der berühmte Hamed ben Mohammed 
ben Juna, genannt Tippu-Tib, war lange Zeit unumschränkter 
Herrscher über ein gewaltiges Reich, welches fast quer durch ganz Afrika in 
einer Breite von etwa 20 Grad reichte. Zahllose Völkerschaften, die noch 
Livingstone glücklich und friedliebend angetroffen hatte, sind inzwischen teils 
gänzlich vernichtet — da der Sklavenhandel nach aussen der Haupterwerb der 
Araber ist und niemals im Laufe der Geschichte der Menschheit in einem 
solchen Masse betrieben wurde wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
— teils haben die Eingeborenen durch den Kontakt mit den semitischen 
Herrschern eine merkwürdige moralische Umwandlung durchgemacht: sie 
sind Menschenfresser geworden und damit zugleich aus grossen dummen 
Kindern zu wilden Bestien. Bemerkenswert ist es, dass die Araber 
nichtsdestoweniger dort, wo sie es für lohnend fanden, als gebildete, 
kenntnisreiche, kluge Leute grossartige Kulturen angelegt haben, so dass es 
Teile vom Congo-Flussgebiete giebt, die fast so schön bebaut sein sollen, wie 
ein elsässisches Gut. In Kassongo, 



163 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Hindernis, wie kein zweites, für jeden Fortschritt der Civilisation 
und hängt in Europa, Asien und Afrika als Damoklesschwert über 
unserer mühsam aufstrebenden Kultur; die Juden stehen sittlich 
so hoch über allen anderen Semiten, dass man sie kaum mit 
jenen (von jeher übrigens ihre Erbfeinde) zugleich nennen mag, 
und doch müsste man blind oder unehrlich sein, wollte man nicht 
bekennen, dass das Problem des Judentums in unserer Mitte zu 
den schwierigsten und gefährlichsten der Gegenwart gehört; nun 
denke man sich dazu noch eine phönizische Nation, von frühester 
Zeit an alle Häfen besetzt haltend, allen Handel monopolisierend, 
im Besitze der reichsten Metropole der Welt und einer uralten 
nationalen Religion (gewissermassen Juden, die niemals 

Propheten gekannt hätten) ! Es ist kein phantastisches 

Geschichtsphilosophieren, sondern eine objektiv beweisbare 
Thatsache, dass unter solchen Bedingungen das, was wir heute 
Europa nennen, niemals hätte entstehen können. Von Neuem 
verweise ich auf die gelehrten Werke über die Phönizier, vor Allem 
aber, weil Jedermann zugänglich, auf die meisterhafte 
Zusammenfassung in Mommsen's Römische Geschichte, drittes 
Buch, Kapitel I „Karthago". Die geistige Unfruchtbarkeit dieses 
Volkes war geradezu entsetzenerregend. Trotzdem das Schicksal 
die Phönizier zu Maklern der Civilisation gemacht, hat sie dies nie 
dazu angeregt, auch nur das Geringste selber zu erfinden; die 
Civilisation blieb überhaupt für sie etwas ganz Äusserliches; was 
wir „Kultur" nennen, haben sie bis zuletzt nie geahnt: in die 
herrlichsten Stoffe gekleidet, von Kunstwerken umgeben, im 
Besitze alles Wissens ihrer Zeit, trieben sie nach wie vor Zauberei, 
brachten Menschenopfer und lebten in einem solchen Pfuhl 
unnennbarer Laster, dass die verdorbensten Orientalen sich mit 



der Hauptstadt dieser reichen Gegend, fanden die belgischen Truppen 
grossartige arabische Häuser mit seidenen Vorhängen, Bettdecken von Atlas, 
prächtig geschnitzten Möbeln, Silbergeschirr u. s. w.; die Ureinwohner dieser 
selben Gebiete waren aber inzwischen hinabgesunken zu Sklaven und zu 
Menschenfressern. Ein recht handgreifliches Beispiel des Unterschiedes 
zwischen civilisieren und Kultur spenden. (Siehe namentlich Dr. Hinde: The 
fallofthe CongoArabs, 1897, S. 66 ff., 184 ff. etc.) 



164 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Abscheu von ihnen abwandten, Über ihr Wirken zur Verbreitung 
der Civilisation urteilt Mommsen: „Das haben sie mehr wie 
der Vogel das Samenkorn, 1 ) als wie der 
Ackermann die Saat ausgestreut. Die Kraft, die bildungsfähigen 
Völker, mit denen sie sich berührten, zu civilisieren, und sich zu 
assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker besitzen, 
fehlt den Phönikern gänzlich. Im Eroberungsgebiet der Römer sind 
vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen 
Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch 
dieselbe Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. 
Aber vor Allem mangelt den Phönikern, wie allen aramäischen 
Nationen im Gegensatz zu den indogermanischen, der 
staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke der sich selber 
regierenden Freiheit." 'Wo die Phönizier sich niederliessen, war 
ihre Verfassung im letzten Grunde einfach „e i n 

Kapitalistenregiment, bestehend einerseits aus einer 
besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden städtischen 
Menge (auf dem Lande die unterworfenen, als rechtloses 
Sklavenvieh behandelten Völker), andrerseits aus Grosshändlern, 

Plantagenbesitzern und vornehmen Vögten." Das sind die 

Menschen, das ist der verhängnisvolle Zweig aus der semitischen 
Verwandtschaft, vor dem wir durch das brutale delenda est 
Carthago gerettet worden sind. Und sollte es wahr sein, dass die 
Römer in diesem Falle, mehr als sonst bei ihnen üblich, den 
niedrigeren Eingebungen der Rache, vielleicht sogar der Eifersucht 
gefolgt sind, so muss ich umsomehr die unfehlbare Sicherheit des 
Instinktes bewundern, welche sie, selbst dort, wo sie von bösen 
Leidenschaften verblendet waren, dasjenige treffen liess, was nur 
irgend ein kühl berechnender, mit prophetischem Blick begabter 
Politiker zum Heil der Menschheit von ihnen hätte fordern 
müssen. 2 ) 



!) Jeder Leser weiss wohl, durch welchen automatischen Prozess der Vogel 
unwissend zur Verbreitung der Pflanzen beiträgt? 

2 ) Mommsen, der das römische Verfahren gegen Karthago streng verurteilen 
zu müssen glaubt, giebt doch an einer späteren Stell (V, 623) zu, dass weder 
Herrsch- noch Habsucht es bestimmt habe, sondern, meint er, Furcht und 
Neid. Für die prinzipielle 



165 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Ein zweites römisches delenda hat für die Weltgeschichte eine 
vielleicht ebenso unermessliche Bedeutung: das delenda est 
Hierosolyma. Ohne diese That (welche wir allerdings den ewig 
gegen jede Staatsordnung sich auflehnenden Juden mehr als den 
langmütigen Römern zu verdanken haben), hätte das Christentum 
sich schwerlich jemals vom Judentum losgerissen, sondern wäre 
zunächst eine Sekte unter Sekten geblieben. Die Gewalt der 
religiösen Idee hätte aber gesiegt, das kann gar nicht in Frage 
gezogen werden: die enorme und zunehmende Ausbreitung der 
jüdischen Diaspora vor Christi Zeiten bezeugt es; wir hätten also 
ein durch christliche Anregung reformiertes, weltbeherrschendes 
Judentum erhalten. l ) Vielleicht wendet man ein: 



Auffassung der Rolle Roms in der Weltgeschichte ist gerade diese 
Unterscheidung von Wichtigkeit. Kann man inmitten einer Weit, welche als 
Norm für das internationale Recht einzig die Macht anerkennt, von einem 
starken Volk feststellen, es sei nicht habsüchtig und nicht 

herrschsüchtig, so hat man, dünkt mich, seinem sittlichen Charakter ein 
Zeugnis ausgestellt, wodurch es über alle zeitgenössischen Völker erhaben 
emporragt. Was die „Furcht" jedoch anbelangt, so war sie durchaus berechtigt, 
und es ist wohl gestattet, zu meinen, dass der römische Senat die Situation 
richtiger beurteilt hat, als Mommsen. — Caesar, der eigenmächtige, von dem 
selbst sein eifriger Freund Celius sagen muss, er opfere die Interessen des 
Staates seinen persönlichen Plänen, baute ja später Karthago wieder auf; und 
was wurde daraus? Die berüchtigteste Lasterhöhle der Welt, in der alle, die ihr 
Schicksal dahin warf, Römer, Griechen, Vandalen, bis auf das Mark der 
Knochen verkamen; solche verheerende Zauberkraft besass noch, auf der 
Stätte, wo ein halbes Jahrtausend lang phönizische Greuel gewaltet hatten, 
der auf ihm lastende Fluch! Dass aus seinen Lupanaren ein mächtiger Schrei 
der Empörung gegen Alles, was Civilisation hiess, hervorging: Tertullian und 
Augustinus, das ist das Einzige, was wir der kurzsichtigen und kurzlebigen 
Schöpfung Caesar's als Verdienst anrechnen können. — Zur 
Charakterisierung des 19. Jahrhunderts sei das Urteil seines angeblich 
grössten Historikers angeführt. Professor Leopold von Ranke urteilt: „Das 
phönizische Element hat durch Handel, Kolonisation und zuletzt auch durch 
Krieg einen doch in der Hauptsache belebenden Einfluss auf den 
Occident ausgeübt." (Weltgeschichte I, 542.) 

!) Die Diaspora nennt man die erweiterte jüdische Gemeinde. 
Ursprünglich verstand man darunter diejenigen Juden, die es vorgezogen 
hatten, aus der babylonischen „Gefangenschaft" nicht 



166 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



das sei ja eingetreten, das sei ja unsere christliche Kirche. Gewiss, 
zum Teil ist der Einwand berechtigt; kein gerecht denken- 



heimzukehren, weil es ihnen dort viel besser ging, als in ihrer Heimat. Bald 
war keine wohlhabende Stadt der Welt ohne jüdische Gemeinde; nichts ist 
falscher als die verbreitete Vorstellung, erst die Zerstörung Jerusalems habe 
die Juden über die Welt zerstreut. In Alexandrien und Umgebung allein 
rechnete man unter den ersten römischen Kaisern eine Million Juden, und 
schon Kaiser Tiberius erkannte diesen theokratischen Staat inmitten des 
Rechtsstaates für eine grosse Gefahr. Die Diaspora machte eifrig und mit 
grossem Erfolge Propaganda, wobei die Liberalität, mit der sie Männer als 
„Halbjuden" mit Nachsicht der peinlichen Einweihungszeremonie aufnahmen, 
ihr sehr zu statten kam; ausserdem sprachen noch materielle Vorteile mit, da 
die Juden ihre Religion benutzt hatten, um vom Militärdienst und von einer 
Reihe anderer lästiger, bürgerlicher Pflichten sich freisprechen zu lassen; den 
grössten Erfolg hatten jedoch die hebräischen Missionäre bei den Weibern. 
Bemerkenswert ist nun vor allem die Thatsache, dass diese internationale 
Gemeinde, welche Hebräer und Nichthebräer enthielt und in welcher alle 
Schattierungen des Glaubens vertreten waren, vom bigottesten Pharisäertum 
bis zur offen höhnenden Irreligion, wie ein Mann zusammenhielt, sobald es 
um die Privilegien und die Interessen der gemeinsamen Judenschaft ging; der 
jüdische Freidenker hätte um nichts in der Welt es versäumt, seinen 
jährlichen Beitrag für die Tempelopfer nach Jerusalem einzusenden; Philo, der 
berühmte Neoplatoniker, der an Jahve ebensowenig glaubte wie an Juppiter, 
vertrat dennoch die jüdische Gemeinde von Alexandrien in Rom, zu Gunsten 
der durch Caligula bedrohten Synagogen; Poppaea Sabina, die Geliebte und 
später die Gemahlin Nero's, keine Hebräerin, aber ein eifriges Mitglied der 
jüdischen Diaspora, unterstützte die Bitten von Nero's Liebling, dem jüdischen 
Schauspieler Alityrus, die Sekte der Christen auszurotten, und wurde dadurch 
höchst wahrscheinlich die moralische Urheberin jener grässlichen Verfolgung 
des Jahres 64, bei welcher angeblich auch die Apostel Peter und Paul ihr Ende 
fanden. Die Thatsache, dass die Römer, die sonst zu jener Zeit Christen von 
orthodoxen Juden nicht zu trennen wussten, sie bei dieser Gelegenheit ganz 
genau unterschieden, betrachtet Renan als endgültige Bestätigung dieser 
Anklage, die schon im 1. Jahrhundert gegen die Diaspora erhoben wurde (in 
Tertullian's Apologeticus, Kap. XXI z. B. etwas verblümt, aber doch deutlich, 
siehe auch Renan: L'Antechrist, eh. VII). Neuere zwingende Beweise, dass bis 
zu Domitian, also bis lange nach Nero's Tod, die Römer die Christen als 
jüdische Sekte betrachteten, findet man in Neumann's: Der 



167 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



der Mann wird den Anteil leugnen wollen, der dem Judentum an 
ihr zufällt. Wenn man aber sieht, wie in der frühesten Zeit die 
Anhänger Christi die strenge Befolgung des jüdischen „Gesetzes" 
forderten, wie sie sogar, weniger liberal als die Juden der 
Diaspora, keine „Heiden" in ihre Gemeinschaft aufnahmen, die 
nicht das allen Semiten gemeinsame Mal der circumcisio sich 
hatten aufdrücken lassen, wenn man die Kämpfe bedenkt, die der 
Apostel Paulus (der Heiden-Apostel) bis an seinen Tod gegen die 
Juden- Christen zu bestehen hatte, und dass selbst noch viel 
später, in der Offenbarung Johannis (III, 9) er und die Seinen 
geschmäht werden als: „die aus Satanas Schule, die da sagen, sie 
sind Juden und sind es nicht, sondern lügen", wenn man die 
Autorität Jerusalems und seines Tempels auch innerhalb des 
paulinischen Christentums als einfach unüberwindbar weiter 
bestehen sieht, solange beide überhaupt noch standen, 1 ) so kann 
man nicht bezweifeln, dass die Religion der civilisierten Welt unter 
dem rein jüdischen Primat der Stadt Jerusalem geschmachtet 
hätte, wäre Jerusalem nicht von den Römern vernichtet worden. 
Ernest Renan, gewiss kein Feind der Juden, hat in seinen Origines 
du Christianisme (Band IV, Kap. 20) in beredten Worten gezeigt, 
welche „immense Gefahr" darin gelegen hätte. 2 ) Schlimmer noch 
als das Handelsmonopol der Phönizier wäre das Religionsmonopol 
der Juden gewesen; unter dem bleiernen Druck dieser geborenen 
Dogmatiker und Fanatiker wäre jede Denk- und Glaubensfreiheit 
aus der Welt entschwunden; die platt- materialistische Auffassung 
Gottes wäre unsere Religion, 



römische Staat und die allgemeine Kirche (1890) S. 5 ff. u. 14 ff. Dass Tacitus 
genau zwischen Juden und Christen unterschied, beweist in dieser Sache 
offenbar gar nichts, da er 50 Jahre nach Nero's Verfolgung schrieb, und 
das Wissen einer späteren Zeit in seiner Erzählung auf die frühere übertrug. 
Siehe auch über die „jüdische Eifersucht" Paul Allard: Le Christianisme et 
l'Empire romain de Neron ä Theodose (1897), eh. I. 

!) Vergl. hierüber z. B. Graetz: Volksth. Geschichte der Juden, I, 653. 

2 ) In seinem Discours et Conferences, 3e ed., p. 350 nennt er die Zerstörung 
Jerusalems: „un immense honheur". 



168 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



die Rabulistik unsere Philosophie gewesen. Auch dies ist kein 
Phantasiebild, es reden hier nur zu viele Thatsachen; denn was ist 
jenes starre, engherzige, geistig beschränkte Dogmatisieren der 
christlichen Kirche, desgleichen kein arisches Volk sich jemals 
austräumte, was ist jener alle Jahrhunderte bis auf unser 19. 
hinab schändende blutgierige Fanatismus, jener der Religion der 
Liebe von Anfang an anhaftende Fluch des Hasses, von denen 
Grieche und Römer, Inder und Chinese, Perser und Germane 
schauernd sich abwenden? was denn, wenn nicht der Schatten 
jenes Tempels, in welchem dem Gott des Zornes und der Rache 
geopfert wurde, ein dunkler Schatten, hingeworfen über das 
jugendliche Heldengeschlecht, „das aus dem Dunkeln ins Helle 
strebt"? 

Ohne Rom, das ist sicher, wäre Europa eine blosse Fortsetzung 
des asiatischen Chaos geblieben. Griechenland hat stets nach 
Asien gravitiert, bis Rom es losriss. Dass der Schwerpunkt der 
Kultur endgültig nach Westen verlegt, dass der semitisch- 
asiatische Bann gebrochen und wenigstens teilweise abgeworfen 
wurde, dass das vorwiegend indogermanische Europa nunmehr 
das schlagende Herz und das sinnende Hirn der ganzen 
Menschheit wurde, das ist das Werk Roms. Indem dieser Staat 
sein eigenes praktisches (aber, wie wir sahen, durchaus nicht 
unideales) Interesse rücksichtslos eigennützig, oft grausam, 
immer hart, selten unedel verfocht, hat es das Haus bereitet, die 
starke Burg, in welchem sich dieses Geschlecht nach langen, 
ziellosen Wanderungen niederlassen und zum Heil der Menschheit 
organisieren sollte. 

Zu diesem Werke Roms waren so viele Jahrhunderte vonnöten 
und ein so hoher Grad jenes unfehlbaren, eigensinnigen 
Instinktes, der das Richtige trifft, auch wo es das Unvernünftige 
scheinen muss, der Gutes schafft selbst dort, wo er Böses will, 
dass hier nicht das flüchtige Dasein hervorragender Individuen, 
sondern die widerstandsfähige und fast wie eine Naturmacht 
wirkende Einheit eines hartgestählten Volkes das Richtige und 
einzig Wirksame war. Darum ist die sogenannte „politische 
Geschichtsschreibung", diejenige, heisst das, welche aus den Bio- 



169 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



graphien vielgenannter Männer, den Kriegsannalen und den 
diplomatischen Archiven das Leben eines Volkes aufzubauen 
unternimmt, für Rom so besonders wenig am Platze; sie verzerrt 
hier nicht allein, sondern das Wesentliche enthüllt sie dem Blicke 
überhaupt nicht. Denn was wir heute, zurückblickend und 
philosophierend, als das Amt oder als die Aufgabe Roms in der 
Weltgeschichte auffassen, ist doch nichts weiter, als ein Ausdruck 
für das aus der Vogelschau gewonnene Bild des Gesamtcharakters 
dieses Volkes. Und da müssen wir wohl sagen, die Politik Roms 
bewegt sich in einer geraden und — wie spätere Zeiten gezeigt 
haben — durchaus richtigen Linie, so lange sie nicht von 
fachmässigen Politikern getrieben wird. Die Periode um Caesar 
herum ist die verworrenste und unheilvollste; jetzt starb beides: 
Volk und Instinkt; das Werk blieb aber einstweilen bestehen und, 
in ihm verkörpert, die Idee des Werkes, doch nirgends als 
Formel herausschälbar und für künftige Handlungen eine Norm, 
und zwar darum nicht, weil das Werk nicht ein vernünftiges, 
überlegtes, bewusstes, sondern ein unbewusstes, aus Not 
vollbrachtes gewesen war. 

Das kaiserliche Rom 

Nach dem Untergang des echten römischen Volkes lebte nun 
diese Idee — die Idee des römischen Staates — in den Hirnen 
einzelner zu Macht berufener Männer sehr verschieden wieder auf. 
Augustus z. B. scheint wirklich der Meinung gewesen zu sein, 
dass er die römische Republik wieder hergestellt habe, sonst 
würde Horaz sich sicher nicht gestattet haben, ihn dafür zu loben. 
Tiberius, der die schon früher bestrafte Beleidigung der Majestät 
des römischen Volkes (das crimen majestatis) zu dem Begriff eines 
ganz neuen Verbrechens, der Majestätsbeleidigung seiner 
caesarischen Person umwandelte, machte hiermit einen 
gewaltigen Schritt weiter auf dem Wege zur Verflüchtigung des 
thatsächlichen, durch das Volk Roms erschaffenen freien Staates 
zu einer blossen Idee, — einen Schritt, von dem wir im 19. 
Jahrhundert noch nicht zurückgekommen sind. So fest sass aber 
dennoch in allen Herzen der römische Gedanke, dass ein Nero 
sich selbst tötete, weil der Senat ihn als „Feind der Republik" 
gebrandmarkt hatte. Bald jedoch fand sich die stolze Patrizier- 



170 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Versammlung Männern gegenüber, die vor dem magischen Worte 
senatus populusque romanus nicht erblassten: die Soldaten 
wählten den Träger des römischen Imperiums; es währte nicht 
lange und die Römer, sowie überhaupt die Italer, waren auf ewig 
von dieser Würde ausgeschlossen: Spanier, Gallier, Afrikaner, 
Syrier, Goten, Araber, Illyrier folgten einander; nicht Einer 
wahrscheinlich war auch nur entfernt mit jenen Männern 
verwandt, die mit sicherem Instinkte den römischen Staat 
geschaffen. Und doch, die Idee lebte weiter; in dem Spanier Trajan 
erreichte sie sogar einen Höhepunkt des Glanzes. Unter ihm und 
seinen unmittelbaren Nachfolgern wirkte sie so nachdrücklich im 
Sinne einer ordnenden, civilisierenden Macht, die nur dort 
erobernd sich ausdehnt, wo die Konsolidierung des Friedens es 
unbedingt erheischt, dass man wohl sagen kann, während des 
antoninischen Jahrhunderts sei der römische Weltgedanke — der 
im früheren Volke nur als Trieb, nicht als Absicht gelebt hatte — 
zum Bewusstsein seiner selbst gekommen, und zwar in einer Art, 
wie das nur im Geiste edeldenkender Ausländer möglich 
war, die sich einem Fremden gegenüber fanden, welches sie 
nunmehr mit voller Objektivität auffassten, um es mit Treue und 
Verstand ins Werk zu setzen. Für alle Zukunft hatte diese Zeit 
einen grossen Einfluss; wo immer in edler Absicht an die Idee 
eines römischen Reiches später angeknüpft wurde, geschah es 
fortan unter dem Eindruck und in Nachahmung von Trajan, 
Hadrian, Antoninus Pius und Marc Aurel. Und doch liegt eine 
eigentümliche Seelenlosigkeit in dieser ganzen Periode. Es waltet 
hier die Herrschaft des Verstandes, das Herz schweigt; der 
leidenschaftslose Mechanismus greift bis in die Seele hinein, die 
nicht aus Liebe, sondern aus Vernunft das Rechte thut: Marc 
Aurel's „Selbstgespräche" sind das Spiegelbild dieser 
Geistesverfassung, Faustina' s, seiner Gemahlin, sinnliche 
Verirrungen die unausbleibliche Reaktion. Die Wurzel Roms, die 
leidenschaftliche Liebe der Familie, des Heims, war ausgerottet; 
nicht einmal das berühmte Gesetz gegen die Junggesellen, mit 
Prämien für Kindererzeugung (Lex Julia et Papia Poppaea), hatte 
die Ehe wieder beliebt machen können. Wo das Herz nicht 
gebietet, ist nichts 



171 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



von Bestand. Und nun ergriffen andere Ausländer die Gewalt, 
diesmal freilich leidenschaftsvolle, aber ohne Verstand, 
afrikanische Mestizen, Soldatenkaiser, die in dem römischen 
Staate vor allem eine riesige Weltkaserne erblickten und nicht 
begriffen, warum gerade Rom das permanente Hauptquartier sein 
sollte. Gleich der zweite von ihnen, Caracalla, verlieh das römische 
Bürgerrecht an sämtliche Einwohner des Reiches: hierdurch hörte 
Rom auf, Rom zu sein. Genau tausend Jahre lang hatten die 
Bürger Roms (denen nach und nach auch die der übrigen Städte 
Italiens und anderer besonders verdienter Städte gleichgestellt 
worden waren) gewisse Vorrechte genossen, sie hatten sie aber 
durch die Last der Verantwortlichkeit, sowie durch rastlose, 
unvergleichlich erfolgreiche, harte Arbeit verdient; von nun an war 
Rom überall, das heisst nirgends. Wo der Kaiser sich gerade 
befand, da war der Mittelpunkt des römischen Reiches. Diocletian 
verlegte denn auch seine Residenz nach Sirmium, Konstantin 
nach Byzanz, und selbst als ein getrenntes „weströmisches Reich" 
später entstand, war die Kaiserstadt Ravenna oder Mailand, Paris, 
Aachen, Wien, nie mehr Rom. Die Verleihung des Bürgerrechtes 
an alle hatte noch eine zweite Folge: es gab nun überhaupt gar 
keine Bürger mehr. Man hat Caracalla, die mörderische, pseudo- 
punische Bestie, für seine That früher gepriesen, es kommt sogar 
heute noch vor (siehe Leopold von Ranke, Weltgeschichte II, 195); 
in Wahrheit hatte er, indem er den letzten Faden der historischen 
Tradition, mit anderen Worten der geschichtlichen Wahrheit 
zerschnitt, auch die letzte Spur jener Freiheit vertilgt, deren 
unbändige, aufopferungsvolle, durch und durch ideale Kraft die 
Stadt Rom und mit ihr Europa geschaffen hatte. 1 ) Das politische 
Recht war freilich nun- 



!) Zum Verständnis des Charakters Caracalla's und seiner Beweggründe, 
empfehle ich die kleine Schrift von Prof. Dr. Rudolf Leonhard: Roms 
Vergangenheit und Deutschlands Recht, 1889, S. 93 bis 99. Er zeigt auf 
wenigen Seiten, wie dieser Syrer, „ein Sprössling der karthagischen 
Menschenschlächter und der Landsleute jener Baalspriester, welche ihre 
Feinde in Feueröfen zu werfen pflegten" (die Juden thaten desgleichen, siehe 2 
Samuel, 22, 31), die Ver- 



172 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



mehr für alle gleich geworden; es war die Gleichheit der absoluten 
Rechtlosigkeit. Das Wort civis (Bürger) wich jetzt dem Ausdruck 
subjectus (Unterthan): umso bemerkenswerter, als allen Zweigen 
der Indoeuropäer der Begriff des Unterthanenseins ebenso fremd 
war, wie der des Grosskönigtums, so dass wir schon in dieser 
einen Umwandlung des Rechtsbegriffes den unwiderlegbaren 
Beweis semitischen Einflusses besitzen (nach Leist: Gräco-italische 
Rechtsgeschichte, S. 106 u. 108). Der römische Gedanke bestand 
allerdings noch immer, er hatte sich aber in einer einzigen Person, 
dem Kaiser konzentriert — oder, wenn man will, sich in sie 
verflüchtigt; die Privilegien Roms und ihre 

Machtvollkommenheiten waren nicht etwa aus der Welt 
entschwunden, sie waren aber alle auf einen einzigen Mann 
übergegangen: das ist der Verlauf von Augustus bis Diocletian 
und Konstantin. Der erste Caesar hatte sich begnügt, alle 
wichtigsten Staatsämter in seinen Händen zu vereinen, 1 ) und das 
war ihm 



nichtung Roms und die Vernichtung der noch lebenden Reste hellenischer 
Bildung als sein Lebensziel erfasst hatte, zugleich die Überflutung der 
europäischen Kulturwelt mit dem pseudosemitischen Auswurf seiner Heimat. 
Das alles geschah planmässig, tückisch, und unter dem Deckmantel der 
Phrasen von Weltbürgertum und Menschheitsreligion. So gelang es, Rom in 
einem einzigen Tag auf ewig zu vernichten; so wurde das ahnungslose 
Alexandrien, der Mittelpunkt von Kunst und Wissenschaft, ein Opfer der 
rassenlosen, heimatlosen, alle Grenzen niederreissenden Bestialität. Vergessen 
wir nie — nie einen Tag — dass der Geist Caracalla's unter uns weilt und auf 
die Gelegenheit lauert! Anstatt die lügenhaften Menschheitsphrasen 
nachzuplappern, die schon vor achtzehnhundert Jahren in den semitischen 
„Salons" Roms Mode waren, thäten wir besser daran, uns mit Goethe zu 
sagen: 

Du musst steigen oder sinken, 

Du musst herrschen und gewinnen, 

Oder dienen und verlieren, 

Leiden oder triumphieren, 

Amboss oder Hammer sein. 
1 ) Augustus war zugleich: 1. Princeps, das heisst erster Bürger, damals 
eigentlich nur ein Ehrentitel, 2. Imperator, oberster Kriegsherr, 3. 
lebenslänglicher Volkstribun, 4. Pontifex maximus, das höchste religiöse, von 
jeher lebenslängliche Amt, 5. zwar nicht lebenslänglicher Consul, doch im 
dauernden Besitz der konsularischen Gewalt, 



173 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



nur zu einem bestimmten, zeitlich beschränkten Zweck bewilligt 
worden, zur Wiederherstellung der rechtlichen Ordnung in der 
civilisierten Welt (restauratio orbis); innerhalb dreier Jahrhunderte 
war man nun auf diesem Wege dahin gekommen, nicht allein alle 
Ämter, sondern auch alle Rechte sämtlicher Bürger einem 
einzigen zu verleihen. Wie schon in frühen Zeiten (bei dem ersten 
Nachfolger des Augustus) die Majestät vom Volk auf den Einen 
übergegangen war, so ging nach und nach alle und jede Gewalt, 
alles und jedes Recht auf ihn über. Augustus hatte noch, wie jeder 
andere Bürger, in den Komitien seine Stimme abgegeben; jetzt 
sitzt auf dem Thron ein Monarch, dem man nur auf den Knieen 
„anbetend" nahen darf, und vor ihm sind alle Menschen gleich, 
denn alle, vom ersten Staatsminister bis zum letzten Bauern, sind 
seine Unterthanen. Und während so der „Grosskönig" und mit 
ihm alles, was zu seinem Hofe gehörte, an Reichtum und Würden 
immer höher stieg, sanken alle übrigen immer tiefer: der Bürger 
durfte sich nicht einmal seinen Beruf mehr wählen, der Bauer, 
früher freier Besitzer seines Erbgutes, war Leibeigener eines Herrn 
und an die Scholle gebunden; der Tod jedoch löst alle Bande, und 
es kam ein Tag, wo die Steuereinnehmer die ehedem blühendsten 
Gegenden des Reiches In ihren Berichten aufführen mussten als 
agri deserti. 

Es ist nicht meine Absicht, die Idee des römischen Staates hier 
historisch weiter zu verfolgen; Einiges wird in einem späteren 
Kapitel noch darüber zu sagen sein; ich begnüge mich, daran zu 
erinnern, dass ein römisches Reich — dem Begriffe nach eine 
unmittelbare Fortsetzung des alten — bis zum 6. August 1806 zu 
Recht bestand, und dass das allerälteste, schon von Numa 
bekleidete römische Amt, das des Pontifex mcucimus, noch heute 
besteht; das Papsttum ist das letzte Bruchstück der uralten 
heidnischen Welt, welches sich bis in die Gegenwart lebendig er- 



6. desgleichen der prokonsularischen, welche die Regierung sämtlicher 
Provinzen umfasste, 7. desgleichen der censorischen, welche die 
Sittenkontrolle und die Befugnis, Senatoren, Ritter u. s. w. zu ernennen und 
zu kassieren, umfasste. 



174 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



halten hat. 1 ) Wenn ich aber Allbekanntes zusammenfassend 
andeutete, so geschah es in der Hoffnung, dass ich die 
eigentümlich verwickelte Form der politischen Erbschaft, die 
unser Jahrhundert von Rom übernahm, hierdurch lebhafter und 
anregender entwickeln könnte, als durch theoretische 
Auseinandersetzungen. Hier, wie in den anderen Teilen dieses 
Buches, handelt es sich nicht um gelehrte Betrachtungen, diese 
findet man in Geschichten des Staatsrechtes, sondern um 
allgemeine Einsichten, die Jedem zugänglich und auch für Jeden 
förderlich sind. In rein politischer Hinsicht erbten wir nun von 
Rom nicht eine einfache Idee, nicht einmal etwas so Einfaches, 
wie das, was z. B. in dem Wort „hellenische Kunst", wie reichhaltig 
das Wort auch sein mag, zusammengefasst wird, sondern wir 
erbten ein merkwürdiges Gemisch von allerrealstem Besitz: 
Civilisation, Recht, Organisation, Verwaltung u. s. w., und 
zugleich von unfassbaren und dennoch übermächtigen Ideen, von 
Begriffen, denen kein Mensch beikommen kann und die 
nichtsdestoweniger, zum Guten und zum Schlimmen, auch heute 
noch unser öffentliches Leben beeinflussen. Sicherlich können wir 
unser eigenes Jahrhundert nicht gründlich und kritisch begreifen, 
wenn wir nicht über diese doppelte politische Erbschaft klare 
Vorstellungen besitzen. 

Staatsrechtliches Erbe 

Nachdem wir also jetzt das im engeren Sinn Politische 
besprochen haben, werfen wir nun einen Blick auf das allgemein 
Staatsrechtliche und Ideelle, ehe wir zu der Betrachtung des 
Privatrechtes übergehen. 

So lange Rom positiv schöpferisch wirksam war — über ein 
halbes Jahrtausend bis zu Caesar, und dann noch über ein 
Jahrhundert in der Agonie 2 ) — könnte es uns als gänzlich ideenlos 
erscheinen; es schafft nur, es denkt nicht. Es schafft Europa, und 
es vernichtet, so weit möglich, die nächsten und gefährlichsten 
Feinde Europas. Das ist die positive Erbschaft dieser Zeit. Auch 
die Länder, die Rom niemals unterjocht hat, wie z. B. der grösste 



!) Hierüber Ausführliches im 7. Kapitel. 

2 ) Der Erlass des Edictum perpetuum durch Hadrian ist vielleicht die letzte 
grosse schöpferische Wohlthat. 



175 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Teil Germaniens, haben doch alle Keime staatlicher Ordnung — 
als Grundbedingung jeder Civilisation — von ihm empfangen. 
Unsere Sprachen zeigen noch heute, wie alle Verwaltung auf 
römische Belehrung oder Anregung zurückgeht. Wir leben heute 
in so fest geordneten Zuständen, dass wir uns kaum vorstellen 
können, es sei jemals anders gewesen; nicht ein Mensch von 
zehntausend unter uns hat die blasseste Vorstellung von der 
Organisation der Staatsmaschine; alles dünkt uns notwendig und 
angeboren: das Recht, die Moral, die Religion, im Grunde auch der 
Staat. Und doch war der geordnete, feste, und zugleich freier 
Menschen würdige Staat — die gesamte Geschichte der 
Menschheit beweist es — das schwierigste aller Werke zu erfinden 
und durchzuführen; die herrlichste Religion hatte man in Indien, 
eine vollendete Kunst in Athen, erstaunliche Civilisation in 
Babylonien, alles, ohne dass es gelungen wäre, einen freien und 
zugleich stabilen, rechtliche Zustände verbürgenden Staat zu 
gründen; für diese Heraklesarbeit reichte nicht ein einzelner Held, 
nur ein ganzes Volk von Helden konnte sie vollbringen, ein jeder 
stark genug zum Befehlen, ein jeder stolz genug zum Gehorchen, 
alle einig im Wollen, ein jeder sein eigenes persönliches Recht 
verfechtend. Lese ich römische Geschichte, so muss ich 
schaudernd mich abwenden; betrachte ich die zwei 
unvergleichlichen Schöpfungen dieses Volkes, den geordneten 
Staat und das Privatrecht, so kann ich nur in stummer Verehrung 
mich vor einer solchen geistigen Grösse verneigen. 

Dieses Heldenvolk jedoch starb aus, und nach seinem 
gänzlichen Erlöschen kam, wie wir sahen, eine zweite Periode 
römischer Politik. Fremde Herrscher regierten und fremde 
Rechtsgelehrte bemächtigten sich, wie des unvergleichlichen, 
lebendig gewachsenen Privatrechts (das sie in Spiritus thaten in 
der weisen Einsicht, dass es sich nunmehr nicht weiter 
vervollkommnen liess, sondern höchstens hätte entarten können), 
so auch des öffentlichen Rechtes und des Staatsrechtes. Diese 
Ratgeber der Krone waren zumeist Kleinasiaten, Griechen und 
Semiten, also die anerkannten Meister in der Handhabung 
abstrakter Gedankendinge und juristischer Tüfteleien. Und nun 
entstand eine Auffassung 



176 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



des römischen Staates, in der nichts ganz neu erfunden, das 
Meiste aber umgedeutet, zu Prinzipien sublimiert und dann zu 
starren Dogmen krystallisiert wurde. Der Vorgang ist dem im 
Abschnitt über hellenische Kunst und Philosophie beschriebenen 
sehr analog. Die römische Republik war ein lebendiger 
Organismus gewesen, an dem das Volk ununterbrochen arbeitete 
und änderte; niemals war die formale Frage nach leitenden 
„Prinzipien" aufgetaucht, nie hatte der gegenwärtige Augenblick 
die Zukunft bannen wollen. Das ging sogar so weit, dass die 
höchsten Gerichtsbeamten, die Prätoren, auf ein Jahr ernannt, 
beim Antritt ihres Amtes ein jeder ein sogenanntes „prätorisches 
Edict" erliess, in welchem er die Grundsätze kundgab, welchen er 
in der Rechtspflege zu folgen gedachte; dadurch war es möglich 
gewesen, wechselnden Zeiten und Umständen gerecht zu werden. 
Und in ähnlicher Weise war in diesem Staate alles elastisch, blieb 
alles in Fühlung mit den Bedürfnissen des Lebens. Genau aber 
wie die poetischen Eingebungen der griechischen Philosophen und 
ihre mystischen Deutungen des Unerkennbaren im 
helleno semitischen Alexandrien zu Glaubensdogmen umgearbeitet 
wurden, so wurden auch hier Staat und Recht zu Dogmen, und 
ungefähr durch die selben Leute. Diese Dogmen erbten wir, und 
es ist für uns nicht unwichtig zu wissen, woher sie kommen und 
wie sie entstanden. 

Ein Beispiel. Unser Begriff des Monarchen stammt weder von 
den Germanen, noch von den orientalischen Despoten, sondern 
von den gelehrten Juristen, die im Dienste des illyrischen 
Schafhirten Diocletian, des illyrischen Rinderhirten Galerius, des 
illyrischen Schweinehirten Maximinus u. s. w. standen, und ist 
eine direkte Parodie — wenn ich die Wahrheit reden darf — der 
grössten römischen Staatsgedanken. „D e r 

Staatsbegriff der Römer", schreibt Mommsen, „beruht auf 
der idealen Übertragung der Handlungsfähigkeit des Einzelnen 
auf die Gesamtheit, die Bürgerschaft, den populus, und auf der 
Unterordnung des Einzelwillens aller der 
Gesamtheit angehörigen physischen Personen unter diesen 
Gesamtwillen. Die Aufhebung der individuellen Selbständigkeit 
gegenüber dem Ge- 



177 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



samtwillen ist das Kriterium der staatlichen Gemeinschaft". 1 ) Um 
sich vorzustellen, was es mit dieser „Übertragung", mit dieser 
„Aufhebung der individuellen Selbständigkeit" auf sich hat, muss 
man sich die unbändige individuelle Freiheitsliebe des einzelnen 
Römers ins Gedächtnis zurückrufen. Von dem ältesten rechtlichen 
Monument der Römer, den berühmten zwölf ehernen Tafeln (450 
vor Chr.) sagt Esmarch: „Was zum prägnantesten Ausdruck darin 
kommt, sind die Gewährleistungen der privatrechtlichen 
Selbstherrlichkeit der römischen Bürger"; 2 ) und als 350 Jahre 
später das erste ausführliche Rechtssystem in schriftlicher Form 
verfasst wurde, da hatten alle Stürme der Zwischenzeit in diesem 
einen Punkte keinen Unterschied veranlasst. 3 ) Als freier, 
„selbstherrlicher" Mann überträgt also der Römer an den 
Gesamtwillen, dessen selbstthätiges Glied er ist, so viel von seiner 
Freiheit, als zur Verteidigung dieser Freiheit vonnöten ist. „Der 
Gesamtwille ist nun an sich, wenn es gestattet ist, einen Ausdruck 
des römischen Privatrechts darauf anzuwenden, eine 
staatsrechtliche Fiktion. Thatsächlich wird dafür Vertretung 
erfordert. Als Willenshandlung der Gesamtheit gilt staatsrechtlich 
diejenige eines in dem bestimmten Fall für sie eintretenden 
Mannes. Immer ist die staatliche Willenshandlung in Rom die 
Handlung eines einzelnen Mannes, da das Wollen und Handeln an 
sich unteilbar ist; Gemeindehandlung durch 
Majoritätsbeschluss ist nach römischer 
Auffassung ein Widerspruch im Beisatz." 
In jedem Satz dieses römischen Staatsrechtes sieht man ein Volk 
von starken, freien Männern: die Vertretung der gemeinsamen 
Sache, d. h. des Staates, wird einzelnen Männern (Konsuln, 
Prätoren, Censoren u. s. w.) auf bestimmte Zeit anvertraut, sie 
haben dabei grösste Vollmacht und tragen volle 
Verantwortlichkeit. Im Notfalle geht diese Voll- 



1 ) Ich citiere nach der gekürzten Ausgabe des Römischen Staatsrechtes in 
Binding's Systematisches Handbuch der deutschen Rechtswissenschaft, S. 81 
ff. 

2 ) Römische Rechtsgeschichte, 3. Aufl., S. 218. 

3 ) Allerdings bildeten gewisse Beschränkungen der Freiheit des Testierens 
ein erstes Anzeichen künftiger Zeiten. 



178 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



machtserteilung so weit, dass sich die Bürger einen Diktator 
ernennen; alles im Interesse des Gemeinwesens und damit die 
Freiheit eines Jeden unverletzt bleibe. — Die späteren Kaiser nun, 
oder vielmehr ihre Ratgeber, haben nicht etwa diesen Staatsbegriff 
umgestossen; nein, auf ihn haben sie die monarchische Allgewalt 
rechtlich gegründet, was in der Geschichte der Welt 
noch niemals geschehen war. Anderwärts hatten einige Despoten 
als Göttersöhne regiert, wie z. B. die ägyptischen und heute noch 
die japanischen, einige, früher und noch heute, als Vertreter 
Gottes, ich nenne nur die jüdischen Könige und die Kalifen, 
wieder andere durch das sogenannte jus gladü, das Recht des 
Schwertes. Dagegen gründeten die Soldaten, die sich des weiland 
römischen Reiches bemächtigt hatten, ihre Ansprüche als 
absolute Autokraten zu herrschen, auf das römische Staatsrecht! 
Nicht wie ein griechischer Tyrann hätten sie die Gewalt usurpiert 
und die rechtmässige Ordnung gestürzt; im Gegenteil, der 
allgewaltige Monarch sei die Blüte, die Vollendung der ganzen 
rechtlichen Entwickelung Roms: das hatten die orientalischen 
Rechtslehrer herausgeklügelt. Mit Hilfe der soeben erläuterten 
Übertragungstheorie war das Taschenkunststück 
vollbracht worden und zwar (den Hauptlinien nach) 
folgendermassen. Eine der Tragsäulen des römischen 
Staatsrechtes ist, dass keine Verordnung Gesetzeskraft hat, wenn 
sie nicht vom Volke genehmigt wird. Unter den ersten Kaisern 
bleibt auch in dieser Beziehung der Schein bewahrt. Nach 
Caracalla war aber „Rom" die ganze civilisierte Welt geworden. 
Und da wurden alle Rechte des Volkes zur Mitwirkung bei der 
Erlassung neuer Gesetze u. s. w. an den Senat „übertragen". Es 
heisst im Corpus juris: „Da das römische Volk dermassen 
angewachsen ist, dass es schwer wäre, es an einem Ort 
zusammenzuberufen behufs Bestätigung der Gesetze, wurde es 
für gerecht erachtet, den Senat an Stelle des Volkes zu befragen." 
Wie wir heute von einem Vicekönig reden, so hiess der Senat 
nunmehr vice populi. War auch die Zustimmung des Senats 
ebenfalls eine reine Formsache geworden — einmal im Besitze 
eines so schönen abstrakten Prinzips, konnte man nicht auf 
halbem Wege stehen bleiben; und 



179 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



darum heisst es dann auch weiter: „Aber auch das, was dem 
Fürsten anzuordnen gefällt, hat Gesetzeskraft, denn das Volk hat 
ihm seine ganze Machtfülle und alle seine Rechte 
übertrage n." 1 ) Wir haben also hier die streng 
rechtliche Ableitung einer absoluten Monarchie, und zwar 
wie sie gewiss einzig aus der römischen Verfassung — mit ihrer 
Ablehnung des Majoritätsprinzips und mit ihrem System, 
Vollmachten an einzelne Männer zu übertragen — entwickelt 
werden konnte. 2 ) Und dieses römische „Principat" (wie man es 
nennt, den Titel König hat kein Caesar getragen) bildet bis zum 
heutigen Tage die Grundlage alles europäischen Königtums. 
Durch die Einführung des Konstitutionalismus, noch mehr durch 
die Handhabung des Rechtes findet allerdings in vielen Ländern 
jetzt eine Bewegung statt, zurück auf den freiheitlichen 
Standpunkt der alten Römer; prinzipiell ist aber der Monarch 
überall noch das, was die Rechtsautoritäten des verfallenen 
römischen Staates aus ihm gemacht hatten, ein Gebilde, heisst 
das, welches dem wahren Geist des echten Römertums direkt 
widerspricht. Die Armee ist bei uns heute noch immer nicht das 
Volksheer, das seine Heimat verteidigt, sondern sie ist überall 
(selbst in England) des Königs Armee; die Beamten sind nicht 
Erwählte und Bevollmächtigte des Gesamtwillens, sondern 
Diener des Königs u. s. w., u. s. w. Das ist alles römisch, 
aber, wie gesagt, römisches aus der Rinder-, Schaf- und 
Schweinehirtenzeit. Ich kann das leider 



1 ) § 5 und 6 J. de jure naturali I, 2. Die letzten Worte des zweiten Auszuges 
habe ich einigermassen frei übersetzen müssen. Es heisst im Original: omne 
suum Imperium et potestatem; wie schwer es ist, diese Worte im genauen 
juristischen Sinne des alten Rom wiederzugeben, kann man bei Mommsen 
sehen, S. 85. Imperium heisst ursprünglich „die Kundgebung des 
Gemeindewillens"; daher der Träger dieses absoluten Gemeindewillens 
imperator hiess; beschränkter und mehr das Gebiet des Privatrechts 
bezeichnend ist das Wort potestas. Daher übersetzte ich durch Machtfülle und 
Rechte und glaube damit den Sinn getroffen zu haben. 

2 ) Als nicht unwichtig sei nebenbei bemerkt, dass eine Regierung durch 
Majoritätsbeschlüsse ebenso wenig hellenisch und germanisch, wie römisch 
war (worüber namentlich Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte S. 129, 133 
ff., 727). 



180 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



hier nicht näher ausführen, verweise aber zur Bestätigung auf die 
klassischen Werke von Savigny: Geschichte des römischen Rechtes 
im Mittelalter, und Sybel: Entstehung des deutschen Königtums, 
sowie auch auf Schulte: Deutsche Reichs- und Rechtsgeschichte. 
Überall bei uns ist die absolute Monarchie erst durch die 
Berührung mit dem römischen Reich entstanden. Überall hatten 
früher die germanischen Könige beschränkte Rechte; die 
Majestätsbeleidigung (dieser Prüfstein) wurde entweder gar nicht 
als Verbrechen anerkannt oder durch ein einfaches „Wehrgeld" 
bestraft (Sybel, 2. Aufl., S. 352); die Ernennung der Grafen als 
Beamte des Königs kommt erst nach der Eroberung römischer 
Länder vor, ja, es giebt eine lange Zeit, wo die germanischen 
Könige grössere Rechte gegen ihre römischen Unterthanen, als 
gegen ihre freien Franken besitzen (Savigny I, Kap. IV, Abt. 3). — 

Vor Allem ist der Begriff eines Unterthanen, des 

römischen subjectus, eine uns noch fest anhaftende Erbschaft, die 
uns recht deutlich empfinden lassen müsste, was uns noch alles 
mit dem römischen Reiche in der Zeit seines Verfalles verknüpft, 
und was uns noch alles von dem echten Heldenvolk der Römer 
scheidet. 

Hiermit will ich aber keineswegs tendenziös moralisieren. Die 
altrömischen Regierungsformen wären für neue Verhältnisse und 
neue Menschen nicht verwendbar gewesen: reichten sie doch 
schon für das erweiterte Rom nicht mehr aus. Dazu war das 
Christentum gekommen, und mit ihm die Abschaffung der 
Sklaverei ein offenbares Gebot geworden. Das alles machte ein 
starkes Königtum nötig. Ohne die Könige wäre das Sklaventum 
niemals in Europa abgeschafft worden, nie hätte der Adel seine 
Sklaven freigegeben, vielmehr machte er die freigeborenen Männer 
zu Leibeigenen. Das Erstarken des Königtums ist seit tausend 
Jahren überall eine Vorbedingung für das Erstarken geordneter 
gesellschaftlicher Verhältnisse und bürgerlicher Freiheit gewesen, 
und auch heute würde vielleicht in keinem einzigen Lande 
Europas ein ganz freies Plebiscit eine andere Regierungsform denn 
die monarchische als Gesamtwillen kundgeben. Immer klarer 
erfasst auch das öffentliche Bewusstsein durch die 



181 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



trügerischen Umhüllungen hindurch, welche Rabulisten und 
Sophisten ihm umhingen, den echten Rechtsgehalt des 
Königtumes, nämlich die alte römische Auffassung des obersten 
Staatsbeamten, vermehrt jedoch um ein Element, welches die 
Juristen ein „sacrales" nennen, und welches einen nicht 
unpassenden mystischen Ausdruck in den Worten findet: von 
Gottes Gnaden. Manches was wir in unserem lieben neunzehnten 
Jahrhundert um uns her beobachteten, berechtigt wohl zur 
Überzeugung, dass wir ohne Königtum und ohne eine besondere 
Gnade Gottes uns noch heute nicht zu regieren verstehen würden. 
Dazu gehörten vielleicht nicht allein die Tugenden der Römer, 
sondern auch ihre Mängel, vor allem ihre übergrosse geistige 
Nüchternheit. 

Wie dem auch sei, man sieht, das von Rom uns überkommene 
politische und staatsrechtliche Erbe bildet eine ziemlich 
verwickelte und verworrene Masse, und zwar hauptsächlich aus 
zwei Gründen; erstens, weil Rom, anstatt wie Athen kurz zu 
blühen und dann ganz zu verschwinden, 2500 Jahre lang 
bestand, zunächst als weltbeherrschender Staat, später als 
mächtige Staatsidee, wodurch die Einheit des Impulses sich in 
eine ganze Reihe von Anstössen auflöste, die sich häufig 
gegenseitig aufhoben; zweitens, weil das Werk eines 
unvergleichlich thatkräftigen, indoeuropäischen Volkes später von 
den subtilsten Geistern der westasiatischen Mischvölker 
bearbeitet und gehandhabt wurde, was abermals die Einheit des 
Charakters verwischte. 

Ich hoffe, meine spärlichen Andeutungen über ungemein 
verwickelte weltgeschichtliche Verhältnisse werden genügt haben, 
um dem Leser als Richtungspfeile zu dienen. Damit man klar 
denke und deutlich vorstelle, ist es vor Allem nötig, richtig zu 
trennen und richtig zu verbinden. Das war mein Bestreben; 
darauf musste ich mich beschränken. 

Juristische Technik 

Neben dieser mehr oder weniger unbewusst fortgeführten 
Erbschaft besitzen wir Europäer ein Vermächtnis Roms, das wie 
kein zweites aus dem Altertum zu einem wesentlichen Bestandteil 
unseres Lebens und unserer Wissenschaft geworden ist. das 



182 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



römische Recht. Darunter ist sowohl das öffentliche Recht (jus 
publicum), wie auch das Privatrecht (jus privatum) zu verstehen. *) 
Hierüber zu berichten, ist insofern ein Leichtes, als dieses Recht 
uns in einer sehr späten, zusammenfassenden Kodifikation, der 
des Kaisers Justinian, aus der Mitte des 6. Jahrhunderts nach 
Christus, vorliegt und es ausserdem den Bemühungen der 
Juristen und Historiker gelungen ist, den Spuren des 
allmählichen Werdens dieses Rechtes bis weit hinauf 
nachzugehen, in letzter Zeit sogar, den Zusammenhang seiner 
Ursprünge mit dem altarischen Recht darzuthun, andrerseits die 
Schicksale dieses Rechtes in den verschiedenen Ländern Europas 
durch die Jahrhunderte der dunkeln Gährung hindurch bis auf 
den heutigen Tag zu verfolgen. Hier liegt also ein bestimmtes, klar 
gesichtetes Material vor, und der Rechtsgelehrte kann leicht 
nachweisen, wie viel römisches Recht in den Gesetzbüchern 
unserer heutigen Staaten enthalten ist; leicht muss ihm der 
Nachweis auch fallen, dass die genaue Kenntnis des römischen 
Rechtes auf unabsehbare Zeiten hin die hohe Schule alles streng 
juridischen Denkens bleiben wird. Auch hier wieder ist in dem 
römischen Erbe ein doppeltes zu unterscheiden: thatsächliche 
Rechtssätze, die Jahrhunderte lang bestanden haben und zum 
Teil noch heute bestehen, ausserdem aber ein Schatz an Ideen 
und Methoden. Das alles kann der Rechtsgelehrte leicht 
auseinandersetzen; jedoch nur, wenn er zu 

Rechtskundigen redet. Nun bin ich aber kein 
Rechtsgelehrter (wenn ich auch mit Fleiss und Liebe die 
Grundprinzipien des Rechtes und den allgemeinen Gang seiner 
Geschichte studiert habe), noch darf ich Rechtskunde bei meinen 
Lesern voraussetzen; meine Aufgabe ist also eine andere, durch 
den Zweck dieses Buches genau bestimmte. Nur von einem 
umfassenden, allgemein menschlichen Standpunkt aus darf ich 
kurz andeuten, in welchem Sinne das römische Recht in der 
Geschichte der indoeuropäischen Völker eine so unvergleichliche 



!) Dass das öffentliche Recht der Römer auf uns Spätere nicht den selben 
Einfluss ausübt wie das Privatrecht, gestattet doch nicht, es ungenannt zu 
lassen, da ein mustergültiges Privatrecht nicht ohne ein vortreffliches 
öffentliches Recht entstehen konnte. 



183 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Erscheinung war, dass sie bis auf den heutigen Tag ein 
Bestandteil unserer Kultur geblieben ist. 

Warum ist es ganz unmöglich, über Jurisprudenz zu berichten, 
sobald der Hörer nicht über eine grosse Masse technischen 
juristischen Wissens verfügt? Diese vorläufige Frage wird uns 
gleich in medias res führen und zu einer, wenn nicht 
ausführlichen, so doch genauen Zergliederung dessen, was die 
Römer auf diesem Felde geleistet haben, den Weg weisen. 

Die Jurisprudenz ist eine Technik: hierin liegt die 
Antwort eingeschlossen. Der Medizin vergleichbar, ist sie weder 
reine Wissenschaft, noch reine Kunst; und während jede 
Wissenschaft in ihren Ergebnissen, jede Kunst durch ihre 
Wirkung allen begabten Menschen mitteilbar, in ihrem 
wesentlichen Teile mithin Gemeingut ist, bleibt eine Technik einzig 
dem Techniker zugänglich. Freilich vergleicht Cicero die 
Jurisprudenz mit der Astronomie und der Geometrie, und meint: 
„alle diese Studien gelten der Erforschung der Wahrheit": 1 ) doch 
ist dies das Muster eines logisch falschen Vergleichs. Denn die 
Astronomie und die Geometrie erforschen thatsächliche, feste, 
unverrückbare Verhältnisse, die einen ausserhalb, die anderen 
innerhalb ihres Geistes, 2 ) wogegen Rechtssätze zunächst aus der 
Beobachtung von wechselnden, widersprechenden, nirgends fest 
abzugrenzenden Anlagen, Gewohnheiten, Sitten und Meinungen 
gewonnen werden, und die Jurisprudenz als Disziplin sich der 
Natur der Dinge nach darauf beschränken muss, das Vorhandene 
fester zu formulieren, genauer zu fassen, durch 
Zusammenstellung übersichtlich zu gestalten, und — vor allem — 
durch feinste Analyse genau zu gliedern und praktischen 
Bedürfnissen anzupassen. Das Recht ist, wie der Staat, eine 
menschliche, künstliche Schöpfung, eine neue systematische 
Anordnung der durch die 



!) De officüs, I, 6. 

2 ) Dies sage ich ohne metaphysischen Hintergedanken; ob die 
mathematischen Begriffe Urteile a priori sind (wie Kant es behauptet) oder 
nicht, Jeder wird zugeben, dass Geometrie die rein formelle Bethätigung 
unseres Geistes ist, im Gegenteil zur Erforschung der Himmelsräume. 



184 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Natur des Menschen und durch seine gesellschaftlichen Instinkte 
gegebenen Bedingungen. Die Fortschritte der Jurisprudenz 
bedeuten also keineswegs eine Zunahme des Wissens (was eine 
Wissenschaft doch bewirken muss), sondern lediglich eine 
Vervollkommnung der Technik; das ist aber sehr viel und kann 
hohe Gaben voraussetzen. Ein in grossen Mengen vorhandener 
Stoff wird nunmehr in konsequenter Weise und mit steigender 
Kunstfertigkeit vom menschlichen Willen dem menschlichen 
Lebenszweck gewidmet. 

Zur grösseren Deutlichkeit ein Vergleich. 

Wie sehr bedingt und darum wenig treffend wäre es, wenn man 
behaupten wollte: der Gott, der Eisen wachsen liess, habe auch 
die Schmiede wachsen lassen! In einem gewissen Sinne wäre die 
Aussage unleugbar richtig: ohne bestimmte Anlagen, die ihn 
trieben, ewig weiter zu forschen, ohne bestimmte Fähigkeiten zum 
Erfinden und zum Handhaben wäre der Mensch niemals dazu 
gelangt, Eisen zu schmieden: er hat auch lange auf Erden gelebt, 
ehe er es so weit brachte. Durch Scharfsinn und Geduld gelang es 
ihm endlich: das harte Metall wusste er sich geschmeidig und 
dienstbar zu machen. Hierbei handelt es sich jedoch offenbar 
nicht um die Auffindung irgend einer ewigen Wahrheit, wie bei der 
Astronomie und bei jeder echten Wissenschaft, sondern einerseits 
um Beharrlichkeit und Geschick, andererseits um 
Angemessenheit dem praktischen Zwecke gegenüber; kurz, das 
Schmieden ist keine Wissenschaft, sondern im wahren Sinne des 
griechischen Wortes eine Technik, d. h. eine Geschicklichkeit. Und 
die Bedingungen dieser Technik, da sie vom menschlichen Willen 
abhängen (hier die Verwandtschaft mit Kunst), wechseln mit den 
Zeiten, mit den Anlagen und Gewohnheiten der Völker, sowie sie 
auch andrerseits von den Fortschritten des Wissens beeinflusst 
werden (hier die Verwandtschaft mit Wissenschaft). Im 
neunzehnten Jahrhundert z. B. hat das Stahlschmieden grosse 
Umwälzungen erfahren, die ohne die Fortschritte der Chemie, der 
Physik, der Mechanik und der Mathematik nicht denkbar gewesen 
wären; insofern kann es auch vorkommen, dass eine Technik 
vielfache wissenschaftliche Kennt- 



185 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



nisse von ihren Beflissenen fordert, — sie hört aber darum nicht 
auf, eine Technik zu sein. Und weil sie eine Technik ist, bleibt sie 
jedem noch so unbegabten Menschen erlernbar, wenn er nur 
einiges Geschick besitzt, enthält aber nichts, was selbst dem 
Begabtesten mitteilbar wäre, wenn dieser sich nicht eingehend mit 
ihren Methoden beschäftigt hat. Denn während Wissenschaft und 
Kunst durch ihren Inhalt selber jedem intelligenten Menschen 
Interesse bieten, ist eine Technik lediglich eine Methode, ein 
Verfahren, eine Handhabung, ein Künstliches, nicht ein 
Künstlerisches, eine Anwendung des Wissens, nicht eigentlich 
selbst ein Wissen, ein Können, nicht ein Schaffen, und daher 
kann erst das von ihr Erzeugte allgemeines Interesse fordern, der 
fertige Gegenstand, heisst das, von dem sich die Technik nunmehr 
zurückgezogen hat. 

Genau ebenso verhält es sich mit der Jurisprudenz, bis auf den 
Unterschied, dass der zu bearbeitende Stoff ein rein geistiger ist. 
Prinzipiell ist und bleibt die Jurisprudenz eine Technik, und 
manches fast unausrottbare Missverständnis wäre vermieden 
worden, wenn auch die Fachgelehrten diese einfache 
Grundwahrheit nicht aus den Augen verloren hätten. Von Cicero 
an bis zum heutigen Tage 1 ) haben tüchtige Juristen nur zu oft es 
für ihre Pflicht gehalten, ihrem Fach, es koste was es wolle, die 
Bezeichnung „Wissenschaft" zu sichern; sie scheinen eine 
Herabsetzung zu fürchten, wenn man die Nichtigkeit ihrer 
Ansprüche behauptet. Natürlich wird man fortfahren, von einer 
„Rechtswissenschaft" zu reden; nur aber im abgeleiteten Sinne; 
die Masse des Materials über Recht, Rechtsgeschichte u. s. w. ist 
so riesig gross, dass sie gewissermassen eine kleine Welt für sich 
bildet, in welcher geforscht wird, und diese Forschung heisst dann 
Wissenschaft. Offenbar ist dies jedoch ein uneigentlicher 
Gebrauch des Wortes. Die Wurzel „vid" bedeutet im Sanskrit 
finden; soll die Sprache nicht zu farbloser Mehrdeutigkeit 
erblassen, so müssen wir dafür sorgen, dass ein Wissen immer ein 
Finden bezeichne. Ein Finden setzt nun zweierlei voraus: erstens 



l ) Siehe z. B. Holland: Jurisprudence, 6. Aufl., S. 5. 



186 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



einen Gegenstand, der da ist und besteht, ehe wir ihn finden, 
zweitens die Thatsache, dass dieser Gegenstand noch nicht 
gefunden und aufgedeckt wurde; beides trifft für die Jurisprudenz 
nicht zu; denn „Recht" giebt es erst, wenn die Menschen es 
machen, es existiert nicht als Gegenstand ausserhalb unseres 
Bewusstseins, ausserdem deckt die Rechtswissenschaft nichts 
anderes auf, findet sie nichts anderes, als sich selbst. Daher 
hatten diejenigen unter den Alten vollkommen Recht, die anstatt 
von einer juris scientia zu reden, lieber juris notitia, juris peritia, 
juris prudentia sagten, also etwa: Kenntnisse, Geschick, Erfahrung 
in der Handhabung des Rechtes. 

Naturrecht 

Diese Unterscheidung ist von grosser Tragweite. Denn erst 
wenn man sich Klarheit darüber verschafft hat, was Recht 
seinem Wesen nach ist, kann man mit Verständnis dessen 
Geschichte verfolgen und begreifen, welche entscheidende 
Bedeutung Rom für die Entwickelung dieser Technik besitzt. Jetzt 
erst kann man jenen gordischen Knoten, die Frage nach einem 
Naturrecht (oder natürlichen Recht), nicht zerhauen, 
sondern lösen. Diese grosse Frage, über welche seit 
Jahrhunderten gestritten wird, entsteht überhaupt lediglich aus 
dem Missverständnis über die Natur des Rechtes; ob man sie 
dann mit ja oder mit nein beantwortet, man kommt nie aus der 
Verwirrung heraus. Cicero hat, in der ihm eigentümlichen 
konfusen Art, allerhand oratorische Floskeln über diesen 
Gegenstand gemacht; das eine Mal schreibt er: um das Recht zu 
erklären, müsse man die Natur des Menschen untersuchen, — da 
schien er auf der rechten Spur zu sein; gleich darauf heisst es, 
das Recht sei „eine allerhöchste Vernunft", die ausserhalb unser 
existiere und uns „eingepflanzt" werde; dann hören wir wieder, 
das Recht „gehe aus der Natur der Dinge hervor"; schliesslich, es 
sei „zugleich mit Gott geboren, älter als die Menschen". 1 ) Warum 
man überall diese rechtsanwältlichen Plattheiten citiert, weiss ich 
nicht; ich thue es bloss, um dem Vorwurf vorzubeugen, dass ich 
unaufmerksam an solchem berühmten Weisheitsborn 
vorübergegangen sei; im übrigen er- 



1 ) De legibus I, 5 u. 6, II, 4 u. s. w. 



187 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



innere ich an Mommsen's Urteil: „Cicero war eine 
Journalistennatur im schlechtesten Sinne des Wortes, an Worten, 
wie er selber sagt, überreich, an Gedanken über alle Begriffe 
arm". 1 ) Schlimmer war es, als ihre asiatitische Vorliebe für 
Prinzipienreiterei und Dogmatik die hochbedeutenden 
Rechtslehrer der sogenannten „klassischen Jurisprudenz" dazu 
bestimmte, den durchaus unrömischen Begriff eines Naturrechtes 
klar zu formulieren und grundsätzlich einzuführen. U 1 p i a n 
nennt das Naturrecht dasjenige, „welches Tieren und Menschen 
gemeinsam ist". Ein monströser Gedanke! Nicht einzig in der 
Kunst ist der Mensch ein freier Schöpfer, auch im Recht bewährt 
er sich als herrlicher Erfinder, als unvergleichlich geschickter, 
besonnener Werkmann, als seines Glückes Schmied. Das 
römische Recht ist eine ebenso charakteristische Schöpfung des 
einen einzigen menschlichen Geistes, wie die hellenische 
Kunst. Was würde das heissen, wenn ich von einer „natürlichen 
Kunst" sprechen, und somit irgend eine, wenn auch noch so 
entfernte Parallele zwischen dem naturnotwendigen Zirpen eines 
Vogels und einer Tragödie des Sophokles ziehen wollte? Weil die 
Juristen eine technische Gilde bilden, haben viele von ihnen 
solchen Unsinn, ohne dass die Welt es merkte, Jahrhunderte lang 
reden dürfen. G a i u s, eine andere klassische Autorität, den 
die Juden als Landsmann beanspruchen, und von dem die 
Geschichts werke berichten, er sei „nicht tief, aber sehr beliebt" 
gewesen, giebt eine minder extravagante, aber ebenso wenig 
stichhaltige Definition des Naturrechtes: er identifiziert es mit dem 
sogenannten jus gentium, d. h. mit dem aus den Rechten der 
verschiedenen Völker der römischen Provinzen entstandenen 
„gemeinsamen Recht"; in zweideutigen Worten setzt er 
auseinander, dieses Recht sei „allen Völkern der Erde" 
gemeinsam: eine haarsträubende Behauptung, da das jus gentium 
ebenso das Werk Roms ist, wie dessen eigenes jus civile, und nur 
das Ergebnis der ordnenden Thätigkeit römischer Jurisprudenz 
inmitten des Wirrwarrs widersprechender und widerstreitender 
Rechte darstellt. 2 ) Gerade 



1 ) Römische Geschichte, III, 620. 

2) Siehe S. 138. 



188 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



das Dasein des jus gentium neben und im Gegensatz zu dem 
römischen jus civile, sowie die bunte Entstehungsgeschichte 
dieses „Rechtes der Völker" hätte dem blödesten Auge zeigen 
müssen, dass es nicht ein Recht giebt, sondern viele; 
auch dass das Recht nicht eine Entität ist, die wissenschaftlich 
erforscht wird, sondern ein Erzeugnis der menschlichen 
Geschicklichkeit, welches in sehr verschiedener Weise aufgefasst 
und durchgeführt werden kann. Das natürliche Recht spukt aber 
in den meisten Köpfen lustig weiter; so fern auseinandergehende 
Rechtstheoretiker wie Hobbes und Rousseau z. B. finden sich in 
dieser einen Annahme zusammen; das Höchste leistete der 
berühmte Hugo Grotius mit seiner Einteilung in natürliches, 
historisches und göttliches Recht, bei welcher man sich fragt, ob 
denn das göttliche Recht ein unnatürliches sei? oder das 
natürliche ein Werk des Teufels? Man musste den leuchtenden 
Geist und die freiheitliebende Keckheit eines Voltaire besitzen, um 
schreiben zu dürfen: „ rien ne contribue peut-etre plus ä rendre un 
esprit faux, obscur, confus, incertain, que la lecture de Grotius et de 
Pufendorf'. 1 ) Im 19. Jahrhundert jedoch ist man dem blassen 
Gedankending scharf auf den Leib gerückt; die Historiker des 
Rechtes, und mit ihnen der geniale Theoretiker Jhering, haben 
ihm den Garaus gemacht. Hierzu genügt aber ebenfalls die blosse 
Einsicht, dass das Recht eine Technik ist. 

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, begreift man nämlich: 
dass in Wahrheit der Begriff „Naturrecht" (jus naturae) eine 
flagrante contradictio in adjecto enthält. Sobald es zwischen 
Menschen ein rechtliches Abkommen giebt — es braucht 
durchaus kein schriftliches zu sein, eine mündliche oder auch 
eine stillschweigende Konvention ist prinzipiell dasselbe, wie ein 
dickleibiges bürgerliches Gesetzbuch — so hat der Naturzustand 
aufgehört; herrscht aber der reine Naturtrieb, so giebt es eo ipso 
kein Recht. Denn lebten auch solche Naturmenschen in Gruppen 
zusammen, und wären sie gegeneinander 



!) Dictionnaire philosophique. Auch J. J. Rousseau nennt Grotius: „un 
enfant, et quipis est, un enfant de mauvaise foi" (Emile V.). 



189 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



mild und human, das wäre noch immer kein Recht, kein jus; 
es wäre genau ebensowenig ein Recht, wie wenn die brutale 
Faustgewalt bei ihnen allein den Ausschlag gäbe. Recht ist eine 
künstlich geordnete und zwangsweise von der Gesamtheit dem 
Einzelnen auferlegte Regelung seiner Beziehungen zu Anderen. Es 
ist eine Nutzbarmachung jener Instinkte, welche den Menschen 
zum gesellschaftlichen Zusammenleben treiben, zugleich jener 
Not, welche ihn nolens volens zwingt, sich mit seinesgleichen zu 
verbinden: Liebe und Furcht, Geselligkeit und Feindseligkeit. 
Lesen wir bei den dogmatischen Metaphysikern: „Das Recht ist 
der abstrakte Ausdruck des allgemeinen, an und für sich seienden 
Willens", 1 ) so fühlen wir, dass man uns Luft statt Brot zu essen 
giebt; sagt uns der grosse Kant: „Das Recht ist der Inbegriff der 
Bedingungen, unter denen die Willkür des Einen mit der Willkür 
des Anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit 
zusammen vereinigt werden kann", 2 ) so müssen wir gleich 
einsehen: das ist die Definition eines Ideals, die Definition eines 
möglichen, oder wenigstens denkbaren Rechtszustandes, nicht 
aber eine umfassende Definition des Rechtes im allgemeinen, wie 
es uns vor Augen liegt; ausserdem enthält sie einen bedenklichen 
Irrtum. Es ist nämlich ein eigentümlicher Denkfehler, die Willkür 
in die Seele des Einzelnen zu verlegen und das Recht als eine 
Gegenwirkung hiergegen herauszukonstruieren; vielmehr handelt 
offenbar jedes Individuum nach der Notwendigkeit seiner Natur 
und tritt das Element der Willkür erst mit den Verfügungen ein, 
wodurch dieses natürliche Handeln eingedämmt wird; nicht der 
Naturmensch ist willkürlich, der Rechtsmensch ist es. Wollten wir 
eine Definition mit Zugrundelegung von Kant's Begriffen 
versuchen, wir müssten sagen: Recht ist der Inbegriff der 
willkürlichen Bedingungen, welche in eine menschliche 
Gesellschaft eingeführt werden, damit das notwendige Handeln 
des Einen mit dem notwendigen Handeln des Anderen 
ausgeglichen und zu einem möglichen Masse der Freiheit vereinigt 
werde. 



1 ) Hegel: Propädeutik, Kursus I, § 26. 

2 ) Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Einleitung, § B. 



190 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Die einfachste Begriffsformulierung wäre: Willkür an 
Stelle von Instinkt in den Beziehungen 
zwischen den Menschen ist Recht. Wozu 
erläuternd hinzugefügt werden müsste, das non plus ultra der 
Willkür bestehe darin, dass man eine willkürlich festgesetzte Form 
(für Strafe, Kauf, Ehe, Testieren u. s. w.) für nunmehr ewig 
unveränderlich erklärt, so dass alle betreffenden Handlungen 
ungültig und ohne rechtlichen Schutz sind, sobald die 
vorgeschriebene Form nicht innegehalten wurde. Recht ist also die 
dauernde Herrschaft bestimmter willkürlicher Beziehungen 
zwischen den Menschen. Wir brauchen übrigens nicht über 
gänzlich unbekannte Vorzeiten Spekulationen anzustellen, um 
Jus in einfachen Gestaltungen zu erblicken, wo dann dieses 
zentrale Element der Willkür deutlich hervortritt; man sehe nur 
die heutigen Bewohner des Kongogebietes an. Jedes Völkchen hat 
seinen Häuptling; er allein entscheidet unwiderruflich über alle 
Rechtsfälle; diese sind bei so einfachen Verhältnissen sehr 
einfacher Natur, sie betreffen zumeist Vergehen am Leben oder am 
Eigentum; die Strafe ist Tod, selten Sklaverei; hat der Häuptling 
durch eine Handbewegung das Urteil gegen den Angeklagten 
gefällt, so wird dieser von den Umstehenden in hundert Stücke 
zerhackt und aufgegessen. Die Rechtsbegriffe sind, wie man sieht, 
am Kongo sehr elementar; dennoch sind es Rechtsbegriffe; der 
natürliche Mensch, d. h. der unwillkürlich handelnde, würde den 
vermeintlichen Mörder oder Dieb selber umbringen; hier thut er 
das nicht, der Verbrecher wird zum Hauptort geschleppt und 
gerichtet. Ebenso entscheidet der Häuptling über 
Erbschaftsstreitigkeiten und Grenzregulierungen. Die 

unbeschränkte Willkür des Häuptlings ist also das „Recht" des 
Landes, ist der Kitt, wodurch die Gesellschaft zusammengehalten 
wird, anstatt dass sie in einem regellosen Naturzustand 
auseinanderstiebe. 1 ) Der Fortschritt des Rechtes besteht in dem 



1 ) Dass auch dort gewisse Sätze durch den Gebrauch geheiligt und insofern 
auch für den Häuptling bindend sind, bezweifle ich nicht, juristisch ist er aber 
vollkommen frei; nur die Furcht, selber gebraten und aufgegessen zu werden, 
kann ihn von jeder beliebigen Willkür abhalten. 



191 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



praktischen Ausbau und in der sittlichen Verklärung dieses 
willkürlichen Elementes. *) 

Römisches Recht 

Jetzt haben wir, glaube ich, alles beisammen, was nötig ist, um 
ohne technische Erörterungen und zugleich ohne 
Phrasenm acherei die besonderen Verdienste des römischen Volkes 
um das Recht zu verstehen, wenigstens die besondere Art seiner 
Verdienste; zugleich wird damit die Natur dieser Erbschaft genau 
bezeichnet. 

Ist das Recht nicht ein eingeborenes Prinzip, nicht eine 
erforschbare, sichere Wissenschaft, sondern eine zweckdienliche 
Verwendung menschlicher Anlagen zum Ausbau einer 
civilisationsfähigen Gesellschaft, so ist es von vornherein klar, 
dass es sehr verschiedenwertige Rechte geben wird und muss. Im 
letzten Grunde wird ein Recht hauptsächlich von zwei Dingen 
beeinflusst werden, und somit von ihnen seine bezeichnende 
Farbe erhalten: von dem moralischen Charakter des Volkes, in 
welchem es entsteht, und von dessen analytischem Scharfsinn. 
Aus einem glücklichen Gemisch beider, wie es bisher nur einmal 
in der Weltgeschichte vorkam, ergab sich für das römische Volk 
die Möglichkeit, ein rechtliches Gebäude von grosser 
Vollkommenheit aufzuführen. 2 ) Der blosse Egoismus, die Gier 
nach Besitz, 



*) Über das Recht als eine „lebendige Kraft", als das Erzeugnis 
„schöpferischer Gedanken grosser Individualitäten", im Gegensatz zu aller 
Dogmatik des angeblichen Naturrechtes, vergl. man den interessanten Vortrag 
von Prof. Eugen Ehrlich: Freie Rechtsfindung und freie Rechtswissenschaft, 
Leipzig, 1903. 

2 ) Die Behauptung, die Geschichte wiederhole sich stets, gehört zu den 
unzähligen Unwahrheiten, die als Weisheit unter den „Nonocentisten" im 
Umlauf sind. Nie hat sich in der Geschichte — so weit unsere Kenntnisse 
reichen — etwas wiederholt, niemals! Wo ist die Wiederholung von Athen und 
Sparta? von Rom? von Aegypten? wo hat der zweite Alexander geblüht? wo ein 
neuer Homer? Weder die Völker, noch ihre grossen Männer kehren wieder. 
Darum wird auch die Menschheit nicht „aus Erfahrung" weiser; für die 
Gegenwart besitzt sie in der Vergangenheit kein Paradigma, an dem sie ihr 
Urteil bilden könnte; besser oder schlechter, weiser oder dümmer wird sie 
einzig durch das, was auf ihren Geist und ihren Charakter gewirkt hat. 
Gutzkow's Ben Akiba täuschte sich 



192 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



wird niemals hinreichen, um ein dauerhaftes Recht zu begründen; 
vielmehr haben wir durch die Römer erfahren, dass die 
unverbrüchliche Achtung vor den Ansprüchen Anderer auf 
Freiheit und Besitz die moralische Grundlage ist, auf der allein für 
die Ewigkeit gebaut werden kann. Einer der bedeutendsten 
Kenner des römischen Rechtes und Volkes, Karl Esmarch, 
schreibt: „Das Gewissen für Recht und Unrecht ist bei den 
italischen Ariern ein starkes, unverfälschtes; in der 
Selbstbeherrschung und, wenn es sein muss, 
Selbstaufopferung gipfelt sich ihre innerem Drange 
entquellende und durch innerstes Wesen getragene Tugend." 
Dadurch, dass er sich selbst zu beherrschen wusste, war der 
Römer berufen, die Welt zu beherrschen und die Idee des Staates 
kraftvoll zu entwickeln; dadurch, dass er sein eigenes dem 
allgemeinen Wohl zu opfern wusste, bewies er seine Befähigung, 
über die Rechte des Privateigentums und der individuellen 
Freiheit gültige Grundsätze aufzustellen. Zu den hohen 
moralischen Eigenschaften mussten aber auch ungewöhnliche 
geistige hinzutreten. Der Römer, als Philosoph ohne jegliche 
Bedeutung, war der grösste Meister in der Abstraktion fester 
Prinzipien aus den Erfahrungen des Lebens, — eine Meisterschaft, 
die besonders durch den Vergleich mit anderen Völkern 
hervortritt, z. B. mit den Athenern, welche, so fabelhaft begabt, so 
grosse Liebhaber der Rechtshändel und der sophistischen 
Rechtsrätsel sie auch waren, doch gerade in diesem Punkte ewig 
Stümper blieben. 1 ) Diese eigentümliche Fähigkeit, bestimmte 
praktische Verhältnisse zu fest umschriebenen „Begriffen" zu 
erheben, bedeutet eine grosse Geistesthat; jetzt erst kommt 
Ordnung und Übersichtlichkeit in die gesellschaftlichen 
Verhältnisse, ähnlich wie erst durch die Bildung abstrakter 
Sammelworte 



gründlich mit seinem berühmten: „Alles schon dagewesen!" — so ein Esel wie 
er selber war doch noch nicht da, und wird hoffentlich nicht wiederkommen. 
Und wenn auch, es wäre nur die Wiederholung des Individuums, das unter 
neuen Verhältnissen andere Dummheiten zum Besten geben würde. 

*) Vergl. Leist: Gräco-ital. Rechtsgeschichte, S. 694, und für das folgende 
Citat S. 682. 



193 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



die Sprache ein höheres, geordnetes Denken ermöglicht hatte. 
Jetzt handelt es sich nicht mehr um dunkle Instinkte, auch nicht 
um unklare, wechselnde Vorstellungen von Gerechtigkeit und 
Ungerechtigkeit, sondern in klare „Gattungen" geordnet stehen 
alle die Verhältnisse vor unseren Augen, welche durch die 
Erfindung neuer Rechtsnormen oder den weiteren Ausbau schon 
vorhandener geregelt werden sollen. Und da das Leben die 
Erfahrung allmählich mehrt oder selber verwickeitere Formen 
annimmt, entdeckt der römische Scharfsinn nach und nach 
innerhalb der einzelnen Gattungen die „Arten". „In Betreff 
feiner durchdachter Rechtsbegriffe ist das 
römische Recht der immerwährende Lehrmeister für die civilisierte 
Welt und wird es bleiben", sagt Professor Leist, also gerade der 
Mann, der mehr als irgend ein anderer gethan hat, um 
nachzuweisen, dass die Hochschulen den jetzigen einseitig 
römischen Standpunkt der Rechtsgeschichte aufgeben und 
römisches Recht als ein Glied in der Kette zu erkennen lehren 
sollten, als eine der Stufen, „die der arische Geist in der Klärung 
der Rechtsbegriffe erstiegen hat". Je genauer man die zahlreichen 
Versuche zu einer Rechtsbildung vor und neben dem römischen 
studiert, um so mehr sieht man eben die unvergleichlichen 
Verdienste des römischen ein und lernt erkennen, dass es nicht 
vom Himmel fiel, sondern von prächtigen, wackeren Männern als 
Schöpfung ihres eigenen Geistes geschaffen wurde. Denn das darf 
nicht übergangen werden: zu den Fähigkeiten der 
Selbstbeherrschung, der Abstraktion und der feinsten Analyse 
kommt bei den Römern als drittes eine besondere Gabe der 
plastischen Gestaltung. Hierin zeigt sich die Verwandtschaft mit 
dem Hellenentum, nach der man sonst vergeblich Umschau hält. 
Auch der Römer ist ein gestaltungsmächtiger Künstler: er ist es in 
der klaren, plastischen Gestaltung der verwickelten 
Staatsmaschine — kein Theoretiker der Welt hätte sich einen 
solchen Staatsorganismus erdacht, der vielleicht eher als 
Kunstwerk, denn als Werk der Vernunft zu deuten wäre; er ist 
noch mehr Künstler in der plastischen Ausbildung seiner 
Rechtsbegriffe. Und höchst charakteristisch ist ebenfalls die Art, 
wie der Römer darnach strebt, seiner Begriffsplastik auch in den 
rechtlichen Hand- 



194 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



hingen sichtbaren Ausdruck zu geben, überall „die innerliche 
Verschiedenheit äusserlich darzustellen, das Innere 
gewissermassen an die Oberfläche zu rücken". 1 ) Das ist ein 
ausgesprochen künstlerischer Instinkt, der Ausfluss spezifisch 
indoeuropäischer Anlagen. In diesem künstlerischen Element liegt 
auch die magische Kraft der römischen Erbschaft; das ist das 
Unverwüstliche und das ewig Unvergleichliche. 

Denn darüber müssen wir uns klar werden: römisches Recht ist 
ebenso unvergleichlich und unnachahmlich, wie hellenische 
Kunst. Daran wird die lächerliche Deutschtümelei nichts ändern. 
Man erzählt Wunder von einem „deutschen Recht", welches uns 
durch die Einführung des römischen geraubt worden sei; es hat 
aber nie ein deutsches Recht gegeben, sondern lediglich ein Chaos 
von widerstreitenden, rohen Rechten, ein besonderes für jeden 
Stamm. Es ist auch durchaus ungenau, wenn man von einer 
„Recipierung" des römischen Rechtes zwischen dem 13. und dem 
16. Jahrhundert spricht; denn die Germanen haben von ihrer 
ersten Berührung mit dem römischen Reich an ununterbrochen 
„recipiert". Burgunder und Ostgoten haben bereits im 5. 
christlichen Jahrhundert (oder ganz zu Anfang des 6.) 
Bearbeitungen (Verrohungen) des römischen Rechtes eingeführt, 2 ) 
und die ältesten Quellen zu sächsischem, fränkischem, 
bayerischem, alemannischem Recht u. s. w. sind so gespickt mit 
lateinischen Wörtern und halbverstandenen Begriffen, dass das 
Bedürfnis nach vernünftigerer Rechtsgestaltung sich in ihnen 
deutlich ausspricht. Wohl könnte man ein deutsches Recht als 
Ideal in die Zukunft verlegen, es aber in der Vergangenheit 
suchen, ist unredliches Ge- 



*) Behufs Beispiele lese man den prächtigen Abschnitt „Plastik des Rechtes" 
in Jhering's Geist des römischen Rechtes § 23. Von dem modernen 
undramatischen Rechtsleben meint Jhering: „Man hätte unserer Justiz statt 
des Schwertes eine Feder zum Attribut geben mögen, denn einem Vogel waren 
die Federn kaum nötiger als ihr, nur dass sie bei ihr die entgegengesetzten 
Wirkungen hervorbrachten, die Schnelligkeit im umgekehrten Verhältnis zum 
Federnaufwand stand." 

2 ) Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Kap. 1. 



195 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



schwätz. 1 ) — Ein anderes Hindernis für die gerechte Würdigung 
des römischen Rechtes bietet der Taumel des 
Entwickelungsdogmas, der im neunzehnten Jahrhundert die 
Begriffe so arg verwirrte. Der Sinn für das Individuelle, die 
Einsicht, dass das Individuelle allein ewige Bedeutung besitzt, ist 
hierdurch sehr beeinträchtigt worden. Obwohl die Geschichte uns 
als wirkende Mächte lauter durch und durch individualisierte 
Völker und grosse, nie wiederkehrende Persönlichkeiten zeigt, 
führt die Evolutionstheorie zu der Vorstellung, die Anlagen und 
Anfänge seien überall identisch, und es müssten sich aus diesen 
selben Keimen wesentlich analoge Gebilde „entwickeln". Dass das 
nirgends geschieht und dass z. B. römisches Recht nur ein 
einziges Mal entstand, stört unsere Dogmatiker nicht im 
Geringsten. Damit hängt die weitere Vorstellung der 
unaufhörlichen „Vervollkommnung" zusammen, in Folge deren 
unser Recht ohne weiteres das römische überragen muss, weil es 
ein späteres ist, und doch bietet die Natur nirgends ein Beispiel 
dafür, dass an irgend etwas Lebendigem eine Entwickelung 
stattfände, ohne durch entsprechende Einbusse erkauft zu 
werden. 2 ) Unsere Civilisation steht hoch über der römischen; in 
Bezug auf lebendiges Rechtsgefühl kann sich dagegen ein 
gebildeter Mann des 19. Jahrhunderts mit einem römischen 
Bauern aus dem Jahre 500 vor Christus gewiss nicht vergleichen. 
Keiner, der Denkkraft und Wissen besitzt, wird das in Abrede 
stellen. Ich sagte in Bezug auf Recht, nicht auf 

Gerechtigkeit. Wenn Leist schreibt: „Der unbefangen 
Prüfende wird nicht finden, als habe unsere Gegenwart es 
gegenüber der Römerzeit in der Übung, oder auch 



*) Ich weiss keinen schlagenderen Beweis von der ursprünglichen 
Unfähigkeit der Germanen in Rechtsfragen scharf zu urteilen, als dass noch 
ein solcher Mann, wie Otto der Grosse, die prinzipielle Frage, ob Enkel erben 
oder nicht, nicht anders als durch einen Waffenkampf zu entscheiden wusste; 
dieses Gottesurteil wurde dann durch ein pactum sempiternum ins bleibende 
Recht aufgenommen! (Siehe Grimm: Rechtsaltertümer, 3. Ausg., S. 471.) 

2 ) Den ausführlichen Beweis, dass den Begriffen eines Fortschrittes und 
eines Verfalles der Menschheit keine konkrete Bedeutung zukomme, bringt 
das neunte Kapitel. 



196 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



nur Erkennung der wirklichen Gerechtigkeit schon gar herrlich 
weit gebracht," 1 ) so spricht er etwas Beherzigenswertes aus; ich 
citiere aber diese Worte, um recht fühlbar zu machen, dass ich an 
dieser Stelle nicht von Gerechtigkeit spreche, sondern von 
Recht, und damit der Unterschied klar hervortrete. Unsere edle 
Vorstellung der Humanitäts- Pflichten bedeutet wohl doch eine 
Klärung der Vorstellungen in Bezug auf Gerechtigkeit; das 
juristische Rechtsgefühl ist dagegen ein ganz anderes Ding 
und wird auch durch den Besitz der vervollkommnetsten, doch 
importierten Rechtssysteme weder bewährt noch gefördert. 
Um die Unvergleichlichkeit der römischen Leistung zu 
begreifen, darf allerdings ein Umstand nicht übersehen werden: 
das uns geläufige justinianische corpus juris ist nur die 
einbalsamierte Leiche des römischen Rechtes. 2 ) Jahrhundertelang 
wurde sie von geschickten Fachmännern auf galvanischem Wege 
im Scheinleben erhalten; jetzt haben sich alle gesitteten Völker ein 
eigenes Recht ausgearbeitet; ohne das römische wäre das aber 
nicht möglich gewesen, uns allen geht die nötige Begabung ab. 
Eine einzige Beobachtung genügt, um den Abstand fühlbar zu 
machen: das römische Recht der echten Heldenzeit, fest wie ein 
Fels, war nichtsdestoweniger unglaublich elastisch, — 
„unglaublich", meine ich, für unsere modernen, ängstlichen 
Vorstellungen, denn wir haben jenem Rechte alles entnommen, 
nur nicht seinen lebensvollen Charakter. Das römische Recht war 
ein unaufhörlich „Werdendes", durch besondere geniale 
Einrichtungen befähigt, den wechselnden Bedürfnissen der Zeiten 
sich anzupassen. Das Recht, welches im 5. Jahrhundert vor 
Christus von den dazu ernannten Decemvirn seinen allgemeinen 
Umrissen nach in eherne Tafeln eingegraben wurde, war nicht ein 
neues, improvisiertes, von nun an unbewegliches, sondern im 
Wesentlichen eine Kodi- 



*) Gräco-italische Rechtsgeschichte, S. 441. 

2 ) Wie sehr das corpus juris des Justinian dem echten römischen Recht 
nachsteht, hebt schon Francis Bacon hervor und tadelt es, dass eine so 
„dunkle Zeit" sich gestattet habe, an das Werk einer so „glänzenden Zeit" 
verbessernd die Hand anzulegen (siehe die Widmung der Law Tracts) . 



197 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



fikation des schon vorhandenen, historisch gewachsenen; die 
Römer wussten sich Mittel und Wege zu ersinnen, damit es auch 
dann nicht krystallisiere. An den zwölf Tafeln z. B. machte sich 
zunächst der „interpretierende" Scharfsinn der Beamten verdient, 
nicht um das Gesetz zu verdrehen, sondern um es erweiterten 
Verhältnissen halbautomatisch anzupassen; geniale Erfindungen, 
wie z. B. die der juristischen „Fiktion" wodurch ein Mittel 
gefunden war (wenn ich mich laienhaft ausdrücken darf), um 
fehlende Rechtsnormen durch vorhandene zu ersetzen; staatliche 
Einrichtungen, wie diejenige der Prätoren, durch welche dem in 
einem lebendigen Organismus so nötigen Gewohnheitsrecht ein 
Platz gesichert wurde, bis aus der Praxis das beste Recht sich 
ergeben hatte, durch welche auch das jus gentium nach und nach 
in naher Fühlung mit dem engeren römischen jus civile entstand 

das alles bewirkte ein frisches, pulsierendes Rechtsleben, wie 

Keiner es sich vorstellen kann, der Jurisprudenz nicht studiert 
hat, denn um uns herum giebt es nichts derartiges, gar nichts. 1 ) 
Nun bedenke man aber noch, um den Abstand zwischen uns und 
den Römern zu ermessen, dass eigentliche gelernte und gelehrte 
Juristen erst sehr spät, gegen Ende der Republik aufkamen, und 
dass dieses herrliche, in den meisten Teilen unendlich fein 
ciselierte Erzeugnis rechtlicher Technik das Werk eines Volkes von 
Bauern und rauhen Kriegern ist! Man versuche es doch, einem 
heutigen Durchschnittsphilister den juristischen Unterschied 
zwischen Eigentum und Besitz klar zu machen, ihm beizubringen, 
ein Dieb sei der juristische Besitzer der gestohlenen Sache und 
geniesse als solcher rechtlichen Besitzesschutz, der 
Pfandgläubiger ebenfalls und auch der Erbpächter; es wird nicht 
gelingen, ich weiss es aus Erfahrung. Und ich wähle absichtlich 
ein einfaches Beispiel. Der römische Bauer dagegen, der weder 
schreiben noch lesen konnte, wusste das alles ganz genau schon 
ein halbes Jahrtausend vor Christo. 2 ) Er wusste allerdings nicht 



*) Namentlich von den Jahresedikten der Prätoren sagt Leist, sie seien „das 
Hauptmoment in der feineren Ausbildung des römischen Rechtes geworden" 
(a. a. O., S. 622). 

2 ) Siehe die scharfe Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz, Tafel 
VII, Satz 11. 



198 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



viel mehr, sein Recht aber kannte und handhabte er mit ebenso 
genauer Sachkenntnis wie seinen Pflug und seine Ochsen; und 
indem er es kannte und darüber nachdachte, 1 ) indem er für sich 
und das Seine und die Seinigen immer festeren, bestimmteren 
Rechtsschutz erstrebte, errichtete er thatsächlich jenes 
Rechtsgebäude, in welchem spätere Völker in schwierigsten Zeiten 
Schutz fanden, und welches wir jetzt mit mehr oder weniger 
Glück, mit mehr oder weniger Veränderungen nachbauen, 
ausbauen, zu vervollkommnen trachten. Es von selbst erfinden 
und aufführen, das hätte kein anderes Volk vermocht, denn 
nirgends war die nötige Verbindung von Charaktereigenschaften 
und Geistesgaben vorhanden, und dieses Recht musste 
gelebt werden, ehe es gedacht wurde, ehe die Herren kamen, 
welche von einem „natürlichen Recht" so Erbauliches zu melden 
wussten und vermeinten, es sei der Geometrie vergleichbar, die 
der einsame Gelehrte in seiner Kammer ausklügelt. 

Später haben sich Hellenen und Semiten als Dogmatiker und 
Advokaten grosse Verdienste erworben, Italiener als Rechtslehrer, 
Franzosen als Systematiker, Deutsche als Historiker; bei keinem 
der genannten Volksstämme wäre jedoch der Boden zu finden 
gewesen, fähig jenen Baum zur Reife zu bringen. Bei den Semiten 
z. B. fehlte der moralische Untergrund, bei den Deutschen der 
Scharfsinn. Die Semiten haben grosse moralische Eigenschaften, 
nicht aber diejenigen, aus denen ein Recht für civilisierte Völker 
hätte hervorgehen können. Denn die Missachtung der rechtlichen 
Ansprüche und der Freiheit Anderer ist ein in allen mit 
semitischem Blute stark durchsetzten Völkern wiederkehrender 
Zug. Schon im uralten Babylonien hatten sie ein 
feinausgearbeitetes Handels- und Obligationsrecht; aber selbst auf 
diesem beschränkten Gebiet geschah nichts, um dem grässlichen 
Zinswucher zu steuern und an die Wahrung 
menschlicher Rechte, etwa der Freiheit, hat man dort nie 
auch nur gedacht. 2 ) Aber auch unter günstigeren Bedingungen, z. 
B. bei 



*) Noch zu Cicero's Zeiten lernte jeder Knabe die zwölf Tafeln auswendig. 
2 ) Vergleiche die sehr eingehenden Mitteilungen in Jherings 



199 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



den Juden, hat sich nie auch nur ein Ansatz zu einer echten 
Rechtsbildung gezeigt; das scheint sonderbar; ein einziger Blick 
auf die Rechtssätze des grössten jüdischen Denkers, Spinoza, löst 
das Rätsel. Im politischen Traktat (II, 4 und 8) lesen wir: „Ein 
Jeder hat soviel Recht, als er Macht besitzt." Hier könnte man 
allenfalls glauben, es handle sieh lediglich um eine Feststellung 
thatsächlicher Verhältnisse, denn dieses zweite Kapitel ist 
überschrieben „Vom Naturrechte". 1 ) In der Ethik jedoch (T. IV, 
Anhang, 8) steht schwarz auf weiss: „Nach dem höchsten Recht 
der Natur ist einem jeden Menschen unbeschränkt das zu thun 
gestattet, was nach seinem Urteil zu seinem Nutzen gereichen 
wird"; und in der Abhandlung Von der wahren Freiheit heisst es: 
„Um das, was wir zu unserem Heil und zu unserer Ruhe fordern, 
zu erlangen, bedürfen wir keiner anderen Grundsätze, als allein, 
dass wir das beherzigen, was zu unserem eigenen Vorteil 
gereicht." 2 ) Dass ein so ehrlicher Mann nicht verlegen ist, auf 
derartigen Grundlagen eine reine Morallehre aufzubauen, stellt 
seinen angeborenen kasuistischen Gaben das schönste Zeugnis 
aus; man sieht aber, auf jüdischem Boden hätte römisches Recht 
nicht wachsen können, sondern höchstens ein simplifiziertes 
Gesetzbuch, wie es etwa König Tippu Tib am Kongo brauchen 



Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 233 ff. Der gewöhnliche Zinssatz betrug in 
Babylon 20% bis 25%. Jhering behauptet, die Zinsen seien eine babylonische, 
semitische (nicht sumerische) Erfindung; er sagt: „Alle anderen Völker 
verdanken ihre Bekanntschaft damit den Babyloniern". Ehre wem Ehre 
gebührt! Auch die raffiniertesten Formen des Wuchers, z. B. der noch heute 
beliebte Ausweg, Geld ohne Zinsen zu leihen, sie dafür aber gleich vom Kapital 
abzuziehen, waren im alten Babylon, noch ehe Homer Verse zu dichten 
begonnen hatte, wohl bekannt. Wann wird man uns denn endlich mit der 
alten erlogenen Märe in Ruhe lassen, die Semiten seien erst in den letzten 
Jahrhunderten infolge christlicher Bedrückungen zu Zinswucherern 
geworden? 

*) Was für Augen hätten Cicero und Seneca, Scaevola und Papinian zu einer 
derartigen Auffassung des Naturrechtes gemacht! 

2 ) Die Ähnlichkeit zwischen den Prinzipien (nicht den Folgerungen) 
Spinoza's und Nietzsche's ist auffallend genug, um die Aufmerksamkeit zu 
erregen. 



200 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



mag. 1 ) Erst auf der Grundlage eines von Indoeuropäern 
erfundenen und bis ins Einzelne ausgeführten Rechtes konnte der 
Jude seine staunenswerten juristischen Fähigkeiten entdecken. — 
Ganz anders verhält es sich mit den Deutschen. Die 
Selbstaufopferung, den Drang, „von innen nach aussen zu 
bauen", die Betonung des ethischen Moments, den unbändigen 
Freiheitssinn, kurz, die moralischen Eigenschaften hätten sie 
schon in reicher Fülle besessen. Nicht dagegen die geistigen. Der 
Scharfsinn war nie ein Nationalbesitz der Teutonen; das liegt so 
offenbar vor aller Augen, dass jeder Nachweis überflüssig ist. 
Schopenhauer behauptet: „Der wahre Nationalcharakter der 
Deutschen ist Schwerfälligkeit." Dem deutschen Geist stehen für 
die Rechtsbildung seine grossen Gaben ebenfalls im Wege: seine 
unvergleichliche Phantasie (im Gegensatz zur platten Empirie der 
römischen Vorstellungswelt), die schöpferische 

Leidenschaftlichkeit seines Gemütes (im Gegensatz zur kühlen 
Nüchternheit des Römers), seine wissenschaftliche Tiefe (im 
Gegensatz zu den praktisch politischen Tendenzen des geborenen 
Rechtsvolkes), sein lebhaftes Gefühl für Billigkeit (immer in 
gesellschaftlicher Beziehung ein schwankes 



*) Vor wenigen Jahren traf ich in Gesellschaft einen gebildeten Juden, 
Besitzer von Petroleumquellen und Mitglied des verruchten Petroleumringes; 
kein Argument vermochte es, den ehrenhaften Mann, der keine Fliege getötet 
hätte, von der moralischen Verwerflichkeit eines solchen Ringes zu 
überzeugen; seine beständige Antwort war: „ich kann's, folglich darf ich es!" 
Buchstäblich Spinoza, wie man sieht. — Hiermit hängt jene schwere Frage 
zusammen, ob es in germanischen Ländern gestattet sein sollte, Männer 
jüdischen Stammes zu Richtern zu ernennen. Ohne jede Leidenschaftlichkeit 
und Voreingenommenheit, ohne das Wissen und die fleckenlose 
Ehrenhaftigkeit der Betreffenden anzuzweifeln, sollte man sich auf Grund 
historischer und ethischer Ergebnisse fragen, ob es denn vorauszusetzen sei, 
dass jene Männer die Fähigkeit besitzen, eine Rechtsauffassung sich 
vollkommen zu assimilieren, die ihren eingeborenen Anlagen so tief 
widerspricht? ob sie dieses Recht, welches sie meisterhaft handhaben, auch 
wirklich verstehen und fühlen? Wer die scharf ausgesprochene Individualität 
der verschiedenen Menschenrassen erkennen gelernt hat, kann im tiefsten 
Ernst und ohne jede Gehässigkeit eine derartige Frage aufwerfen. 



201 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Rohr im Vergleich zur strengrechtlichen Auffassung der Römer). 
Nein, dieses Volk wäre nicht befähigt gewesen, die Technik des 
Rechtes zu hoher Vollkommenheit auszubilden; es gleicht zu sehr 
den alten Indoariern, deren „gänzlicher Mangel des juristischen 
Unterscheidungsvermögens" von Jhering in seiner Vorgeschichte 
der Indoeuropäer, § 15, dargethan wird. 

Die Familie 

Noch einen solchen nationalen Vergleich in Bezug auf 
Rechtsbildung möchte ich anstellen, den zwischen Hellenen und 
Römern. Er deckt den Kernpunkt des römischen Rechtes auf, den 
einzigen, auf den ich hier, in diesem Buche, die besondere 
Aufmerksamkeit lenken darf, was aber schon genügen wird, um 
fühlbar zu machen, wie tief innerlich unsere Civilisation der 
römischen Erbschaft verpflichtet ist. Zugleich wird diese kurze 
Betrachtung, die bei den Uranfängen anknüpft, uns in die 
brennenden Fragen unsrer unmittelbaren Gegenwart 
hineinführen. 

Jeder Gebildete weiss, dass die Griechen nicht allein grosse 
Politiker, sondern ebenfalls grosse Rechtstheoretiker waren. Der 
„Prozess um des Esels Schatten" 1 ) ist ein uralter attischer Witz, 
der die Vorliebe dieses leichtsinnigen, händelsüchtigen Volkes für 
gerichtliche Klagen trefflich verhöhnt; ich erinnere auch an die 
Wespen des Aristophanes mit den herzzerreissenden Bitten des 
von seinem Sohne eingeschlossenen Philokieon: 
„Lasst mich hinaus, lasst mich hinaus — zum Richten!" Man sehe 
sich aber noch weiter um. Homer lässt auf dem Schilde des 
Achilleus eine Gerichtsscene abgebildet sein (Mas, XVIII, Vers 497 
ff.), Plato's umfangreichste Werke sind politische und 
rechtstheoretische (Die Republik und die Gesetze), die Rhetorik 
des Aristoteles ist stellenweise einfach ein Handbuch für 
angehende Rechtsanwälte; man sehe z. B., wie er im 15. Kapitel 
des ersten Buches eine ausführliche Theorie betrügerischer 
Sophistik für Winkeladvokaten aufstellt, ihnen Andeutungen 
giebt, wie sie das Gesetz zum Vorteil ihres Klienten verdrehen 
können, 



*) Ein Athener mietet einen Esel, um sein Gepäck nach Megara zu tragen; 
bei einer Rast setzt er sich in des Esels Schatten nieder; der Eseltreiber will es 
ohne Extrabezahlung nicht zugeben; er habe den Esel, nicht aber des Esels 
Schatten vermietet. 



202 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



und ihnen rät, vor Gericht, sobald es Vorteil bringt, falsche Eide 
schwören zu lassen. 1 ) — — — Man sieht, mit Ausnahme von 
Sparta (wo es nach Plutarch's Versicherung gar keine Prozesse 
gegeben haben soll) war die hellenische Luft von Rechtsfragen 
geschwängert. Die Römer, stets bereit, fremdes Verdienst 
anzuerkennen, wandten sich behufs Ratschläge für den Ausbau 
ihres Rechtes seit Alters her an die Griechen, namentlich an die 
Athener. Schon als sie das erste Mal ihre rechtlichen 
Grundprinzipien schriftlich fixieren wollten (in den zwölf Tafeln), 
entsandten sie eine Kommission nach Griechenland, und bei der 
endgültigen Redaktion dieses frühesten Monumentes soll ein aus 
seiner Vaterstadt verbannter Ephesier, Hermodorus, 
wesentliche Dienste geleistet haben. Hieran änderte die Zeit 
nichts. Die grossen Rechtsautoritäten, ein M u c i u s 

Scaevola, ein Servius Sulpicius sind genaue 
Kenner hellenischer Rechtseinrichtungen; Cicero, und was 
alles an diesem Namen drum und dran hängt, zieht seine 
unklaren Äusserungen über göttliche Gerechtigkeit, natürliches 
Recht u. s. w. aus griechischen Philosophen: in dem pseudo- 
platonischen Minos hatte er lesen können, das Recht sei die 
Entdeckung eines ausserhalb Liegenden, nicht eine 
menschliche Erfindung, und von Aristoteles citiert er die Worte: 
„das allgemeine Gesetz, weil es das natürliche ist, wechselt nie, 
dagegen geschieht das oft beim geschriebenen"; 2 ) in der späteren 
Zeit kaiserlicher Dekadenz, als das 



*) Dies gehört, nach dem grossen Philosophen, zu den „ausserhalb der 
Kunst liegenden Überzeugungsmitteln". 

2 ) Noch bis zum heutigen Tage findet man diese Stelle in juristischen 
Werken citiert, jedoch mit wenig Recht, da Aristoteles hier bloss einen 
rhetorischen Kniff zum Gebrauch vor Gericht angiebt und auf der nächsten 
Seite die Anwendung der gegenteiligen Behauptung lehrt. Noch weniger zur 
Sache ist die Stelle aus der Nikomachischen Ethik V, 7, die in dem Satze 
gipfelt: „Das Recht ist die Mitte zwischen einem gewissen Vorteil und einem 
gewissen Nachteil". Wie gross erscheint nicht hier wie immer 
Demokrit mit seiner klaren Einsicht: die Gesetze seien Früchte 
menschlichen Sinnens im Gegensatze zu den Dingen der Natur (Diogenes 
Laer. IX, 45)! 



203 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



römische Volk von der Erdfläche verschwunden war, wird die 
sogenannte „klassische Jurisprudenz" fast ausschliesslich von 
Griechen (mehr oder weniger semitischer Abstammung) begründet 
und durchgeführt. Es herrscht merkwürdiges Dunkel über 
Herkunft und Geschichte der berühmtesten Rechtslehrer der 
späteren römischen Zeit; sie sind auf einmal da in Amt und 
Würden, niemand weiss, woher sie kamen. 1 ) Wahrhaft ergreifend 
ist aber am Beginn des kaiserlichen Regimentes und seines 
unausbleiblichen Einflusses auf das Rechtsleben der 
leidenschaftliche Kampf zwischen L a b e o, dem unbändig 
freien Altplebejer, und C a p i t o, dem nach Geld und Ehren 
strebenden Neuling, der Kampf für organische freie 
Weiterentwickelung gegen Autoritätenglauben und Dogma. Das 
Dogma siegte, wie auf religiösem, so auch auf rechtlichem Gebiete. 
— Inzwischen hatten aber, wie gesagt die praktischen Römer gar 
viel in Griechenland gelernt, namentlich von Solon, der als 
Staatenbildner wenig Dauerhaftes geleistet hatte, umsomehr aber 
auf dem Gebiete des Rechtes. Ob Solon die schriftliche 
Rechtsgesetzgebung und das folgenreiche Prinzip der actiones (der 
Einteilung der Klagen nach bestimmten Grundsätzen) erfunden, 
oder ob er sie nur systematisiert und fixiert hat, weiss ich nicht, 
jedenfalls stammt beides aus Athen. 2 ) Dies nur als Beispiel der 
grossen Bedeutung Griechenlands für den Ausbau des römischen 
Rechtes. Später, als alle hellenischen Länder unter römischer 
Verwaltung standen, trugen die griechischen Städte zur 
Ausbildung des jus gentium (und somit auch zur 
Vervollkommnung des römischen Rechtes) das Meiste bei. Und da 
fragt man sich: wie kommt es denn, dass die Hellenen, den 
Römern geistig so sehr überlegen, nichts Dauerhaftes und auch 
nichts Vollendetes auf diesem Gebiete schufen, sondern lediglich 
durch Vermittelung der Römer an dem grossen Civilisationswerk 
der Ausgestaltung des Rechtes teilnahmen? 



*) Betreffs der vorwiegend semitischen und syrischen Rassenangehörigkeit 
der späteren, von uns übertrieben bewunderten Kodifizierer und 
Einbalsamierer des römischen Rechtes vergl. man die oben S. 148 genannte 
Festschrift Leonhard's, S. 91 ff. 

2 ) Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte, S. 585. 



204 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Hier lag ein einziger, jedoch ein folgenschwerer Fehler zu 
Grunde; der Römer ging von der Familie aus, auf Grundlage 
der Familie errichtete er Staat und Recht; der Grieche dagegen 
nahm als Ausgangspunkt den Staat, immer ist die 
Organisation der „Polis" sein Ideal, ihm bleiben Familie und Recht 
untergeordnet. Die gesamte griechische Geschichte und Litteratur 
beweist die Richtigkeit dieser Behauptung, und die Thatsache, 
dass der grösste aller Hellenen nachhomerischer Zeiten, Plato, die 
gänzliche Abschaffung der Familie (in den leitenden Kreisen) für 
ein erstrebenswertes Ziel erachtete, zeigt, zu welchen heillosen 
Verirrungen ein solcher Fundamentalfehler mit der Zeit führen 
musste. Mit vollem Recht sagt einmal Giordano Bruno (wo, ist mir 
entfallen): „Der allergeringste Irrtum in der Art und Weise, eine 
Sache anzufassen, verursacht schliesslich die erheblichsten 
irrtümlichen Abweichungen; da kann das kleinste Versehen in der 
Verzweigung des Gedankenganges heranwachsen, wie eine Eichel 
zur Eiche." 1 ) Und das war hier kein „allergeringster Irrtum", 
sondern ein gewaltiger; hier liegt alles Elend der hellenischen 
Völker eingeschlossen; hier ist der Grund zu suchen, warum sie 
weder Staat noch Recht in dauerhafter, mustergültiger Weise 
auszubauen vermochten. Nimmt man eine sorgfältige 
Einzeldarstellung zur Hand, z. B. die vor wenigen Jahren 
aufgefundene Schrift des Aristoteles: Vom Staatswesen der 
Athener, man wird von dieser Aufeinanderfolge verschiedener 
Verfassungen, die jede einen wesentlich verschiedenen Geist 
atmen, schwindlig: die vordrakonische Verfassung, die 
Verfassungen Drakon's, Solon's, des Kleisthenes, des Aristeides, 
des Perikles, der Vierhundert u. s. w., u. s. w., alles innerhalb 
zweieinhalb Jahrhunderte! Bei festgefügtem Familienleben wäre 
das undenkbar gewesen. Ohne dieses gelangten die Hellenen 
leicht zu ihrer so charakteristisch unhistorischen Auffassung: das 
Recht sei ein Gegenstand der freien Spekulation; und so verloren 
sie das Gefühl dafür, dass es 



*) Vielleicht sind obige Worte nach einer der sehr freien Übersetzungen 
Kuhlenbeck's. In Bruno's De Immenso et Innumerabilibus fand ich folgende 
Bemerkung (Hb. II, cap. 1.): parvus error in principio, magnus infine est. 



205 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



um leben zu können, aus thatsächlichen Verhältnissen 
hervorwachsen muss. 1 ) Und wie auffallend ist es, dass gerade die 
wichtigsten Fragen des Familienrechtes als ein Nebensächliches 
behandelt werden, Solon z. B., der bedeutendste Athenienser auf 
rechtlichem Gebiet, das Erbrecht so dunkel lässt, dass die 
Auslegung der Willkür der Gerichte überlassen bleibt (Aristoteles, 
a. a. O., Abschnitt 9). — Ganz anders Rom. Der starke Drang nach 
Disziplin findet hier zunächst in der festen Organisation der 
Familie einen Ausdruck. Die Söhne bleiben nicht bloss bis zum 
14. Lebensjahre, wie bei den Griechen, unter väterlicher Gewalt, 
sondern bis zum Tode des Vaters; durch Ausschliessung der 
Verwandtschaft auf mütterlicher Seite, durch rechtliche 
Anerkennung der unbegrenzten Gewalt des Paterfamüias, selbst 
über Leben und Tod der Seinigen (und wäre sein Sohn inzwischen 
auch zu den höchsten Staatsämtern hinaufgestiegen), durch 
grösste Freiheit und genaueste Einzelbestimmungen in Bezug auf 
das Testier- und das Erbrecht, durch striktesten Schutz aller 
Eigentums- und Forderungsrechte des Hausvaters (welcher allein 
ein Vermögensrecht besass und eine persona sui juris, d. h. eine 

freie, juristische Person war) durch alle diese Dinge und 

noch manche andere, wurde in Rom die Familie zu einer 
unerschütterlich festen, unzersetzlichen Einheit, und diese 
Einheiten sind es, denen man im letzten Grunde die besondere 
Gestaltung des römischen Staates und des römischen Rechtes zu 
verdanken hat. Man begreift unschwer, wie eine so strenge 
Auffassung der Familie auf das gesamte Leben zurückwirken 
musste: auf die Moral der Männer, auf die Beschaffenheit der 
Kinder, auf die Sorge, das Erworbene zu erhalten und zu 
vererben, auf die Vaterlandsliebe, die nicht, wie in Griechenland, 
künstlich geschürt zu werden brauchte: kämpfte doch der Bürger 
für das dauernd gesicherte Eigene, für sein heiliges Heim, für die 
Zukunft seiner Kinder, für Frieden und Ordnung. 



*) Trefflich ist in dieser Beziehung eine Bemerkung Jean Jacques 
Rousseau's „Si quelquefois les lois influent sur les moeurs, c'est quand elles en 
tirent leurforce" {Lettre ä d'Alembert). 



206 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Die Ehe 

Hiermit hängt natürlich die innerliche Auffassung der Ehe und 
die Stellung des Weibes in der Gesellschaft zusammen: dies ist 
offenbar das positive Element in der Gestaltung der römischen 
Familie, dasjenige, welches nicht durch Gesetze bestimmt werden 
konnte, welches dagegen die Gesetze bestimmt hat. Schon bei den 
alten Ariern wurde die Ehe als „eine göttliche Einrichtung" 
betrachtet, und wenn die junge Frau die Schwelle des neuen 
Heims betrat, wurde ihr zugerufen: „Ziehe hin ins Haus des 
Gatten, dass du Hausherrin heissest; als Gebieterin schalte 
daselbst!" 1 ) Gerade in diesem Punkte zweigten Hellenen und 
Römer, sonst so vielfach verwandt, voneinander ab. Zu Homer's 
Zeiten sehen wir allerdings das Weib von den Griechen noch 
hochgeachtet, die Genossin des Mannes; die nach Kleinasien 
ausgewanderten Ionier nahmen jedoch fremde Frauen, „die den 
hellenischen Mann nicht bei seinem Namen, sondern nur ,Herr' 

nennen durften, diese Entartung der kleinasiatischen Ionier 

hat auf Athen zurückgewirkt". 2 ) Der Römer dagegen „betrachtete 
die Frau als seine ebenbürtige Genossin, seine Lebensgefährtin, 
die alles mit ihm zu teilen hat: Göttliches wie Menschliches.... Die 
Ehefrau hat aber diese Stellung in Rom, nicht weil sie Ehefrau, 
sondern weil sie Weib ist, d. h. wegen der Achtung, welche der 
Römer dem weiblichen Geschlecht als solchem zollt. In allen 
Beziehungen, wo nicht der natürliche Unterschied des 
Geschlechts eine Verschiedenheit bedingt, stellt der Römer das 
Weib mit sich auf eine Linie. Es giebt keinen schlagenderen Beleg 
dafür, als das altrömische Erbrecht, welches zwischen beiden 
Geschlechtern gar keinen Unterschied macht: die Tochter erhält 
genau dasselbe wie der Sohn, die Agnatin wie der Agnat; sind 
keine Kinder da, so erhält die Witwe den ganzen Nachlass und 
schliesst den Mannesstamm aus, ebenso, wenn auch sie nicht 
vorhanden ist, die Schwester. Man muss die Zurücksetzung, 
welche das weibliche Geschlecht in den Rechten so vieler anderer 
Völker 



*) Zimmer: Indisches Leben, S. 313 ff. 

2 ) Etfried Müller: Dotier, 2. Ausg. I, 78, II, 282 (nach Leist citiert). 



207 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



erfahren hat, kennen, um die Bedeutsamkeit dieses Punktes 
einzusehen; in Griechenland z. B. schloss der nähere männliche 
Verwandte das Weib gänzlich aus, und das Los einer Erbtochter 
war ein geradezu beklagenswertes, der nächste männliche 
Verwandte konnte sie ihrem Ehemann entziehen." 1 ) Als Fürstin, 
princeps famüiae, wurde die römische Ehefrau im Hause verehrt, 
und das römische Gesetz spricht von der matronarum sanctitas, 
der Heiligkeit der mit Kindern gesegneten Frauen. Kinder, 
die sich irgendwie gegen ihre Eltern vergingen, traf die „Sacertät", 
d. h. die Achtung vor Göttern und Menschen; auf dem Vatermord 
lag keine Strafe, weil (so erzählt Plutarch) man dieses Verbrechen 
für undenkbar hielt, — in der That währte es über ein halbes 
Jahrtausend, bis das erste Parricidium begangen wurde. 2 ) Um 
sich diese altrömische Familie richtig vorzustellen, muss man sich 
noch eins gegenwärtig halten: dass nämlich im römischen Lehen 
das sakrale Element, d. i. die Achtung vor göttlichen 
Geboten eine grosse Rolle spielte. War der Paterfamilias dem 
menschlichen Rechte nach ein unbeschränkter Despot in seinem 
Hause, so verwehrte ihm das göttliche Gebot, dieses Recht zu 
missbrauchen. 3 ) Das Familienhaus war ja ein 



*) Jhering: Entwickelungsgeschichte des römischen Rechtes, S. 55. Bei den 
Germanen sah es nicht besser aus. „Das Erbrecht ist allen Weibern nach den 
ältesten deutschen Gesetzen entweder versagt oder beschränkt", meldet 
Grimm: Deutsche Rechtsaltertümer, 3. Ausg., S. 407. Die Milderungen, die 
nach und nach eintraten, sind auf römischen Einfluss zurückzuführen; wo 
dieser nicht oder wenig hinreichte, enthalten noch im Mittelalter die 
deutschen Rechtsbücher „völlige Hintansetzung"; ganz im Norden, in 
Skandinavien und im ältesten Friesland, konnte ein weibliches Wesen 
überhaupt nichts erben, weder fahrendes, noch liegendes Gut: „der Mann geht 
zum Erbe, das Weib davon"; erst im 13. Jahrhundert wurde letzterem dort ein 
beschränktes Erbrecht zugestanden. (Grimm, S. 473.) Das sind die 
Rechtsverhältnisse, nach denen die Deutschtümler sich zurücksehnen! 

2 ) (Romulus, XXIX.) Zum Kontrast diene, dass es bei den Deutschen bis zur 
Einführung des Christentums (bei den Wenden sogar bis zum 17. 
Jahrhundert) Sitte war, alte, schwache Eltern zu erschlagen! (siehe Grimm: 
Rechtsaltertümer, S. 486 - 490). 

3 ) Ausserdem unterlag er der „censorischen Rüge", sowohl für 



208 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Heiligtum, sein Herd einem Altar gleichwertig; und wenn es auch 
für unser heutiges Gefühl etwas Grauenhaftes hat, davon zu 
hören, dass bei sehr grosser Armut Eltern bisweilen ihre Kinder in 
die Sklaverei verkauften, so wird man doch aus allen 
Rechtsgeschichten die Überzeugung gewinnen, dass irgend eine 
Grausamkeit (nach damaligen Begriffen) gegen Frau oder Kinder 
fast oder ganz unbekannt war. Zwar ist die Gattin ihrem Manne 
gegenüber juristisch filiae loco (einer Tochter gleich), ihren eigenen 
Kindern gegenüber sororis loco (einer Schwester gleich): das 
geschieht aber im Interesse der Einheit der Familie und damit, 
sowohl in staatsrechtlicher wie in privatrechtlicher Beziehung, die 
Familie als scharf abgegrenztes, von einer einzigen Person 
juristisch vertretenes, autonomes, organisches Gebilde auftrete, 
nicht als ein mehr oder minder festes Konglomerat von lauter 
einzelnen Fragmenten. Schon im politischen Teile dieses Kapitels 
sahen wir, dass der Römer es liebte, die Gewalt einzelnen 
Männern zu übergeben, vertrauend, dass aus Freiheit, gepaart mit 
Verantwortlichkeit, beides im Brennpunkt einer ihrer 
Individualität bewussten Persönlichkeit vereint, massvolle und 
zugleich energische, weise Handlung hervorgehen würde. So auch 
hier. Später entartete dieses Familienleben; es wurden schlaue 
Mittel ersonnen, um Surrogate für die wahre Ehe aufzubringen, 
damit die Frau nicht mehr in die juristische Gewalt des Mannes 
käme; „die Ehe wurde zu einem Geldgeschäft wie jedes andere; 
nicht um Familien zu gründen, sondern um die zerrütteten 
Vermögensverhältnisse durch Heiratsgüter aufzubessern, wurden 
Ehen geschlossen, und geschlossene getrennt, um neue zu 
schliessen;" 1 ) aber trotzdem konnte noch zu Caesar' s Zeiten 
Publius Syrus als römische Auffassung der Ehe die Zeile 
schreiben: 

Perenne animus conjugium, non corpus facit. 

Die Seele, nicht der Körper, macht die Ehe zu einer 
immerwährenden. 



zu grosse Strenge in der Ausübung seiner väterlichen Rechte, wie auch für 
Nachlässigkeit; siehe Jhering: Geist des römischen Rechtes, § 32. 
2 ) Esmarch: Römische Rechtsgeschichte, S. 317. 



209 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Das Weib 

Das ist der Mittelpunkt des römischen Rechtes; der Kontrast 
mit Griechenland (und mit Deutschland) lässt die Bedeutung 
eines solchen organischen Mittelpunktes ahnen. Auch hier wieder 
bewährt sich der Römer, wenn auch als durchaus 
unsentimentaler, fast peinlich phantasieloser, so doch nichts 
weniger als unidealer Mensch. Er besitzt sogar eine so grosse 
Macht der Idee, dass dasjenige, was er recht von Herzen wollte, 
nie wieder ganz verschwand. Wie sahen es schon im vorigen 
Abschnitt: Ideen sind unsterblich. Der römische Staat wurde zu 
Grunde gerichtet, seine Idee lebte aber, mächtig gestaltend, durch 
die Säcula weiter; am Schlüsse des 19. Jahrhunderts schmücken 
sich vier mächtige Monarchen Europas mit dem Patronymikon 
Julius Caesar's, und der Begriff der Res publica gestaltet den 
grössten Staat der neuen Welt. Das römische Recht aber lebt 
nicht allein als justinianische Mumie, nicht allein als technisches 
Geheimnis, nur den Technikern zugänglich, weiter; nein, ich 
glaube, dass auch der lebenbildende Kern, aus dem jenes Recht 
im letzten Grunde erwachsen war, doch, trotz der Finsternis 
schmachvollst unheiliger Jahrhunderte und trotz der auflösenden 
Gährung, die ihnen folgte, niemals zu Grunde ging, und dass er in 
uns als ein kostbarstes Gut weiterlebt. Wir reden noch heute von 
der Heiligkeit der Familie; wer sie, wie gewisse 
Sozialisten, leugnet, der wird aus der Liste urteilsfähiger Politiker 
gestrichen, und selbst wer kein gläubiger Katholik ist, wird sich 
hundertmal lieber mit der Vorstellung befreunden, die Ehe sei ein 
religiöses Sakrament (wie es ja im alten Rom war; hier wie an so 
vielen Orten fusst das Papsttum unmittelbar auf altrömischem 
Pontifikalrecht und bewährt sich als letzter offizieller Vertreter des 
Heidentums), als dass er zugeben wird, die Ehe sei, wie der 
gelehrte Anarchistenführer Elisee Reclus geschmackvoll sagt: 
„lediglich legale Prostitution". Dass wir so fühlen, ist römische 
Erbschaft. Auch die hochgeachtete Stellung des Weibes, wodurch 
unsere Civilisation sich von der hellenischen und von den 
verschiedenen Abarten der semitischen und asiatischen so 
vorteilhaft unterscheidet, ist nicht, wie Schopenhauer und 
manche Andere gelehrt haben, eine „christlich-germanische 
Schöpfung", 



210 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



sondern eine römische Schöpfung. So weit man urteilen kann, 
müssen die alten Germanen ihre Weiber nicht besonders gut 
behandelt haben; hier scheint aber römischer Einfluss zu allererst 
gewirkt zu haben; die ältesten deutschen Rechtsbücher sind in 
Bezug auf die rechtliche Stellung der Frau voller wörtlicher 
Entlehnungen aus römischem Recht (siehe Grimm: Deutsche 
Rechts altertümer II, Kap. 1. B 7 u. ff.). Dass das Weib in Europa 
eine feste, sichere, rechtliche Stellung erlangte, das war römisches 
Werk. Besungen wurde das „schöne Geschlecht" allerdings erst 
von Deutschen, Italienern, Franzosen, Engländern, Spaniern; 
daran hatten freilich die Römer nie gedacht. 1 ) Ich frage mich aber, 
ob wir ohne den Scharfblick und Gerechtigkeitssinn, vor allem 
ohne den unvergleichlichen staatenbildenden Instinkt der Römer 
jemals dahin gelangt wären, das Weib als vollgültige Genossin 
unseres Lebens, als Eckstein der Familie in unser 
politisches System aufzunehmen? Ich glaube es bestimmt 
verneinen zu dürfen. Das Christentum bedeutet durchaus keine 
Stärkung der Idee der Familie. Im Gegenteil, sein eigentliches 
Wesen ist, dass es alle politischen und rechtlichen Bande zerreisst 
und jedes einzelne Individuum auf sich selbst stellt. Von dem 
christlichen Kaiser Konstantin, der die Souveränität des 
paterfamüias aufhob, erhielt denn auch die römische Familie den 
Gnadenstoss. Als Ausfluss des Judentums ist ausserdem das 
Christentum von Hause aus eine anarchische Macht, eine 
antipolitische. Dass die katholische Kirche ganz andere Wege ging 
und eine politische Macht erster Grösse wurde, ist einfach dem 
Umstand zuzuschreiben, dass sie die klare Lehre Christi 
verleugnete, und dafür die römische Staatsidee wieder aufgriff — 
wenn auch nur die Idee des verkommenen römischen Staates. Für 
die Erhaltung des römischen Rechtes that die Kirche mehr als 
irgend Jemand; 2 ) Papst Gregor IX. zum Beispiel geizte einzig 



*) Ich rede von dem treuen, keuschen Weibe; denn die Ehebrecherin und die 
Hetäre wurden von den namhaftesten Dichtern des verfallenen Rom, allen 
voran C a t u 1 1 und V i r g i 1, hoch gefeiert. 

2 ) Siehe namentlich Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im 
Mittelalter, Kap. 3, 15, 22 u. s. w. 



211 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



nach dem Titel eines „Justinian der Kirche"; mehr als 
Seligsprechung lag diese Anerkennung seiner juristischen 
Verdienste ihm am Herzen. 1 ) Waren nun auch die Gründe, welche 
die Kirche und die Könige trieben, das römische Recht in seiner 
byzantinischen Aftergestalt zu erhalten und zwangsweise 
einzuführen, durchaus nicht immer besonders edle, das konnte 
doch nicht verhindern, dass manches Edelste an römischen 
Gedanken zugleich mit gerettet wurde. Und ebenso wie die 
Tradition des römischen Rechtes niemals aufhörte, schwand auch 
die römische Auffassung der Würde des Weibes und der 
politischen Bedeutung der Familie nie wieder ganz aus dem 
Bewusstsein der Menschen. Seit etlichen Jahrhunderten (hier wie 
an so manchen Orten bildet das 13. Jahrhundert mit Petrus 
Lombardus die fast mathematische Scheidelinie) sind wir der 
altrömischen Auffassung immer näher gekommen, namentlich 
seitdem das Tridentiner Konzil und Martin Luther zu gleicher Zeit 
die Heiligkeit der Ehe betonten. Dass diese Annäherung in 
mancher Beziehung eine rein ideelle ist, thut nichts zur Sache; 
eine durch und durch neue Civilisation kann sich gar nicht zu 
gründlich von alten Formen frei machen; ohnehin giessen wir gar 
zu viel neuen Wein in alte Schläuche; ich glaube aber nicht, dass 
irgend ein vorurteilsloser Mann leugnen wird, die römische 
Familie sei eine der herrlichsten Errungenschaften des 
Menschengeistes, einer jener Gipfel, die nicht zweimal erklommen 
werden können, und zu denen noch die fernsten Jahrhunderte 
voll Bewunderung hinaufblicken werden, zugleich auch, um sicher 
zu sein, dass sie selber nicht zu weit von der Wahrheit abirren. 
Bei jedem Studium des 19. Jahrhunderts, z. B. bei der 
Besprechung der brennenden Frauenemanzipationsfrage, wird 
dieser ragende Gipfel unschätzbare Dienste leisten; ebenso bei der 
Beurteilung jener sozialistischen Theorien, welche, im Gegensatz 
zu Rom, auf die Formel hinauslaufen: keine Familie, alles Staat. 

Poesie und Sprache 

Ich habe hier etwas Schwieriges versucht: über einen 
technischen Gegenstand nicht-technisch zu reden. Ich musste 
mich 



*) Bryce: Das heilige römische Reich, franz. Ausg., S. 131. 



212 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



darauf beschränken, die besondere Befähigung der Römer für die 
Ausbildung gerade dieser Technik nachzuweisen; was ich sodann 
als den weitest reichenden Erfolg für die menschliche Gesellschaft 
hervorzuheben bemüht war, die felsenfeste, rechtliche 
Begründung der Familie, das ist, wie man bemerkt haben wird, 
wesensgleich mit der ursprünglichen, treibenden Kraft, aus 
welcher die technische Meisterschaft allmählich heraufgewachsen 
war. Alles, was dazwischenliegt, d. h. die gesamte eigentliche 
Technik, musste beiseite gelassen werden, ebenso wie eine 
Erörterung über die Vorteile und die Nachteile des vorwiegenden 
Einflusses des römischen Rechtes im 19. Jahrhundert in rein 
technischer Beziehung. Auch ohne solch' gefährlichen Sandboden 
zu betreten, gab es für uns Laien genug anregende 
Betrachtungen. 

Mit Absicht habe ich mich auf Politik und Recht beschränkt. 
Was nicht auf uns vererbt wurde, fällt nicht in den Gesichtskreis 
dieses Buches, und Manches, was sich erhalten hat, wie z. B. die 
Werke lateinischer Dichter, bildet eine Beschäftigung für 
Liebhaber und Gelehrte, nicht aber einen lebendigen Teil unseres 
Lebens. Griechische Poesie und lateinische Poesie 
zusammenzuthun zu dem einen Begriff „klassische Litteratur", ist 
ein Beweis von unglaublicher Geschmacksbarbarei und von einer 
bedauerlichen Unkenntnis des Wesens und Wertes genialer 
Kunst. Wo römische Dichtung das Erhabene anstrebt, wie bei 
Virgil und Ovid, schliesst sie sich im richtigen Gefühl ihrer 
rettungslosen Unoriginalität möglichst sklavisch an griechische 
Muster an. Wie Treitschke sagt: „Die römische Litteratur ist eine 
griechische, die mit lateinischen Worten geschrieben wird." 1 ) Was 
sollen unsere unseligen Knaben denken, wenn ihnen früh die Rias 
des grössten dichterischen Schöpfers aller Zeiten erklärt wird, 
nachmittags die auf kaiserlichen Befehl ausgearbeitete 
Tendenzepopöe, die Aeneis: beide als klassische Muster? Das 
Echte und das Unechte, das glorreiche, freie Schaffen aus 
höchster schöpferischer Not und die feingebildete Technik im 
Dienste des Goldes und des 



*) Über den grossen L u c r e z als Ausnahme, vergl. das S. 71, Anm. 
Gesagte. 



213 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Dilettantismus, das Genie und das Talent: vorgeführt als zwei auf 
dem selben Stock gewachsene Blumen, nur wenig unterschieden! 
Solange jenes blasse Gedankenunding, der Begriff der 
„klassischen Litteratur", unter uns als Dogma weiterlebt, solange 
umfängt uns noch die Nacht des Völkerchaos, solange sind unsere 
Schulen Sterilisierungsanstalten zur Vertilgung jeder 
schöpferischen Regung. Hellenische Dichtung war ein Anfang, 
eine Morgendämmerung, sie erschuf ein Volk, sie schenkte ihm 
aus verschwenderischem Herzen alles, was höchste Schönheit 
geben kann, um das Leben zu heiligen, alles was Poesie vermag, 
um arme, geplagte Menschenseelen zu verklären und mit der 
Ahnung unsichtbarer, freundlicher Mächte zu erfüllen, — und 
unversiegbar quillt nunmehr dieser Lebensborn, ein Jahrhundert 
nach dem andern labt sich an ihm, ein Volk nach dem andern 
schöpft aus seinen Fluten die Begeisterungskraft, selber Schönes 
zu schaffen; denn das Genie ist wie Gott: zwar offenbart es sich in 
einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Umständen, seinem 
Wesen nach ist es aber unbedingt, was Anderen zu Ketten wird, 
daraus schmiedet es sich Flügel, es entsteigt der Zeit und ihrem 
Todesschatten und geht lebendig ein in die Ewigkeit. In Rom 
dagegen, man darf es kühn behaupten, war das Genie überhaupt 
verboten. Rom hat keinerlei Dichtung, bis es in Verwesung 
kommt. Erst bei hereinbrechender Nacht, als kein Volk mehr da 
ist, um sie zu hören, erheben seine Sänger ihre Stimmen; 
Nachtfalter sind es: sie schreiben für die Boudoirs lasciver Frauen, 
für die Zerstreuung feingebildeter Lebemänner und für den Hof. 
Obwohl Hellenen in nächster Nähe lebten und von den frühesten 
Zeiten an die Samen hellenischer Kunst und Philosophie und 
Wissenschaft ausstreuten (denn alle Bildung war in Rom von jeher 
griechisch), kein einziges Samenkorn ging auf. 500 Jahre vor 
Christus sandten schon die Römer nach Athen, um genaue 
Nachricht über griechisches Recht zu erhalten; ihre Gesandten 
trafen den Aeschylus in der Fülle seiner Kraft, Sophokles schon 
schöpferisch thätig an; welche künstlerische Blüte hätte bei 
solcher Lebensenergie in Rom nach dieser Berührung aufgehen 
müssen, wenn nur die geringste Beanlagung vorhanden gewesen 



214 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



wäre. Das war aber nicht der Fall. Wie Mommsen sagt: „die 
Entwickelung der musischen Künste in Latium war mehr ein 
Eintrocknen als ein Aufblühen." Die Lateiner hatten vor dem 
Verfall überhaupt kein Wort für Dichter, der Begriff war ihnen 
fremd! — Wenn ihre Dichter nun ohne Ausnahme ungenial waren, 
worin bestand die Bedeutung derjenigen unter ihnen, die, wie 
Horaz und Juvenal, stets die Bewunderung der Sprachkünstler 
erregt haben? Offenbar, wie alles, was aus Rom stammt, in der T 
e c h n i k. Die Römer waren grossartige Baumeister — von 
Kloaken und Aquädukten, 1 ) grossartige Maler — von 
Zimmerdekorationen, grossartige Fabrikanten — 

kunstgewerblicher Gegenstände; in ihren Circussen kämpften 
bezahlte Techniker des Fechtens und fuhren berufsmässige 
Wagenlenker. Der Römer konnte Virtuos werden, nicht Künstler; 
jede Virtuosität interessierte ihn, keine Kunst. Die Gedichte des 
Horaz sind technische Meisterstücke. Abgesehen vom historisch- 
pittoresken Interesse als Schilderungen eines entschwundenen 
Lebens, fesselt uns bei diesen Dichtungen lediglich die Virtuosität. 
Die „Lebensweisheit", wirft man mir ein? Ja, wenn eine so 
alltägliche, nüchterne Weisheit nur nicht überall besser am Platze 
wäre, als im Zauberreich der Kunst, deren weit offene 
Kindesaugen aus jedem hellenischen Dichtwerk eine so ganz 
andere Weisheit künden als die, welche dem Horaz und seinen 
Freunden zwischen Käse und Obst einfällt. Eine der echtesten 
Dichternaturen, die je gelebt, Byron, sagt von Horaz: 

It is a curse 

To understand, notfeel thy lyricflow, 

To comprehend, but never love thy verse. 2 ) 

Was ist das für eine Kunst, die nur zum Verstand, nie zum Herzen 
redet? Es kann nur eine künstliche Kunst sein, eine 



*) Doch auch hier nicht Erfinder; siehe Hueppe's Untersuchungen über die 
Wassertechnik der alten Griechen: Rassenhygiene der Griechen, S. 37. 

2 ) Ein Fluch ist es, deinen lyrischen Erguss mit dem Verstand allein, nicht 
mit dem Gefühl aufzufassen, deine Verse zwar begreifen, doch niemals lieben 
zu können. 



215 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



Technik; käme sie von Herzen, sie würde auch zu Herzen gehen. 
In Wahrheit stehen wir hier noch unter französischer 
Vormundschaft, und die Franzosen unter syrisch-jüdischer 
(Boileau-Pseudolonginus); und ist auch wenig von dieser 
Erbschaft ins moderne Leben eingedrungen, wir sollten sie endlich 
einmal ganz abwerfen zu Gunsten unserer eigenen Dichter In 
Worten und in Tönen, gottbegnadeter Männer, deren Werke 
himmelhoch alles überragen, was auf dem Schutte des verfallenen 
Rom wie etiolierte Pflanzen, in ungesunder Hast, wurzel- und 
saftlos in die Höhe schoss. 1 ) 

In den Händen des Fachmannes, d. h. des Philologen, wird die 
lateinische Poesie ebenso sicher und zweckentsprechend 
aufgehoben sein, wie das corpus juris bei den Rechtsforschern. 
Will man aber die lateinische Sprache als allgemeines 
Bildungsmittel durchaus beibehalten (anstatt dass man die 
griechische allein, dafür aber gründlicher, lehrte), so zeige man sie 
dort am Werke, wo sie Unvergleichliches leistet, wo sie, In 
Übereinstimmung mit der besonderen Anlage des römischen 
Volkes und mit seiner historischen Entwickelung das vollbringt, 
was nie eine andere Sprache gekonnt hat, noch können wird: beim 
plastischen Ausbau rechtlicher Begriffe. Man sagt, die lateinische 
Sprache bilde den logischen Sinn; ich will es glauben, wenn ich 
auch nicht umhin kann zu bemerken, dass man gerade in dieser 
Sprache während der scholastischen Jahrhunderte, trotz aller 
Logik, mehr Unsinn geschrieben hat, als je in einer anderen; 
wodurch hat aber die lateinische Sprache einen Charakter von so 
grosser, wortkarger Bestimmtheit erlangt? Dadurch, dass sie 
ausschliesslich als Geschäfts- und Verwaltungs- und 
Rechtssprache ausgebildet wurde. Diese unpoetischeste aller 
Sprachen ist ein grossartiges Monument des folgenschweren 
Kampfes freier Menschen um ein gesichertes Recht. Dort zeige 
man sie unseren Jüng- 



*) Aus der grossen, mir nur zum kleinen Teil bekannt gewordenen 
Litteratur, die in den letzten Jahren über diese Frage entstanden ist, empfehle 
ich ganz besonders die kleine, ebenso kenntnisreiche wie sachlich 
leidenschaftslose Schrift von Prof. Albert Heintze: Latein und Deutsch, 1902. 



216 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



lingen am Werke. Die grossen Rechtslehrer Roms haben eo ipso 
das schönste Lateinisch geschrieben; dazu (und nicht zum 
Verseschreiben) war ja diese Sprache da; die makellos 
durchsichtige, jede Missdeutung ausschliessende Satzbildung war 
ein wichtiges Instrument juristischer Technik; aus dem 
Rechtsstudium allein hat Cicero seine stilistischen Vorzüge 
geschöpft. Schon von den ältesten Dokumenten der Geschäfts- 
und Gerichtssprache sagt Mommsen, sie zeichneten sich aus 
„durch Schärfe und Bestimmtheit", 1 ) und von der Sprache 
Papinian's, eines der letzten der grossen Rechtslehrer (unter Marc 
Aurel), berichten philologisch geschulte Männer, sie sei: „die 
höchste Steigerung der Fähigkeit, stets den der Tiefe und Klarheit 
des Gedankens vollkommen entsprechenden Ausdruck zu finden;" 
wie aus Marmor gemeisselt stünden seine Sätze: „kein Wort zu 
viel, keins zu wenig, jedes Wort am unbedingt rechten Platz, so 
weit es der Sprache möglich ist, jeden Doppelsinn 
ausschliessend." 2 ) Ein Verkehr mit derartigen Menschen wäre 
wirklich ein kostbarer Beitrag zu unserer Bildung. Und mich 
dünkt, wenn jeder römische Knabe die zwölf Tafeln auswendig 
wusste, unseren Jünglingen könnte es auch nur dienlich und 
geistig förderlich sein, wenn sie die Schule nicht lediglich als 
dumme gelehrte subjecti, sondern mit einigen genauen Begriffen 
rechtlicher und staatsrechtlicher Dinge, nicht allein formell 
logisch, sondern auch vernünftig und praktisch denkend, gestählt 
gegen hohle Schwärmerei für „deutsches Recht" und dergleichen 
verliessen. Inzwischen liegt in unserem Verhalten zur lateinischen 
Sprache eine schlecht verwaltete und darum ziemlich sterile 
Erbschaft vor. 

Zusammenfassung 

Wir Männer des 19. Jahrhunderts, wir wären nicht was wir 
sind, wenn nicht aus diesen beiden Kulturen, der hellenischen 
und der römischen, ein reiches Vermächtnis auf uns gekommen 
wäre. Darum können wir auch unmöglich beurteilen, was wir in 
Wahrheit sind, und mit Bescheidenheit eingestehen, wie wenig 
das ist, 



*) Römische Geschichte I, 47 1 . 

2 ) Esmarch: Römische Rechtsgeschichte, S. 400. 



217 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



wenn wir uns nicht eine durchaus deutliche Vorstellung von der 
Beschaffenheit dieser Erbstücke machen. Ich hoffe, mein 
Bestreben wird nach dieser Richtung hin nicht ganz ohne Erfolg 
gewesen sein, auch hoffe ich, dass der Leser namentlich bemerkt 
haben wird, wie das römische Erbe sich von Grund und Boden 
aus vom hellenischen unterscheidet. 

In Hellas war die geniale Persönlichkeit das ausschlaggebende 
Moment gewesen: gleichviel ob diesseits oder jenseits des 
adriatischen und des ägäischen Meeres, die Griechen waren gross, 
solange sie grosse Männer besassen. In Rom hat es dagegen nur 
insofern und nur so lange bedeutende Individualitäten gegeben, 
als das Volk gross war, und gross war es, solange es physisch und 
moralisch unverfälscht römisch blieb. Rom ist das extremste 
Beispiel einer grossen anonymen Volksmacht, die unbewusst, 
aber um so sicherer schafft. Darum aber ist es weniger anziehend 
als Hellas, und darum wird auch die Leistung Roms für unsere 
Civilisation selten gerecht beurteilt. Und doch fordert Rom 
Bewunderung und Dankbarkeit; seine Gaben waren moralische, 
nicht intellektuelle; gerade hierdurch jedoch war es befähigt, 
Grosses zu leisten. Nicht der Tod des Leonidas konnte die 
asiatische Gefahr von Europa abwenden und mit der 
Menschenfreiheit die Menschenwürde erretten, sie künftigen 
Zeiten zu friedvollerer Pflege und festerem Bestand übermachend; 
das vermochte einzig ein langlebiger Staat von eiserner, 
unerbittlicher politischer Konsequenz. Nicht Theorie aber, und 
eben so wenig Schwärmerei und Spekulation konnten diesen 
langlebigen Staat erschaffen; er musste in dem Charakter 
der Bürger wurzeln. Dieser Charakter war hart und eigensüchtig, 
gross jedoch durch sein hohes Pflichtgefühl, durch seine 
Aufopferungsfähigkeit und durch seinen Familiensinn. Indem der 
Römer inmitten des Chaos der damaligen Staatsversuche seinen 
Staat errichtete, errichtete er den Staat für alle Zeiten. 
Indem er sein Recht zu einer unerhörten technischen 
Vollkommenheit ausarbeitete, begründete er das Recht für 
alle Menschen. Indem er die Familie, seinem Herzensdrang 
folgend, zum Mittelpunkt von Recht und Staat machte und diesem 
Begriffe fast exorbitanten Ausdruck verlieh, hob er das Weib zu 



218 Das Erbe der alten Welt. Römisches Recht. 



sich hinauf und schuf die Verbindung der Geschlechter um zur 
Heiligkeit der Ehe. Geht unsere künstlerische und 
wissenschaftliche Kultur in vielen wesentlichen Momenten auf 
Griechenland zurück, so führt unsere gesellschaftliche Kultur auf 
Rom. Ich rede hier nicht von der materiellen Civilisation, die aus 
allerhand Ländern und Epochen, und vornehmlich aus dem 
Erfindungsfleiss der letzten Jahrhunderte stammt, sondern von 
den sicheren moralischen Grundlagen eines würdigen 
gesellschaftlichen Lebens; sie zu legen war eine grosse 
Kulturarbeit. 



219 



DRITTES KAPITEL 

DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 



Durch Eines Tugend sind Alle zum 

wahren Heile gekommen. 

Mahäbhärata 



220 



221 



Einleitendes 

Vor unseren Augen steht eine bestimmte unvergleichliche 
Erscheinung; dieses erschaute Bild ist das Erbe, das wir von 
unseren Vätern überkommen haben. Die historische Bedeutung 
des Christentums kann man ohne die genaue Kenntnis dieser 
Erscheinung nicht ermessen und richtig beurteilen; dagegen gilt 
das Umgekehrte nicht, und die Gestalt Jesu Christi Ist heute 
durch die geschichtliche Entwickelung der Kirchen eher 
verdunkelt und ferngerückt als unserem klarschauenden Auge 
enthüllt. Einzig durch eine örtlich und zeitlich beschränkte 
Kirchenlehre diese Gestalt erblicken, heisst sich freiwillig 
Scheuklappen aufbinden und sich die Aussicht auf das göttlich 
Ewige auf ein kleines Mass beschränken. Durch die 
Kirchendogmen wird ohnehin gerade die Erscheinung Christi 
kaum berührt; sie alle sind so abstrakt, dass sie weder dem 
Verstand noch dem Gefühl einen Anhaltspunkt bieten; es gilt von 
ihnen im Allgemeinen, was ein unverfänglicher Zeuge, der heilige 
Augustinus, von dem Dogma der Dreieinigkeit sagt: „Wir reden 
also von drei Personen, nicht weil wir wähnen, hiermit etwas 
ausgesagt zu haben, sondern lediglich, weil wir nicht schweigen 
können." 1 ) Gewiss ist es keine Verletzung der schuldigen 
Ehrfurcht, wenn wir sagen: nicht die Kirchen bilden die Macht des 
Christentums, sondern diese bildet einzig und allein jener Quell, 
aus dem die Kirchen selber alle Kraft schöpfen: der Anblick des 
gekreuzigten Menschensohnes. 



*) „Dictum est tarnen tres personae, non ut aliquid diceretur, sed ne 
taceretur." De Trinitate, lib. V, c. 9. 



222 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Trennen wir also die Erscheinung Christi auf Erden von allem 
historischen Christentum. 

Was sind denn auch unsere 19 Jahrhunderte für die bewusste 
Aufnahme eines derartigen Erlebnisses, für die alle Schichten der 
Menschheit durchdringende Umwandlung durch eine von Grund 
aus neue Weltanschauung? Man bedenke doch, dass es über zwei 
Jahrtausende gewährt hat, ehe die mathematisch beweisbare, 
sinnfällig vorstellbare Struktur des Kosmos ein fester, allgemeiner 
Besitz des menschlichen Wissens wurde! 1 ) Ist nicht der Verstand 
mit seinen Augen und mit seinem unfehlbaren Brevier von 2 mal 2 
ist 4 leichter zu modeln, als das blinde, ewig durch Eigensucht 
bethörte Herz? Nun wird ein Mann geboren und lebt ein Leben, 
durch welches die Auffassung von der sittlichen Bedeutung des 
Menschen, die gesamte „moralische Weltanschauung" eine völlige 
Umwandlung erleiden — wodurch zugleich das Verhältnis des 
Individuums zu sich selbst, sein Verhältnis zu Anderen und sein 
Verhältnis zur umgebenden Natur eine früher ungeahnte 
Beleuchtung erfahren muss, so dass alle Handlungsmotive und 
Ideale, alle Herzensbegehr und Hoffnung nunmehr umzugestalten 
und vom Fundament aus neu aufzubauen sind! Und man glaubt, 
das könne das Werk einiger Jahrhunderte sein? Man glaubt, das 
könne durch Missverständnisse und Lügen, durch politische 
Intriguen und ökumenische Konzilien, durch den Befehl 
ehrgeiztoller Könige und habgieriger Pfaffen, durch dreitausend 
Bände scholastischer Beweisführung, durch den 

Glaubensfanatismus beschränkter Bauernseelen und den edlen 
Eifer vereinzelter „Fürtrefflichsten", durch Krieg, Mord und 
Scheiterhaufen, durch bürgerliche Gesetzbücher und 
gesellschaftliche Intoleranz bewirkt werden? Ich für mein Teil 
glaube es nicht. Ich glaube vielmehr, dass wir noch fern, sehr fern 
von dem Moment sind, wo die umbildende Macht der Erscheinung 
Christi sich in ihrem vollen Umfang auf die gesittete Menschheit 
geltend machen wird. Sollten unsere Kirchen in ihrer bisherigen 
Gestalt auch zu Grunde gehen, die christliche Idee wird nur umso 
machtvoller 



x ) Siehe S. 86. 



223 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



hervortreten. Im 9. Kapitel werde ich zeigen, wie unsere neue 
germanische Weltanschauung dahin drängt. Das Christentum 
geht noch auf Kinderfüssen, kaum dämmert seine Mannesreife 
unserem blöden Blicke. Wer weiss, ob nicht ein Tag kommt, wo 
man die blutige Kirchengeschichte der ersten 18 christlichen 
Jahrhunderte als die Geschichte der bösen Kinderkrankheiten des 
Christentums betrachtet? 

Lassen wir uns also bei der Betrachtung der Erscheinung 
Christi durch keinerlei historische Vorspiegelungen und 
ebensowenig durch die vorübergehenden Ansichten des 19. 
Jahrhunderts das Urteil trüben. Seien wir überzeugt, dass wir 
gerade von dieser einen Erbschaft bis heute nur den kleinsten Teil 
angetreten haben; und, wollen wir wissen, was sie für uns Alle zu 
bedeuten hat — gleichviel, ob wir Christen oder Juden, Gläubige 
oder Ungläubige, gleichviel, ob wir uns dessen bewusst sind oder 
nicht — so verstopfen wir uns vorläufig die Ohren gegen das 
Chaos der Glaubensbekenntnisse und der die Menschheit 
schändenden Blasphemieen, und richten wir zunächst den Blick 
hinauf zu der unvergleichlichsten Erscheinung aller Zeiten. 

In diesem Abschnitt werde ich nicht umhin können, Manches, 
was die „Verstandesgrundlage" verschiedener Religionen bildet, 
kritisch prüfend zu betrachten. Da ich aber das, was ich selber als 
Heiligtum im Herzen berge, unangetastet lasse, so hoffe ich auch 
keinem andren vernünftigen Menschen verletzend nahe zu treten. 
Die historische Erscheinung Jesu Christi kann 
man ebenso gut von jeder ihr innewohnenden, übernatürlichen 
Bedeutung trennen, wie man Physik auf rein materialistischer 
Grundlage treiben kann und muss, ohne darum zu wähnen, man 
habe die Metaphysik von ihrem Throne gestürzt. Von Christus 
freilich kann man schwerlich reden, ohne hin und wieder das 
jenseitige Gebiet zu streifen; jedoch der Glaube, als solcher, 
braucht nicht berührt zu werden, und wenn ich als Historiker 
logisch und überzeugend verfahre, so lasse ich mir gern die 
einzelnen Widerlegungen gefallen, die der Leser nicht aus seinem 
Verstand, sondern aus seinem Gemüt schöpft. In diesem Be- 



224 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



wusstsein werde ich im folgenden Abschnitt ebenso freimütig 
reden, wie in den vorangegangenen. 

Die Religion der Erfahrung 

Der religiöse Glaube von mehr als zwei Dritteln der gesamten 
Bewohner der Erde knüpft heute an das irdische Dasein zweier 
Männer an: Christus und Buddha; Männer, die vor nur wenigen 
Jahrhunderten lebten und von denen es historisch nachgewiesen 
ist, dass sie thatsächlich gelebt haben, und dass die Traditionen, 
die von ihnen berichten — wie viel sie auch an Erdichtetem, 
Schwankendem, Unklarem, Widersprechendem enthalten mögen 
— dennoch die Hauptzüge ihres wirklichen Lebens getreu 
wiedergeben. Auch ohne dieses sichere Ergebnis der 
wissenschaftlichen Forschungen des 19. Jahrhunderts 1 ) werden 
gesund und scharfsinnig urteilende Männer niemals an dem 
wirklichen Dasein dieser grossen moralischen Helden gezweifelt 
haben: denn ist das historisch- chronologische Material über sie 
auch äusserst dürftig und lückenhaft, so steht doch ihre sittliche 
und geistige Individualität so leuchtend klar vor Augen, und diese 
Individualität ist eine so unvergleichliche, dass sie nicht erfunden 
werden konnte. Die Erfindungsgabe des Menschen ist eng 
beschränkt; das schöpferische Gemüt kann nur mit Gegebenem 
arbeiten: Homer muss Menschen auf dem Olympos 
inthronisieren, denn was er sah und erlebte, zieht seiner 
Gestaltungskraft die unübersteigbare Grenze; dass er seine Götter 
so ganz menschlich darstellt, dass er seiner Phantasie nicht 
gestattet, sich ins Ungeheuerliche, Unvorstellbare (weil nie 
Gesehene) zu verirren, dass er sie vielmehr bändigt, um ihre 
ungeteilte Kraft zu einer sichtbaren Dichtung zu verwerten, das ist 
ein Beweis unter Tausenden, und nicht der geringste, von seiner 
geistigen Überlegenheit. Wir vermögen es nicht einmal, eine 
Pflanzen- oder eine Tiergestalt zu erfinden; höchstens stellen wir 
bei derartigen Versuchen eine aus Bruchteilen allerhand 
bekannter Wesen zusam- 



*) Die Existenz Christi war nämlich bereits im 2. Jahrhundert unserer Aera 
geleugnet worden, und Buddha wurde bis vor 25 Jahren von vielen 
Fachgelehrten für eine mythische Gestalt gehalten. Siehe z. B. die Bücher von 
Senart und Kern. 



225 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



mengestoppelte Monstrosität zusammen. Die Natur dagegen, die 
unerschöpflich erfindungsreiche, zeigt uns Neues, wann es ihr 
beliebt; und dieses Neue ist nunmehr für unser Bewusstsein 
ebenso unvertilgbar wie es ehedem unerfindbar war. Einen 
Buddha, geschweige einen Jesus Christus, konnte keine 
dichterische Menschenkraft, weder die eines Einzelnen, noch die 
eines Volkes, erfinden; nirgends entdecken wir auch nur den 
geringsten Ansatz dazu. Weder Dichter, noch Philosophen, noch 
Propheten haben sich ein derartiges Phänomen erträumen 
können. Oft redet man freilich, anknüpfend an Jesus Christus, 
von Plato; ganze Bücher giebt es über das angebliche Verhältnis 
zwischen diesen beiden; es sei nämlich der griechische Philosoph 
ein Vorverkündiger der neuen Heilslehre gewesen. In Wahrheit ist 
aber der grosse Plato ein ganz unreligiöses Genie, ein 
Metaphysiker und Politiker, ein Forscher und Aristokrat. Und nun 
gar Sokrates! Der kluge Urheber der Grammatik und der Logik, 
der biedere Verkünder einer Philistermoral, der edle Schwätzer der 
atheniensischen Gymnasien, ist er nicht in allem der Gegenpart 
zu dem göttlichen Verkünder eines Himmelreichs der „Armen an 
Geist"? Ebensowenig hat man in Indien die Gestalt eines Buddha 
im Voraus geahnt oder durch die Sehnsucht herbeigezaubert. Alle 
solche Behauptungen gehören dem weiten Gebiete des 
nachträglich konstruierenden, geschichtsphilosophischen 

Irrwahnes an. Wären Christus und das Christentum eine 
historische Notwendigkeit gewesen, wie der Neoscholastiker Hegel 
behauptet und ein Pfleiderer und Andere uns heute glauben 
machen möchten, so hätten wir nicht einen Christus, sondern 
tausend entstehen sehen müssen; ich möchte wirklich wissen, in 
welchem Jahrhundert ein Jesus nicht ebenso „notwendig" 
gewesen wäre wie das liebe Brot? 1 ) Verwerfen wir also solche von 
Gedanken- 



*) Über Christus schreibt Hegel (Philosophie der Geschichte, Th. III, A. 3, 
Kap. 2): „Er wurde als ein dieser Mensch geboren, in abstrakter 
Subjektivität, aber so, dass umgekehrt die Endlichkeit nur die Form seiner 
Erscheinung ist, deren Wesen und Inhalt vielmehr die Unendlichkeit, das 

absolute Fürsichsein ausmacht. Die Natur Gottes, reiner Geist zu sein, 

wird dem Menschen in der 



226 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



blässe angekränkelte Betrachtungen, die alle den einzigen Erfolg 
haben, das allein Ausschlaggebende und Produktive, nämlich die 
Bedeutung der lebendigen, individuellen, unvergleichlichen 
Persönlichkeit zu verwischen. Immer wieder muss man 
Goethe's grosses Wort anführen: 

Höchstes Glück der Erdenkinder 
Ist nur die Persönlichkeit! 

Wohl wird die Umgebung der Persönlichkeit, die Kenntnis ihrer 
allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge 
liefern zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen 
werden wir Wichtiges von Unwichtigem, charakteristisch 
Individuelles von örtlich Konventionellem unterscheiden lernen: 
das heisst also, wir werden die Persönlichkeit immer klarer 
erblicken. Sie jedoch erklären, sie als eine logische Notwendigkeit 
darthun wollen, ist ein müssiges, albernes Beginnen; jede Gestalt 
— auch die eines Käfers — ist für den Menschenverstand ein 
„Wunder"; die menschliche Persönlichkeit aber ist das mysterium 
magnum des Daseins, und je mehr die Kritik eine grosse 
Persönlichkeit von den Zuthaten der Legendenbildung reinigt, je 
mehr es ihr gelingt, fast einen jeden ihrer Schritte als ein 
Bedingtes, als ein gewissermassen durch die Natur der Dinge 
Gebotenes hinzustellen, umso unbegreiflicher wird das Wunder. 
Das ist auch das Endresultat der Kritik, welche im 19. 
Jahrhundert am Leben Jesu geübt wurde. Man nennt dies 
Jahrhundert ein unreligiöses; noch niemals jedoch (seit den 
ersten christlichen Jahrhunderten) hat sich das Interesse der 
Menschen in so leidenschaftlicher Weise auf die Person Jesu 
Christi konzentriert, wie 



christlichen Religion offenbar. Was ist aber der Geist? Er ist das Eine, sich 
selbst gleiche Unendliche, die reine Identität, welche zweitens sich von sich 
trennt, als das Andere ihrer selbst, als das Fürsich- und Insichsein gegen das 
Allgemeine. Diese Trennung ist aber dadurch aufgehoben, dass die 
atomistische Subjektivität, als die einfache Beziehung auf sich, selbst das 
Allgemeine, mit sich Identische ist." — Was wohl zukünftige Jahrhunderte zu 
diesem Wortschwall sagen werden? Während zwei Drittel des 19. wurde er für 
höchste Weisheit gehalten. 



227 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



in den letzten 70 Jahren; die Werke Darwin' s, wie weit verbreitet 
sie auch waren, wurden nicht ein Zehntel soviel gekauft, wie die 
von Strauss und Renan. Und das Endergebnis ist, dass das 
thatsächliche Erdenleben Jesu Christi eine immer konkretere 
Gestalt gewonnen und man immer deutlicher hat einsehen 
müssen, die Entstehung der christlichen Religion sei im letzten 
Grunde auf den schier beispiellosen Eindruck zurückzuführen, 
den diese eine Persönlichkeit auf ihre Umgebung gemacht und 
hinterlassen hatte. Bestimmter als je, und darum auch 
unergründlicher als je, steht heute diese Erscheinung vor unseren 
Augen. 

Das musste zunächst festgestellt werden. Die ganze Richtung 
unserer Zeit bringt es mit sich, dass wir uns nur für das Konkrete, 
Lebendige erwärmen können. Am Beginn des 19. Jahrhunderts 
war es anders; die Romantik warf ihre Schatten nach allen Seiten, 
und so war es auch Mode geworden, Alles und Jedes „mythisch" 
zu erklären. Im Jahre 1835 folgte David Strauss dem ihm von 
allen Seiten gegebenen Beispiel und bot als „Schlüssel" (!) der 
Evangelien „den Begriff des Mythus"! 1 ) Heute sieht ein 



*) Siehe erste Ausgabe I, 72 fg. und Volksausgabe, 9. Aufl., S. 191 fg. — 
Dass Strauss niemals geahnt hat, was ein Mythus ist, was Mythologie 
bedeutet, wie aus seinem Durcheinanderwerfen von Volksmythen, von 
Dichtungen und von Legenden hervorgeht, das ist wieder eine Sache für sich. 
Eine spätere Zeit wird überhaupt den Erfolg solcher öden, zwar gelehrten, 
doch jeder tieferen Einsichtskraft, jedes schöpferischen Hauches baren 
Produkte wie die eines Strauss nicht begreifen können. Es scheint als ob, 
ähnlich wie die Bienen und Ameisen ganzer Kohorten geschlechtsloser 
Arbeiter in ihren Staaten bedürfen, auch wir Menschen ohne den Fleiss und 
die auf kurze Zeit weit hinreichende Wirkung solcher mit dem Stempel der 
Sterilität gezeichneten Geister (wie sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts so 
üppig blühten) nicht auskommen könnten. Der Fortgang der historisch- 
kritischen Untersuchungen auf der einen Seite, auf der anderen die 
zunehmende Neigung, das Augenmerk nicht auf das Theologische und 
Nebensächliche, sondern auf das Lebendige und Bestimmende zu richten, 
lässt heute den Strauss'schen mythologischen Standpunkt als einen so 
totgeborenen empfinden, dass man in den Schriften dieses ehrlichen Mannes 
nicht blättern kann, ohne laut zu gähnen. Und doch muss man zugeben, dass 
solche Männer, wie er und wie Renan (zwei Hohlspiegel, der eine alle 



228 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Jeder ein, dass dieser angebliche Schlüssel nichts weiter war, als 
eine neue, nebelhafte Umschreibung des ungelöst bleibenden 
Problems, und dass nicht ein „Begriff, sondern einzig ein 
thatsächlich gelebtes Wesen, einzig der mit nichts zu 
vergleichende Eindruck einer Persönlichkeit, wie sie die Welt noch 
niemals erlebt hatte, den „Schlüssel" giebt zur Entstehung des 
Christentums. Je mehr Ballast aufgedeckt wurde, einerseits in 
Gestalt pseudo-mythischer (richtiger gesprochen pseudo- 
historischer) Legendenbildung, andererseits in der Form 
philosophisch-dogmatischer Spekulation, umsomehr Lebenskraft 
und Widerstandsfähigkeit musste dem ursprünglichen, treibenden 
und gestaltenden Moment zuerkannt werden. Die allerneueste, 
streng-philologische Kritik hat das ungeahnt hohe Alter der 
Evangelien und die weitreichende Authenticität der uns 
vorliegenden Handschriften nachgewiesen; es ist nunmehr 
gelungen, gerade die allerfrüheste Geschichte des Christentums 
streng historisch, fast Schritt für Schritt zu verfolgen; 1 ) doch ist 
das Alles vom allgemein menschlichen Standpunkt aus betrachtet 
weit weniger belangreich als die eine Thatsache, dass in Folge 
dieser Ergebnisse die Erscheinung des einen göttlichen Mannes in 
den Vordergrund gerückt worden ist, so dass Ungläubige sowohl 
wie Gläubige nicht mehr umhin können, sie als Mittelpunkt und 
Quelle des Christentums (dies Wort in dem denkbar 
umfassendsten Sinne genommen) anzuerkennen. 

Buddha und Christus 

Buddha und Christus wurden von mir vorhin 
zusammengestellt. Der Kern religiöser Vorstellungen bei allen 
begabteren Menschenrassen (mit einziger Ausnahme der kleinen 
Familie der Juden auf der einen Seite und ihrer Antipoden, der 
Brahmanischen Inder, auf der andern) beruht seit den letzten 
Jahrtausenden nicht auf dem Bedürfnis einer Welterklärung, 
auch nicht auf mytho- 



Linien in die Länge, der andere in die Fläche verzerrend) ein wichtiges Werk 
vollbracht haben, indem sie die Aufmerksamkeit von Tausenden auf das 
grosse Wunder der Erscheinung Christi richteten und somit für gründlichere 
Denker und einsichtsvollere Männer eine Zuhörerschaft bereiteten. 
*) Später tritt eine noch unaufgeklärte dunkle Periode ein. 



229 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



logischer Natursymbolik, noch auf grübelndem 

Transscendentismus, sondern auf der Erfahrung grosser 
Charaktere. Wohl spukt noch unter uns das Wahngebilde eitler 
„vernünftigen Religion", auch war manchmal in den letzten Jahren 
von einem „Ersatz der Religion durch Höheres" die Rede, und auf 
den Bergesspitzen gewisser deutscher Gaue opferten zur Zeit der 
Sonnenwende neuerstandene „Wotansanbeter"; keiner dieser 
Bewegungen eignete jedoch bisher die geringste weltgestaltende 
Kraft. Ideen sind eben unsterblich — ich sagte es schon öfters und 
werde es immer wiederholen müssen — und in solchen Gestalten 
wie Buddha und Christus erreicht eine Idee — nämlich eine 
bestimmte Vorstellung des Menschendaseins — eine so lebendige 
Verkörperung, diese Idee wird so vollkommen durchgelebt, so klar 
vor Aller Augen hingestellt, dass sie nie mehr aus dem 
menschlichen Bewusstsein entschwinden kann. Mancher mag den 
Gekreuzigten niemals erblickt haben, mancher kann an dieser 
Erscheinung stets gänzlich achtlos vorübergegangen sein, 
Tausenden von Menschen, auch unter uns, fehlt das, was man 
den inneren Sinn nennen könnte, um ihrer überhaupt gewahr zu 
werden; dagegen kann man nicht Jesum einmal erblickt haben, 
auch nur mit halbverschleierten Augen, und ihn dann wieder 
vergessen; es liegt nicht in unserer Macht, Erfahrenes aus unserer 
Vorstellung auszurotten. Man ist nicht Christ, weil man in dieser 
oder jener Kirche auferzogen wurde, weil man Christ sein will, 
sondern ist man Christ, so ist man es, weil man es sein 
m u s s, weil kein Chaos des Weltgetriebes, kein Delirium der 
Eigensucht, keine Dressur des Denkens die einmal gesehene 
Gestalt des Schmerzensreichen auszulöschen vermag. Christus, 
am Vorabend seines Todes von seinen Jüngern über die 
Bedeutung einer seiner Handlungen befragt, antwortete: „Ein 
Beispiel habe ich Euch gegeben." Das ist die Bedeutung 
nicht bloss der einen Handlung, sondern seines ganzen Lebens 
und Sterbens. Selbst ein so streng kirchlicher Mann wie Martin 
Luther schreibt: „Des Herrn Christi Beispiel ist zugleich ein 
Sakrament, es ist in uns kräftig und lehret nicht allein, wie die 
Exempel der Väter thun, sondern wirket auch das, so es 
lehret, giebt das Leben, 



230 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



die Auferstehung und Erlösung vom Tode." In Ähnlichem liegt die 
Weltmacht Buddha' s begründet. Der wahre Quell aller Religion ist, 
ich wiederhole es, bei der überwiegenden Mehrzahl aller jetzt 
lebenden Menschen nicht eine Lehre, sondern ein Leben. 
In wiefern wir im Stande sind, dem Beispiel mit schwachen 
Kräften zu folgen, in wiefern nicht, das ist eine ganz andere Frage; 
das Ideal ist da, deutlich, unverkennbar, und es wirkt seit 
Jahrhunderten mit einer Gewalt ohnegleichen auf die Gedanken 
und Handlungen der Menschen, auch der ungläubigen. Hierauf 
komme ich in einem anderen Zusammenhange später zurück. 
Wenn ich nun an dieser Stelle, wo einzig die Erscheinung Christi 
mich beschäftigt, Buddha herangezogen habe, so geschah das 
besonders deswegen, weil nichts eine Gestalt so deutlich 
hervortreten lässt, wie der Vergleich. Nur darf der Vergleich kein 
ungereimter sein, und ich wüsste nicht, wen die Weltgeschichte 
ausser Buddha als geeignet zu einem Vergleich mit Christus 
bietet. Beiden gemeinsam ist der göttliche Ernst; beiden 
gemeinsam ist die Sehnsucht, der ganzen Menschheit den Weg der 
Erlösung zu weisen; beiden ist eine unerhörte Macht der 
Persönlichkeit eigen. Und dennoch, stellt man diese beiden 
Gestalten nebeneinander, so kann es nicht sein, um eine Parallele 
zwischen ihnen zu ziehen, sondern nur um den Kontrast zu 
betonen. Christus und Buddha sind Gegensätze. Was sie einigt, 
ist die Erhabenheit der Gesinnung; aus dieser ging ein Leben 
ohnegleichen hervor, und aus dem Leben eine weitreichende 
Wirkung, wie sie die Welt noch nicht erfahren hatte. Sonst aber 
trennt sie fast alles, und der Neobuddhismus, der sich in den 
letzten Jahren in gewissen Gesellschaftsschichten Europas — 
angeblich im engsten Anschluss an das Christentum und über 
dieses hinausschreitend — breitmacht, ist nur ein neuer Beweis 
von der weitverbreiteten Oberflächlichkeit im Denken. Buddha's 
Denken und Leben bildet nämlich das genaue Gegenteil von 
Christi Denken und Leben, das, was der Logiker die Antithese, der 
Physiker den Gegenpol nennt. 

Buddha 

Buddha bedeutet den greisenhaften Ausgang einer an der 
Grenze ihres Könnens angelangten Kultur. Ein hochgebildeter, 



231 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



mit reicher Machtfülle begabter Fürst erkennt die Nichtigkeit 
seiner Bildung und seiner Macht; was Allen das Höchste dünkt, 
besitzt er, doch vor dem Blick des Wahrhaftigen schmilzt dieser 
Besitz zu einem Nichts zusammen. Die indische Kultur, aus der 
nachdenklichen Beschaulichkeit eines Hirtenlebens 

hervorgegangen, hatte sich mit aller Wucht einer hohen Begabung 
auf die Ausbildung der einen menschlichen Anlage, der 
kombinierenden Vernunft, geworfen; dabei verkümmerte die 
Verbindung mit der umgebenden Welt — die kindliche 
Beobachtung, die praktischgeschäftige Nutzbarmachung — 
wenigstens bei den Gebildeteren, fast völlig; Alles war 
systematisch auf die Entwickelung des Denkvermögens angelegt; 
jeder gebildete Jüngling wusste auswendig, Wort für Wort, eine 
ganze Litteratür von so subtilem Gedankengehalt, dass wenige 
Europäer heutzutage überhaupt fähig sind, ihm zu folgen; selbst 
die abstrakteste Vorstellungsart der konkreten Welt, die 
Geometrie, war den Indern zu handgreiflich, und sie schwelgten 
dafür in einer Arithmetik, welche über alle Vorstellbarkeit 
hinausgeht; wer hier im Ernste sich über seinen Lebenszweck 
befragte, wem es von Natur gegeben war, einem höchsten Ziele 
nachzustreben, der fand auf der einen Seite ein religiöses System, 
in welchem die Symbolik zu so wahnsinnigen Dimensionen 
angewachsen war, dass man etwa 30 Jahre brauchte, um sich 
darin zurecht zu finden, auf der andern, eine Philosophie, die zu 
so schwindligen Höhen emporführte, dass, wer die letzten 
Sprossen dieser Himmelsleiter erklettern wollte, sich auf ewig aus 
der Welt in die Tiefen des lautlosen Urwaldes zurückziehen 
musste. Hier hatten offenbar das Auge und das Herz keine Rechte 
mehr. Wie ein sengender Wüstenwind hatte der Geist der 
Abstraktion über alle andern Anlagen der reichen Menschennatur, 
alles verdorrend, hinweggeweht. Sinne gab es freilich noch, 
tropisch heisse Gelüste; auf der andern Seite aber die 
Verleugnung der ganzen Sinnenwelt; dazwischen nichts, kein 
Ausgleich, nur Krieg, — Krieg zwischen menschlicher Erkenntnis 
und menschlicher Natur, zwischen Denken und Sein. Und so 
musste Buddha hassen, was er liebte: Kinder, Eltern, Weib, alles 
Schöne und Freudenvolle, denn das waren lauter Schleier vor der 
Erkenntnis, 



232 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Schlingen, die ihn an ein erträumtes, lügenhaftes Mayaleben 
ketteten. Und was sollte ihm die ganze Brahmanische Weisheit? 
Opferzeremonien, die kein Mensch verstand und die die Priester 
selber als lediglich symbolisch, für den Wissenden nichtig 
erklärten; dazu eine „Erlösung durch Erkenntnis", die kaum 
Einem in Hunderttausend zugänglich war? So warf denn Buddha 
nicht allein sein Reich und sein Wissen von sich, alles riss er sich 
aus dem Herzen, was ihn noch als Menschen unter Menschen 
fesselte, alle Liebe, alles Hoffen, zugleich zertrümmerte er den 
Glauben seiner Väter, entgötterte das Weltgebäude und verwarf 
als müssiges Wahngebilde selbst jenen höchsten Gedanken 
indischer Metaphysik, den an einen all-einigen Gott, 
unbeschreibbar, unvorstellbar, raumlos, zeitlos, dem Denken 
folglich unzugänglich, doch von ihm geahnt. Nichts giebt es — 
dies war Buddhas Erlebnis und folglich auch seine Lehre — 
nichts giebt es im Leben ausser „dem Leide n"; das einzig 
Erstrebenswerte ist „die Erlösung vom Leiden"; 
diese Erlösung ist der Tod, das Eingehen in das Nichts. Nun 
glaubte aber jeder Inder wie an eine offenkundige, nicht erst in 
Frage zu ziehende Sache, an die Seelenwanderung, d. h. an die 
unaufhörliche Neugeburt der selben Individuen. Die „Erlösung" 
also spendet nicht der gewöhnliche Tod, sondern nur derjenige 
Tod, auf den keine Neugeburt folgt; und dieser erlösende Tod 
kann einzig dadurch gewonnen werden, dass der Mensch schon 
im Leben, also aus freien Stücken, stirbt; d. h., dass er alles, was 
ihn an das Leben fesselt, alle Liebe, alles Hoffen, alles Wünschen, 
alles Haben abschneidet und vernichtet, kurz, wie wir heute mit 
Schopenhauer sagen würden, dass er den Willen zum Leben 
verneint. Lebt der Mensch auf diese Weise, macht er sich selbst 
zur wandelnden Leiche ehe er stirbt, dann erntet der Schnitter 
Tod keinen Samen zur Neugeburt. Lebend sterben: das ist die 
Essenz des Buddhismus. Man kann Buddha's Leben als den 
gelebten Selbstmord bezeichnen. Es ist der 
Selbstmord in seiner denkbar höchsten Potenz: denn Buddha lebt 
einzig und allein, um zu sterben, um endgültig und ohne 
Widerruf tot zu sein, um einzugehen in das Nirwana, das Nichts. 



233 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Christus 

Welchen grösseren Gegensatz kann es zu dieser Erscheinung 
geben, als diejenige Christi, dessen Tod den Eingang ins ewige 
Leben bedeutet? In der ganzen Welt erblickt Christus göttliche 
Vorsehung; kein Sperling fällt zur Erde, kein Haar auf eines 
Menschen Haupt kann gekrümmt werden, ohne dass der 
himmlische Vater es erlaubt. Und weit entfernt, dass dieses 
irdische Dasein, gelebt durch den Willen und unter dem Auge 
Gottes, ihm verhasst sei, preist es Christus als den Eingang in die 
Ewigkeit, als die enge Pforte, durch die wir in's Reich Gottes 
eintreten. Und dieses Reich Gottes, was ist es? ein Nirwana? ein 
erträumtes Paradies? eine zu erkaufende zukünftige Belohnung 
für hienieden vollbrachte Werke? Die Antwort giebt Christus in 
einem Wort, welches uns unzweifelhaft authentisch aufbewahrt 
worden ist, denn es war noch niemals gesprochen worden, und es 
wurde offenbar von keinem seiner Jünger verstanden, vielweniger 
erfunden, ja, es eilte der langsamen Entfaltung der menschlichen 
Erkenntnis mit so mächtigem Flügelschlag voraus, dass es bis 
heute nur Wenigen seinen Sinn enthüllt — — — ich sagte es 
schon, unser Christentum geht noch auf Kinderfüssen — Christus 
antwortet: „Das Reich Gottes kommt nicht mit 
äusserlichen Geberden. Man wird auch nicht sagen: 
Siehe, hier oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes 
ist inwendig in euc h." Dies ist, was Christus selber 
„das Geheimnis" nennt; es lässt sich nicht in Worte fassen, es 
lässt sich nicht begrifflich darthun; und immer wieder sucht der 
Heiland diese seine grosse Heilsbotschaft durch Gleichnisse 
seinen Zuhörern nahezulegen: das Reich Gottes ist wie ein 
Senfkorn auf dem Acker, „das kleinste unter allen Samen", wird es 
aber vom Landmann gepflegt, so wächst es aus zu einem Baume, 
„dass die Vögel unter dem Himmel kommen, und wohnen unter 
seinen Zweigen"; das Reich Gottes ist wie der Sauerteig unter dem 
Mehl, nimmt das Weib auch nur ein wenig, es durchsetzt das 
Ganze; am deutlichsten jedoch redet folgendes Bild: „das Reich 
Gottes ist gleich einem verborgenen Schatz im Acker." 1 ) Dass der 
Acker die Welt bedeutet, sagt Christus aus- 



*) Der Ausdruck U r a n o s oder „Reich der Himmel" kommt 



234 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



drücklich (siehe Matthäus XIII, 38); in dieser Welt, d. h. also in 
diesem Leben, liegt der Schatz verborgen; vergraben ist das Reich 
Gottes inwendig in uns! Das ist „das Geheimnis des Reiches 
Gottes", wie Christus sagt; zugleich ist es das Geheimnis seines 
eigenen Lebens, das Geheimnis seiner Persönlichkeit. Eine 
Abwendung vom Leben (wie bei Buddha) findet bei Christus 
durchaus nicht statt, dagegen eine Umkehrung der 
Lebensrichtung, wenn ich so sagen darf; wie denn Christus zu 
seinen Jüngern spricht: „Wahrlich, ich sage euch, es sei denn, 
dass ihr euch umkehret, so werdet ihr nicht in das Reich 
Gottes kommen." 1 ) Später erhielt dann — vielleicht von fremder 
Hand — diese so handgreiflich fassliche „Umkehrung" den mehr 
mystischen Ausdruck: „Es sei denn, dass Jemand von Neuem 
geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen." Auf den 
Wortlaut kommt es nicht an, sondern einzig auf die zu Grunde 
liegende Vorstellung, und diese Vorstellung steht leuchtend klar 
vor uns, denn sie gestaltet das ganze Leben Christi. Hier finden 
wir nicht (wie bei Buddha) eine Lehre mit eins, zwei, drei, logisch 
auseinander entwickelt; noch findet, wie die Oberflächlichkeit so 
häufig behauptet hat, irgend eine organische Berührung mit 
jüdischer Weisheit statt: man lese nur Jesus Sirach, den am 
häufigsten zum Vergleich herangezogenen, und frage sich, ob das 
Geist vom selben Geiste ist? Bei Sirach redet ein jüdischer Marc 
Aurel, und selbst seine schönsten Sprüche, wie: „Strebe nach der 
Wahrheit bis zum Tode, und Gott wird für dich kämpfen", oder: 
„Das Herz des Narren liegt ihm auf der Zunge, 



nur bei Matthäus vor und ist sicher nicht die richtige Übersetzung ins 
Griechische irgend eines von Christus gebrauchten Ausdruckes. Die andern 
Evangelisten sagen immer „Reich Gottes". (Man vergl. meine Sammlung der 
Worte Christi, grosse Ausg. S. 260, kleine Ausg. S. 279 und für die nähere, 
gelehrte Ausführung H. H. Wendt's Lehre Jesu, 1886, S. 48 und 58). 

*) Der Nachdruck liegt offenbar nicht auf dem Nachsatz „und werdet wie die 
Kinder"; vielmehr ist dies eine Erläuterung zur Umkehr. Was zeichnet denn 
die Kinder aus? Die unbedingte Lebenslust und die ungeschmälerte Kraft, das 
Leben durch eigene Gesinnung zu verklären. 



235 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



doch des Weisen Zunge wohnet ihm im Herzen" — klingen wie aus 
einer anderen Welt, wenn man sie neben die Sprüche Christi hält: 
„Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich 
besitzen; selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott 
schauen; nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn 
ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe 
finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft und meine Last 

ist leicht." So hatte noch Keiner gesprochen; so sprach 

seitdem Keiner mehr. Diese Reden Christi haben aber, wie man 
sieht, nie den Charakter einer Lehre, sondern, so wie der Ton 
einer Stimme das, was wir aus den Gesichtszügen und den 
Handlungen eines Menschen über ihn wissen, durch ein 
geheimnisvoll Unsagbares, durch das Persönlichste seiner 
Persönlichkeit ergänzt, so meinen wir in diesen Reden Christi 
seine Stimme zu hören; was er genau sagte, wissen wir 
nicht, doch ein unmissverständlicher, unvergesslicher Ton 
schlägt an unser Ohr und dringt von dort aus in das Herz. Und da 
schlagen wir die Augen auf und erblicken diese Gestalt, dieses 
Leben. Ober die Jahrtausende hinweg vernehmen wir die Worte: 
„Lernet von mir!" und verstehen jetzt, was das heissen soll: sein 
wie Christus war, leben wie Christus lebte, sterben wie Christus 
starb, das ist das Reich Gottes, das ist das ewige Leben. 

Im 19. Jahrhundert, wo die Begriffe Pessimismus und 
Verneinung des Willens sehr geläufig geworden sind, hat man sie 
vielfach auf Christus angewandt; sie passen aber nur für Buddha 
und für gewisse Erscheinungen der christlichen Kirchen und ihrer 
Dogmen, Christi Leben ist ihre Verleugnung. Wenn das Reich 
Gottes in uns wohnt, wenn es wie ein verborgener Schatz in 
diesem Leben einbegriffen liegt, was soll der Pessimismus? 1 ) Wie 
kann der Mensch ein elendes, nur zu Jammer geborenes Wesen 
sein, wenn seine Brust das Göttliche birgt? wie diese Welt die 
schlechteste, die noch gerade möglich war (siehe 



*) Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass ich hier den so vieler 
Auffassungen fähigen Begriff des Pessimismus in dem populären, 
oberflächlichen Sinn nehme, welcher nicht eine philosophische Erkenntnis, 
sondern eine moralische Stimmung bezeichnet. 



236 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 2, Kap. 46), 
wenn sie den Himmel einschliesst? Für Christus waren das alles 
Trugschlüsse; wehe rief er über die Gelehrten: „die ihr das Reich 
Gottes zuschliesst vor den Menschen; ihr kommt nicht hinein, 
und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen", und er pries 
Gott, dass er „den Unmündigen geoffenbart, was er den Weisen 
und Klugen verborgen habe". Christus, wie einer der grössten 
Männer des 19. Jahrhunderts gesagt hat, war „nicht weise, 
sondern göttlich"; 1 ) das ist ein gewaltiger Unterschied; und weil er 
göttlich war, wandte sich Christus nicht hinweg vom Leben, 
sondern zum Leben hin. Dies findet ein beredtes Zeugnis in dem 
Eindruck, den Christus auf seine Umgebung zurückliess; sie 
nennt ihn: den Baum des Lebens, das Brot des Lebens, das 
Wasser des Lebens, das Licht des Lebens, das Licht der Welt, ein 
Licht von oben, denen als Leuchte gesandt, die da sitzen in 
Finsternis und Schatten des Todes; Christus ist für sie der Fels, 
der Grund, auf welchem wir unser Leben aufbauen sollen u. s. w., 
u. s. w. Alles positiv, alles konstruktiv, alles bejahend. Ob 
Christus die Toten wirklich auferweckte, mag Jeder bezweifeln, 
der will; umso höher muss er jedoch dann den lebenspendenden 
Eindruck anschlagen, der von dieser Erscheinung ausstrahlte, 
denn wo Christus ging, glaubte man die Toten auferstehen, 
die Kranken geheilt von ihrem Lager sich erheben zu sehen. 
Überall suchte er die Leidenden, die Armen, die 
Schmerzbeladenen auf, rief ihnen zu: „Weinet nicht!", und 
schenkte ihnen Worte des Lebens. — Aus Innerasien kommend, 
wo es der Buddhismus zwar nicht erfunden, ihm aber den 
gewaltigsten Vorschub geleistet hatte, war das Ideal des 
weitflüchtigen Klosterlebens (wie es später das Christentum mit 
genauer Befolgung ägyptischer Muster nachahmte) bereits bis in 
die unmittelbare Nähe des Galiläers vorgedrungen; wo sieht man 
aber, dass Christus monastische, weltfeindliche Lehren gepredigt 



*) Auch Diderot, dem man Rechtgläubigkeit nicht beimessen kann, sagt in 
der Encyclopedie: „Christ nefut point un philo sophe, cefiit un Dieu. " 



237 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



hätte? Viele Religionsstifter haben in der Nahrung sich und ihren 
Jüngern Kasteiungen auferlegt; Christus nicht; er betont sogar 
ausdrücklich, dass er nicht wie Johannes gefastet, sondern so 
gelebt habe, dass ihn die Menschen „einen Fresser und einen 
Säufer" nannten. Alle folgenden, uns aus der Bibel so geläufigen 
Ausdrücke: die Gedanken der Menschen sind eitel, des Menschen 
Leben ist Eitelkeit, es fährt dahin wie ein Schatten, des Menschen 

Wirken ist eitel, es ist alles ganz eitel sie stammen aus 

dem alten, nicht aus dem neuen Testament. Ja, solche Worte wie 
z. B. die des Predigers Salomo: „Ein Geschlecht vergeht, das 
andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich", entstammen einer 
Weltanschauung, die derjenigen Christi direkt widerspricht; denn 
für diese sind Himmel und Erde durchaus vergänglich, während 
die Menschenbrust in ihrer Tiefe das einzige Ewige birgt. Zwar 
giebt uns Jesus Christus das Beispiel einer absoluten Abwendung 
von Vielem, was das Leben der Meisten ausfüllt; es geschieht aber 
um des Lebens willen; diese Abwendung ist jene „Umkehr", 
von der gesagt wurde, sie führe ins Gottesreich, und sie ist 
durchaus keine äussere, sondern eine rein innere. Was Buddha 
lehrt, ist gewissermassen ein physischer Vorgang, es ist die 
thatsächliche Abtötung des leiblichen und geistigen Menschen; 
wer erlöst werden will, muss die drei Gelübde der Keuschheit, der 
Armut und des Gehorsams ablegen. Bei Christus finden wir nichts 
Ähnliches: er wohnt Hochzeitsfesten bei, die Ehe erklärt er für 
eine heilige Stiftung Gottes, und auch die Verirrungen des 
Fleisches beurteilt er so nachsichtig, dass er selbst für die 
Ehebrecherin kein Wort der Verdammung hat; zwar bezeichnet er 
Reichtum als einen erschwerenden Umstand für jene Umkehr 
der Willensrichtung, der Reiche, sagt er, wird schwerer in jenes 
Reich Gottes, welches inwendig in uns liegt, hineingelangen, als 
ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, fügt aber sofort hinzu — und 
dies ist das Charakteristische und Entscheidende — „was bei den 
Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich". Dies ist wieder 
eine jener Stellen, die nicht erfunden sein können, denn nirgends 
in der ganzen Welt finden wir Ähnliches. Diatriben gegen den 
Reichtum hatte es schon früher in Hülle und Fülle 



238 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



gegeben (man lese nur die jüdischen Propheten), sie wurden 
später wiederholt (man lese z. B. die Epistel Jacobi, Kap. II); für 
Christus dagegen ist Reichtum etwas ganz Äusserliches, sein 
Besitz kann hinderlich sein, oder auch nicht: ihm kommt es einzig 
und allein auf eine innere Umwandlung an, was gerade für diesen 
Fall der weitaus bedeutendste Apostel später so schön ausführt: 
denn hatte Christus dem reichen Jüngling geraten, „verkaufe, was 
du hast, und gieb es den Armen", so ergänzt Paulus diesen 
Ausspruch durch die Bemerkung: „und wenn ich alle meine Habe 
den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre mir es nichts 
nütze." Wer auf den Tod lossteuert, mag sich mit Armut, 
Keuschheit und Gehorsam begnügen, wer das Leben erwählt, hat 
andere Dinge im Sinne. 

Und da ist es nötig, auf noch einen Punkt aufmerksam zu 
machen, in welchem das Lebensvolle an Christi Erscheinung und 
Beispiel frisch und überzeugend sich kund thut; ich meine die 
Kampfeslust. Die Sprüche Christi über die Demut, die Geduld, 
seine Ermahnung, unsere Feinde zu lieben und diejenigen zu 
segnen, die uns fluchen, finden fast gleichwertige Gegenstücke bei 
Buddha; sie entspringen jedoch einem durchaus anderen Motiv. 
Für Buddha ist jedes erduldete Unrecht eine Abtötung, für 
Christus ein Mittel, um die neue Anschauung des Lebens zu 
befördern: „Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, 
denn das Reich Gottes ist ihr" (jenes Reich, welches wie ein Schatz 
im Lebensacker vergraben liegt). Treten wir aber auf das innere 
Gebiet über, wird jene einzige Fundamentalfrage der 
Willensrichtung aufgeworfen, da vernehmen wir ganz andere 
Worte: „Meinet ihr, dass ich hergekommen bin, Frieden zu bringen 
auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht! Denn von nun an 
werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei, und zwei 
wider drei. — — Denn ich bin gekommen den Menschen zu 
erregen wider seinen Vater, und die Tochter wider ihre Mutter, 
und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde 
werden seine eigenen Hausgenossen sein." Nicht Frieden, sondern 
das Schwert: das ist ein Ton, den man nicht überhören darf, will 
man die Erscheinung Christi begreifen. Das 



239 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Leben Jesu Christi ist eine offene Kriegserklärung, nicht gegen die 
Formen der Civilisation, der Kultur und der Religion, die er um 
sich her fand — er beobachtet das jüdische Religionsgesetz und 
lehrt: gebet Caesar was Caesar' s ist — wohl aber gegen den 
inneren Geist der Menschen, gegen die Beweggründe, aus welchen 
ihre Handlungen hervorgehen, gegen das Ziel (auch das 
jenseitige), welches sie sich stecken. Die Erscheinung Jesu Christi 
bedeutet, vom welthistorischen Standpunkt aus, die 
Erscheinung einer neuen Menschenart. 
Linnaeus unterschied so viele Menschenarten als es 
Hautfärbungen giebt; eine neue Färbung des Willens greift 
wahrlich tiefer in den Organismus ein, als ein Unterschied im 
Pigment der Epidermis! Und der Herr dieser Menschenart, der 
„neue Adam", wie ihn die Schrift so treffend nennt, will nichts von 
Paktieren wissen; er stellt die Wahl: Gott oder Mammon. Wer die 
Umkehr erwählt, wer Christi Mahnung vernimmt: „folget mir 
nach!", der muss auch, wenn es notthut, Vater und Mutter, Weib 
und Kind verlassen; nicht aber wie Buddhas Jünger verlässt er 
sie, um den Tod, sondern um das Leben zu finden. An diesem 
Punkte hört das Mitleid gänzlich auf; wer verloren ist, ist verloren; 
und mit der antiken Härte heldenhafter Gesinnung wird den 
Verlorenen keine Thräne nachgeweint: „lasset die Toten ihre Toten 
begraben." Nicht Jeder ist fähig, das Wort Christi zu verstehen, er 
sagt es ja: „viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet," und 
auch hier wieder hat Paulus dieser Erkenntnis drastischen 
Ausdruck verliehen: „Das Wort vom Kreuz ist eine Thorheit denen, 
die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es eine 
Gottes- Kraft." Äusserlich nimmt Christus mit jeder vorhandenen 
Form fürlieb, was aber die Willensrichtung anbelangt, ob sie auf 
das Ewige oder auf das Zeitliche gerichtet ist, ob sie die Entfaltung 
der unermesslichen Lebensmacht in des Menschen Innern fördert 
oder hemmt, ob sie auf Verlebendigung jenes „Reich Gottes 
inwendig in uns" hinzielt, oder im Gegenteil diesen einzigen 
Schatz „derjenigen, die erwählet sind", auf ewig zuschüttet — da 
ist bei ihm von Duldsamkeit keine Rede, und kann auch keine 
sein. Gerade in dieser Beziehung ist seit dem 18. Jahr- 



240 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



hundert viel geschehen, um das hohe Antlitz des Menschensohnes 
aller kraftvollen Züge zu berauben. Man hat, ich weiss nicht 
welches Trugbild einer unbeschränkten Duldsamkeit, einer 
allgemein wohlwollenden Passivität uns als Christentum 
hingemalt, so eine Milch- und Wasserreligion; in den allerletzten 
Jahren erlebten wir sogar „interkonfessionelle 

Religionskongresse", wo alle Pfaffen der Welt sich brüderlich die 
Hand reichten, und viele Christen begrüssten das als besonders 
„christlich". Kirchlich mag es sein, es mag auch recht und gut 
sein, Christus aber hätte zu einem derartigen Kongress keinen 
Apostel entsandt. Entweder ist das Wort vom Kreuz eine Thorheit 
oder es ist eine Gottes-Kraft; zwischen beiden hat Christus selber 
die gähnende Kluft der „Zwietracht" aufgerissen, und, um jede 
Überbrückung zu vereiteln, das flammende „Schwert" gezogen. 
Wer die Erscheinung Christi begreift, kann sich darüber nicht 
wundern. Die Duldsamkeit Christi ist die eines Geistes, der 
himmelhoch über allen Formen schwebt, welche die Welt trennen; 
eine Verschmelzung dieser Formen könnte für ihn nicht die 
geringste Bedeutung haben — sie wäre einfach die Entstehung 
einer neuen Form; ihm dagegen kommt es einzig auf den „Geist 
und die Wahrheit" an. Und wenn Christus lehrt: „so dir Jemand 
einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dem biete den 
andern auch dar; und so Jemand deinen Rock nimmt, dem lass 
auch deinen Mantel" — eine Lehre, der sein Beispiel am Kreuze 
ewig Bedeutung gab — , wer sieht nicht ein, dass dies eng mit dem 
Folgenden zusammenhängt: „Liebet eure Feinde, thut wohl denen, 
die euch hassen", und dass hier jene innerliche „Umkehr" zum 
Ausdruck kommt, nicht aber passiv, sondern in der denkbar 
höchsten Form des lebendigen Handelns? Biete ich dem frechen 
Schläger meinen linken Backen, so geschieht es nicht 
seinetwegen; liebe ich meinen Feind und erweise ich ihm 
Wohlthaten, so geschieht es nicht seinetwegen; nach der Umkehr 
des Willens ist es mir nicht anders möglich, darum thue ich es. 
Das alte Gesetz: Aug' um Auge, Hass um Hass ist eine ebenso 
natürliche Reflexbewegung, wie die, welche die Beine selbst eines 
schon toten Frosches beim Anreizen der Nerven zum Ausschlagen 
bringt. 



241 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Wahrlich, es muss ein „neuer Adam" sein, der so Herr seines 
„alten Adam" geworden ist, dass er diesem Zwange nicht gehorcht. 
Blosse Selbstbeherrschung ist es jedoch nicht — denn bildet 
Buddha den einen Gegenpol zu Christus, so bildet der Stoiker den 
anderen; jene Umkehr des Willens aber, jener Eintritt in das 
verborgene Reich Gottes, jenes von Neuem geboren werden, 
welches die Summe von Christi Beispiel ausmacht, bedingt ohne 
Weiteres eine völlige Umkehr der Empfindungen. Das ist eben 
das Neue. Bis auf Christus war die Blutrache das heilige Gesetz 
aller Menschen der verschiedensten Rassen; der Gekreuzigte aber 
rief: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!" 
Wer nun hier die göttliche Stimme des Mitleids für schwächlichen 
Humanitarismus nimmt, der hat keinen einzigen Zug an der 
Erscheinung Christi verstanden. Die Stimme, die hier redet, ertönt 
aus jenem Reich Gottes inwendig in uns; Schmerz und Tod haben 
die Gewalt über sie verloren; sie reichen ebensowenig an einen 
Wiedergeborenen heran, wie jener Backenstreich und jene 
diebische Entblössung; an diesem Willen bricht sich wie eitler 
Meeresschaum an einem granitnen Felsen alles, was den 
menschlichen Halbaffen treibt und drängt und nötigt: die 
Selbstsucht, der Aberglaube, das Vorurteil, der Neid, der Hass; im 
Angesicht des Todes (d. h. für diesen Göttlichen der Ewigkeit) 
achtet Christus kaum des eigenen Schmerzes und der Angst, er 
sieht nur, dass die Menschen das Göttliche in ihnen ans Kreuz 
schlagen, dass sie den Samen des Gottesreichs zertreten, den 
Schatz im Acker verschütten, und voll Mitleid ruft er: sie wissen 
nicht was sie thun! Man durchsuche die Weltgeschichte und sehe, 
ob man ein Wort finde, das diesem gleichkäme an hochsinnigern 
Stolz. Hier redet eine Erkenntnis, die weiter geschaut hat, als die 
indische, zugleich redet hier der stärkste Wille, das sicherste 
Selbstbewusstsein. 

Ähnlich wie wir Letztgeborene eine Kraft, welche nur von Zeit zu 
Zeit in flüchtigen Wolken als Blitz aufzuckte, nunmehr in der 
ganzen Welt entdeckt haben, verborgen, unsichtbar, von keinem 
Sinne wahrgenommen, durch keine Hypothese zu erklären, doch 
allgegenwärtig und allgewaltig, und wie wir nunmehr im 



242 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Begriff sind, von dieser Kraft die völlige Umgestaltung unserer 
äusseren Lebensbedingungen herzuleiten, — so wies Christus auf 
eine verborgene Kraft hin, drinnen in der unerforschten und 
unerforschlichen Welt des Menscheninnern, eine Kraft, fähig, den 
Menschen selber völlig umzugestalten, fähig, aus einem elenden, 
leidbedrückten Wesen ein mächtiges, seliges zu machen. Der Blitz 
war sonst lediglich ein Zerstörer gewesen, die Kraft, die er uns 
entdecken lehrte, dient nunmehr der friedlichen Arbeit und dem 
Wohlbehagen; ebenso war der menschliche Wille von jeher die 
Saat alles Unheils und Elends, das über das Menschengeschlecht 
niederging, — jetzt sollte er zur Wiedergeburt dieses Geschlechtes 
dienen, zur Entstehung einer neuen Menschenart. Daher, wie ich 
bereits in der Einleitung zu diesem Buche ausführte, die 
unvergleichliche weltgeschichtliche Bedeutung des Lebens Christi. 
Keine politische Revolution kann dieser gleichkommen. 

Weltgeschichtlich aufgefasst haben wir allen Grund, die That 
Christi mit den Thaten der Hellenen in Parallele zu stellen. Ich 
habe im ersten Kapitel ausgeführt, inwiefern Homer, Demokrit, 
Plato u. s. w. als wirkliche „Schöpfer" zu betrachten sind, und ich 
fügte hinzu: „dann erst ist ein durchaus neues Geschöpf geboren, 
dann erst enthält der Makrokosmos einen Mikrokosmos. Was 
Kultur zu heissen einzig verdient, ist die Tochter solcher 
schöpferischen Freiheit". 1 ) Was das Griechentum für den Intellekt, 
das that Christus für das sittliche Leben: eine sittliche 
Kultur hat die Menschheit erst durch ihn gewonnen. 
Vielmehr müsste ich sagen: die Möglichkeit einer 
sittlichen Kultur; denn das kulturelle Moment ist jener innere, 
schöpferische Vorgang, die freiwillige, herrische Umkehr des 
Willens, und gerade dieses Moment blieb mit wenigen Ausnahmen 
gänzlich unbeachtet; das Christentum wurde eine durchaus 
historische Religion, und an den Altären seiner Kirchen 
fanden alle Aberglauben des Altertums und des Judentums eine 
geweihte Zufluchtsstätte. Dennoch bleibt die Erscheinung Christi 



x ) Siehe S. 62. 



243 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



die alleinzige Grundlage aller sittlichen Kultur, und in dem Masse, 
in welchem diese Erscheinung mehr oder weniger deutlich 
hindurchzudringen vermag, ist auch die sittliche Kultur unserer 
Nationen eine grössere oder geringere. 

Gerade in diesem Zusammenhange können wir nun mit Recht 
behaupten, die Erscheinung Christi auf Erden habe die 
Menschheit in zwei Klassen gespalten. Sie erst schuf wahren 
Adel, und zwar echten Geburtsadel, denn nur, wer erwählt ist, 
kann Christ sein. Sie senkte aber zugleich in die Herzen ihrer 
Auserwählten den Keim zu neuem, bitterem Leid: sie schied sie 
von Vater und Mutter, sie liess sie einsam wandeln unter 
Menschen, die sie nicht verstanden, sie stempelte sie zu 
Märtyrern. Und wer ist denn ganz Herr? wer hat seine 
Sklaveninstinkte ganz überwunden? Die Zwietracht zerriss fortan 
die eigene Seele. Und während dem Einzelnen, der bisher im 
Taumel des Lebenskampfes kaum zum Bewusstsein seines „Ich" 
gekommen war, eine ungeahnt hohe Vorstellung seiner Würde, 
seiner inneren Bedeutung und Machtfülle vorgehalten wurde, wie 
oft musste er nicht innerlich zusammenstürzen in dem Gefühl 
seiner Schwäche und seiner Unwürde? Jetzt erst wurde das Leben 
wahrhaft tragisch. Die freie That des Menschen, der sich gegen 
seine eigene animalische Natur erhob, hatte das vollbracht. „Aus 
einem vollkommenen Zögling der Natur wurde der Mensch ein 
unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen 
Instrumente ein unglücklicher Künstler", sagt Schiller. Der 
Mensch will aber nicht mehr ein Instrument sein; und hatte 
Immer sich Götter geschaffen, wie er sie wollte, so empörte sich 
jetzt der Mensch gegen die moralische Tyrannei der Natur und 
schuf sich eine erhabene Moral, wie er sie wollte; nicht mehr den 
blinden Trieben, und wären sie noch so schön durch 
Gesetzesparagraphen eingedämmt und eingezwängt, will er 
gehorchen, sondern einzig seinem eigenen Sittengesetz. In 
Christus erwacht der Mensch zum Bewusstsein seines 
moralischen Berufs, dadurch aber zugleich zur Notwendigkeit 
eines nach Jahrtausenden zählenden inneren Krieges. Im 
Abschnitt „Weltanschauung" des neunten Kapitels werde ich 
zeigen, dass wir endlich, mit Kant, genau die 



244 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



selbe Bahn betreten haben nach vielhundertjährige 
antichristlicher Unterbrechung. „Rückkehr zur Natur", meinten 
die christoabgewandten, humanitären Deisten des achtzehnten 
Jahrhunderts: o nein! Emanzipierung von der Natur, ohne die wir 
zwar nichts können, die wir aber entschlossen sind, uns zu 
unterwerfen. In Kunst und Philosophie wird sich der Mensch als 
intellektuelles Wesen, in der Ehe und im Recht als 
gesellschaftliches Wesen, in Christus als sittliches Wesen seiner 
selbst im Gegensatz zur Natur bewusst. Er nimmt einen Kampf 
auf. Und da genügt nicht die Demut; wer Christo folgen will, 
braucht vor allem Mut, Mut in seiner geläutertsten Form, jenen 
täglich von Neuem geglühten und gehärteten inneren Mut, der 
nicht allein im sinnenberauschenden Schlachtgetöse sich 
bewährt, sondern im Dulden und Tragen, und in dem wortlosen, 
lautlosen Kampf jeder Stunde gegen die Sklaveninstinkte in der 
eigenen Brust. Das Beispiel ist gegeben. Denn in der Erscheinung 
Christi finden wir das hehrste Beispiel des Heldenmutes. Die 
moralische Heldenhaftigkeit ist hier so erhaben, dass wir fast 
achtlos an dem sonst bei Helden so viel gepriesenen physischen 
Mute vorübergehen; gewisslich können nur Heldengemüter 
Christen im wahren Sinne des Wortes sein, nur „Herren". Und 
sagt Christus, „ich bin sanftmütig", so verstehen wir wohl, das ist 
die Sanftmut des siegessicheren Helden; und sagt er, „ich bin von 
Herzen demütig", so wissen wir, dass das nicht die Demut des 
Sklaven ist, sondern die Demut des Herrn, der aus der Fülle 
seiner Kraft sich hinabbeugt zu den Schwachen. 

Als Jesus einmal nicht einfach als Herr oder Meister, sondern 
als „guter Meister" angerufen wurde, wies er die Bezeichnung 
zurück: „Was heissest du mich gut; Niemand ist gut." Das sollte 
wohl zu denken geben und sollte uns überzeugen, dass jede 
Darstellung Christi eine verfehlte ist, wo die himmlische Güte und 
die Demut und die Langmut in den Vordergrund des Charakters 
gedrängt werden; sie bilden nicht dessen Grundlage, sondern sind 
wie duftende Blumen an einem starken Baume. Was begründete 
die Weltmacht Buddha' s? Nicht seine Lehre, sondern sein 
Beispiel, seine heldenmütige That; diese war es, 



245 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



diese Kundgebung einer schier übermenschlichen Willenskraft, 
welche Millionen bannte und noch bis heute bannt. In Christus 
jedoch offenbarte sich ein noch höherer Wille; er brauchte nicht 
vor der Welt zu flüchten, das Schöne mied er nicht, den Gebrauch 
des Kostbaren — das seine Jünger „Unrat" hiessen — lobte er; 
nicht in die Wüste zog er sich zurück, sondern aus der Wüste 
heraus trat er in das Leben ein, ein Sieger, der eine frohe 
Botschaft zu verkünden hatte — nicht Tod, sondern Erlösung! Ich 
sagte, Buddha bedeute den greisenhaften Ausgang einer 
ausgelebten, auf Irrwege geratenen Kultur: Christus dagegen 
bedeutet den Morgen eines neuen Tages; er gewann der alten 
Menschheit eine neue Jugend ab, und so wurde er auch der Gott 
der jungen, lebensfrischen Indoeuropäer, und unter dem Zeichen 
seines Kreuzes richtete sich auf den Trümmern der alten Welt eine 
neue Kultur langsam auf, an der wir noch lange zu arbeiten 
haben, soll sie einmal in einer fernen Zukunft den Namen 
„christlich" verdienen. 

Die Galiläer 

Dürfte ich dem eigenen Herzensdrange folgen, ich zöge hier den 
Schlussstrich zu diesem Kapitel. Doch ist es im Interesse vieler 
späterer Ausführungen geboten, die Erscheinung Christi nicht 
allein in ihrer aus aller Umgebung losgelösten Reine zu 
betrachten, sondern auch in ihrem Verhältnis zu dieser 
Umgebung. Viele wichtige Erscheinungen aus Vergangenheit und 
Gegenwart bleiben sonst unverständlich. Es ist durchaus nicht 
gleichgültig, ob wir durch eine scharfe Analyse genaue Begriffe 
davon bekommen haben, was in dieser Gestalt jüdisch ist, was 
nicht. Hierüber herrscht von den Anfängen der christlichen Ära 
bis zum heutigen Tage und von den Niederungen der 
intellektuellen Welt bis zu ihren höchsten Höhen eine heillose 
Konfusion. Nicht allein war eine so hohe Gestalt für keinen 
Menschen leicht zu erfassen und in ihren organischen 
Beziehungen zur Mitwelt zu überblicken, sondern es traf alles 
zusammen, um ihre wahren Züge zu verwischen und zu fälschen: 
jüdische religiöse Eigenart, syrischer 



246 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Mysticismus, ägyptische Askese, hellenische Metaphysik, bald 
auch römische Staats- und Pontifikaltraditionen, dazu die 
Aberglauben der Barbaren; jeder Missverstand und jeder 
Unverstand beteiligten sich an dem Werke. Im neunzehnten 
Jahrhundert hat man sich nun viel mit der Entwirrung dieser 
Frage abgegeben, doch, so viel mir bekannt, ohne dass es irgend 
Einem gelungen wäre, die wenigen Hauptpunkte aus der 
Thatsachenmasse herauszuscheiden und vor Aller Augen klar 
hinzustellen. Gegen Vorurteil und Voreingenommenheit schützt 
eben selbst ehrliche Gelehrsamkeit nicht. Wir wollen hier 
versuchen, zwar leider ohne Fachkenntnisse, doch auch ohne 
Vorurteil, zu erforschen, inwiefern Christus zu seiner Umgebung 
gehörte und ihrer Anschauungsformen sich bediente, in wiefern er 
sich von ihr unterschied und sich himmelhoch über sie erhob; nur 
auf diese Art kann es gelingen, die Persönlichkeit in ihrer vollen 
autonomen Würde aus allen Zufälligkeiten herauszulösen. 

Fragen wir uns also zunächst: war Christus ein Jude der 
Stammesangehörigkeit nach? 

Diese Frage hat im ersten Augenblick etwas Kleinliches. Vor 
einer derartigen Erscheinung schrumpfen die Eigentümlichkeiten 
der Rassen zu einem Nichts zusammen. Ein Jesaia, ja! wie sehr er 
seine Zeitgenossen auch überragen mag, Jude bleibt er durch und 
durch; kein Wort, das nicht aus der Geschichte und aus dem 
Geiste seines Volkes hervorquölle; auch dort, wo er das 
charakteristisch Jüdische erbarmungslos blosslegt und 
verdammt, bewährt er sich — gerade darin — als Jude: bei 
Christus ist hiervon keine Spur. Oder wieder ein Homer! Dieser 
erweckt als erster das hellenische Volk zum Bewusstsein seiner 
selbst; um das zu können, musste er die Quintessenz alles 
Griechentums im eigenen Busen bergen. Wo aber ist das Volk, 
welches von Christus zum Leben erweckt, sich dadurch das 
kostbare Recht erworben hätte — und wohnte es auch an den 
Antipoden — Christum als den Seinigen zu bezeichnen? Jedenfalls 
nicht in Judäa! — Für den Gläubigen ist Jesus der Sohn 
Gottes, nicht eines Menschen; für den Ungläubigen wird es 
schwer werden, eine Formel zu finden, welche die vorliegende 
T h a t- 



247 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



sache dieser unvergleichlichen Persönlichkeit in ihrer 
Unerklärlichkeit so knapp und vielsagend bezeichnet. Es giebt 
eben Erscheinungen, die in den Vorstellungskomplex des 
Verstandes gar nicht ohne Symbol eingereiht werden können. 
Soviel über die prinzipielle Frage und um jeden Verdacht von mir 
abzuwehren, als segelte ich im Schlepptau jener flachen 
„historischen" Schule, welche das Unerklärliche zu erklären 
unternimmt. Ein anderes ist es, uns über die historisch 
gewordene Umgebung der Persönlichkeit zu belehren, lediglich 
damit wir diese noch deutlicher erschauen. Thun wir das, so ist 
die Antwort auf die Frage: war Christus ein Jude? keinesfalls eine 
einfache. Der Religion und der Erziehung nach war er es 
unzweifelhaft; der Rasse nach — im engeren und eigentlichen 
Sinne des Wortes „Jude" — höchst wahrscheinlich nicht. 

Der Name Galiläa (von Gelü haggoyim) bedeutet „Heidengau". 
Es scheint, als ob dieser Landesteil, so sehr entfernt vom geistigen 
Mittelpunkt, sich nie ganz rein erhalten hätte, selbst in den alten 
Zeiten nicht, als Israel noch stark und einig dastand, und er den 
Stämmen Naphtali und Sebulon als Heimat diente. Vom Stamme 
Naphtali wird gemeldet, er sei von Hause aus „sehr gemischter 
Herkunft", und blieb auch die nicht-israelitische Urbevölkerung 
im ganzen Bereich Palästina' s bestehen, so geschah das 
„nirgendswo in so starken Massen wie in den nördlichen 
Marken." 1 ) Dazu kam noch ein fernerer Umstand. Während das 
übrige Palästina durch seine geographische Lage von der Welt 
gleichsam abgesondert ist, führte schon, als die Israeliten das 
Land besetzten, eine Strasse vom See Genezareth nach 
Damaskus, und Tyrus und Sidon waren schneller als Jerusalem 
von dorther zu erreichen. So sehen wir denn auch Salomo ein 
beträchtliches Stück dieses Heidengaues (wie er schon damals 
hiess, I Könige IX, 1 1) mit zwanzig Städten dem König von Tyrus 
als Bezahlung für seine Lieferungen an Cedern und Tannen- 



*) Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. 1897, S. 16 u. 
74. Vergl. ausserdem Richter I, 30 und 33 und hier weiter unten, Kap. 5. 



248 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



bäumen und für die 120 Zentner Gold abtreten, die jener für den 
Tempelbau geliefert hatte; so wenig lag dieses halb von Fremden 
bewohnte Land dem König Judäa's am Herzen. Der tyrische König 
Hiram muss es überhaupt wenig bevölkert gefunden haben, da er 
die Gelegenheit benutzte, um verschiedene fremde Völkerschaften 
in Galiläa anzusiedeln. 1 ) Dann kam, wie Jeder weiss, die 
Scheidung in zwei Reiche, und seit jener Zeit, d. h. seit 
tausend Jahren vor Christus (!) hat nur vorübergehend, hin 
und wieder, eine innigere, politische Verbindung zwischen Galiläa 
und Judäa überhaupt stattgefunden, und diese allein, nicht eine 
Gemeinsamkeit des religiösen Glaubens, fördert eine 
Verschmelzung der Völker. Auch zu Christi Zeiten war Galiläa von 
Judäa politisch gänzlich getrennt, so dass es zu diesem „im 
Verhältnis des Auslands" stand. 2 ) Inzwischen war aber etwas 
geschehen, was den israelitischen Charakter dieses nördlichen 
Landstrichs auf alle Zeiten fast ganz vertilgt haben muss: 720 
Jahre vor Christo (also etwa anderthalb Jahrhunderte vor der 
babylonischen Gefangenschaft der Juden) wurde das nördliche 
Reich Israel von den Assyriern verwüstet und seine Bevölkerung 
— angeblich in ihrer Gesamtheit, jedenfalls zum grossen Teile — 
deportiert, und zwar in verschiedene und entfernte Teile des 
Reiches, wo sie in kurzer Zeit mit den übrigen Einwohnern 
verschmolz und in Folge dessen gänzlich verschwand. 3 ) Zugleich 



*) Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 88. 

2 ) Graetz: a. a. O., I, 567. Galiläa und Peräa hatten zusammen einen 
eigenen, selbständig regierenden Tetrarchen, während Judäa, Samaria und 
Idumäa einem römischen Prokurator unterstanden. Graetz fügt an dieser 
Stelle hinzu: „Durch die Feindseligkeit der Samaritaner, deren Land als Keil 
zwischen Judäa und Galiläa mitten um (sie) lag, war der Verkehr zwischen 
beiden losgetrennten Landesteilen noch mehr gehemmt." — Dass man 
ausserdem kein Recht hat, die echten „Israeliten" des Nordens mit den 
eigentlichen „Juden" des Südens zu identifizieren, habe ich der Einfachheit 
halber hier unerwähnt gelassen; vergl. jedoch Kap. 5. 

3 ) So gänzlich verschwand, dass manche Theologen, die über Müsse 
verfügten, sieh auch im neunzehnten Jahrhundert den Kopf darüber 
zerbrachen, was aus den Israeliten geworden sei, da sie nicht annehmen 
konnten, fünf Sechstel des Volkes, dem Jahve die ganze 



249 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



wurden aus entlegenen Gegenden fremde Stämme zur Ansiedlung 
nach Palästina übergeführt. Die Gelehrten vermuten freilich (ohne 
Gewähr dafür geben zu können), dass ein bedeutender Bruchteil 
der früher gemischt-israelitischen Bevölkerung im Lande 
verblieben war; jedenfalls hielt sich aber dieser Rest nicht von den 
Fremden getrennt, sondern ging in ihrer gemischten Volksart 
auf. 1 ) Das Schicksal dieser Länder war also ein ganz anderes als 
das Judäas. Denn als später auch die Judäer weggeführt wurden, 
blieb ihr Land sozusagen leer, nämlich nur von wenigen, dazu 
heimischen Bauern bewohnt, so dass bei der Rückkehr aus der 
babylonischen Gefangenschaft, in welcher sie ausserdem ihre 
Stammesreinheit bewahrt hatten, die Judäer diese Reinheit 
unschwer auch weiter aufrecht erhalten konnten. Galiläa dagegen 
und die angrenzenden Länder waren, wie gesagt, von den 
Assyriern systematisch kolonisiert worden, und, wie es 
nach dem biblischen Berichte scheint, aus sehr verschiedenen 
Teilen des riesigen Reiches, unter anderm aus dem nördlichen 
gebirgigen Syrien. In den Jahrhunderten vor Christi Geburt sind 
nun ausserdem viele Phönicier und auch viele Griechen 
eingewandert. 2 ) Es ist nach dieser letzten Thatsache anzunehmen 
dass auch reinarisches Blut dorthin verpflanzt wurde; sicher ist 
eher, dass ein kunterbuntes Durcheinander der verschiedensten 



Erde versprochen hatte, sollten einfach verschwunden sein. Ein findiger Kopf 
brachte sogar heraus, die verloren geglaubten zehn Stämme seien die heutigen 
Engländer! Er war auch um die Moral dieser Entdeckung nicht verlegen: daher 
gehören den Briten von Rechts wegen fünf Sechstel der gesamten 
Erdoberfläche; das übrige Sechstel den Juden. Vergl. H. L.: Lost Israel, where 
are they to be found? (Edinburgh, 6. Aufl. 1877). In dieser Broschüre wird ein 
anderes Werk genannt, Wilson: Our Israelitish Origin. Es giebt sogar, nach 
diesen Autoritäten, brave Angelsachsen, die ihre Genealogie bis auf Moses 
zurückgeführt haben! 

*) Wie sehr „der unterscheidende Charakter der israelitischen Nation 
verloren war" berichtet Robertson Smith: The prophets of Israel (1895), p. 153. 

2 ) Albert Reville: Jesus de Nazareth I, 416. Man vergesse auch nicht, dass 
Alexander der Grosse nach der Empörung des Jahres 311 das nahe Samarien 
mit Macedoniern bevölkert hatte. 



250 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Rassen stattfand, und dass die Ausländer sich am zahlreichsten 
in dem zugänglicheren und dazu fruchtbareren Galiläa 
niedergelassen haben werden. Das Alte Testament selbst erzählt 
mit bestrickender Naivetät, wie diese Fremden ursprünglich dazu 
kamen, den Kultus Jahve's kennen zu lernen (II. Kön. XVII, 24 fg.): 
in dem entvölkerten Lande vermehrten sich die Raubtiere; man 
hielt diese Plage für eine Rache des vernachlässigten 
„Landesgottes" (Vers 26); es war aber Niemand da, der gewusst 
hätte, wie dieser verehrt werden wolle; und so sandten die 
Kolonisten zum König von Assyrien und baten sich einen 
israelitischen Priester aus der Gefangenschaft aus, und dieser 
kam und „lehrte sie die Weise des Landesgottes". Auf diese Art 
wurden die Bewohner des nördlichen Palästina, von Samaria ab, 
Juden dem Glauben nach, auch diejenigen unter ihnen, die 
keinen Tropfen israelitischen Blutes in den Adern hatten. — In 
späteren Zeiten mögen sich allerdings manche echte Juden dort 
niedergelassen haben; aber wohl doch nur als Fremde in den 
grösseren Städten, denn eine der bewundernswertesten 
Eigenschaften der Juden — namentlich seit ihrer Rückkehr aus 
der Gefangenschaft, wo auch zuerst der scharf umschriebene 
Begriff „Jude" als Bezeichnung für eine Religion auftritt (siehe 
Zacharias VIII, 23) — war ihre Sorge, die Rasse rein zu erhalten; 
eine Ehe zwischen Jude und Galiläer war undenkbar. Jedoch, 
auch diese jüdischen Bestandteile inmitten der fremden 
Bevölkerung wurden aus Galiläa nicht sehr lange vor Christi 
Geburt gänzlich ausgeschieden! Simon Tharsi, einer der 
Makkabäer, war es, der, nach einem erfolgreichen Feldzug in 
Galiläa gegen die Syrier: „die dort wohnenden Juden sammelte 
und sie bestimmte, auszuwandern und sich samt und 
sonders in Judäa niederzulasse n." 1 ) Das 
Vorurteil gegen Galiläa blieb denn auch so gross bei den Juden, 
dass, als Herodes Antipas während der Jugend Christi die Stadt 
Tiberias gebaut hatte und auch Juden veranlassen wollte, sich 
dort niederzulassen, ihm 



x ) Graetz a, a. O. 1, 400. Siehe auch I Makkabäer V, 23. 



251 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



dies weder durch Versprechungen noch durch Gewalt gelang. 1 ) — 
Es liegt also, wie man sieht, nicht die geringste Veranlassung zu 
der Annahme vor, die Eltern Jesu Christi seien, der Rasse nach, 
Juden gewesen. 

Im ferneren Lauf der historischen Entwickelung fand nun etwas 
statt, wofür man manche Analogie in der Geschichte aufweisen 
könnte: bei den Bewohnern des südlicher gelegenen, unmittelbar 
an Judäa anstossenden Samaria, die ohne Frage durch Blut und 
Verkehr den eigentlichen Juden viel näher standen als die 
Galiläer, erhielt sich die Tradition des nordisraelitischen 
Widerwillens und der Eifersucht gegen die Juden; die Samaritaner 
erkannten die kirchliche Suprematie Jerusalems nicht an und 
waren daher den Juden als „Irrgläubige" so verhasst, dass 
keinerlei Verkehr mit ihnen gestattet war: nicht ein Stück Brot 
durfte der Rechtgläubige aus ihren Händen nehmen, dies galt, als 
hätte er Schweinefleisch gegessen. 2 ) Die Galiläer dagegen, die den 
Juden ohne weiteres als „Ausländer" galten und als solche 
allerdings verachtet und von manchen religiösen Handlungen 
ausgeschlossen blieben, waren dennoch streng rechtgläubige und 
häufig sogar fanatische „Juden". Darin einen Beweis ihrer 
Abstammung erblicken zu wollen, ist töricht. Es ist ganz genau 
das selbe, als wollte man die unverfälscht slavische Bevölkerung 
Bosniens oder die reinsten Indoarier Afghanistans ethnologisch 
mit den „Türken" identifizieren, weil sie strenggläubige 
Mohammedaner sind, viel frommer und viel fanatischer als die 
echten Osmanen. Der Ausdruck Jude bezeichnet eine bestimmte, 
erstaunlich rein erhaltene Menschenrasse, nur in zweiter Reihe 
und uneigentlich die Bekenner einer Religion. Es geht auch 
durchaus nicht an, den Begriff „Jude", wie das in letzterer Zeit viel 
geschieht, mit dem Begriff „Semit", gleichzustellen; der 
Nationalcharakter der Araber z. B. ist ein durchaus anderer als 
der der Juden. Darauf komme ich im fünften Kapitel zurück; 
einstweilen 



*) Graetz a. a. O. I, 568. Vergl. Josephus, Buch XVIII, Kap. 3. 

2 ) Aus der Mischnah citiert von Renan: Vie de Jesus, 23. Aufl., S. 242. 



252 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



mache ich darauf aufmerksam, dass auch der Nationalcharakter 
der Galiläer wesentlich von dem der Juden abstach. Man schlage 
welche Geschichte der Juden man will auf, Ewald's oder 
Graetzens oder Renan' s, überall wird man finden, dass die 
Galiläer durch ihren Charakter sich von den anderen Bewohnern 
Palästinas unterschieden; sie werden als Hitzköpfe 
bezeichnet, als energische Idealisten, als Männer der That. In den 
langen Wirren mit Rom, vor und nach Christi Zeit, sind Galiläer 
meistens das treibende Element und dasjenige, welches der Tod 
allein besiegte. Während die grossen Kolonien unverfälschter 
Juden in Rom und Alexandrien auf vorzüglichem Fuss mit dem 
heidnischen Kaiserreich lebten, wo sie als Traumdeuter, 1 ) Trödler, 
Hausierer, Geldleiher, Schauspieler, Rechtsberater, 

Handelsherren, Gelehrte u. s. w. es sich gut gehen Hessen, wagte 
es im fernen Galiläa, noch zu Lebzeiten Caesar' s, Ezekia der 
Galiläer, die Fahne der religiösen Empörung zu erheben. Auf ihn 
folgte der berühmte Judas der Galiläer, mit dem Spruch: „Gott 
allein ist Herr, der Tod gleichgültig, die Freiheit eines und alles!" 2 ) 
Dann bildete sich in Galiläa die Partei der Sicarier (d. h. 
Messermänner), den heutigen indischen Thugs nicht unähnlich; 
ihr bedeutendster Führer, der Galiläer Menahem, vernichtete zu 
Nero's Zeiten die römische Garnison Jerusalems und wurde zum 
Dank, unter dem Vorwand, er habe sich für den Messias ausgeben 
wollen, von den Juden selbst hingerichtet; auch die Söhne des 
Judas wurden als staatsgefährliche Aufwiegler ans Kreuz 
geschlagen (und zwar von einem jüdischen Prokurator); Johannes 
von Gischala, einer Stadt an der äussersten Nordgrenze Galiläas, 

leitete die verzweifelte Verteidigung Jerusalems gegen Titus 

— und die Reihe der galiläischen Helden wurde durch Eleaser 
geschlossen, der noch Jahre lang nach der Zerstörung Jerusalems 
mit einer kleinen Truppe im Gebirge sich verschanzt 



*) Juvenal erzählt: 

Aere minuto 

Qualiacunque voles Judaei somnia vendunt. 
2 ) Mommsen: Römische Geschichte V ', 515. 



253 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



hielt, wo er und seine Anhänger, als die letzte Hoffnung verloren 
war, erst ihre Frauen und Kinder, dann sich selbst töteten. 1 ) in 
diesen Dingen tritt, das wird wohl Jeder zugeben, ein besonderer, 
unterschiedlicher Nationalcharakter zu Tage. Vielfach wird auch 
über die Frauen Galiläas berichtet, sie hätten eine nur ihnen 
eigentümliche Schönheit besessen; die Christen der ersten 
Jahrhunderte erzählen ausserdem von ihrer grossen Güte und 
ihrem Entgegenkommen Andersgläubigen gegenüber, im 
Gegensatz zu der hochmütig verachtungsvollen Behandlung, die 
ihnen von den echten Jüdinnen zu Teil wurde. Dieser besondere 
Nationalcharakter fand aber noch einen anderen, unfehlbaren 
Ausdruck: die Sprache. In Judäa und den angrenzenden 
Ländern redete man zu den Zeiten Christi aramäisch; das 
Hebräische war bereits eine tote Sprache, die einzig in den 
heiligen Schriften weiterlebte. Es wird nun berichtet, die Galiläer 
hätten einen so eigentümlichen, fremdartigen gesprochen, dass 
man sie gleich am ersten Worte erkannte; „deine Sprache verrät 
dich", rufen die Diener des Hohenpriesters dem Petrus zu. 2 ) Das 
Hebräische sollen sie überhaupt nicht im Stande gewesen sein zu 
erlernen, namentlich die Kehllaute bildeten für sie ein 
unübersteigbares Hindernis, so dass man Galiläer z. B. zum 
Vorbeten nicht zulassen konnte, da „ihre verwahrloste Aussprache 
Lachen erregte". 3 ) Diese Thatsache beweist eine physische 
Abweichung im Bau des Kehlkopfes und Hesse allein 



*) Auch später noch bildeten die Bewohner Galiläas eine besondere, durch 
Kraft und Mut ausgezeichnete Rasse, wie das ihre Teilnahme an dem Feldzug 
unter dem Perser Scharbarza und an der Einnahme Jerusalems beweist, im 
Jahre 614. 

2 ) Es Hessen sich überhaupt genügend Zeugnisse über die Unterscheidung 
zwischen den Galiläern und den eigentlichen Juden aus den Evangelien 
zusammenstellen. Namentlich bei Johannes wird immer von „den Juden" wie 
von etwas Fremdem gesprochen, und die Juden ihrerseits erklären: „aus 
Galiläa stehet kein Prophet auf (7, 52). 

3 ) Vergl. z. B. Graetz a. a. O., I, 575. Über die Eigentümlichkeit der Sprache 
der Galiläer und deren Unfähigkeit, die semitischen Kehllaute richtig 
auszusprechen, vergl. namentlich Renan: Langues semitiques, 5e ed., p. 230. 



254 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



schon vermuten, dass eine starke Beimischung nicht- semitischen 
Blutes stattgefunden habe; denn der Reichtum an Kehllauten und 
die Virtuosität in ihrer Behandlung ist ein allen Semiten 
gemeinsamer Zug. *) 

Auf diese Frage — war Christus ein Jude der Rasse nach? — 
habe ich geglaubt, mit einiger Ausführlichkeit eingehen zu 
müssen, weil ich in keinem einzigen Werke die hierhergehörigen 
Thatsachen klar zusammengetragen gefunden habe. Selbst in 
einem objektiv-wissenschaftlichen, von keinen theologischen 
Absichten beeinflussten Werke, wie das Albert Reville's, 2 ) des 
bekannten Professors der vergleichenden Religionsforschung am 
College de France, wird das Wort Jude bisweilen für die jüdische 
Rasse, bisweilen für die jüdische Religion gebraucht. Wir lesen z. 
B. (I. 416): „Galiläa war zum grössten Teil von Juden 
bewohnt, doch gab es auch syrische, phönizische und griechische 
Heide n." Hier also bedeutet Jude Einen, der den Landesgott 
Judäas verehrt, gleichviel, welcher Abstammung er sich rühmt. 
Auf der nächstfolgenden Seite ist jedoch von einer „ansehen 
Rasse" die Rede, als Gegensatz zu einer „jüdischen Nation"; hier 
bezeichnet folglich Jude einen bestimmten, engbegrenzten, seit 
Jahrhunderten rein erhaltenen Menschenstamm. Und nun folgt 
die tiefsinnige Bemerkung: „Die Frage, ob Christus arischer 
Herkunft sei, ist müssig. Ein Mann gehört der Nation an, in deren 
Mitte 



*) Man sehe z. B. die vergleichende Tafel bei Max Müller: Science of 
Language, 9. Aufl., S. 169 und in jedem einzelnen Bande der Sacred Books of 
the East Die Sanskritsprache kennt nur sechs echte „Gutturales", die 
hebräische zehn; am auffallendsten ist jedoch der Unterschied bei dem 
gutturalen Hauchlaut, dem h, für welches die indogermanischen Sprachen 
seit jeher nur einen einzigen Laut gekannt haben, die semitischen dagegen f 
ünf verschiedene. Dagegen findet man im Sanskrit sieben 
verschiedene Zungenlaute, im Hebräischen nur zwei. Wie ungeheuer schwer 
es ist, solche vererbte sprachliche Rassenmerkmale ganz zu verwischen, ist 
uns Allen durch das Beispiel der unter uns lebenden Juden gut bekannt; die 
vollkommen fehlerlose Beherrschung unserer Zungenlaute ist ihnen ebenso 
unmöglich, wie uns die Meisterschaft der Kehllaute. 

2 ) Jesus de Nazareth, etudes critiques sur les antecedents de l'histoire 
evangelique et la vie de Jesus, 2. vol. 1897. 



255 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



er aufgewachsen ist." Das nannte man „Wissenschaft" im Jahre 
des Heils 1896! Am Schlüsse des 19. Jahrhunderts durfte ein 
Gelehrter noch nicht wissen, dass die Form des Kopfes und die 
Struktur des Gehirns auf die Form und Struktur der Gedanken 
von ganz entscheidendem Einfluss sind, so dass der Einfluss der 
Umgebung, wenn er noch so gross angeschlagen wird, doch durch 
diese Initialthatsache der physischen Anlagen an bestimmte 
Fähigkeiten und Möglichkeiten gebunden, mit anderen Worten, 
bestimmte Wege gewiesen wird; er durfte nicht wissen, dass 
gerade die Gestalt des Schädels zu jenen Charakteren gehört, 
welche mit unausrottbarer Hartnäckigkeit vererbt werden, so dass 
durch kraniologische Messungen Rassen unterschieden und aus 
gemischten noch nach Jahrhunderten die atavistisch auftretenden 
ursprünglichen Bestandteile dem Forscher offenbar werden; er 
durfte glauben, dass die sogenannte Seele ausserhalb des Körpers 
ihren Sitz habe, und ihn wie eine Puppe an der Nase herumführe! 
O Mittelalter! wann wird deine Nacht von uns weichen? Wann 
werden die Menschen es begreifen, dass Gestalt nicht ein 
gleichgültiger Zufall ist, sondern ein Ausdruck des innersten 
Wesens? dass gerade hier, an diesem Punkte, die zwei Welten des 
Inneren und des Äusseren, des Sichtbaren und des Unsichtbaren 
sich berühren? Ich nannte die menschliche Persönlichkeit das 
mysterium magnum des Daseins; in ihrer sichtbaren Gestalt stellt 
sich nun dieses unergründliche Wunder dem Auge und dem 
forschenden Verstände dar. Und genau so wie die möglichen 
Gestalten eines Gebäudes durch die Natur des Baumateriales in 
wesentlichen Punkten bestimmt und beschränkt sind, ebenso ist 
die mögliche Gestalt eines Menschen, seine innere und seine 
äussere, durch die vererbten Bausteine, aus denen diese neue 
Persönlichkeit zusammengestellt wird, in Punkten von 
durchgreifender Wesentlichkeit bestimmt. Gewiss kann es 
vorkommen, dass man auf den Begriff der Rasse zu viel Gewicht 
legt: damit thut man der Autonomie der Persönlichkeit Abbruch 
und läuft Gefahr, die grosse Macht der Ideen zu 
unterschätzen; ausserdem ist diese ganze Frage der Rassen 
unendlich viel verwickelter als der Laie glaubt, sie gehört ganz und 



256 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



gar in das Gebiet der anatomischen Anthropologie und kann 
durch keine Dikta der Sprach- und Geschichtsforscher gelöst 
werden. Es geht aber dennoch nicht an, die Rasse als quantite 
negligeable einfach bei Seite zu lassen; noch weniger geht es an, 
etwas direkt Falsches über die Rasse auszusagen und eine 
derartige Geschichtslüge zu einem unbestreitbaren Dogma sich 
auskrystallisieren zu lassen. Wer die Behauptung aufstellt 
Christus sei ein Jude gewesen, ist entweder unwissend oder 
unwahr: unwissend, wenn er Religion und Rasse 
durcheinanderwirft, unwahr, wenn er die Geschichte Galiläas 
kennt und den höchst verwickelten Thatbestand zu Gunsten 
seiner religiösen Vorurteile oder gar, um sich dem mächtigen 
Judentum gefällig zu erzeigen, halb verschweigt, halb entstellt. 1 ) 
Die Wahrscheinlichkeit, dass Christus kein Jude war, dass er 
keinen Tropfen echt jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so 
gross, dass sie einer Gewissheit fast gleichkommt. Welcher Rasse 
gehörte er an? Darauf lässt sich gar keine Antwort geben. Da das 
Land zwischen Phönizien und dem in seinem südwestlichen Teile 
mit semitischem Blute durchtränkten Syrien lag, dazu vielleicht 
von seiner früheren gemischt-israelitischen (doch zu keiner Zeit 
jüdischen) Bevölkerung nicht ganz gesäubert war, ist die 
Wahrschein- 



*) Wie soll man es z. B. erklären, dass Renan, der in seinem 1863 
erschienenen Vie de Jesus sagt, es sei unmöglich, auch nur Vermutungen 
aufzustellen über die Rasse, der Christus durch sein Blut angehörte (siehe 
Kap. II), in dem 1891 vollendeten fünften Band seiner Histoire du Peuple 
d'Israel die kategorische Behauptung aufstellt: „Jesus etait un Juif", und mit 
ungewohnter Heftigkeit über die Leute herfällt, die das zu bezweifeln wagen? 
Sollte nicht die Alliance Israelite, mit der Renan in seinen letzten Lebensjahren 
in so eifrigem Verkehr stand, hier ein Wort mitgeredet haben? Im neunzehnten 
Jahrhundert haben wir so viel Schönes über die Freiheit der Rede, die Freiheit 
der Wissenschaft u. s. w. gehört; in Wahrheit sind wir aber ärger geknechtet 
gewesen, als im 18. Jahrhundert; denn zu den früheren Gewalthabern, die nie 
in Wirklichkeit entwaffneten, kamen neue, schlimmere hinzu. Der frühere 
Zwang konnte, bei allem bittern Unrecht, den Charakter stärken, der neue, 
der nur von Geld ausgeht und nur auf Geld hinzielt, entwürdigt zur 
niedrigsten Sklaverei. 



257 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



lichkeit eines vorwiegend semitischen Stammbaumes gross. Wer 
aber nur den geringsten Einblick in das Rassenbabel des 
assyrischen Reiches gethan hat, 1 ) und wer dann erfährt, dass aus 
den verschiedensten Teilen dieses Reiches Kolonisten in jene 
frühere Heimstatt Israels übersiedelten, wird nicht schnell bei der 
Hand mit einer Antwort sein. Es ist ja möglich, dass in einigen 
dieser Kolonistengruppen eine Tradition herrschte, untereinander 
zu heiraten, wodurch dann ein Stamm sich rein erhalten hätte; 
dass aber das über ein halbes Jahrtausend durchgeführt worden 
sei, ist fast undenkbar; gerade durch den Übertritt zum jüdischen 
Kultus verwischten sich nach und nach die 
Stammesunterschiede, die zuerst (II Könige XVII, 29) durch 
heimatliche Religionsgebräuche aufrecht erhalten worden waren. 
In späteren Zeiten wanderten nun ausserdem, wie wir hören, 
Griechen ein; jedenfalls gehörten sie zu den ärmsten Klassen, und 
nahmen natürlich sofort den „Landesgott" an! — Nur eine 
Behauptung können wir also auf gesunder historischer Grundlage 
aufstellen: in jenem ganzen Weltteile gab es eine einzige reine 
Rasse, eine Rasse, die durch peinliche Vorschriften sich vor 
jeder Vermengung mit anderen Völkerschaften schützte — die 
jüdische; dass Jesus Christus ihr nicht angehörte, kann als 
sicher betrachtet werden. Jede weitere Behauptung ist 
hypothetisch. 

Dieses Ergebnis, wenngleich rein negativ, ist von grossem 
Werte; es bedeutet einen wichtigen Beitrag zur richtigen 
Erkenntnis der Erscheinung Christi, somit auch zum Verständnis 
ihrer Wirksamkeit bis auf den heutigen Tag und zur Entwirrung 
des wild verhedderten Knäuels widersprechender Begriffe und 
falscher Vorstellungen, das sich um die einfache, durchsichtige 
Wahrheit geschlungen hat. Nunmehr jedoch müssen wir tiefer 
greifen. Die äussere Zusammengehörigkeit ist weniger wichtig als 
die innere; jetzt erst langen wir bei der entscheidenden Frage an: 
inwiefern gehört Christus als moralische Erscheinung 
zum Judentum, inwiefern nicht? Um das ein für alle Mal 
festzustellen, werden wir eine Reihe wichtiger Unterscheidungen 



Vergl. Hugo Winckler: Die Völker Vorderasiens, 1900. 



258 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



durchführen müssen, für die ich mir die vollste Aufmerksamkeit 
des Lesers erbitte. 

Religion 

Ganz allgemein, ja, vielleicht ohne Ausnahme, wird das 
Verhältnis so dargestellt, als sei Christus der Vollender des 
Judentums, das heisst also, der religiösen Ideen der Juden. 1 ) 
Selbst die orthodoxen Juden, wenn sie in ihm auch nicht gerade 
den Vollender verehren können, sehen doch in ihm einen 
Seitenast an ihrem Baume und betrachten mit Stolz das ganze 
Christentum als einen Anhang des Judentums. Das ist ein Irrtum, 
dessen bin ich tief überzeugt; es ist eine angeerbte 
Wahnvorstellung, eine von den Meinungen, die wir mit der 
Muttermilch einsaugen und über die in Folge dessen der 
Freidenkende eben so wenig zur Besinnung kommt, wie der 
orthodox kirchlich Gesinnte. Gewiss stand Christus in einem 
unmittelbaren Verhältnis zum Judentum, und der Einfluss des 
Judentums, zunächst auf die Gestaltung seiner Persönlichkeit, in 
noch weit höherem Masse auf die Entstehung und die Geschichte 
des Christentums ist ein so grosser, bestimmter und wesentlicher, 
dass jeder Versuch, ihn abzuleugnen, zu Widersinnigkeiten führen 
müsste; dieser Einfluss ist jedoch nur zum 
kleinsten Teile ein religiöser. Da liegt des 
Irrtums Kern. 

Wir sind gewohnt, das jüdische Volk als das religiöse Volk par 
excellence zu betrachten: in Wahrheit ist es ein (im Verhältnis zu 
den indoeuropäischen Rassen) religiös durchaus verkümmertes. 
In dieser Beziehung hat bei den Juden das stattgefunden, was 
Darwin „arrest of development" nennt, eine Verkümmerung der 
Anlagen, ein Absterben in der Knospe. Übrigens, waren alle 
Zweige des semitischen Stammes, sonst in mancher Beziehung 
reich begabt, von jeher erstaunlich arm an religiösem 



*) Eine rühmliche Ausnahme macht der grosse Rechtslehres Jhering, der in 
seiner Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 300, schreibt: „Dem Boden seines 
Volkes war Christi Lehre nicht entsprossen, das Christentum bezeichnet im 
Gegenteil eine Überwindung des Judentums, es steckt 
bereits bei seinem ersten Ursprung etwas vom Arier in ihm." 



259 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Instinkt; es ist das jene „Hartherzigkeit", über welche die 
bedeutenderen Männer unter ihnen stets klagen. 1 ) Wie anders der 
Arier! Schon nach dem Zeugnis der ältesten Urkunden (die weit 
über alle jüdischen zurückreichen) sehen wir ihn beschäftigt, 
einem dunkeln Drange zu folgen, der ihn antreibt, im eigenen 
Herzen zu forschen. Dieser Mensch ist lustig, lebenstoll, ehrgeizig, 
leichtsinnig, er trinkt und er spielt, er jagt und er raubt; plötzlich 
aber besinnt er sich: das grosse Rätsel des Daseins nimmt ihn 
ganz gefangen, nicht jedoch als ein rein rationalistisches Problem 
— woher ist diese Welt? woher stamme ich? — worauf eine rein 
logische (und darum unzureichende) Antwort zu geben wäre, 
sondern als ein unmittelbares, zwingendes Lebensbedürfnis. Nicht 
verstehen, sondern sein: das ist, wohin es ihn drängt. 
Nicht die Vergangenheit mit ihrer Litanei von Ursache und 
Wirkung, sondern die Gegenwart, die ewigwährende Gegenwart 
fesselt sein staunendes Sinnen. Und nur, das fühlt er, wenn er zu 
allem, was ihn umgiebt, Brücken hinüber geschlagen hat, wenn er 
sich — das einzige, was er unmittelbar weiss — in jedem 
Phänomen wieder erkennt, jedes Phänomen in sich wieder findet, 
nur wenn er, so zu sagen, sich und die Welt in Einklang gesetzt 
hat, dann darf er hoffen, das Weben des ewigen Werkes mit 
eigenem Ohre zu belauschen, die geheimnisvolle Musik des 
Daseins im eigenen Herzen zu vernehmen. Und damit er diesen 
Einklang finde, singt er selber hinaus, versucht es in allen Tönen, 
übt sich in allen Weisen; dann lauscht er andächtig. Nicht 
unbeantwortet bleibt sein Ruf: geheimnisvolle Stimmen vernimmt 
er; die ganze Natur belebt sich, überall regt sich in ihr das 
Menschenverwandte. Anbetend sinkt er auf die Kniee, wähnt 
nicht, dass er weise sei, glaubt nicht, den Ursprung und den 
Endzweck der Welt zu kennen, ahnt aber eine höhere 
Bestimmung, entdeckt in sich den Keim zu unermesslichen 
Geschicken, „den Samen der Unsterblichkeit". 



*) „Die Semiten haben viel Aberglauben, doch wenig Religion", bezeugt eine 
der grössten Autoritäten, Robertson Smith: The Prophets of Israel, p. 33. 



260 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Dies ist jedoch keine blosse Träumerei, sondern eine lebendige 
Überzeugung, ein Glaube, und, wie alles Lebende, erzeugt es 
wieder Leben. Die Helden seines Stammes und seine heiligen 
Männer erblickt er als „Übermenschen" (wie Goethe sagt) hoch 
über der Erde schweben; ihnen will er gleichen, denn auch ihn 
zieht es hinan, und jetzt weiss er, aus welch' tief innerem 

Brunnen sie die Kraft schöpften, gross zu sein Dieser 

Blick in die unerforschlichen Tiefen des eigenen Innern, diese 
Sehnsucht nach oben: das ist Religion. Religion hat zunächst 
weder mit Aberglauben noch mit Moral etwas zu thun; sie ist ein 
Zustand des Gemütes. Und weil der religiöse Mensch in 
unmittelbarem Kontakt mit einer Welt jenseits der Vernunft steht, 
so ist er Dichter und Denker: er tritt bewusst schöpferisch auf; 
ohne Ende arbeitet er an dem edlen Sisyphus-Werke, das 
Unsichtbare sichtbar, das Undenkbare denkbar zu gestalten; 1 ) nie 
finden wir bei ihm eine abgeschlossene, chronologische 
Kosmogonie und Theogonie, dazu erbte er eine zu lebendige 
Empfindung des Unendlichen; seine Vorstellungen bleiben im 
Flusse, erstarren niemals; alte werden durch neue ersetzt; Götter, 
in einem Jahrhundert hochgeehrt, sind im andern kaum dem 
Namen nach gekannt. Und doch bleiben die grossen Erkenntnisse 
fest erworben und gehen nie mehr verloren, obenan unter allen 
die grundlegende, welche Jahrtausende vor Christo der Rigveda 
folgendermassen auszusprechen suchte: „Die Wurzelung des 
Seienden fanden die Weisen im Herzen," — eine Überzeugung, 
welche im neunzehnten Jahrhundert durch Goethe' s Mund fast 
identischen Ausdruck fand: 

Ist nicht der Kern der Natur 
Menschen im Herzen? 



*) Schön sagt Herder: „Der Mensch allein ist im Widerspruch mit sich und 
mit der Erde; denn das ausgebildetste Geschöpf unter allen ihren 
Organisationen ist zugleich das unausgebildetste in seiner eigenen neuen 

Anlage Er stellt also zwo Welten auf einmal dar, und das macht die 

anscheinende Duplicität seines Wesens" (Ideen zur Geschichte der Menschheit, 
Teil I, Buch V, Abschnitt 6). 



261 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Das ist Religion! — Gerade diese Anlage nun, dieser 
Gemütszustand, dieser Instinkt, den Kern der Natur im 
Herzen zu suchen, mangelt den Juden in auffallendem 
Masse. Sie sind geborene Rationalisten. Die Vernunft ist bei ihnen 
stark, der Wille enorm entwickelt, dagegen ist ihre Kraft der 
Phantasie und der Gestaltung eine eigentümlich beschränkte. Ihre 
spärlichen mythisch-religiösen Vorstellungen, ja, sogar ihre 
Gebote und Gebräuche und ihre Kultusvorschriften entlehnten sie 
ausnahmslos fremden Völkern, reduzierten alles auf ein 
Minimum 1 ) und bewahrten es starr unverändert; das 
schöpferische Element, das eigentlich innere Leben fehlt hier 
fast gänzlich; im besten Falle verhält es sich zu dem so unendlich 
reichen religiösen Leben der Arier (welches alles höchste Denken 
und Dichten dieser Völker einschliesst) wie die vorhin genannten 
Zungenlaute, nämlich wie 2 zu 7. Man sehe doch, welche üppige 
Blüte herrlichster religiöser Vorstellungen und Begriffe, und dazu, 
welche Kunst und welche Philosophie, dank den Griechen und 
Germanen, auf dem Boden des Christentums emporschoss, und 
frage sich dann, um welche Bilder und Gedanken das angeblich 
religiöse Volk der Juden die Menschheit inzwischen bereichert 
hat! Spinozas „geometrische Ethik" (eine falsche, totgeborene 
Anwendung eines genialen und schöpferisch produktiven 
Gedankens von Descartes) dünkt mich in Wirklichkeit die 
blutigste Ironisierung der Talmudmoral und hat jedenfalls noch 
weniger als die wahrscheinlich den Ägyptern entlehnten 2 ) zehn 
Gebote des Moses mit Religion gemein. Nein, die Achtung 
gebietende Kraft des Judentums liegt auf einem ganz anderen 
Felde; ich komme gleich darauf zu sprechen. 

Wie war es denn aber möglich, unsere Urteilsfähigkeit so zu 
umnebeln, dass wir die Juden für ein religiöses Volk halten 
konnten? 

Zunächst waren es die Juden selber, die seit jeher mit 
äusserster Vehemenz und Volubilität versicherten, sie seien 
„das Volk Gotte s"; selbst ein freisinniger Jude wie der 
Philosoph 



*) Alles nähere Kap. 5. 

2 ) Siehe das Kapitel 125 des Totenbuches. 



262 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Philo stellt die kühne Behauptung auf, einzig die Israeliten seien 
„Menschen im wahren Sinne" ;*) die guten dummen Indogermanen 
glaubten es ihnen. Wie schwer es ihnen aber wurde, beweist der 
Gang der Geschichte und die Aussprüche aller ihrer 
bedeutendsten Männer. Ermöglicht wurde diese Glaubensseligkeit 
einzig durch die christlichen Schriftausleger, welche die gesamte 
Geschichte Judas zu einer Theodicee umbauten, in welcher die 
Kreuzigung Christi den Endpunkt bedeutet. Sogar Schiller (Die 
Sendung Moses) deutet an: die Vorsehung habe die jüdische 
Nation zerbrochen, sobald sie geleistet hatte, was sie 
sollte! Dabei übersahen die Gelehrten die fatale Thatsache, dass 
das Judentum dem Dasein Christi nicht die geringste 
Aufmerksamkeit geschenkt hat, dass seine älteren Historiker den 
Namen nicht einmal nennen; wozu heute die Wahrnehmung 
kommt, dass die Geschichte dieses eigenartigen Volkes nach zwei 
Jahrtausenden weiterlebt und von hoher Blüte zeugt; niemals, 
selbst in Alexandrien nicht, ist das Schicksal der Juden ein so 
glänzendes gewesen wie heute. Schliesslich wirkte noch ein drittes 
Vorurteil mit, welches im letzten Grunde aus den philosophischen 
Werkstätten Griechenlands stammte, und wonach der 
Monotheismus, d. h. die Vorstellung eines einzigen unteilbaren 
Gottes, das Symptom einer höheren Religion sein sollte; das ist 
eine durchaus rationalistische Schlussfolgerung; die Arithmetik 
hat mit Religion gar nichts gemeinsam; der Monotheismus kann 
ebenso gut eine Verarmung wie eine Veredelung des religiösen 
Lebens bedeuten. Ausserdem ist auf dieses verhängnisvolle 
Vorurteil, welches vielleicht mehr als irgend etwas anderes zu der 
Wahnvorstellung einer religiösen Überlegenheit der Juden 
beigetragen hat, zweierlei zu entgegnen: erstens, dass die Juden, 
solange sie eine Nation bildeten und ihre Religion noch einen 
Funken frischen Lebens besass, nicht Mono-, sondern 
Polytheisten waren, für die jedes Ländchen und jedes Stämmchen 
seinen eigenen Gott hatte; zweitens, dass die Indoeuropäer auf 
ihrem rein religiösen Wege 



*) Von Graetz a. a. O., I, 634 ohne nähere Angabe des Ortes citiert. 



263 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



zu viel grossartigeren Vorstellungen eines alleinigen Göttlichen 
gelangt waren, als die kümmerlich verschrumpfte des jüdischen 
Weltschöpfers. *) 



*) Belege für den Polytheismus der Juden brauche ich nicht zu geben; man 
findet sie in jedem wissenschaftlichen Werke, ausserdem auf jeder dritten 
Seite des Alten Testaments; siehe auch hier, Kap. 5. Sogar in den Psalmen 
werden „alle Götter" aufgefordert, Jahve anzubeten; Jahve ist nur insofern für 
die späteren Juden der „einzige Gott", als auch die Juden (wie uns Philo 
soeben mitteilte) „die einzigen Menschen im wahren Sinne" sind. Robertson 
Smith, dessen Religion of the Semites als ein wissenschaftlich grundlegendes 
Werk gilt, bezeugt, dass der Monotheismus nicht aus einer ursprünglichen 
religiösen Anlage des semitischen Geistes hervorgehe, sondern im 
Wesentlichen ein politisches Ergebnis sei!! (Siehe das Genannte 
Werk, S. 74). — In Bezug auf den Monotheismus der Indoeuropäer bemerke 
ich kurz Folgendes. Das Brahman der indischen Weisen ist ohne Frage der 
gewaltigste religiöse Gedanke, der je gedacht wurde; über den reinen 
Monotheismus der Perser kann man sich bei Darmesteter (The Zend - Avesta I, 
LXXXII fg.) unterrichten; der Grieche war aber auf demselben Wege gewesen, 
Ernst Curtius bezeugt es: „Ich habe viel Neues gelernt, namentlich welche 
Burg monotheistischer Gottesanschauung Olympia 
und welche sittliche Weltmacht der Zeus des Phidias gewesen ist" (Bf. an 
Geizer vom 1. Jan. 1896, veröffentlicht in der Deutschen Revue, 1897, S. 241). 
— Übrigens, man kann sich hier auf die unverdächtigsten aller Zeugen 
berufen. Der Apostel Paulus sagt (Römer I, 21) die Römer wussten, dass „E i 
n Gott ist"; und der Kirchenvater Augustinus führt aus, im elften Kapitel des 
vierten Buches seines De civitate Dei, dass, nach den Ansichten der gebildeten 
Römer seiner Zeit, der „magni doctores paganorum", Jupiter der einige, einzige 
Gott sei, alle übrigen Gottheiten nur einzelne seiner „virtutes" 
veranschaulichten. Augustinus benutzte die schon vorhandene Anschauung, 
um den Heiden klar zu machen, es würde ihnen keine Mühe kosten, zum 
Glauben an den einigen Gott überzugehen und die übrigen Gestalten 
aufzugeben. „Haec si ita sint, quid perderent si unum Deum colerent prudentiore 
compendio?" (Die Empfehlung des Glaubens an den einen Gott, als 
„abgekürztes Verfahren" ist übrigens ein rührender Zug aus den goldenen 
Kindertagen der christlichen Kirche!) Und was Augustinus füt die gelehrten 
Heiden ausführt, das bezeugt Tertullian für das ungelehrte Volk im 
Allgemeinen; alle Welt glaube, sagt er, in Wahrheit nur an einen einigen Gott, 
und man höre nie die Götter in Mehrzahl anrufen, sondern immer nur: 
„Grosser Gott! 



264 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Auf diese Fragen werde ich noch öfters Gelegenheit haben 
zurückzukommen, namentlich in den Abschnitten über den 
Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte und über die 
Entstehung der christlichen Kirche. Vorderhand möchte ich 
hoffen, dass es mir gelungen ist, die vorgefasste Ansicht von der 
besonderen Religiosität des Judentums wenigstens zu 
erschüttern. Ich glaube, der Leser des orthodox christlichen 
Neander wird fortan skeptisch den Kopf schütteln, wenn er die 
Behauptung findet: die Erscheinung Christi bilde „den 
Mittelpunkt" des religiösen 



Guter Gott! Wie Gott will! Gott befohlen! Gott vergelt's!" Dies betrachtet 
Tertullian als das Zeugnis einer von Hause aus monotheistischen Seele: „O 
testimonium animae naturaliter Christianae!" (Apologeticus, XVII). (Schöne 
Worte über den Monotheismus der Alten hat Giordano Bruno in seinem 
Spaccio de la bestia trionfante, ed. Lagarde, S. 532.] — Damit in dieser so 
wichtigen Frage nichts undeutlich bleibe, muss ich hinzufügen, dass Curtius, 
Paulus, Augustinus und Tertullian sich alle vier gründlich täuschen, wenn sie 
in diesen Dingen den Beweis eines Monotheismus im Sinne des 
semitischen Materialismus erblicken; ihr Urteil ist hier durch den Einfluss 
christlicher Begriffe umnebelt. Die Vorstellung „das Göttliche", 
welches wir in dem Sanskrit- Neutrum Brahman und in dem griechischen 
Neutrum VSUJV, sowie auch in dem deutschen Neutrum Gott, welches 
erst in späteren Zeiten, in Folge christlichen Einflusses, als Masculinum 
aufgefasst wurde (siehe Kluge's Etymol. Wörterbuch), darf durchaus nicht mit 
dem persönlichen Weltschöpfer der Juden identifiziert werden. Hier gilt für alle 
von semitischem Geist noch nicht berührten Arier, was Prof. Erwin Rohde für 
die Hellenen ausführt: „Es beruht auf irrtümlicher Auffassung, wenn man 
meint, der Grieche habe einen Zug zum Monotheismus (im jüdischen Sinne) 
gehabt. — — — Nicht einer Einheit der göttlichen Person, wohl aber einer 
Einheitlichkeit göttlichen Wesens, einer in vielen Göttern 
gleichmässig lebendigen Gottheit, einem allgemeinen Göttlichen 
sieht sich der Grieche gegenübergestellt, wo er in religiöse Beziehung zu den 
Göttern tritt" (Die Religion der Griechen in den Bayreuther Blättern, Jahrgang 
1895, S. 213). Höchst charakteristisch sind in dieser Beziehung die Worte 
Luther's: „In der Schöpfung und in den Werken (von aussen gegen der Kreatur 
zu rechnen) sind wir Christen mit den Türken eins; da sagen wir denn auch, 
dass nicht mehr denn ein einiger Gott sei. Aber wir sagen, solches sei 
nicht genug, dass wir allein glauben, dass ein einiger Gott sei." 



265 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Lebens der Juden, sie sei „in dem ganzen Organismus dieser 
Religion und Volksgeschichte mit innerer Notwendigkeit angelegt 
worden", u. s. w.; 1 ) über die oratorischen Floskeln des Freidenkers 
Renan: „Le Christianisme est le chef-d'oeuvre du judaisme, sa 

gloire, le resume de son evolution Jesus est tout entier dans 

Isaie" u. s. w., wird er mit einigem Unwillen lächeln; 2 ) und ich 
fürchte, er bricht in homerisches Gelächter aus, wenn der 
orthodoxe Jude Graetz ihm versichert, die Erscheinung Christi sei 
„die alte jüdische Lehre im neuen Gewände", es sei damals „die 
Zeit gekommen, in welcher die Grundwahrheiten des Judentums 

die Fülle hehrer Gedanken von Gott und einem 

heiligen Leben für den Einzelnen, wie für 



*) Allgemeine Geschichte der christlichen Religion, 4. Aufl., I, 46. 

2 ) Histoire du Peuple d'Israel V, 415, II, 539 u. s. w. Die Enormität der 
Behauptung Jesaia betreffend erhellt namentlich daraus, dass Renan selber 
diesen Propheten als einen „litterateur" und „journaliste" bezeichnet und lobt, 
und dass er ausführlich nachweist, welche rein-politische Rolle dieser 
bedeutende Mann gespielt hat. „Nicht eine Zeile aus seiner Feder, die nicht 
einer Tagesfrage, die nicht dem Interesse des Augenblickes gedient habe" (II, 
481). Und gerade in diesem Manne soll die ganze Persönlichkeit Jesu Christi 
enthalten sein? Unverantwortlich ist ebenfalls (leider nicht allein bei Renan) 
die Verwendung einzelner Verse aus Jesaia, um den Schein zu erregen, als 
hätte das Judentum auf eine Universalreligion hingezielt. So wird z. B. XLIX, 6 
angeführt, wo Jahve zu Israel spricht: „Ich habe dich auch zum Licht der 
Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt Ende;" dabei 
verschweigt man, dass im weiteren Verlauf des Kapitels erklärt wird, die 
Heiden sollen die Sklaven der Juden werden und ihre Könige und 
Fürstinnen sollen vor ihnen auf das Angesicht fallen und „ihrer Füsse 
Staub lecken". Und das soll eine erhabene Universalreligion sein! 
Ebenso verhält es sich mit dem stets angeführten Kap. LX; wo zuerst steht: 
„die Heiden werden in deinem Lichte wandeln," später aber mit dankenswerter 
Aufrichtigkeit: „Welche Heiden oder Königreiche dir nicht dienen wollen, 
die sollen umkommen und verwüstet werden!" Des weiteren werden die Heiden 
hier angewiesen, alles Gold und alle Schätze nach 
Jerusalem zu bringen, denn die Juden sollen „das Erdreich ewiglich besitzen". 
Und solche politische Hetzpamphlete wagt man mit der Erscheinung Christi in 
Parallele zu bringen! 



266 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



den Staat in die Leerheit anderer Völker überströmen und, 
ihnen einen reichen Inhalt bringen sollte". 1 ) 

Christus kein Jude 

Wer Christi Erscheinung erblicken will, der reisse sich also 
diesen dunkelsten Schleier energisch von den Augen hinweg. 
Diese Erscheinung ist nicht die Vollendung der jüdischen 
Religion, sondern ihre Verneinung. Dort gerade, wo das Gemüt 
den geringsten Platz in den religiösen Vorstellungen einnahm, dort 
trat ein neues Religionsideal auf, welches — im Unterschied von 
anderen grossen Versuchen, das innere Leben, sei es in 
Gedanken, sei es in Bildern zu erfassen — das ganze Gewicht 
dieses „Lebens im Geist und in der Wahrheit" in das Gemüt 
legte. Das Verhältnis zur jüdischen Religion könnte höchstens als 
eine Reaktion aufgefasst werden; das Gemüt ist, wie wir sahen, 
der Urquell aller echten Religion; gerade dieser Quell war den 
Juden durch ihren Formalismus und durch ihren hartherzigen 
Rationalismus fast zugeschüttet; auf ihn greift nun Christus 
zurück. — Wenige Dinge lassen so tief in das göttliche Herz Christi 
blicken wie sein Verhalten den jüdischen Religionsgesetzen 
gegenüber. Er beobachtete sie, doch ohne Eifer und ohne irgend 
einen Nachdruck darauf zu legen; sind sie doch im besten Falle 
nur ein Gefäss, das, ohne Inhalt, leer bliebe; und sobald ein 
Gesetz den Weg versperrt, den er zu gehen hat, knickt er es ohne 
die 



*) A. a. O., I. 570. Man hat öfters behauptet, die Juden hätten wenig Sinn 
für Humor, das scheint wahr zu sein, wenigsten in Bezug auf Einzelne; man 
denke sich die „Fülle" dieser krass-ignoranten, phantasiebaren 
Schriftgelehrten und die „Leerheit" der Hellenen! Von der Persönlichkeit 
Christi hält Graetz wenig; die höchste Anerkennung, zu welcher er sich 
versteigt, ist folgende „Jesus mag auch ein sympathisches, herzgewinnendes 
Wesen gehabt haben, wodurch sein Wort einen Eindruck machen konnte" (I, 
576). Die Kreuzigung hält der gelehrte Breslau er Professor für die Folge eines 
„Missverständnisses". Von den Juden, die später zum Christentum 
übertraten, meint Graetz, das sei der materiellen Vorteile wegen geschehen, 
und weil sie den Glauben an den Gekreuzigten „als etwas Unwesentliches in 
den Kauf nahmen" (II, 30). Ob das noch heute gilt? Dass der „Bund" mit Jahve 
ein Kontrakt mit beiderseitiger Verpflichtung war, wussten wir aus dem 
Alten Testament; was es aber bei Christus zu kaufen giebt, ist mir 
unklar. 



267 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



geringste Rücksicht, jedoch ebenfalls ruhig und ohne Zorn: was 
hat denn das alles mit Religion zu thun! „Der Mensch 1 ) ist ein 
Herr auch über den Sabbath": für den Juden freilich war einzig 
Jahve ein Herr gewesen, der Mensch sein Knecht. Über die 
jüdischen Speisegesetze (ein so wichtiger Punkt ihrer Religion, 
dass der Streit über ihre Verbindlichkeit sich noch in das frühe 
Christentum fortpflanzte) urteilt Christus: „Was zum Munde 
eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was 
zum Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Denn was 
zum Munde herausgehet, das kommt aus dem Herzen und 
verunreiniget den Menschen." 2 ) Dahin gehört auch die 
Verwendung der Schrift bei Christus. Mit Verehrung, doch ohne 
Fanatismus spricht er von ihr. Wie er die Schrift seinem Zwecke 
dienstbar macht, ist sogar sehr merkwürdig; auch über sie fühlt 
er sich „Herr" und verwandelt sie, wo es Not thut, in ihr Gegenteil. 
Das „ganze Gesetz und die Propheten" könne man, meint er, in 
dem einen Gebot aussprechen: liebe Gott und deinen Nächsten. 
Das hört sich fast wie erhabene Ironie an, namentlich, wenn wir 
bedenken, dass Christus hier die Furcht vor Gott, welche 
doch (und nicht die Liebe zu ihm) die Grundlage der ganzen 
jüdischen Religion abgiebt, mit keiner Silbe erwähnt. „Die Furcht 
des Herrn ist der Weisheit Anfang", singt der Psalmist. „Verbirg 
dich in der Erde vor der Furcht des Herrn und vor seiner 
Majestät", ruft Jesaia den Israeliten zu, und selbst Jeremia schien 
vergessen zu haben, dass es ein Gesetz giebt, wonach man Gott 
„von 



*) Folgende Belehrung über den Ausdruck „Menschensohn" ist wichtig: „Die 

messianische Deutung des Ausdrucks Menschensohn stammt erst von den 

griechischen Übersetzern des Evangeliums. Da Jesus aramäisch gesprochen 

c c\ ~ > xi r 

hat, so hat er nicht ° ul0 C *0U ClWpöMBW gesagt, sondern barnasch a. 

Das bedeutet aber der Mensch und nichts weiter, die Aramäer haben 

keinen anderen Ausdruck für den Begriff (Wellhausen: Israelitische und 

jüdische Geschichte, 3. Ausg., S. 381). 

2 ) „Ist der Mensch unrein, so ist er es, weil er die Unwahrheit redet", sagten 

die Opfervorschriften der arischen Inder, schon 1000 Jahre vor Christo 

(Satapatha-Brähmana, erster Vers der ersten Abteilung des ersten Buches). 



268 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von 
ganzem Gemüt lieben soll" 1 ) und hatte Jahve zu seinem 
Volke sprechen lassen: „Ich will Ihnen meine Furcht ins 
Herz 



*) Im fünften Buche Mose (Deuteronomium VI, 5) finden sich allerdings 
ähnliche Worte wie diese von Christus angeführten (aus Matthäus XXII, 37), 
aber — man übersehe doch nicht den Zusammenhang! Vor dem Gebot zu 
lieben (für unser Gefühl schon eine eigentümliche Vorstellung: auf Befehl 
lieben) steht als erstes und wichtigstes Gebot (Vers 2): „Du sollst den Herrn, 
deinen Gott, fürchten und alle seine Rechte und Gebote halten"; das 
Gebot der Liebe ist nur ein Gebot unter andern, die der Jude halten soll und 
gleich darauf könnt die Belohnung für diese Liebe (Vers 10 fg.): „Ich werde dir 
grosse und feine Städte geben, die du nicht gebauet hast, und Häuser alles 
Gutes voll, die du nicht gefüllet hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht 
ausgehauen hast, und Weinberge und Ölberge, die du nicht gepflanzt hast u. 
s. w." Das ist eine Art von Liebe wie die, welche heute so manche Ehe stiftet! 
Jedenfalls erschiene die „Liebe zum Nächsten" in einem eigentümlichen Licht, 
wenn man nicht wüsste, dass nach dem jüdischen Gesetz nur der Jude dem 
Juden ein „Nächster" ist; wie es denn am selben Ort, Kap. VII, 16 heisst: „Du 
wirst alle Völker fressen, die der Herr, dein Gott, dir geben wird!" Dieser 
Kommentar zum Gebot der Nächstenliebe macht jede weitere Bemerkung 
überflüssig. Damit aber Niemand im Unklaren bleibe, was die Juden auch 
später unter diesem Befehl, Gott von Herzen zu lieben, verstanden, will ich 
noch den Kommentar des Talmud (Jomah, Abschn. 8) zu jener Stelle des 
Gesetzes, Deuter. VI, 5 anführen: „Hierin wird gelehrt: dein Betragen soll so 
beschaffen sein, dass der Name Gottes durch dich geliebt werde; der Mensch 
soll nämlich mit der Erforschung der heiligen Schrift und der Mischnah sich 
beschäftigen und Umgang pflegen mit gelehrten und weisen Männern; seine 
Sprache sei sanft, sein sonstiges Verhalten angemessen und im Handel und 
Verkehre mit seinen Mitmenschen befleissige er sich der Ehrlichkeit und 
Redlichkeit. Was werden da die Leute sagen? Heil diesem Menschen, der sich 
mit der Erforschung der heiligen Lehre beschäftigt hat!" (Nach der 
Verdeutschung des Juden Seligmann Grünwald in der Jüdischen Universal- 
Bibliothek, Heft 34, 35, S. 86). Im Buche Sota des jerusalemischen Talmuds 
(V, 5) findet man einen etwas vernünftigeren, doch ebenso nüchternen 
Kommentar. — Das ist die orthodox jüdische Erläuterung des Gebotes: Du 
sollst Gott lieben von gansem Herzen! Ist es nicht das unwürdigste Spiel mit 
den Worten, wenn man hier behauptet, Christus habe das selbe wie die Thora 
gelehrt? 



269 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



geben, dass sie nicht von mir weichen; sie sollen mich 
fürchten ihr Lebenlan g"; nur wenn die Juden ihn 
fürchten, will er „nicht ablassen, ihnen Gutes zu thun", u. s. w. 
Ähnliche Umwandlungen der Schriftworte finden wir bei Christus 
an vielen Stellen. Und sehen wir nun auf der einen Seite einen 
Gott der Barmherzigkeit, auf der anderen einen Gott 
der Hartherzigkeit, 1 ) auf der einen Seite die Lehre, man 
solle den „himmlischen Vater" von ganzem Herzen lieben, 
auf der anderen „Knechte", denen die Furcht vor dem 
„Herrn" als erste Pflicht eingeschärft wird: 2 ) da dürfen wir wohl 
fragen, was das heissen soll, wenn man die eine Weltanschauung 
als das Werk, als die Vollendung der anderen bezeichnet? 
Sophismus ist das, nicht Wahrheit. Christus selbst hat es mit 
schlichten Worten gesagt: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider 
mich"; keine Erscheinung der Welt ist so genau „wider ihn", wie 
die jüdische Religion, wie überhaupt die ganze Auffassung der 
Religion seitens der Juden — von den Anfängen an bis auf den 
heutigen Tag. 

Und doch hat in dieser Beziehung gerade die jüdische Religion 
einen so trefflichen Boden für ein neues Religionsideal abgegeben 
wie sonst keine: nämlich, für eine neue Vorstellung von Gott. 

Was für Andere Armut bedeutete, wurde eben für Christus eine 
Quelle der reichsten Gaben. Die entsetzliche, für uns fast 
unvorstellbare Öde des jüdischen Lebens z. B. — ohne Kunst, 
ohne Philosophie, ohne Wissenschaft — aus der die begabteren 



*) Der gläubige Jude Montefiore: Religion ofthe ancient Hehrews (1893), p. 
442, gieht zu, dass der Gedanke „Gott ist die Liebe" in keinem rein 
hebräischen Werk irgend einer Zeit vorkomme. 

2 ) Montefiore und andere Autoren bestreiten, dass das Verhältnis Israels zu 
Jahve das von Knechten zu ihrem Herrn gewesen sei, doch spricht die Schrift 
es an vielen Orten unzweideutig aus, so, z. B. Lev. XXV, 55: „Knechte sind die 
Kinder Israels mir, meine Knechte, die ich aus Ägyptenland geführt habe"; und 
die wörtliche Übersetzung des hebräischen Textes wäre Sklave! (vergl. 
die wörtliche Übersetzung von Louis Segond). 



270 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Juden in hellen Scharen nach dem Ausland flüchteten, sie war ein 
durchaus unentbehrliches Element für sein einfaches, heiliges 
Dasein. Dem Gemüte bot jenes Leben beinahe garnichts, — nichts 
ausser dem Familienleben. Und so konnte das reichste Gemüt, 
das je gelebt, sich ganz in sich selbst versenken, in den Tiefen des 
eigenen Innern allein Nahrung finden. „Selig sind, die da geistig 
arm sind, denn das Reich Gottes ist ihr." Vielleicht war es nur in 
dieser öden Umgebung möglich, jene „Umkehr" des Willens als 
Vorstufe zu einem neuen Menschheitsideal zu entdecken; nur 
dort, wo der „Gott der Heerscharen" erbarmungslos herrschte, 
möglich, die himmlische Ahnung zur Gewissheit zu erheben: „Gott 
ist die Liebe." 

In diesem Zusammenhang ist jedoch Folgendes das wichtigste. 

Die besondere Geistesanlage der Juden, ihre durch die 
tyrannische Vorherrschaft des Willens herbeigeführte 
Phantasielosigkeit, hatte sie zu einem sehr eigentümlichen, a b s 
trakten Materialismus geführt. Den Juden, als 
Materialisten, lag, wie allen Semiten, der krasse Götzendienst am 
nächsten; immer wieder sehen wir sie sich Bildnisse schaffen und 
anbetend vor ihnen niederfallen; der jahrhundertelang währende 
moralische Kampf, den ihre grossen Männer hiergegen führten, ist 
ein Heldenblatt in der Geschichte der menschlichen Willensmacht. 
Der phantasielose Wille schoss jedoch, wie bei ihm üblich, weit 
über das Ziel hinaus; jedes Bildnis, ja häufig alles, was überhaupt 
„der Hände Werk" ist, birgt für die alttestamentlichen Juden die 
Gefahr, ein angebetetes Götzenbild zu werden. Nicht einmal die 
Münzen dürfen einen menschlichen Kopf oder eine allegorische 
Figur, nicht einmal die Fahnen ein Emblem tragen. Alle 
NichtJuden sind denn auch für die Juden „Götzenanbeter". Und 
daraus wieder hat sich, nebenbei gesagt, eine christliche 
Konfusion hergeleitet, die sich bis in die letzten Jahre des 19. 
Säculums behauptete und auch jetzt nur für die Wissenschaft, 
nicht für die Masse der Gebildeten aufgeklärt ist. In Wahrheit 
nämlich sind die Semiten wahrscheinlich die einzigen Menschen 
auf der ganzen Erde, die überhaupt jemals echte Götzenanbeter 
waren und sein konnten. In keinem Zweig der indoeuropäischen 
Familie hat es 



271 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



zu irgend einer Zeit Götzendienst gegeben. Die unverfälschten 
arischen Inder, wie auch die Eranier, hatten niemals weder Bild 
noch Tempel, sie wären unfähig gewesen, den krass- 
materialistischen Niederschlag aus dem semitischen 
Götzenglauben in der jüdischen Bundeslade mit ihren ägyptischen 
Sphinxen überhaupt zu begreifen; weder die Germanen, noch die 
Kelten, noch die Slaven beteten Bilder an. Und wo lebte der 
hellenische Zeus? wo die Athene? In den Gedichten, in der 
Phantasie, oben auf dem wolkenumflossenen Olymp, doch nie und 
nimmer in diesem und jenem Tempel. Dem Gotte zu Ehren 
bildete Phidias sein unsterbliches Werk, den Göttern zu Ehren 
wurden die unzähligen kleinen Bildnisse hergestellt, die jedes 
Haus schmückten und mit der lebendigen Vorstellung höherer 
Wesen erfüllten. Den Juden aber dünkten das Götzen! Bei der 
Vorherrschaft des Willens sahen sie sich jedes Ding nur auf den 
Nutzen an; dass man sich etwas Schönes vor Augen stellt, um 
sich daran zu erheben und zu laben, um dem Gemüt Nahrung 
zuzuführen, um den religiösen Sinn zu wecken: das war ihnen 
unerfasslich. Ebenso haben dann später die Christen 
Buddhabildnisse für Götzen angesehen: die Buddhisten erkennen 
aber gar keinen Gott an, viel weniger einen Götzen; diese Statuen 
sollen zur Kontemplation und zur Abwendung von der Welt 
anregen. Ja, in letzter Zeit beginnen die Ethnographen stark zu 
bezweifeln, ob es irgend ein noch so primitives Volk gebe, welches 
seine sogenannten Fetische wirklich als Götzen anbetet. Früher 
wurde das ohne Weiteres vorausgesetzt; jetzt entdeckt man in 
immer mehr Fällen, dass diese Naturkinder höchst komplizierte 
symbolische Vorstellungen mit ihren Fetischen verknüpfen. Es 
scheint, als ob unter allen Menschen einzig die Semiten es fertig 
gebracht hätten, goldene Kälber, eherne Schlangen u. s. w. zu 
fabrizieren und sie dann anzubeten. 1 ) Und da die Israeliten schon 
damals geistig viel entwickelter waren als heutzutage die Austral- 



*) Ich brauche kaum darauf aufmerksam zu machen, wie rein symbolisch 
die Kultusformen der Ägypter und der Syrier waren, denen die Juden die 
Anregung zu diesen besonderen Gestalten des Stiers und der Schlange 
entnommen hatten. 



272 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



neger es sind, so entnehmen wir daraus, dass hier nicht die noch 
mangelnde Unterscheidungsfähigkeit der Grund zu solchen 
Verirrungen sein konnte, sondern irgend eine Einseitigkeit des 
Geistes: diese Einseitigkeit war das abnorme Vorwiegen des 
Willens. Dem Willen als solchem fehlt nicht allein jede Phantasie, 
sondern jede Überlegung; ihm ist nur ein Einziges natürlich: sich 
auf das Gegenwärtige zu stürzen und es zu erfassen. Darum 
wurde es nie einem Volke so schwer wie dem israelitischen, sich 
zu einem hohen Begriff des Göttlichen zu erheben, und nie wurde 
es einem Volke so schwer, sich diesen Begriff rein zu wahren. 
Doch im Kampfe stählen sich die Kräfte: das unreligiöseste Volk 
der Erde schuf in seiner Not die Grundlage zu einem neuen und 
erhabensten Gottesbegriff, zu einem Begriff, der Gemeingut der 
ganzen gesitteten Menschheit wurde. Denn auf dieser Grundlage 
baute Christus; er konnte es, dank jenem „abstrakten 
Materialismus", den er um sich fand. Anderswo erstickten die 
Religionen in dem Reichtum ihrer Mythologieen; hier gab es gar 
keine Mythologie. Anderswo besass jeder Gott eine so ausgeprägte 
Physiognomie, er war durch Dichtung und Bildnerei etwas so ganz 
Individuelles geworden, dass Keiner es vermocht hätte, ihn über 
Nacht zu verwandeln; oder aber (wie bei Brahman in Indien) die 
Vorstellung von ihm war nach und nach so sublimiert worden, 
dass zu einer lebensvollen Neugestaltung nichts übrig blieb. Bei 
den Juden war beides nicht der Fall: zwar war Jahve eine 
ungemein konkrete, ja, eine durchaus historische 
Vorstellung, insofern eine weit greifbarere Gestalt, als sie je der 
phantasievolle Arier besessen; zugleich durfte er aber gar nicht 
vorgestellt werden, weder im Bilde noch durch das Wort. 1 ) Das 
religiöse Genie der Menschheit fand also hier tabula rasa. Den 
historischen Jahve brauchte Christus ebensowenig zu vernichten 
wie das jüdische „Gesetz"; weder der Eine noch das andere hat 
einen unmittel- 



*) Als in sehr später Zeit die Juden dem Drange nach Vorstellung doch nicht 
ganz widerstehen konnten, suchten sie den Mangel an Gestaltungskraft durch 
orientalischen Wortschwall zu verdecken, wovon man in Hesekiel, Kap. I, ein 
Beispiel sehen kann. 



273 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



baren Bezug auf echte Religion; ebenso aber wie er durch 
jene innere „Umkehr" das sogenannte Gesetz in der That von 
Grund und Boden aus zu einem neuen Gesetz umbaute, ebenso 
benutzte er die konkrete Abstraktion des jüdischen Gottes, um der 
Welt eine durchaus neue Vorstellung von 
Gott zu geben. Man redet von Anthropomorphismus! Kann 
denn der Mensch anders handeln und denken als wie ein 
Anthropos? Diese neue Vorstellung der Gottheit unterschied sich 
jedoch von anderen erhabenen Intuitionen dadurch, dass das Bild 
weder mit den schillernden Farben des Symbolismus, noch mit 
dem ätzenden Griffel des Gedankens hingemalt, sondern 
gewissermassen auf einem Spiegel im innersten Gemüte 
aufgefangen wurde, Jedem, der Augen hat zu sehen, fortan ein 
unmittelbar eigenes Erlebnis. — Sicherlich hätte dieses neue Ideal 
an keinem anderen Orte aufgestellt werden können, als an jenem 
einzigen, wo der Gottesgedanke fanatisch festgehalten und 
zugleich gänzlich unausgebildet geblieben war. 

Bisher haben wir das Augenmerk auf dasjenige gerichtet, was 
Christus vom Judentum trennt oder wenigstens unterscheidet; es 
wäre einseitig, wollten wir es dabei bewenden lassen. Sowohl sein 
Schicksal, wie auch die Hauptrichtung seines Denkens ist eng mit 
echt jüdischem Leben und Charakter verwachsen. Er überragt 
seine Umgebung, gehört ihr aber doch an. Hier kommen 
namentlich zwei Grundzüge des jüdischen Nationalcharakters in 
Betracht: die geschichtliche Auffassung der Religion 
und das Vorwiegen des Willens. Diese zwei Züge stehen zu 
einander in genetischem Zusammenhang, wie wir gleich sehen 
werden. Der erste hat namentlich das Lebensschicksal Christi und 
das Schicksal seines Angedenkens tief beeinflusst; im letzteren 
wurzelt seine Sittenlehre. Wer an diesen Dingen nicht achtlos 
vorübergeht, wird Aufschluss über manche der tiefsten und 
schwierigsten Fragen in der Geschichte des Christentums und 
über manche der unlösbaren inneren Widersprüche unserer 
religiösen Tendenzen bis auf den heutigen Tag erhalten. 



274 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Geschichtliche Religion 

Von den vielen semitischen Völkerschaften hat eine einzige sich 
als nationale Einheit erhalten, und zwar eine der kleinsten und 
politisch ohnmachtigsten; dieses kleine Volk hat allen Stürmen 
getrotzt und steht heute als Unikum unter den Menschen da: 
ohne Vaterland, ohne Oberhaupt, durch die ganze Welt zerstreut, 
den verschiedensten Nationalitäten eingereiht, und dennoch einig 
und einheitsbewusst. Dieses Wunder ist das Werk eines 
Buches, der Thora (mit allem was sich im Laufe der Zeit bis 
hinunter zu unseren Tagen ergänzend hinzufügte). Dieses Buch 
aber muss als das Zeugnis einer ganz eigenartigen Volksseele 
betrachtet werden, welche in einem kritischen Augenblicke von 
einzelnen zielbewussten, bedeutenden Männern diesen 
bestimmten Weg gewiesen wurde. In dem zweitnächsten Kapitel 
werde ich auf die Entstehung und Bedeutung dieser kanonischen 
Schriften näher eingehen müssen. Vorderhand will ich einzig 
darauf die Aufmerksamkeit lenken, dass das Alte Testament ein 
rein geschichtliches Werk ist. Wenn man von 
einzelnen späten und im Grunde genommen durchaus 
unwesentlichen Beigaben (wie die sogenannten Sprüche Salomo's) 
absieht, ist jeder Satz dieser Bücher geschichtlich; auch die ganze 
Gesetzgebung, die sie enthalten, wird geschichtlich begründet 
oder knüpft mindestens in chronistischer Weise an geschilderte 
Vorgänge an: „der Herr redete mit Mose", Aaron's Brandopfer wird 
vom Herrn verzehrt, Aaron's Söhne werden während der 
Gesetzesverkündigung getötet u. s. w., u. s. w.; und gilt es, etwas 
zu erfinden, so knüpft der Schreiber entweder an eine romanhafte 
Erzählung an, wie im Buche Hiob, oder an eine kühne 
Geschichtsfälschung, wie im Buche Esther. Durch dieses 
Vorwalten des chronistischen Elements unterscheidet sich die 
Bibel von allen andere bekannten heiligen Büchern. Was sie an 
Religion enthält, tritt als Bestandteil einer historischen Erzählung 
auf, nicht umgekehrt; ihre sittlichen Gebote wachsen nicht mit 
innerer Notwendigkeit aus den Tiefen des Menschenherzens 
empor, sondern sind „Gesetze", die unter bestimmten 
Bedingungen, an bestimmten Tagen erlassen wurden und jeden 
Augenblick widerrufen werden können. — Man werfe einen 
vergleichenden Blick auf die arischen Inder: 



275 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



oft stiessen ihnen Fragen über den Ursprung der Welt auf, über 
das Woher und Wohin, nicht jedoch als ein wesentlicher 
Bestandteil ihrer Seelenerhebung zu Gott; diese Frage nach den 
Ursachen hat mit ihrer Religion gar nichts zu tun, und anstatt 
darauf viel Gewicht zu legen, rufen die Hymnensänger fast 
ironisch aus: 

„Wer hat, woher die Schöpfung stammt, vernommen? 

Der auf sie schaut im höchsten Himmelslicht, 

Der sie gemacht hat oder nicht gemacht, 

Der weiss es! — oder weiss auch er es nicht?" 1 ) 

Genau die selbe Auffassung bekundete Goethe — den man 
manchmal den „grossen Heiden" nennt, mit grösserem Recht 
jedoch den grossen Arier heissen würde — als er die 
Worte sprach: „Lebhafte Frage nach der Ursache ist von grosser 
Schädlichkeit." Ähnlich der deutsche Naturforscher des heutigen 
Tages: „Im Unendlichen kann kein neues Ende gesucht werden, 
kein Anfang. So weit wir auch die Entstehung 
zurückschieben mögen, stets bleibt die Frage nach dem Ersten 
des Ersten, nach dem Anfang des Anfangs offen." 2 ) Ganz anders 
empfand der Jude. Er wusste über die Schöpfung der Welt so 
genau Bescheid wie heutzutage die wilden Indianer von 
Südamerika, oder die Australneger. Nicht aber wie bei diesen war 
es eine Folge der mangelnden Aufklärung, sondern das 
einsichtstiefe, melancholische Fragezeichen der arischen Hirten 
durfte niemals einen Platz in seiner Litteratur besitzen; der 
herrische Wille war es, der es verbot, und der den 
Skepticismus, welcher bei einem so hochbegabten Volke nicht 
ausbleiben konnte (siehe den Koheleth oder Buch des Predigers), 
sofort durch fanatischen Dogmatismus zurückdrängte. Wer das 
Heute ganz besitzen will, muss auch das Gestern, aus dem es 
herauswuchs, umspannen. Der Materialismus scheitert, sobald er 
nicht konsequent ist; dem Juden lehrte dies ein unfehlbarer 
Instinkt; und ebenso genau wie unsere heutigen Materialisten 
wissen, wie aus Bewegungen der Atome das Denken ent- 



x ) RigvedaX, 129, 7. 

2 ) Adolf Bastian, der hervorragende Ethnolog, in seinem Werk: Das 
Beständige in den Menschenrassen (1868), S. 28. 



276 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



steht, wusste jener, wie Gott die Welt, und dass er aus einem 
Erdenkloss den Menschen gemacht hatte. Die Schöpfung ist aber 
das Wenigste; der Jude nahm die Mythologieen, die er auf seinen 
Reisen kennen lernte, entkleidete sie nach Thunlichkeit des 
Mythologischen und stutzte sie zu möglichst konkret historischen 
Geschehnissen zu. 1 ) Dann erst kommt aber sein Meisterstück: aus 
dem dürftigen Material, das allen Semiten gemeinsam war, 2 ) 
konstruierte der Jude eine ganze Weltgeschichte und brachte sich 
selbst gleich in den Mittelpunkt; und von diesem Augenblick an, 
d. h. von dem Augenblick an, wo Jahve mit Abraham den Bund 
schliesst, bildet das Schicksal Israels die Weltgeschichte, ja, die 
Geschichte des ganzen Kosmos, das einzige, worum sich der 
Weltschöpfer kümmert. Es ist, als ob die Kreise immer enger 
würden: zuletzt bleibt nur der Mittelpunkt, das „Ich"; der Wille hat 
gesiegt. Das war auch in der That nicht das Werk eines Tages; es 
geschah allmählich; das eigentliche Judentum, d. h. das Alte 
Testament in seiner jetzigen Gestalt, hat sich erst bei der 
Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft endgültig 
geformt und befestigt. 3 ) Und nun wurde, was früher mit 
unbewussten Genialität geschehen war, bewusst angewandt und 
ausgebildet: die Verknüpfung der Vergangenheit und der Zukunft 
mit der Gegenwart, dergestalt, dass jeder einzelne Augenblick ein 
Zentrum bildete auf dem schnurgeraden Wege, den das jüdische 
Volk zu wandeln hatte und von dem es fortan weder nach rechts 
noch nach links abweichen konnte. In der Vergangenheit göttliche 
Wunderthaten zu Gunsten der Juden und in der Zukunft 
Messiaserwartung und Weltherrschaft: das waren die beiden 
einander ergänzenden Elemente dieser Geschichtsauffassung. Der 
vergängliche Augenblick erhielt eine eigentümlich lebendige 
Bedeutung dadurch, dass man ihn aus der 



*) „Les mythologies etrangeres se transforment entre les mains des Semites 
en recits platement historiques" (Renan: Israel, I, 49). 

2 ) Vergl. die Schöpfungsgeschichte des Phöniziers Sanchuniathon. 

3 ) Siehe Kap. 5. Als Anhaltspunkt und um die Verschiedenheiten der 
Anlagen recht drastisch hervortreten zu lassen: etwa 300 Jahre nach Homer, 
kaum ein Jahrhundert vor Herodot. 



277 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Vergangenheit herauswachsen sah, als Lohn oder als Bestrafung, 
und ihn in Prophezeiungen genau vorhergesagt glaubte. Hierdurch 
gewann nun auch die Zukunft eine unerhörte Realität: man 
schien sie mit Händen zu halten. Waren auch unzählige 
Versprechungen und Vorhersagungen nicht eingetroffen, 1 ) das 
konnte immer leicht erklärt werden; der Wille ist nicht 
einsichtsvoll, er lässt nicht locker was seine Hand hält, und wäre 
es auch nur ein Phantom; je weniger bisher eingetroffen war, um 
so reicher erschien die Zukunft; und so Vieles hatte man schwarz 
auf weiss (namentlich in der Legende des Exodus), dass der 
Zweifel nicht aufkommen konnte. Was man den 
Buchstabenglauben der Juden nennt, ist doch ein ganz anderes 
Ding als der dogmatische Glaube der Christen: es ist nicht ein 
Glaube an abstrakte, unvorstellbare Mysterien und an allerhand 
mythologische Vorstellungen, sondern etwas durchaus Konkretes, 
Geschichtliches. Das Verhältnis der Juden zu ihrem Gott ist von 
Beginn an ein politische s. 2 ) Jahve verspricht ihnen die 
Herrschaft der Welt — unter gewissen Bedingungen; und ihr 
Geschichtswerk ist ein solches Wunder kunstreicher Struktur, 
dass die Juden, trotz des elendesten, jämmerlichsten Schicksals 
(als Volk), von dem die Weltannalen zu berichten wissen — kaum 
dass sie ein einziges Mal, unter David und Salomo, ein halbes 
Jahrhundert relativen Wohlstandes und geordneter Verhältnisse 
genossen — dennoch ihre Vergangenheit in den glühendsten 
Farben erblicken, überall die schützende Hand Gottes 
wahrnehmen, ausgebreitet über sein auserwähltes Volk, über die 
„einzigen Menschen im wahren Sinne", überall also historische 
Beweise für die Wahrheit ihres Glaubens, woraus sie dann die 
Zuversicht schöpfen, dass das vor vielen Jahrhunderten dem 
Abraham Verheissene im vollen Umfang noch eintreffen wird. Die 
göttliche Verheissung aber war, wie gesagt, an Bedingungen 
geknüpft. Man konnte 



*) Zum Beispiel gleich als erstes das Versprechen an Abraham: „das Land 
Canaan will ich dir zu ewiger Besitzung geben." 

2 ) Vergl. hierzu Robertson Smith: The Prophets of Israel, p. 70 und 133. 



278 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



nicht im Hause herumgehen, nicht essen und trinken, nicht im 
Felde spazieren, ohne hunderter von Geboten zu gedenken, von 
deren Erfüllung das Schicksal der Nation abhing. Wie der Psalmist 
vom Juden singt (Psalm I, 2): 

Jahve's Gebote sind seine Lust, 
Bei Tag und Nacht sein Gedenken. *) 

Unsereiner wirft alle paar Jahre einmal einen Wahlzettel in die 
Urne; dass sein Leben auch sonst eine nationale Bedeutung 
besitzt, weiss er kaum oder gar nicht; der Jude konnte es nie 
vergessen. Sein Gott hatte ihm versprochen: „kein Volk wird dir 
widerstehen, bis du es vertilgest," gleich aber hinzugefügt: „Alle 
Gebote, die ich dir gebiete, sollst du halten!" So war denn Gott 
dem Bewusstsein ewig gegenwärtig. Ausser materiellem Besitz war 
dem Juden eigentlich alles verboten; auf Besitz allein war daher 
sein Sinn gerichtet; und Gott war es, von dem er den Besitz zu 
erhoffen hatte. — Wer nun die hier nur flüchtig skizzierten 
Verhältnisse sich noch niemals vergegenwärtigt hat, wird sich 
schwer einen Begriff davon machen, welche ungeahnte 
Lebhaftigkeit der Gedanke an Gott unter diesen Bedingungen 
gewann. Zwar durfte der Jude sich Gott im Bilde nicht vorstellen; 
sein Wirken aber, sein tägliches Eingreifen in die Geschicke der 
Welt war gewissermassen eine Sache der Erfahrung; die ganze 
Nation lebte ja davon; darüber nachzudenken war (wenn nicht in 
der Diaspora, so doch in Palästina) ihre einzige geistige 
Beschäftigung. 

In dieser Umgebung wuchs Christus auf; aus dieser Umgebung 
trat er niemals heraus. Dank diesem eigentümlichen historischen 
Sinn der Juden erwachte er zum Bewusstsein so 



*) In der Sippurim betitelten Sammlung jüdischer Volkssagen und 
Erzählungen wird öfters erwähnt, dass der gewöhnliche (ungelehrte) Jude s e 
chshundert und dreizehn Gesetze auswendig zu lernen 
hat. Der Talmud aber lehrt dreizehntausend sechshundert 
Gesetze, deren Befolgung göttliches Gebot ist! (siehe Dr. Emanuel 
Schreiber: Der Talmud vom Standpunkte des modernen Judentums). 



279 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



fern wie möglich dem allumfassenden arischen Naturkultus und 
seinem Bekenntnis tat-tvam-asi (das bist auch du), am Herde des 
eigentlichen Anthropomorphismus, wo die ganze Schöpfung nur 
für den Menschen da war und alle Menschen nur für dieses eine 
auserwählte Volk, also in der unmittelbarsten Gegenwart Gottes 
und göttlicher Vorsehung. Er fand hier, was er sonst nirgends auf 
der Welt gefunden hätte: ein vollständiges, fertiges Gerüst, 
innerhalb dessen sein durchaus neuer Gottes- und 
Religionsgedanke aufgebaut werden konnte. Von dem eigentlichen 
jüdischen Gedanken blieb, nachdem Jesus gelebt hatte, nichts 
mehr übrig; wie nach vollendetem Tempelbau, konnte das Gerüst 
abgetragen werden. Es hatte aber gedient, und der Bau wäre ohne 
das Gerüst undenkbar. Der Gott, den man um das tägliche Brot 
bittet, konnte nur dort gedacht werden, wo ein Gott Einem die 
Dinge dieser Welt verheissen hatte; um Schuldvergebung konnte 

man nur Den anflehen, der bestimmte Gebote erlassen hatte. 

— Fast befürchte ich aber, missverstanden zu werden, wenn ich 
an dieser Stelle mich auf Einzelheiten einlasse; es genügt, wenn 
ich die allgemeine Vorstellung der so ganz eigenartigen 
Atmosphäre Judäa's geweckt habe, woraus dann die Einsicht sich 
ergeben wird, dass die idealste Religion nicht die selbe Lebenskraft 
besässe, hätte sie nicht an die realste, materiellste, ja, wir dürfen 
ruhig sagen, am meisten materialistische der Welt angeknüpft. 
Hierdurch, und nicht in Folge seiner angeblich höheren 
Religiosität, ist das Judentum eine religiöse Weltmacht geworden. 

Noch deutlicher wird die Sache, sobald man den Einfluss dieses 
geschichtlichen Glaubens auf das Schicksal Christi 
betrachtet. 

Die gewaltigste Persönlichkeit kann nur dann wirken, wenn sie 
verstanden wird. Mag dieses Verständnis noch so lückenhaft, mag 
es sogar häufig direktes Missverständnis sein, irgend eine 
Gemeinsamkeit des Fühlens und Denkens muss als 
Verbindungsmittel dienen zwischen dem vereinzelten Grossen und 
der Menge. Die Tausende, die der Bergpredigt lauschten, 
verstanden Christum ganz gewiss nicht, wie wäre das denn 
möglich gewesen? 



280 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



es war ein armes, von ewigem Krieg und Aufruhr schwer 
bedrücktes, von seinen Priestern systematisch verdummtes Volk; 
die Macht seines Wortes erweckte aber in den Herzen der 
Begabteren unter ihnen einen Ton, der sonst an keinem Orte der 
Erde erklungen wäre: sollte Dieser der Messias sein, der 
verheissene Erlöser aus unserem Jammer und Elend? Welche 
unermessliche Kraft lag nicht in der Möglichkeit einer solchen 
Vorstellung! Sofort war die flüchtige, unscheinbare Gegenwart mit 
der fernsten Vergangenheit und mit der unbezweifelbarsten 
Zukunft verknüpft, wodurch der jetzige Augenblick 
unvergängliche Bedeutung erhielt. Dass der Messias, den die 
Juden erwarteten, durchaus nicht den Charakter hatte, den wir 
Indoeuropäer diesem Begriff beilegen, ist nebensächlich; 1 ) der 
Gedanke war da, der 



*) Selbst ein so orthodox kirchlicher Forscher wie Stanton giebt zu, dass der 
jüdische Messiasgedanke ein durchaus politischer war (siehe The 
Jewish and the Christian Messiah, 1886, S. 122, fg., 128 fg., u. s. w.). Man 
weiss, dass die Theologie sich in letzter Zeit viel mit der Geschichte der 
Messiasvorstellungen beschäftigt hat. Das Facit für uns Laien ist 
hauptsächlich der Nachweis, dass die Christen, durch specifisch galiläische 
und samaritanische Irrlehren dazu verleitet, der Erwartung eines Messias eine 
Auffassung untergeschoben haben, die sie in Wahrheit für die Juden nie 
besass. Über die gewaltsamen Deutungen der alten Propheten waren die 
jüdischen Schriftgelehrten von jeher empört; jetzt wird aber auch von 
christlicher Seite zugegeben, dass mindestens die vorexilischen Propheten 
(und das sind die grössten) von der Erwartung eines Messias nichts wussten 
(siehe z. B. Paul Volz: Die vorexilische Jähveprophetie und der Messias 1897, 
als letzte Zusammenfassung); das Alte Testament kennt nicht einmal das 
Wort, und einer der bedeutendsten Theologen unserer Zeit, Paul de Lagarde, 
(Deutsche Schriften, S. 53), macht darauf aufmerksam, dass der Ausdruck 
mäschiach überhaupt kein ursprünglich hebräischer, sondern ein erst spät 
aus Assyrien oder Babylonien erborgter ist. Besonders auffallend ist denn 
auch, wie diese Messiaserwartung, wo sie überhaupt vorhanden war, 
beständig die Gestalt wechselte; ein Mal sollte ein zweiter König David 
kommen, ein anderes Mal zielte die Vorstellung nur auf jüdische 
Weltherrschaft im Allgemeinen, dann wieder ist es Gott selber mit seinem 
himmlischen Gericht, „der den bisherigen Gewalthabern auf einen Schlag ein 
Ende macht und dem Volk Israel unvergängliche Herrschaft, ein 
allumfassendes Reich 



28 1 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



geschichtlich motivierte Glaube, dass jeden Augenblick ein Retter 
vom Himmel erscheinen könne und müsse. An keinem anderen 
Ort der Erde hätte ein einziger Mensch diese, wenn auch noch so 
missverständnisvolle Ahnung von der Weltbedeutung Christi 
haben können. Der Heiland wäre ein Mensch unter Menschen 
geblieben. Und insofern finde ich, dass die Tausende, die bald 
nachher „Kreuzige ihn, kreuzige ihn" schrieen, ebensoviel 
Verständnis bewiesen, wie diejenigen, die der Bergpredigt 
andächtig gelauscht hatten. Pilatus, sonst ein harter, grausamer 
Richter, konnte keine Schuld an Christus finden; 1 ) in Hellas und 
in Rom wäre er als ein heiliger Mann verehrt worden. Der Jude 
dagegen, 



giebt, an dem auch die wiedererweckten Gerechten früherer Zeiten 
teilnehmen, während die Abtrünnigen zu ewiger Schmach verurteilt werden" 
(vergl. Karl Müller: Kirchengeschichte, I, 15), — andere Juden wieder streiten, 
ob der Messias ein Ben-David oder ein Ben-Joseph sein werde; Manche 
glauben, es würden ihrer Zwei sein, noch Andre sind der Ansicht, er werde in 
der römischen Diaspora geboren werden; nie und nirgends findet sich aber der 
Gedanke an einen leidenden, durch seinen Tod erlösenden Messias (siehe 
Stanton, S. 122-124). Die besten, die gebildetsten und die frömmsten Juden 
haben sich überhaupt niemals auf derartige apokalyptische 
Wahnvorstellungen eingelassen. Im Talmud lesen wir (Sabbath, Abschn. 6): 
„Es ist zwischen der gegenwärtigen und der messianischen Zeit kein 
Unterschied, als dass der Druck, unter dem Israel bis dahin schmachtet, 
aufhört." (Dagegen sehe man im Traktat Sanhedrin des babylonischen 
Talmuds fol. 966 ff. das wüste Durcheinander und die durchgängige Puerilität 
der messianischen Vorstellungen). Ich meine nun in meinen obigen 
Ausführungen den Kern der Frage getroffen zu haben: bei einer durchaus 
historischen Religion, wie die jüdische, ist der sichere Besitz der Zukunft eine 
ebenso unabweisbare Notwendigkeit wie der sichere Besitz der Vergangenheit; 
von den frühesten Zeiten an sehen wir diesen Gedanken an die Zukunft die 
Juden beseelen, er beseelt sie noch heute; je nach den Einflüssen der 
Umgebung verlieh das phantasiearme Volk seinen Erwartungen verschiedene 
Formen, wesentlich ist einzig die felsenfeste Überzeugung, die sie niemals 
verliess, die Juden würden einmal die Welt beherrschen. Dies ist eben ein 
Bestandteil ihres Charakters, die sichtbare Hinausprojicierung ihres innersten 
Wesens. Es ist ihr Ersatz für Mythologie. 

*) Tertullian macht dazu die reizend naive Bemerkung: „Pilatus war bereits 
im Herzen Christ!" (Apologeticus, XXI). 



282 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



der einzig in der Geschichte lebte, dem der „heidnische" Begriff der 
Sittlichkeit und Heiligkeit fremd war, da er nur ein „Gesetz" 
kannte und dieses Gesetz wiederum aus ganz praktischen 
Gründen, nämlich, um Gottes Zorn nicht auf sich zu laden und 
um seine historische Zukunft zu sichern, befolgte, der Jude 
beurteilte eine Erscheinung wie die Christi rein geschichtlich, und 
musste mit Recht rasend werden, wenn das ihm verheissene 
Königreich, um dessen Gewinnung er Jahrhunderte lang gelitten 
und geduldet, um dessen Besitz er sich von allen Menschen der 
Erde geschieden hatte und allen verhasst und verächtlich 
geworden war, wenn dieses Königreich, wo er alle Nationen in 
Ketten und alle Fürsten auf den Knieen „staubleckend" vor sich zu 
erblicken hoffte, nun auf einmal aus einem irdischen 
umgewandelt werden sollte in ein Reich „nicht von dieser Welt". 
Jahve hatte seinem Volke oft versprochen, er werde es „nicht 
betrügen"; die Juden musste das aber Betrug dünken. Nicht 
Einen bloss, Viele haben sie hingerichtet, weil sie für den 
versprochenen Messias gehalten wurden oder sich dafür 
ausgaben. Und mit Recht, denn der Zukunftsglaube war eben so 
sehr eine Säule ihrer Volksidee, wie der Vergangenheitsglaube. 
Und nun gar diese galiläische Irrlehre! Auf der altgeweihten Stätte 
des hartnäckigen Materialismus die Fahne des Idealismus 
aufzupflanzen! Den Gott der Rache und des Krieges in einen Gott 
der Liebe und des Friedens umzuzaubern! Den stürmischen 
Willen, der beide Hände nach allem Gold der Erde ausstreckte, zu 
lehren, er solle das, was er besitze, wegwerfen und im eigenen 
Innern den vergrabenen Schatz suchen — — — Das jüdische 
Synedrium hat tiefer geblickt als Pilatus (und als viele Tausende 
von christlichen Theologen). Mit vollem Bewusstsein nicht, gewiss 
nicht, aber mit jenem unfehlbaren Instinkt, den reine Rasse 
verleiht, ergriff es den, der die historische Grundlage des 
jüdischen Lebens untergrub, indem er lehrte: „Sorget nicht für 
den morgigen Tag," den, der in einem jeden seiner Worte und 
Thaten das Judentum in sein Gegenteil verklärte, und liess ihn 
nicht wieder aus den Händen, bis er seine Seele ausgehaucht 
hatte. Und so nur, durch den Tod, war das Schicksal erfüllt, das 
Beispiel gegeben. Durch Lehren konnte 



283 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



kein neuer Glaube gestiftet werden; an edlen weisen Sittenlehrern 
fehlte es damals nicht, keiner hat über die Menschen etwas 
vermocht; es musste ein Leben gelebt und dieses Leben sofort als 
weltgeschichtliche That in die grosse bestehende Weltgeschichte 
eingereiht werden. Einzig eine jüdische Umgebung entsprach 
diesen Bedingungen. Und gerade so wie das Leben Christi nur mit 
Zuhilfenahme des Judentums gelebt werden konnte, trotzdem es 
seine Verleugnung war, ebenso entwickelte die junge christliche 
Kirche eine Reihe von uralten arischen Vorstellungen — von der 
Sünde, der Erlösung, der Wiedergeburt, der Gnade u. s. w. (lauter 
Dinge, die den Juden gänzlich unbekannt waren und blieben) — 
nunmehr zu klarer und sichtbarer Gestalt, indem sie sie in das 
jüdische historische Schema einfügte. 1 ) Es wird nie gelingen, 
die Erscheinung Christi von diesem jüdischen Grundgewebe ganz 
abzulösen; versucht wurde es gleich in den ersten christlichen 
Jahrhunderten, doch ohne Erfolg, da dadurch die tausend Züge, 
in denen die Persönlichkeit ihre Eigenart geoffenbart hatte, 
verwischt wurden und nur eine Abstraktion zurückblieb. 2 ) 



*) Der Mythus des Sündenfalles steht zwar gleich am Beginn des ersten 
Buches Mose, jedoch offenbar als Lehngut, da die Juden ihn nie verstanden 
und er in ihrem System keine Verwendung fand. Wer das Gesetz nicht 
übertritt, ist nach ihrer Auffassung sündenlos. Ebensowenig hat ihre 
Erwartung eines Messias irgend etwas mit unserer Vorstellung der „Erlösung" 
zu thun. Näheres in den Kap. 5 u. 7. 

2 ) Das ist die Tendenz der Gnosis überhaupt; den vollkommen 
durchdachten, edelsten Ausdruck findet diese Richtung, soweit ich mir ein 
Urteil zutrauen darf, in Marcion (Mitte des 2. Jahrhunderts), der von dem d u 
rchaus Neuen des christlichen Ideals so durchdrungen war, wie 
vielleicht kein Religionslehrer seit ihm; gerade an einem solchen Beispiel lernt 
man aber am deutlichsten einsehen, wie verhängnisvoll es ist, das 
geschichtlich Gegebene ignorieren zu wollen. (Vergl. jede beliebige 
Kirchengeschichte. Dagegen muss ich den Wissbegierigen ausdrücklich 
warnen, dass die drei Zeilen, die Professor Ranke diesem wahrhaft grossen 
Manne widmet, Weltgeschichte, II, 171, nicht ein einziges Wort von dem 
enthalten, was hier zu sagen war.) [Für die Kenntnis Marcion's und der Gnosis 
überhaupt sind Mead's Fragmente eines verschollenen Glaubens, übers, von 
Ulrich, 1902 bei Schwetschke, zu empfehlen]. 



284 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Noch tiefer greift der Einfluss des zweiten Charakterzuges. 

Der Wille bei den Semiten 

Wir haben gesehen, dass das, was ich den historischen Instinkt 
der Juden nannte, im letzten Grund auf dem Besitz eines abnorm 
entwickelten Willens beruht. Der Wille erreicht beim Juden 
eine solche Überlegenheit, dass er die übrigen Anlagen bezwingt 
und beherrscht. Dadurch entsteht nun auf der einen Seite 
Ausserordentliches, Leistungen, wie sie anderen Menschen kaum 
möglich wären, andrerseits aber eigentümliche Beschränkungen. 
Gleichviel; sicher ist, dass wir diese selbe Vorherrschaft des 
Willens bei Christus überall antreffen: häufig unjüdisch in den 
einzelnen Äusserungen, ganz jüdisch, insofern der Wille fast 
ausschliesslich betont wird. Dieser Zug greift ungemein tief und 
verzweigt sich tausendfach, wie ein Aderngeäst, bis in jedes 
einzelne Wort, bis in jede einzelne Vorstellung. Durch einen 
Vergleich hoffe ich das Gemeinte klar fasslich hinstellen zu 
können. 

Man betrachte die hellenische Vorstellung des Göttlichen und 
Menschlichen und ihres Verhältnisses zu einander. Einige Götter 
kämpfen für Troja, andere für die Achaier; indem ich einen Teil 
der Gottheit mir befreunde, befremde ich mir den andern; das 
Leben ist ein Kampf, ein Spiel, der Edelste kann zu Grunde gehen, 
der Jämmerlichste siegen; die Sittlichkeit ist gewissermassen eine 
persönliche Angelegenheit, seines eigensten Innern ist der Mensch 
Herr, nicht seines Schicksals; eine sorgende, strafende und 
belohnende Vorsehung giebt es nicht. Sind doch auch die Götter 
nicht frei; Zeus selber muss dem Geschicke sich beugen. „Dem 
bestimmten Verhängnis zu entgehen, ist selbst einem Gott nicht 
möglich", schreibt Herodot. Ein Volk, welches die Ilias erzeugt, 
wird später grosse Naturforscher und grosse Denker 
hervorbringen. Denn wer die Natur mit offenen, durch keine 
Selbstsucht verblendeten Augen ansieht, wird überall in ihr das 
Walten des Gesetzes entdecken; die Gesetzlichkeit auf 
moralischem Gebiete heisst Schicksal für den Künstler und 
Prädestination für den Philosophen. Für den treuen Beobachter 
der Natur ist der Gedanke der Willkür zunächst einfach 
unfassbar; selbst einem Gotte kann er sich nicht entschliessen 
anzu- 



285 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



dichten, er thue, was er wolle. Schönen Ausdruck verleiht dieser 
Weltauffassung Here in Goethe' s Achilleis- Fragment: 

Willkür bleibet ewig verhasst den Göttern und Menschen, 

Wenn sie in Thaten sich zeigt, auch nur in Worten sich 

kundgiebt. 

Denn so hoch wir auch stehen, so ist der ewigen Götter 

Ewigste Themis 1 ) allein, und diese muss dauern und walten. 

Dagegen kann der jüdische Jahve als die Inkarnation 
der Willkür bezeichnet werden. Gewiss tritt uns dieser 
Gottesbegriff in den Psalmen und in Jesaia überaus grossartig 
entgegen; er ist auch — für das auserwählte Volk — eine Quelle 
hoher und ernster Moral. Was Jahve ist, ist er aber, weil er so sein 
will; er steht über aller Natur, über jedem Gesetz, der absolute, 
unbeschränkte Autokrat. Gefällt es ihm, ein kleines Völkchen aus 
der Menschheit herauszuwählen und ihm allein seine Gnade zu 
erweisen, so thut er es; will er es quälen, so schickt er es in 
Sklaverei; will er dagegen ihm Häuser schenken, die es nicht 
gebaut, Weinberge, die es nicht gepflanzt hat, so thut er es und 
vernichtet die unschuldigen Besitzer; eine Themis giebt es nicht. 
Ebenso die göttliche Gesetzgebung. Neben moralischen Geboten, 
die zum Teil hohe Sittlichkeit und Menschlichkeit atmen, stehen 
direkt unsittliche und unmenschliche; 2 ) andere wiederum 
bestimmen die trivialsten Dinge: was man essen und was man 
nicht 



*) Die Themis ist bei uns Modernen zu einer Allegorie der unparteiischen 
Gerichtspflege herabgesunken, d. h. also eines durchaus willkürlichen 
Übereinkommens, und wird, bezeichnender Weise, mit verbundenen Augen 
dargestellt; als die Mythologie noch lebte, bezeichnete sie das Walten des 
Gesetzes in der gesamten Natur, und die antiken Bildner geben ihr besonders 
grosse, weit offene Augen. 

2 ) Neben den unzähligen göttlich befohlenen Raubzügen mit Massenmord, 
wo auch „die Köpfe der Kinder gegen die Steine zerschellt" werden sollen, 
bemerke man die Fälle, wo geboten wird, „den Bruder, Freund und Nächsten" 
meuchelmörderisch zu überfallen (2. Mose XXXII, 27), und auch die Ekel 
erregenden Befehle, wie Hesekiel IV, 12-15. 



286 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



essen darf, wie man sich waschen soll u. s. w., kurz, überall die 
unbeschränkte Willkür. Wer tiefer blickt, wird nicht umhin 
können, hier die Verwandtschaft zwischen dem ursemitischen 
Götzenkultus und dem Jahveglauben zu erblicken. Von dem 
indoeuropäischen Standpunkt aus betrachtet, wäre Jahve 
eigentlich eher ein idealisierter Götze, oder wenn 
man will, ein Anti- Götze zu nennen als ein Gott. Dafür enthält 
jedoch diese Gottesauffassung etwas, was ebensowenig wie die 
Willkür aus der Beobachtung der Natur zu entnehmen war: den 
Gedanken an eine Vorsehung. Nach Renan ist „der 
übertriebene Glaube an eine besondere Vorsehung die Basis der 
ganzen jüdischen Religion". 1 ) Ausserdem hängt mit jener Freiheit 
des Gottes eine andere eng zusammen: die Freiheit des 
menschlichen Willens. Das liberum arbitrium ist entschieden eine 
semitische, und in seiner vollen Ausbildung speziell eine jüdische 
Vorstellung; sie hängt mit der besonderen Gottesidee 
unzertrennlich zusammen. 2 ) Die Freiheit des Willens bedeutet 
nicht weniger als ewig wiederholte Schöpfungsakte; bedenkt man 
das, so begreift man, dass diese Annahme (sobald sie die Welt der 
Erscheinung betrifft) nicht allein aller physischen Wissenschaft, 
sondern auch aller Metaphysik widerspricht und eine 
Verleugnung 



*) Histoire du peuple d'Israel II, S. III. 

2 ) Mit welchem sehr logischen Fanatismus die Rabbiner bis heute die 
unbedingte und nicht etwa metaphysisch zu deutende Freiheit des Willens 
verfechten, kann man in jeder Geschichte des Judentums verfolgen. Diderot 
sagt: „Les Juifs sont si jaloux de cette liberte d'indifference, qu'ils s'imaginent 
qu'il est impossible de penser sur cette mauere autrement qu'eux." Und wie 
genau dieser Begriff mit der Freiheit Gottes und mit der Vorsehung 
zusammenhängt, erhellt aus dem Sturm, den es hervorrief, als Maimonides 
die göttliche Vorsehung auf die Menschheit beschränken wollte und 
behauptete, nicht jedes Blatt werde durch sie bewegt, nicht jeder Wurm durch 
ihren Willen erzeugt. — Von den sog. „Grundsentenzen" des berühmten 
Talmudisten Rabbi Akiba lauten die beiden ersten: 1. Alles und Jedes ist von 
Gottes Vorsehung beaufsichtigt; 2. die Willensfreiheit ist gesetzt (Hirsch 
Graetz: Gnosticismus und Judentum, 1846, S. 91). 



287 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



jeder transscendenten Religion bedeutet. Hier stehen Erkenntnis 
und Wille sich schroff gegenüber. Überall nun, wo wir 
Einschränkungen dieses Freiheitsbegriffes begegnen — bei 
Augustinus, bei Luther, bei Voltaire, bei Kant, bei Goethe — 
können wir sicher sein, dass hier eine indoeuropäische Reaktion 
gegen semitischen Geist stattfindet. So z. B. wenn Calderon in der 
Grossen Zenobiaden wilden, eigenmächtigen Aurelian spotten lässt 
über Denjenigen, 

Der den Willen frei genannt. 

Denn — muss man sich gewiss auch sehr hüten, mit derartigen 
formelhaften Vereinfachungen Missbrauch zu treiben — man 
kann doch die Behauptung aufstellen: der Begriff der N o t w e n 
d i g k e i t ist ein in allen indoeuropäischen Rassen besonders 
stark ausgeprägter, dem man bei ihnen auf den verschiedensten 
Gebieten immer wieder begegnet; er deutet auf hohe 
leidenschaftslose Erkenntniskraft; dagegen ist der Begriff der W i 
1 1 k ü r, d. h. einer unbeschränkten Herrschaft des Willens, für 
den Juden spezifisch charakteristisch: er verrät eine im Verhältnis 
zum Willen sehr beschränkte Intelligenz. Es handelt sich hier 
nicht um abstrakte Verallgemeinerungen, sondern um 
thatsächliche Eigenschaften, die wir noch heute täglich 
beobachten können; in dem einen Falle wiegt der Gedanke vor, in 
dem andern der Wille. 

Man gestatte mir ein handgreifliches Beispiel aus der 
Gegenwart. Ich kannte einen jüdischen Gelehrten, der, da in 
seiner Branche die Konkurrenz wenig Geld verdienen liess, 
Seifenfabrikant wurde, und zwar mit grossem Erfolg; als aber 
später auch hier wieder ausländische Konkurrenz ihm den Boden 
unter den Füssen wegschnitt, da wurde er auf einmal, als Mann in 
reiferen Jahren, Theaterdichter und Belletrist und erwarb sich 
dabei ein Vermögen. Von Universalgenie konnte in diesem Falle 
gar nicht die Rede sein; die intellektuelle Begabung war massig 
und jeglicher Originalität bar; mit diesem Intellekt machte aber 
der Wille, was er wollte. 

Der abnorm entwickelte Wille der Semiten kann zu zwei 



288 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Extremen führen: in dem einen Fall zur Erstarrung, wie bei 
Mohammed, wo der Gedanke an die unbeschränkte göttlich 
e Willkür vorwiegt; in anderen, wie beim Juden, zu 

phänomenaler Elasticität, was durch die Vorstellung der eigenen 
menschlichen Willkür hervorgebracht wird. Dem 
Indoeuropäer sind beide Wege versperrt. In der Natur beobachtet 
er überall Gesetzmässigkeit, und von sich selbst weiss er, dass er 
nur dann sein Höchstes leisten kann, wenn er der inneren Not 
gehorcht. Freilich kann auch bei ihm der Wille Heldenthaten 
vollbringen, nur aber, wenn seine Erkenntnis irgend eine Idee 
erfasst hat — eine künstlerische, religiöse, philosophische, oder 
eine auf Eroberung, Beherrschung, Bereicherung, vielleicht auf 
Verbrechen hinzielende; gleichviel, bei ihm gehorcht der Wille, er 
befiehlt nicht. Darum ist ein massig begabter Indoeuropäer so 
eigentümlich charakterlos im Vergleich zum unbegabtesten 
Juden. Aus eigenen Kräften wären wir gewiss nie zu der 
Vorstellung eines freien allmächtigen Gottes und einer sozusagen 
„willkürlichen Vorsehung" gekommen, einer Vorsehung nämlich, 
die eine Sache so bestimmen kann, und dann, durch Gebete oder 
andere Beweggründe veranlasst, wieder anders. 1 ) Wir sehen nicht, 
dass man ausserhalb des Judentums auf den Gedanken einer 
ganz intimen und beständigen persönlichen Beziehung zwischen 
Gott und Mensch gekommen sei, auf den Gedanken eines Gottes, 
der, wenn ich so sagen darf, lediglich der Menschen wegen da zu 
sein scheint. Zwar sind die alten indoarischen Götter 
wohlwollende, freundliche, fast gutmütig zu nennende Mächte; der 
Mensch ist ihr Kind, nicht ihr Knecht; ohne Furcht naht er sich 
ihnen; beim Opfern „ergreift er des Gottes rechte Hand"; 2 ) der 
Mangel an Demut der Gottheit gegen- 



*) Nie sind bei Indoeuropäern die Götter „Weltschöpfer"; wo das Göttliche als 
Schöpfer aufgefasst wird, wie beim Brahman der Inder, bezieht sich das auf 
eine rein metaphysische Erkenntnis, nicht auf einen historisch-mechanischen 
Vorgang, wie in Genesis I; sonst entstehen die Götter „diesseits der 
Schöpfung", man redet von ihrer Geburt und von ihrem Tode. 

2 ) Oldenberg: Die Religion des Veda, S. 310. 



289 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



über hat sogar Manchen entsetzt: doch findet man, wie gesagt, 
nirgendwo die Vorstellung der willkürlichen Allmacht. Und damit 
hängt eine auffallende Untreue zusammen: man betet bald 
Diesen, bald Jenen an, oder, wird das Göttliche als ein 
einheitliches Prinzip aufgefasst, so denkt es sich die eine Schule 
so, die andere anders (ich erinnere an die sechs grossen 
philosophisch-religiösen Systeme Indiens, die alle sechs als 
orthodox galten); das Gehirn arbeitet eben unaufhaltsam weiter, 
neue Bilder, neue Gestalten erzeugend, das Unbegrenzte ist seine 
Heimat, die Freiheit sein Element, die Schöpferkraft seine Freude. 
Man betrachte doch folgenden Anfang eines religiösen Hymnus 
aus dem Rigveda (6, 9): 

Das Ohr geht auf, es öffnet sich mein Auge, 

Das Licht in meinem Herzen wird lebendig! 

Der Geist in weite Fernen suchend 

ziehet: 

Was soll ich sagen? und was soll ich dichten? 

und vergleiche ihn mit den ersten Versen irgend eines Psalmes, z. 
B des sechsundsiebzigsten: 

Gott ist in Juda bekannt, 
In Israel ist sein Name herrlich; 
Zu Salem 1 ) ist sein Gezelt 
Und seine Wohnung zu Zion. 

Man sieht, welch' wichtiges Element des Glaubens der Wille ist. 
Während der erkenntnisreiche Arier „in weite Fernen suchend 
ziehet", lässt der willensstarke Jude Gott sein Gezelt ein für alle 
Mal in seiner Nähe aufschlagen. Die Wucht seines Willens zum 
Leben hat dem Juden nicht allein einen Glaubensanker 
geschmiedet, der ihn festkettet an den Boden der historischen 
Überlieferung, sondern sie hat ihm auch das, unerschütterliche 
Vertrauen eingeflösst zu einem persönlichen, unmittelbar 
gegenwärtigen Gott, der allmächtig ist zu geben und zu verderben; 
und sie hat ihn, den Menschen, in ein moralisches Verhältnis zu 



*) Abkürzung für Jerusalem. 



290 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



diesem Gott gebracht, indem der Gott in seiner Allmacht Gebote 
erliess, die der Mensch frei ist zu befolgen oder nicht zu befolgen. 1 ) 

Prophetismus 

Und noch Eins darf in diesem Zusammenhang nicht 
übergangen werden: die einseitige Vorherrschaft des Willens 
macht die Chroniken des jüdischen Volkes im Allgemeinen öde 
und hässlich; trotzdem erwuchs in dieser Atmosphäre eine Reihe 
bedeutender Männer, deren eigenartige Grösse sie jedem Vergleich 
mit anderen Geistesheroen entzieht. Ich habe dieser „Verneiner" 
des jüdischen Wesens, die dabei selber so jüdisch von der Sohle 
bis zum Haupte blieben, dass sie mehr als alles andere zur 
Ausbildung des starrsten Hebraismus beitrugen, schon in der 
Einleitung zu diesem Abschnitt gedacht 2 ) und komme im 
zweitnächsten Kapitel auf sie zurück; nur so viel muss hier gesagt 
werden: indem diese Männer den religiösen Materialismus von 
seiner abstraktesten Seite erfassten, erhoben sie ihn in morali- 



*) Wäre hier der Ort dazu, ich würde gern noch näher nachweisen, wie diese 
jüdische Vorstellung des allmächtigen, als freie Vorsehung waltenden Gottes 
die historische Auffassung dieses Gottes unabweislich bedingt, und 
wie gerade hiergegen immer wieder und immer wieder jede echt arische 
Erkenntnis sich sträubt. So ist z. B. das ganze tragische Gedankenleben Peter 
Abälard's dadurch bedingt, dass er, trotz der heissesten Sehnsucht nach 
Rechtgläubigkeit, seinen Geist dem jüdischen Religionsmaterialismus nicht 
anbequemen kann. Immer wieder z. B. kommt er zu dem Schluss, Gott thue, 
was er thue, mit Notwendigkeit (wobei er sich auf die früheren 
Schriften des Augustinus berufen konnte, namentlich auf sein De libero 
arbitrio): das ist geistiger Antisemitismus in seiner höchsten Potenz! Er leugnet 
auch jede Handlung, jede Bewegung bei Gott; das Wirken Gottes ist für ihn 
das Eintreffen einer ewigen Willensbestimmung: „bei Gott giebt es 
keine Zeitfolge". (Siehe A. Hausrath: Peter Abälard, S. 201 fg.). 
Damit verschwindet die Vorsehung. — Übrigens, wozu erst gelehrte Belege 
suchen? Der edle Don Quixote setzt mit rührender Naivetät seinem treuen 
Sancho auseinander: „für Gott giebt es keine Vergangenheit und keine 
Zukunft, sondern alles ist Gegenwart" (Buch IX, Kap. 8): damit 
bezeichnet der ewig grosse Cervantes kurz und bündig den unhistorischen 
Standpunkt aller Nichtsemiten. 

2 ) S. 47. 



291 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



scher Beziehung auf eine sehr hohe Stufe; ihr Wirken hat der 
Auffassung Christi in Bezug auf das Verhältnis zwischen Gott und 
Mensch in wesentlichen Punkten historisch vorgearbeitet. 
Ausserdem spricht sich ein wichtiger Zug, der ganz und gar im 
Wesen des Judentums begründet liegt, bei ihnen am deutlichsten 
aus: die historische Religion dieses Volkes legt den Nachdruck 
nicht auf den Einzelnen, sondern auf die ganze Nation; der 
Einzelne kann der Gesamtheit nützen oder schaden, sonst aber ist 
er unwichtig; daraus folgte mit Notwendigkeit ein ausgesprochen 
sozialistischer Zug, der in den Propheten oft gewaltigen 
Ausdruck findet. Der Einzelne, der zu Glück und Reichtum 
gelangt, während seine Brüder darben, verfällt dem Fluche Gottes. 
Wenn nun Christus in einer Beziehung das genau 
entgegengesetzte Prinzip vertritt, dasjenige nämlich des extremen 
Individualismus, der Erlösung des Einzelnen durch Wiedergeburt, 
so deutet andrerseits sein Leben und sein Lehren unverkennbar 
auf einen Zustand, der nur durch Gemeinsamkeit 
verwirklicht werden kann. Der Kommunismus des „Eine Herde 
und Ein Hirt" ist gewiss ein anderer als der ganz und gar politisch 
gefärbte, theokratische Kommunismus der Propheten; wiederum 
ist jedoch der Untergrund ein ausschliesslich und 
charakteristisch jüdischer. 

Christus ein Jude 

Mag man nun über diese verschiedenen jüdischen 
Vorstellungen denken wie man will, Grösse wird ihnen Niemand 
absprechen, noch die Fähigkeit, auf die Gestaltung des 
menschlichen Lebens eine fast unermessliche Wirkung 
auszuüben. Es wird auch Niemand leugnen, dass der Glaube an 
die göttliche Allmacht, an die göttliche Vorsehung, und auch an 
die Freiheit des menschlichen Willens, 1 ) sowie die fast 
ausschliessliche Betonung der moralischen Natur der 
Menschen und ihrer Gleichheit vor Gott (,,die Letzten werden die 
Ersten sein") Grundpfeiler der Persönlichkeit Christi bilden. Weit 
mehr als das Anknüpfen an die Propheten, weit mehr auch als 
seine Achtung vor den jüdischen Gesetzesvorschriften lassen uns 
diese Grundanschauungen 



*) Letzterer allerdings, wie es scheint, mit bedeutenden Einschränkungen, 
da der arische Gedanke der Gnade bei Christus mehr als einmal deutlich 
auftritt. 



292 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



Christum als moralisch zu den Juden gehörig erkennen. Ja, wenn 
wir sehr tief hinabsteigen, bis zu jenem Mittelpunkt der 
Erscheinung Christi, der Umkehr des Willens, so 
müssen wir erkennen — und ich habe es am Anfang dieses 
Kapitels in dem Vergleich mit Buddha schon angedeutet — dass 
hier ein Jüdisches vorliegt, im Gegensatz zur arischen Verneinung 
des Willens. Letztere ist eine Frucht der Erkenntnis, der 
übergrossen Erkenntnis; Christus dagegen wendet sich an 
Menschen, bei denen der Wille übermächtig ist, nicht der 
Gedanke; was er um sich erblickt, ist der unersättliche, ewig 
gierige, ewig beide Hände nach aussen ausstreckende jüdische 
Wille; er erkennt die Macht dieses Willens und gebietet ihm — 
nicht Schweigen, sondern eine andere, neue Richtung. Hier muss 
man sagen: Christus ist ein Jude, und seine Erscheinung 
kann nur verstanden werden, wenn wir diese speziell jüdischen 
Anschauungen, die er vorfand und sich zu eigen machte, kritisch 
begreifen gelernt haben. 

Ich sagte soeben, Christus gehöre „moralisch" zu den Juden. 
Dieses ziemlich zweideutige Wort „Moral" muss hier in einer 
engeren Bedeutung gefasst werden. Denn gerade in der 
moralischen Anwendung dieser Vorstellungen von Gottes 
Allmacht und Vorsehung, von den daraus folgenden 
unmittelbaren Beziehungen zwischen dem Menschen und der 
Gottheit und von dem Gebrauch des freien menschlichen Willens 
wich der Heiland in toto von den Lehren des Judentums ab; das 
liegt Jedem offen dar und ich habe es ausserdem im 
Vorhergehenden deutlich fühlbar zu machen gesucht; die 
Vorstellungen selbst aber, der Rahmen, in welchen die moralische 
Persönlichkeit sich einfügte und aus welchem sie nicht 
herausgelöst werden kann, die fraglose Annahme dieser 
Voraussetzungen, Gott und den Menschen betreffend, welche dem 
menschlichen Geist durchaus nicht ohne Weiteres zu eigen sind, 
sondern im Gegenteil die ganz individuelle Errungenschaft eines 
bestimmten Volkes im Laufe einer Jahrhunderte währenden 
geschichtlichen Entwickelung darstellen: das ist das Jüdische in 
Christus. Schon in den Kapiteln über hellenische Kunst und 
römisches Recht machte ich auf die Macht der Ideen 
aufmerksam; hier haben wir wieder ein leuch- 



293 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



tendes Beispiel davon. Wer in der jüdischen Gedankenwelt lebte, 
konnte sich der Macht jüdischer Ideen nicht entziehen. Und 
brachte er auch der Welt eine ganz neue Botschaft, wirkte auch 
sein Leben wie das Anbrechen eines neuen Morgens, war seine 
Persönlichkeit auch eine so göttlich grosse, dass sie uns eine Kraft 
im menschlichen Innern entdeckte, fähig — wenn das je begriffen 
würde — die Menschheit völlig umzuwandeln: so waren doch 
nichtsdestoweniger die Persönlichkeit, das Leben und die 
Botschaft an die grundlegenden Ideen des Judentums gebunden; 
nur in diesen konnten sie sich offenbaren, bethätigen und 
kundthun. 

Das 19. Jahrhundert 

Ich hoffe, mein Zweck wird erreicht sein. Von der Betrachtung 
der Persönlichkeit in ihrer individuellen, autonomen Bedeutung 
ausgehend, habe ich nach und nach den Kreis erweitert, um die 
Lebensfäden aufzuzeigen, die sie mit der Umgebung verbinden. 
Hierbei war eine gewisse Ausführlichkeit unentbehrlich; den 
einzigen Gegenstand dieses Buches, die Grundlagen des 19. 
Jahrhunderts, habe ich jedoch nicht einen Moment aus den 
Augen verloren. Denn wie sollte ich, Einzelner, mich chronistisch 
oder encyklopädisch an jenes Säculum heranwagen? Die Musen 
mögen mich vor einem derartigen Wahnwitz bewahren! Dagegen 
soll ich versuchen, den leitenden Ideen, den bildenden Gedanken 
unserer Zeit soweit möglich auf die Spur zu kommen; diese Ideen 
fallen aber nicht vom Himmel herab, sondern knüpfen an 
Vergangenes an; neuer Wein wird gar oft in alte Schläuche 
gegossen, und uralter, sauerer Wein, den kein Mensch kosten 
würde, wenn er seinen Ursprung kennte, in funkelnagelneue; 
überhaupt lastet auf einer so spätgeborenen Kultur wie die 
unsere, noch dazu in einer Zeit der atemlosen Hast, wo die 
Menschen zu viel lernen müssen, um viel denken zu können, der 
Fluch der Konfusion. Wollen wir Klarheit über uns selbst 
gewinnen, so müssen wir vor allem in den Grundgedanken und - 
Vorstellungen klar sehen, die wir von den Altvordern geerbt haben. 
Wie äusserst verwickelt das hellenische Erbe, wie eigentümlich 
wider- 



294 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



spruchsvoll das römische, zugleich wie tief eingreifend in unser 
heutiges Leben und Denken, hoffe ich recht fühlbar gemacht zu 
haben. Jetzt sahen wir, dass auch die Erscheinung Christi, welche 
auf der Schwelle zwischen Alt- und Neuzeit steht, durchaus nicht 
in so einfacher Gestalt unserem ferngerückten Auge sich bietet, 
dass wir sie leicht aus dem Labyrinth der Vorurteile und Lügen 
und Irrtümer herausschälen könnten. Und doch ist nichts nötiger, 
als gerade diese Erscheinung deutlich und wahrheitstreu zu 
erblicken. Denn — wie unwürdig wir uns dessen auch erweisen 
mögen — unsere gesamte Kultur steht, gottlob! noch unter dem 
Zeichen des Kreuzes auf Golgatha. Wir sehen wohl dieses Kreuz; 
wer aber sieht den Gekreuzigten? Er aber, und Er allein, ist der 
lebendige Born alles Christentums, sowohl des intolerant 
Dogmatischen wie auch des durchaus ungläubig sich Gebenden. 
Dass man das hat bezweifeln können, dass das 19. Jahrhundert 
sich von Büchern genährt hat, in denen dargethan wurde, das 
Christentum sei so von ungefähr entstanden, aus Zufall, als 
mythologische Anwandlung, als „dialektische Antithese", was 
weiss ich alles, oder wiederum als notwendiges Erzeugnis des 
Judentums u. s. w., das wird in späteren Zeiten ein beredtes 
Zeugnis für die Kindlichkeit unseres Urteils abgeben. Die 
Bedeutung des Genies kann gar nicht hoch genug geschätzt 
werden: wer erkühnt sich, den Einfluss Homer's auf den 
Menschengeist zu berechnen? Christus aber war grösser. Und wie 
das ewige „Hausfeuer" der Arier, kann auch die Wahrheitsleuchte, 
die Er uns anzündete, nie mehr verlöschen; mag auch zu Zeiten 
ein Schatten der Nacht die Menschheit weithin umfinstern, es 
genügt ein einziges glühendes Herz, damit von Neuem Tausende 

und Millionen taghell aufflammen. Hier jedoch kann und 

muss man mit Christus fragen: „Wenn aber das Licht, das in dir 
ist, Finsternis ist, wie gross wird dann die Finsternis selber sein?" 
Schon die Entstehung der christlichen Kirche führt uns in tiefste 
Finsternis hinein, und ihre weitere Geschichte macht uns mehr 
den Eindruck eines Herumtappens im Dunkeln als eines sonnigen 
Sehens. Wie sollen wir also unterscheiden können, was in dem 
sogenannten Christentum Geist von Christi Geist ist, und was da- 



295 Das Erbe der alten Welt. Die Erscheinung Christi. 



gegen als hellenische, jüdische, römische, ägyptische Zuthat 
hinzukam, wenn wir nie gelernt haben, diese Erscheinung selbst 
in ihrer erhabenen Einfachheit zu erblicken? Wie sollen wir über 
das Christliche in unseren heutigen Konfessionen, in unseren 
Litteraturen und Künsten, in unserer Philosophie und Politik, in 
unseren sozialen Einrichtungen und Idealen reden, wie sollen wir 
Christliches von Antichristlichem trennen und mit Sicherheit 
beurteilen können, was in den Bewegungen des 19. Jahrhunderts 
auf Christus zurückzuführen ist, was nicht, oder auch inwiefern 
es christlich ist, ob in der blossen Form oder auch dem Inhalt 
nach, oder vielleicht dem Inhalt, d. h. der allgemeinen Tendenz 
nach, nicht aber in Bezug auf die charakteristische jüdische 
Form, — wie sollen wir vor allem dieses für unseren Geist so 
drohend gefährliche spezifisch Jüdische von dem „Brot des 
Lebens" zu sondern und zu sichten verstehen, wenn nicht die 
Erscheinung Christi in ihren allgemeinen Umrissen uns klar vor 
Augen steht, und wenn wir nicht imstande sind, an diesem Bilde 
das rein Persönliche von dem Historischbedingten deutlich zu 
unterscheiden? Gewiss ist das eine wichtigste, unentbehrlichste 
Grundlage für viele Urteile und Einsichten. 

Das in bescheidenem Masse anzubahnen, war der Zweck dieses 
Kapitels. 



296 



297 



ABSCHNITT II 

DIE ERBEN 



Der hohe Sinn, das Rühmliche 
Von dem Gerühmten rein zu unterscheiden. 

Goethe 



298 



299 



EINLEITENDES 

Rechtfertigung 

Wer trat das Erbe des Altertums an? Diese Frage ist mindestens 
ebenso gewichtig wie die nach der Erbschaft selbst und womöglich 
noch verwickelter. Denn sie führt uns in das Studium der 
Rassenprobleme hinein, Probleme, welche die Wissenschaft des 
letzten Viertel] ahrhunderts nicht gelöst, sondern im Gegenteil in 
ihrer vollen Unentwirrbarkeit aufgedeckt hat. Und doch hängt 
jedes wahre Verständnis des 19. Jahrhunderts von der klaren 
Beantwortung dieser Frage ab. Hier heisst es also zugleich kühn 
und vorsichtig sein, wollen wir der Mahnung meines Vorwortes 
eingedenk bleiben und zwischen jener Scylla einer fast 
unerreichbaren und in ihren bisherigen Ergebnissen höchst 
problematischen Wissenschaft und der Charybdis unstatthafter, 
grundloser Verallgemeinerungen sicher hindurchsteuern. Die Not 
zwingt uns, das Wagnis zu unternehmen. 

Das Völkerchaos 

Rom hatte den Schwerpunkt der Civilisation nach Westen 
verlegt. Dies erwies sich als eine jener unbewusst vollzogenen 
welthistorischen Thaten, die durch keine Gewalt rückgängig 
gemacht werden können. Der von Asien abgewandte Westen 
Europas sollte der Herd aller ferneren Civilisation und Kultur sein. 
Das geschah aber nur nach und nach. Zunächst war es lediglich 
die Politik, die sieh immer mehr nach Westen und nach Norden 
wandte; geistig blieb Rom selbst lange in starker Abhängigkeit 
vom früheren östlichen Kulturcentrum. In den ersten 
Jahrhunderten unserer Zeitrechnung kommt ausser Rom nur was 



300 Die Erben. Einleitendes. 



südlich und östlich von ihm gelegen ist in geistiger Beziehung in 
Betracht: Alexandria, Ephesus, Antiochia, überhaupt Syrien, dann 
Griechenland mit Byzanz, sowie Karthago und die übrigen Städte 
aus der Africa vetus, das sind die Gegenden, wo die Erbschaft 
angetreten und lange verwaltet wurde, deren Einwohner sie 
späteren Zeiten und anderen Völkern übermittelten. Und gerade 
diese Länder waren damals wie Rom selbst nicht mehr von irgend 
einem bestimmten Volke bewohnt, sondern von einem 
unentwirrbaren Durcheinander der verschiedensten Rassen und 
Völker. Es ist ein Chaos. Und dieses Chaos ist nicht etwa später 
vernichtet worden. An vielen Orten durch vordringende reine 
Rassen zurückgedrängt, an anderen durch seine eigene 
Charakterlosigkeit und Untüchtigkeit aus den Reihen der 
Mitzurechnenden herausgefallen, hat sich zweifelsohne dieses 
chaotische Element doch im Süden und Osten erhalten; durch 
neue Mischungen wurde es ausserdem häufig wieder gestärkt. 
Das ist ein erster Punkt von weittragender Wichtigkeit. Man 
bedenke zum Beispiel, dass alle Grundlagen zur historischen 
Gestaltung des Christentums von dieser Mestizenbevölkerung 
gelegt und ausgebaut wurden! Mit Ausnahme einiger Griechen (die 
aber auch alle, Origenes an der Spitze, höchst unorthodoxe, direkt 
antijüdische Lehren verbreiteten, mit denen sie nicht 
durchdrangen) , *) 



l ) Origenes zum Beispiel war ausgesprochener Pessimist (im 
metaphysischen Sinne des Wortes), wodurch allein schon er seine 
indoeuropäische Rasse dokumentiert; er sah in der Welt überall Leiden und 
zog daraus den Schluss, ihr Hauptzweck sei nicht der Genuss eines 
gottgeschenkten Glückes, sondern die Abwendung eines Übels (man denke an 
die Hauptlehre Christi von der „Umwendung des Willens" vergl. S. 200). 
Augustinus, der afrikanische Mestize, hatte leichtes Spiel, ihn zu widerlegen; 
er berief sich auf das erste Kapitel des ersten Buches der jüdischen Thora, um 
unwiderlegbar darzuthun, alles sei gut und „die Welt bestehe aus keinem 
anderen Grunde, als weil es einem guten Gott gefallen habe, das absolut Gute 
zu schaffen". (Man sehe die höchst lehrreiche Auseinandersetzung im De 
civitate Dei, Buch XI, Kap. 23.) Augustinus führt hier triumphierend noch ein 
zweites Argument an: wenn Origenes Recht hätte, so müssten die 
sündhaftesten Wesen die schwersten Körper besitzen und die Teufel sichtbar 
sein, nun hätten aber 



301 Die Erben. Einleitendes. 



könnte man von kaum einem Kirchenvater auch nur vermuten, 
welchem Volksstamme er der Hauptsache nach angehörte. Das 
selbe gilt für das corpus juris; auch hier war es das Chaos (nach 
hellenischer Vorstellung die Mutter des Erebos und der Nyx, der 
Finsternis und der Nacht), welchem die Aufgabe zufiel, das 
lebendige Werk eines lebendigen Volkes zu einem internationalen 
Dogma aus- und umzuarbeiten. Unter dem nämlichen Einfluss 
wurde die Kunst immer mehr des persönlichen, freischöpferischen 
Momentes beraubt und zu einer hieratisch-formelhaften Übung 
umgewandelt, und an die Stelle der hohen, philosophischen 
Spekulation der Hellenen schob man deren Nachäffung, den 
kabbalistischen Spuk der Demiurgen und Engel und Dämonen, 
lauter Vorstellungen, die man im besten Falle als „luftigen 
Materialismus" bezeichnen könnte. 1 ) Jenem Völkerchaos 
müssen wir also zunächst unsere Aufmerksamkeit schenken. 

Die Juden 

In seiner Mitte ragt, wie ein scharfgeschnittener Fels aus 
gestaltlosem Meere, ein einziges Volk empor, ein ganz kleines 
Völkchen, die Juden. Dieser eine einzige Stamm hat als 
Grundgesetz die Reinheit der Rasse aufgestellt; er allein besitzt 
daher Physiognomie und Charakter. Blickt man auf jene 
südlichen und östlichen Kulturstätten des in Auflösung 
begriffenen Weltreiches, lässt man das prüfende Auge durch keine 
Sympathien und Antipathien irregeleitet werden, so muss man 
sagen, als Nation verdient damals die jüdische allein Achtung. 
Wohl mögen wir auf dieses Volk das Wort Goethe's anwenden: 
„Glaube weit, eng der Gedanke." Im Verhältnis zu Rom und gar 
erst zu Hellas erscheint uns sein geistiger Horizont so eng, seine 
geistigen Fähigkeiten so beschränkt, dass wir eine durchaus 
andere Wesensgattung vor uns zu haben wähnen; was jedoch dem 
Gedanken an Weite und an schöpferischer Befähigung abgehen 
mag, wird durch die Gewalt des Glaubens reichlich aufgewogen, 
eines Glau- 



die Teufel luftartige, unsichtbare Körper, folglich u. s. w. So siegten Gedanken 
des Chaos über metaphysische Religion. (Ganz buchstäblich die selben 
Argumente findet man in dem Führer der Irrenden des Juden Maimuni) 
*) „Luftiges Gesindel", sagt Bürger in seiner „Lenore". 



302 Die Erben. Einleitendes. 



bens, den man zunächst sehr einfach bestimmen könnte: es ist 
der Glaube an sich. Und da dieser Glaube an sich den Glauben an 
ein höheres Wesen einschloss, so entbehrte er nicht einer 
ethischen Bedeutung. Wie armselig das jüdische „Gesetz" sich 
auch ausnehmen mag, wenn man es mit den religiösen 
Schöpfungen der verschiedenen indoeuropäischen Völker 
vergleicht, einen Vorzug besass es im damaligen verfallenen 
römischen Reich ganz allein: es war eben ein Gesetz; ein 
Gesetz, dem Menschen demütig gehorchten, und gerade dieser 
Gehorsam musste in einer Welt der Zügellosigkeit ethisch von 
grosser Wirkung sein. Hier wie überall werden wir finden, dass der 
Einfluss des Juden — zum Guten und zum Bösen — in seinem 
Charakter, nicht in seinen geistigen Leistungen begründet liegt. 1 ) 
Gewisse Historiker des 19. Jahrhunderts, sogar ein geistig so 
bedeutender wie Graf Gobineau, haben die Ansicht vertreten, das 
Judentum wirke stets lediglich auflösend auf alle Völker. Ich kann 
diese Überzeugung nicht teilen. Zwar, wo die Juden in einem 
fremden Lande sich stark vermehren, da mögen sie es sich 
angelegen sein lassen, die Verheissungen ihrer Propheten zu 
erfüllen und nach bestem Wissen und Gewissen „die fremden 
Völker zu fressen"; sagten sie doch schon zu Lebzeiten des Moses 
von sich selbst sie seien „als wie die Heuschrecken"; man muss 
aber das Judentum von den Juden trennen und zugeben, dass 
das Judentum als Idee, zu den konservativsten Gedanken der 
Welt gehört. Der Begriff der physischen Rasseneinheit und - 
reinheit, welcher den Kern des Judentums ausmacht, bedeutet die 
Anerkennung einer grundlegenden physiologischen Thatsache des 
Lebens; wo immer wir auch Leben beobachten, vom Schimmelpilz 
bis zum edlen Rosse, bemerken wir die Bedeutung der „Rasse": 
das Judentum heiligte dieses Naturgesetz. Darum drang es auch 
in jenem kritischen Augenblick der Weltgeschichte, wo eine reiche 
Erbschaft ohne würdige Erben dastand, siegreich durch. Es 
beförderte nicht die allgemeine Auflösung, im Gegenteil, es gebot 
ihr Einhalt. Das jüdische Dogma war wie eine scharfe Säure, 



x ) Siehe S. 241 fg. 



303 Die Erben. Einleitendes. 



die man in eine in Zersetzung geratene Flüssigkeit giesst, um sie 
zu klären und vor dem weiteren Verfaulen zu bewahren. Mag auch 
diese Säure nicht Jedem munden, sie hat in der Geschichte der 
Kulturepoche, zu der wir gehören, eine so entscheidende Rolle 
gespielt, dass wir dem Spender Dankbarkeit schulden und anstatt 
unwillig zu sein, besser thun werden, uns Klarheit zu verschaffen 
über die Bedeutung dieses Eintrittes der Juden in 
die abendländische Geschichte — für unsere 
ganze noch im Werden begriffene Kultur jedenfalls ein Ereignis 
von unermessbarer Tragweite. 

Ein Wort noch zur Erläuterung. Ich rede von Juden, nicht von 
Semiten im Allgemeinen; nicht weil ich die Rolle der Letzteren in 
der Weltgeschichte verkenne, sondern weil meine Aufgabe zeitlich 
und räumlich beschränkt ist. Zwar hatten schon seit vielen 
Jahrhunderten andere Zweige der semitischen Rasse mächtige 
Reiche an den Süd- und Ostküsten des Mittelländischen Meeres 
und Handelsniederlassungen bis an die Küsten des Atlantischen 
Ozeans gegründet; zweifelsohne hatten sie auch manche 
Anregungen vermittelt und manche Kenntnisse und Fertigkeiten 
verbreitet; zu einer näheren geistigen Berührung zwischen ihnen 
und den übrigen Einwohnern des zukünftigen Europa war es 
jedoch nirgends gekommen. Das geschah erst durch die Juden; 
nicht aber durch die Millionen von Juden, die in der Diaspora 
lebten, sondern erst durch die christliche Idee. Erst als 
die Juden Christum an das Kreuz schlugen, brachen sie, 
unwissend, den Bann, der sie bisher in ignorantem Hochmut 
isoliert hatte. — Später freilich stürzte noch einmal eine 
semitische Flut über die europäische, asiatische und afrikanische 
Welt, eine Flut, wie sie, ohne die Vernichtung Karthagos durch 
Rom, schon tausend Jahre früher und dann auf immer 
entscheidend Europa überschwemmt haben würde. 1 ) Auch hier 
wieder bewährte sich die semitische „Idee" — Glaube weit, eng der 
Gedanke — als viel mächtiger denn ihre Träger; die Araber wurden 
nach und nach zurückgeworfen, im Gegensatz zu den Juden 
verblieb kein 



x ) Siehe S. 137. 



304 Die Erben. Einleitendes. 



einziger auf europäischem Boden; doch wo ihr abstrakter 
Götzendienst 1 ) Fuss gefasst hatte, schwand jede Möglichkeit einer 
Kultur; edle Menschenrassen wurden durch das semitische 
Dogma des Materialismus, das sich in diesem Falle, und im 
Gegensatz zum Christentum, frei von allen arischen 
Beimischungen erhalten hatte, für immer entseelt und aus dem 
„ins Helle strebenden Geschlecht" ausgeschlossen. — Von den 
Semiten haben, wie man sieht, einzig die Juden an unserer Kultur 
positiv mitgearbeitet und auch, so weit ihr sehr 
assimilationsfähiger Geist es ihnen erlaubte, sich als Erben an 
dem Vermächtnis des Altertums beteiligt. 

Die Germanen 

Den Widerpart zu der Verbreitung dieses winzigen und doch so 
einflussreichen Völkchens bildet der Eintritt der 
Germanen in die Weltgeschichte. Auch hier 
sehen wir, was reine Rasse zu bedeuten hat, zugleich aber auch, 
was Verschiedenheit der Rassen ist — jenes grosse Naturprinzip 
der Vielseitigkeit, sowie der Ungleichheit in den Anlagen, welches 
heute fade, feile und ignorante Schwätzer wegleugnen möchten, 
dem Völkerchaos entsprossene Sklavenseelen, denen einzig im 
Urbrei der Charakter- und Individualitätslosigkeit wohl zu Mute 
ist. Noch immer stehen sich diese beiden Mächte — Juden und 
Germanen — dort, wo das neuerliche Umsichgreifen des Chaos 
ihre Züge nicht verwischt hat, bald freundlich, bald feindlich, stets 
fremd gegenüber. 

Ich verstehe in diesem Buche unter dem Wort „Germanen" die 
verschiedenen nordeuropäischen Völkerschaften, die als Kelten, 
Germanen und Slaven in der Geschichte auftreten und aus denen 
— meist in unentwirrbarer Vermengung — die Völker des 
modernen Europa entstanden sind. Dass sie ursprünglich einer 
einzigen Familie entstammten, ist sicher, ich werde im sechsten 
Kapitel den Nachweis führen; doch hat sich der Germane im 
engeren, taciteischen Sinne des Wortes so sehr als geistig, sittlich 
und physisch unter seinen Verwandten hervorragend bewährt, 
dass wir berechtigt sind, seinen Namen als Inbegriff der 



x ) Siehe S. 243. 



305 Die Erben. Einleitendes. 



ganzen Familie hinzustellen. Der Germane ist die Seele unserer 
Kultur. Das heutige Europa, weithin über den Erdball verzweigt, 
stellt das bunte Ergebnis einer unendlich mannigfaltigen 
Vermischung dar: was uns alle aneinander bindet und zu einer 
organischen Einheit verknüpft, das ist germanisches Blut. Blicken 
wir heute umher, wir sehen, dass die Bedeutung einer jeden 
Nation als lebendige Kraft von dem Verhältnis des echt 
germanischen Blutes in seiner Bevölkerung abhängt. Nur 
Germanen sitzen auf den Thronen Europas. — Was in der 
Weltgeschichte voranging, sind für uns Prolegomena; wahre 
Geschichte, die Geschichte, welche heute noch den Rhythmus 
unseres Herzens beherrscht und in unseren eigenen Adern zu 
fernerem Hoffen und Schaffen kreist, beginnt in dem Augenblick, 
wo der Germane das Erbe des Altertums mit kraftstrotzender 
Hand ergreift. 



306 



307 



VIERTES KAPITEL 

DAS VÖLKERCHAOS 



So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit 
zu urteilen: dass die Vermischung der 
Stämme, welche nach und nach die 
Charaktere auslöscht, dem Menschen- 
geschlecht, alles vorgeblichen Philanthro- 
pismus ungeachtet, nicht zuträglich sei. 

Immanuel Kant 



308 



309 



Wissenschaftliche Wirrnis 

Zur allgemeinen Einführung in dieses Kapitel über das 
Völkerchaos des untergehenden römischen Imperiums werden die 
Worte genügen, die ich dem Gegenstand in der Einleitung zu 
diesem zweiten Abschnitt gewidmet habe; sie erklären, was ich 
räumlich und zeitlich als Völkerchaos bezeichne. Die historischen 
Kenntnisse setze ich, mindestens in den allgemeinen Umrissen, 
hier wie überall, voraus, und da ich nun ausserdem in diesem 
ganzen Buche keine Zeile schreiben möchte, die nicht aus dem 
Bedürfnis entspränge, das 19. Jahrhundert besser zu begreifen 
und zu beurteilen, so glaube ich den vorliegenden Gegenstand vor 
Allem zu der Prüfung und Beantwortung der wichtigen Frage 
benützen zu sollen: ist Nation, ist Rasse ein blosses Wort? Soll, 
wie der Ethnograph Ratzel es beteuert, die 

Verschmelzung aller Menschen in eine Einheit 
als „Ziel und Aufgabe, Hoffnung und Wunsch" uns vorschweben? 
Oder entnehmen wir nicht vielmehr aus dem Beispiel, einerseits 
von Hellas und Rom, anderseits vom pseudorömischen Imperium, 
sowie aus manchen anderen Beispielen der Geschichte, dass nur 
innerhalb jener Abgrenzungen, in denen scharf ausgeprägte, 
individuelle Volkscharaktere entstehen, der Mensch sein höchstes 
Mass erreicht? Ist wirklich unser jetziger Zustand in Europa mit 
seinen vielen, durchgebildeten Idiomen, ein jedes mit einer 
eigenen, eigenartigen Poesie und Litteratur, ein jedes der 
Ausdruck einer bestimmten, charakteristischen Volksseele, ist 
dieser Zustand ein Rückschritt gegenüber der Zeit, wo Lateinisch 
und Griechisch als eine Art Zwillingsvolapük die vaterlandslosen 
römischen Unterthanen alle 



310 Die Erben. Das Völkerchaos. 



miteinander verbanden? Ist Brutgemeinschaft nichts? Kann 
Gemeinsamkeit der Erinnerung und des Glaubens durch 
abstrakte Ideale ersetzt werden? Vor allem, handelt es sich um 
eine Sache des persönlichen Gutdünkens, und liegt kein deutlich 
erkennbares Naturgesetz vor, nach welchem unser Urteil sich 
richten m u s s ? Lehren uns nicht die biologischen 

Wissenschaften, dass im gesamten Tier- und Pflanzenreich 
ausnehmend edle Geschlechter — das heisst also, Geschlechter 
mit ungewöhnlichen Leibes- und Geisteskräften begabt — nur 
unter bestimmten, die Zeugung neuer Individuen beschränkenden 
Bedingungen entstehen? Ist es nicht unter Berücksichtigung 
dieser sämtlichen, menschlichen und aussermenschlichen, 
Phänomene möglich, eine klare Antwort auf die Frage zu erhalten: 
Was ist Rasse? Und wird sich nicht aus dem 
Bewusstsein dessen, was Rasse ist, dann ohne Weiteres ergeben, 
was das Fehlen bestimmter Rassen für die Geschichte bedeuten 
muss? Zu allen diesen Fragen regt der Anblick jener 
unmittelbaren Erben des grossen Vermächtnisses lebhaft an. 
Fragen wir zunächst nach Rassen ganz im Allgemeinen; daran erst 
wird sich eine nutzbringende Betrachtung der hier speziell 
vorliegenden Verhältnisse und ihrer Bedeutung im Gange der 
Geschichte, somit auch für das 19. Jahrhundert knüpfen. 

Vielleicht giebt es keine Frage, über die selbst bei 
hochgebildeten, ja gelehrten Männern eine so mitternächtliche 
Unwissenheit herrscht, wie über das Wesen und die Bedeutung 
des Begriffes „R a s s e". Was sind reine Rassen? Woher 
kommen sie? Haben sie geschichtlich etwas zu bedeuten? Ist der 
Begriff weit oder eng zu nehmen? Weiss man etwas darüber, oder 
nicht? Wie verhalten sich die Begriffe Rasse und Nation zu 
einander? Ich gestehe, mein Leben lang über alle diese Dinge 
lauter Unzusammenhängendes, Widerspruchsvolles gehört und 
gelesen zu haben, ausser von einigen Specialisten unter den 
Naturforschern, die aber nur in den seltensten Fällen ihr klares, 
ausführliches Wissen auf das Menschengeschlecht anwenden. 
Kein Jahr vergeht, ohne dass uns auf internationalen Kongressen 
von tonangebenden Nationalökonomen, Ministern, Bischöfen, 
Natur- 



311 Die Erben. Das Völkerchaos. 



forschem versichert werde, es gebe zwischen den Völkern keinen 
Unterschied, keine Ungleichheit. Germanen, die auf das Moment 
der Rassenverwandtschaft Nachdruck legen, Juden, die unter uns 
sich fremd fühlen und sich in ihre asiatische Heimat 
zurücksehnen, pflegen gerade von Männern der Wissenschaft mit 
Tadel und Hohn überschüttet zu werden. Professor Virchow zum 
Beispiel sagt 1 ) von den Regungen des Stammesbewusstseins unter 
uns, sie seien nur durch den „Verlust des gesunden 
Menschenverstandes" zu erklären; im Übrigen stünde man „ratlos 
vor einem Rätsel, von dem Niemand weiss, was es eigentlich soll 
in dieser Zeit der Rechtsgleichheit." Nichtsdestoweniger schliesst 
der gelehrte Mann seinen Vortrag mit dem Wunsche nach „in sich 
selbst ruhenden, schönen Persönlichkeiten." Als ob die gesamte 
Geschichte nicht da wäre, um uns zu zeigen, wie Persönlichkeit 
und Rasse auf das Engste zusammenhängen, wie die Art der 
Persönlichkeit durch die Art ihrer Rasse bestimmt wird und die 
Macht der Persönlichkeit an gewisse Bedingungen ihres Blutes 
geknüpft ist! Und als ob die wissenschaftliche Tier- und 
Pflanzenzüchtung uns nicht ein ungeheuer reiches und 
zuverlässiges Material böte, an dem wir sowohl die Bedingungen, 
wie auch die Bedeutung von „Rasse" kennen lernen! Entstehen die 
sogenannten (und mit Recht so genannten) „edlen" Tierrassen, die 
Zugpferde vom Limousin, die amerikanischen Traber, die irischen 
Renner, die absolut zuverlässigen Jagdhunde durch Zufall und 
Promiskuität? Entstehen sie, indem man den Tieren 
Rechtsgleichheit gewährt, ihnen das selbe Futter vorwirft und 
über sie die nämliche Rute schwingt? Nein, sie entstehen durch 
geschlechtliche Zuchtwahl und durch strenge Reinhaltung der 
Rasse. Und zwar bieten uns die Pferde, namentlich aber die 
Hunde jede Gelegenheit zu der Beobachtung, dass die geistigen 
Gaben Hand in Hand mit den 



*) Der Übergang aus dem philosophischen in das naturwissenschaftliche 
Zeitalter, Rektoratsrede 1893, S. 30 fg. — Ich wähle dieses eine Beispiel aus 
hunderten, weil Virchow als einer der fleissigsten Anthropologen und 
Ethnographen des 19. Jahrhunderts, auch sonst ein vielerfahrener und 
gelehrter Mann, hier eigentlich hätte Bescheid wissen müssen. 



312 Die Erben. Das Völkerchaos. 



physischen gehen; speziell gilt dies von den moralischen 
Anlagen. Ein Bastardhund ist nicht selten sehr klug, jedoch 
niemals zuverlässig, sittlich ist er stets ein Lump. Andauernde 
Promiskuität unter zwei hervorragenden Tierrassen führt 
ausnahmslos zur Vernichtung der 

hervorragenden Merkmale von beiden! 1 ) 
Warum sollte die Menschheit eine Ausnahme bilden? Ein 
Kirchenvater mochte das wohl wähnen; steht es aber einem 
hochangesehenen Naturforscher gut an, das Gewicht seines 
grossen Einflusses in die Wagschale mittelalterlichen 
Aberglaubens und Unwissens zu werfen? Wahrlich, man möchte 
unseren philosophisch so verwahrlosten naturwissenschaftlichen 
Autoritäten einen logischen Kursus bei Thomas von Aquin 
wünschen; er könnte ihnen nur heilsam sein. In Wahrheit sind die 
Menschenrassen, trotz des breiten, gemeinsamen Untergrundes, 
von einander in Bezug auf Charakter, auf Anlagen, und vor Allem 
in Bezug auf den Grad der einzelnen Befähigungen so verschieden 
wie Windhund, Bulldogge, Pudel und Neufund- länder. Die 
Ungleichheit ist ein Zustand, auf den die Natur überall 
hinarbeitet; nichts Ausserordentliches entsteht ohne 
„Specialisierung"; beim Menschen, genau so wie beim Tier, ist es 
die Specialisierung, welche edle Rassen hervorbringt; die 
Geschichte und die Ethnologie sind da, um dem blödesten Auge 
dieses Geheimnis zu enthüllen. Hat nicht jede echte Rasse ihre 
eigene Physiognomie, herrlich, unvergleichlich? Wie wäre 
hellenische Kunst ohne Hellenen entstanden? Wie bald hat nicht 
die eifersüchtige Feindschaft zwischen den einzelnen Städten des 
kleinen Griechenland jedem Teilchen seine eigene scharf 
ausgeprägte Individualität innerhalb des eigenen Familientypus 
gespendet! Wie schnell ward sie wieder verwischt, als Makedonier 
und Römer mit ihrer nivellierenden Hand über das Land 
hinwegführen! Und wie entfloh nach und nach alles, was dem 
Wort „hellenisch" 



*) Siehe namentlich Darwin Animals and Plauts under Domestication, Kap. 
XV und XIX. „Free crossing obliterates characters." Über „die abergläubische 
Sorgfalt, mit welcher die Araber ihre Pferderasse rein erhalten", findet man 
interessante Angaben in Gibbon's Roman Empire, Kap. 50. Siehe auch 
Burton's Meccah. Kap. 29. 



313 Die Erben. Das Völkerchaos. 



ewigen Sinn verliehen hatte, als von Norden, von Osten und von 
Westen immer neue Scharen unverwandter Völker ins Land zogen 
und mit echten Hellenen sich vermengten! Die Gleichheit, vor der 
Professor Virchow seinen Bonzendienst verrichtet, war jetzt da, 
alle Wälle waren geschleift, alle Grenzen bedeutungslos; auch war 
die Philosophie, gegen die sich Virchow in dem selben Vortrag so 
sehr ereifert, ausgetilgt und durch den allergesündesten 
„Menschenverstand" ersetzt; die schöne hellenische Persönlichkeit 
jedoch, ohne die wir alle noch heute nur mehr oder weniger 
civilisierte Barbaren wären, — sie war verschwunden, auf ewig 
verschwunden. „ Crossing obliterates characters. " 

Wenn nun die Männer, die über Wesen und Bedeutung der 
Rassen am genauesten Bescheid wissen sollten, einen so 
unglaublichen Mangel an Urteil an den Tag legen, wenn sie dort, 
wo reichste Anschauung sicherste Erkenntnis giebt, ihr hohle 
politische Phrasen entgegenstellen, wer soll sich da noch 
wundern, dass ungelehrte Menschen viel Unsinn reden, selbst 
dann, wenn ihr Instinkt sie den richtigen Weg weist? Denn das 
Interesse für diesen Gegenstand ist in weiten Schichten geweckt, 
und da der Gelehrte kläglich versagt, sucht der Ungelehrte sich 
allein zu helfen. Als Graf Gobineau in den fünfziger Jahren sein 
geniales Werk über die Ungleichheit der menschlichen Rassen 
veröffentlichte, blieb es unbeachtet; kein Mensch wusste, was eine 
solche Betrachtung sollte; man stand, wie der arme Virchow, 
„ratlos vor einem Rätsel". Seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts 
ist es anders geworden: der leidenschaftlichere, treibende Teil der 
Nationen schenkt jetzt gerade dieser Frage viel Aufmerksamkeit. 
Aber in welchem Wirrwarr von Widersprüchen, von Irrtümern, von 
Wahngebilden bewegt sich die öffentliche Meinung! Man sehe 
doch, wie Gobineau seine Darlegung — so erstaunlich reich an 
später bestätigten intuitiven Ahnungen und an historischem 
Wissen — auf die dogmatische Annahme gründet, die Welt sei von 
Sem, Harn und Japhet bevölkert worden; ein solch' klaffender 
Riss in dem Urteilsvermögen genügt, um ein derartiges Werk, trotz 
aller dokumentarischen Begründung, in die hybride Gattung der 
„wissenschaftlichen Phantasmagorieen" zu verweisen. Hiermit 



314 Die Erben. Das Völkerchaos. 



hängt Gobineau's weitere Wahnvorstellung zusammen: die von 
Hause aus „reinen", edlen Rassen vermischten sich im Verlauf der 
Geschichte und würden mit jeder Vermischung unwiederbringlich 
unreiner und unedler, woraus sich dann notwendigerweise eine 
trostlos pessimistische Ansicht über die Zukunft des 
Menschengeschlechtes ergeben muss. Die erwähnte Annahme 
beruht jedoch auf einer gänzlichen Unkenntnis der 
physiologischen Bedeutung dessen, was man unter „Rasse" zu 
verstehen hat. Eine edle Rasse fällt nicht vom Himmel herab, 
sondern sie wird nach und nach edel, genau so wie die 
Obstbäume, und dieser Werdeprozess kann jeden Augenblick von 
Neuem beginnen, sobald ein geographisch-historischer Zufall oder 
ein fester Plan (wie bei den Juden) die Bedingungen schafft. 
Ähnlichen Widersinnigkeiten begegnen wir überall auf Schritt an 
Tritt. Wir haben z. B. eine mächtige „antisemitische" Bewegung: 
ja, sind denn die Juden und die übrigen Semiten identisch? 
Haben sich nicht die Juden gerade durch ihre Entwickelung zu 
einer besonderen, reinen Rasse tief differenziert? Ist es sicher, 
dass der Entstehung dieses Volkes nicht eine wichtige Kreuzung 
voranging? Und was ist ein Arier? Wir hören so Vieles und 
Bestimmtes darüber aussagen. Dem Semiten, unter dem wir im 
gewöhnlichen Leben lediglich den Juden verstehen (was doch 
wenigstens eine durchaus konkrete, auf Erfahrung beruhende 
Vorstellung bedeutet) stellen wir den Arier entgegen. Was ist das 
aber für ein Mensch? Welcher konkreten Vorstellung entspricht 
er? Nur wer nichts von Ethnographie weiss, kann eine bestimmte 
Antwort auf diese Frage wagen. Sobald man diesen Ausdruck 
nicht auf die zweifelsohne miteinander verwandten Indo-Eranier 
beschränkt, gerät man in das Gebiet der ungewissen 
Hypothesen. *) Physisch weichen die Völker, die wir unter dem 



*) Selbst mit dieser so sehr eingeschränkten Behauptung, die ich aus den 
besten mir bekannten Büchern schöpfte, scheine ich mehr vorausgesetzt zu 
haben, als die Wissenschaft mit Sicherheit behaupten kann; denn ich lese in 
einer Specialarbeit: Les Aryens au nord et au sud de l'Hindou-Kousch von 
Charles de Ujfalvi (Paris 1896, S. 15) : „Le terme d'aryen est de pure 
Convention; les peuples 



315 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Namen „Arier" zusammenzufassen gelernt haben, weit von 
einander ab; sie weisen den verschiedensten Schädelbau auf, 
auch verschiedene Farbe der Haut, der Augen und des Haares; 
und gesetzt, es habe eine gemeinsame indoeuropäische Urrasse 
gegeben, was kann man gegen das sich täglich anhäufende 
Material anführen, welches wahrscheinlich macht, dass auch 
andere, ganz unverwandte Typen von jeher in unseren heutigen 
sog. arischen Nationen reichlich vertreten sind, wonach man 
höchstens von einzelnen Individuen, nimmer von einem ganzen 
Volke sagen dürfte, es sei „arisch"? Sprachliche Verwandtschaft 
liefert keinen zwingenden Beweis für Gemeinschaft des Blutes; die 
auf sehr geringe Indizien hin vorausgesetzte Einwanderung der 
sogenannten Indoeuropäer aus Asien stösst auf die grosse 
Schwierigkeit, dass die Forschung immer mehr Gründe zu der 
Annahme findet, die Bevölkerung, welche wir als europäische 
Arier zu bezeichnen pflegen, sei seit undenklichen Zeiten in 
Europa ansässig; 1 ) für die umgekehrte Hypothese einer 
Kolonisation Indiens von Europa aus finden sich nicht die 
geringsten Anhaltspunkte... kurz, es ist diese Frage das, was die 
Bergleute ein „schwimmendes Land" nennen; wer die Gefahr 
kennt, wagt sich möglichst wenig darauf. Je mehr man sich bei 
den Fachmännern erkundigt, um so weniger kennt man sich aus. 
Ursprünglich waren es die Sprachforscher, die den Kollektivbegriff 
„Arier" aufstellten. Dann 



eraniens au nord et les tribus hindoues au sud du Caucasc indien different 
absolument comme type et descendent, sans aucun doute de deux races 
differentes. " 

*) G. Schrader (Sprachvergleichung und Urgeschichte), der die Frage mehr 
vom rein linguistischen Standpunkt aus studiert hat, gelangt zu dem Schluss: 
„Die uralte Ansässigkeit der Indogermanen in Europa ist erwiesen"; Johannes 
Ranke (Der Mensch) meint, es sei nunmehr erhärtet, dass wenigstens ein 
grosser Teil der Bevölkerung Europas schon zur Steinzeit „Arier gewesen sind"; 
und Virchow, dessen Autorität auf anthropologischem Gebiete um so grösser 
ist, als er unbedingten Respekt vor Thatsachen beweist und nicht wie Huxley 
und manche Andere darwinistische Luftschlösser aufbaut, Virchow meint, 
man könne nach dem anatomischen Befund die Behauptung aufstellen: „Die 
ältesten Troglodyten Europas seien vom arischen Stamme gewesen!" (nach 
Ranke: Der Mensch, II, 578 citiert). 



316 Die Erben. Das Völkerchaos. 



kamen die anatomischen Anthropologen; die Unzulässigkeit der 
Schlüsse aus blosser Sprachenkunde wurde dargethan, und nun 
ging es ans Schädelmessen; die Craniometrie wurde ein Beruf, sie 
lieferte auch eine Menge enorm interessanten Materials; 
neuerdings aber ereilt diese sog. „somatische Anthropologie" das 
selbe Schicksal wie seiner Zeit die Linguistik: die Ethnographen 
haben zu reisen und wissenschaftlich-planmässige 
Beobachtungen am lebenden Menschen zu unternehmen 
begonnen und dabei dargethan, dass der Knochenmessung 
durchaus nicht die Wichtigkeit zukommt, die man ihr beizulegen 
pflegte; einer der bedeutendsten Schüler Virchow's ist zu der 
Überzeugung gelangt: der Gedanke, durch Schädelmessungen 
Probleme der Völkerkunde zu lösen, sei unfruchtbar. 1 ) Diese ganze 
Entwickelung hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
stattgefunden; wer weiss, was man im Jahre 1950 über den 
„Arier" lehrt? Heute jedenfalls, ich wiederhole es, kann der Laie 
nur schweigen. 2 ) Schlägt er aber bei einem der bekannten 
Fachmänner nach, so wird er belehrt, die Arier „seien eine 
Erfindung der Studierstube und kein Urvolk", 3 ) erkundigt er sich 
bei einem anderen, so wird ihm geantwortet, die gemeinsamen 
Merkmale der Indoeuropäer, vom Atlantischen Ozean bis nach 
Indien, seien genügend, um die thatsächliche Blutsverwandt seh 
a f t ausser allen Zweifel zu stellen.*) 



*) Ehrenreich: Anthropologische Studien über die Urhewohner Brasiliens 
(1897). 

2 ) Wenn ich in diesem Buche das Wort Arier gebrauche, so thue ich es in 
dem Sinne des ursprünglichen Sanskritwortes ärya = „zu den Freunden 
gehörig", ohne mich zu irgend einer Hypothese zu verpflichten. Die 
Verwandtschaft im Denken und im Fühlen bedeutet auf alle Fälle eine 
Zusammengehörigkeit. (Vgl. das S. 121, Anmerk. 1 Gesagte). 

3 ) R. Hartmann: Die Negritier (1876) S. 185. Ähnlich Luschan und viele 
Forscher. Salomon Reinach z. B. (L'origine des Aryens, 1892, S. 90) schreibt: 
„Parier d'une race aryenne d'il y a trois mille ans, c'est emettre une hypothese 
gratuite: en parier comme si eile existait encore aujourd'hui, c'est dire tout 
simplement une absurdite. " 

4 ) Friedrich Ratzel, Johannes Ranke, Paul Ehrenreich u. s. w., 



317 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Ich hoffe, in diesen zwei Absätzen die grosse Konfusion 
veranschaulicht zu haben, welche unter uns heute in Bezug auf 
den Begriff „Rasse" besteht. Diese Konfusion ist nicht nötig, d. h., 
bei uns praktischen, handelnden, dem Leben angehörigen 
Männern nicht. Und zwar darum nicht, weil wir, um die Lehren 
der Geschichte zu deuten und um, im Zusammenhang hiermit, 
unsere Gegenwart zu begreifen, gar nicht nach verborgenen 
Ursprüngen und Ursachen zu forschen brauchen. Schon im 
vorigen Abschnitt habe ich Goethe's Worte angeführt: „Lebhafte 
Frage nach der Ursache ist von grosser Schädlichkeit." Was klar 
vor Aller Augen liegt, genügt schon, wenn nicht für die 
Wissenschaft, so doch für das Leben. Die Wissenschaft freilich 
muss ihren dornigen, doch ewig reizvollen Weg weiterwandeln; sie 
gleicht 



überhaupt die neueren, vielgereisten Ethnographen. Jedoch geschieht das mit 
vielen Schwankungen, da die Verwandtschaft nicht notwendigerweise auf 
gemeinsamem Ursprung beruht, sondern auch durch Kreuzung entstanden 
sein könnte. Ratzel z. B., der an einer Stelle die Einheitlichkeit der gesamten 
indoeuropäischen Rasse positiv behauptet (siehe Litterarisches Centralblatt, 
1897, S. 1295) sagt an einer anderen (Völkerkunde, 1895, IL, 731): „die 
Annahme, dass alle diese Völker einerlei Ursprungs seien, ist nicht notwendig 
oder wahrscheinlich." — Sehr bemerkenswert ist es, dass auch die Leugner 
der arischen Rasse nichtsdestoweniger immerfort von ihr sprechen; als 
„working hypothesis" können sie sie nicht entbehren. Selbst Reinach redet, 
nachdem er nachgewiesen hat, eine arische Rasse habe es niemals gegeben, 
später doch in einem unvorsichtigen Augenblick von dem „gemeinsamen 
Ursprung der Semiten und der Arier" (a. a. O., S. 98). — Der oben angeführte 
Ujfalvi ist infolge eingehenderer Studien später zu dem entgegengesetzten 
Schlüsse gekommen und glaubt an eine grande famille aryenne. Überhaupt 
können Anthropologen, Ethnologen und selbst Historiker, Religionsforscher, 
Philologen, Rechtsgelehrte des Begriffes „Arier" von Jahr zu Jahr weniger 
entraten. Und dennoch wird Unsereiner, wenn er noch so vorsichtigen und 
streng umschränkten Gebrauch von dieser Vorstellung macht, von 
akademischen Skribenten und namenlosen Zeitungsreferenten verhöhnt und 
verunglimpft. Möge der Leser dieses Buches der Wissenschaft mehr trauen als 
den offiziellen Verflachern und Nivellierern und als den berufsmässigen 
antiarischen Konfusionsmachern. Würde auch bewiesen, dass es in der 
Vergangenheit nie eine arische Rasse gegeben hat, so wollen wir, dass es in 
der Zukunft eine gebe; für Männer der That ist dies der entscheidende 
Gesichtspunkt. 



318 Die Erben. Das Völkerchaos. 



einem Bergsteiger, der jeden Augenblick die höchste Kuppe zu 
erreichen wähnt, dahinter aber alsbald eine noch höhere entdeckt. 
Doch ist das Leben an diesen wechselnden Hypothesen nur ganz 
indirekt beteiligt. Eine der verhängnisvollsten Verirrungen unserer 
Zeit ist die, welche uns dazu treibt, den sogenannten 
„Ergebnissen" der Wissenschaft ein Übergewicht in unseren 
Urteilen einzuräumen. Gewiss kann Wissen aufklärend wirken, 
das ist aber nicht immer der Fall, namentlich deswegen nicht, weil 
dieses Wissen ewig auf schwanken Füssen steht. Wie können 
denn einsichtsvolle Menschen bezweifeln, dass vieles, was wir 
heute zu wissen wähnen, in 100, 200, 500 Jahren als krasse 
Ignoranz belächelt werden wird? Manche Thatsachen mögen 
freilich schon heute als endgültig sichergestellt betrachtet werden; 
neues Wissen rückt aber die selben Thatsachen in ein völlig neues 
Licht, verbindet sie zu früher nicht geahnten Figuren, verrückt sie 
in der Perspektive; das Urteil nach dem jeweiligen Stand der 
Wissenschaft richten, ist das selbe, als wenn ein Maler die Welt 
durch ein durchsichtiges, ewig wechselndes Kaleidoskop statt mit 
dem blossen Auge betrachten wollte. Reine Wissenschaft (im 
Gegensatz zur industriellen) ist ein edles Spielzeug; ihr grosser 
geistiger und sittlicher Wert beruht zum nicht geringen Teil gerade 
darauf, dass sie nichts „nützt"; in dieser Beziehung ist sie der 
Kunst durchaus analog, sie bedeutet das nach aussen gewandte 
Sinnen; und da die Natur unerschöpflich reich ist, führt sie 
dadurch dem Inneren immer neues Material zu, bereichert dessen 
Inventar an Vorstellungen und bereitet der Phantasie eine neue 
Traumwelt als Ersatz für die allmählich ver- blassende alte. 1 ) Das 
Leben dagegen, rein als solches, ist ein anderes Wesen als das 
systematische Wissen, ein weit stabileres, fester gegründetes, 
umfassenderes; es ist eben der Inbegriff aller Wirklichkeit, 
während selbst die präziseste Wissenschaft schon 



*) In ähnlicher Weise äussert sich der Physiker Lichtenberg: „Die Naturlehre 
ist, für mich wenigstens, eine Art von sinking fund (Tilgungsfond) für die 
Religion, wenn die vorwitzige Vernunft Schulden macht." (Fragmentarische 
Bemerkungen über physikalische Gegenstände, 15.) 



319 Die Erben. Das Völkerchaos. 



das verdünnte, verallgemeinerte, nicht mehr unmittelbare 
Wirkliche darstellt. Ich verstehe hier unter Leben, was man sonst 
wohl auch „Natur" nennt, wie wenn zum Beispiel die moderne 
Medizin lehrt: durch das Fieber befördert die Natur den 
Stoffwechsel und verteidigt den Menschen gegen die Krankheit, 
die ihn beschlichen hat. Die Natur ist eben, was man 
„selbstwirkend" nennt; ihre Wurzeln reichen weit tiefer hinunter, 
als bis wohin das Wissen wird jemals gelangen können. Und so 
meine ich nun, dass wir — die wir als denkende, vielwissende, 
kühn träumende und forschende Wesen doch gewiss eben solche 
integrierende Bestandteile der Natur sind wie alle anderen Wesen 
und Dinge und wie unser eigener Leib — mit grosser Zuversicht 
uns dieser Natur, diesem Leben anvertrauen dürfen. Wenn auch 
die Wissenschaft uns an gar vielen Stellen im Stiche lässt, wenn 
sie, wetterwendisch wie ein moderner Parlamentspolitiker, heute 
verlacht, was sie gestern als ewige Wahrheit lehrte, das darf uns 
nicht beirren; so viel wir zum Leben brauchen, werden wir schon 
erfahren. Überhaupt ist die Wissenschaft eine zwar herrliche, 
doch nicht ungefährliche Freundin; sie ist eine grosse Gauklerin 
und verführt den Geist leicht zu toller Schwärmerei; Wissenschaft 
und Kunst sind wie die Rosse an Plato's Seelenwagen; der 
„gesunde Menschenverstand" (um dessen Verlust Professor 
Virchow klagte) bewährt sich nicht zum wenigsten darin, dass er 
die Zügel straff spannt und diesen edlen Tieren nicht gestattet, 
mit seinem natürlichen, gesunden Urteil durchzugehen. Einfach 
vermöge unserer Eigenschaft als lebendige Wesen steckt in uns 
eine unendlich reiche und sichere Fähigkeit, dort, wo es Not thut, 
auch ohne Gelehrsamkeit das Richtige zu treffen. Wer unbefangen 
und mit lauterem Sinn die Natur befragt — „die Mütter", wie sie 
die alten Mythen nannten — kann sicher sein, eine Antwort zu 
erhalten, wie sie eine Mutter ihrem Sohne giebt, nicht immer 
logisch untadelhaft, doch wesentlich richtig, verständlich und auf 
das Beste des Sohnes mit sicherem Instinkte gerichtet. So auch in 
der Frage, was Rasse zu bedeuten habe: eine der wichtigsten, 
vielleicht die allerwichtigste Lebensfrage, die an den Menschen 
herantreten kann. 



320 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Bedeutung von Rasse 

Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von 
„Rasse" im eigenen Bewusstsein. Wer einer 
ausgesprochenen, reinen Rasse angehört, empfindet es täglich. 
Die Tyche seines Stammes weicht nicht von seiner Seite: sie trägt 
ihn, wo sein Fuss wankt, sie warnt ihn, wie der Sokratische 
Daimon, wo er im Begriffe steht, auf Irrwege zu geraten, sie fordert 
Gehorsam und zwingt ihn oft zu Handlungen, die er, weil er ihre 
Möglichkeit nicht begriff, niemals zu unternehmen gewagt hätte. 
Schwach und fehlervoll wie alles Menschliche, erkennt dennoch 
ein solcher Mann sich selbst (und wird von guten Beobachtern 
erkannt) an der Sicherheit seines Charakters, sowie 
daran, dass seinem Thun eine einfache Grösse zu eigen ist, die in 
dem bestimmt Typischen, Überpersönlichen ihre Erklärung findet. 
Rasse hebt eben einen Menschen über sich selbst hinaus, sie 
verleiht ihm ausserordentliche, fast möchte ich sagen 
übernatürliche Fähigkeiten, so sehr zeichnet sie ihn vor dem aus 
einem chaotischen Mischmasch von allerhand Völkern 
hervorgegangenen Individuum aus; und ist nun dieser 
edelgezüchtete Mensch zufällig ungewöhnlich begabt, so stärkt 
und hebt ihn die Rassenangehörigkeit von allen Seiten, und er 
wird ein die gesamte Menschheit überragendes Genie, nicht weil 
er wie ein flammendes Meteor durch eine Laune der Natur auf die 
Erde herabgeworfen wurde, sondern weil er wie ein aus tausend 
und abertausend Wurzeln genährter Baum stark, schlank und 
gerade zum Himmel emporwächst — kein vereinzeltes Individuum, 
sondern die lebendige Summe ungezählter, gleichgerichteter 
Seelen. Wer ein offenes Auge besitzt, erkennt ja bei Tieren „Rasse" 
sofort. Sie zeigt sich an dem ganzen Habitus und bekundet sich in 
hundert Einzelheiten, die sich der Analyse entziehen; ausserdem 
bewährt sie sich in den Leistungen, denn ihr Besitz führt immer 
zu etwas Excessivem, Ungewöhnlichem, ja, wenn man will, zu 
Übertriebenem und Einseitigem. Man kennt Goethe 's 
Behauptung, einzig das Überschwängliche mache die Grösse; 1 ) 
das ist es, was 



*) Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, Abschnitt über Newton's 
Persönlichkeit. 



321 Die Erben. Das Völkerchaos. 



eine aus vorzüglichem Material gezüchtete Rasse den Individuen 
verleiht: ein Überschwängliches. Und wahrlich, was jedes 
Rennpferd, jeder rein gezüchtete Fuchsterrier, jedes 
Cochinchinahuhn uns lehrt, das lehrt uns die Geschichte unseres 
eigenen Geschlechtes mit beredter Zunge! Ist nicht die Blüte des 
hellenischen Volkes ein Überschwängliches sondergleichen? Und 
sehen wir dieses Überschwängliche nicht erst entstehen, als die 
Zuzüge aus dem Norden aufgehört haben und die verschiedenen 
kräftigen Stämme auf der Halbinsel nunmehr abgeschlossen zu 
einer neuen Rasse verschmelzen, reicher und schillernder dort, wo 
das verwandte Blut aus verschiedenen Quellen zusammenfloss, 
wie in Athen, einfacher und widerstandsfähiger, wo selbst dieser 
Vermischung ein Riegel vorgeschoben worden war, wie in 
Lakedämon? Wird die Rasse nicht wie ausgelöscht, sobald das 
Schicksal das Land aus seiner stolzen Exklusivität losreisst und 
es einem grösseren Ganzen einverleibt? 1 ) Lehrt nicht Rom das 
selbe? Sehen wir nicht auch hier aus einer besonderen Blut- 



*) Dass dieses Auslöschen nur allmählich geschah, und zwar trotz einer 
politischen Situation, die eigentlich, wenn hier nicht Rassenanlagen 
bestimmend gewesen wären, das Hellenische sofort hätte aus der Welt 
austilgen müssen, ist bekannt. Bis weit in die christliche Zeit hinein blieb 
Athen der Mittelpunkt des geistigen Lebens der Menschheit; Alexandrien 
machte zwar mehr von sich reden, dafür sorgte das starke semitische 
Kontingent; wer aber ernstlich studieren wollte, reiste nach Athen, bis 
christliche Beschränktheit im Jahre 529 die dortigen Schulen auf immer 
schloss, und wir erfahren, dass noch damals selbst der Mann aus dem Volke 
sich in Athen „durch die Lebhaftigkeit seines Geistes, die Korrektheit der 
Sprache und die Sicherheit des Geschmackes auszeichnete". (Gibbon, Kap. 
40.) Eine ausführliche und in ihrer Klarheit höchst fesselnde Darlegung der 
allmählichen Vernichtung der hellenischen Rasse durch fremde Einwanderung 
findet man in George Finlay: Medieval Greece, eh. 1. Nacheinander waren 
römische Soldatenkolonien aus allen Teilen des Imperiums, dann Kelten, 
Germanen, Slavonier, Bulgaren, Wallachen, Albanesen u. s. w. in das Land 
gezogen und hatten sich mit der ursprünglichen Bevölkerung vermischt. Die 
Zakonen, die noch im 15. Jahrhundert zahlreich waren, jetzt aber fast ganz 
ausgestorben sind, sollen die einzigen reinen Hellenen sein. 



322 Die Erben. Das Völkerchaos. 



mischung 1 ) eine durchaus neue Rasse hervorgehen, keiner 
späteren in Anlagen und Fähigkeiten ähnlich, mit 
überschwänglicher Kraft begabt? Und vollbringt nicht hier der 
Sieg, was dort die Niederlage vollbrachte, nur noch viel schneller? 
Wie ein Katarakt stürzt das fremde Blut in das fast entvölkerte 
Rom, und alsbald haben die Römer aufgehört zu sein. Wäre von 
allen Semiten ein einziges winziges Völkchen zu einer die Welt 
umspannenden Macht geworden, wenn nicht die Reinheit der 
Rasse sein unerschütterliches Grundgesetz gebildet hätte? In 
Tagen, wo so viel Unsinn über diese Frage geredet wird, lasse man 
sich von Disraeli belehren, dass die ganze Bedeutung des 
Judentums in der Reinheit seiner Rasse liege, diese allein verleihe 
ihm Kraft und Bestand, und wie es die Völker des Altertums 
überlebt habe, so werde es, dank seiner Kenntnis dieses 
Naturgesetzes, die sich ewig vermischenden Stämme der 
Gegenwart überleben. 2 ) 

Was sollen uns die weitläufigen wissenschaftlichen 
Untersuchungen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rasse 
einen Wert habe? wie das möglich sei und so weiter? Wir kehren 
den Spiess um und sagen: dass es welche giebt, ist evident; dass 
die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist eine 
Thatsache der unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das 
Wie und das Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit 
zuliebe die Thatsachen selbst abzuleugnen. Einer der 
bedeutendsten Ethnologen des heutigen Tages, Adolf Bastian, 
bezeugt: „Was wir in der Geschichte bemerken, ist keine 
Umwandlung, kein Übergehen der Rassen ineinander, sondern es 
sind neue und vollkommene Schöpfungen, 
die die ewig junge Produktionskraft der Natur aus dem 
Unsichtbaren des Hades hervortreten lässt." 3 ) Wer die kleine 
Strecke von 



*) Vergl. S. 135, Anm. 

2 ) Siehe die Romane Tancred und Coningsby. In letzterem sagt Sidonia: 
„Rasse ist alles; es giebt keine andere Wahrheit. Und jede Rasse muss zu 
Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingiebt." 

3 ) Das Beständige in den Menschenrassen und die Spielweite ihrer 
Veränderlichkeit, 1868, S. 26. 



323 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Calais nach Dover zurückgelegt hat, glaubt sich auf einem 
anderen Gestirn angekommen, so tief ist der Unterschied 
zwischen den doch so vielfach verwandten Engländern und 
Franzosen. Zugleich kann der Beobachter an diesem Beispiel den 
Wert der reineren „Inzüchtung" kennen lernen. England ist durch 
seine Insellage so gut wie abgeschnitten; die letzte (nicht sehr 
zahlreiche) Invasion fand vor 800 Jahren statt, seitdem sind nur 
einige Tausend Niederländer, später einige Tausend Hugenotten 
hinübergesiedelt (alles Stammesverwandte), und so ist die 
augenblicklich unzweifelhaft stärkste Rasse Europas 
gezüchtet worden. 1 ) 

Die unmittelbare Erfahrung bietet uns aber eine Reihe ganz 
andersgearteter Beobachtungen über Rasse, durch die wir nach 
und nach unser Wissen erweitern und bestimmter gestalten 
können. Im Gegensatz zu der neuen, werdenden, 
angelsächsischen Rasse sehe man sich zum Beispiel die 
Sephardim an, die sogenannten „spanischen Juden"; hier erfährt 
man, wie eine echte Rasse sich durch Reinheit Jahrhunderte, ja 
Jahrtausende hindurch edel erhalten kann, zugleich aber, wie 
sehr es not thut, zwischen den wirklich edel gezüchteten Teilen 
eines Volkes und den übrigen zu unterscheiden. In England, 
Holland und Italien giebt es noch echte Sephardim, wenige aber, 
da sie der Vermengung mit den Aschkenazim (den sogenannten 
„deutschen Juden") kaum mehr ausweichen können. So haben 
zum Beispiel die Montefiores der jetzigen Generation alle ohne 
Ausnahme deutsche Jüdinnen geheiratet. Jeder aber, der im 
Osten von Europa gereist ist, wo die unverfälschten Sephardim 
noch heute jeglichem Verkehr mit deutschen Juden, vor denen sie 
einen fast 



*) Hier wäre auch Japan zu nennen, wo ebenfalls eine glückliche 
Vermischung und nachher inselhafte Abgeschiedenheit zur Bildung einer sehr 
merkwürdigen Rasse geführt hat, viel stärker und (innerhalb der mongoloiden 
Möglichkeitssphäre) viel tiefer beanlagt als die meisten Europäer es ahnen. 
Vielleicht die einzigen Bücher, in denen man die japanische Seele kennen 
lernt, sind die des Lafcadio Hearn: Kokoro, hints and echoes of 
Japanese inner life; Gleanings in Buddha fields; u. A. 



324 Die Erben. Das Völkerchaos. 



komischen Abscheu an den Tag legen, möglichst aus dem Wege 
gehen, wird mir beistimmen, wenn ich sage, dass man erst durch 
den Anblick und den Verkehr mit diesen Männern die Bedeutung 
des Judentums in der Weltgeschichte begreifen lernt. Das ist Adel 
im vollsten Sinne des Wortes, echter Rassenadel! Schöne 
Gestalten, edle Köpfe, Würde im Reden und Gebahren. Der Typus 
ist „semitisch" in dem selben Sinne wie der gewisser vornehmer 
syrischer oder arabischer Männer. Dass aus solcher Leute Mitte 
Propheten und Psalmisten hervorgehen konnten, das verstand ich 
beim ersten Anblick, was mir, aufrichtig gestanden, selbst bei der 
genauesten Betrachtung der vielen hundert Bochers in der 
Friedrichstrasse zu Berlin nie hatte gelingen wollen. Wenn wir in 
den heiligen Büchern der Juden Umschau halten, so sehen wir 
auch, dass die Umbildung des Monopolytheismus dieses Volkes 
zu der immerhin grossartigen (wenn auch für unser Gefühl zu 
mechanisch-materialistischen) Vorstellung eines wirkliche 
kosmischen Monotheismus das Werk nicht der Gesamtheit, 
sondern eines ganz kleinen Bruchteiles der Bevölkerung ist; ja, 
diese Minorität hat einen unaufhörlichen Kampf gegen jene 
Majorität zu führen, und sie muss ihr die edlere Lebensauffassung 
mit Macht aufzwingen, d. h. mit der höchsten menschlichen 
Gewalt, der Macht der Persönlichkeit. Die übrige Bevölkerung 
macht den Eindruck einer ungewöhnlich gemeinen, jeder höheren 
Regung baren Masse, die Reichen hart und ungläubig, die Armen 
wankelhaft und stets voll der Sehnsucht, sich dem erbärmlichsten 
schmutzigsten Götzendienst in die Arme zu werfen — oder es 
müssten die Propheten stark übertrieben haben. Der Gang der 
jüdischen Geschichte hat nun für eine eigentümliche Zuchtwahl 
der moralisch höher Stehenden gesorgt: durch die Exile, durch die 
fortwährende Ausscheidung in die Diaspora, welche eine Folge der 
Armut des Landes und der bedrängten Lage war, blieben (von den 
besseren Klassen) nur die gesinnungstreuesten zurück, und diese 
perhorrescierten jegliche eheliche Verbindung — auch mit Juden! 
— in welcher nicht beide Teile die ungetrübt reine Abstammung 
aus einem der Stämme Israels darthun konnten und deren 
strenge Orthodoxie nicht über jeden Zweifel erhaben 



325 Die Erben. Das Völkerchaos. 



war. 1 ) Da blieb denn keine sehr grosse Auswahl; denn die 
nächsten Nachbarn, die Samaritaner, waren heteredox, und in 
den ferneren Landesteilen war, ausser bei den getrennt sich 
haltenden Leviten, die Bevölkerung vielfach stark gemischt. Auf 
diese Art wurde dort Rasse gezüchtet. Und als nun die endliche 
Zerstreuung kam, wurden diese einzigen echten Juden alle, oder 
fast alle, nach Spanien übergeführt. Da die klugen Römer nämlich 
sehr wohl zu unterscheiden wussten, versetzten sie diese 
gefährlichen Fanatiker, diese stolzen Männer, deren blosser Blick 
Gehorsam von der Menge erzwang, aus ihrer östlichen Heimat in 
den fernsten Westen, 2 ) wogegen sie das jüdische Volk ausserhalb 
des engeren Judäa nicht mehr belästigten als die Juden der 
Diaspora. 3 ) — Da haben wir nun wieder einen höchst 
interessanten Anschauungsunterricht über Entstehung und Wert 
einer „Rasse"! Denn von allen den Menschen, die wir gewohnt sind 
als Juden zu bezeichnen, stammen verhältnismässig wenige 
von jenen echten, grossen Hebräern, vielmehr sind es die 
Nachkommen der Juden aus der Diaspora, Juden, die nicht die 
letzten grossen Kämpfe, ja, zum grossen Teil nicht einmal die 
Makkabäerzeit mitgemacht hatten; diese und dann das arme, in 
Palästina zurückgebliebene Landvolk, das später in christlichen 
Zeiten vertrieben wurde oder flüchtete, das sind die Leute, von 
denen „unsere Juden" abstammen. Wer nun durch den 
Augenschein kennen lernen will, was edle Rasse ist und was 
nicht, der lasse 



*) Uneheliche Kinder werden bei gläubigen Juden gar nicht in die Gemeinde 
aufgenommen. Bei den heutigen Sephardim im Osten Europas wird ein 
Mädchen, von welchem es ruchbar wird, dass sie gefehlt hat, sofort von 
Bevollmächtigten der Gemeinde in irgend ein fremdes Land geführt und dort 
untergebracht; weder sie noch ihr Kind darf je wieder etwas von sich hören 
lassen, sie gelten als gestorben. Auf diese Art wird dafür gesorgt, dass auch 
die blinde Liebe nicht fremdes Blut in den Stamm hineinbringe. 

2 ) Siehe z. B. Graetz a. a. O., Kap. 9, „Der diasporische Zeitraum". 

3 ) In Tiberias z. B. bestand Jahrhunderte lang eine tonangebende 
Rabbinerschule. (Über die Veredlung der Sephardim durch Gotenblut, siehe 
weiter unten.) 



326 Die Erben. Das Völkerchaos. 



sich aus Salonichi oder Sarajevo den ärmsten der Sephardim 
holen (grosse Reichtümer sind unter diesen Leuten sehr selten, 
denn sie sind makellos ehrenhaft) und stelle ihn neben einen 
beliebigen Baron Rothschild oder Hirsch hin: dann wird er den 
Unterschied gewahr werden zwischen dem durch Rasse 
verliehenen Adel und dem von einem Monarchen oktroyierten. 1 ) 

Die fünf Grundgesetze 

Weitere Beispiele Hessen sich in Hülle und Fülle beibringen Ich 
glaube aber, wir haben schon jetzt alles beisammen, was nötig ist, 
um unser Wissen über Rasse systematisch zu analysieren und so 
die Grundprinzipien zu einem bewussten, sachgemässen Urteil zu 
gewinnen. Wir schliessen hier nicht von hypothetischen 
Urzuständen auf mögliche Folgen, sondern wir schreiten von 
sicheren Thatsachen auf ihre unmittelbaren Ursachen zurück. Die 
Ungleichheit der Anlagen selbst zwischen offenbar nahe 
verwandten Stämmen ist evident; ausserdem ist aber für Jeden, 
der genauer beobachtet, ebenso evident, dass hier und dort, 
während längerer oder kürzerer Zeit, ein Stamm sich nicht allein 
von den anderen unterscheidet, sondern sie mächtig überragt, 
weil in ihm ein Überschwängliches an Begabung und 
Leistungsfähigkeit sich kundgiebt. Dass dies auf Rassenzüchtung 
beruht, habe ich durch die vorangehenden Beispiele anschaulich 
zu machen versucht. Was sich aus diesen Beispielen (die jeder 
beliebig vermehren mag) ergiebt, gestattet nun, die Entstehung 
solcher edler Rassen als von fünf Naturgesetzen abhängig zu 
erkennen. 

1. Die erste, grundlegende Bedingung ist unstreitig das Vor- 



*) Die Goten, die später in hellen Scharen zum Mohammedanismus 
übertraten, dessen edelste und fanatischeste Verfechter sie wurden, sollen 
früher in grossen Zahlen das Judentum angenommen haben, und ein 
gelehrter Fachmann der Wiener Universität versichert mir, die moralische und 
intellektuelle, sowie auch die physische Überlegenheit der sog. „spanischen" 
und „portugiesischen" Juden sei eher aus diesem reichlichen Zufluss echt 
germanischen Blutes zu erklären, als aus jener Züchtung, die ich einzig 
hervorgehoben habe, und deren Bedeutung er übrigens auch nicht 
unterschätzt wissen wollte. Ob diese Ansicht Berechtigung besitzt, möge 
dahingestellt bleiben. 



327 Die Erben. Das Völkerchaos. 



handensein vortrefflichen Materials. Wo es nichts giebt, 
verliert der König seine Rechte. Wenn Jemand aber fragt, woher 
kommt dieses Material? so antworte ich, ich weiss es nicht, ich 
bin in dieser Beziehung ebenso ignorant als wäre ich der grösste 
aller Gelehrten, und ich verweise den Frager auf die Worte des 
erhabenen Weltweisen des 19. Jahrhunderts, Goethe: „Was nicht 
mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken. Das 
Entstandene begreifen wir nicht". Soweit unser Blick 
zurückreicht, sehen wir Menschen, sehen, dass sie 
grundverschieden in ihrer Anlage sind, und sehen, dass Einige 
kräftigere Wachstumskeime zeigen, als andere. Nur Eines kann 
man, ohne den Boden historischer Beobachtung zu verlassen, 
behaupten: hohe Vortrefflichkeit tritt nur durch die Veranlassung 
besonderer Umstände nach und nach in die Erscheinung, sie 
wächst durch erzwungene Bethätigung; andere Umstände können 
sie gänzlich verkümmern lassen. Der Kampf, an dem ein von 
Hause aus schwaches Menschenmaterial zu Grunde geht, stählt 
das starke; ausserdem stärkt der Kampf ums Leben dieses Starke 
durch Ausscheidung der schwächeren Elemente. Die Kindheit 
grosser Rassen sehen wir stets von Krieg umtobt, selbst die der 
metaphysischen Inder. 

2. Das Vorhandensein wackerer Menschen giebt jedoch noch 
lange kein Überschwängliches; solche Rassen wie die Griechen, 
die Römer, die Franken, die Schwaben, die Italiener und Spanier 
der Glanzzeit, die Mauren, die Engländer, solche abnorme 
Erscheinungen wie die arischen Inder und die Juden entstehen 
nur durch fortgesetzte Inzucht. Sie entstehen und sie 
vergehen vor unseren Augen. Inzucht nennt man die Erzeugung 
von Nachkommenschaft ausschliesslich im Kreise der engeren 
Stammesgenossen mit Vermeidung jeder fremden Blutmischung. 
Schlagende Beispiele habe ich schon oben genannt. 

3. Jedoch die Inzucht pure et simple reicht zu dem Werke nicht 
hin; mit der Inzucht muss Auswahl oder, wie die Fachmänner 
sagen, „Zuchtwahl" Hand in Hand gehen. Am besten 
begreift man dieses Gesetz, wenn man die Prinzipien der 
künstlichen Züchtung im Pflanzen- und Tierreich studiert; das 
möchte 



328 Die Erben. Das Völkerchaos. 



ich auch Jedem anempfehlen, denn es giebt wenige Dinge, welche 
unsere Vorstellungen von den plastischen Möglichkeiten des 
Lebens so bereichern. 1 ) Hat man nun einsehen gelernt, welche 
Wunder die Wahl vollbringt, wie ein Rennpferd oder ein 
Dachshund oder ein „überschwängliches" Chrysanthemum nach 
und nach durch sorgfältige Ausscheidung alles Minderwertigen 
erzeugt wird, dann wird man das selbe Phänomen auch im 
Menschengeschlecht als wirksam erkennen, wenngleich es hier 
natürlich nie mit der Klarheit und Bestimmtheit wie dort auftreten 
kann. Als Beispiel führte ich vorhin die Juden an; das Aussetzen 
schwächlicher Kinder ist ein weiteres und war jedenfalls eines der 
segenvollsten Gesetze der Griechen, Römer und Germanen; harte 
Zeiten, welche nur der stämmige Mann, das ausdauernde Weib 
überlebt, wirken in ähnlichem Sinne. 2 ) 

4. Wenig beachtet wurde bisher ein weiteres Grundgesetz, 
welches mir mit voller Sicherheit aus der Geschichte 
hervorzugehen scheint, ebenso wie es eine Erfahrungsthatsache 
der Tierzüchtung ist: dem Entstehen ausserordentlicher Rassen 
geht ausnahmslos eine Blutmischung voraus. Wie der 
scharfsinnige Denker, Emerson, sagt: „ We are piqued with pure 
descent, but nature loves inoculation." Von den arischen Indern 
können wir freilich in dieser Beziehung nichts aussagen, ihre 
Vorgeschichte verliert sich in zu nebelhaften Fernen; dagegen 
liegen betreffs der Juden, Hellenen und Römer die Thatsachen 
vollkommen klar vor Augen, nicht minder klar in Betreff aller 
Nationen Europas, die sich durch Gesamtleistungen und durch 
die Hervorbringung einer grossen Zahl „überschwänglich" 
begabter Individuen ausgezeichnet haben. Bezüglich der Juden 



*) Die Litteratur ist enorm; wegen der Einfachheit, Verständlichkeit und 
umfassenden Vielseitigkeit sei jedem Laien vor Allem Darwin 's Animals and 
Plauts under Domestication empfohlen. Im Origin of Species ist über das selbe 
Thema etwas zu kurz und tendenziös berichtet. 

2 ) Dass zum Beispiel die viele Jahrhunderte umfassende Epoche der 
Wanderung im Sinne einer zunehmend veredelnden Zuchtwahl auf die 
Germanen hat wirken müssen, veranschaulicht Jhering mit besonderer 
Klarheit (Vorgeschichte, S. 462 fg.). 



329 Die Erben. Das Völkerchaos. 



verweise ich auf das folgende Kapitel, bezüglich der Griechen, der 
Römer und der Engländer habe ich schon öfters auf diese 
Thatsache hingedeutet; 1 ) jedoch, ich möchte den Leser ersuchen, 
sich die Mühe nicht verdriessen zu lassen, in Curtius und in 
Mommsen jene Kapitel am Anfang, die man wegen der vielen 
Namen und des wirren Durcheinanders gewöhnlich mehr 
durchblättert als studiert, einmal aufmerksam zu lesen. Nie hat 
eine so gründliche und günstige Vermischung stattgefunden, wie 
in Griechenland: aus einem gemeinsamen Urstock 
hervorgegangen, bilden sich in Ebenen, die durch Berge oder 
Meere getrennt sind, charakteristisch unterschiedene Stämme, 
jagende, friedlich Ackerbau treibende, seefahrende u. s. w.; und 
nun findet unter diesen differenzierten Bestandteilen ein 
Durcheinanderschieben, eine Vermengung statt, wie sie ein 
künstlich züchtender Verstand sich nicht vollkommener 
ausgerechnet haben könnte. Wir haben zunächst Wanderungen 
von Osten nach Westen, später umgekehrt von Westen nach 
Osten über das Ägäische Meer hinüber; inzwischen sind aber die 
Stämme des äussersten Nordens (in erster Reihe die Dorier) bis 
nach dem äussersten Süden vorgedrungen, wobei sie viele der 
Edelsten, die sich nicht unterjochen lassen wollten, aus diesem 
Süden nach jenem Norden, aus dem sie selbst eben gekommen 
waren, oder auch über das Meer auf die Inseln und nach der 
hellenischen Küste Asiens hinüberdrängten. Eine jede dieser 
Verschiebungen bedingte aber Blutmischung. So zogen zum 
Beispiel die Dorier nicht alle nach dem Peloponnes, sondern Teile 
von ihnen blieben an jeder Station ihrer langsamen Wanderungen 
haften und verschmolzen dort mit den früheren Einwohnern. Ja, 
diese ursprünglichen Dorier selber, die uns als ein besonderes 
einheitliches Ganzes vorschweben, wussten in alter Zeit, dass sie 
aus drei verschiedenen Stämmen zusammengesetzt waren, von 
denen der eine ausserdem der Stamm der Pamphylen 
hiess, d. h. „der Stamm der Leute von allerlei Herkunft". Wo die 
glücklichste Mischung vor sich ging, da entstand die 
überschwänglichste Begabung: in Neu-Ionien und in 



*) Siehe namentlich S. 135,273 und weiter unten S. 286 u. 292. 



330 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Attika. In Neu-Ionien „kamen Griechen zu Griechen, es kamen 
Ionier in ihre alte Heimat, aber sie kamen so umgewandelt, dass 
aus der neuen Vereinigung des ursprünglich Verwandten eine 
durchaus nationale, aber zugleich ungemein gesteigerte, reiche 
und in ihrem Ergebnisse vollständig neue Entwickelung in dem 
alten Ionierlande anhob". Am lehrreichsten ist aber die 
Entstehungsgeschichte des attischen, speziell des atheniensischen 
Volkes. Gerade in Attika (wie sonst einzig in Arkadien) blieb die 
ursprüngliche pelasgische Bevölkerung festhaften, „sie wurde 
niemals von fremder Gewalt ausgetrieben". Das zum Inselmeer 
gehörige Küstenland lud aber zur Einwanderung; diese kam auch 
von allen Seiten; und während die fremden Phönicier nur auf den 
benachbarten Inseln Handelsstationen gründeten, drangen die 
stammverwandten Griechen von diesseits und jenseits des Meeres 
ins Innere ein und vermischten sich nach und nach mit den 
früheren Einwohnern. Nun kam die Zeit der vorhin erwähnten 
dorischen Völkerwanderung und der grossen, langanhaltenden 
Umwälzungen; Attika allein blieb verschont; und da flüchteten 
neuerdings aus allen Himmelsrichtungen viele dorthin, aus 
Böotien, Achaja und Messenien, aus Argos und Ägina u. s. w.; 
diese neuen Einwanderer stellten aber nicht ganze Bevölkerungen 
dar, sondern waren in der überwiegenden Mehrzahl ausgewählte 
Männer, Männer aus erlauchtem, oft königlichem Geschlecht. 
Durch sie fand eine ungewöhnliche Bereicherung des einen 
kleinen Landes an echtem, gezüchtetem Rassenadel statt. Dann 
erst, also erst aus einer bunten Vermischung, entstand jenes 
Athen, welchem die Menschheit mehr verdankt als je 
auszurechnen wäre. 1 ) — Die geringste Überlegung wird nun 
zeigen, wie das selbe Gesetz sich bei Deutschen, Franzosen, 
Italienern und Spaniern bewährt. 



*) Siehe Curtius: Griechische Geschichte, Buch I, Kap. 4 und Buch II, Kap. 1 
und 2. — Dass Graf Gobineau lehrt, die ausserordentliche geistige und 
namentlich künstlerische Begabung der Griechen sei auf eine Infiltration 
semitischen Blutes zurückzuführen, zeigt, zu welchen unsinnigen Annahmen 
man durch falsche, künstliche, der Geschichte und der Naturbeobachtung 
widersprechende Grundhypothesen gedrängt wird. 



331 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Die einzelnen germanischen Stämme zum Beispiel sind wie eine 
rein brutale Naturkraft, bis sie sich miteinander zu vermengen 
beginnen; man sehe, wie das an bedeutenden Männern reiche 
Burgund durch ein inniges Gemisch des germanischen mit dem 
romanischen Element seine ihm eigentümliche Bevölkerung erhält 
und in Folge der lang anhaltenden politischen Isolierung zur 
charakteristischen Individualität ausbildet; 1 ) die Franken 
erwachsen zur vollen Kraft und schenken der Welt einen neuen 
Typus des Menschlichen dort, wo sie mit den vorangegangenen 
germanischen Stämmen und mit Galloromanen verschmelzen, 
oder aber dort, wo sie, wie in Franken, gerade den 
Vereinigungspunkt der verschiedensten deutschen und slavischen 
Elemente bilden; Schwaben, das Vaterland Mozart's und 
Schiller's, ist von einem halbkeltischen Stamme bewohnt; 
Sachsen, welches dem deutschen Volke so viele seiner grössten 
Männer geschenkt hat, enthält eine fast durchwegs mit 
slavischem Blute verquickte Bevölkerung; und hat Europa es 
nicht innerhalb der letzten drei Jahrhunderte erlebt, dass eine 
erst neu entstandene Nation, bei welcher die Blutmischung eine 
noch viel gründlichere war, die preussische, sich durch ihre 
hervorragende Kraft zum Führer des gesamten deutschen Reiches 
aufgeschwungen hat? — Es kann natürlich an diesem Orte nicht 
meine Aufgabe sein, das hier Angedeutete ausführlich zu 
begründen; da ich jedoch gerade die hohe Bedeutung von 
reingezüchteten Rassen verfechte, so muss es mir besonders am 
Herzen liegen, die Notwendigkeit, oder zum 



*) Diese innige Vermischung fand dadurch statt, dass die Burgunder im 
ganzen Lande einzeln angesiedelt und jeder von ihnen der „Hospes" eines 
früheren Einwohners wurde, von dessen bebautem Land er zwei Drittel, von 
dessen Hof und Garten er die Hälfte zu eigen erhielt, während Wälder und 
Weideplätze gemeinschaftlich blieben. Mochte nun zunächst gewiss keine 
grosse Sympathie zwischen dem Eingedrungenen und seinem Wirt bestehen, 
sie lebten doch Thür an Thür und waren miteinander solidarisch bei 
Grenzstreitigkeiten und ähnlichen auf den Besitz sich beziehenden 
Rechtsfragen; da konnte die Verschmelzung nicht lange ausbleiben. Vergl. 
namentlich Savigny: Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, Kap. 5, 
Abschn. 1.) 



332 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Mindesten Nützlichkeit der Blutmischung zu betonen, und zwar 
nicht allein um dem Vorwurf der Einseitigkeit und der 
apriorischen Voreingenommenheit zu begegnen, sondern weil ich 
glaube, die Vertreter dieser Sache haben ihr gerade durch die 
Verkennung des wichtigen Gesetzes der Vermischung sehr 
geschadet. Sie geraten dann auf den mystischen Begriff einer an 
und für sich „reinen Rasse", welcher ein luftiges Gedankending ist 
und, anstatt zu fördern, nur hemmt. Weder die Geschichte, noch 
die Experimentalbiologie spricht zu Gunsten einer derartigen 
Auffassung. Die Rasse der englischen Vollblutpferde ist durch die 
Kreuzung arabischer Hengste mit gewöhnlichen (natürlich 
ausgesuchten) englischen Stuten erzeugt worden, gefolgt von 
Inzucht, jedoch so, dass neuerliche Kreuzung zwischen Varietäten 
von geringer Abweichung, oder auch mit Arabern, von Zeit zu Zeit 
ratsam ist; eines der edelsten Wesen, welches die Natur 
überhaupt aufweisen kann, der sogenannte „echte" 
Neufundländer, ist ursprünglich aus der Kreuzung zwischen dem 
Eskimohund und einem französischen Hetzhund entstanden, 
sodann, in Folge der abgeschiedenen Lage Neufundlands, durch 
andauernde Inzucht fest und „rein" geworden, zuletzt, als 
Exemplare dieser Rasse von Liebhabern nach Europa gebracht 
wurden, durch Zuchtwahl zur höchsten Veredelung ausgebildet 
worden. — Vielleicht lächelt mancher Leser, wenn ich immer 
wieder von Tierzüchtung spreche? Sicherlich sind aber die Gesetze 
des Lebens grosse, einfache Gesetze, welche alles Lebende 
umfassen und gestalten; wir haben nicht die geringste 
Veranlassung, das Menschengeschlecht als eine Ausnahme zu 
betrachten; und da wir gerade in Bezug auf Rassenzüchtung leider 
nicht in der Lage sind, Experimente mit Menschen anzustellen, so 
müssen wir die an Tieren und Pflanzen gemachten Versuche zu 
Rate ziehen. — Ich darf jedoch die Besprechung des vierten 
Gesetzes nicht abschliessen, ohne eine andere Seite dieses 
Vermischungsgesetzes hervorgehoben zu haben; fortgesetzte 
Inzucht innerhalb eines sehr kleinen Kreises, das, was man 
„Engzucht" nennen könnte, führt mit der Zeit zur Entartung und 
namentlich zur Sterilität. Zahllose Erfahrungen der Tierzucht 
beweisen das. Es genügt dann bisweilen eine 



333 Die Erben. Das Völkerchaos. 



einzige Kreuzung, nur an einzelnen Mitgliedern einer Meute zum 
Beispiel vorgenommen, damit die geschwächte Rasse wieder 
aufblühe und die geschlechtliche Fruchtbarkeit sich wieder 
einstelle. Bei Menschen sorgt schon der Schalk Eros so ausgiebig 
für diese Auffrischung, dass wir nur in hochadeligen Kreisen und 
bei einigen königlichen Familien 1 ) zunehmenden Verfall der 
geistigen und physischen Anlagen in Folge von „Engzucht" 
beobachten können. 2 ) Die geringste Entfernung im 
Verwandtschaftsgrade der sich ehelich Verbindenden (auch 
innerhalb genau des selben Typus) genügt, um die hohen Vorzüge 
der Inzucht mit Ausschluss dieser Nachteile zu sichern. Doch 
sieht Jeder, dass hier sich irgend ein geheimnisvolles 
Lebensgesetz kund thut, ein so dringendes Lebensgesetz, dass im 
Pflanzenreich — wo die Befruchtung innerhalb einer und der 
selben Blüte auf den ersten Blick das Natürliche und 
Unvermeidliche dünkt — meistens die kompliziertesten 
Einrichtungen vorhanden sind, um dies zu verhindern und um 
zugleich dafür zu sorgen, dass, wenn der männliche Pollenstaub 
nicht im Winde fliegt, er durch Insekten von einem Individuum 
zum anderen getragen werde. 3 ) Die Einsicht 



*) Siehe die Angaben bei Haeckel: Natürliche Schöpfungsgeschichte (Vorl. 8). 
Weit ausführlichere Angaben in einem Buche von P. Jacoby: Etudes sur la 
selection dans ses rapports avec l'heredite chez l'homme, das ich leider nicht 
vor Augen habe. 

2 ) Hierher gehören allerdings auch die allbekannten schlimmen Folgen der 
Ehen zwischen Nächstverwandten; die Sinnesorgane (sowie überhaupt das 
Nervensystem) und die Geschlechtsorgane haben am häufigsten darunter zu 
leiden. (Siehe George H. Darwin's Vorträge: Die Ehen zwischen 
Geschwisterkindern und ihre Folgen, Leipzig 1876.) 

3 ) Die leider noch zahlreichen Menschen, die der Naturforschung 
fernstehen, mache ich auf Christian Konrad Sprengel's: Das entdeckte 
Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen, 1793, 
aufmerksam. Dieses Werk sollte ein Stolz der ganzen deutschen Nation sein; 
es liegt seit 1893 in einem Facsimiledruck (Berlin bei Mayer & Müller) vor und 
kann vom Ungelehrtesten gelesen werden. Von neueren Publikationen ist 
namentlich Hermann Müller's: Alpenblumen, ihre Befruchtung durch Insekten 
und ihre Anpassungen an dieselben (Engelmann 1881) anregend, durch die 
vielen Illustrationen anschaulich, auch vollständig. 



334 Die Erben. Das Völkerchaos. 



in ein offenbar so grundlegendes Naturgesetz lässt vermuten, dass 
die Entstehung ausgezeichneter Rassen aus einer ursprünglichen 
Durchdringung verschiedener Stämme, wie wir sie in der 
Geschichte beobachteten, nicht ein Zufall war; vielmehr bilden die 
historischen Thatsachen weitere Belege dafür, dass 
Blutvermischung für die Entstehung edler Rassen besonders 
günstige physiologische Bedingungen schafft. *) 

5. Noch ein fünftes Gesetz muss namhaft gemacht werden, 
wenngleich es mehr einschränkend und erläuternd ist, als dass es 
ein neues Element zur Rassenfrage beibrächte. Nur ganz 
bestimmte, beschränkte Blutmischungen 
sind für die Veredelung einer Rasse, resp. für die Entstehung 
einer neuen, förderlich. Auch hier wieder liefert uns die 
Tierzüchtung die klarsten, unzweideutigsten Beispiele. Die 
Blutmischung muss zeitlich streng beschränkt, ausserdem muss 
sie eine zweckmässige sein; nicht alle beliebigen Vermischungen, 
sondern nur bestimmte können die Grundlage zur Veredelung 
abgeben. Mit zeitlicher Beschränkung will ich sagen, dass die 
Zufuhr neuen Blutes möglichst schnell vor sich gehen und dann 
aufhören muss; fortdauernde Blutmischung richtet die stärkste 
Rasse zu Grunde. Um ein extremes Beispiel zu nehmen, die 
berühmteste Windhundmeute Englands wurde ein einziges 
Mal mit Bulldoggen gekreuzt, wodurch sie an Mut und Ausdauer 
gewann; dagegen 



Zusammenfassend und die aussereuropäischen Pflanzen berücksichtigend ist 
des selben Verfassers: Blumen und Insekten in der Trewendt'schen 
Encyklopädie der Naturwissenschaften. Es giebt wohl wenige Betrachtungen, 
die uns auf so kurzem Wege unmittelbar in die geheimnisvollsten Wunder der 
Natur hineinführen, wie diese Aufdeckung der gegenseitigen 
Lebensbeziehungen zwischen Pflanzen- und Tierwelt. Was heisst unser 
Wissen, was bedeuten unsere Hypothesen solchen Erscheinungen gegenüber? 
Diese lehren uns treu beobachten und uns im Kreise des Erreichbaren 
bescheiden. (Während der Drucklegung dieses Buches begann Knuth's: 
Handbuch der Blütenbiologie bei Engelmann zu erscheinen.) 

*) Zu dieser Frage der für die Entstehung ausserordentlich leistungsfähiger 
Rassen unentbehrlichen Blutmischung ist namentlich Reibmayr: Inzucht und 
Vermischung beim Menschen, 1897, zu Rate zu ziehen. 



335 Die Erben. Das Völkerchaos. 



lehren weitere Experimente, dass bei Fortsetzung einer derartigen 
Kreuzung die Charaktere beider Rassen verschwinden und 
gänzlich charakterlose Bastarde übrig bleiben. 1 ) Crossing 
obliterates characters. Die bestimmt zweckmässige Beschränkung 
bezieht sich darauf, dass nur gewisse Kreuzungen, nicht 
alle, veredeln. Es giebt Mischungen, die, weit entfernt veredelnd 
zu wirken, beide Rassen verderben, und es kommt ausserdem 
recht häufig vor, dass die bestimmten, wertvollen Charaktere 
zweier verschiedener Typen sich gar nicht miteinander zu 
verschmelzen vermögen; im letzteren Falle richtet sich ein Teil der 
Nachkommenschaft nach dem einen Elternteil, der andere nach 
dem anderen, aber natürlich mit vermischten Zügen, oder aber es 
kommen die eigentlichen echten Bastarde zum Vorschein, Wesen, 
deren Körper den Eindruck macht, als sei er aus 
unzusammengehörigen Teilen zusammengeschraubt, und deren 
geistige Beschaffenheit der körperlichen entspricht. 2 ) Wobei noch 
ausserdem zu bemerken ist, dass die Verbindung von Bastard mit 
Bastard den vollkommenen Niedergang aller und jeder 
hervorragenden Rasseneigenschaft mit rasender Schnelligkeit 
vollbringt. Man darf also durchaus nicht glauben, dass 
Blutvermischung zwischen verschiedenen Stämmen die Rasse 
unter allen Umständen veredelt und als Bereicherung ihrer 
Anlagen durch fremde Anlagen wirkt. Das ist nur unter seltenen, 
bestimmten Bedingungen und strengen Einschränkungen der 
Fall; als Regel führt Blutvermischung zur Entartung. Es zeigt sich 
namentlich das Eine recht deutlich: dass Vermischung zweier 
sehr fremdartiger Wesen nur dann zur Bildung einer edlen Rasse 
führt, wenn sie höchst selten stattfindet und von strenger Inzucht 
gefolgt wird (wie beim englischen Vollblutpferd und beim 
Neufundländer), dagegen sonst Vermischung nur wo sie zwischen 
nahen Verwandten, zwischen Angehörigen des selben Grundtypus 
vorkommt, von Erfolg ist. — Auch hier wiederum kann Keiner, der 
die ausführlichen Ergebnisse 



*) Darwin: Animals and Plauts, Kap. 15. 

2 ) Auch hierfür findet man bei Darwin zahlreiche Beispiele. Was speziell die 
Hunde betrifft, so sind Beispiele Jedem gegenwärtig. 



336 Die Erben. Das Völkerchaos. 



der Tierzucht kennt, im Zweifel sein, dass die Menschengeschichte 
vor uns und um uns herum dem selben Gesetze gehorcht. 
Natürlich tritt es hier zunächst nicht mit der gleichen Deutlichkeit 
auf wie dort; wir sind nicht in der Lage, eine Anzahl Menschen 
einzuhegen und durch etliche Generationen hindurch Versuche 
mit ihnen anzustellen; ausserdem, was dem Pferde die 
Schnelligkeit, was dem Hunde die merkwürdig plastisch 
bewegliche Gestalt ist, das ist dem Menschen der Geist: hier 
drängt bei ihm alle Lebenskraft hin, hier konzentriert sich darum 
seine Variabilität, und gerade diese Unterschiede in Charakter 
und Intelligenz sind dem Auge nicht sichtbar. 1 ) Doch hat die 
Geschichte Experimente im grossen Stil durchgeführt, und Jeder, 
dessen Auge nicht an Einzelheiten kleben bleibt, sondern grosse 
Komplexe zu übersehen gelernt hat, Jeder, der das Seelenleben 
der Völker verfolgt, wird Bestätigungen für das hier genannte 
Gesetz in Hülle und Fülle entdecken. Entstehen z. B. die 
überschwänglich begabte attische und die unerhört kluge und 
starke römische Rasse durch die Vermengung mehrerer Stämme, 
so sind dies miteinander nahe verwandte und edle, reine Stämme, 
und diese Elemente werden durch die Staatenbildung dann 
Jahrhunderte lang von aussen abgeschlossen, so dass sie Zeit 
haben, sich zu einem neuen festen Gebilde zu amalgamieren; als 
dagegen diese Staaten jedem Fremden aufgerissen werden, geht 
die Rasse zu Grunde, und zwar in Athen langsam, weil dort in 
Folge der politischen Lage nichts Besonderes zu holen war, die 
Vermengung folglich 



*) Nur darf nicht übersehen werden, dass, wenn man in der Lage wäre, 
künstliche Menschenzüchtungen anzustellen, man sicherlich auch körperlich 
die ungeheuersten Unterschiede erzielen würde in Bezug auf Grösse, 
Behaarung, Proportionen u. s. w. Man stelle nur einen Zwerg aus den 
Urwäldern am mittleren Congo, wenig über einen Meter hoch, den ganzen 
Körper mit Haarflaum bedeckt, neben einen preussischen Gardegrenadier: 
man wird sehen, welche plastische Möglichkeiten in der menschlichen 
Körperbildung schlummern. — Was den Hund anbelangt, so ist noch daran zu 
erinnern, dass seine verschiedenen Rassen „sicherlich von mehr als einer 
wilden Stammart herzuleiten sind" (Claus: Zoologie, 4. Aufl., II, 458); daher 
seine fast beängstigende Polymorphie. 



337 Die Erben. Das Völkerchaos. 



nur nach und nach und dann noch zum grössten Teil mit 
Indoeuropäischen Völkern stattfand, 1 ) in Rom mit furchtbarer 
Schnelligkeit, nachdem Marius und Sulla die Blüte der echten 
Römer ermordet, den Urquell edlen Blutes also eingedämmt und 
im selben Augenblick durch die Freisprechung der Sklaven wahre 
Fluten afrikanischen und asiatischen Blutes ins Volk gebracht 
hatten und bald darauf Rom das Stelldichein aller Mestizen der 
Welt, die cloaca gentium, geworden war. 2 ) Ähnliches bemerken wir 
auf allen Seiten. Wir sehen die Engländer aus einer gegenseitigen 
Durchdringung getrennter, doch nahe verwandter germanischer 
Stämme hervorgehen; die normannische Invasion giebt hier 
gewissermassen die letzte Würze, den letzten Glanz; dagegen 
haben es die historisch-geographischen Bedingungen mit sich 
gebracht, dass die verwandtschaftlich etwas ferner stehenden 
Kelten bei Seite blieben und selbst noch heute nur nach und nach 
mit der herrschenden Rasse verschmelzen. Wie offenbar anregend 
und auffrischend wirkt auf die Bevölkerung Berlins (noch bis 
heute) die Einwanderung der französischen Hugenotten, fremd 
genug, um das Leben durch Neues zu bereichern, freund genug, 
um mit ihren preussischen Wirten nicht zusammengeschraubte 
Bastarde, sondern charakterstarke Männer von seltener Begabung 
zu zeugen. Um das Entgegengesetzte zu erblicken, brauchen wir 
nur nach Südamerika hinüberzuschauen. Giebt es einen 
jammervolleren Anblick als den der südamerikanischen 
Mestizenstaaten? Die sogenannten Wilden von Zentralaustralien 
führen ein weit harmonischeres, menschenwürdigeres, sagen wir 
ein „heiligeres" Dasein, als diese unseligen Peruaner, Para- 



*) Wogegen die Beobachtung höchst lehrreich ist, dass in Ionien der Hellene, 
den buntesten Bastardierungen ausgesetzt, viel schneller verschwand. 

2 ) Lange vor mir hatte Gibbon die Ursachen des Untergangs des römischen 
Reiches in der physischen Verschlechterung der Rasse erkannt; jetzt wird das 
selbe in ausführlicher Weise von O. Seeck in seiner Geschichte des 
Unterganges der antiken Welt dargethan. Nur die Einwanderung der 
kraftstrotzenden Germanen hat das chaotische Reich noch künstlich ein paar 
Jahrhunderte länger am Leben erhalten. 



338 Die Erben. Das Völkerchaos. 



guayaner u. s. w., Blendlinge aus zwei (und oft aus mehr) 
unvereinbaren Rassen, aus zwei Kulturen, denen nichts 
gemeinsam war, aus zwei Entwickelungsstufen, zu verschieden an 
Alter und Gestalt, um eine Ehe eingehen zu können, Kinder einer 
naturwidrigen Unzucht. Wer sich ernstlich über die Bedeutung 
von Rasse belehren will, kann recht viel an diesen Staaten lernen; 
nehme nur die Statistiken zur Hand; er wird die verschiedensten 
Verhältnisse finden zwischen der rein europäischen resp. rein 
indianischen Bevölkerung und der halbschlächtigen, und er wird 
sehen, dass die relative Entartung mit der Blutvermischung genau 
Schritt hält. Ich nehme die zwei extremen Fälle, Chile und Peru. In 
Chile, dem einzigen dieser Staaten, 1 ) der einigen, bescheidenen 
Anspruch auf wahre Kultur erheben kann und der auch 
verhältnismässig geordnete politische Zustände aufweist, sind 
gegen 30 Prozent der Bewohner noch rein spanischer Herkunft, 
und dieses Drittel genügt schon, um die moralische Auflösung 
hintanzuhalten; 2 ) dagegen giebt es in Peru, das bekanntlich den 
anderen Republiken mit dem Beispiel des totalen moralischen und 
materiellen Bankerotts vorangegangen ist, fast gar keine 
Indoeuropäer reiner Rasse mehr; mit Ausnahme der noch 
uncivilisierten Indianer des Innern besteht dort die gesamte 
Bevölkerung aus Cholos, Musties, Fusties, Terceronen, 
Quarteronen u. s. w., Kreuzungen zwischen Indianern und 
Spaniern, zwischen Indianern und Negern, Spaniern und Negern, 
weiter zwischen den verschiedenen Rassen und jenen Mestizen 
oder Kreuzungen der Mestizenarten untereinander; in letzterer 
Zeit sind viele Tausende von Chinesen hinzugekommen... Da 
sehen wir die von Virchow und Ratzel ersehnte Promiskuität am 
Werke, und wir sehen, was dabei herauskommt! Freilich ist es ein 
sehr extremes Beispiel, aber um so lehrreicher. Wenn nicht die 
enorme Macht der umgebenden Civilisation einen solchen Staat 
von allen Seiten 



*) Im portugiesischen Brasilien herrschen wesentlich andere Verhältnisse. 

2 ) Nach Albrecht Wirth: Volkstum und Weltmacht in der Geschichte, 1901, S. 
159, kommt den Chilenen noch zugute, dass ihre Indianer — die Araukaner — 
einer besonders edlen Rasse angehören. 



339 Die Erben. Das Völkerchaos. 



künstlich unterstützte, wenn er z. B. durch einen Zufall 
abgeschnitten und sich selbst überlassen bliebe, er würde in 
kurzer Zeit in völlige Barbarei verfallen, nicht in eine menschliche, 
nein, in eine bestialische Barbarei. Einem ähnlichen Schicksal 
gehen alle diese Staaten entgegen. 1 ) — Auch hier überlasse ich 
dem Leser das weitere Nachdenken und Belegesammeln bezüglich 
dieses fünften Naturgesetzes, welches uns zeigt, dass jede 
Blutmischung eine gefährliche Sache ist und nur unter 
Beobachtung bestimmter Kautelen zur Veredelung der Rasse 
beitragen kann, sowie dass viele mögliche Kreuzungen unbedingt 
schädlich und zerstörend wirken; sind dem Leser die Augen erst 
geöffnet, so wird er für dieses Gesetz wie für die anderen vier in 
Gegenwart und Vergangenheit überall Belege finden. 2 ) 

Das sind also die fünf Prinzipien, die mir grundlegend 
erscheinen: die Qualität des Materials, die Inzucht, die Zuchtwahl, 
die Notwendigkeit von Blutmischungen, die Notwendigkeit, dass 
diese Blutmischungen in der Wahl und in der Zeit streng 
beschränkt seien. Aus diesen Prinzipien ergiebt sich dann des 
Weiteren als Folgesatz, dass die Entstehung einer hochedlen 
Menschenrasse unter Anderem auch von bestimmten 
historisch-geographischen Bedingungen 
abhängt; diese sind es, welche die Veredelung des 
Grundmaterials, sowie die Inzucht und die Zuchtwahl unbewusst 
vollbringen, sie auch — wenn ein guter Stern über der 
Geburtsstätte eines neuen 



*) Bekanntlich herrschen sehr ähnliche Verhältnisse in den spanischen 
Kolonien. Eine einzige Ausnahme bildet die Insel Porto-Rico; hier wurden 
nämlich die eingeborenen Kariben gänzlich ausgerottet, und die Folge ist eine 
rein indoeuropäische Bevölkerung, welche sich durch Fleiss, Klugheit und 
Ordnungssinn auszeichnet: ein eklatantes Beispiel von der Bedeutung von 
Rasse! 

2 ) Heinrich Schurtz kommt in seinem Werk Altersklassen und Männerbünde 
(S. 32) zu dem Schluss: „Erfolgreiche Kreuzungen sind nur innerhalb einer 
gewissen Verwandtschaftssphäre möglich und vorteilhaft. Ist die 
Verwandtschaft zu eng, wirklich nahe Blutsverwandtschaft, dann werden 
krankhafte Neigungen nicht kompensiert, sondern gesteigert; ist sie zu weit, 
dann ist keine günstige Mischung der Eigenschaften mehr möglich...". 



340 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Volkes waltet — führen die glücklichen Stammesehen herbei und 
wenden die Prostitution des Edlen in den Armen des Unedlen ab. 
Dass es im 19. Jahrhundert eine Zeit gab, wo gelehrte Forscher 
(Buckle an der Spitze) lehren konnten, die geographischen 
Verhältnisse erzeugten die Rassen, des dürfen wir heute 
füglich mit der kargen Ehre einer Paralipse gedenken; jene Lehre 
bedeutet einen Schlag ins Gesicht aller Geschichte und aller 
Beobachtung. Dagegen lässt jedes einzelne der aufgezählten 
Gesetze, dazu namentlich die Beispiele aus Rom, Griechenland, 
England, Judäa und Südamerika so deutlich begreifen, inwiefern 
die historisch-geographischen Bedingungen zu dem Entstehen 
und zu dem Vergehen eines Stammes nicht nur beitragen, 
sondern geradezu ein entscheidendes Moment dabei bilden, dass 
ich hier von weiteren Ausführungen absehen kann. *) 

Andere Einflüsse 

Ist hiermit die Rassenfrage erschöpft? Weit entfernt davon! Diese 
biologischen Probleme sind ganz ausserordentlich verwickelt. Sie 
umfassen z. B. die noch so geheimnisvolle Thatsache der 
Vererbung, über deren Grundprinzipien die bedeutendsten 
Fachleute alle Tage uneiniger werden. 2 ) Ausserdem wären noch 
allerhand andere Umstände in Betracht zu ziehen, die ein 
eingehendes Studium zu Tage fördert. Die Natur ist eben ein 
Unerschöpfliches; wir mögen das Lotblei noch so tief senken, den 
Boden erreichen wir niemals. Wer über diese Dinge nachdenken 
will, wird z. B. nicht übersehen dürfen, dass geringe 



*) Wäre z. B., wie man häufig behauptet, das Klima von Attika das 
Ausschlaggebende gewesen, so wäre nicht einzusehen, warum die Genialität 
seiner Einwohner nur unter gewissen Rassenbedingungen entstand und nach 
ihrer Aufhebung auf ewig verschwand; ganz klar wird dagegen die Bedeutung 
der historisch-geographischen Verhältnisse, sobald wir gewahr werden, dass 
sie Attika während Jahrhunderte von den endlosen Umwälzungen der 
Völkerwanderung abschieden, zugleich aber dazu dienten, ihr eine 
ausgewählte edle Bevölkerung aus verschiedenen, doch stammverwandten 
Volkszweigen zuzuführen, die nun miteinander zu einer neuen Rasse 
verschmolzen. 

2 ) Eine interessante Zusammenfassung der verschiedenen Meinungen aus 
neuester Zeit findet der Leser in Friedrich Rohde's Entstehung und Vererbung 
individueller Eigenschaften, 1895. 



341 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Zahlen fremder Elemente von einer starken Rasse in kurzer Zeit 
ganz und gar absorbiert zu werden pflegen, dass es aber hierfür, 
wie die Chemiker sagen, eine bestimmte Kapazität, das heisst, ein 
bestimmtes Aufnahmevermögen giebt, über welches hinaus das 
Blut getrübt wird, was durch die Abnahme des Charakteristischen 
sich kundthut. Italien, in welchem die stolzleidenschaftlichen, 
überaus genialen Geschlechter kraftvoller Germanen, welche bis 
ins 14. Jahrhundert ihr Blut rein erhalten hatten, sich später, 
nach und nach, mit gründlich bastardierten Italikern und Italioten 
vermengten und so aus der Welt verschwanden, liefert ein Beispiel 
(siehe Kap. 6 und 9): crossing obliterates characters. Der sorgfältig 
Beobachtende wird ferner entdecken, dass bei Kreuzungen 
zwischen Menschenstämmen, die miteinander nicht 
nächstverwandt sind, die relative Zeugungskraft ein Faktor ist, 
der noch nach Jahrhunderten durchdringen und den Niedergang 
des edleren Bestandteiles eines gemischten Volkes nach und nach 
herbeiführen kann, weil nämlich die relative Zeugungskraft häufig 
im umgekehrten Verhältnis zum Rassenadel steht. *) Hierfür er- 



*) Professor August Forel, der bekannte Psychiater, hat in den Vereinigten 
Staaten und auf den Westindischen Inseln interessante Studien über den Sieg 
gemacht, den geistig niedrige Rassen über höherstehende durch ihre grössere 
Zeugungsfähigkeit davontragen. „Ist das Gehirn des Negers schwächer als das 
der Weissen, so sind seine Fortpflanzungskraft und das Überwiegen seiner 
Eigenschaften bei den Nachkommen um so mehr denjenigen der Weissen 
überlegen. Immer strenger sondert sich (darum) die weisse Rasse, nicht nur in 
sexueller, sondern in allen Beziehungen, von ihnen ab, weil sie endlich 
erkannt hat, dass die Mischung ihr Untergang ist." Forel 
zeigt an zahlreichen Beispielen, wie unmöglich es dem Neger ist, unsere 
Civilisation mehr als hauttief zu assimilieren und wie er überall „der totalsten 
urafrikanischen Wildheit anheimfällt", sobald er sich selbst überlassen bleibt. 
(Zu näherer Belehrung hierüber ist namentlich das interessante Buch von 
Hesketh Prichard: Where black rules white, Hayti, 1900, zu empfehlen; wer in 
den Phrasen von der Gleichheit aller Menschen u. s. w. erzogen ist, wird 
schaudern, wenn er erfährt, wie es in Wirklichkeit zugeht, sobald in einem 
Staate die Neger das Heft in der Hand halten.) Und Forel, der als 
Naturforscher in dem Dogma der einen, überall gleichen „Menschheit" 
auferzogen ist, kommt zu dem Schlüsse: „Zu ihrem 



342 Die Erben. Das Völkerchaos. 



leben wir ein Beispiel im heutigen Europa, wo die kurzen runden 
Schädel immerwährend an Zahl zunehmen und somit langsam die 
schmalen „Dolichocephalen" verdrängen, aus denen, nach 
übereinstimmenden Gräberbefunden, fast die Gesamtzahl der 
echten alten Germanen, Slaven und Kelten bestand; man erblickt 
darin das Überhandnehmen einer von den Indogermanen 
besiegten fremdartigen Rasse (heute meistens als „turanische" 
bezeichnet), welche durch animalische Kraft den geistig 
Überlegeneren allmählich überwindet. 1 ) Hierher gehört vielleicht 
auch die eigentümliche Thatsache des zunehmenden 
Übergewichtes der dunklen Augen vor den grauen und blauen, 
indem bei Ehen zwischen Menschen mit verschieden gefärbten 
Augen die dunklen fast 



eigenen Wohl sogar müssen die Schwarzen als das, was sie sind, als eine 
durchaus untergeordnete, minderwertige, in sich selbst kulturunfähige 
Menschenunterart behandelt werden. Das muss einmal deutlich und ohne 
Scheu erklärt werden." (Man sehe den Reisebericht in Harden's Zukunft vom 
17. Februar 1900.) — Über diese Frage der Rassenmischungen und des 
beständigen Sieges der niedriger stehenden Rasse über die höher stehende, 
vergleiche man auch die an Thatsachen und Einsichten gleich reiche Arbeit 
Ferdinand Hueppe's: Über die modernen Kolonisationsbestrebungen und die 
Anpassungsmöglichkeit der Europäer an die Tropen (Berliner klinische 
Wochenschrift, 1901). In Australien z. B. findet in aller Stille, aber mit grosser 
Schnelligkeit, eine Auslese statt, durch welche der hochgewachsene blonde 
Germane — so stark vertreten im englischen Blute — verschwindet, wogegen 
das beigemengte Element des Homo alpinus die Oberhand gewinnt. 

*) Eine klare, leichtverständliche Zusammenfassung bei Johannes Ranke: 
Der Mensch II, 296 fg. Gründlicher, aber darum auch viel schwieriger, ist die 
Besprechung aller dieser Fragen im zweiten Teil von Topinard's 
U Anthropologie. Merkwürdig ist bei letzterem nur die Anwendung des Wortes 
„Rasse" für eine hypothetische Wesenheit, deren thatsächliches Dasein zu 
keiner Zeit nachgewiesen werden kann. „17 n'y a plus de races pures"; wer 
beweist, dass es in diesem apriorischen Sinne anthropologischer 
Voraussetzungen jemals welche gab? Reine Tierrassen werden nur durch 
Züchtung und mit Zugrundelegung von Blutmischungen erzielt; warum sollte 
beim Menschen das Umgekehrte gelten? — Übrigens ist diese ganze 
„turanische" Hypothese, wie alle diese Dinge, ein noch sehr luftiges 
Gedankenbild. Näheres über diese Fragen weiter unten, im Kap. 6. 



343 Die Erben. Das Völkerchaos. 



ausnahmslos weit zahlreicher in der Nachkommenschaft vertreten 
sind. 1 ) 

Wollte ich hier fortfahren, wir kämen in eines der dornigsten 
Gebiete der heutigen Wissenschaft hinein. Es ist aber für meinen 
Zweck durchaus unnötig. Ohne mich um eine Definition zu 
kümmern, habe ich Rasse im eigenen Busen, in den Hochthaten 
der Genies, auf den glänzendsten Blättern der 
Menschengeschichte am Werke gezeigt; dann habe ich auf die 
wichtigsten Bedingungen aufmerksam gemacht, welche die 
wissenschaftliche Beobachtung als grundlegend für die 
Entstehung edler Rassen erhärtet. Dass aus dem Eintritt 
entgegengesetzter Bedingungen Entartung oder zum Mindesten 
die Hintanhaltung in der Ausbildung edler Anlagen folgen m u s 
s, scheint höchst wahrscheinlich und dürfte durch 

Vergangenheit und Gegenwart vielfach belegt werden. Ich war 
absichtlich vorsichtig und zurückhaltend; durch solche 
labyrinthisch verwickelte Fragen führt der engste Pfad am 
sichersten: mir lag einzig daran, eine recht lebhafte Vorstellung 
davon zu wecken, was reingezüchtete Rasse ist, was sie für das 
Menschengeschlecht bedeutet hat und noch heute bedeutet. 

Die Nation 

Eine sehr wichtige Einsicht habe ich noch nicht ausdrücklich 
formuliert; sie ergiebt sich aus allem Gesagten von selbst: der 
Begriff Rasse hat nur dann einen Inhalt, wenn wir Ihn nicht 
möglichst weit, sondern möglichst eng nehmen; folgen wir dem 
herrschenden Gebrauch und bezeichnen wir mit diesem Worte 
möglichst weit zurückliegende, hypothetische Geschlechter, so 
wird es zuletzt kaum mehr als ein blasses Synonym für 
„Menschheit" überhaupt, womöglich mit Einschluss der lang- und 
der kurzschwänzigen Affen; Rasse heisst nur dann etwas, wenn es 
sich auf Erfahrungen der Vergangenheit und auf Erlebnisse der 
Gegenwart bezieht. 

Hier lernen wir nun einsehen, was Nation für Rasse zu 
bedeuten hat. Fast immer ist es die Nation, als politisches 
Gebilde, welche die Bedingungen zur Rassenbildung schafft oder 



*) Alphonse De Candolle: Histoire des sciences et des savants depuis deus 
siecles, 2 e ed.; pag. 576. 



344 Die Erben. Das Völkerchaos. 



wenigstens zu den höchsten, individuellsten Bethätigungen der 
Rasse führt. Wo, wie in Indien, die Bildung von Nationen 
ausbleibt, da verkümmert der durch Rasse angesammelte 
Kraftvorrat. Die Konfusion aber, welche unter uns in Bezug auf 
den Begriff Rasse herrscht, verhindert selbst die Gelehrtesten, 
diese hohe Bedeutung der Nationen einzusehen, wodurch zugleich 
das Verständnis für die grundlegenden Thatsachen der Geschichte 
verschlossen bleibt. Denn in der That, was lehren uns unsere 
heutigen Historiker über das Verhältnis zwischen Rasse und 
Nation? 

Ich nehme ein beliebiges Buch zur Hand — Renan's Rede „ Was 
ist eine Nation?" In Hunderten von anderen begegnet man den 
gleichen Lehren. Die These ist bei Renan deutlich formuliert: „Die 
Thatsache der Rasse", schreibt er, „ursprünglich von 
entscheidender Wichtigkeit, verliert täglich an Bedeutung." 1 ) Wie 
wird diese Behauptung begründet? Durch den Hinweis auf die 
Thatsache, dass die tüchtigsten Nationen Europas aus 
gemischtem Blute entstanden sind. Welch eine Menge 
Trugschlüsse birgt nicht dieser eine Satz, welche Unfähigkeit, sich 
durch Anschauung belehren zu lassen! Die Natur und die 
Geschichte zeigen uns kein einziges Beispiel hervorragend edler, 
physiognomisch individueller Rassen, welche nicht aus einer 
Vermischung hervorgegangen wären; und jetzt soll eine Nation von 
so ausgesprochener Individualität wie die englische keine Rasse 
darstellen, weil sie „aus der Vermengung von Angelsachsen, 
Dänen und Normannen" (noch dazu eng verwandte Stämme) 
hervorgegangen ist! Die klarste Evidenz, die mir den Engländer als 
ein mindestens ebenso ausgeprägtes Sonderwesen wie den 
Griechen und den Römer der Glanzepochen zeigt, muss ich 
leugnen, leugnen zu Gunsten eines willkürlichen, in alle Ewigkeit 
unbeweisbaren Gedankendinges, zu Gunsten der vorausgesetzten, 
ursprünglichen „reinen Rasse". Zwei Seiten früher hatte Renan 
selber auf 



*) Renan: Discours et Conferences, 3 e ed., p. 297: „Lefait de la race, capital ä 
Vorigine, va donc toujours perdant de son importance." 



345 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Grund der anthropologischen Befunde festgestellt, dass bei den 
ältesten Ariern, Semiten, Turaniern („les groupes aryen prirnitif, 
semitiqtue prirnitif, touranien prirnitif) man Menschen von sehr 
verschiedenem Körperbau antrifft, langschädelige und 
kurzschädelige, also auch sie hätten keine „gemeinsame 
„physiologische Einheit" besessen. Gott, welche Wahngebilde 
entstehen nicht, sobald der Mensch nach angeblichen 
„Ursprüngen" forscht! Immer wieder muss ich Goethe 's grosses 
Wort anführen: „Lebhafte Frage nach der Ursache ist von grosser 
Schädlichkeit." Anstatt das Gegebene, das Erforschbare so zu 
nehmen wie es ist und uns mit der Erkenntnis der nächsten, 
nachweisbaren Bedingungen zu begnügen, glauben wir immer 
wieder von möglichst weit zurückliegenden, gänzlich 
hypothetischen Ursachen und Annahmen ausgehen zu müssen, 
denen wir das Gegenwärtige, Zweifellose ohne Scheu opfern. So 
sind unsere „Empiriker" beschaffen. Dass sie nicht weiter als ihre 
eigene Nase sehen, das glauben wir ihnen gern aufs blosse Wort, 
leider sehen sie aber nicht einmal so weit, sondern rennen mit 
besagter Nase gegen faustdicke Thatsachen an und klagen dann 
über die betreffenden Thatsachen, nicht über ihre eigene 
Kurzsichtigkeit. Was für ein Ding ist denn diese ursprünglich 
„physiologisch einheitliche Rasse", von der Renan redet? 
Vermutlich ein naher Verwandter von Haeckel's Menschenaffen. 
Und dieser hypothetischen Bestie zuliebe soll ich leugnen, dass 
das englische Volk, das preussische Volk, das spanische Volk 
einen bestimmten, ganz und gar individuellen Charakter besitzt! 
Herr Renan vermisst die physiologische Einheit: ja, sieht er denn 
nicht ein, dass die physiologische Einheit durch die Ehe 
herbeigeführt wird? Wer sagt ihm denn, dass die hypothetischen 
Urarier nicht auch geworden waren! Wir wissen allesamt 
nichts davon: was wir aber wissen, lässt es analogisch vermuten. 
Es gab unter ihnen schmale Köpfe und breite Köpfe: wer weiss, ob 
diese Mischung nicht nötig war, um eine edelste Rasse 
hervorzubringen? Das gemeine englische Pferd und das (zweifellos 
ursprünglich selber aus einer Mischung hervorgegangene) 
arabische Pferd waren „physiologisch" ebenfalls sehr verschieden, 
und 



346 Die Erben. Das Völkerchaos. 



aus ihrer Verbindung erzeugte sich doch im Laufe der Zeit die 
physiologisch einheitlichste und edelste Tierrasse der Welt, das 
englische Vollblut. Nun sieht der grosse Gelehrte Renan das 
englische Menschenvollblut gewissermassen vor seinen Augen, 
nämlich die historischen Zeiten, entstehen. Was folgert er daraus? 
Er sagt: da der heutige Engländer weder der Kelte aus Caesar' s 
Zeiten, noch der Angelsachse des Hengist, noch der Däne des 
Knut, noch der Normanne des Eroberers, sondern das Ergebnis 
einer Durchdringung aller vier sei, so könne man von einer 
englischen Rasse überhaupt nicht sprechen. Also, weil die 
englische Rasse eine geschichtlich gewordene ist (wie alle, von 
denen wir sichere Kunde besitzen), weil sie etwas durchaus neues, 
eigenartiges ist: darum existiert sie gar nicht! Wahrhaftig, es geht 
nichts über Gelehrtenlogik! 

„Was ihr nicht rechnet, 
Glaubt ihr, sei nicht wahr." 

Wir werden über die Bedeutung der Nationen für Rassenbildung 
ganz anders urteilen. Das römische Reich in seiner Imperiumzeit 
war die Verkörperung des antinationalen Prinzips; 
dieses Prinzip führte zur Rassenlosigkeit und zugleich zum 
geistigen und moralischen Chaos; die Errettung aus dem Chaos 
geschah durch die zunehmend scharfe Ausbildung des 
entgegengesetzten Prinzips der Nationen. 1 ) Nicht immer hat 
die politische Nationalität bei der Erzeugung individueller Rassen 
die selbe Rolle gespielt wie in unserer neueren Kultur; ich brauche 
nur auf Indien, Griechenland und auf die Israeliten zu verweisen; 
jedoch schöner, folgenreicher und, wie es scheint, dauerhafter 
wurde das Problem nie gelöst als bei uns Germanen. Als hätte 
man sie aus dem Boden gestampft, ist in diesem kleinen 
europäischen Weltteil eine Reihe durchaus neuer, unterschiedener 
Gebilde hervorgegangen. Renan meint, nur in der alten P o 1 i s 
hätte es Rasse gegeben, weil allein dort die numerische 
Beschränktheit Blutgemeinschaft gestattet habe; das ist ganz 



*) Dies bildet den Gegenstand des achten Kapitels. 



347 Die Erben. Das Völkerchaos. 



falsch; man braucht nur wenige Jahrhunderte zurückzurechnen, 
und jeder Mensch zählt Hunderttausende von Voreltern; was also 
in dem engen Gebiet Athens in verhältnismässig kurzer Zeit 
geschah, die physiologische Aneinanderknüpfung, das geschah bei 
uns im Laufe etlicher Jahrhunderte und setzt sich heute noch 
fort. Weit entfernt, dass die Bildung der Rasse in unseren 
Nationen abnähme, nimmt sie notwendiger Weise täglich zu. Je 
länger ein bestimmter Länderkomplex politisch vereinigt bleibt, 
umso inniger wird jene geforderte „physiologische Einheit", um so 
schneller und gründlicher saugt sie fremde Elemente auf. Unsere 
Anthropologen und Historiker setzen ohne weiteres voraus, in 
ihren hypothetischen Urrassen seien die spezifischen, 
unterscheidenden Charakteristika hoch entwickelt gewesen, jetzt 
jedoch befänden sie sich in progressiver Abnahme; es fände also 
ein Fortgang aus ursprünglicher Mannigfaltigkeit zu zunehmender 
Einfältigkeit statt. Diese Annahme widerspricht aller Erfahrung, 
welche uns vielmehr lehrt, dass Individualisierung eine Frucht 
wachsender Differenzierung und Absonderung ist. Gegen die 
Voraussetzung, ein organisches Wesen trete zuerst mit scharf 
ausgesprochenen Kennzeichen auf, die sich dann allmählich 
verwischen, spricht die gesamte biologische Wissenschaft; diese 
zwingt uns geradezu die umgekehrte Hypothese auf: dass das 
frühe Menschengeschlecht ein bewegliches, verhältnismässig 
farbloses Aggregat war, aus welchem heraus die einzelnen Typen 
in zunehmender Divergenz und zunehmend scharfer Individualität 
hervorgewachsen sind; eine Hypothese, welche durch alle 
Geschichte bestätigt wird. Nicht also aus Rassentum zur 
Rassenlosigkeit ist der normale, gesunde Entwickelungsgang der 
Menschheit, sondern im Gegenteil, aus der Rassenlosigkeit zur 
immer schärferen Ausprägung der Rasse. Die Bereicherung des 
Lebens durch neue Individualitäten scheint überall ein höchstes 
Gesetz der unerforschlichen Natur zu sein. Hier spielt nun bei uns 
Menschen die Nation, welche fast immer Vermischung, gefolgt von 
Inzucht bewirkt, eine ausschlaggebende Rolle. Ganz Europa 
beweist es. Renan zeigt, wie viele Slaven mit den Germanen 
verschmolzen sind, und stellt ziemlich hämisch die Frage, ob man 



348 Die Erben. Das Völkerchaos. 



überhaupt berechtigt sei, die heutigen Deutschen „Germanen" zu 
nennen: nun, mich dünkt, über Namen braucht man in solchen 
Fällen nicht zu streiten, — was die heutigen Deutschen sind, 
hat Herr Renan im Jahre 1870 erfahren können; er erfuhr es 
ausserdem durch die Gelehrten, deren Fleiss er neun Zehntel 
seines Wissens verdankt. Das ist der Erfolg von Rassenerzeugung 
durch Nationenbildung. Und da Rasse nicht bloss ein Wort ist, 
sondern ein organisches lebendiges Wesen, so folgt ohne weiteres, 
dass sie nie stehen bleibt: sie veredelt sich, oder sie entartet, sie 
entwickelt sich nach dieser oder jener Richtung und lässt andere 
Anlagen verkümmern. Das ist ein Gesetz alles individuellen 
Lebens. Der feste nationale Verband ist aber das sicherste 
Schutzmittel gegen Verirrung: er bedeutet gemeinsame 
Erinnerung, gemeinsame Hoffnung, gemeinsame geistige 
Nahrung; er festet das bestehende Blutband und treibt an, es 
immer enger zu schliessen. 

Der Held 

Ebenso wichtig wie die klare Erkenntnis des organischen 
Verhältnisses zwischen Rasse und Nation, ist die des organischen 
Verhältnisses zwischen der Rasse und ihrer Quintessenz, dem H 
e 1 d e n, oder Genie. Gemeiniglich glauben wir wählen zu 
müssen zwischen Heldenanbetung und Heldengeringschätzung. 
Beides zeugt von ungenügender Einsicht. Was ich schon in der 
allgemeinen Einleitung ausgeführt habe, braucht nicht wiederholt 
zu werden; hier aber, wo die Rassenfrage im Vordergrunde steht, 
tritt uns dieses Problem in einer besonders klaren Fassung 
entgegen, und bei einiger Kraft der Anschauung müssen wir doch 
einsehen: der Einfluss der geistig hervorragenden Individuen in 
einem Geschlecht, wie das menschliche, dessen Eigenheit auf der 
Ausbildung seiner geistigen Fähigkeiten beruht, ist unermesslich, 
zum Guten und auch zum Bösen; diese Individuen sind die 
tragenden Füsse, die bildenden Hände jedes Volkes, sie sind das 
Antlitz, welches wir Andere erblicken, sie sind das Auge, welches 
selber die übrige Welt in einer bestimmten Weise erschaut und 
dem übrigen Organismus mitteilt. Hervorgebracht werden sie 
jedoch vom gesamten Körper; nur durch dessen Lebensthätigkeit 
können sie entstehen, nur an ihm und in ihm gewinnen sie 
Bedeutung. 



349 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Was soll mir die Hand, wenn sie nicht aus einem kräftigen Arm als 
ein Stück, ein Teil davon herauswächst? Was soll mir das Auge, 
wenn die strahlenden Gestalten, die es erschaute, sich nicht 
weiterspiegeln in einer dahinter liegenden dunklen, fast amorphen 
Gehirnmasse? Erscheinungen erhalten erst dadurch Bedeutung, 
dass sie mit anderen Erscheinungen in Verbindung stehen. Je 
reicher das Blut unsichtbar in den Adern kreist, umso üppiger 
werden die Blüten des Lebens hervorsprossen. Die Behauptung, 
Homer habe Griechenland geschaffen, spricht zwar buchstäbliche 
Wahrheit aus, bleibt aber einseitig und irreleitend, solange nicht 
hinzugefügt wird: nur ein unvergleichliches Volk, nur eine ganz 
bestimmte, geadelte Rasse konnte diesen Mann 

hervorbringen, nur eine Rasse, bei der das sehende und 
gestaltende Auge in überschwänglichster Weise zur Ausbildung 
gelangt war. 1 ) Ohne Homer wäre Griechenland nicht Griechenland 
geworden, ohne Hellenen wäre Homer nie geboren. Die Rasse, die 
den grossen Seher der Gestalten gebar, gebar auch den 
erfindungsreichen Seher der Figuren, Euklid, den luchsäugigen 
Ordner der Begriffe, Aristoteles, den Mann, der das System des 
Kosmos zuerst durchschaute, Aristarchos u. s. w. ad infinitum. 
Die Natur ist nicht so einfach, wie die Schulweisheit es sich 
träumt: ist grosse Persönlichkeit unser „höchstes Glück", so ist 
doch gemeinschaftliche Grösse der einzige Boden, auf dem sie 
erwachsen kann. Die ganze Rasse z. B. ist es, welche die Sprache 
schafft, damit zugleich bestimmte künstlerische, philosophische, 
religiöse, ja sogar praktische Möglichkeiten, aber auch 
unübersteigliche Schranken. Auf hebräischem Boden konnte 
niemals ein Philosoph entstehen, weil der Geist der hebräischen 
Sprache die Verdolmetschung metaphysischer Gedanken absolut 
unmöglich macht; aus dem selben Grunde konnte kein 
semitisches Volk eine Mythologie im gleichen Sinne wie die Inder 
und die 



*) Wer von der ungeheueren Kraft dieser Geschlechter, fähig einem Homer 
als Grundlage zu dienen, sich eine lebendige Vorstellung machen will, der lese 
die Beschreibung der Burgen von Tiryns und Mykenä aus atridischer Zeit, wie 
sie heute noch, nach Jahrtausenden, dastehen. 



350 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Germanen besitzen. Man sieht, welche bestimmte Wege auch die 
grössten Männer durch die gemeinsamen Leistungen der ganzen 
Rasse gewiesen werden. 1 ) Die Sprache ist es aber nicht allein. 
Homer musste die Mythen vorfinden, um sie gestalten zu können; 
Shakespeare brachte auf die Bühne die Geschichte, die das 
englische Volk gelebt hatte; Bach und Beethoven entspriessen 
Stämmen, die schon den Alten durch ihr Singen auf gefallen 
waren. Und Mohammed? Hätte er die Araber zu einer Weltmacht 
erheben können, wenn sie nicht als eine der reinst gezüchteten 
Rassen der Erde bestimmte „überschwängliche" Eigenschaften 
besessen hätten? Hätte ohne den neuen Stamm der Preussen der 
Grosse Kurfürst das Gebäude begründen, der grosse Friedrich 
ausbauen, der grosse Wilhelm vollenden können, welches jetzt 
Deutschland umfasst? 

Das rassenlose Chaos 

Hiermit ist unsere erste Aufgabe in diesem Kapitel erledigt: wir 
haben eine deutliche, konkrete Vorstellung davon bekommen, was 
Rasse ist und was sie für das Menschengeschlecht zu bedeuten 
hat; wir haben auch an einigen Beispielen der Gegenwart gesehen, 
wie verhängnisvoll die Abwesenheit von Rasse, d. h. also das 
Chaos unindividualisierter, artenloser Menschenagglomerate 
wirkt. Wer das nun alles einsieht und darüber nachsinnt, wird 
allmählich erkennen lernen, was es für unsere germanische 
Kultur bedeuten mag, dass die auf sie herabgeerbte Kultur des 
Altertums, welche an wichtigen Punkten noch immer nicht allein 
ihre Grundlage, sondern auch ihr Gemäuer bildet, ihr nicht durch 
ein bestimmtes Volk vermittelt wurde, sondern durch ein 
nationloses, physiognomiebares Gemenge, in welchem die 
Bastarde das grosse Wort führten, nämlich durch das Völkerchaos 
des untergehenden römischen Imperiums. Unsere gesamte 
geistige Entwickelung steht noch heute unter dem Fluche dieser 
unseligen Zwischenstufe; sie ist es, welche noch im 19. 
Jahrhundert den 



*) Nach Renan (Israel, I, 102) vermag die hebräische Sprache weder einen 
philosophischen Gedanken, noch eine mythologische Vorstellung, noch das 
Gefühl des Unendlichen, noch die Regungen des menschlichen Innern, noch 
die reine Naturbetrachtung überhaupt zum Ausdruck zu bringen. 



351 Die Erben. Das Völkerchaos. 



antinationalen, rassenfeindlichen Mächten die Waffen in die Hand 
gab. 

Schon vor Julius Cäsar beginnt das Chaos zu entstehen; durch 
Caracalla wird es zum offiziellen Prinzip des römischen Reiches 
erhoben. 1 ) So weit das Imperium reichte, so weit hat gründliche 
Blutvermischung stattgefunden, doch so, dass die eigentliche 
Bastardierung, das heisst, wie wir jetzt wissen, die Kreuzung 
zwischen unverwandten oder zwischen edlen und unedlen Rassen 
fast ausschliesslich im südlichsten und im östlichsten Teil 
vorkam, dort, wo die Semiten mit den Indoeuropäern 
zusammentrafen — also in den Hauptstädten Rom und 
Konstantinopel, dann an der Nordküste Afrikas ganz entlang 
(sowie auch an den Küsten Spaniens und Galliens), vor Allem in 
Ägypten, Syrien und Kleinasien. Es ist ebenso leicht als wichtig, 
sich den Umfang dieses Länderkomplexes vorzustellen. Die Donau 
und der Rhein treffen an ihrem Ursprung fast zusammen; die 
beiden Flussgebiete greifen so genau ineinander über, dass es in 
der Nähe des Albulapasses einen kleinen See giebt, der bei hohem 
Wasserstande, so wird versichert, auf der einen Seite in die Albula 
und den Rhein, auf der anderen in den Inn und die Donau 
abfliesst. Verfolgt man nun den Lauf dieser Flüsse von der 
Mündung des Alten Rheins in die Nordsee, bei Leyden, den Rhein 
hinauf und die Donau hinunter bis zu ihrer Mündung in das 
Schwarze Meer, so erhält man eine ununterbrochene Linie, welche 
den europäischen Kontinent in der Richtung von Nordwesten nach 
Südosten durchkreuzt; sie bildet die durchschnittliche Nordgrenze 
des römischen Reiches während langer Zeit; ausser in Teilen von 
Dacien (im heutigen Rumänien) haben sich die Römer niemals 
nördlich und östlich von dieser Grenze dauernd behauptet. 2 ) Diese 
Linie teilt 



x ) Siehe S. 147. 

2 ) Das römische Grenzwallsystem schnitt allerdings ein ziemliches Stück 
nördlich von der Donau und östlich vom Rhein ab, indem der Limes oberhalb 
Regensburgs nach Westen abzweigte, bis in die Nähe von Stuttgart, von dort 
wieder nach Norden, bis er westlich von Würzburg den Main traf. Doch wurde 
dieses sog. „Zehnt- 



352 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Europa (wenn man den asiatischen und afrikanischen Besitz 
Roms dazurechnet) in fast zwei gleiche Teile. In dem südlichen 
Teile hat nun die grosse Bluttransfusion (wie die Ärzte die 
Einspritzung fremden Blutes in einen Organismus nennen) 
stattgefunden. Betitelt Maspero in seiner Geschichte der Völker der 
klassischen Orients den einen Band „das erste Durcheinander der 
Völker", so könnte man hier von einem zweiten Durcheinander 
reden. In Britannien, sowie in Rhätien, im allernördlichsten 
Gallien u. s. w. scheint es freilich trotz der römischen Herrschaft 
zu keiner eigentlichen Durchdringung gekommen zu sein; auch im 
übrigen Gallien, sowie in Hispanien hatten wenigstens die aus 
Rom importierten neuen Elemente etliche Jahrhunderte 
verhältnismässiger Abgeschiedenheit zur Verschmelzung mit den 
früheren Einwohnern, ehe andere nachkamen, ein Umstand, 
welcher die Ausbildung einer neuen, sehr charakteristischen 
Rasse, der gallo-römischen, ermöglichte. Im Südosten dagegen, 
und namentlich an allen Kulturzentren (die, wie bereits 
hervorgehoben, einzig im Süden und Osten lagen) ergab sich ein 
um so gründlicheres, verderblicheres Durcheinander, als die aus 
dem Orient Hinzuströmenden selbst lauter halbschlächtige 
Menschen waren. Unter da- maligen Syriern z. B. darf man sich 
nicht eine bestimmte Nation, irgend ein Volk, eine Rasse 
vorstellen, sondern vielmehr ein bunte Agglomeration 
pseudohethitischer, pseudosemitischer, pseudohellenischer, 
pseudopersischer, pseudoskythischer Bankerte. Leichte 
Begabung, oft auch eigentümliche Schönheit, das, was die 
Franzosen un charme troublant nennen, ist Bastarden häufig zu 
eigen; man kann dies heutzutage in Städten, wo, wie in Wien, die 
verschiedensten Völker sich begegnen, täglich beobachten; 
zugleich aber kann man auch die eigentümliche Haltlosigkeit, die 
geringe Widerstandskraft, den Mangel an Charakter, kurz, die 
moralische Entartung solcher Menschen wahrnehmen. Den Syrier 
mache ich darum namhaft, weil ich nicht durch wortreiche 



land" nicht von Italern, sondern, wie Tacitus erzählt, von „den Leichtfertigsten 
der Gallier" bezogen. (Vgl. Wietersheim: Völkerwanderung I, 161 ff.) 



353 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Aufzählungen, sondern durch Beispiele reden möchte; er aber war 
das Muster des aus allem völkischen Zusammenhang 
losgerissenen Bastards; gerade deswegen hat er bis zum Einbruch 
der Germanen (und noch darüber hinaus) eine grosse Rolle 
gespielt. Wir finden Syrier auf dem kaiserlichen Throne; Caracalla 
gehört zu ihnen, und das in Seide und Gold gekleidete, wie eine 
Tänzerin geschmückte Monstrum Heliogabalus wurde direkt aus 
Syrien importiert; wir finden sie in allen Verwaltungen und 
Präfekturen; sie, sowie ihr Seitenstück, die afrikanischen 
Bastarde, reden ein grosses Wort mit bei der Kodifikation des 
Rechtes und ein geradezu ausschlaggebendes bei der Ausbildung 
der römischen Universalkirche. Schauen wir uns einen dieser 
Männer näher an; wir bekommen dadurch sofort ein lebhaftes 
Bild des damaligen civilisierten Bruchteils Europas und seiner 
geschäftigen Kulturträger und erhalten somit einen Einblick in die 
Seele des Völkerchaos. 

Lucian 

Der Schriftsteller Lucian ist wohl Jedem, wenigstens dem 
Namen nach, bekannt; seine hervorstechende Begabung zieht 
unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf ihn. Geboren an den Ufern 
des Euphrats, unfern der ersten Ausläufer des taurischen 
Gebirges in denen noch energische Stämme indoeuropäischer 
Herkunft wohnten) lernt der Knabe neben der syrischen 
Landessprache auch griechisch radebrechen. Er zeigt Talent für 
Zeichnen und Bildhauerei und wird zu einem Bildhauer in die 
Lehre gegeben, doch erst, nachdem ein Familienconcilium 
stattgefunden hat, um zu beraten, wie der Junge am schnellsten 
zu recht viel Geld kommen könne. Diese Sorge ums Geld bleibt 
fortan das ganze Leben hindurch, trotz der später angehäuften 

Reichtümer, der Leitstern nein, das wäre zu schön gesagt, 

der treibende Impuls dieses begabten Syriers; in seiner Schrift 
Nigrinus gesteht er mit beneidenswerter Offenheit, das Liebste auf 
der Welt sei ihm Geld und Ruhm, und noch als alter Mann 
schreibt er ausdrücklich, er nehme die ihm von Commodus (dem 
Gladiatorenkaiser) angebotene hohe Beamtenstelle des Geldes 
wegen an. Doch mit der Kunst wird's nichts. In einer 
hochberühmten, aber meines Wissens bisher von keinem 
Historiker nach ihrem wahren 



354 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Inhalt gewürdigten Schrift, „der Traum", 1 ) sagt uns Lucian, 
weswegen er die Kunst aufgab und es vorzog, Jurist und Litterat 
zu werden. Im Traume waren ihm zwei Weiber erschienen; die eine 
„sah nach Arbeit aus", hatte schwielige Hände, das Gewand über 
und über von Gips befleckt; die andere war elegant angezogen und 
stand gelassen da; die eine war die Kunst, andere... wer es nicht 
schon weiss, wird es nie erraten, andere war — die Bildung. 
2 ) Die arme Kunst bemüht sich, durch das Beispiel von Phidias 
und Polyklet, Myron und Praxiteles ihren neuen Jünger 
anzueifern, doch vergeblich; denn die Bildung thut überzeugend 
dar, die Kunst sei eine „unedle Beschäftigung"; den ganzen Tag 
bleibe der Künstler in einem schmutzigen Kittel über seine Arbeit 
gebückt, wie ein Sklave; selbst Phidias sei nur „ein gemeiner 
Handwerker" gewesen, der „von seiner Hände Arbeit lebte"; — wer 
dagegen statt Kunst die „Bildung" erwähle, dem stünden 
Reichtum und hohe Ämter in Aussicht, und wenn er auf der 
Strasse spazieren gehe, dann würden sich die Leute anstossen 
und sagen: „Schau', da geht der berühmte Mann!" 3 ) Schnell 
entschlossen springt Lucian auf: „das unschöne, arbeitsvolle 
Leben verliess ich und trat zur Bildung über." Heute Bildhauer, 
morgen Advokat; wer ohne Bestimmung geboren ist, kann alles 
erwählen;«) wer nach Geld und Ruhm geht, braucht nicht in die 
Höhe zu schauen und riskiert also nicht, wie der Held des 
deutschen Kindermärchens, in den 



*) Nicht mit dem „Traum des Schusters Micyllus" zu verwechseln. 

2 ) So wird, und wohl mit Recht, das griechische Wort ICGCiSEuC von den besten 
Übersetzern hier verdeutscht; um Kindererziehung handelt es sich nicht und 
„Wissenschaft" würde zu viel besagen. Dem etwaigen Einwurf, dass die erste 
Frau sich zunächst nicht als die „Kunst" kurzweg, sondern als „die Kunst, 
Hermen zu schnitzen vorstellt, ist zu entgegnen, dass sie doch später einfach 
als Tsxyi bezeichnet wird, und dass die Berufung auf Phidias und andere 
Künstler keinem Zweifel über die Absicht Raum lässt. 

3 ) Das leise Echo vernahmen wir im 19. Jahrhundert: „Nennt man die 
besten Namen, so wird auch der meine genannt!" 

4) Vergl. S. 244. 



355 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Brunnen zu fallen. Man glaube nicht, jener „Traum" sei etwa eine 
Satire; als Rede gab ihn Lucian in seiner Vaterstadt zum Besten, 
als er sie später einmal, mit Gold und Lorbeeren bedeckt, 
besuchte; der Jugend von Samosata hielt er — er selber sagt es — 
seinen Lebenslauf als Beispiel vor. Welche bittere Satire ihr ganzes 
Schicksal auf das Leben der wahrhaft Grossen bedeutet, 
verstehen solche Menschen, sonst so geistvoll, niemals; wie hätte 
sonst ein Heine sich in eine Linie mit einem Goethe stellen 
können? Nun, Lucian hatte die Bildung erwählt; um sie zu 
erwerben, begab er sich nach Antiochien. Athen war freilich noch 
immer die wahre hohe Schule des Wissens und des Geschmackes, 
galt aber für altmodisch; das syrische Antiochien und das 
angeblich hellenische, doch bereits im 2. Jahrhundert mit 
fremden Elementen durch und durch getränkte Ephesus übten 
eine weit stärkere Anziehung auf die internationale Jugend des 
römischen Reiches aus. Dort studierte Lucian das Recht und die 
Beredsamkeit. Doch als intelligenter Mensch empfand er peinlich 
die Misshandlung der griechischen Sprache seitens seiner Lehrer; 
er erriet den Wert eines reinen Stiles und setzte nach Athen 
hinüber. Bezeichnend ist es, dass er nach kurzen Studien 
daselbst als Anwalt und Redner aufzutreten sich erkühnte; alles 
hatte er inzwischen gelernt, nur nicht, was sich schickt; die 
Athener brachten es ihm bei, sie lachten über den „Barbaren" mit 
seinen angelernten Fetzen fremder Bildung und gaben ihm damit 
einen Wink vom Himmel; er entwich nach einem Ort, wo man es 
mit dem Geschmack nicht so genau nahm, nach Massilia. Diese 
phönizisch- diasporische Hafenstadt hatte soeben durch die 
Ankunft Tausender von palästinischen Juden ein so 
ausgesprochenes Gepräge erhalten, dass sie einfach „d i e 
Judenstadt" hiess; doch kamen hier Gallier, Römer, 
Spanier, Ligurier, alles Erdenkliche zusammen. Hier, in Neuathen, 
wie ihre Einwohner mit zarter Anerkennung ihres eigenen 
Geisteswertes Massilia zu nennen beliebten, lebte Lucian viele 
Jahre und wurde ein reicher Mann; die Advokatur gab er auf, 
dazu hätte er Lateinisch gründlich studieren müssen, ausserdem 
war die Konkurrenz gross, und schon in Antiochien hatte er als 
Jurist keinen besonderen 



356 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Erfolg gehabt; was diese reich gewordenen Kaufleute am nötigsten 
brauchten, war Bildung, „moderne" Bildung und Anstandslehre. 
War nicht gerade „Bildung" Lucian's Ideal, sein Traum gewesen? 
Hatte er nicht in Antiochien studiert und sogar in Athen 
„öffentlich geredet"? Er hielt also Vorträge; die Zuhörer verhöhnten 
ihn aber nicht, wie in Athen, sondern zahlten jedes Honorar, das 
er zu fordern beliebte. Ausserdem reiste er in ganz Gallien als 
bestellter Prunkredner herum, damals ein sehr einträgliches 
Geschäft: heute die Tugenden eines Verblichenen feiernd, den 
man niemals im Leben sah, morgen zur Verherrlichung eines 
religiösen Festes beitragend, das zu Ehren irgend einer lokalen 
gallorömischen Divinität gegeben wurde, deren Namen ein Syrier 
nicht einmal aussprechen konnte. Wer sich von dieser Rednerei 
eine Vorstellung machen will, sehe sich die Florida des 
gleichzeitigen, aber afrikanischen Mestizen Apulejus an; 1 ) es ist 
dies eine Sammlung kürzerer und längerer oratorischer 
Effektstücke, geeignet in Jede beliebige Rede eingeschoben zu 
werden, um dann, als scheinbar plötzliche Eingebung, die ganze 
Versammlung durch den Reichtum des Wissens, den Witz, die 
Empfindungstiefe des Redners zu verblüffen und hinzureissen; es 
liegt da alles nebeneinander „auf Lager": das Gedankentiefe, das 
fein Pointierte, die geistreiche Anekdote, das devot Unterthänige, 
das von Freiheitsgelüsten Strotzende, ja, die Entschuldigung, 
nichts vorbereitet zu haben, und der Dank für die Standbilder, mit 
welchen man den Redner überraschen könnte! Gerade solche 
Dinge malen einen Menschen, und ihn nicht allein, sondern eine 
ganze Kultur, oder, um mit Lucian zu sprechen, eine ganze 
„Bildung". Wer den Fürsten Bismarck in einer seiner grossen 
Reden hat mühsam nach dem Worte ringen gehört, wird mich 
schon verstehen. — Mit 40 Jahren kehrt Lucian Gallien den 
Rücken; sich in einem bestimmten Orte niederlassen, sein 
Geschick mit dem irgend eines Landes dauernd verbinden, das 
kommt ihm nicht bei; Nationen 



*) Apulejus rühmt sich ausdrücklich seiner gemischten Herkunft. Übrigens 
hat auch er in Syrien und Ägypten studiert und ist in Griechenland gereist, 
hat also ungefähr den selben Bildungsgang wie Lucian gehabt. 



357 Die Erben. Das Völkerchaos. 



gab es ausserdem keine; kehrt Lucian jetzt vorübergehend in 
seine Heimat zurück, so geschieht das ebenfalls nicht aus einem 
Herzensbedürfnis, sondern, wie er selber aufrichtig gesteht, „um 
sich denen, die ihn arm gekannt hatten, reich und schön gekleidet 
zu zeigen." 1 ) Dann richtet er sich auf längere Zeit in Athen ein, 
schweigt aber diesesmal still und studiert fleissig Philosophie und 
Wissenschaft in dem redlichen Bemühen, endlich herauszufinden, 
was sich wohl hinter dieser ganzen vielgerühmten hellenischen 
Kultur verberge. Dass dieser Mann, der 20 Jahre lang „hellenische 
Bildung" gelehrt und dabei Reichtum und Ehren eingeheimst hat, 
plötzlich merkt, er habe niemals auch nur das erste Wort von 
dieser Bildung verstanden, das ist ein fast rührender Zug und ein 
Beweis ungewöhnlicher Begabung. Daher habe ich gerade ihn 
her ausgewählt. In seinen Schriften findet man auch neben den 
Wortwitzeleien und den vielen guten Spässen und ausser dem 
Talent, flott zu erzählen, manche scharfe, bisweilen 
schmerzdurchzuckte Bemerkung. Was konnte aber bei diesem 
Studium herauskommen? Wenig oder nichts. Wir Menschen sind 
eben nicht Brettsteine; man wurde in Athen ebensowenig ein 
Anderer durch gelehrten Unterricht, als man heute in Berlin, wie 
es Professor Virchow von dem Einfluss der dortigen Universität 
erhofft, eine „schöne Persönlichkeit" wird, wenn man nicht bei der 
Immatrikulation schon eine war. Das Wissen des Menschen ist an 
nichts so eng geknüpft wie an sein Sein, mit anderen Worten, an 
seine bestimmte Art zu sein, seine bestimmte Organisation. Plato 
meinte: Wissen sei Erinnerung; die heutige Biologie deutet dieses 
Wort ein wenig um, giebt dem Philosophen jedoch Recht. In einem 
durchaus inhaltreichen Sinne darf man behaupten, jeder Mensch 
kann nur wissen, was er ist. Lucian empfand selber, 



*) Die Fliegenden Blätter 1896 haben ein Bild, welches einen Kommerzienrat 
und seine Frau, soeben in ihren Wagen eingestiegen, zeigt: 

Sie: Wo fahren wir denn heute hin? 

E r: Na, natürlich durch die Stadt; lassen uns von den Leuten 

beneiden! 
Das ist genau die nämliche Kulturstufe. 



358 Die Erben. Das Völkerchaos. 



alles, was er bisher gelernt und gelehrt hatte, sei blosses 
Flitterwerk; That-sachen, nicht die Seele, aus welcher diese 
Thaten erwachsen; die Hülle, doch ohne den Leib; die Schale, 
doch ohne den Kern. Und als er nun endlich das einsah und die 
Schale aufbrach, was fand er? Nichts. Natürlich nichts. Erst 
bringt die Natur den Kern hervor, die Schale ist eine spätere 
Accrescenz; erst wird der Leib geboren, dann hüllt man ihn ein; 
erst schlägt ein Heldenherz, dann werden die Heldenthaten 
vollbracht. Lucian konnte als Kern nur sich selbst finden; sobald 
er sich die Fetzen römischen Rechtes und hellenischer Poesie vom 
Leibe riss, entdeckte er einen begabten syrischen Mestizen, einen 
Bastard aus fünfzig ungeklärten Blutmischungen, den selben, der 
mit dem sichern Instinkt der Jugend Phidias als einen 
Handwerker verachtet und für sich das erwählt hatte, was bei 
möglichst wenig Mühe möglichst viel Geld und die Bewunderung 
des gemeine Trosses einbrächte. Alle Philologen der Welt mögen 
mir versichern, Lucian's Bemerkungen über Religion und 
Philosophie seien tief, er sei ein kühner Kämpfer gegen 
Aberglauben u. s. w., nie werde ich es ihnen glauben. Lucian war 
ja unfähig zu wissen, was Religion, was Philosophie überhaupt ist. 
In vielen seiner Schriften führt er alle möglichen „Systeme" 
nacheinander auf, z. B. im Ikaromenippus, im Verkauf der 
philosophischen Charactere, u. s. w.; immer ist es nur das 
Alleräusserlichste, was er begreift, das formelle Moment, ohne 
welches die Kundgebung eines Gedankens nicht möglich ist, das 
aber wahrlich mit dem Gedanken selber nicht verwechselt werden 
darf. Ebenso in Betreff der Religion. Aristophanes hatte gespottet 
wie später Voltaire; bei diesen beiden Männern ging aber die 
Satire aus einem positiven, konstruktiven Gedanken hervor, und 
überall leuchtet die fanatische Liebe zur eigenen Volksart durch, 
zu dieser festen, bestimmten Blutgemeinde, die einen Jeden von 
ihnen mit ihren Traditionen, ihrem Glauben, ihren grossen 
Männern umfing und trug; Lucian dagegen spottet wie Heine, 1 ) es 
ist kein edles Ziel, 



*) Nur hinkt dieser zweite Vergleich einigermassen, da Heine doch einem 
bestimmten Volk angehörte und in Folge dessen eine bestimmtere 
Physiognomie besass. 



359 Die Erben. Das Völkerchaos. 



keine tiefe Überzeugung, kein gründliches Verstehen vorhanden; 
wie ein Wrak auf dem Ocean treibt er ziellos herum, nirgends 
daheim, nicht ohne edle Regung, doch ohne einen Gegenstand, 
dem er sich hätte opfern können, hochgelehrt, doch ein Muster 
jener Bildungsungeheuer, von denen Calderon sagt, dass sie 

Alles wissen, nichts erfahren. 

Eines aber verstand er, und das macht auch seinen ganzen Wert 
als Schriftsteller für uns aus: er verstand den Geist, dem er glich, 
nämlich die ganze bastardierte, verkommene, entartete Welt um 
ihn herum; er schildert sie und geisselt sie, wie das nur einer 
konnte, der selber dazu gehörte, der ihre Motive und ihre 
Methoden aus eigener Erfahrung kannte. Hier fehlte der Kern 
nicht. Daher die köstlichen Satiren auf die Homerkritiker, auf den 
bis auf das Mark der Knochen verderbten Gelehrtenstand, auf die 
religiösen Schwindler, auf die aufgeblasenen roh-ignoranten 
Millionäre, auf die ärztlichen Quacksalber u. s. w. Hier wirkten 
sein Talent und seine Welterfahrung zusammen, um 
Ausserordentliches zu stände zu bringen. — Und damit meine 
Schilderung nicht unvollendet bleibe, will ich noch hinzufügen, 
dass jener zweite Aufenthalt in Athen, wenn er den Lucian auch 
nicht lehrte, was Mythologie und Metaphysik, noch was 
heldenhafte Gesinnung sei, doch für ihn die Quelle neuer 
Einnahmen wurde. Dort wandte er sich nämlich fleissig der 
Schriftstellerei zu, schrieb seine Göttergespräche, seine 
Totengespräche, wahrscheinlich überhaupt die meisten seiner 
besten Sachen. Er erfand eine leichte dialogische Form (wofür er 
sich den Ehrentitel „Prometheus der Schriftsteller" beilegte!); im 
Grunde genommen sind es gute Feuilletons, von der Art wie der 
Philister sie früh zum Kaffee noch jetzt gern liest. Sie brachten 
ihm, als er sich nun wieder auf Reisen begab und sie öffentlich 
vortrug, Unsummen ein. Doch auch diese Mode ging vorbei, oder 
vielleicht hatte der ältere Mann das Nomadisieren satt. Er liess 
das eine Erbe, hellenische Kunst und Philosophie, liegen, und 
wandte sich zum andern, zum römischen Recht; er wurde 
Staatsanwalt (sagen die Einen), Gerichtspräsident (sagen die 
Andern) in Ägypten und starb in diesem Amte. 



360 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Ich glaube, eine einzige solche Laufbahn führt uns das 
seelische Chaos, welches damals unter dem einförmigen Gewand 
des streng verwaltenden römischen Imperiums verborgen lag, 
deutlicher zu Gemüt, als manche gelehrte Auseinandersetzung. 
Man kann von einem Mann wie Lucian nicht sagen, er sei 
unmoralisch gewesen, nein, was man an einem solchen Beispiel 
einsehen lernt, ist, dass Moral und Willkür zwei sich 
widersprechende Begriffe sind. Menschen, die nicht mit ihrem 
Blute bestimmte Ideale erben, sind weder moralisch noch 
unmoralisch, sondern einfach „amoralisch". Wenn ich mir ein 
Modewort für meinen Zweck zurechtlegen darf: sie sind diesseits 
von gut und böse. Sie sind auch diesseits von schön und hässlich, 
diesseits von tief und flach. Der Einzelne vermag es eben nicht, 
sich ein Lebensideal und ein moralisches Gesetz zu erschaffen; 
gerade diese Dinge können nur bestehen, wenn sie 
gewachsen sind. Darum war es auch sehr weise von Lucian, 
dass er es trotz seines Talentes zeitig aufgab, dem Phidias 
nachzueifern. Ein Schönredner für die Marseilleser konnte er 
werden, auch ein Gerichtspräsident für die Ägypter, ja, selbst ein 
Feuilletonist für alle Zeiten, ein Künstler aber nie, ein Denker 
ebensowenig. 

Augustinus 

Nun könnte man freilich einwerfen, es seien aus dem damaligen 
Völkerchaos sehr bedeutende Männer hervorgegangen, die in 
einem tiefer eindringenden Sinne als Lucian auf die zukünftigen 
Geschlechter bis heute hinab gewirkt haben. Hierdurch wird die 
unwiderlegbare Erkenntnis von der Bedeutung der Rasse für das 
Menschengeschlecht durchaus nicht aufgehoben. Mitten in einem 
Chaos können einzelne Individuen noch ganz reiner Rasse sein, 
oder, wenn das nicht, doch vorwiegend einer bestimmten Rasse 
angehören. Ein solcher Mann, wie Ambrosius z. B., ist ganz gewiss 
aus echtem, edlem Stamme, aus jener starken Rasse, die Roms 
Grösse gemacht hatte; zwar kann ich es nicht beweisen, denn in 
jener chaotischen Zeit weiss die Geschichte von keinem 
bedeutenden Manne genau anzugeben, woher er stammte; es 
kann aber auch Niemand das Gegenteil beweisen, und so muss 
seine Persönlichkeit entscheiden. Ausserdem darf nicht übersehen 
werden, dass, wenn die planlose Vermischung nicht ganz 



361 Die Erben. Das Völkerchaos. 



wild vor sich geht, die Vorzüge einer prädominierenden Rasse 
noch während Generationen vorhalten, wenn auch noch so 
geschwächt, und dass sie in einzelnen Individuen atavistisch von 
Neuem aufflammen können. Dafür bietet die Tierzüchterei 
experimentelle Beweise in grosser Anzahl. Man nehme ein Stück 
Papier und zeichne sich einen Stammbaum; man wird sehen, 
dass, wenn man nur vier Generationen zurücksteigt, ein 
Individuum schon dreissig Voreltern zählt, dreissig Menschen, 
deren Blut in seinen Adern fliesst. Nimmt man nun zwei Rassen, A 
und B, an, so wird eine solche Tafel deutlich machen, wie 
verschiedengradige Bastardierung bei einer Völkermischung 
vorkommen muss, von dem direkt aus A und B 
zusammengesetzten Vollbastard, bis zu dem Individuum, bei 
welchem nur einer der sechzehn Urahnen ein Bastard war u. s. w. 
Ausserdem entstehen gerade durch Kreuzung, wie es die 
Erfahrung täglich lehrt, häufig ungewöhnlich schöne und begabte 
Menschen; es kommt aber, wie ich gesagt habe, nicht allein auf 
das Individuum an, sondern auf dessen Verhältnis zu anderen 
Individuen, zu einem einheitlichen Komplex; kommt dieser 
einzelne Bastard in eine bestimmte Rassenumgebung hinein, so 
kann er sehr auffrischend auf sie wirken, gerät er in einen 
Menschen häufen, so ist er, wie Lucian, ein Span unter 
Spänen, nicht ein Zweig an einem lebendigen Baume. Auch die 
unermessliche Macht der Ideen muss in Anschlag 
gebracht werden. Zwar werden sie von unechten Erben 
missdeutet, misshandelt, missbraucht — wie wir das beim 
pseudorömischen Recht und bei der platonischen Philosophie 
sahen — doch wirken sie gestaltend weiter. Was hielt denn diese 
Völkeragglomeration noch zusammen bis zur erlösenden Ankunft 
des starken Dietrich von Bern, wenn nicht die Agonie des alten, 
echten Imperiumgedankens? Woraus schöpften jene Menschen 
des Völkerchaos Gedanken und Religion? Aus sich selbst nicht, 
nur von Juden und Hellenen. Und so war denn alles Bindende, 
Leben- erhaltende der Erbschaft grosser Rassen entnommen. — 
Man nehme irgend einen der Grössten aus dem Völkerchaos, z. B. 
den ehrwürdigen, durch Temperament und Gaben gleich 
ausgezeichneten Augustinus. Um ohne Vor- 



362 Die Erben. Das Völkerchaos. 



eingenommenheit zu urteilen, wolle man vom eigenen 
reinreligiösen Standpunkt absehen, und dann frage man sich, ob 
es in diesem so eminenten Kopfe nicht heillos chaotisch zuging? 
Jüdischer Jahveglaube, hellenische Mythologie, alexandrinischer 
Neoplatonismus, römische Hieratik, paulinische Theophanie, der 
Blick auf den Gekreuzigten... alles das ist in seiner 
Vorstellungswelt durcheinander geworfen. Manche ungleich 
höherstehenden — weil eben reinen, rassenechten — religiösen 
Gedanken eines Origenes muss Augustinus des hebräischen 
Materialismus wegen verwerfen, zugleich führt aber gerade er die 
urarische Vorstellung der Notwendigkeit als Prädestination in die 
Theologie ein, wodurch das Urdogma alles Judentums, die 
unbedingte Willkür des Willens, in die Brüche geht. *) Zwölf Jahre 
schreibt er an einem Buche gegen die heidnischen Götter, glaubt 
jedoch selber an ihre Existenz in einem so handgreiflichen, 
fetischistischen Sinne wie seit tausend Jahren vor ihm kein 
kultivierter Grieche; er hält sie nämlich für Dämonen und als 
solche für Geschöpfe Gottes, man dürfe nur nicht, meint er, sie 
für Schöpfer halten („immundos spiritus esse et perniciosa 
daemonia, vel certe creaturas non Creatorem, veritas christiana 
convincit"). In seinem Hauptwerk De civitate Dei streitet 
Augustinus Kapitel lang mit seinem Landsmann Apulejus über die 
Natur der Dämonen und sonstiger guter und schlechter Geister, 
bestrebt, sie, wenn auch nicht zu leugnen, so doch zu einem 
geringfügigen einflusslosen 



l ) Zwar ist Augustinus so vorsichtig wie nur möglich; so sagt er z. B. von 
dem Vorherwissen Gottes und dem dieser Annahme widersprechenden freien 
Willen des Menschen: „Wir umarmen beide Überzeugungen, wir bekennen uns 
zu beiden, treu und wahrhaftig; zu jener, damit wir rechtgläubig seien, zu 
dieser, damit wir tugendhaft leben" (illud, ut bene credamus; hoc, ut bene 
vivamus); vergl. De civitate Dei V. 10. Hiermit hängt dann jene weitere Frage 
eng zusammen, ob Gott selber „frei" sei oder unter dem Gesetze stehe; der 
Intellekt neigt bei Augustinus offenbar zu letzterer Annahme, sein 
dogmatisches Glaubensbekenntnis zu ersterer. Ist eine Handlung schlecht, 
weil Gott sie verboten hat, oder musste sie Gott verbieten, weil sie schlecht 
ist? In seinem Contra mendacium, c. 15, spricht sich Augustinus für die zweite 
Alternative aus; in anderen Schriften für die erste. 



363 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Element herabzudrücken und somit wüsten Aberglauben durch 
echte Religion zu ersetzen; nichtsdestoweniger neigt er allen 
Ernstes zu der Ansicht, Apulejus selber sei durch die Salbe der 
thessalischen Hexe in einen Esel verwandelt worden, was um so 
komischer wirkt, als Apulejus zwar Manches über Dämonen 
geschrieben, niemals aber daran gedacht hatte, diese 
Verwandlung für eine wahre Begebenheit auszugeben, als er 
seinen Roman: Die Metamorphosen oder der Goldene Esel 
verfasste. *) Auf diesen Gegenstand kann ich mich natürlich hier 
nicht näher einlassen, das würde mich viel zu weit führen; er 
verdiente ein ganzes Buch für sich; und doch wäre die 
ausführliche Kennzeichnung des geistigen Zustandes der Edlen 
unter diesen Söhnen des Chaos die rechte Ergänzung zu der 
Skizze des leichtsinnigen Lucian. 2 ) Man würde sehen, dass überall 
das Gleichgewicht gestört ist; hier, bei Lucian, redet der 
entfesselte Intellekt das grosse Wort und der Mangel an 
moralischer Kraft richtet die schönsten Anlägen zu Grunde, dort, 
bei Augustinus, ringt der Charakter in einem verzweifelten Kampfe 
und ruht nicht eher, als bis er sein Denken zu Boden geworfen 
und in Fesseln geschlagen hat. 

So sahen die Menschen aus, durch welche uns Neueren das 
Erbe des Altertums Übermacht wurde. „Wie Schiffbrüchige sind 
wir, die eine wilde Brandung ans Ufer geworfen hat", ruft 
Ambrosius schmerzerfüllt aus. Durch die Hände dieser 
Schiffbrüchigen gingen Philosophie und Recht, die Begriffe über 
Staat, Freiheit, Menschenwürde; sie waren es, welche den früher 
nur im ignorantesten Abschaum der Bevölkerung lebenden 
Aberglauben (Dämonenglauben, Hexenwesen u. s. w.) zu der 
Würde aner- 



*) Diese Erzählung scheint damals kursiert zu haben; denn auch Lucian hat 
einen: Lucius oder der bezauberte Esel, der allerdings so aussieht, als wäre er 
aus Bruchstücken des Apulejischen übersetzt. Augustinus meint von der 
Verwandlung „aut finxit, aut indicavit", neigt aber offenbar zu letzterer 
Annahme. 

2 ) Über die unvereinbaren Widersprüche im religiösen Denken und Fühlen 
des Augustinus habe ich im 7. Kapitel ausführlich gesprochen und somit die 
hier gefühlte Lücke einigermassen ausgefüllt. 



364 Die Erben. Das Völkerchaos. 



kannter Dogmen erhoben; sie waren es, welche aus den 
disparatesten Elementen eine neue Religion 

zusammenschmiedeten und welche die Welt mit der römischen 
Kirche beschenkten, einer Art Wechselbalg des römischen 
Imperiumgedankens; zugleich waren sie es, die mit der Wut der 
Schwachen alles Schöne aus der Vergangenheit, wo sie nur die 
Hand darauf legen konnten, jede Erinnerung an grosse 
Geschlechter zerstörten. Hass und Verachtung wurde gegen jede 
Errungenschaft der reinen Rassen gelehrt; ein Lucian verspottet 
die grossen Denker, ein Augustinus schmäht die Heiden aus 
Roms heroischer Zeit, ein Tertullian schimpft Homer „einen 
Lügner". Sobald die orthodoxen Kaiser Constantius, Theodosius u. 
s. w. auf den Thron kommen (ohne Ausnahme Rassenbastarde, 
der grosse Diocletian war der letzte Kaiser aus reinem Blute) 1 ) 
wird mit der systematischen Vernichtung aller Monumente des 
Altertums begonnen. Zugleich wird die bewusste Lüge zur 
angeblichen Beförderung der Wahrheit eingeführt: so bedeutende 
Kirchenväter wie Hieronymus und Chrysostomus ermutigen die 
„pia fraus", den frommen Betrug; bald darauf kommt die 
Begründung von Macht und Recht des römischen Stuhles anstatt 
durch Mannesmut und Sieg durch grossartig betriebene 
Dokumentenfälschung; ein so ehrwürdiger Historiker wie 
Eusebius hat die einer besseren Sache würdige Naivetät, 
einzugestehen, er modele Geschichte um, überall, wo dadurch der 
„guten Sache" Vorschub geleistet werde. Fürwahr, dieses aus der 
Rassenvermischung und dem antinationalen Universalwahn 
hervorgegangene Chaos ist ein grauenvoller Anblick! 

Asketischer Wahn 

Vielleicht hat man noch nie — ich wenigstens wüsste nicht wo 
— darauf hingewiesen, dass die plötzlich über die damalige Welt 
hereingebrochene Epidemie der Asketik unmittelbar mit dem Ekel 
vor jener entsetzlichen Welt zusammenhing; Einige wollen darin 
einen unerhörten religiösen Aufschwung, Andere eine religiöse 
Krankheit erblicken; das heisst aber die Thatsachen Allegorisch 
deuten, denn Religion und Askese hängen nicht not- 



*) Vergl. auch das S. 150 fg. Ausgeführte. 



365 Die Erben. Das Völkerchaos. 



wendig zusammen. Nichts in dem Beispiel Christi konnte zur 
Askese anregen; den frühen echten Christen war sie gänzlich 
unbekannt; noch 200 Jahre nach Christus schrieb Tertullian: 
„Wir Christen gleichen nicht den Brahmanen und 
Gymnosophisten Indiens, wir leben nicht in Wäldern, noch 
verbannt aus der Gesellschaft der Menschen: wir fühlen, dass wir 
Gott, dem Herrn und Schöpfer, für Alles Dank schulden, und von 
keinem seiner Werke verbieten wir den Genuss; nur massigen wir 
uns, damit wir dieser Dinge nicht mehr als zuträglich gemessen 
oder einen schlechten Gebrauch davon machen" (Apologeticus, 
Kap. 42). Warum drang nun auf einmal unchristliche Askese in 
das Christentum ein? Ich meinesteils glaube, hier liegen physische 
Ursachen zu Grunde. Aus dem durch und durch bastardierten 
Ägypten und Syrien war die Askese schon vor der Geburt Christi 
hervorgegangen; überall dort, wo das Blut am gemischtesten war, 
hatte sie Fuss gefasst. Pachomius, der Gründer des ersten 
christlichen Klosters, der Urheber der ersten Mönchsregel, ist ein 
oberägptischer Serapisdiener, der das, was er in den 
Genossenschaften der fastenden und sich kasteienden 
Serapisasketen gelernt hatte, ins Christliche übertrug. 1 ) Wer in 
jener Welt des unnationalen Chaos noch einen Funken edler 
Regung besass, musste eben vor sich selber Widerwillen 
empfinden. Nirgends, wo gesunde Verhältnisse herrschten, ist die 
unbedingte Keuschheit gepredigt worden; im Gegenteil, die alten 
Völker — Arier, Semiten, Mongolen — durch einen wunderbaren 
Instinkt geleitet, stimmen in diesem einen Punkte überein, dass 
sie das Erzeugen von Kindern als eine der heiligsten Pflichten 
betrachten; wer ohne Sohn starb, war ein Fluchbeladener. Freilich 
kannte das alte Indien Asketen; diese durften aber nicht eher in 
die Einsamkeit der Wälder scheiden, als bis des Sohnes Sohn 
geboren war; was hier als Idee und Absicht zu Grunde liegt, Ist 
also der syrisch- christlichen Asketik fast diametral 
entgegengesetzt. Heute verstehen wir das; denn wir sehen, dass 
nur eins zur Veredelung des Menschen führt: die Zeugung reiner 
Rassen, 



*) Vergl. Otto Zöckler: Askese und Mönchtum, 1897, I. 193 fg. 



366 Die Erben. Das Völkerchaos. 



die Begründung bestimmter Nationen. Söhne zu zeugen, die 
rechten Söhne, ist also unfraglich die heiligste Pflicht des 
Individuums der Gesellschaft gegenüber; was er auch sonst 
leisten mag, nichts wird von so dauerndem, unauslöschbarem 
Einfluss sein wie der Beitrag zur zunehmenden Veredelung der 
Rasse. Von dem beschränkten, falschen Standpunkt Gobineau's 
aus ist es allerdings ziemlich gleichgültig, denn wir können nur 
schneller oder langsamer zu Grunde gehen; noch weniger Recht 
haben Diejenigen, welche ihm zu widersprechen scheinen, dabei 
aber die selbe hypothetische Annahme ursprünglich reiner Rassen 
machen; wer aber belehrt ist, wie edle Rasse in Wahrheit entsteht, 
weiss, dass sie jeden Augenblick von Neuem entstehen kann; das 
hängt von uns ab; hier hat die Natur uns eine hohe Pflicht 
deutlich gewiesen. Jene Männer aus dem Chaos also, welche die 
Zeugung für eine Sünde und die gänzliche Enthaltung von ihr für 
die höchste aller Tugenden hielten, sie begingen ein Verbrechen 
gegen das heiligste Gesetz der Natur, sie suchten durchzusetzen, 
dass alle guten, edlen Männer und Frauen ohne 
Nachkommenschaft blieben und nur die bösen sich vermehrten, 
d. h. sie thaten, was an ihnen lag, um die 
Verschlechterung des Menschengeschlechtes 
herbeizuführen. Ein Schopenhauer mag die Aussprüche gegen die 
Ehe aus den Kirchenvätern freudig zusammentragen und darin 
eine Bestätigung seines Pessimismus erblicken; für mich ist der 
Zusammenhang ein ganz anderer: dieser plötzliche Abscheu gegen 
die natürlichsten Triebe des Menschen, ihre Umwandlung aus 
heiligster Pflicht in schmählichste Sünde, hat eine tiefere 
Begründung in jenen unerforschlichen Urquellen unseres Wesens, 
wo das Physische und das Metaphysische noch nicht auseinander 
getreten sind. Nach Kriegen und Pesten, sagt die Statistik, mehren 
sich die Geburten in anormaler Weise — die Natur hilft sich 
selber; in jenem Chaos, welches aller Kultur mit ewigem 
Niedergange drohte, mussten die Geburten möglichst 
hintangehalten werden; mit Abscheu wandten sich die Edlen von 
jener Lasterwelt hinweg, vergruben sich in die Wüsteneien, 
verbargen sich in die Felsenhöhlen, stellten sich hinauf auf hohe 
Säulen, kasteiten sich und 



367 Die Erben. Das Völkerchaos. 



thaten Busse. Kinderlos schwanden sie dahin. 1 ) Selbst wo die 
menschliche Gesellschaft in Auflösung begriffen ist, sehen wir 
eben einen grossen Zusammenhang; was der Einzelne denkt und 
thut, lässt allemal eine zweifache Deutung zu: die individuelle und 
die Deutung in Bezug auf das Allgemeine. 

Heiligkeit reiner Rasse 

Hier berühren wir nun eine tiefe Erkenntnis; wir sind nahe daran, 
das gewichtigste Geheimnis aller menschlichen Geschichte zu 
erschliessen. Dass der Mensch nur im Zusammenhang mit dem 
Menschen im wahren Sinne des Wortes überhaupt „Mensch" wird, 
das sieht wohl Jeder ein. Manche haben auch das tiefe Wort Jean 
Paul's, das ich einem früheren Kapitel als Motto voranstellte, 
begriffen: „Nur durch den Menschen tritt der Mensch in das Tag 
e s 1 i c h t des Lebens ein"; Wenige aber sind bisher zu der 
Erkenntnis vorgedrungen, dass dieses Menschwerden und dieses 
„ins Tageslicht des Lebens eintreten" dem Grade nach von 
bestimmten organischen Bedingungen abhängt, Bedingungen, die 
früher vom Instinkt unbewusst geachtet wurden, die es aber jetzt 
— wo durch die Vermehrung des Wissens und die Ausbildung des 
Denkens die instinktiven Regungen an Kraft verloren haben — an 
uns wäre, bewusst anzuerkennen und zu achten. Aus dieser 
Betrachtung des römischen Völkerchaos ersehen wir nämlich, 
dass Rasse — und die die Rassenbildung ermöglichende 
Nation — nicht allein eine physisch-geistige, sondern auch eine 
moralische Bedeutung besitzt. Hier liegt etwas vor, was man als 
heiliges Gesetz bezeichnen kann, das heilige Gesetz des 
Menschwerdens: ein „Gesetz", da es in der ganzen Natur 
angetroffen wird, „heilig", insofern es bei uns Menschen unserem 
freien Willen anheimgegeben bleibt, ob wir uns veredeln oder 



*) Im vierten Jahrhundert zählte das römische Imperium Hunderttausende 
von Mönchen und Nonnen. Dass ein Abt 10 000 Mönche in einem Kloster 
vereinigte, war nicht selten, und im Jahre 373 zählte die eine einzige 
ägyptische Stadt Oxyrynchus 20 000 Nonnen und 10 000 Mönche! Nun 
bedenke man die damaligen Gesamtbevölkerungszahlen, und man wird sehen, 
welchen grossen Einfluss diese asketische Epidemie auf das Nichtvermehren 
der Bastardengeschlechter haben musste. (Nähere Angaben siehe bei Lecky: 
History of European Morals, llth edition II, 105 fg.) 



368 Die Erben. Das Völkerchaos. 



entarten wollen. Dieses Gesetz lehrt uns nun die physische 
Beschaffenheit als die Grundlage jeder Veredelung erkennen. Was 
ist denn auch ein vom Physischen getrenntes Moralisches? Was 
wäre eine Seele ohne Leib? Ich weiss es nicht. Birgt unser Busen 
ein unsterbliches Teil, reichen wir Menschen mit unseren 
Gedanken bis an ein Transscendentes, welches wir, wie ein 
Blinder, mit sehnsuchtsvollen Händen betasten, ohne es je 
erschauen zu können, ist unser Herz der Kampfplatz zwischen 
dem Endlichen und dem Unendlichen, so muss auch die 
Beschaffenheit dieses Leibes — der Busen, das Hirn, das Herz — 
von unerm esslicher Tragweite sein. „Wie auch immer der gewaltige 
dunkle Hintergrund der Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, 
der Zugang zu ihm steht uns einzig in eben diesem unserem 
armen Leben offen, und also schliesst auch unser vergängliches 
Thun diese ernste, tiefe und unentrinnbare Bedeutung ein", sagt 
Solon in dem schönen Dialog Heinrich's von Stein. 1 ) „Einzig in 
diesem Leben!" Womit leben wir aber, wenn nicht mit unserem 
Leibe? Ja, hier brauchen wir gar nicht in irgend ein Jenseits, 
(welches Manchem problematisch erscheinen wird) 

hinüberzuschauen, wie es Stein's Solon in der angeführten Stelle 
thut: der Zugang auch zu diesem irdischen Leben steht uns doch 
offenbar einzig und allein durch unsern Leib offen, und dieses 
Leben wird für uns arm oder reich, hässlich oder schön, schal 
oder kostbar sein, je nach der Beschaffenheit dieses unseres 
einzigen allumfassenden Lebensorganes. Nun habe ich aber oben 
an Beispielen aus der methodischen Tierzüchtung, sowie an 
Beispielen aus der menschlichen Geschichte deutlich gemacht, 
wie Rasse entsteht und progressiv veredelt wird, auch wie sie 
andrerseits vergeht; was ist nun diese Rasse, wenn nicht ein 
Kollektivbegriff für eine Reihe einzelner Leiber? Es ist jedoch kein 
willkürlicher Begriff, kein Gedankending, sondern diese 
Individualitäten sind durch eine unsichtbare, dabei aber durchaus 
reelle, auf materiellen Thatsachen beruhende Macht miteinander 
verkettet. Freilich besteht die Rasse aus Individuen; doch das 
Individuum selbst kann nur 



*) Helden und Welt: dramatische Bilder (Chemnitz 1883). 



369 Die Erben. Das Völkerchaos. 



innerhalb bestimmter Bedingungen, welche in das Wort „Rasse" 
zusammengefasst werden, zu der vollen, edelsten Entfaltung 
seiner Anlagen gelangen. Zu Grunde liegt zwar ein einfaches 
Gesetz, das jedoch nach zwei Seiten zugleich hindeutet. Die 
gesamte organische Natur, die vegetabilische sowohl wie die 
animalische, beweist, dass die Wahl der miteinander Zeugenden 
von entscheidendstem Einfluss auf das neugezeugte Individuum 
ist; ausserdem beweist sie aber, dass das hier 
waltende Prinzip ein kollektives und 
progressives ist, indem zuerst ein gemeinsamer 
Grundstock nach und nach gebildet werden muss, woraus dann, 
ebenfalls nach und nach, Individuen von durchschnittlich 
höherem Werte hervorgehen als es ausserhalb eines solchen 
Verbandes der Fall ist, und unter diesen wieder zahlreiche 
Individuen mit geradezu „überschwänglichen" Eigenschaften 
entstehen. Das ist eine Thatsache der Natur, genau in dem selben 
Sinne wie irgend eine andere, nur sind wir hier, wie bei allen 
Phänomenen des Lebens, weit entfernt, sie analysieren und 
ausdeuten zu können. Was man nun beim Menschengeschlecht 
nicht übersehen darf, ist der Umstand, dass hier das 
Schwergewicht auf das Moralische und Geistige fällt. Darum 
bedeutet für uns Menschen der Mangel an organischem 
Rassenzusammenhang vor allem moralische und geistige 
Zerfahrenheit. Wer nirgends herkommt, geht auch nirgends hin. 
Das einzelne Leben ist zu kurz, um ein Ziel ins Auge zu fassen 
und zu erreichen. Das Leben eines ganzen Volkes wäre ebenfalls 
zu kurz, wenn nicht Rasseneinheit ihm einen bestimmten, 
beschränkten Charakter aufprägte, wenn nicht die 
überschwänglichste Blüte vielseitiger und abweichender 
Begabungen doch durch Stammeseinheit zusammengefasst 
würde, was ein allmähliches Reifen, eine allmähliche Ausbildung 
nach bestimmten Richtungen gestattet, und wodurch das 
begabteste Individuum schliesslich doch einem überindividuellen 
Zwecke lebt. 

Man könnte die Rasse, wie sie in Zeit und Raum entsteht und 
besteht, mit dem sogenannten Kraftfeld eines Magneten 
vergleichen. Nähert man einen Magnet einem Haufen von 
Eisenfeilspänen, so nehmen diese bestimmte Richtungen an, so 
dass 



370 Die Erben. Das Völkerchaos. 



eine Figur entsteht, mit einem deutlich markierten Mittelpunkt, 
von wo aus nach allen Richtungen Linien ausstrahlen; je näher 
man den Magneten rückt, um so fester und mathematischer 
erscheint die Zeichnung; nur wenige Spänchen haben sich in 
genau die gleiche Richtung gelagert, alle aber sind durch den 
Besitz des gemeinsamen Mittelpunktes und dadurch, dass die 
relative Lage jedes Individuums zu allen anderen keine 
willkürliche, sondern eine gesetzmässige ist, zu einer 
thatsächlichen und zugleich zu einer idealischen Einheit 
verknüpft. Das ist jetzt kein Haufen mehr, sondern eine Gestalt. 
So unterscheidet sich eine Menschenrasse, eine echte Nation 
von einem Menschenhaufen. Dem Näherrücken des Magneten 
gleicht der durch reine Zucht immer fester sich ausprägende 
Rassencharakter. Die einzelnen Mitglieder der Nation mögen noch 
so verschieden beanlagt sein, nach noch so verschiedenen 
Richtungen in ihren Bethätigungen auseinanderstrahlen, 
zusammen bilden sie eine gestaltete Einheit, und die Kraft — oder 
sagen wir lieber die Bedeutung — jedes Einzelnen ist durch seinen 
organischen Zusammenhang mit zahllosen anderen 
vertausendfacht. 

Wir sahen vorhin den hochbegabten Lucian sein Leben schier 
vergeuden; wir sahen den edlen Augustinus zwischen den 
erhabensten Gedanken und dem krassesten, dümmsten 
Aberglauben ratlos hin- und herpendeln: solche, aus aller 
notwendigen Angehörigkeit losgerissene Menschen, solche arme 
Bastarde unter Bastarden befinden sich in einer fast ebenso 
naturwidrigen Lage, wie eine unselige Ameise, die man zehn 
Meilen weit von ihre Neste trüge und dort hinsetzte. Diese wäre 
doch wenigstens nur durch äussere Verhältnisse verunglückt, 
jene aber sind durch ihre eigene innere Beschaffenheit aus jeder 
echten Zusammengehörigkeit verbannt. Man lernt eben bei dieser 
Betrachtung einsehen, dass, was man auch über die causa finalis 
des Daseins denken mag, das menschliche Individuum jedenfalls 
nicht als vereinzeltes Individuum, nicht als beliebig 
austauschbarer Brettstein, sondern nur als Teil eines organischen 
Ganzen, eines besonderen Geschlechtes seine höchste 
Bestimmung erfüllen kann. 1 ) 



*) „Die Individuen und die Gesamtheit sind identisch", hatten 



371 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Die Germanen 

Kein Zweifel! das rassen- und nationalitätlose Völkerchaos des 
spätrömischen Imperiums bedeutete einen unheilvollen, 
Verderbnis bringenden Zustand, eine Versündigung gegen die 
Natur. Nur ein Lichtstrahl glänzte über jene entartete Welt. Er 
kam aus dem Norden. Ex septentrione Lux! Nimmt man eine Karte 
zur Hand, so scheint freilich auf den ersten Blick das Europa des 
4. Jahrhunderts auch nördlich der Imperium -Grenzen ziemlich 
chaotisch; gar viele Völker stehen da nebeneinander und 
verschieben sich unaufhörlich: die Alemannen, die Marcomannen, 
die Sachsen, die Franken, die Burgunder, die Goten, die 
Vandalen, die Slaven, die Hunnen und noch manche andere. 
Chaotisch sind jedoch dort nur die politischen 
Verhältnisse; die Völker sind echte, reingezüchtete Rassen, 
Männer, die ihren Adel als einzige Habe dorthintragen, wohin das 
Schicksal sie treibt. In einem der nächsten Kapitel werde ich von 
ihnen zu reden haben. Den weniger Belesenen möchte ich 
vorläufig nur warnen, dass er sich die Sache nicht etwa so 
vorstelle, als seien die „Barbaren" plötzlich in das hochcivilisierte 
römische Reich „eingebrochen". Diese in weiten Schichten der 
oberflächlich Gebildeten verbreitete Vorstellung entspricht den 
Thatsachen ebenso wenig wie die fernere, dass dann in Folge 
dieses Einbruches die „Nacht des Mittelalters" herabgesunken sei. 
Durch diese Geschichtslüge wird uns die vernichtende Wirkung 
jener nationlosen Zeit verhüllt, und aus dem Erretter, aus dem 
Töter des nächtlichen Wurms ein Zerstörer gemacht. Während 
Jahrhunderte waren schon die Germanen ins römische Reich 
eingedrungen, und wenn auch manchmal mit feindlicher Gewalt, 
so doch im Ganzen als das einzige Prinzip des Lebens und der 
Kraft. Ihr allmähliches Eindringen in das Imperium, ihr 
allmähliches Aufsteigen zu einer ausschlaggebenden Macht hatte 
seitdem nach und nach stattgefunden, ebenso wie ihre 
allmähliche Civilisierung; *) bereits im 



die indischen Denker gelehrt (siehe Garbe's Sämkhya-Philosophie, S. 158). 

*) Hermann ist ein römischer Kavalier, spricht fliessend lateinisch und hat 
römische Verwaltungskunst eingehend studiert. Ähnlich die meisten anderen 
Germanenfürsten. Auch ihre Truppen 



372 Die Erben. Das Völkerchaos. 



4. Jahrhundert zählte man zahlreiche Soldatenkolonien aus den 
verschiedensten germanischen Stämmen (Batavier, Franken, 
Suevier u. s. w.) im ganzen europäischen Bereich des römischen 
Imperiums; 1 ) in Spanien, in Gallien, in Italien, in Thracien, ja, 
selbst oft in Kleinasien sind es der Hauptsache nach zuletzt 
Germanen, die gegen Germanen die Schlachten schlagen. 
Germanen waren es, welche immer wieder die asiatische Gefahr 
vom östlichen Reiche heldenmütig abwehrten; Germanen retteten 
vor hunnischer Verwüstung auf den catalaunischen Gefilden das 
westliche Reich. Schon früh im 3. Jahrhundert war ein kühner 
gotischer Hirt zum Imperator ausgerufen worden. Man braucht 
nur eine Karte vom Ausgang des 5. Jahrhunderts anzuschauen, 
um sofort zu erblicken, welche einzig segensvolle Kraft der 
Gestaltung hier einzugreifen begonnen hatte. Sehr auffallend ist 
ebenfalls der Unterschied, der sich hier in hundert Dingen 
kundthut zwischen dem angeborenen Anstand, dem Geschmack, 
der Intuition rauher aber reiner, edler Rassen und der 
Seelenbarbarei der civilisierten Mestizen. Theodosius, seine 
Helfershelfer (die christlichen Fanatiker) und seine Nachfolger 
hatten ihr Möglichstes gethan, um die Monumente der Kunst zu 
vernichten; dagegen war die erste Sorge Theodorich's, des 
Ostgoten, umfassende Massregeln zum Schutz und zur 
Ausbesserung der römischen Denkmäler zu treffen. Dieser Mann 
konnte nicht schreiben, seine Unterschrift musste er durch eine 
Metall Schablone durchzeichnen — das Schöne aber, an welchem 
die einzig mit ihrer „Bildung", ihrer Jagd nach Ämtern und 
Auszeichnungen, ihrer Goldgier beschäftigten Bastardseelen 
achtlos vorübergingen, das Schöne, welches den edleren Geistern 
des Völkerchaos als ein Werk des Teufels verhasst war, der Gote 
verstand sofort es zu schätzen; die Bildwerke Roms erregten 
dermassen seine Bewunderung, dass er einen besonderen 
Beamten zu ihrem Schutze ernannte. Auch 



waren im ganzen römischen Imperium zu Hause und dadurch mit den Sitten 
sog. civilisierter Menschen bekannt, lange ehe sie mit Kind und Kegel in diese 
Länder einzogen. 

*) Zusammenfassung bei Gobineau: Ungleichheit der menschlichen Rassen, 
Buch VI, Kap. 4. 



373 Die Erben. Das Völkerchaos. 



die religiöse Toleranz blitzte vorübergehend überall dort auf, wo 
der noch unverdorbene Germane Herr wurde. Bald traten auch 
die grossen christlichen Bekehrer auf, alles Männer aus dem 
hohen Norden, Männer, die nicht durch „fromme Lügen", sondern 
durch die Reinheit ihrer Herzen überzeugten. 

Lediglich der falsche Begriff eines Mittelalters ist es, im Bunde 
mit der Unwissenheit in Bezug auf die Bedeutung von Rasse, der 
zu der bedauerlichen Vorstellung führt: der Eintritt der rauhen 
Germanen bedeute das Einbrechen einer tiefen Nacht über 
Europa. Es ist unbegreiflich, wie solche Hallucinationen so lange 
vorhalten können. Will man wissen, wohin die imperiale 
Afterkultur noch hätte führen können, so schaue man sich um in 
der Geschichte, in der Litteratur und in der Wissenschaft des 
späteren Byzanz, an denen unsere Historiker gerade heute mit 
einer Ausdauer arbeiten, einer besseren Sache würdig. Es ist ein 
jämmerliches Schauspiel. Dagegen wirkt die Besitznahme des 
weströmischen Reiches durch die Barbaren wie das Es werde 
Licht! der Bibel. Freilich musste ihr Wirken zunächst der 
politischen, nicht der civilisatorischen Gestaltung gelten, 
und das war ein schwieriges Werk, welches heute noch nicht ganz 
beendet ist. War das aber ein Geringes? Wodurch hat denn 
Europa Physiognomie und Bedeutung, wodurch seine geistig- 
moralische Präponderanz erhalten, wenn nicht durch die 
Begründung und Ausbildung von Nationen? Gerade dieses 
Werk war die Erlösung aus dem Chaos. Wenn wir heute etwas 
sind, wenn wir hoffen dürfen, vielleicht noch etwas mehr zu 
werden, so verdanken wir es in erster Reihe jener politischen 
Umgestaltung, die im 5. Jahrhundert (nach langen 
Vorbereitungen) begann, und aus der im Laufe der Zeit neue 
grosse Volksrassen, herrliche neue Sprachen, eine neue, zu den 
kühnsten Hoffnungen berechtigende Kultur entsprangen. Dietrich 
von Bern, der starke und weise, der ungelehrte Freund von Kunst 
und Wissenschaft, der tolerante Vertreter der Gewissensfreiheit 
inmitten einer Welt, wo Christen wie Hyänen sich gegenseitig 
zerfleischten, ist uns wie ein erstes Pfand, dass es doch wieder 
einmal Tag werden könne auf dieser armen Erde. Und wenn in der 



374 Die Erben. Das Völkerchaos. 



nun folgenden Zeit des wilden Kampfes, in jenem Fieber, durch 
welches allein die europäische Menschheit genesen und aus dem 
bösen Traum der entarteten, fluchbeladenen Jahrhunderte des 
scheinbar geordneten Chaos zu frischem, gesundem, stürmisch 
pulsierendem, nationalem Leben erwachen sollte, wenn da 
Gelehrsamkeit und Kunst, sowie auch das Flitterwerk angeblicher 
Civilisation unbeachtet, fast vergessen blieben, so bedeutet das, 
bei Gott, keine Nacht, sondern den Anbruch des Tages. Ich weiss 
nicht, woher die Herren vom Gänsekiel die Berechtigung nehmen, 
nur ihre eigenen Waffen zu ehren; unsere europäische Welt ist 
zunächst und zuvörderst das Werk — nicht von Philosophen und 
Bücherschreibern und Bildermalern — sondern sie ist das Werk 
der grossen germanischen Fürsten, das Werk der Krieger und 
Staatsmänner. Derjenige Entwickelungsgang, aus dem unsere 
heutigen Nationen hervorgegangen sind — und das ist doch 
offenbar der politische — ist der grundlegende, entscheidende. 
Man übersehe jedoch nicht, dass wir auch alles andere, was zu 
besitzen wert war, diesen echten, edlen Menschen verdanken. 
Jedes jener Jahrhunderte, das 7., das 8., das 9., hat grosse 
Gelehrte; wer sie beschützt und ermutigt, sind die Fürsten. Man 
pflegt zu sagen, die Kirche sei die Retterin des Wissens, der Kultur 
gewesen: das ist nur in einem sehr bedingten Sinne wahr. Man 
muss — was ich im folgenden Abschnitte dieses ersten Teiles 
zeigen werde — lernen, die frühe christliche Kirche nicht als einen 
einfachen, einheitlichen Organismus zu betrachten, selbst nicht 
innerhalb des westeuropäischen römischen Verbandes; die 
Zentralisierung und der blinde Gehorsam gegen Rom, die wir 
heute erleben, waren in früheren Jahrhunderten gänzlich 
unbekannt. Freilich gehörte fast jede Gelehrsamkeit und Kunst 
der Kirche an; ihre Klöster und Schulen waren die Schutz- und 
Pflege statten, wohin friedliche Gedankenarbeit in jenen rauhen 
Zeiten sich flüchtete; doch bedeutete damals der Eintritt in die 
Kirche als Mönch oder Weltgeistlicher kaum mehr als die 
Aufnahme in einen privilegierten, besonderen Schutz 
geniessenden Stand, welche den so Bevorzugten keine 
nennenswerten Verpflichtungen als Gegenleistung auferlegte. 
Jeder gebildete Mensch, 



375 Die Erben. Das Völkerchaos. 



jeder Lehrer und Student, jeder Arzt und Rechtskundige gehörte 
bis zum 13. Jahrhundert der Klerisei an; es handelt sich aber 
hierbei um eine rein formelle Sache, die ihren Grund lediglich in 
gewissen Rechtsverhältnissen findet; und gerade aus diesem 
Stand heraus, das heisst aus der Mitte jener Männer, welche die 
Kirche genau kannten, ist alle Empörung gegen sie 
hervorgegangen, gerade die Universitäten wurden die Hochschulen 
der Befreiung der Nationen. Die Fürsten haben die Kirche 
beschützt, wogegen die gelehrten Kleriker sie befehdet haben. 
Deswegen hat aber auch die Kirche ununterbrochen gegen 
die grossen Geister, die sich, um in Ruhe zu arbeiten, in ihren 
Schutz begeben hatten, Krieg geführt; hätte es an ihr gelegen, so 
wären Wissen und Kultur nie wieder flügge geworden! Doch die 
selben Fürsten, welche die Kirche beschützten, beschützten die 
von ihr verfolgten Gelehrten. Schon im 9. Jahrhundert taucht im 
fernen Norden (aus den schon damals an bedeutenden Männern 
reichen Schulen Englands hervorgegangen) der grosse Scotus 
Erigena auf: die Kirche that, was sie konnte, um dieses 
hellglänzende Licht auszulöschen; doch Karl der Kahle (der selbe, 
welcher angeblich dem römischen Papste grosse Schenkungen 
gemacht hatte) streckte seine fürstliche Hand über Scotus aus; als 
dieser Schutz nicht mehr hinreichte, lud ihn Alfred nach England 
ein, wo er die Schule von Oxford zu hoher Blüte trieb, bis er im 
Auftrag der kirchlichen Zentralgewalt von Mönchen erdolcht 
wurde. Vom 9. bis zum 19. Jahrhundert — von der Ermordung 
des Scotus bis zum Erlass des Syllabus — blieb das Verhältnis 
unverändert. In letzter Instanz ist die geistige Wiedergeburt das 
Werk der Rasse im Gegensatz zur rassenlosen Universalkirche, 
das Werk germanischen Wissensdurstes und germanischen, 
nationalen Freiheitsdranges. Aus dem Schosse der katholischen 
Religion sind ununterbrochen grosse Männer hervorgegangen: 
Männer, welche, wie man anerkennen muss, der spezifisch 
katholische Gedanke mit seiner umfassenden Grösse, seinem 
harmonischen Aufbau, seiner symbolischen Reichhaltigkeit und 
Schönheit getragen und grösser gemacht hat, als sie ohne ihn 
geworden wären; die römische Kirche aber, rein als solche, d. h. 
als organi- 



376 Die Erben. Das Völkerchaos. 



sierte, weltliche Theokratie, hat stets als Tochter des verfallenen 
Imperiums, als letzte Vertreterin des universalen, antinationalen 
Prinzips gehandelt. Mehr als alle Mönche der Welt hat der eine 
Karl der Grosse für die Verbreitung von Unterricht und Wissen 
gethan. Er hatte eine vollständige Sammlung der Nationalpoesie 
der Germanen anlegen lassen: die Kirche vernichtete sie. Ich 
nannte auch vorhin Alfred. Wo hat ein Kirchenfürst, wo hat ein 
Scholastiker für die Erweckung neuer Geisteskräfte, für die 
Klärung lebender Idiome, für die damals doch einzig dringende 
Förderung nationalen Bewusstseins so viel gethan, wie dieser eine 
Fürst? Der bedeutendste neuere Historiker Englands hat die 
Persönlichkeit dieses grossen Germanen in das eine Wort 
zusammengefasst: „er war ein echter Künstle r." 1 ) Von wem 
aus dem Völkerchaos könnte man das selbe sagen? In jenen 
angeblich dunklen Jahrhunderten sehen wir ein um so regeres 
geistiges Leben, je weiter wir nach Norden gehen, d. h. je mehr wir 
uns von dem Herd der verderblichen „Bildung" entfernen, und je 
ungemischter die Rassen sind, die uns entgegentreten. Die 
grossartigste Litteratur entfaltet sich — nebst menschenwürdiger 
Freiheit und Ordnung — vom 9. bis zum 13. Jahrhundert in der 
fernen Republik Island; ebenso finden wir im abseits gelegenen 
England im 7., 8. und 9. Jahrhundert eine Blüte echter 
Volkspoesie, wie seither nur selten. 2 ) Die leidenschaftliche Liebe 
zur Musik, die hier zu Tage tritt, berührt uns, als vernähmen wir 
den Flügelschlag eines vom Himmel sich langsam 
herabsenkenden Schutzengels, eines Engels, der künftige Zeiten 
verkündet; hören wir König Alfred in seinem auserwählten 
Sängerchor selber mitsingen, sehen wir ein Jahrhundert später 
den wildleidenschaftlichen Gelehrten und Staatsmann Dunstan 
niemals, weder auf dem Pferde noch im Rate, die Harfe aus der 
Hand geben, dann gedenken wir dessen, dass auch bei den 
Griechen Harmonia die Tochter des Kriegsgottes Ares war. 
Krieg an Stelle scheinbarer Ordnung brachten unsere rauhen 



*) Green: History ofthe English People, Buch I, Kap. 3. 

2 ) Oliver F. Emerson: History ofthe English Language, S. 54. 



377 Die Erben. Das Völkerchaos. 



Väter, zugleich aber Schöpferkraft an Stelle öder Sterilität. Und in 
der That, in allen bedeutenderen Fürsten jener Zeit begegnen wir 
einer eigentümlich ausgebildeten Vorstellungskraft; sie sind eben 
Gestalter. Man hätte alles Recht, was Karl der Grosse an der 
Grenze des 8. und 9. Jahrhunderts war und that, mit dem zu 
vergleichen, was Goethe an der Grenze des 18. und 19. war und 
that. Beide waren Ritter im Kampfe gegen die Mächte des Chaos, 
beide Gestalter; beide „bekannten sich zu dem Geschlecht, das 
aus dem Dunkeln ins Helle strebt". 

Nein und tausendmal nein! Die Vernichtung jenes Undinges 
eines unnationalen Staates, jener Form ohne Inhalt, jenes 
seelenlosen Menschenhaufens, jener Vereinigung der nur durch 
gleiche Steuern und gleichen Aberglauben, nicht durch gleiche 
Herkunft und gleichen Herzschlag aneinandergeknüpften 
Bastarde, jener Versündigung an dem Geschlechte der Menschen, 
die wir in das Wort Völkerchaos zusammengefasst haben — sie 
bedeutete nicht das Niedersinken der Nacht, sondern das 
Entreissen eines grossen Erbes aus unwürdigen Händen, das 
Anbrechen eines neuen Tages. 

Doch bis heute ist es uns noch nicht gelungen, alle Gifte jenes 
Chaos aus unserem Blute zu entfernen. Auf weiten Gebieten 
behielt schliesslich das Chaos doch die Oberhand. Überall, wo der 
Germane nicht zahlreich genug auftrat, um physisch die übrigen 
Einwohner durch Assimilation zu überwinden, also namentlich im 
Süden, machte sich das chaotische Element immer mehr geltend. 
Ein Blick auf unseren heutigen Zustand zeigt, wo Kraft ist, wo 
nicht, und wie dies von der Zusammensetzung der Rassen 
abhängt. Ich weiss nicht, ob man schon bemerkt hat, wie 
eigentümlich genau die heutige Grenze der römischen 
Universalkirche mit der früher bezeichneten durchschnittlichen 
Grenze des römischen Imperiums zusammenfällt, also mit der 
Grenze der chaotischen Bastardierung? So ist z. B. der Oude Rijn 
heute nur noch ein schmaler Kanal; trotzdem bildet dieses frühere 
Flussbett noch immer die Religionsgrenze zwischen Katholiken 
und Protestanten. Der östliche Teil fällt freilich weg, weil hier (in 
Serbien, Bosnien u. s. w.) die slavischen Einwanderer des 8. Jahr- 



378 Die Erben. Das Völkerchaos. 



hunderts und die Bulgaren alles Fremde niedermachten; in 
wenigen Gegenden des heutigen Europa ist die Rasse so 
ungemischt, und reine Slaven haben niemals die römische 
Kirche angenommen. Auch an anderen Stellen giebt es hier und 
da ein Hinüber- und ein Herübergreifen über die frühere 
Grenzlinie, doch nur um ein Weniges, was überdies leicht durch 
politische Verhältnisse zu erklären wäre. Im Ganzen ist die 
Übereinstimmung auffallend genug, um zu ernsten Gedanken 
anzuregen: Hispanien, Italien, Gallien, die Rheingegenden, die 
Länder südlich von der Donau! Noch ist es erst Morgen und 
immer wieder strecken die Mächte der Finsternis ihre 
Polypenarme aus, saugen sich an hundert Orten an uns fest und 
suchen uns in das Dunkel, aus dem wir hinausstrebten, 
zurückzuziehen. Ein Urteil über diese scheinbar höchst 
verwickelten, in Wahrheit durchsichtigen Verhältnisse erlangen 
wir weniger durch ausführliches chronistisches Detailwissen, als 
durch die klare Erkenntnis der in diesem Kapitel vorgetragenen 
geschichtlichen Grundthatsachen. 



379 



FÜNFTES KAPITEL 

DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE 
ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 

Vergessen wir, woher wir stammen. 

Nichts mehr von „deutschen" Juden, 

nichts mehr von „Portugiesen"! Über 

den Erdboden zerstreut, bilden wir doch 

nur ein einziges Volk! 

Rabbiner Salomon Lipmann-Cerfberr 

(Eröffnungsrede gehalten am 26. Juli 1806 

bei der vorbereitenden Versammlung für 

das von Napoleon zusammenberufene 

Synedrium des Jahres 1807.) 



380 



381 



Die Judenfrage 

Hätte ich vor hundert Jahren geschrieben, so würde ich mich 
kaum veranlasst gefühlt haben, an dieser Stelle dem Eintritt der 
Juden in die europäische Geschichte ein besonderes Kapitel zu 
widmen. Allerdings hätte ihre Beteiligung an der Entstehung des 
Christentums, wegen des von dort aus infiltrierten besonderen 
und durchaus unarischen Geistes, die volle Aufmerksamkeit 
verdient, sodann auch ihre wirtschaftliche Rolle in allen 
christlichen Jahrhunderten; doch hätte eine gelegentliche 
Erwähnung dieser Dinge genügt, mehr wäre ein Zuviel gewesen. 
Herder schrieb denn auch damals: „Die jüdische Geschichte 
nimmt mehr Platz in unserer Historie und Aufmerksamkeit ein, 
als sie an sich verdienen möchte." 1 ) Inzwischen ist jedoch eine 
grosse Änderung vorgegangen: die Juden spielen in Europa und 
überall, wo europäische Hände hinreichen, eine andere Rolle 
heute als vor hundert Jahren; wie Viktor Hehn sich ausdrückt: 
wir leben heute in einem „jüdischen Zeitalter"; 2 ) mag man über die 
vergangene Historie der Juden denken wie man will, ihre 
gegenwärtige nimmt thatsächlich so viel Platz in unserer eigenen 
Geschichte ein, dass wir ihr unmöglich die Aufmerksamkeit 
verweigern können. Herder hatte trotz seines ausgesprochenen 
Humanismus doch gemeint: 



*) Von den deutsch-orientalischen Dichtern, Abschn. 2. 

2 ) Gedanken über Goethe, 3. Aufl., S. 40. Ungekürzt lautet die Stelle: „Als 
Goethe am 22. März 1832 starb, da datierte Börne von diesem Tage die 
Freiheit Deutschlands. Wirklich war damit eine Epoche geschlossen, und es 
begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben." 



382 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



„Das Volk der Juden ist und bleibt auch in Europa ein unserem 
Weltteil fremdes, asiatisches Volk, an jenes alte, 
unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebene und nach 
eigenem Geständnis von ihm unauflösbare Gesetz 

gebunden." 1 ) Ganz richtig. Dieses fremde Volk aber, ewig fremd, 
weil — wie Herder treffend bemerkt — an ein fremdes, allen 
anderen Völkern feindliches Gesetz unauflösbar gebunden, dieses 
fremde Volk ist gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts ein 
unverhältnismässig wichtiger, auf manchen Gebieten geradezu 
ausschlaggebender Bestandteil des Lebens geworden. Schon vor 
hundert Jahren durfte jener selbe Zeuge mit Wehmut gestehen, 
die „roheren Nationen Europas" seien „freiwillige Sklaven des 
jüdischen Wuchers"; 2 ) heute könnte er das selbe von dem weitaus 
grössten Teil der civilisierten Welt überhaupt sagen. Der 
Geldbesitz an und für sich ist aber das Wenigste; unsere 
Regierungen, unsere Justizpflege, unsere Wissenschaft, unser 
Handel, unsere Litteratur, unsere Kunst.... so ziemlich alle 
Lebenszweige sind mehr oder weniger freiwillige Sklaven der 
Juden geworden und schleppen die Fronkette, wenn auch noch 
nicht an beiden Füssen, so doch an einem. Dabei ist jenes von 
Herder betonte „Fremde" immer stärker hervorgetreten; vor 
hundert Jahren hatte man es doch mehr nur geahnt; jetzt hat es 
sich bethätigt und bewährt, sich dem Unaufmerksamsten 
aufgedrängt. Von idealen Beweggründen bestimmt, öffnete der 
Indoeuropäer in Freundschaft die Thore: wie ein Feind stürzte der 
Jude hinein, stürmte alle Positionen und pflanzte — ich will nicht 
sagen auf den Trümmern, doch auf den Breschen unserer echten 
Eigenart die Fahne seines uns ewig fremden Wesens auf. 

Sollen wir die Juden darob schmähen? Das wäre ebenso 
unedel, wie unwürdig und unvernünftig. Die Juden verdienen 
Bewunderung, denn sie haben mit absoluter Sicherheit nach der 
Logik und Wahrheit ihrer Eigenart gehandelt, und nie hat die 



*) Bekehrung der Juden. Abschnitt 7 der Unternehmungen des vergangenen 
Jährhunderts zur Beförderung eines geistigen Reiches. 

2 ) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Th. III, Buch 12. Abt. 3. 



383 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Humanitätsduselei (welche die Juden nur insofern mitmachten, 
als sie ihnen selber zum Vorteil gereichte) sie auch nur für einen 
Augenblick die Heiligkeit der physischen Gesetze vergessen 
lassen. Man sehe doch, mit welcher Meisterschaft sie das 
Gesetz des Blutes zur Ausbreitung ihrer Herrschaft 
benutzen: der Hauptstock bleibt fleckenlos, kein Tropfen fremden 
Blutes dringt hinein; heisst es doch in der Thora: „kein Bastard 
soll in die Gemeinde Jahve's kommen, auch nicht nach zehn 
Generationen" (Deuteronornium XXIII, 2); inzwischen werden aber 
Tausende von Seitenzweiglein abgeschnitten und zur Infizierung 
der Indoeuropäer mit jüdischem Blute benutzt. Ginge das ein paar 
Jahrhunderte so fort, es gäbe dann in Europa nur noch ein 
einziges rassenreines Volk, das der Juden, alles Übrige wäre eine 
Herde pseudohebräischer Mestizen, und zwar ein unzweifelhaft 
physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk. Denn selbst 
der grosse Judenfreund Ernest Renan gesteht: „Je suis le premier 
ä reconnaitre que la race semitique, comparee ä la race indo- 
europeenne, represente reellement une combinaison inferieure de la 
nature humaine. ai ) Und in einer seiner besten, doch leider wenig 
bekannten Schriften, sagt der selbe Gelehrte: „L'epouvantable 
simplicite de Vesprit semitique retrecit le cerveau humain, le ferme ä 
toute idee delicate, ä tout sentiment fin, ä toute recherche rationelle, 
pour le mettre en face d'une eternelle tautologie: Dieu est Dieu" 2 ); 
und er führt aus, für die Kultur gäbe es nur dann eine Zukunft, 



*) Histoire generale et Systeme compare des langues semitiques, 5e ed., p. 4: 
„Ich gestehe aufrichtig, dass die semitische Rasse, verglichen mit der indo- 
europäischen, wirklich einen minderwertigen Typus der Menschheit darstellt." 
— Dass die Juden keine reinen Semiten, sondern halbe Syrier sind (wie ich 
das gleich ausführen werde), wird an diesem Urteile wenig ändern. 

2 ) De la Part des peuples semitiques dans l'histoire de la civilisation, p. 39. 
„Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das 
menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren 
Gedankenfassung, vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen 
Fragestellung, um es der einen ewigen Tautologie gegenüberzustellen: Gott ist 
Gott." 



384 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



wenn die christliche Religion sich immer mehr „vom Geiste des 
Judentums entfernte" und „das indoeuropäische Genie" auf allen 
Gebieten immer mehr zur Geltung käme. Jene Vermischung 
bedeutet also ganz ohne Zweifel eine Entartung: Entartung des 
Juden, dessen Charakter ein viel zu fremder, fester, starker ist, 
als dass er durch germanisches Blut aufgefrischt und veredelt 
werden könnte, Entartung des Europäers, der durch die Kreuzung 
mit einem „minderwertigen Typus" — wofür ich lieber sagen 
möchte, mit einem so andersgearteten Typus — natürlich nur 
verlieren kann. Während die Vermischung vorgeht, bleibt aber der 
grosse Hauptstamm der reinen, unvermischten Juden 
unangetastet. Als Napoleon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, 
unzufrieden, dass die Juden, trotz ihrer Emanzipation, in 
hochmütiger Isolation verharrten, erzürnt, dass sie sein ganzes 
Elsass, obwohl nunmehr jede Laufbahn ihnen offen stand, mit 
schändlichstem Wucher aufzufressen fortfuhren, an den Rat ihrer 
Ältesten ein Ultimatum sandte und die rückhaltlose 
Verschmelzung der Juden mit der übrigen Nation forderte, 
nahmen die Delegierten der Juden Frankreichs alle ihnen 
vorgeschriebenen Artikel bis auf einen an: den, der die 
unbeschränkte Ehe mit Christen bezweckte. Ihre Töchter, ja, die 
durften ausserhalb des israelitischen Volkes heiraten, ihre Söhne 
nicht; der Diktator Europas musste nachgeben. 1 ) Das ist jenes 
bewunderungswürdige Gesetz, durch welches das eigentliche 
Judentum begründet wurde. Zwar gestattet das Gesetz in seiner 
strengsten Fassung gar keine Ehe zwischen Juden und 
NichtJuden: im flinften Buche Moses, VII, 3, lesen wir: „Eure 
Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt 
ihr nicht nehmen euren Söhnen"; doch wird im Allgemeinen nur 
auf die letzte Forderung Gewicht gelegt: z. B. im zweiten Buche 
Moses, XXXIV, 16 wird einzig den Söhnen verboten, fremde 
Töchter zu nehmen, nicht den Töchtern, fremde Söhne, und in 
Nehemia (XIII) wird, nachdem 



*) Über dieses berühmte Synedrium und sein kasuistisches Unterscheiden 
zwischen religiösem und civilem Gesetz — eine Unterscheidung, welche weder 
Thora noch Talmud anerkennen — wäre erst im zweiten Buche Näheres zu 
berichten. 



385 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



das beiderseitige Verbot erfolgt ist, doch nur die Ehe des 
Sohnes mit einem fremden Weibe als „eine Sünde gegen Gott" 
bezeichnet. Das ist auch eine vollkommen richtige Auffassung. 
Durch die Ehe der Tochter mit einem Goy wird die Reinheit des 
jüdischen Stammes in keiner Weise alteriert, während dieser 
Stamm dadurch Fuss fasst im fremden Lager; wogegen die Ehe 
des Sohnes mit einer Goya „den heiligen Samen gemein macht" 
(wie das Buch Esra IX, 2 sich drastisch ausdrückt). 1 ) Auch der 
etwaige Übertritt der betreffenden Goya zum Judentum würde 
nichts nützen: dem älteren Gesetz war der Begriff eines derartigen 
Übertritts mit Recht vollkommen fremd — handelt es sich doch 
um physische Verhältnisse der Abstammung — das neuere Gesetz 
sagt aber mit beneidenswerter Einsichtskraft: „Proselyten sind für 
das Judentum so schädlich, wie Geschwüre am gesunden Leibe." 2 ) 
So wurde und so wird noch heute die jüdische Rasse rein 
erhalten: Töchter aus dem Hause Rothschild haben Barone, 
Grafen, Herzöge, Fürsten geheiratet, sie lassen sich ohne 
Umstände taufen; kein Sohn hat je eine Europäerin geehelicht; 
thäte er es, er müsste aus dem Hause seiner Väter und aus der 
Gemeinschaft seines Volkes ausscheiden. 3 ) 



*) In der neuen wortgetreuen Übersetzung des Professor Louis Segond heisst 
es: „die heilige Rasse durch Vermischung mit fremden Völkern 
verunreinigt"; in der Übersetzung De Wette's lautet diese Stelle: „sie haben den 
heiligen Samen vermischt mit den Völkern der Erde." 

2 ) Aus dem Talmud, nach Döllinger: Vorträge, I, 237. An einer anderen Stelle 
nennt der Talmud die Proselyten eine „Last" (siehe des Juden Philippson: 
Israelitische Religionslehre, 1861, II, 189). 

3 ) Wie rein die jüdische Rasse noch am heutigen Tage ist, hat Virchow's 
grosse anthropologische Untersuchung sämtlicher Schulkinder Deutschlands 
ergeben; hierüber berichtet Ranke, Der Mensch, 2. Aufl., II, 293: „Je reiner die 
Rasse, desto geringer ist die Zahl der Mischformen. In dieser Hinsicht ist es 
gewiss eine sehr wichtige Thatsache, dass bei den Juden die geringste Zahl 
der Mischlinge angetroffen wurde, woraus sich ihre entschiedene 
Absonderung als Rasse den Germanen gegenüber, unter denen 
sie wohnen, auf das deutlichste zu erkennen giebt." — Inzwischen haben die 



386 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Durch diese Ausführungen falle ich gewissermassen mit der 
Thür ins Haus; eigentlich hätten sie an eine spätere Stelle des 
Buches hingehört; mir lag jedoch daran, sofort und auf dem 
kürzesten Wege den Einwurf zu entkräften — der leider noch 
immer von manchen Seiten zu gewärtigen ist — es existiere gar 
keine „jüdische Frage", woraus dann weiter zu folgern wäre, der 
Eintritt der Juden in unsere Geschichte habe nichts zu bedeuten. 
Andere wiederum reden von Religion: es handle sich, so 
sagen sie, lediglich um religiöse Differenzen. Wer das sagt, 
übersieht, dass es gar keine jüdische Religion gäbe, wenn keine 
jüdische Nation existierte. Die existiert aber. Die jüdische 
Nomokratie (d. h. Herrschaft des Gesetzes) vereinigt die Juden, 
zerstreut wie sie auch sein mögen durch alle Länder der Welt, zu 
einem festen, einheitlichen, durchaus politischen Gebilde, in 
welchem die Gemeinsamkeit des Blutes die Gemeinsamkeit der 
Vergangenheit bezeugt und die Gemeinsamkeit der Zukunft 
verbürgt. Wenn auch manche Elemente nicht im engeren Sinne 
des Wortes reinjüdisch sind, so ist doch die Macht dieses Blutes, 
verbunden mit der unvergleichlichen Macht der jüdischen Idee, so 
gross, dass diese fremden Bestandteile schon längst assimiliert 
wurden; sind doch fast zwei Jahrtausende vergangen seit der Zeit, 
wo die Juden ihre vorübergehende Neigung zur 
Proselytenmacherei aufgaben. Freilich muss man, wie ich im 
vorigen Kapitel ausführte, zwischen Juden edler und Juden 
minder edler Abstammung unterscheiden; was aber die disparaten 
Teile aneinander kettet, ist (ausser der allmählichen 
Verschmelzung) die zähe Existenz ihres nationalen Gedankens. 
Dieser Nationalgedanke gipfelt in der unerschütterlichen Hoffnung 
auf die von Jahve verheissene Weltherrschaft der Juden. Naive 
„Christgeborene" (wie Auerbach sich in seiner Lebensskizze 
Spinoza's ausdrückt) wähnen, die Juden hätten jene Hoffnung 
aufgegeben, 



Messungen in Amerika, nach dem American Anthropologist, Ed. IV, zu dem 
Ergebnis geführt, dass auch dort „sich die jüdische Rasse vollständig 
rein erhalten hat" (citiert nach der Politisch-Anthropologischen Revue, 1904, 
März, S. 1003). 



387 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



doch irren sie gewaltig; denn „die Existenz des Judentums ist von 
der Festhaltung der Messiashoffnung bedingt", wie einer der sehr 
massigen, liberalen unter ihnen unlängst schrieb. 1 ) Die ganze 
jüdische Religion ist ja auf diese Hoffnung gegründet. Der jüdische 
Gottesglaube, das, was man bei diesem Volke „Religion" nennen 
kann und auch darf (denn er ist die Quelle einer achtungswerten 
Moralität geworden) ist ein Teil dieses Nationalgedankens, nicht 
umgekehrt. Zu behaupten, es gebe eine jüdische Religion, doch 
keine jüdische Nation, heisst darum einfach Unsinn reden. 2 ) 



') S k r e i n k a : Entwickelungsgeschichte der jüdischen Dogmen, S. 75. 

2 ) Auf dem jüdischen Kongress, gehalten in Basel im Jahre 1898, erklärte 
Dr. Mandelstam, Professor an der Universität Kiew, in der Hauptrede der 
Sitzung vom 29. August, „dass die Juden das Aufgehen in die 
übrigen Nationalitäten mit aller Energie 
zurückweisen, und dass sie ihre historische Hoffnung (d. h. also auf 
Weltherrschaft) festhalten" (nach dem Bericht eines Teilnehmers am Kongress 
in der Pariser Zeitung Le Temps vom 2. September 1898). Die Wiener 
Zeitungen vom 30. und 31. Juli 1901 berichten über eine Rede, die der Wiener 
Rabbiner, Herr Dr. Leopold Kahn, in einem Saale der orthodoxen jüdischen 
Schule in Pressburg über den Zionismus hielt. In dieser Rede machte Dr. 
Kahn folgendes Geständnis: „Der Jude wird sich nie assimilieren können; er 
wird niemals die Sitten und Gebräuche anderer Völker annehmen. Der Jude 
bleibt Jude unter allen Umständen. Jede Assimilation ist nur eine rein 
äusserliche." Beherzigenswerte Worte! In der Festschrift zum 70. Geburtstage 
A. Berliner' s, 1903, veröffentlicht ein Dr. B. Felsenthal eine Reihe Jüdischer 
Thesen, in denen er mit aller Energie die These verficht, das Judentum sei 
ein Volk, nicht eine Religion. „Das Judentum ist ein 
besonderer Stamm, und jeder Jude wird in diesen Stamm hineingeboren." 
Dieser Stamm ist nach ihm „eins der ethnisch reinsten Völker, die es 
überhaupt giebt." Felsen thal berechnet, dass von Theodosius an bis zum 
Jahre 1800 „vielleicht noch keine 300 Nichtsemiten in das jüdische Volk 
aufgenommen wurden", und charakteristisch ist es, dass er den Proselyten 
das Recht bestreitet, sich als Vollblutjuden zu betrachten. „Das jüdische Volk, 
der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das notwendige 
Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kern 
Anhaftendes, Eigenschaftliches — ein Accidens, 



388 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte 
bedeutet also ohne Frage den Eintritt eines bestimmten, von allen 
europäischen Völkern durchaus verschiedenen, ihnen 
gewissermassen gegensätzlichen Elements, eines Elements, 
welches, während die Nationen Europas die verschiedensten 
Phasen durchmachten, sich wesentlich gleichblieb; welches im 
Verlaufe einer oft harten und grausamen Geschichte niemals die 
Schwäche hatte, auf Verbrüderungsvorschläge einzugehen, 
sondern im Besitze seiner nationalen Idee, seiner nationalen 
Vergangenheit, seiner nationalen Zukunft, die Berührung mit 
anderen Menschen wie eine Verunreinigung empfand und noch 
heute empfindet; welches, Dank der Sicherheit des Instinktes, die 
aus strenger Einheitlichkeit des Nationalempfindens entspringt, es 
stets vermochte, auf Andere tiefgreifenden Einfluss auszuüben, 
wogegen die Juden selber von unserer geistigen und kulturellen 
Entwickelung nur hauttief berührt wurden. Um diese höchst 
eigentümliche Situation vom Standpunkt des Europäers aus zu 
kennzeichnen, müssen wir mit Herder wiederholen: das Volk der 
Juden ist und bleibt ein unserem Weltteil fremdes Volk; 
vom Standpunkt des Juden aus erhält die selbe Erkenntnis eine 
etwas abweichende Formulierung; wir wissen aus einem früheren 
Kapitel, wie der grosse freisinnige Philosoph Philo sie fasste: 
„einzig die Israeliten sind Menschen im wahren Sinne des 
Wortes." 1 ) Was der Jude hier im intoleranten Ton des 
Rassenhochmuts vorbringt, genau das selbe hat unser grosser 
Goethe in liebenswürdigerer Weise ausgesprochen, indem er eine 
Gemeinsamkeit der Abstammung zwischen den Juden und den 
Indoeuropäern, und legte man sie noch so weit zurück, in Abrede 
stellt: „Dem auserwählten Volke wollen wir die Ehre seiner 
Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andere 
aber hatten gewiss auch andere Urväter." 2 ) 



wie es in der philosophischen Schulsprache genannt wird." (Ich citiere nach 
dem Sonderabdruck, Berlin, bei Itzkowski). 

*) Siehe S. 223. 

2 ) Eckermann's Gespräche, 7. Oktober 1828. Das selbe hatte Giordano 
Bruno gelehrt, welcher behauptete, einzig die Juden stammten von Adam und 
Eva ab, die übrigen Menschen von einer weit älteren Rasse (siehe Lo spaccio 
della bestia trionfante) . 



389 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Das „fremde Volk" 

Aus diesen Erwägungen ergiebt sich für uns die Berechtigung 
und die Verpflichtung, den Juden als ein besonderes und zwar als 
ein fremdes Element in unserer Mitte zu erkennen. Äusserlich 
erbte er das selbe wie wir; innerlich erbte er einen 
grundverschiedenen Geist. Ein einziger Zug genügt, um die 
gähnende Kluft, welche hier Seele von Seele scheidet, in fast 
erschreckender Weise dem Bewusstsein zu enthüllen: die 
Erscheinung Christi ist für den Juden ohne Bedeutung! Ich rede 
hier gar nicht von frommer Rechtgläubigkeit. Man lese aber z. B. 
bei dem offenkundigen Freidenker Diderot die wundervollen Worte 
über den Gekreuzigten, man sehe, wie Diderot den Menschen in 
seinem höchsten Leid sich an den Göttlichen wenden und die 
christliche Religion als die einzige der Welt empfinden lässt. 
„Quelle profonde sagesse il y a dans ce que Vaveugle philosophie 
appelle la folie de la croix! Dans Vetat oü j'etais, de quoi m'aurait 
servi Vimage d'un legislateur heureux et comble de gloire? Je voyais 
Vinnocent, le flanc perce, le front couronne d'epines, les mains et les 
pieds perces de clous, et expirant dans les souffrances; et je me 
disais: Voüä mon Dieu, et j'ose me plaindre!" Eine förmliche 
Bibliothek jüdischer Bücher habe ich durchgesucht in der 
Erwartung, ähnliche Worte zu finden — nicht den Glauben an die 
Gottheit Christi natürlich, auch nicht den Begriff der Erlösung, 
sondern das rein menschliche Gefühl für die Bedeutung eines 
leidenden Heilands, doch vergebens. Ein Jude, der das fühlt, ist 
eben kein Jude mehr, sondern ein Verneiner des Judentums. Und 
während wir sogar in Mohammed's Koran mindestens eine 
Ahnung von der Bedeutung Christi und eine tiefe Ehrfurcht vor 
seiner Erscheinung finden, nennt ein kultivierter, führender Jude 
des 19. Jahrhunderts Christus: „die Neugeburt mit 
der Totenmaske", die dem jüdischen Volke neue und 
schmerzliche Wunden geschlagen habe; etwas Anderes vermag er 
in ihm nicht zu erblicken. 1 ) Er versichert uns beim Anblick des 
Kreuzes: „Die Juden brauchen gar nicht diese krampfhafte 
Erschütterung zur inneren Besserung", und 



*) Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 591. 



390 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



lügt hinzu: „namentlich nicht in den mittleren Klassen der 
Städtebewohner". Weiter reicht das Verständnis nicht. In einer im 
Jahre 1880 neu verlegten (!) Schrift eines spanischen Juden (Mose 
de Leon) wird Jesus Christus ein „toter Hund" genannt, 
„der in einem Düngerhaufen begraben" liege. Ausserdem haben 
die Juden gerade in den letzten Jahrzehnten des 19. Säculums für 
mehrere Ausgaben (natürlich in hebräischer Sprache) der 
sogenannten „Censur stellen" aus dem Talmud gesorgt, nämlich 
jener sonst ausgelassenen Stellen, in denen Christus als „Narr", 
als „Zauberer", als „Gottloser", als „Götzendiener", als „Hund", als 
„Bastard", als „Kind der Wollust", als „Hurensohn" u. s. w. dem 
Hohn und dem Hass preisgegeben und empfohlen wird; seine 
erhabene Mutter desgleichen. 1 ) Wir thun den Juden gewiss kein 
Unrecht, wenn wir sagen, dass ihnen die Erscheinung Christi 
einfach ein Unbegreifliches und ein Ärgernis ist. Obwohl sie 
scheinbar aus ihrer Mitte hervorging, verkörpert sie dennoch die 
Verleugnung ihres ganzen Wesens — wofür die Juden ein viel 
feineres Gefühl haben als wir. Diese Veranschaulichung der tiefen 
Kluft, welche uns Europäer vom Juden scheidet, gebe ich 
durchaus nicht, um das Schwergewicht auf den gefährlichen 
Boden religiöser Voreingenommenheit hinüberzuwälzen, sondern 
weil mich dünkt, dass das Gewahrwerden zweier so 
grundverschiedener Gemütsanlagen einen wahren Abgrund 
aufdeckt; es thut gut, einmal in 



*) Siehe Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 2 fg. (Schriften des Institutum 
Judaicum in Berlin, Nr. 10; im Anhange sind die hebräischen Urtexte 
mitgeteilt). Dieser durchaus unparteiische, judenfreundliche Gelehrte bezeugt: 
„Der Hass und Hohn der Juden warf sich zunächst immer auf die Person Jesu 
selbst" (S. 25). „Der Jesushass der Juden ist eine feststehende Thatsache, nur 
wollen sie ihn möglichst wenig zur Schau gestellt wissen" (S. 3). Den Hass 
gegen Jesus bezeichnet der selbe Gelehrte als „den nationalsten Zug des 
Judentums" (S. 86); er sagt: „bei Annäherung des Christentums erfasste je 
und je die Juden ein an Wahnsinn streifender Zorn und Hass" 
(S. 72). Noch heute darf kein gläubiger Jude den Namen Christi mündlich oder 
schriftlich aussprechen (S. 3 und 32); die üblichsten Kryptonymen sind „d e r 
Bastard" oder „d e r Hurensohn" oder „d e r Gehenkte", häufig auch 
„Bileam". 



39 1 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



diesen Abgrund hinunterzuschauen, damit man nicht an anderen 
Orten, wo scheinbare Annäherung stattfindet, das tief Trennende 
übersehe. 

Aber noch eine weitere Erwägung muss sich uns aus dem 
Gewahrwerden dieser Trennung ergeben. Der Jude versteht uns 
nicht, das ist sicher; können wir hoffen, ihn zu verstehen, ihm 
gerecht zu werden? Vielleicht, wenn wir ihm nämlich in der That 
geistig und moralisch überlegen sind, wie Renan an der vorhin 
angeführten Stelle behauptete, und wie andere, vielleicht 
zuverlässigere Gelehrte ebenfalls gemeint haben. 1 ) Wir müssten 
ihn aber dann wirklich auch von der Höhe unserer Überlegenheit 
aus beurteilen, nicht aus den Niederungen des Hasses und des 
Aberglaubens, noch weniger aus den Sümpfen des 
Missverständnisses, in denen unsere Religionslehrer seit 2000 
Jahren herumwaten. Dem Juden Gedanken zuschreiben, die er 
niemals gedacht, ihn als den Träger der grossartigsten religiösen 
Intuitionen verherrlichen, die ihm ferner als vielleicht irgend 
welchen Menschen auf Erden lagen und im allerbesten Falle nur 
hier und dort als ein Schrei der Empörung gegen die besondere 
Gemütshärte dieses Volkes in dem Herzen Vereinzelter sich regten 
— und ihn dann dafür verdammen, dass er heute so ganz anders 
ist, als er nach diesen Erdichtungen sein sollte, das ist doch 
offenbar ungerecht. Es ist nicht allein ungerecht, sondern für das 
öffentliche Gefühl bedauerlich irreleitend; denn durch das 
Verhältnis zu unserem religiösen Leben, welches wir dem Juden 
angedichtet haben, erscheint sein Haupt in einer Art 
Glorienschein, und wir sind dann höchlich empört, wenn aus 
dieser aureole postiche kein Heiliger uns entgegentritt. Wir stellen 
höhere Ansprüche an den Juden als an uns selber, blosse 
Heidensöhne. Da ist doch das jüdische Zeugnis ganz anders 
zutreffend; es 



*) Siehe namentlich die berühmte Stelle in Lassen's: Indische 
Altertumskunde, wo der grosse Orientalist seine Überzeugung, dass die 
indoeuropäische Rasse „höher und vollständiger begabt", dass in ihr allein 
„das harmonische Gleichmass aller Seelenkräfte" ausgebildet sei, ausführlich 
begründet (I, 414, Ausgabe des Jahres 1847). 



392 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



spannt die Erwartungen so wenig hoch, dass wir über jeden edlen 
Zug, den wir später entdecken, über jede Erklärung, die wir für 
jüdische Gebrechen finden, uns aufrichtig freuen. Jahve zum 
Beispiel wird nicht müde zu erklären: „Ich sehe, dass dies Volk ein 
halsstarriges Volk ist", 1 ) und Jeremia giebt von der moralischen 
Beschaffenheit der Juden eine Charakterisierung, wie sie 
Monsieur Edouard Drumont nicht farbenreicher wünschen 
könnte: „Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres 
Wort; sie fleissigen sich darauf, wie Einer den Anderen betrüge, 
und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können". 2 ) Kein 
Wunder, nach dieser Schilderung, dass Jeremia die Juden „einen 
frechen Haufen" nennt und nur eine Sehnsucht kennt: „Ach, dass 
ich eine Herberge hätte in der Wüste! so wollte ich mein Volk 
verlassen und von ihnen ziehen!" Für die unglaubliche 
Unwissenheit über die Natur des Juden, die unter uns herrscht, 
sind wir also allein verantwortlich; nie hat ein Volk ein so 
umfassendes, aufrichtiges Bild seiner Persönlichkeit gegeben wie 
der Hebräer in seiner Bibel, ein Bild, welches (so weit ich nach 
Bruchstücken urteilen darf) durch den Talmud, wenn auch in 
verblasster Manier, noch ergänzt wird. Ohne also in Abrede zu 
stellen, wie schwer es uns — »von anderen Urvätern 
Abgestammten" — fallen muss, das „fremde, asiatische Volk" 
richtig zu beurteilen, müssen wir doch einsehen, dass die Juden 
von jeher alles Mögliche thaten, um dem Unvoreingenommenen 
Aufschluss über sich zu geben, ein Umstand, welcher wohl zu der 
Hoffnung berechtigt, grundlegende Einsichten über ihr Wesen 
gewinnen zu können. — Eigentlich müssten die Vorgänge, die sich 
unter unseren Augen abspielen, zu besagtem Zwecke genügen. Ist 
es möglich, täglich Zeitungen zu lesen, ohne jüdische Sinnesart, 
jüdischen Geschmack, jüdische Moral, jüdische Ziele kennen zu 
lernen? Ein paar Jahrgänge der Archives israelites belehren ja 
mehr als eine ganze antisemitische Bibliothek, und zwar durchaus 
nicht bloss über die minder angenehmen, sondern auch über 



*) 2 Moses XXXII, 9, XXXIV, 9, 5 Moses IX, 13 u. s. w. 
2 ) IX, 5. 



393 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



die vortrefflichen Charakterzüge der Juden. Doch hier, in diesem 
Kapitel, will ich die Gegenwart nicht heranziehen. Sollen wir uns 
ein sachliches, vollgültiges Urteil darüber bilden, was der Jude als 
Miterbe und als Mitarbeiter im neunzehnten Jahrhundert zu 
bedeuten hatte, so müssen wir vor allen Dingen uns darüber klar 
werden, was er ist. Aus dem, was ein Mensch von Natur ist, 
folgt mit strenger Notwendigkeit, was er unter gegebenen 
Bedingungen thun wird; der Philosoph sagt: operari sequitur esse; 
ein altes deutsches Sprichwort drückt das selbe gemütlicher aus: 
„Nur was ein Mensch ist, kann man aus ihm herauskriegen." 

Historische Vogelschau 

Reine Historie führt nun hier weder schnell noch sicher zum 
Ziel, ausserdem kann es nicht meine Aufgabe sein, eine 
Geschichte der Juden zu bieten. Wie in anderen Kapiteln so auch 
hier perhorresziere ich das Abschreiben. Jedermann weiss ja, wie 
und wann die Juden in die abendländische Geschichte eintraten: 
erst durch die Diaspora, dann durch die Zerstreuung. Ihr 
wechselndes Schicksal in verschiedenen Ländern und Zeiten ist 
ebenfalls bekannt, wenn man auch freilich Manches weiss, was 
absolut unwahr ist, und Manches nicht weiss, was zu wissen not 
thäte. Keinem brauche ich aber erst mitzuteilen, dass durch die 
christlichen Jahrhunderte hindurch die Juden eine, wenn auch 
manchmal eng beschränkte, so doch wichtige Rolle spielten. 
Schon in den frühesten westgotischen Zeiten verstanden sie es, 
als Sklavenhändler und Geldvermittler sich Einfluss und Macht 
zu verschaffen. Waren sie auch nicht allerorten, wie bei den 
spanischen Mauren, mächtige Staatsminister, die, dem Beispiel 
Mardochai's folgend, die einträglichsten Ämter mit „der Menge 
ihrer Brüder" füllten, brachten sie es auch nicht überall, wie im 
katholischen Spanien, zum Bischof und Erzbischof, *) so war doch 
ihr Einfluss überall und immer ein grosser. Schon die Baben- 



*) Siehe das Buch des Juden David Mocatta: Die Juden in Spanien und 
Portugal (deutsch von Kayserling 1878), wo ausführlich erzählt wird, wie in 
Spanien, „Geschlechter und Geschlechter von geheimen Juden 
lebten, vermischt mit allen Klassen der Gesellschaft, im Besitze jeder Stellung 
im Staate und besonders in der Kirche"! 



394 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



berg'schen Fürsten des 13. Jahrhunderts gaben ihren Nachfolgern 
das Beispiel, die Finanzen des Landes von Juden verwalten zu 
lassen und diese Verwalter durch Ehrentitel auszuzeichnen; 1 ) der 
grosse Papst Innocenz III. vergab wichtige Stellen in seinem 
Hofstaate an Juden; 2 ) die Ritter Frankreichs mussten Gut und 
Habe an die Juden verpfänden, um an den Kreuzzügen 
teilnehmen zu können; 3 ) Rudolph von Habsburg begünstigte die 
Juden in jeder Weise, er „vindizierte sie als Knechte seiner 
kaiserlichen Kammer", und indem er sie der gewöhnlichen 
Gerichtsbarkeit entzog, machte er es sehr schwer, eine Klage 
gegen einen Juden überhaupt durchzuführen;«) kurz: das, was ich 
den Eintritt der Juden in unsere europäische Geschichte nenne, 
hat nicht aufgehört, zu jeder Zeit und an jedem Orte sich fühlbar 
zu machen. Wer befähigt wäre, Geschichte mit dem einen Zweck 
zu studieren, den jüdischen Einfluss genau zu entwirren, würde, 
glaube ich, unerwartete Ergebnisse zu Tage fördern. Ohne 
Detailforschung können wir diesen Einfluss nur dort deutlich und 
unzweifelhaft feststellen, wo die Juden in grösserer Zahl 
vorhanden waren. Im 2. Jahrhundert z. B. sind die Juden auf der 
Insel Cypern in der Mehrzahl; sie beschliessen, einen 
Nationalstaat zu gründen, und befolgen zu diesem Zweck das aus 
dem Alten Testament bekannte Verfahren: sie erschlagen an 
einem Tage die sämtlichen übrigen Bewohner, 240 000 an der 
Zahl; und damit dieser Inselstaat nicht ohne einen sichern 
Rückhalt auf dem Festland bleibe, erschlagen sie zugleich die 220 
000 nicht-jüdischen Bewohner der Stadt Cyrene. 5 ) In Spanien 
verfolgen sie den selben Zweck mit grösserer Vorsicht und 
erstaunlicher Beharrlichkeit. Gerade unter der Regierung 
desjenigen Westgotenkönigs, der sie mit Wohlthaten überhäuft 
hatte, rufen sie die stammverwandten Araber aus Afrika herüber; 
ohne Hass, nur weil sie dabei zu profitieren hoffen, 



x ) Graetz: a. a. O. II, 563. 

2 ) Israel Abrahams: Jewish Life in the Middle Ages. 

3 ) Andre Reville: Les Payans au Moyen-Age, 1896, p. 3. 

4 ) Siehe u. A. Realis: Die Juden und die Judenstadt in Wien, 1846, S. 18 u. s. 
w. 

5 ) Mommsen: Römische Geschichte, V, 543. 



395 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



verraten sie ihren edlen Beschützer; unter den Kalifen bekommen 
sie dann nach und nach einen immer grösseren Anteil an der 
Regierung; „sie konzentrierten", schreibt der durchaus 
judenfreundliche Geschichtsschreiber Heman, „sowohl die 
geistigen als die materiellen Kräfte vollständig in ihrer Hand"; 
dabei ging allerdings der blühende maurische Staat geistig und 
materiell zu Grunde, was aber den Juden gleichgültig war, da sie 
inzwischen im christlichen Staat der Spanier, berufen den 
maurischen zu ersetzen, eben so festen Fuss gefasst hatten. „Der 
bewegliche Reichtum des Landes lag hier ganz in ihren Händen; 
der Grundbesitz kam immer mehr in die selben Hände durch 
Wucher und Aufkauf der verschuldeten Adelsgüter. Vom 
Staatssekretär und finanzminister ab waren alle Beamtungen, die 
mit Steuer und Geldsachen zu thun hatten, in jüdischen Händen. 
Durch Wucher war ihnen fast ganz Aragonien verpfändet. In den 
Städten bildeten sie die Majorität der begüterten Bevölkerung." 1 ) 
Ganz schlau waren sie aber, wie immer, auch dort nicht; ihre 
Macht hatten sie benutzt, um sich allerhand Privilegien zu 
erwirken, so z. B. genügte der Eid eines einzigen Juden, um 
Schuldforderungen gegen Christen zu beweisen (wie übrigens im 
Erzherzogtum Österreich und vielerorten), während das Zeugnis 
eines Christen vor Gericht gegen einen Juden nichts galt, und 
anderes dergleichen; diese Privilegien missbrauchten sie in so 
massloser Weise, dass endlich das Volk sich erhob. Nicht 
unähnlich wäre es in Deutschland ergangen, hätten nicht die 
Kirche und einsichtige Staatsmänner bei Zeiten dem Übel 
gesteuert. Karl der Grosse hatte sich Juden für die Verwaltung 
seiner Finanzen aus Italien verschrieben; bald sicherten sie sich 
allerorten als Steuerpächter Reichtum und Einfluss und 
benutzten diese, um für ihre Nation wichtige Vorrechte 
auszumachen: Handelsprivilegien, geringeres Strafmass bei 
Verbrechen u. s. w., ja, man zwang die gesamte Bevölkerung, ihre 
Märkte auf den Sonntag 



*) Heman: Die historische Weltstellung der Juden, 1882, S. 24 fg. — Für eine 
anders gefärbte Darstellung, die aber im Thatsächlichen vollkommen 
übereinstimmt, siehe Graetz: Volksth. Gesch. d. Juden II, 344 fg. 



396 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



zu verlegen, weil der bisher übliche Samstag den Juden ihres 
Sabbats wegen unangenehm war; es gehörte damals zum 
höfischen bon ton, die Synagogen zu besuchen! Doch hier trat die 
Reaktion ziemlich bald ein und kräftig, und zwar durchaus nicht 
allein, wie es die Historiker meistens darzustellen belieben, als 
Folge pfäffischen Aufhetzens — solche Erscheinungen gehören zur 
Schale, nicht zum Kern der Geschichte — sondern in erster Reihe 
darum, weil der Germane eben so sehr ein geborener Industrieller 
und Kaufmann, wie ein geborener Krieger ist, und er daher, 
sobald mit der Städtebildung diese Instinkte in ihm wach wurden, 
dem unlauteren Wettbewerber in sein Spiel sah und voll heftiger 
Empörung seine Entfernung forderte. Und so liesse sich, wenn 
das der Zweck dieses Kapitels wäre, Flut und Ebbe des jüdischen 
Einflusses bis heute herab verfolgen, wo alle Kriege des 19. 
Jahrhunderts in so eigentümlichem Konnex mit jüdischen 
Finanzoperationen stehen, von Napoleon's russischem Feldzug 
und Nathan Rothschild's Zuschauerrolle bei der Schlacht von 
Waterloo an bis zu der Zuziehung der Herren Bleichröder 
deutscherseits und Alphonse Rothschild französischer seits zu den 
Friedensverhandlungen des Jahres 1871 und bis zur „Commune", 
welche von Anfang an allen Einsichtigen eine jüdisch- 
napoleonistische Machination dünkte. 

Consensus ingeniorum 

Dieser politisch- soziale Einfluss der Juden wurde nun sehr 
verschieden beurteilt, doch von den grössten Politikern zu allen 
Zeiten für verderblich gehalten. Cicero z. B. (wenn auch kein 
grösster Politiker, so doch ein erfahrener Staatsmann) legt eine 
wahre Furcht vor den Juden an den Tag; wo eine gerichtliche 
Verhandlung ihre Interessen berührt, redet er so leise, dass die 
Richter allein ihn hören, denn er weiss, sagt er, wie alle Juden 
zusammenhalten und wie sie den zu verderben verstehen, der sich 
ihnen entgegenstellt; sonst, gegen Griechen, gegen Römer, gegen 
die mächtigsten Männer seiner Zeit donnert er die ärgsten 
Beschuldigungen, den Juden gegenüber rät er Vorsicht, sie sind 
ihm eine unheimliche Macht, und mit möglichster Hast gleitet er 
hinweg über jene Hauptstadt „des Argwohns und der 
Verleumdung", Jerusalem: so urteilte ein Cicero unter dem 
Konsulat eines 



397 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Julius Caesar! 1 ) Kaiser Tiberius, nach manchen 
Geschichtsschreibern der tüchtigste Herrscher, den das römische 
Imperium besessen, erkannte in der Immigration der Juden (also 
ebenfalls schon vor der Zerstörung Jerusalems!) eine n a t i o n a 
1 e Gefahr; Friedrich IL, der Hohenstaufe, gewiss einer der 
genialsten Menschen, die je die Krone getragen und das Schwert 
geführt haben, ein freier denkender Mann als irgend ein Monarch 
des 19. Jahrhunderts, ein begeisterter Bewunderer des 
Morgenlandes und generöser Unterstützer hebräischer Gelehrten, 
hielt es dennoch für angezeigt (entgegen der Sitte seiner 
Zeitgenossen), die Juden von allen öffentlichen Ämtern 
auszuschliessen, und wies warnend darauf hin, dass, wo man 
auch den Juden zur Gewalt zulässt, er sie missbraucht; genau 
das selbe lehrte der andere grosse Friedrich IL, der Hohenzoller, 
der jede Freiheit gewährte, nur nicht die der Juden; nicht 
unähnlich hat Fürst Bismarck, als er noch offen reden durfte, sich 
im Landtag (1847) geäussert, und der grosse Geschichtsforscher 
Mommsen spricht vom Judentum als von einem „Staat im Staate". 
— Was speziell den sozialen Einfluss betrifft, so will ich mich 
begnügen, zwei weise, gerechte Männer anzuführen, deren Urteil 
selbst den Juden nicht verdächtig sein kann, Herder und Goethe. 
Der Erste behauptet: „Ein Ministerium, bei dem der Jude Alles 
gilt, eine Haushaltung, in der ein Jude die Schlüssel zur 
Garderobe oder der ganzen Kasse des Hauses führt, ein 
Departement oder Kommissariat, in welchem die Juden die 

Hauptgeschäfte treiben sind unauszutrocknende pontinische 

Sümpfe"; und er meint, die Gegenwart einer unbestimmten Menge 
Juden sei für einen europäischen Staat so verderblich, dass man 
sich „nicht durch allgemeine menschenfreundliche Grundsätze 
leiten lassen dürfe", sondern es handle sich um eine 
Staatsfrage, und es sei Pflicht eines jeden Staates, 
festzustellen: „wie viele von diesem fremden Volke dürfen ohne 
Nachteil der Eingeborenen geduldet werden". 2 ) Goethe geht noch 
tiefer: „Wie sollten wir dem Juden den Anteil an der höchsten 
Kultur 



*) Siehe die Verteidigung des Lucius Flaccus, Abschn. XXVIII. 
2 ) Adrastea: Bekehrung der Juden. 



398 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?" Und 
er gerät in „leidenschaftlichen Zorn", als das Gesetz des Jahres 
1823 die Heirat zwischen Juden und Deutschen gestattet, er 
prophezeit „die schlimmsten und grellsten Folgen", namentlich die 
„Untergrabung aller sittlichen Gefühle", und vermutet, die 
Bestechung durch den „allmächtigen Rothschild" müsse dieser 
„Albernheit" zu Grunde liegen. 1 ) Goethe und Herder urteilen also 
genau so wie der grosse Hohenstaufe, wie der grosse Hohenzoller, 
und wie alle grossen Männer vor und nach ihnen: ohne in 
abergläubischer Weise dem jüdischen Volke seine Eigenart zum 
Vorwurf zu machen, halten sie es für eine thatsächliche Gefahr 
für unsere Civilisation und für unsere Kultur; sie 
würden ihm einen thätigen Anteil daran nicht vergönnen. Über 
einen derartigen consensus ingeniorum kann man doch nicht so 
ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Denn allen diesen 
wohlerwogenen, ernsten, aus der Fülle der Erfahrung und dem 
Scharfblick der bedeutendsten Geister hervorgegangenen Urteilen 
hat man weiter nichts entgegenzustellen, als die hohlen Phrasen 
der droits de Vhomme — eines parlamentarischen Wisches. 2 ) 



*) Wilhelm Meister's Wanderjahre, Buch III, Kap. 1 1 und Gespräch mit von 
Müller vom 23. 9. 1823. 

2 ) Ich habe meine Citate mit Absicht beschränkt. Doch kann ich mich nicht 
enthalten, mindestens in einer Anmerkung den grossen Voltaire gegen die jetzt 
so ziemlich allerorten eingebürgerte Fabel in Schutz zu nehmen, als habe er so 
überaus günstig und „humanitär" flach, wie unsere Zeit es wünschen möchte, 
über den Einfluss der Juden auf unsere Kultur geurteilt. Selbst Juden von so 
umfassender Bildung wie ein James Darmesteter (Peuple Juif, 2. ed. p. 17) 
drucken den Namen Voltaire in fetten Buchstaben und stellen ihn als einen 
der geistigen Urheber ihrer Emanzipation dar. Das Gegenteil ist wahr; mehr 
als einmal rät Voltaire, man solle die Juden nach Palästina zurückschicken. 
Voltaire gehört zu den Autoren, die ich am besten kenne, weil ich die 
kurzweiligen Bücher den langweiligen vorziehe, und ich glaube, ich könnte 
leicht hundert Citate aggressivster Art gegen die Juden zusammenstellen. In 
dem Aufsatz des Dictionnaire Philosophique (Ende von section i) sagt er: „ Vous 
ne trouverez dans les Juifs qu'un peuple ignorant et barbare, qui Joint depuis 
longtemps la plus sordide avarice ä la plus detestable superstition et ä la plus 
invincible haine pour tous les 



399 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Fürsten und Adel 

Andererseits ist es sicher und muss wohl beachtet werden, 
dass, wenn die Juden die Verantwortung für manche grauenhafte 



peuples qui les tolerent et qui les enrichissent. " In Dieu et les hommes (eh. X) 
nennt er die Juden: „la plus haissable et la plus honteuse des petites nations". 
Mehr kann man wirklich kaum verlangen, um über seine Meinung ins Klare 
zu kommen! Doch diese Meinung sollte umso mehr Gewicht haben, als gerade 
Voltaire in vielen und umfangreichen Schriften sich eingehend mit jüdischer 
Geschichte und mit dem Studium des jüdischen Charakters abgegeben hat (so 
eingehend, dass der als „oberflächlicher Dilettant" Verrufene heutzutage 
gelegentlich von einem Fachgelehrten ersten Ranges wie Wellhausen citiert 
wird). Und so ist es beachtenswert, wenn er schreibt (Essai sur les Moeurs, eh. 
XLII): „La nation juive ose etaler uno haine irreconciliable contre toutes les 
nations, eile se revolte contre tous ses maitres; toujours super stitieuse, toujours 
avide du bien d'autrui, toujours barbare, — rampante dans le malheur, et 
insolente dans la prosperite". Auch über die geistigen Anlagen der Juden 
urteilt er kurz und apodiktisch; er behauptet: „Les Juifs n'ont jamais rien 
invente" (La defense de mon oncle, eh. VII), und in dem Essai sur les Moeurs 
führt er in mehreren Kapiteln aus, die Juden hätten stets von anderen 
Nationen gelernt, niemals aber selber die anderen etwas gelehrt; selbst ihre 
Musik, sonst allgemein gelobt, kann Voltaire nicht ausstehen: „Retournez en 

Judee le plus tot que vous pourrez vous y executeriez ä plaisir dans 

votre detestäble jargon votre detestable musique" (6me lettre du Dictionnaire). 
Diese eigentümliche geistige Sterilität der Juden erklärt er an anderen Orten 
durch die unmässige Gier nach Gold: „L'argentfut l'objet de leur conduite dans 
tous les temps" (Dieu et les hommes, XXIX). An hundert Stellen spottet Voltaire 
über die Juden, z. B. in Zadig (eh. X), wo der Jude einen feierlichen Dank zu 
Gott emporsendet für einen gelungenen Betrug; die beissendste Satire auf das 
Judentum, die es überhaupt giebt, ist ohne Frage die Schrift Un Chretien 
contre six Juifs. Und doch haftete allen diesen Äusserungen eine gewisse 
Reserve an, da sie für die Veröffentlichung bestimmt waren; wogegen Voltaire 
in einem Brief an den Chevalier de Lisle vom 15. Dezember 1773 (also an 
seinem Lebensende, nicht in der Hitze der Jugend) seine Meinung ohne 
Zurückhaltung aussprechen durfte: „Que ces deprepuce d'Israel se disent de la 
tribu de Nephthali ou d'Issachar, cela est fort peu important; ils n'en sont pas 
moins les plus grand gueux qui aient jamais souille la face du globe". — Man 
sieht, der feurige Franzose urteilt über die Juden wie nur irgend ein 
fanatischer Bischof; er unterscheidet sich höchstens durch den Zusatz, den er 
hin 



400 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



historische Entwickelung, für den Verfall mancher heldenmütiger, 
kraftstrotzender Völker trifft, diese Verantwortung noch schwerer 
auf den Häuptern jener Europäer lastet, welche die zersetzende 
Thätigkeit der Juden aus den schnödesten Gründen stets 
ermutigt, beschützt, gefördert haben, und das sind in erster Reihe 
die Fürsten und der Adel — und zwar von dem ersten Säculum 
unserer Zeitrechnung an bis zum heutigen Tage. Man schlage die 
Geschichte welches europäischen Volkes man will auf, überall 
wird man, sobald die Juden zahlreich sind und sich „zu fühlen" 
beginnen, bittere Klagen aus dem Volk, aus dem 
Kaufmannsstand, aus den Kreisen der Gelehrten und der 
dichterischen Seher gegen sie erheben hören, und immer und 
überall sind es die Fürsten und der Adel, welche sie beschützen: 
die Fürsten, weil sie Geld zu ihren Kriegen brauchen, der Adel, 
weil er leichtsinnig lebt. Von Wilhelm dem Eroberer z. B. erzählt 
Edmund Burke, 1 ) dass, da die Einkommen aus „talliage" und aus 
allerhand anderen drückenden Steuern ihm nicht genügten, er 
von Zeit zu Zeit den Juden ihre Schuldscheine entweder 
konfiszierte oder für ein Spottgeld abzwang, wodurch dann, da 
fast der gesamte anglo-normännische Adel des 11. Jahrhunderts 
in den Händen der jüdischen Wucherer lag, der 



und wieder seinen heftigsten Ausfällen anhängt „II ne faut pourtant pas les 
brüler. " Ein fernerer Unterschied liegt in der Thatsache, dass es ein humaner, 
toleranter und gelehrter Mann ist, der dieses überaus scharfe Urteil fällt. Doch 
wie erklärt man das Vorhandensein einer so erbarmungslos einseitigen, jede 
Hoffnung ausschliessenden Gesinnung bei einem so liberal denkenden Manne, 
einer Gesinnung, die in ihrer Masslosigkeit unvorteilhaft von den oben 
angeführten Worten der deutschen Weisen absticht? Hier könnte unsere Zeit 
viel lernen, wenn sie es wollte! Denn man sieht, dass diesem gallischen Drang 
nach Gleichheit und Freiheit nicht die Liebe zur Gerechtigkeit, nicht die 
Achtung vor der Individualität zu Grunde liegt; und man darf weiter folgern: 
nicht aus Prinzipien ergiebt sich Verständnis, nicht aus allgemeiner 
Menschenfreundlichkeit die Möglichkeit, in würdevollem Frieden 
nebeneinander zu leben, sondern einzig die rücksichtslose Anerkennung des 
Trennenden der eigenen Art und der eigenen Interessen kann gerecht machen 
gegen fremde Art und fremde Interessen. 

*) An Abridgment ofEnglish History, book III., eh. 2. 



401 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



König selber der erbarmungslos strenge Gläubiger seiner 
hervorragendsten Unterthanen wurde. Dabei beschützte er 
zugleich die Juden und verlieh ihnen Privilegien aller Art. Dieses 
eine Beispiel stehe für Tausende und Abertausende. 1 ) Haben also 
die Juden einen grossen und historisch verderblichen Einfluss 
ausgeübt, so ist es nicht zum Wenigsten Dank der Komplizität 
jener beiden Elemente, die in geradezu niederträchtiger Weise die 
Juden zugleich verfolgten und ausnutzten. Und zwar dauert dies 
bis hinab ins 19. Jahrhundert: Graf Mirabeau steht schon vor der 
Revolution mit den Juden in engster Fühlung, 2 ) Fürst Talleyrand 
verficht in der Constituante ihre unbedingte Emanzipation gegen 
die Vertreter aus den bürgerlichen Ständen, Napoleon beschirmt 
sie, als nach so wenigen Jahren schon aus ganz Frankreich 
klagende Bitten um Schutz gegen sie bei der Regierung eingereicht 
werden, und zwar thut er es, obwohl er selber im Staatsrate 
ausgerufen hatte: „Heuschrecken und Raupen sind diese Juden, 
sie fressen mein Frankreich auf!" — er brauchte eben ihr Geld; 
Fürst Dalberg verkauft den Frankfurter Juden, der gesamten 
Bürgerschaft 



*) Der berühmte Nationalökonom Dr. W. Cunningham vergleicht in seinem 
Buche The Growth of English industry and commerce during the early and 
middle ages (3. Aufl., 1896, S. 201) die Wirksamkeit der Juden in England 
vom 10. Jahrhundert an mit einem Schwämme, der alle Wohlhabenheit 
des Landes aufsaugt und dadurch jede wirtschaftliche Entfaltung hintanhält. 
Interessant ist daselbst der Nachweis, dass schon zu jenen frühen Zeiten die 
Gesetzgebung sich alle Mühe gab, die Juden zu der Annahme anständiger 
Gewerbe und ehrlicher Arbeit zu veranlassen, und dadurch zugleich zur 
Amalgamierung mit der übrigen Bevölkerung, doch alles ohne Erfolg. 

2 ) Über Mirabeau's Beeinflussung durch „die klugen Weiber aus der 
Judenschaft" (wie Gentz sagt) und seine Zugehörigkeit zu wesentlich 
jüdischen geheimen Verbindungen siehe, ausser Graetz: Volkst. Geschichte der 
Juden (III, 600, 610 fg.), ganz besonders lAbbe Lemann: L'entree des Israelites 
dans la societe francaise, Buch III, Kap. 7; als konvertierter Jude versteht 
dieser Autor, was andere nicht verstehen, und zugleich sagt er, was die 
jüdischen Autoren verschweigen. Vor Allem wichtig dürfte bei Mirabeau die 
Thatsache sein, dass er von Jugend auf stark verschuldet an die Juden war 
(Carlyle: Essay on Mirabeau). 



402 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



zum Trotz, die vollen Bürgerrechte für eine halbe Million Gulden 
(1811), die Hardenbergs und die Metternichs lassen sich beim 
Wiener Kongress vom Bankhaus Rothschild umgarnen, und, 
entgegen den Stimmen sämtlicher Bundesvertreter, verfechten sie 
den Nachteil der Deutschen und den Vorteil der Juden und setzen 
schliesslich ihren Willen durch, ja, die beiden durch sie 
vertretenen konservativsten Staaten sind die ersten, welche 
diejenigen Mitglieder des „fremden, asiatischen Volkes", die in den 
Jahren der allgemeinen Not und des Jammers auf unsauberem 
Wege zu ungeheueren Reichtümern gelangt waren, in den 
erblichen Adelstand erheben, was ehrlichen und verdienten Juden 
nie geschehen war. 1 ) Waren also die Juden für uns eine 
verderbliche Nachbarschaft, so fordert doch die Gerechtigkeit das 
Geständnis, dass sie nach der Natur ihrer Instinkte und ihrer 
Gaben handelten, wobei sie zugleich ein wahrhaft 
bewunderungswürdiges Beispiel der Treue gegen sich selbst, 
gegen die eigene Nation, gegen den Glauben der Väter gaben; die 
Versucher und die Verräter waren nicht sie, sondern wir. Wir 
selber waren die verbrecherischen Helfershelfer der Juden, das 
war so und ist noch heute so; und wir selber übten Verrat an 
dem, was der erbärmlichste Bewohner des Ghetto heilig hielt, an 
der Reinheit des ererbten Blutes: auch das war schon früher so, 
und ist so heute mehr denn je. Einzig die christliche Kirche 
scheint unter den grossen Mächten im Ganzen gerecht und weise 
gehandelt zu haben (wobei man natürlich von jenen Bischöfen 
absehen muss, die eigentlich weltliche Fürsten waren, sowie von 
einzelnen Päpsten). Die Kirche hat die Juden im Zaum gehalten, 
sie als fremde Menschen behandelt, zugleich aber sie vor 
Verfolgung geschützt. Jede anscheinend „kirchliche" Verfolgung 
wurzelt in Wahrheit in unerträglich gewordenen ökonomischen 
Zuständen; nirgends sieht 



*) Übrigens ist dies eine alte Gepflogenheit der Fürsten, die nicht den Juden 
allein zu Gute kommt; schon Martin Luther muss berichten: „Die Fürsten 
lassen die Diebe hängen, die einen Gulden oder einen halben gestohlen haben, 
und handthieren mit denen, die alle Welt berauben und stehlen mehr, denn 
alle Andern" (Von Kaufhandlung und Wucher). 



403 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



man das deutlicher als in Spanien. Heute, wo die öffentliche 
Meinung so arg irregeleitet wird, indem die Juden ihre 
unversöhnliche Feindschaft vor allem gegen jede Erscheinung des 
christlichen Glaubens bethätigen, mag es gut sein, daran zu 
erinnern, dass die letzte Handlung der vorbereitenden 
Versammlung jenes ersten in unseren Zeiten zusammenberufenen 
Synedriums des Jahres 1807 eine spontane Kundgebung des 
Dankes an die Geistlichen der verschiedenen christlichen Kirchen 
war für ihren durch Jahrhunderte gewährten Schutz. *) 

Innere Berührung 

Doch genug dieser flüchtigen historischen Fragmente. Sie 
zeigen, dass „der Eintritt der Juden" auf den Gang der 
europäischen Geschichte seit dem 1. Jahrhundert einen nicht 
geringen und einen nach manchen Richtungen hin gewiss 
verhängnisvollen Einfluss ausgeübt hat. Damit ist aber über den 
Juden selber noch wenig ausgesagt; dass der nordamerikanische 
Indianer an dem Kontakt des Indoeuropäers ausstirbt, beweist 
noch nicht, dass letzterer ein schlechter, verderbnisvoller Mensch 
sei: dass der Jude uns schadet oder nützt, ist eine zu vielseitig 
bedingte Aussage, um ein sicheres Urteil über sein Wesen zu 
gestatten. Überhaupt steht der Jude seit 19 Jahrhunderten nicht 
bloss in 



*) Diogene Tama: Collection des actes de VAssemblee des Israelites de France 
et du royaume d'ltalie (Paris 1807. p. 327, 328; der Verfasser ist Jude und war 
Sekretär des Abgesandten der Juden der Bouches-du-Rhöne, M. Constantini) . 
Nach einer ausführlichen Begründung schliesst das betr. Dokument: „Les 
deputes israelites arretent: Que Vexpression de ces sentiments sera consignee 
dans le proces-verbäl de ce jour pour qu'elle demeure ä jamais comme un 
temoignage authentique de la gratitude des Israelites de cette Assemblee pour 
les bienfaits que les generations qui les ont precedes ont recus des 
ecclesiastiques des divers pays d'Europe." Eingebracht wurde der Antrag von 
M. Isaac Samuel Avigdor, Vertreter der Juden in den Alpes-Maritimes. Tama 
setzt hinzu, die Rede des Avigdor sei mit Beifall aufgenommen und ihre 
Aufnahme in extenso ins Protokoll beschlossen worden. — Die heutigen 
jüdischen Historiker melden kein Wort von dieser wichtigen Begebenheit. 
Nicht allein Graetz übergeht sie mit Stillschweigen, sondern auch Bedarride: 
Les Juifs en France (1859), trotzdem er sich den Anschein giebt, als berichte er 
ausführlich protokollarisch. 



404 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



äusserer Beziehung mit unserer Kultur als mehr oder 
weniger willkommener Hospitant, sondern auch in innerer 
Berührung. Wie Kant mit Recht bemerkt, ist die Erhaltung des 
Judentums in erster Reihe das Werk des Christentums. 1 ) Aus 
seiner Mitte — wenn auch nicht aus seinem Stamm und seinem 
Geist — ging Jesus Christus, gingen die frühesten Bekenner der 
christlichen Religion hervor. Jüdische Geschichte, jüdische 
Vorstellungen jüdisches Denken und Dichten wurden zu 
wichtigen Bestandteilen unseres seelischen Lebens. Es geht wohl 
doch nicht an, jene äussere Reibung von dieser inneren 
Durchdringung ganz zu trennen. Hätten wir den Juden nicht 
feierlich zu unserem Ohm ernannt, er wäre bei uns ebensowenig 
heimisch geworden wie der Sarazene, oder wie jene übrigen 
Wracke halb semitischer Völkerschaften, welche nur durch 
bedingungsloses Aufgehen in den Nationen Südeuropas ihr Leben 
— doch nicht ihre Individualität — retteten. Der Jude dagegen war 
ein gefeites Wesen; mochte er auch hin und wieder auf den 
Scheiterhaufen geschleppt werden, die blosse Thatsache, dass er 
Jesum Christum gekreuzigt hatte, umgab ihn mit einem 
feierlichen, Furcht erregenden Nimbus. Und während das Volk auf 
diese Weise fasciniert wurde, studierten die Gelehrten und 
heiligen Männer Tag und Nacht in den Büchern der Hebräer: von 
den Aussprüchen jüdischer Hirten, wie Arnos und Micha, 
getroffen, fielen die Denkmäler einer Kunst, wie sie die Welt nie 
wieder erblickt hat; vor dem Hohn jüdischer Priester sank die 
Wissenschaft verachtet dahin; entvölkert wurden Olymp und 
Walhall, weil es die Juden so wollten; Jahve, der zu den Israeliten 
gesprochen hatte: „Ihr seid mein Volk und ich bin euer Gott", 
wurde nun der Gott der Indoeuropäer; von den Juden 
übernahmen wir die verhängnisvolle Lehre von der unbedingten 
religiösen Intoleranz. Zugleich aber übernahmen wir sehr grosse 
erhabene Seelenregungen; wir gingen bei Propheten in die Lehre, 
welche eine so herbe, reine Moral predigten, wie ihresgleichen nur 
noch auf dem fernen Boden Indiens zu finden gewesen wäre; wir 
lernten einen so lebendigen, Leben gestalten- 



*) Die Religion, allg. Anm. zum 3. Stück. 



405 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



den Glauben an eine höhere göttliche Macht kennen, dass er 
notwendigerweise unsere Seele umgestalten und ihr eine neue 
Richtung geben musste. War auch Christus der grosse 
Baumeister, die Architektur entlehnten wir von den Juden. Jesaia, 
Jeremia, die Psalmisten wurden und sind noch lebendige Kräfte in 
unsrem seelischen Leben. 

Wer ist der Jude? 

Heute nun, wo diese innere Berührung schwächer zu werden 
beginnt, während jene früher genannte äussere Reibung täglich 
zunimmt, heute, wo wir der jüdischen Nähe gar nicht mehr 
ausweichen können, darf es uns nicht genügen zu wissen, dass 
fast alle hervorragenden und freien Männer, von Tiberius an bis 
zu Bismarck, die Gegenwart des Juden in unserer Mitte als eine 
politisch- soziale Gefahr betrachtet haben, sondern wir müssen im 
Stande sein, auf Grundlage ausreichender Sachkenntnis selber 
bestimmte Urteile zu fällen und darnach zu handeln. Man hat 
„Antisemitenkatechismen" herausgegeben, in denen Hunderte von 
Aussagen bekannter Männer gesammelt sind; abgesehen davon 
aber, dass mancher Spruch, aus dem Zusammenhang gerissen, 
nicht ganz redlich die Absicht des Verfassers wiedergiebt, und 
dass aus manchen anderen ignorantes, blindes Vorurteil spricht, 
ist doch offenbar ein eigenes Urteil mehr wert, als zweihundert 
nachgeplapperte, und ich wüsste nicht, wie wir zu einem 
kompetenten Urteil gelangen könnten, wenn wir nicht einen 
höheren Standpunkt einnehmen lernen als den der bloss 
politischen Betrachtung, auch wüsste ich nicht, wie dieser 
Standpunkt gewonnen werden könnte auf einem anderen Boden, 
als auf dem der Geschichte, nicht aber unserer modernen 
Geschichte — denn hier Wären wir Richter und Partei zugleich — 
sondern der Geschichte von dem Werden des jüdischen Volkes. 
Dokumente liegen in Hülle und Fülle vor; gerade im 19. 
Jahrhundert sind sie durch die hingebende Arbeit gelehrter 
Männer — zumeist Deutscher, doch auch hervorragender 
Franzosen, Holländer und Engländer — geprüft, kritisch gesichtet 
und historisch klassifiziert worden; viel bleibt noch zu thun, doch 
ist schon genug geschehen, damit wir eines der merkwürdigsten 
Blätter menschlicher Historie im Grossen und Ganzen deutlich 
und sicher überblicken können. 



406 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Dieser Jude, der so ewig unveränderlich, so beharrlich, wie 
Goethe sagt, erscheint, er ist doch geworden, langsam 
geworden, ja, „künstlich" geworden. Sicherlich wird er auch, wie 
alles Gewordene, vergehen. Schon das bringt ihn uns menschlich 
näher. Was ein „Semit" ist, das vermag kein Mensch zu sagen. Vor 
hundert Jahren glaubte es die Wissenschaft zu wissen: Semiten 
waren die Söhne Sem's; jetzt wird die Antwort immer 
unbestimmter; man hatte gewähnt, das sprachliche Kriterium sei 
entscheidend: ein gewaltiger Irrtum! Zwar bleibt der Begriff 
„Semit" unentbehrlich, weil durch ihn ein vielseitiger Komplex 
historischer Erscheinungen in seiner Zusammengehörigkeit 
bezeichnet wird; es fehlt jedoch jede feste Grenzlinie; an der 
Peripherie schmilzt diese ethnographische Vorstellung mit 
anderen zusammen. Schliesslich bleibt der „Semit" als Begriff 
einer Urrasse, gleichwie der „Arier", einer jener Rechenpfennige, 
ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber 
wohl hüten muss für bare Münze zu halten. Die wirkliche bare 
Münze sind dagegen jene empirisch gegebenen, historisch 
gewordenen nationalen Individualitäten, von denen ich im vorigen 
Kapitel gesprochen habe, solche Individualitäten wie z. B. die 
Juden. Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: 
physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von 
Inzucht; psychisch durch den Einfluss, welchen lang anhaltende, 
historisch-geographische Bedingungen auf jene besondere, 
spezifische, physiologische Anlage ausüben. 1 ) Wollen wir also (und 
das, meine ich, muss die Hauptaufgabe dieses Kapitels sein) den 
Juden fragen: wer bist du? so müssen wir zuerst 
erforschen, ob dieser so scharf ausgeprägten Individualität nicht 
eine Blutmischung zu Grunde liegt, und sodann — wenn das 
Resultat ein bejahendes ist — verfolgen, wie die hierdurch 
entstandene eigenartige Seele sich immer weiter differenzierte. Wie 
nirgends an- derswo kann man gerade beim Juden diesen 
Vorgang verfolgen; denn die gesamte jüdische Nationalgeschichte 
gleicht einem fortwährenden Ausscheidungsverfahren; der 
Charakter des jüdischen 



x ) Vergl. S. 288. (Betreffs des Semiten siehe auch S. 349.) 



407 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Volkes wird immer individueller, immer ausgesprochener, immer 
einfacher: zuletzt bleibt gewissermassen vom ganzen Wesen nur 
das mittlere Knochengerüst übrig: die langsam gereifte Frucht 
wird ihrer flaumigen, farbigen Hülle, ihres saftigen Fleisches 
beraubt, denn diese könnten von aussen befleckt und angefressen 
werden: einzig der steinigte Kern besteht weiter, zwar 
verschrumpft und dürr, der Zeit aber trotzend. Doch, wie gesagt, 
das war nicht immer so. Was aus den heiligen Büchern der 
Hebräer in die christliche Religion übergegangen ist, stammt nicht 
aus diesem Greisenalter des eigentlichen Judentums, sondern 
teils aus der Jugend des viel weiteren, phantasievolleren 
„israelitischen" Volkes, teils aus dem Mannesalter des kaum erst 
von Israel getrennten, noch nicht von den übrigen Nationen der 
Erde hochmütig sich scheidenden Judäers. Der Jude, den wir jetzt 
kennen und am Werke sehen, ist erst nach und nach Jude 
geworden; nicht jedoch, wie die historische Lüge noch immer zu 
behaupten beliebt, im Laufe des christlichen Mittelalters, sondern 
auf nationalem Boden, im Verlaufe seiner selbständigen 
Geschichte; sein Schicksal schuf sich der Jude selber; in 
Jerusalem stand der erste Ghetto, die hohe Mauer, welche den 
Rechtgläubigen und Rechtgeborenen von den Goyim schied, 
diesen den Eintritt in die eigentliche Stadt verwehrend. Weder 
Jakob, noch Salomo, noch Jesaia würden in Rabbi Akiba (dem 
grossen Schriftgelehrten des Talmud) ihren Enkel erkennen, 
geschweige ihren Urenkel in Baron Hirsch oder dem Diamanten- 
Barnato. 1 ) 



*) Für die messianische Zeit war der Traum der späteren Juden (im 
Gegensatz zu den freier denkenden Israeliten früherer Jahrhunderte), den 
Fremden den Eintritt in Jerusalem überhaupt zu verwehren; man schlage nur 
Joel III, 22 nach; und da dieser sehr späte Prophet — aus der hellenischen 
Zeit — zugleich sagt, Gott Werde ewig in Jerusalem und nur in Jerusalem 
wohnen, so bedeutet jenes Verbot das Ausschliessen aller Völker von Gottes 
Gegenwart. Das war die Toleranz der Juden! — Dass die meisten Rabbiner alle 
NichtJuden vom Anteil an einer zukünftigen Welt ausschlössen, andere sie nur 
als eine verachtete Menge dort duldeten (siehe Traktat Gittin fol. 57a des 
Babylonischen Talmud, und Weber, System der altsynagogalen palästinischen 
Theologie, S. 372, nach Laible), ist 



408 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Versuchen wir also, uns auf dem kurzen Wege möglichster 
Vereinfachung die wesentlichen Züge dieser eigenartigen 
Volksseele, wie sie nach und nach immer schärfere und 
einseitigere Ausprägung gewannen, deutlich vorzuführen. Der 
Gelehrsamkeit bedarf es keineswegs; denn auf die Frage: wer bist 
du? erteilt, wie schon bemerkt, der Jude selber und gleichfalls 
sein Vorahne, der Israelit, von jeher die klarste Antwort; dazu 
kommt dann die Summe wissenschaftlicher Arbeit, von Ewald bis 
Wellhausen und Ramsay, von De Wette und Reuss bis Duhm und 
Cheyne; wir haben nur das Facit zu ziehen, wie es der praktische 
Mann braucht, der, inmitten des brausenden Weltgetriebes, sein 
Urteil auf bestimmte Einsichten will gründen können. 

Nur noch zwei, rein methodische Bemerkungen. Da früher, 
namentlich in dem Kapitel über die Erscheinung Christi, schon 
eingehend von den Juden die Rede war und dieses Thema 
voraussichtlich später wieder auftauchen wird, so durfte sich der 
Verfasser hier auf die Kernfrage beschränken und im Übrigen für 
manche Ausführung auf bereits Gesagtes oder später zu Sagendes 
verweisen. Was andrerseits die benutzten Autoren anbelangt, so 
war es nicht zu umgehen, dass ausser der Bibel und einigen 
eingehend studierten neueren jüdischen Schriftstellern auch viele 
nichtjüdische Gelehrte zu Rate gezogen wurden; für die Kenntnis 
der Propheten und für die richtige Auffassung geschichtlicher 
Vorgänge war das unentbehrlich; jedoch sind diese Gelehrten, 
selbst die freisinnigsten unter ihnen, lauter Männer, welche für 
das jüdische Volk — mindestens in seiner früheren Gestalt — eine 
grosse, vielleicht übertriebene Bewunderung an den Tag legen, 
und welche alle geneigt sind, dieses Volk als ein in irgend einem 
Sinne religiös „auserwähltes" zu betrachten. Dagegen blieben 
ausgesprochene Antisemiten grundsätzlich unberücksichtigt; es 
geschah im Interesse der Darstellung. 



schliesslich nur logisch; was dagegen komisch wirkt, ist die Behauptung der 
heutigen Juden, ihre Religion sei „die Religion der Humanität"! 



409 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Gliederung der Untersuchung 

Über einen Gegenstand, der mir ausserordentlich wichtig 
dünkt, hat die Wissenschaft der letzten Jahre viel Licht verbreitet, 
nämlich über die Anthropogenie der Israeliten, d. h. 
über die physische Entstehungsgeschichte dieser besonderen 
nationalen Rasse. Freilich giebt es hier wie überall eine ewig 
unerforschliche Vergangenheit, und ohne Zweifel wird auch 
Manches, was kühne Archäologen eigentlich mehr mit den 
Fühlhörnern ihres wunderbar geübten Instinktes abgetastet und 
erraten, als mit ihren Augen zur Evidenz erschaut haben, durch 
neuere Forschungen und Entdeckungen noch weitgehende 
Korrekturen erfahren. Doch das gilt uns hier gleich. Das Wichtige 
und das, was eine feste Errungenschaft der Geschichte ausmacht, 
ist: erstens, dass das israelitische Volk das Produkt vielfältiger 
Mischungen darstellt, und zwar nicht Mischungen zwischen 
verwandten Typen (wie etwa die alten Griechen oder die heutigen 
Engländer), sondern zwischen physisch und moralisch durchaus 
von einander abweichenden Typen; zweitens, dass echt 
semitisches Blut (wenn dieser Notbegriff überhaupt einen Sinn 
behalten soll) wohl kaum die Hälfte dieses Gemenges ausmacht. 
Das sind sichere Ergebnisse der exakten anatomischen 
Anthropologie und der Geschichtsforschung, zweier 
Wissenszweige, welche sich hier gegenseitig helfend die Hand 
reichen. Eine dritte Einsicht ergänzt die genannten; wir verdanken 
sie den kritischen Bemühungen der biblischen Archäologie, durch 
welche in die höchst verwickelte Chronologie der aus den 
verschiedensten Jahrhunderten stammenden und dann ganz 
willkürlich, doch nicht planlos, zusammengestellten Schriften des 
Alten Testamentes endlich Licht gebracht worden ist: diese 
belehren uns, dass der eigentliche Jude nicht mit dem 
Israeliten im weiteren Sinne des Wortes zu identifizieren ist, dass 
das Haus Juda schon bei der Ansiedlung in Palästina sich von 
dem (die übrigen Stämme umfassenden) Hause Joseph durch 
Blutmischung und Anlage in etlichen Punkten unterschied, und 
zwar so, dass der Judäer zum Josephiten in einer Art geistiger 
Abhängigkeit stand, und dass er erst relativ sehr spät, nach der 
gewaltsamen Absonderung von seinen Brüdern, eigene Wege — 
die Wege, die zum Judentum führten — zu wandeln begann, 



410 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



welche ihn dann bald durch seine zum religiösen Prinzip erhobene 
Inzucht von der ganzen Welt isolierten. Der Jude kann insofern 
ein Israelit genannt werden, als er ein Schössling aus jener 
Familie ist; der Israelit dagegen, auch der aus dem Stamme Juda, 
war zunächst kein Jude, sondern der Jude begann erst dann zu 
entstehen, als die kräftigeren Stämme des Nordens durch die 
Assyrer vernichtet worden waren. Um zu erfahren, wer der Jude 
ist, haben wir also zunächst festzustellen, wer der Israelit war, 
und sodann erst nachzufragen, wie der Israelit des Stammes Juda 
(und Benjamin) zum Juden wurde. Und da ist Vorsicht im 
Gebrauch der Quellen nötig. Erst nach der babylonischen 
Gefangenschaft künstelte man nämlich den spezifisch jüdischen 
Charakter in die Bibel hinein, indem ganze Bücher erfunden und 
dem Moses zugeschrieben wurden, und indem häufig Vers für 
Vers Interpolationen und Korrekturen die freiere Anschauung 
Altisraels verwischten und durch den engen jerusalemitischen 
Jahvekultus ersetzten, als habe dieser von jeher in Folge göttlicher 
Satzung bestanden. Dies hat das Verständnis des allmählichen 
und durchaus menschlich-historischen Werdeganges des 
jüdischen Nationalcharakters lange verdunkelt. Nun endlich ist es 
auf diesem Gebiete ebenfalls hell geworden. Und auch hier 
können wir sagen: wir halten eine dauernde Errungenschaft 
wissenschaftlicher Forschung in der Hand. Ob spätere 
Untersuchungen diesen und jenen Satz des Hexateuchs, den man 
heute der „jahvistischen" Abfassung zuschreibt, als der 
„elohistischen", oder als dem spätesten „Redaktor" angehörig 
nachweist, ob ein bestimmter Spruch von dem wirklichen Jesaia 
oder von dem sogenannten Deuterojesaia herrührt, das hat alles 
seine Wichtigkeit, wird aber niemals etwas an der Erkenntnis 
ändern, dass das eigentliche Judentum mit seinem besonderen 
Jahveglauben und seiner ausschliesslichen Herrschaft des 
priesterlichen Gesetzes das Ergebnis einer nachweisbaren und 
höchst eigentümlichen, historischen Verkettung und des 
Eingreifens einzelner zielbewusster Männer ist. 

Diese drei Thatsachen sind zunächst für jede Erkenntnis 
jüdischen Wesens grundlegend; sie dürfen nicht der Besitz einer 
gelehrten Minderheit bleiben, sondern müssen dem Bewusstsein 



411 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



aller Gebildeten einverleibt werden. Ich wiederhole sie in 
präciserer Fassung: 

1. Das israelitische Volk ist aus der Kreuzung durchaus 
verschiedener Menschentypen hervorgegangen; 

2. das semitische Element mag wohl moralisch das kräftigere 
gewesen sein, physisch jedoch trug es kaum die Hälfte zur 
Zusammensetzung der neuen ethnologischen Individualität 
bei; es geht also nicht an, die Israeliten kurzweg „Semiten" 
zu nennen, sondern die Beteiligung der verschiedenen 
Menschentypen an der Bildung der israelitischen Rasse 
erfordert eine quantitative und qualitative Analyse; 

3. der eigentliche Jude entstand erst im Laufe der 
Jahrhunderte durch allmähliche physische Ausscheidung 
aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch 
progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und 
systematische Verkümmerung anderer; er ist nicht das 
Ergebnis eines normalen nationalen Lebens, sondern 
gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine 
Priesterkaste, welche dem widerstrebenden Volke mit Hilfe 
fremder Herrscher eine priesterliche Gesetzgebung und 
einen priesterlichen Glauben aufzwang. 

Hierdurch ist die Gliederung für die folgende Darstellung 
gegeben. Ich werde zunächst die Geschichte und die Anthropologie 
befragen, damit wir erfahren, aus welchen Rassen die 
neue israelitische Rasse (als Grundlage der jüdischen) hervorging; 
sodann wird die Beteiligung dieser verschiedenen Menschentypen 
in ihrer physischen und namentlich in ihrer moralischen 
Bedeutung analysiert werden müssen, wobei unser Augenmerk 
sich natürlich ganz besonders auf die Auffassung der 
Religion bei ihnen richten wird, da die Grundlage des 
Judentums der von ihm gelehrte Glaube ist und wir den Juden 
weder in der Geschichte noch heute in unserer Mitte richtig 
beurteilen können, wenn wir über seine Religion nicht vollständig 
im Klaren sind; zuletzt werde ich zu zeigen versuchen, wie unter 
dem Einfluss merkwürdiger historischer Begebenheiten das 
spezifische J u - 



412 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



dentum gegründet und dauernd in seiner besonderen 
unvergleichlichen Eigenart befestigt werde. Hiermit dürfte die 
Aufgabe dieses Kapitels, wie ich sie vorhin präcisierte, erledigt 
sein; denn die jüdische Rasse — wenn sie auch zu gewissen Zeiten 
später manches fremde Element aufnahm — blieb im Ganzen so 
rein wie sonst keine zweite, und die jüdische Nation ist von allem 
Anfang an eine wesentlich „ideale" gewesen, d. h. sie bestand in 
dem Glauben an eine bestimmte Nationalidee, nicht in dem Besitz 
eines eigenen freien Staates, noch in dem gemeinschaftlichen 
Zusammenleben und -wirken auf dessen Boden, und diese Idee ist 
die selbe heute wie vor 2000 Jahren. Rasse und Ideal machen 
aber zusammen die Persönlichkeit des Menschen aus; sie 
beantworten die Frage: wer bist du? 

Entstehung des Israeliten 

Die Israeliten 1 ) sind aus der Kreuzung zwischen drei (vielleicht 
sogar vier) verschiedenen Menschentypen hervorgegangen: dem 
semitischen Typus, dem syrischen (richtiger gesagt hethitischen) 
und dem indoeuropäischen (möglicher Weise floss auch 
turanisches oder, wie man in Deutschland es häufiger nennt, 
sumero-akkadisches Blut in den Adern ihrer Urväter). 

Damit dem Leser ganz klar werde, wie diese Mischung 
stattfand, muss ich eine flüchtige historische Skizze 
vorausschicken; sie soll nur dazu dienen, das Gedächtnis für 
allbekannte Thatsachen aufzufrischen und das Verständnis der 
Entstehungsgeschichte der jüdischen Rasse anzubahnen. 

Ist auch der Begriff „Semit", insofern man darin eine von 
Uranfang existierende, reine, autonome Rasse, gleichsam eine 
besondere Schöpfung Gottes erblicken will, gewiss ein pures 
Gedankending, so steht es doch um diesen Begriff besser als um 
den 



*) Und nicht sie allein, sondern ihre Stammesgenossen, die Ammoniter, die 
Moabiter und die Edomiter, die mit ihnen zusammen die Familie der H e b r 
ä e r ausmachen, ein Name, welcher mit Unrecht den Israeliten allein oder 
gar den blossen Juden beigelegt zu werden pflegt (siehe Wellhausen: 
Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. S. 7); zu derselben Familie 
gehören ebenfalls die Midianiter und die Ismaeliter (Maspero: Histoire 
ancienne, ed. 1895, II. 65). 



413 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



des „Ariers", denn es lebt noch heute, unter unseren Augen, ein 
Volk, welches angeblich den reinen, ungetrübten Typus des 
Ursemiten darstellt: der Wüstenbeduin Arabiens. 1 ) Lassen wir den 
luftigen Ursemiten und halten wir uns an den Beduinen in Fleisch 
und Blut. Man nimmt an, und man hat guten Grund zu dieser 
Annahme, dass schon etliche Jahrtausende vor Christus 
Menschen, den heutigen Wüstenbeduinen äusserst ähnlich, in 
einem fast ununterbrochenen Flusse von Arabien nach Osten und 
Norden in das Zweistromland auswanderten. Arabien ist gesund, 
daher vermehrt sich seine Bevölkerung; sein Boden ist äusserst 
arm, daher muss ein Teil seiner Einwohner an anderem Orte seine 
Nahrung suchen. Es scheint, als wären diese Exodien bisweilen 
von grossen bewaffneten Mengen unternommen worden: der 
angestaute Menschenüberfluss wurde in solchen Fällen mit 
unüberwindlicher Macht aus der Heimat hinausgeschleudert und 
fiel erobernd in die benachbarten Länder ein; in anderen Fällen 
dagegen wanderten einzelne Sippen mit ihren Herden so friedlich 
wie möglich über die nirgends genau bestimmte Grenze von einem 
Weideplatz zum andern: bogen sie nicht, wie manche von ihnen 
thaten, bald nach Westen ab, so konnte es geschehen, dass sie bis 
an den Euphrat gelangten und, nach und nach, dem Strome 
folgend, bis hoch in den Norden hinauf. Von der vorerwähnten 
gewaltsamen Art, sich des Überschusses der Bevölkerung zu 
entladen, kennen wir denkwürdige Beispiele aus historischen 
Zeiten 



*) Dies scheint einstimmig von allen Autoren behauptet zu werden, 
Burkhardt habe ich im weiteren Verlaufe des Kapitels angeführt. Hier will ich 
mich einzig auf eine neuere und allseitig anerkannte Autorität berufen: 
William Robertson Smith. In seinem Religion of the Semites (ed. 1894, S. 8) 
sagt er: „Es kann als sicher angenommen werden, dass die Araber der Wüste 
seit unvordenklichen Zeiten eine ungemischte Rasse bilden." Zugleich macht 
der selbe Autor darauf aufmerksam, wie unzulässig es sei, die Babylonier, 
Phönicier u. s. w. kurzweg als „Semiten" zu bezeichnen, da zunächst lediglich 
die Verwandtschaft der Sprachen feststehe, alle diese sogenannten 
„semitischen Nationen" aber aus einer starken Blutmischung hervorgegangen 
seien. 



414 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



(unter den Römern und nach Mohammed); 1 ) das Werk einer 
gleichfalls durch grosse Massen bewirkten, doch friedlicheren 
Semitisierung erblicken wir in den grossen Kultur Staaten 
zwischen Tigris und Euphrat. Dort nämlich, wo, wie im 
Babylonischen Akkadien, die Semiten einer fertigen, starken, 
wehrhaften Kulturwelt begegneten, überwanden sie sie dadurch, 
dass sie mit ihr verschmolzen, ein Vorgang, den man jetzt für 
Babylonien fast Schritt für Schritt verfolgen kann. 2 ) Dagegen 
wanderten die Beni Israel als einfache Hirten in kleinen Gruppen 
aus und mussten, um ihren Viehstand zu behaupten, jedem 
kriegerischen Unternehmen, für das ihre kleine Zahl sie ohnehin 
untüchtig gemacht hätte, sorglich ausweichen. 3 ) — Natürlich giebt 
uns der biblische Bericht über die frühesten Wanderungen dieser 
Beduinenfamilie nur den matten Widerschein uralter mündlicher 
Traditionen, dazu vielfach gefälscht durch die Missverständnisse, 
Theorien und Absichten der spätgeborenen Skribenten; doch hat 
man keinen Grund, die Richtigkeit der allgemeinen Angaben zu 
bezweifeln, und zwar um so weniger, als sie nichts 
Unwahrscheinliches enthalten. Freilich ist alles in starker 
Verkürzung gesehen: ganze 



*) Das letzte Beispiel bot uns das Ende des 19. Jahrhunderts, wo die 
Araber, die von jeher nicht allein nach Norden und Osten, sondern ebenfalls 
nach Westen und Süden ausgezogen waren, einen grossen Teil Innerafrikas 
gänzlich verwüsteten. Immense Reiche, die im Jahre 1880 dicht bevölkert und 
über und über bebaut waren, sind inzwischen eine Wüstenei geworden. Von 
einem einzigen Araberhäuptling behauptet Stanley, er habe ein Gebiet von 
2000 Quadratmeilen verwüstet! (Siehe die Bücher von Stanley, Wissmann, 
Hinde u. s. w. und die kurze Zusammenfassung in Ratzel: Völkerkunde, 2. 
Aufl., II, 430. Vergl. auch oben das Kapitel „Römisches Recht", S. 140 Anm.j. 

2 ) Über den verschwundenen Menschentypus der Akkadier oder Sumerier, 
der Schöpfer der grossartigen Babylonischen Kultur, und über ihre 
allmähliche Semitisierung siehe Hommel, Sayce, Budge, Maspero. 

3 ) Zur Ergänzung und Berichtigung des Folgenden vergl. man das höchst 
interessante und empfehlenswerte Büchlein von Carl Steuernagel: Die 
Einwanderung der israelitischen Stämme in Kanaan, Berlin, 1901. 



415 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Familien sind zu einer einzigen Person verschmolzen (ein 
allgemeiner semitischer Brauch, „desgleichen es nur bei den 
Semiten giebt", sagt Wellhausen); andere angebliche Vorahnen 
sind einfach die Namen der Ortschaften, in deren Nähe sich die 
Israeliten lange Zeit aufgehalten hatten; Bewegungen, welche das 
Leben mehrerer Geschlechter in Anspruch nahmen, werden von 
einem Einzelnen ausgeführt. Dieses Bedürfnis nach 
Vereinfachung des Vielfältigen, nach Zusammendrängung des 
Auseinanderliegenden ist dem Volke eben so angeboren wie dem 
bewusst schaffenden Poeten. So lässt die Bibel z. B. Abraham als 
schon verheirateten Mann aus der Gegend von Ur, am untersten 
Laufe des Euphrats, bis in das nördliche Mesopotamien, am Fusse 
des armenischen Berglandes, auswandern, in jenes Paddan-Aram, 
von dem das Buch Genesis so häufig redet und das jenseit des 
Euphrats, zwischen diesem und dem Seitenfluss Khabur, liegt (in 
gerader Linie etwa 600 Kilometer, dem Flussthal aber folgend und 
den Weidenplätzen nachgehend mindestens 1500 Kilometer von 
Ur entfernt (vergl. die Kartenskizze auf S. 353); damit nicht genug, 
soll dieser selbe Abraham später von Paddan-Aram nach 
Südwesten, nach dem Lande Kanaan gezogen sein, von hier weiter 
nach Ägypten und schliesslich (denn von seinen kleineren Zügen 
sehe ich ab) von Ägypten wieder nach Kanaan zurück, und das 
alles von so zahlreichen Viehherden begleitet, dass er, um genug 
Weideland für sie zu finden, gezwungen war, sich von seinen 
nächsten Anverwandten zu trennen (Gen. XIII). Trotz dieser 
Verkürzung birgt die alte hebräische Tradition alles, was zu 
wissen Not thut, namentlich an solchen Stellen, wo die älteste 
Tradition fast unverfälscht vorliegt, worüber die Kritik schon 
eingehende Auskunft giebt. 1 ) Aus dieser Tradition entnehmen wir 
nun, dass die betreffende Beduinenfamilie zunächst bis in das 
Flussgebiet des südlchen Euphrats wanderte und sich längere 
Zeit in der Umgebung der Stadt Ur aufhielt. Diese Stadt lag 
südlich von dem grossen Fluss und bildete den äussersten 
Vorposten Chaldäas. Hier traten die 



*) Vergl. namentlich Gunkel's Handkommentar zur Genesis, 1901. 
(Inzwischen in 2. verbesserter Auflage erschienen). 



416 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



Nomaden zum erstenmal in Berührung mit Civilisation. Zwar 
konnten die Hirten nicht in deren eigentliches Gebiet eindringen, 
da prächtige Städte und ein hochentwickelter Bodenbau jeden Zoll 
Erde besetzt hielten, doch empfingen sie dort unvergängliche 
Eindrücke und Belehrungen (auf die ich noch zurückkomme); 
sogar solche Namen wie Abraham und Sarah haben sie dort erst 
kennen gelernt und erst später durch die von ihnen so beliebten 
Wortspiele ins Hebräische übertragen (Gen. XVII, 1-6). In der Nähe 
so hoher Kultur litt es sie jedoch nicht lange, oder vielleicht 
wurden sie von nachdrängenden Wüstensöhnen weitergeschoben. 
Und so sehen wir sie immer weiter nach Norden ziehen, 1 ) bis in 
das damals spärlich bevölkerte Paddan-Aram, 2 ) wo sie lange Zeit, 
mindestens etliche Jahrhunderte, verweilt haben müssen. Als 
aber die Weideplätze Mesopotamiens für den an Menschenzahl 
und Viehstand gewachsenen Familienverband nicht mehr 
ausreichten, da zog ein Teil aus jener nordöstlichen Ecke Syriens, 
Paddan-Aram, nach der südwestlichen, Ägypten zunächst 
gelegenen Ecke, Kanaan, wo er bei einem ansässigen, 
ackerbauenden Volke gastfreundliche Aufnahme fand und die 
Erlaubnis erhielt, seine Herden auf den Bergen zu weiden. Doch 
lebte Mesopotamien (Paddan-Aram) lange Zeit in dem Gedächtnis 



*) Die Richtung war ihnen vorgezeichnet, sie konnten von Ur aus keine 
andere wählen; denn während mehrerer hundert Kilometer läuft die Wüste 
parallel mit dem Euphrat, nur ein schmaler Saum bewässerten Bodens trennt 
sie von ihm; plötzlich aber, genau unter dem 35. Grad, hört die Wüste auf und 
es öffnet sich nach Westen, Süden und Norden das Land Syrien. Syrien 
reicht im Süden bis nach Ägypten, gegen Abend bis zum mittelländischen 
Meere, gegen Norden bis zum Taurus, im Osten wird es heute vom Euphrat 
begrenzt, umschloss jedoch nach früheren Verhältnissen und Vorstellungen 
das jenseit des mittleren Euphrats gelegene Mesopotamien, in welchem die 
Kinder Abraham 's Jahrhunderte lang Aufenthalt nahmen. 

2 ) Später war Mesopotamien lange Zeit hindurch eine künstlich bewässerte 
und in Folge dessen reich kultivierte Gegend; in früheren Zeiten jedoch war es, 
gleich wie heute, ein armes Land, wo nur nomadische Hirten ihr Auskommen 
finden konnten (Vgl. Maspero: Histoire ancienne, I, 563). 



417 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



der Abrahamiden als ihre echte Heimat fort. Jahve selber nennt 
Paddan-Aram Abraham 's „Vaterland" (Gen. XII, 1), und der 
mythische Abraham redet, nachdem er schon lange in Kanaan 
sich niedergelassen hat, noch immer mit Sehnsucht von seinem 

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Kartenskizze. 






fernen „Vaterland" und entsendet Boten in seine „Heimat" (Gen. 
XXIV., 4 und 7), um mit den dort zurückgebliebenen Verwandten 
wieder anzuknüpfen. Und so bleiben die Abrahamiden, obwohl 
schon in Kanaan ansässig, während jener langen Zeiten, welche 
zu den beiden pseudomythischen Namen Isaak und Jakob 
zusammengezogen worden sind, immerwährend halbe 
Mesopotamier; es ist ein ewiges Hin und Her; der südliche Zweig 
fühlt 



418 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



sich einem nördlichen Hauptstamm angehörig. 1 ) Doch es kam der 
Augenblick, wo sie noch weiter nach Süden ziehen mussten; in 
dürren Jahren genügte das Weideland Kanaans nicht mehr, 
vielleicht waren sie auch durch grössere Zahl den Kanaanitern 
unbequem geworden; und so wanderten sie, unter der ihnen 
befreundeten Regierung der halbsemitischen Hyksos, nach dem 
zu Ägypten gehörigen Lande Gosen aus. Erst dieser lange 
Aufenthalt in Ägypten 2 ) unterbrach den Verkehr zwischen den 
Mitgliedern dieser Familie und ihren Verwandten, den übrigen 
Hebräern (durch ganz Syrien zerstreut), so dass, als die Israeliten 
wieder nach Palästina zurückzogen, sie zwar in den Moabitern, 
Edomitern und anderen Hebräern noch entfernte Blutsangehörige 
erkannten, doch Hass und Geringschätzung statt der früheren 
Liebe für sie empfanden, eine Gesinnung, die erfrischend naiven 
Ausdruck in den Genealogien der Bibel fand, nach welchen einige 
dieser Geschlechter ihren Ursprung der Blutschande verdanken, 
andere von Kebsweibern herrühren sollen u. s. w. 

Von Israeliten im historischen Sinne des Wortes 
können wir eigentlich erst von diesem Augenblick an reden, wo sie 
als nicht sehr zahlreiches, doch fest gegliedertes Volk, auf der 
Flucht aus Ägypten erobernd in Kanaan einfallen, um dort einen 
von wechselnden, meist recht traurigen Schicksalen 
heimgesuchten Staat zu bilden, der aber, trotzdem er (wie das 
übrige Syrien) gewissermassen zwischen Hammer und Amboss 
lag, nämlich 



*) Diese Zeit, während welcher „der Vater Jakob sich zum Volke Israel 
ausbreitete", bezeichnet Wellhausen als „einen Jahrhunderte langen 
Zwischenraum" (Israelitische und jüdische Geschichte, S. 11). 

2 ) Nach Genesis XV vierhundert Jahre, was natürlich nicht buchstäblich zu 
nehmen ist, sondern als der Ausdruck einer fast undenklich langen Zeit. Die 
Zahl 40 war bei den Hebräern der Ausdruck für eine unbestimmte grosse 
Menge, 400 a fortiori. Renan meint, der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten 
habe nicht über ein Jahrhundert gedauert, nur die (mit ihnen vielleicht nicht 
näher verwandte und stark mit ägyptischem Blute versetzte) Familie der 
Josephiten sei dort sehr lange ansässig gewesen (Histoire du peuple d'Israel, 
13. ed. I,p. 112, 141, 142). 



419 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



mitten zwischen den sich bekämpfenden Grossmächten, es 
dennoch auf einen fast siebenhundertjährigen Bestand als 
unabhängiges Reich brachte. Dass diese Israeliten nicht sehr 
zahlreich waren, muss mit Nachdruck betont werden; es ist 
sowohl geschichtlich wie anthropologisch wichtig; denn diesem 
Umstände hat man es zuzuschreiben, dass die frühere und 
eigentlich ansässige Einwohnerschaft Kanaans (ein 
Gemisch von Hethitern und von indoeuropäischen Amoritern) nie 
vertilgt wurde und stets den Grundstock der Bevölkerung bildete, 
sogar am heutigen Tage noch bildet. *) Die Rassenmischungen, von 
denen ich sogleich reden werde, und die sofort beim ersten 
Betreten syrischen Bodens begonnen hatten, setzten sich in Folge 
dessen auch im autonomen Staate Israel, d. h. in Palästina, fort 
und nahmen erst nach dem babylonischen Exil, und zwar einzig 
in Judäa, durch ein neu eingeführtes Gesetz ein plötzliches Ende. 
Denn dass von den übrigen Israeliten sich später die Juden als 
ethnologische Einheit schieden, ist lediglich die Folge davon, dass 
die Einwohner Judäas endlich dieser fortwährenden 
Blutvermengung durch energische Gesetze Einhalt geboten (siehe 
Esra IX und X). 

Diese vorausgesandte flüchtige Skizze mag der unkundige 
Wissbegierige durch das Studium von Wellhausen's so knapp 
gehaltener Israelitische und jüdische Geschichte, von Stade 's 
Geschichte des Volkes Israel, durch Renan's ausführliche, 
leichtfüssig geschriebene Histoire du peuple d'Israel, durch 
Maspero's, einen weiten, umfassenden Überblick gewährende 
Histoire 



*) Sayce: The races of the Old Testament, 2d ed., p. 76, 113. „Der Römer 
vertrieb den Juden aus dem Lande, das seine Väter erobert hatten, dagegen 
war es den Juden nie gelungen, die echten Besitzer Kanaans hinauszutreiben. 

Der Jude hielt Jerusalem und Hebron, sowie die umliegenden Städte und 

Dörfer, sonst bildete er (auch im eigentlichen Judäa) ein Bruchteil der 

Bevölkerung. Sobald der Jude sich entfernte, z. B. beim babylonischen 

Exil oder nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, vermehrte sich 

die vom Druck befreite ursprüngliche Bevölkerung unter welcher die 

heutigen jüdischen Kolonien in Palästina eben solche Ausländer sind, wie 
etwa die deutschen Kolonien daselbst." 



420 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



ancienne des peuples de V Orient classique ergänzen; 1 ) inzwischen 
genügt sie, damit die Anthropogenie des Israeliten in ihren 
grossen Linien klar dargelegt und der anscheinend verwickelte 
Sachverhalt in möglichst einfacher Form dem Gedächtnis 
eingeprägt werden könne. Das will ich jetzt versuchen; wir werden 
sehen, wie der ursprüngliche, reinsemitische Auswanderer durch 
Blutmischung zuerst ein Hebräer wurde, sodann ein Israelit. 

Der echte Semit 

Die vorstehende historische Skizze zeigt uns als Ausgangspunkt 
eine Beduinenfamilie. 2 ) Stellen wir zunächst das Eine fest: dieser 
reine Semit, der ursprüngliche Auswanderer aus den Wüsten 
Arabiens, ist und bleibt die treibende Kraft, das Lebensprinzip, die 
Seele der durch vielfache Kreuzungen entstehenden neuen 
ethnischen Einheit der Israeliten. Mochten im Verlauf der Zeiten, 
nicht allein in Folge ihres Schicksals, sondern vor Allem in Folge 
der Blutmischung mit durchaus abweichenden Menschentypen, 
seine Nachkommen sich noch so sehr, moralisch und physisch, 
von ihm, dem urväterlichen Beduinen unterscheiden, ihr spiritus 
rector blieb er doch in gar mancher Beziehung, sowohl 



*) Ich nenne nur die neuesten, bedeutendsten und zuverlässigsten Bücher, 
von wahren Gelehrten geschrieben, doch Ungelehrten zugänglich. Von den 
älteren bleibt Duncker's Geschichte des Altertums in vielen Beziehungen 
unerreicht, auch für die Geschichte Israels. 

2 ) Freilich, nach der jetzt fast überall herrschenden Anschauung soll der 
Semit überhaupt, auch jener reinste Beduinentypus, von Hause aus der 
absoluteste Mischling sein, den man sich denken kann, die Frucht einer 
Kreuzung zwischen Neger und Weissen! Gobineau hatte das vor 50 Jahren 
gepredigt und war ausgelacht worden; heute ist seine Meinung die orthodoxe; 
Ranke fasst sie in seiner Völkerkunde (II. 399) folgendermassen zusammen: 
„Die Semiten gehören zu den mulattenhaften Übergangsgliedern 
zwischen Weissen und Schwarzen." Doch ich meine, Vorsicht im Urteil ist hier 
am Platze. Was unter unseren Augen vorgeht, lässt kaum glauben, dass aus 
Mulatten ein fester, unveränderlicher, alle Stürme der Zeit überlebender 
Typus hervorgehen könne; der Treibsand ist nicht beweglicher und 
unbeständiger als gerade dieser Bastard; hier müssten wir also, der Erfahrung 
zum Trotz, voraussetzen, das Undenkbare, das nie Beobachtete sei bei den 
Beduinen geschehen. (Vergl. auch August Forel's Ausführungen, 1900.) 



42 1 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



im Guten wie auch im Bösen. Von den zwei oder drei Seelen, die 
in der Brust der späteren Israeliten wohnten, war diese die 
aufdringlichste und zäheste. Zu der Blutmischung ist dieser 
Beduinenfamilie aber gewiss nur Glück zu wünschen, denn die 
hohen Eigenschaften des unverfälscht reinsemitischen Nomaden 
sollen einer Änderung der Lebensweise nicht stichhalten. Sayce, 
einer der judenfreundlichsten Gelehrten unserer Zeit, schreibt: 
„Erwählt der Wüstenbeduin das ansässige Leben, so vereint er in 
der Regel alle Laster des Nomaden und des Bauern. Faul, 
verräterisch, grausam, habgierig, feig, wird er mit Recht von allen 
Völkern als ein Auswurf der Menschheit betrachtet." 1 ) Lange ehe 
sie ansässig wurde, war zum Glück diese Beduinenfamilie, die 
Beni Israel, durch reichliche Kreuzung mit Nichtsemiten solch 
grausamem Schicksal entgangen. 

Wir sahen die ursprüngliche Beduinenfamilie sich zunächst 
längere Zeit am südlichen Euphrat aufhalten in der Nähe der 
Stadt Ur: hat dort schon Blutmischung stattgefunden? Man hat es 
behauptet. Und da der Grundstock der Bevölkerung des 
babylonischen Reiches damals vermutlich aus ziemlich echten 
Sumero-Akkadiern bestand — denn die Semiten hatten diesen 
Staat und seine hohe Civilisation bloss annektiert, sie leisteten 
weder die geistige Arbeit noch die manuelle 2 ) — so hat man 
vorausgesetzt, der abrahamidische Stock sei durch sumero- 
akkadisches Blut aufgefrischt worden. Das Vorkommen solcher 
fremder Namen wie Abraham (so hiess der fabelhafte Begründer 
und erste König Ur's bei den Sumeriern) hat in dieser Ansicht 
bestärkt, ebenso wie die Brocken halbverstandener turanischer 3 ) 
Weisheit und Mythologie, aus welcher die ersten Kapitel der 
Genesis zusammengesetzt sind. Doch bleiben solche Annahmen 
hypothetisch 



*) The races ofthe Old Testament, p. 106. 

2 ) Siehe namentlich Sayce: Assyria, S. 24 fg. und Social Life among the 
Assyrians and Babylonians; auch Winckler: Die Völker Vorderasiens (1900), S. 
8. 

3 ) Das Wort „turanisch" ist meiner Feder entfahren, weil manche Autoren 
die Sumero-Akkadier für Turanier halten (siehe namentlich Hommel: 
Geschichte Babyloniens und Assyriens, S. 125, 244 fg.). 



422 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische 
Geschichte. 



und sind darum vorderhand ernster Erwägung kaum wert. In 
diesem Falle spricht nicht einmal die Wahrscheinlichkeit dafür. 
Die armen Hirten hatten kaum den Saum der Civilisation berührt, 
wer wird sich mit ihnen näher eingelassen haben? Und was die 
Aneignung so dürftiger kosmogonischer Vorstellungen, wie wir sie 
in der Bibel vorfinden, anbelangt, so genügte dazu der Verkehr mit 
anderen Hebräern; denn sowohl die Mythologie wie die 
Wissenschaft und die Kultur der Sumerier (an der wir noch heute 
durch den Gedanken der Schöpfung und des Sündenfalles, durch 
die Einteilung der Woche und des Jahres, durch die Grundlegung 
der Geometrie und die Erfindung der Schrift teilhaben) hatte sich 
weithin verbreitet, Ägypten war ihr Schüler 1 ) und der Semit, nicht 
fähig, so tief wie der Ägypter zu schauen, hatte längst, ehe die 
Beni Israel ihre Wanderungen begannen, sich soviel davon 
angeeignet, als ihm förderlich und praktisch erschien, und hatte 
als geschäftiger Zwischenhändler es nach allen 
Himmelsrichtungen hinausgetragen. Die Blutmischung mit 
Sumero-Akkadiern ist also ebenso unwahrscheinlich wie 
unerwiesen. 

Sicheren Boden betreten wir dagegen, sobald die Auswanderer 
nach Norden und nach Westen ziehen. Denn jetzt stehen sie im 
Herzen Syriens, um es (mit Ausnahme des vorübergehenden 
Aufenthalts im ägyptischen Grenzgebiete) nie wieder zu verlassen. 
Hier, in Syrien, hat sich unsere rein semitische Beduinenfamilie 
durch Blutmischung verwandelt, hier sind ihre Mitglieder durch 
Vermengung mit einem durchaus anderen Menschentypus, dem 
syrischen, Hebräer geworden — wie schon so manche 
frühere und manche nachfolgende Beduinenkolonie. Später 
erfolgte die notgedrungene Auswanderung eines Teiles der Sippe 
aus dem in der nordöstlichen Ecke gelegenen Mesopotamien nach 
der äussersten südwestlichen Ecke, nach Kanaan, wo nun 
ähnliche rassenbildende Einflüsse in noch bestimmterer Weise 
und um ganz neue vermehrt sich geltend machten. Hier erst, in 
Kanaan, verwandelten sich die abrahamidischen Hebräer 



*) Siehe Hommel: Der babylonische Ursprung der ägyptischen Kultur (1892). 



423 Die E